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Hazienda der Träume

1. KAPITEL

Gemächlich fuhr der voll besetzte Bus durch die mexikanische Berglandschaft. In jedem noch so kleinen Dorf gab es einen Zwischenstopp.

Julie Fleming genoss die langsame Fahrt. Sie hatte keine Eile und blickte voller Begeisterung aus dem Fenster. Sie konnte sich kaum satt sehen an dem üppigen Farbenspiel der Natur. Nach neun Stunden hatte der Bus sein Ziel erreicht: Patzcuaro. Hier würde Julie in der nächsten Zeit arbeiten. Professor Melendez, der Leiter einer Sprachenschule, an der sie seit zwei Jahren Englisch unterrichtete, hatte ihr diesen Ferienjob vermittelt.

„Sie erhalten ein fantastisches Honorar“, hatte er begeistert erzählt. „Ich habe Sie empfohlen, weil Sie eine meiner besten Englischlehrerinnen sind.“

Julies künftiger Arbeitgeber war Rafael Vega, ein reicher Südamerikaner. Sie sollte seinem sieben Jahre alten Sohn Englischunterricht erteilen, weil er nächstes Jahr in den USA eingeschult wurde. Drei Monate lang würde sie den Jungen unterrichten und in dieser Zeit auf dem Anwesen der Familie in Janitzio wohnen.

„Wo liegt das?“, hatte Julie Professor Melendez gefragt.

„Janitzio ist eine kleine Insel im Patzcuaro-See. Es ist bestimmt interessant, die Ferien einmal so zu verbringen. Sie haben sicher schon von Rafael Vega gehört, oder?“

„Nein, der Name sagt mir nichts.“

„Vega ist ein bekannter Bildhauer, in Lateinamerika ist er sogar berühmt. Vor zwei Jahren hat er in NewYork ausgestellt, davor in Paris und Madrid. Seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr ist es jedoch still um ihn geworden. Angeblich verlässt er die Insel nur selten.“

Der Professor griff nach einer würzigen kubanischen Zigarre und zündete sie an.„Seine Frau, Margarita Villa real, war Schauspielerin, als sie Vega kennenlernte. Sie war eine Schönheit. Man erzählt sich, dass Vega sie angebetet habe. Ihr Tod soll ihn in eine tiefe Krise gestürzt haben. Es geht das Gerücht …“ Er verstummte nachdenklich.

„Was für ein Gerücht?“, fragte Julie neugierig.

„Er soll wie ausgewechselt sein. Kunstkritiker behaupten, er habe seine schöpferische Kraft verloren. Außerdem ist er mehrfach in Schlägereien geraten. Über die Prügelei mit seinem ehemaligen Agenten, Felipe Gonzalez, hat die Presse in Mexiko City ausführlich berichtet.“

„Das verspricht ja lustig zu werden.“

„Bitte?“

„Unter einem netten Mann stelle ich mir etwas anderes vor.“

Melendez lächelte lässig. „Er ist eben Künstler, meine Liebe. Jedenfalls war er es. Künstlern wird zugestanden, etwas unnormal zu sein.“

Hoffentlich ist er nicht zu verrückt, dachte Julie jetzt besorgt, als sie durch ihre blonden Locken strich und sich suchend nach einem Taxi umsah.

Wenig später befand sie sich auf der Fahrt zum Pier. Angesichts des bunten Treibens am Seeufer hob sich ihre Stimmung sofort. Sie stieg aus dem Taxi, ließ sich ihr Gepäck reichen und betrachtete fasziniert die Händler. Lautstark wurden Schmetterlingsnetze, Strohhüte, Postkarten, Aschenbecher und Blumentöpfe aus Ton, Glaslampen, Brieftaschen, Gürtel und Lederjacken angeboten. Aus den kleinen Restaurants am Seeufer wehte ein Duft von Grillfisch und Krabben herüber.

Ein Junge lief auf Julie zu. „Darf ich Ihr Gepäck tragen?“, fragte er eifrig. Als sie nickte, fügte er hinzu: „Brauchen Sie eine Fahrkarte? Ja? Gut, dann kommen Sie mit.“

Erleichtert folgte sie ihm und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge zum Fahrkartenschalter. Schließlich hatte sie ein Ticket erstanden und ließ sich von dem Jungen auf eine Barkasse führen, auf der schon einige Passagiere warteten.

Strahlend nahm er die zehn Pesos in Empfang, die sie ihm zum Dank reichte, und verließ das Schiff.

Die Barkasse mochte etwa zehn Meter lang sein. Entlang der Seiten waren Sitzbänke angebracht. Eine kürzere Bank befand sich in der Mitte. Julie schätzte, dass etwa sechzig bis siebzig Menschen auf dem Schiff Platz fanden. Sie war, stellte sie mit einem Blick fest, die einzige Nordamerikanerin an Bord.

Die Gruppe der Reisenden war bunt gemischt. Mädchen in T-Shirts und hautengen Jeans, Damen mittleren Alters in luftigen bunten Kleidern und mit Strohhüten auf dem Kopf und verliebte Pärchen, die Händchen hielten und nur Augen füreinander hatten. Auch einige Ehepaare mit kleinen Kindern hatten sich auf dem Schiff eingefunden.

Kurz bevor die Barkasse ablegte, kamen vier Musiker an Bord und begannen, auf zwei Gitarren, einer Geige und einem ramponierten Horn zu musizieren, sobald das Schiff unterwegs war. Sie spielten traditionelle Weisen, und ein kleines Mädchen, das auf dem Schoß seiner Mutter saß, begann, im Takt in die Hände zu klatschen.

Julie lehnte sich über die Reling. Der Himmel war tiefblau. Über den Bergen zogen weiße Wolken auf. Seidenreiher schritten auf den Sandbänken umher. Eine leichte Brise kräuselte die Oberfläche des Sees. Sie freute sich immer, wenn sie am oder auf dem Wasser sein konnte. Dieser Ferienjob versprach eine nette Abwechslung zu ihrer täglichen Arbeit zu werden. Außerdem verdiente sie dreimal mehr als an der Sprachenschule in Guadalajara. Das Geld hatte sie schon für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Spanien eingeplant.

Neugierig betrachtete sie die Fahrgäste in ihrer Nähe. Ein kleiner Junge rutschte vom Sitz und taumelte gegen ihre Beine. „Cuidado, niño“, sagte sie und hielt ihn fest, damit er nicht hinfiel.

„Sie sprechen Spanisch?“ Die Mutter des Kindes lächelte erfreut und erzählte, sie lebten in Morelia und seien auf einem Tagesausflug nach Patzcuaro gewesen.

„Ich wohne in Guadalajara“, erzählte Julie. „Ursprünglich komme ich aber aus Florida.“

Der Kleine zog sich wieder auf den Sitz und schob sich zwischen seine Mutter und Julie. Bereitwillig machte Julie ihm Platz und ließ erneut den Blick über den See gleiten, in dem sich noch vor wenigen Minuten die Sonne gespiegelt hatte. Doch inzwischen hatten die eben noch harmlos wirkenden weißen Wolken einen bedrohlichen Grauton angenommen. Schon fielen die ersten Regentropfen. Es donnerte, über den dunklen Himmel zuckten orangefarbene Blitze. Ein plötzlicher Sturzbach ergoss sich über die schutzlosen Passagiere, und ein heftiger Sturm erfasste das Schiff.

Einige Fahrgäste beeilten sich, Segeltücher zum Schutz der Mitreisenden herabzulassen. Das kleine Mädchen, das noch eben zur Musik in die Hände geklatscht hatte, begann zu weinen. Eine dicke Frau rutschte von der Bank, als das Schiff von den Wellen auf die Seite gedrückt wurde. Jemand schrie voller Angst: „Wir müssen umkehren.“

„Dafür ist es zu spät“, hörte Julie einen Mann erwidern. „Wir haben schon die Hälfte der Strecke zurückgelegt.“

Julie hielt sich mit aller Kraft fest. Eine Plane hatte sich aus ihrer Befestigung gelöst. Mit bebenden Händen versuchte Julie, den Schutz wieder festzuzurren. Als es ihr endlich gelang, war sie völlig durchnässt und zitterte vor Kälte.

Die Musiker hatten aufgehört zu spielen. In der plötzlichen Dunkelheit konnten die Passagiere einander kaum erkennen. Die Paare hielten sich schweigend an den Händen, Mütter umarmten schützend ihre Kinder.

Zwanzig Minuten vergingen, dann dreißig. Ein Mann in Julies Nähe schaute durch einen Spalt zwischen den Segeltuchplanen und sagte erleichtert: „Wir haben es fast geschafft. Ich kann die Insel schon sehen.“

Auch Julie riskierte einen Blick auf den von Böen und Regen aufgepeitschten See. In einiger Entfernung erhob sich Janitzio wie ein großer dunkler Fels inmitten des Wassers. Einige Lichter flackerten auf der Insel, verloschen jedoch plötzlich, und das Eiland lag in unheilvoller Dunkelheit.

Julie versuchte, sich selbst aufzumuntern. Diese Barkassen verkehrten seit Jahren auf dem See. Sicher hatten sie schon so manchen Sturm überstanden. Wahrscheinlich waren die Schiffe auch immer so überfüllt wie heute. Wenn etwas passierte … Eine Frau schrie angstvoll auf, als das Schiff erneut schlingerte. Julie rutschte von der Bank und fiel auf die Knie. Ein älterer Mexikaner half ihr mit einem beruhigenden Lächeln wieder auf die Beine.

„Gracias“, sagte sie leise. Der Schreck saß ihr noch in den Gliedern. „Muchas gracias.“

Die nächste Viertelstunde schien endlos. Die Barkasse schlingerte und rollte. Der Regen schlug gegen die schützenden Planen, hohe Wellen brachen sich am Schiffsrumpf. Kinder klammerten sich verängstigt an ihre Eltern. Eine alte Dame neben Julie betete unablässig einen Rosenkranz. Endlich rief jemand die erlösenden Worte: „Wir sind da!“ Mit einem letzten Ruck legte das Schiff an.

Die Passagiere drängten zum Landungssteg. Julie griff nach ihrem Gepäck und ließ sich von der Menge mitreißen.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Ein junger Mann nahm ihr den Koffer ab, ein anderer half ihr vom Schiff.

Es goss in Strömen, der Sturm riss sie beinahe um, als sie den Pier entlang ging. Es war stockdunkel, noch immer waren die Lichter in den Gebäuden erloschen.

Hoffentlich holt Señor Vega mich ab, dachte Julie. Allerdings hatte er sie einige Stunden eher erwartet. Ob er trotz der Verspätung noch am Hafen war?

Suchend sah sie sich um. Doch weit und breit war niemand zu sehen, der auf sie wartete. Bedrückt machte sie sich durch den prasselnden Regen auf den Weg zu einem Lokal direkt am See. Als sie näher kam, ging gerade die Beleuchtung wieder an. Erleichtert betrat Julie das Gasthaus und bat eine Frau hinter dem Tresen: „Könnten Sie mir bitte einTaxi rufen? Ich möchte zu Señor Rafael Vega.“

„Auf Janitzio gibt es keine Taxis“, antwortete sie. „Tut mir leid, Señorita, aber auf unserer kleinen Insel gehen alle zu Fuß.“

Bekümmert blickte Julie in den Regen hinaus und überlegte, was sie nun tun sollte.

„Holt denn niemand Sie ab?“, fragte die Kellnerin weiter.

„Offensichtlich nicht. Wissen Sie, wo Señor Vega wohnt?“

„Das weiß hier jeder, Señorita.“ Die Frau kam hinter dem Tresen hervor, trat an den Rand der Markise und zeigte nach oben. „Er wohnt da oben – fast auf dem Gipfel der Anhöhe.“

Nachdenklich folgte Julie dem Blick, dann betrachtete sie ihre Absätze. Wie, um alles in der Welt, sollte sie in diesen hochhackigen Schuhen und mit schwerem Gepäck dort hinaufgelangen? Doch sie hatte keine Wahl. „Welchen Weg muss ich nehmen?“

„Sie gehen geradeaus weiter, vorbei an den anderen Restaurants, dann biegen Sie rechts ab. Aber mit dem ganzen Gepäck schaffen Sie das nicht allein. Mein Sohn wird Sie begleiten.“ Bevor Julie Einwände erheben konnte, rief die Frau schon: „Ignacio! Komm her. Wir brauchen deine Hilfe.“

Ein magerer Jüngling von vielleicht sechzehn Jahren schlenderte widerstrebend heran – offensichtlich verärgert, dass man ihn gestört hatte.

„Die Dame möchte zu Señor Vega. Du hilfst ihr mit dem Gepäck und führst sie hinauf.“

„Jetzt gleich? Aber es gießt in Strömen.“

„Ich gebe Ihnen auch fünfundzwanzig Pesos dafür.“ Julie rang sich ein Lächeln ab.

„Also gut, kommen Sie.“

Julie bedankte sich bei seiner Mutter und folgte dem jungen Mann durch den Regen. Mit eingezogenem Kopf ging er voran und stapfte durch die Pfützen. Schließlich bog er von der Straße ab und es ging eine steile Treppe hinauf. Julie hatte Mühe, Schritt zu halten. Die Stufen führten zu weiteren kleinen Gasthäusern und verschlossenen Verkaufsständen hinauf. Ignacio erklomm die nächste Treppe, die aus sehr schmalen Stufen bestand.

Der Wind hatte inzwischen etwas nachgelassen, doch es regnete ununterbrochen. Julie war bis auf die Haut nass. Ihre Pumps waren völlig durchweicht. Es war so dunkel, dass Julie kaum den Weg vor sich sehen konnte. Als sie einmal kurz stehen blieb, um Atem zu schöpfen, sah sie in der Ferne ein Licht schimmern.

Der junge Mann wandte sich um. „Kommen Sie!“, rief er ungeduldig und ging weiter, ohne auf sie zu warten. Die schmalen Stufen gingen in einen Pfad über. Doch der Regen hatte ihn in einen morastigen Bach verwandelt. Bei jedem Schritt versanken Julies Schuhe im Schlamm. Leise fluchte sie vor sich hin und versuchte, zu Ignacio aufzuschließen.

„Da sind wir“, sagte er schließlich und blieb stehen.

Im Licht eines zuckenden Blitzes konnte sie eine hohe Mauer ausmachen, deren Abschluss eine Kante aus Glasscherben bildete. Hinter einem schmiedeeisernen Tor erkannte sie ein Haus, das halb von mächtigen Bäumen verborgen war, deren Zweige sich heftig im Wind bewegten.

Der junge Mann öffnete das Tor, stellte das Gepäck ab und hielt die Hand auf.

Julie musterte ihn ungehalten. „Geld gibt es erst, wenn Sie mich zum Haus gebracht haben.“

Er murmelte etwas Unverständliches, doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. „A la casa!“, forderte sie energisch.

Nach einem furchtsamen Blick aufs Haus gab er nach, hob fluchend das Gepäck auf und marschierte auf das Eingangsportal zu.

Vor der Tür ließ er Koffer und Reisetasche in eine Pfütze fallen und hielt erneut die Hand auf. „Geld her!“, forderte er unmissverständlich.

Julie zog die vereinbarte Summe aus ihrer Geldbörse und reichte ihm das Geld. Ohne Dank riss er es ihr aus der Hand und verschwand, so schnell er konnte. Verblüfft sah sie ihm nach. Wieso hatte er solche Angst? Sie griff nach ihrem Gepäck. Als sie sich aufrichtete, entdeckte sie einen kleinen Jungen. Er hatte die Tür einen Spalt weit geöffnet und sah sie mit großen dunklen Augen an. Er war klein und dünn, dunkle Locken fielen ihm in die Stirn. „Was wollen Sie?“, fragte er, bevor Julie Gelegenheit hatte, etwas zu sagen.

„Ich würde gern ins Haus kommen. Wie du siehst, gießt es in Strömen.“

„Wer sind Sie?“

„Ich heiße Julie. Ist dies das Haus von Señor Vega?“

„Vielleicht.“

„Ich habe eine lange Reise hinter mir, bin müde und völlig durchnässt und denkbar schlechter Laune. Entweder lässt du mich jetzt ins Haus, oder du holst jemanden.“

Der Junge wich einen Schritt zurück. „Sie sind wohl die Lehrerin. Warum sind Sie gekommen? Es sind Ferien. Ich brauche Sie nicht.“

„Weg von der Tür, Enrique!“ Eine große, hagere Frau musterte Julie mit scharfem Blick. „Sind Sie die Lehrerin?“

„Ja.“

Die Frau zog die Tür auf. „Dann stehen Sie nicht herum! Kommen Sie lieber herein.“

Sie hatte streng aus dem Gesicht gekämmtes schwarzes Haar. Zu einem wadenlangen schwarzen Kleid trug sie dunkle Strümpfe und bequeme Schuhe. Julie schätzte ihr Alter auf Ende Dreißig. Mit einer Hand hielt sie die Schulter des Jungen umfasst. „Sie ruinieren den Fußboden“, sagte sie streng.

Julie betrachtete die Pfütze zu ihren Füßen, die immer größer wurde. Die einstmals eleganten Pumps waren völlig verschmutzt und wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Was für ein schrecklicher Tag! Neun Stunden in einem überhitzten Bus, eine gefährliche Überfahrt in einem schlingernden Boot und als Krönung der steile, rutschige Anstieg zum Haus. Sie fror, war vollkommen durchnässt und viel zu erschöpft, um sich für die Spuren auf dem Fußboden zu entschuldigen.

„Ich heiße Julie Fleming“, sagte sie. „Und ich komme von der Sprachenschule in Guadalajara. Ist Señor Vega da? Ich würde ihn gern sprechen.“

„Señorita Fleming?“, ertönte eine Männerstimme aus dem Hintergrund. „Wir haben Sie früher erwartet. Ich habe jemanden geschickt, der Sie von der Bushaltestelle abholen sollte, aber Sie saßen nicht im Bus aus Guadalajara. Warum nicht?“

„Ich habe den Schnellbus verpasst und musste den langsameren Bus nehmen.“

Es war ziemlich dunkel im Haus, sodass sie nur die Umrisse eines großen Mannes ausmachen konnte.

Jetzt kam er näher. Er war tatsächlich sehr groß, trug dunkle Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover und hatte kurzes schwarzes Haar. Auch seine Augen waren tief dunkel. Er hatte sich seit mindestens drei Tagen nicht rasiert und lief barfuß.

Er sah sie ohne ein Lächeln an und machte keine Anstalten, ihr zur Begrüßung die Hand zu reichen.

„Ich bin Vega.“ Er zeigte auf den Jungen. „Das ist Enrique. Wir nennen ihn Kico. Und das ist Alicia Fernández, meine Haushälterin.“

Eingehend musterte er Julie. „Wir essen um sieben Uhr zu Abend. Alicia zeigt Ihnen Ihr Zimmer.“

Abrupt wandte er sich um und ließ sie einfach stehen.

„Kommen Sie mit“, sagte Alicia Fernández.

Im Gegensatz zu anderen mexikanischen Häusern, die Julie schon besucht hatte, waren in der Diele dieser Hazienda keine Blumenkübel aufgestellt, die mit ihrer Farbenpracht den großen Raum hätten verschönern können. Je weiter man in das Haus vordrang, desto düsterer erschien es. Julie meinte, sich in einer Gruft zu befinden, und fröstelte unwillkürlich. Flackernde Kerzen, die in den altertümlichen Wandleuchtern steckten, warfen gespenstische Schatten auf die Gemälde hagerer, traurig dreinblickender Heiliger, die in schier unerträglichem Schmerz gefangen zu sein schienen.

Die Haushälterin blieb am Ende des Korridors stehen und stieß eine Tür auf. „Das ist Ihr Zimmer. Der Junge wohnt zwei Türen weiter.“ Missbilligend betrachtete sie Julies durchweichte Schuhe. „Die ziehen Sie jetzt lieber aus.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand sie wieder.

Das Zimmer war so groß wie Julies gesamte Wohnung in Guadalajara, aber düster und abweisend. Die hohen Decken waren getäfelt, der kühle Marmorboden teilweise von einem braun-grau gemusterten Teppich im Stil der mexikanischen Ureinwohner bedeckt. Der Raum war mit dunklen schweren Möbeln eingerichtet. Als sie ihr Gepäck abstellte und sich umsah, lief ihr ein eisiger Schauer über den Rücken.

Ein großes Bett mit einem Nachttisch an beiden Seiten beherrschte den Raum. Links und rechts vom Kamin befand sich jeweils ein großer Sessel. An der gegenüberliegenden Wand stand ein mächtiger Kleiderschrank.

Julie schlüpfte aus den Schuhen und ging zum Kamin, in dem Scheite aufgeschichtet waren. Suchend sah sie sich um und entdeckte auf dem Kaminsims eine Schachtel Streichhölzer. Nach fünf Versuchen gelang es ihr, ein Feuer zu machen, das hoffentlich für ein wenig Wärme sorgen würde.

Nachdem sie den Koffer in den Schrank gestellt hatte, ging sie ins Bad, das ebenfalls riesig war. Sie hatte die Auswahl zwischen einer gemauerten Duschkabine und einer auf Klauenfüßen stehenden Badewanne. Julie sehnte sich nach einem gemütlichen Bad und drehte den Heißwasserhahn auf. Während das Wasser einlief, kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und nahm Shampoo und eine duftende Badeessenz aus ihrer Reisetasche, von der sie einige Tropfen ins Wasser gab. Schließlich zog sie sich aus und ließ sich erschöpft in die Wanne gleiten.

Das tat gut. Sie schloss die Augen und überlegte, wie sie die kommenden drei Monate überstehen sollte. Der kleine Enrique machte keinen sehr freundlichen Eindruck, und die Haushälterin war eine richtige Hexe. Was Señor Vega betraf … Melendez hatte ihn einen Künstler genannt. Einen Bildhauer, der sich zum Einsiedler und Schläger gewandelt hatte. Er hatte sogar unterstellt, dass alle Künstler etwas verrückt seien.

Traf das auch auf Vega zu?

Sie tauchte unter Wasser. Als sie wieder hochkam und nach dem Shampoo greifen wollte, ging das Licht aus.

„Verflixt!“, rief Julie wütend. Was, um alles in der Welt, hatte sie nur dazu bewogen, einen Job in dieser gottverlassenen Gegend anzunehmen?

2. KAPITEL

Er hätte unmissverständlich nach einem Lehrer verlangen sollen. Jetzt hatte man ihm diese junge, tropfnasse Ausländerin geschickt. Wie eine Lehrerin sah sie nicht gerade aus!

Fluchend zog Rafael sich in sein Atelier zurück und schlug die Tür hinter sich zu. Im schummrigen Licht des frühen Abends fiel sein Blick auf die halb fertige Büste des Cervantes. Ihm schien, als mustere die Figur ihren Schöpfer strafend.

Das steigerte Rafaels Wut noch. Wieso hatte er vor einem knappen Jahr überhaupt den Auftrag angenommen, die Büste anzufertigen? Er war denkbar unzufrieden mit dem Werk und hatte auch keine Lust, es fertigzustellen.

Die begonnene Büste des Jungen auf dem Arbeitstisch schien ihn ebenfalls anklagend anzuschauen. Er ging hinüber, musterte die Plastik missmutig und wandte sich wieder ab. Im Hintergrund befand sich ein weiteres – verhülltes – Werk, dem er überhaupt keine Beachtung schenkte.

Stattdessen blickte er aus dem Fenster und dachte über die junge Lehrerin nach. Er wollte sie nicht in seinem Haus haben. Weder sie noch irgendeine andere Frau. Er würde es ihr beim Abendessen mitteilen und ihr erklären, Professor Melendez habe offensichtlich überhört, dass nur ein Lehrer infrage kam. Er beschloss, ihr das Honorar für einen Monat zu zahlen und sie wegzuschicken. Damit wäre die Angelegenheit erledigt.

Der Speisesaal – anders konnte man den riesigen, im mittelalterlichen Stil eingerichteten Raum nicht bezeichnen – machte einen ebenso bedrückenden Eindruck wie der Rest der Hazienda, den Julie bisher gesehen hatte.

Ein gewaltiger Messingkronleuchter hing von der hohen, getäfelten Decke herab und warf ein unangenehm schummriges Licht auf die Tafel, an der wohl dreißig Personen Platz finden könnten. Selbst das prasselnde Kaminfeuer trug wenig zu einer gemütlichen Atmosphäre bei. Die dunklen Vorhänge vor den Fenstern wirkten ebenfalls alles andere als aufmunternd.

Vega war wieder ganz in Schwarz gekleidet, hatte jedoch den Rollkragenpullover gegen Hemd und Krawatte getauscht. Er saß am Kopf der Tafel mit Kico zu seiner Rechten. Auf dem wuchtigen Stuhl wirkte der Junge noch kleiner.

Der Künstler erhob sich, als Julie den Raum betrat und lud sie ein, zu seiner Linken Platz zu nehmen. „Sie haben sich verspätet, Señorita“, sagte er auf Spanisch. „Das Abendessen wird Punkt sieben Uhr serviert, nicht zehn Minuten nach sieben.“

„Entschuldigung.“ Julie setzte sich auf den schweren Stuhl. „Leider habe ich mich verlaufen.“

„Sie haben sich verlaufen?“, fragte Kico erstaunt. „Wie kann man sich denn in einem Haus verlaufen?“

„Keine Ahnung, aber ich habe es geschafft.“ Julie lächelte entschuldigend. „Offenbar habe ich zweimal die falsche Richtung eingeschlagen. Ich war drauf und dran, draußen ein Lagerfeuer zu entzünden und Rauchsignale zu senden.“

„Wirklich? Wie die Indianer damals, bevor sie einen Zug überfallen haben?“ Der Kleine lachte begeistert. „Das habe ich mal im Fernsehen gesehen.“ Er stützte einen Ellbogen auf den Tisch und lehnte sich vor. „Bekomme ich Indianer zu sehen, wenn ich in Texas bin?“

Julie tat so, als müsse sie darüber nachdenken. „Eher nicht. Cowboys und Indianer leben weiter westlich, beispielsweise in Montana, New Mexiko, Idaho und Wyoming. Wenn du möchtest, können wir das morgen nachlesen.“

„Haben Sie schon mal Indianer gesehen?“

„Ellbogen vom Tisch, Kico!“, sagte Rafael, bevor Julie antworten konnte. „Und sitz gefälligst gerade.“ Unwillig musterte er den Jungen und Julie. „Bei uns wird während der Mahlzeiten nicht geredet“, erklärte er.

„Ach?“ Sie zog eine Augenbraue hoch und überging den Tadel geflissentlich, als sie sich wieder Kico zuwandte. „Ich habe drei Brüder und zwei Schwestern. Du kannst dir sicher vorstellen, dass es bei uns während der Mahlzeiten immer hoch herging, weil jeder etwas zu sagen hatte. Wir haben uns über die Schule unterhalten und über Bücher, die wir gerade gelesen hatten und über alles, was wir am Tag so erlebt hatten.“

Sie sah auf, als ein Dienstmädchen mit einer Suppenterrine zumTisch kam, und erzählte dem Jungen dann von ihren Geschwistern und den beiden Hunden, die zur Familie gehörten. „Sie sahen lustig aus mit ihrem dichten, lockigen Fell. Ich habe sie Ike und Mike getauft, weil sie sich so ähnlich sahen.“

Du liebe Zeit! Diese Frau erzählte ja wie ein Wasserfall. Es war ihr völlig gleichgültig, dass hier bei Tisch nicht geredet wurde.

Wenigstens hatte sie sich inzwischen umgezogen und ihr hellblondes Haar getrocknet, auch wenn es sich noch immer ungebändigt um ihr Gesicht lockte. Eigentlich bevorzugte er Frauen mit glattem Haar in einem perfekten klassischen Schnitt, musste jedoch zugeben, dass die Frisur recht attraktiv wirkte. Ihre Wangen schimmerten rosig. Das ist Natur, kein Make-up, stellte er mit Kennerblick fest. Sie hatte grüne Augen, und wenn sie lächelte, blitzten ihre weißen Zähne wie Perlen.

Er schätzte sie auf etwa einen Meter sechzig. Sie hatte ein schön geformtes Gesicht, einen langen, schlanken Hals und eine schmale Taille. Allerdings missfiel ihm, dass sie eine Hose trug. Margarita hatte bei Tisch stets ein Kleid getragen.

„Gibt es in Ihrer Heimat auch Indianer?“, fragte Kico interessiert.

„Ja, die Seminolen.“ Julie nahm sich ein Brötchen und bestrich es mit Butter. „Ich komme aus Florida, und der Stamm der Seminolen lebt überwiegend im Gebiet der Everglades. Meine Eltern und meine jüngste Schwester wohnen in Key Largo. Dort bin ich in einem großen weißen Haus direkt am Wasser aufgewachsen.“

Sie reichte den Brotkorb weiter und fügte freundlich hinzu: „Du bist bestimmt auch gern am Wasser, oder?“

Der Kleine wurde sehr ernst, senkte den Blick und schüttelte verneinend den Kopf.

Die Suppenteller wurden abgeräumt. Ein anderes Dienstmädchen servierte einen Salat aus Artischocken und Palmenherzen zu gegrilltem Fisch und Grillkartoffeln.

Besorgt bemerkte Julie, dass Kico nun traurig auf den Teller starrte und das Essen kaum anrührte. Offensichtlich hatte sie etwas Falsches gesagt. Doch was? Sie sah auf und fing Vegas wütenden Blick auf. Der Mann sah aus, als hätte er ihr am liebsten den Hals umgedreht.

Er hatte ein interessantes Gesicht – ernst mit einem fast grausamen Zug, ähnlich den Märtyrern, deren Porträts im Flur hingen. Die Stirn war breit, die Wangenknochen hoch und ausdrucksstark. Dunkle Augenbrauen betonten die fast schwarzen Augen, in denen Julie Verbitterung, Schmerz und harte Unnachgiebigkeit las.

Seine Hände waren die eines Bildhauers – mit langen, wohlgeformten Fingern, aber rau und rissig von der Arbeit.

„Darf ich abtragen, Señorita?“ Das Dienstmädchen stand neben ihr.

Julie atmete tief durch und löste widerstrebend den Blick von Rafaels Händen. „Ja bitte“, sagte sie nur.

„Darf ich Ihnen Kaffee servieren?“

„Gern.“

„Gibt es Nachtisch?“, fragte Kico.

„Ja, Brotpudding“, antwortete das Mädchen.

„Ich hasse Brotpudding. Warum gibt es nie Kuchen?“

„Señorita Alicia weiß am besten, was gut für dich ist“, erklärte Rafael Vega und wandte sich Julie zu. „Alicia führt Haushalt und Küche und stellt die Mahlzeiten zusammen.

Außerdem kümmert sie sich um Kico.“

„Dafür bin ich ja jetzt da“, gab Julie zu bedenken. „Kico und ich werden von nun an viel Zeit miteinander verbringen. Ich würde ihn gern einige Stunden am Vormittag unterrichten. Dann gibt es Mittagessen und eine Spielstunde. Und am Nachmittag könnte ich ihm auch noch Unterricht geben.“

„Mir wäre es lieber, Sie würden ihn den ganzen Tag lang unterrichten.“ Rafael faltete seine weiße Leinenserviette und legte sie neben seine Kaffeetasse. Er hatte völlig vergessen, dass er diese junge Ausländerin gleich am nächsten Morgen vor die Tür setzen wollte. „Kico soll fließend Englisch sprechen, wenn er in den Vereinigten Staaten zur Schule geht. Er benötigt also Intensivunterricht.“

„Aber der Junge ist erst sieben Jahre alt, Señor Vega. Er macht zwar einen sehr aufgeweckten Eindruck, doch in seinem Alter ist es schwierig, sich lange auf eine Sache zu konzentrieren. Wenn wir den ganzen Tag gemeinsam verbringen und Englisch sprechen, wird er genauso viel lernen wie in festgelegten Unterrichtsstunden.“

Vega verzog das Gesicht, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars und wandte sich dem Jungen zu. „Wenn du keinen Nachtisch möchtest, darfst du dich jetzt zurückziehen.“ Er griff nach einer kleinen Silberglocke neben seinem Teller und läutete. „Sag gute Nacht zu Señorita Fleming, Kico.“

„Buenas noches, Señorita“, flüsterte der Kleine schüchtern und rutschte von seinem Stuhl.

Alicia Fernández eilte aus der Küche. „Sie haben geläutet, Señor?“, fragte sie.

„Ja, Alicia. Kico möchte sich verabschieden. Bitte bringen Sie ihn in sein Zimmer.“

„Sehr wohl.“ Unfreundlich winkte sie den Jungen zu sich. „Komm her, Kico. Etwas Beeilung, wenn ich bitten darf.“

Nach kurzem Zögern gehorchte er. Alicia umfasste eine Schulter und schubste ihn vor sich her.

Julie wunderte sich. Bekam der Kleine denn nicht einmal einen Gutenachtkuss von seinem Vater? Sie stand auf. „Gute Nacht, mein Junge“, sagte sie. „Träum was Schönes. Bis morgen früh. Wenn es aufgehört hat zu regnen, könntest du mich draußen herumführen. Einverstanden?“

Kico rang sich ein Lächeln ab. „Ja, einverstanden.“

„Prima.“ Sie warf ihm eine Kusshand zu. „Hasta mañana.“

„Hasta mañana, Señorita Fleming.“

Sie setzte sich wieder hin. „Ein reizender Junge.“

„Wenigstens ist er gut erzogen.“

Sein harscherTonfall überraschte sie. Bevor sie ihre Verwunderung in Worte fassen konnte, sagte Vega: „Kico ist kein Baby mehr, Miss Fleming. Er ist ein Junge und ist auch so zu behandeln. Er darf nicht verzärtelt und verhätschelt werden wie ein kleines Mädchen.“

„Aber er ist doch erst sieben Jahre alt.“

„Trotzdem. Offensichtlich haben Sie keine Ahnung von Jungen. Das gilt wohl für die meisten Frauen.“ Nachdenklich trommelte er mit den Fingern auf das blütenweiße Tischtuch. Der Zeitpunkt, die junge Amerikanerin wieder an die Luft zu setzen, schien gekommen. „Ich hatte Professor Melendez gebeten, mir einen Lehrer zu schicken. Selbstverständlich zweifele ich keine Sekunde an Ihren pädagogischen Fähigkeiten. Aber Sie verfügen wohl kaum über die nötige Erfahrung, einen Jungen wie Kico zu unterrichten. Seit dem Tod seiner Mutter vor einem Jahr ist er sehr verschlossen. Ich habe aus beruflichen Gründen kaum Zeit für ihn. Meine Haushälterin kümmert sich um ihn.“

„Ja, das habe ich gesehen“, antwortete Julie ironisch.

Rafael bedachte sie mit einem vernichtenden Blick, der offensichtlich ohne Wirkung blieb, denn statt verängstigt zu sein, drückte Julie energisch das Kreuz durch. Fasziniert beobachtete er, wie sich ihre wohlgeformten Brüste unter der Seidenbluse abzeichneten. Ihm wurde heiß.

„Ich unterrichte seit meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr. Vor zwei Jahren bin ich an die Sprachenschule in Guadalajara gewechselt und gebe Schülern aller Altersstufen Englischunterricht. Darüber hinaus unterrichte ich Kinder mit Lernschwierigkeiten. Wenn Sie allerdings lieber einen männlichen Kollegen hier hätten …“ Sie bedachte ihn mit einem angriffslustigen Blick aus ihren grünen Augen, die Funken zu sprühen schienen“… dann werde ich Sie sicher nicht zwingen, sich an den Vertrag zu halten.“

Sie stand auf und musterte ihn wütend.

Auch Rafael erhob sich und blickte von seiner imposanten Höhe auf sie hinab. Diese Frau imponierte ihm. „Setzen Sie sich!“, kommandierte er.

Erstaunt gehorchte sie.

„Sie haben zwei Wochen Probezeit. Wenn Sie die nicht bestehen, wende ich mich an Melendez.“

Er griff nach der Serviette und schlug damit auf den Tisch. „Sie unterrichten von neun bis zwölf Uhr. Nach dem Mittagessen nehmen Sie den Unterricht wieder auf und zwar bis fünfzehn Uhr. Das Klassenzimmer befindet sich im Ostflügel, mein Atelier liegt im Westflügel.

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