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Haut, so weiß wie Schnee

Inhalt

  1. Erster Teil
    1. Der Biss der Fledermaus
    2. Lauschangriff
    3. »Vision Face sucht…«
    4. Die Blüte der Titanenwurz
    5. Nach der Party
    6. Die Blutprobe
    7. Vorsicht, Enten!
    8. Ein Baum, ein Schild und ein Junge
  2. Zweiter Teil
    1. Saalfeld unter Druck
    2. Jette und Jonah
    3. Im Affenhaus
    4. Klara handelt
    5. Kampf im Verlies
    6. Ein dünner Faden im Glas
    7. Durst
  3. Dritter Teil
    1. Wim Tanner feiert Geburtstag
    2. In der Villa gefangen
    3. Eine schlimme Nachricht
    4. Jette im Erdloch
    5. Endlich eine Spur
    6. Eine lange Flucht geht zu Ende
    7. Chance und Risiko
    8. Feuer
    9. Von Sonne und Soufflés

Der Biss der Fledermaus

Wim Tanner wartete. Es waren jetzt nur noch die Geräusche der Nacht zu hören. In der Ferne schlug ein Hund an. Direkt neben ihm raschelte etwas im Gebüsch. Dann war es einen Augenblick still. Er blickte sich um. Selbst hier im Wald konnte man noch einigermaßen gut sehen. Gestern war Vollmond gewesen. Wie günstig. Wim Tanner schaute auf seine Armbanduhr. Die Anzeige sprang auf 23.50 Uhr. Ob es klappen würde?

Er nahm das Nachtsichtgerät zur Hand und bog ein paar Zweige zur Seite. Die Mädchen lagen immer noch vor ihrem Zelt, und ihr Lagerfeuer brannte. Er konnte sie gut erkennen. Sein Versteck war gerade einmal hundert Meter von ihnen entfernt. »Meine Hübsche …«, flüsterte Wim Tanner und sah zu einem Käfig hinüber, den er an einen Ast gehängt hatte. »Ich geh noch mal zu den Mädchen. Vielleicht kriege ich ja raus, ob sie wieder draußen schlafen.« Die Vampirfledermaus, die in dem Käfig kopfüber an einem Stab baumelte, flatterte wie zur Antwort mit den Flügeln.

Wim Tanners Blick fiel auf eine Zecke unter dem Flügelansatz des Tieres. Er grinste. Eine Zecke, die sich von einem Vampir ernährte. Das hatte was. Er öffnete den Käfig, griff sich die Fledermaus, zog ihr die Zecke aus der Haut und setzte das Tier zurück an seinen Platz. Die prall gefüllte Zecke schimmerte rotbraun in seiner Hand. Wim Tanner zerdrückte sie zwischen den Fingern. Jetzt aber los. Er versteckte den Käfig zusammen mit seinem Rucksack unter ein paar Zweigen. »Bin gleich wieder da«, raunte er der Fledermaus zu.

Die Mädchen hatten ihr Lager direkt am Seeufer unter einer großen Trauerweide aufgeschlagen. Wim Tanner schlich bis auf wenige Meter an ihr Zelt heran. Hinter einem dichten Busch kauerte er sich nieder. Er hatte sich den Platz der Mädchen bereits mehrmals angeschaut. Beim letzten Mal waren sie weit draußen im See schwimmen gewesen. Wahrscheinlich hatten sie ihn überhaupt nicht bemerkt. Falls doch, konnten sie nichts weiter als die Silhouette eines großen dunklen Mannes gesehen haben.

Jetzt stand eines der Mädchen auf und kramte in den Vorräten. »Was wollt ihr trinken? Cola, Fanta, O-Saft? Oder Rotwein?«

Es war Jette Lindner. Wegen ihr war er hier. Auftrag von Kai Saalfeld. Er sollte so viel wie möglich über sie herausfinden. Wie ihr Tagesablauf war, welche Freunde sie hatte, Vorlieben und so weiter.

Sie hatten lange gebraucht, um das Mädchen überhaupt ausfindig zu machen. Sie war unter dem Namen Lina Sandwey geboren und später adoptiert worden. Anfangs hatten sie nur ihren Geburtsnamen gekannt, unter dem sie aber gar nicht mehr lebte. Er hatte sie schon einmal gesehen, als Baby. Aber das spielte jetzt keine Rolle.

Jette Lindner hob den Kopf, und Mondlicht fiel auf ihr Gesicht. Sie hatte dunkle gewellte Haare, fast schwarze Augen und volle rote Lippen. Dazu eine sehr helle Haut. Neben ihrem rechten Ohr war auf der Wange deutlich ein Muttermal zu sehen. Ein hübsches Mädchen. Zumindest nach den Maßstäben, die die Leute gemeinhin anlegten.

Was für ein blöder Abend, dachte Jette. Seit Stunden schon war mit ihren Freundinnen nichts anzufangen. Charlie starrte die ganze Zeit schweigend ins Feuer, und Klara las. Jette sah auf die Uhr. Es war Viertel nach zwölf. Viel zu früh, um schlafen zu gehen.

»Was wollt ihr denn jetzt trinken?«, wiederholte sie ihre Frage. Aber Charlie und Klara blickten immer noch nicht auf. Jette seufzte, ging zu Charlie und beugte sich zu ihr hinunter. »Wenn du jetzt nicht sagst, was du trinken willst, renne ich schreiend in den Wald, und dann könnt ihr ja gucken, was aus dem Abend noch wird.«

Jetzt hob Charlie tatsächlich den Kopf. Neugierig blickte sie ihre Freundin an.

»Rotwein, O-Saft, Cola?« Jette streckte ihr die Flaschen entgegen.

»Das würdest du wirklich tun?«, fragte Charlie.

»Was?«

»In den Wald laufen. Schreiend.«

»Immer noch besser, als sich hier zu langweilen.«

Charlie richtete sich auf. »Klara! Es gibt Programm.«

Das durfte ja wohl nicht wahr sein, dachte Jette. Da bot man Charlie freundlich etwas zu trinken an, und sie nutzte die Gelegenheit, um einem eine Mutprobe aufzuzwingen. Was war nur mit ihr los? Das war sonst gar nicht ihre Art.

»Und?« Charlie ließ nicht locker. »Was ist jetzt?«

»In den Wald? Wozu das denn?«, fragte Klara, die ihr Buch zur Seite gelegt hatte.

»Traust du dich?«, fragte Charlie.

Jette lauschte. Es war sehr still. Die Blätter in den Baumkronen rauschten nicht mehr. Der Wind hatte sich gelegt. Nur das Feuer knisterte leise. Kein Vogel schrie. Kein Hund bellte. Kein Ast knackte. Der Wald schien zu warten. Fast schien es, als hätten die Tiere für einen Moment ihre nächtliche Jagd unterbrochen.

»Tja, war wohl nichts«, sagte Charlie und wandte sich wieder ab.

Jette stellte vorsichtig die Flaschen auf den Boden. Dann machte sie einen Schritt in Richtung des Waldes. Und noch einen. Es waren andere Schritte als am Tag. Sie führten ins Unbekannte. Die Mädchen hinter ihr schwiegen. Da vorn begannen die Bäume. Ein kleiner Weg führte in den Wald hinein. Jette trat unter das Blätterdach. Schlagartig wurde es stockdunkel. An Rennen war nicht zu denken. Behutsam setzte sie einen Schritt vor den anderen. Die Dunkelheit umschloss sie. Rings um sie herum hingen Äste, sodass sie schützend die Arme vors Gesicht hielt. Ihr Fuß stieß an eine Wurzel, und sie wäre beinah gestolpert. Wieder schlug ihr ein Zweig ins Gesicht. Neben dem Weg raschelte es. Die Dunkelheit schien zu lauern.

Jette blieb stehen. Die Stille des Waldes war jetzt gewaltig. Wer die nächtliche Ruhe störte, wurde sofort bestraft. So etwas ließ der Wald nicht zu. Kurz zögerte sie, doch dann gab sie sich einen Ruck, öffnete den Mund und schrie. Brüllte. Ihre Stimme explodierte, schien überall zu sein: In der Luft, auf den Blättern, den Stämmen, dem Boden. Mehr, immer mehr. Bloß nicht aufhören. Und irgendwann doch. Und dann natürlich die Stille nach der verbotenen Tat. Jette kauerte sich auf den Boden und legte ihre Arme schützend um ihren Kopf. Ob der Wald zurückschlagen würde?

»Jette!« Das war Charlie. Sie hatte sich neben sie gekniet. »Es tut mir leid«, sagte Charlie.

Jette blickte auf. Durch eine kleine Lücke im Blätterdach fiel Mondlicht auf den Boden. Charlies blonde Haare glänzten in dem schwachen Schein. Ihr Gesicht war bleich, die feinen Züge gut zu erkennen. Klara stand ein Stück hinter Charlie und sah erschrocken aus.

»Es tut mir leid«, wiederholte Charlie.

»Muss es nicht«, sagte Jette leise.

»Du bist ja nicht schuld«, murmelte Charlie.

Im ersten Augenblick wusste Jette nicht, was Charlie meinte. Aber dann wurde es ihr schnell klar: die Zwangsräumung. Charlies Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester wohnte, sollte in ein paar Tagen geräumt werden. Charlies Mutter hatte seit Monaten die Miete nicht bezahlt, und der Vermieter wollte nicht länger warten.

»Du schaffst das schon«, sagte Jette müde.

»Kommt«, sagte Klara, »gehen wir zurück zum Zelt.«

Jette Lindner war direkt an ihm vorbeigelaufen. So nah, dass er sie hätte berühren können. Er hatte sich gerade noch hinter einem Baum verstecken können. Dann hatte sie plötzlich geschrien. Einfach so, ohne Vorankündigung. Was für eine Schnapsidee! Mitten in der Nacht im Wald. Wahrscheinlich war schon irgendein besorgter Camper unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht hatte auch jemand die Polizei benachrichtigt. Besser, er zog sich zurück. Als die beiden anderen Mädchen auch noch in den Wald gekommen waren, hatte er sich zum Zelt geschlichen und einen Schnitt in die Zeltplane gemacht. Ein Eingang für die Fledermaus, falls die Mädchen im Zelt schlafen würden.

Zurück im Lager begrüßte ihn die Fledermaus mit einem Überschlag an ihrem Stab. Wie immer sauste sie dabei auf den Boden. Sie rappelte sich benommen auf. »Lass gut sein«, sagte Wim Tanner. Es war eine Geste der Unterwerfung, die die Fledermaus eines Tages eingeführt hatte. Seit über einem Jahr trainierte Wim Tanner sie. Jeden Tag. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber es lohnte sich. Wim Tanner war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Fledermaus führte anstandslos seine Befehle aus. Sie flog, wohin er wollte, biss die von ihm ausgewählten Opfer und lieferte ihm ihre Blutmahlzeit sogar ab. Sie spie das Blut an der Stelle aus, wo er es haben wollte. Sie war intelligent und fügsam. Kein Vergleich zu den dusseligen Brieftauben, die er früher gezüchtet hatte.

Er hatte die Vampirfledermäuse im Internet gekauft. Es war eine ganze Kolonie gewesen. Sie gehörten zur Gattung Desmodus rotundus. »Sein Mädchen«, wie er die Fledermaus in dem Käfig nannte, war von Anfang an sein Liebling gewesen. Sie konnte pfeilschnell jede Art von Wänden hochkraxeln, auf dem Boden hüpfen und war von stattlicher Figur. Sie hatte einen besonders hellen Bauch, kräftige Füße und war knapp zehn Zentimeter groß. Wenn sie ihre Flügel ausstreckte, kam sie auf eine Spannweite von vierzig Zentimetern. Er fand sie schön. Stundenlang hatte er ihr zugeschaut und ihre Gewohnheiten und ihren Charakter studiert. Heute Nacht würde sich zeigen, ob die Fledermaus ausgelernt hatte. Endlich. Die Nacht war perfekt dafür. Kai Saalfeld hatte er nichts davon gesagt. Das hier war seine Privatsache.

»Ich weiß«, flüsterte Wim Tanner dem Tier zu, »es dauert ewig.« Am besten, er stellte den MP3-Player noch mal an. Er kramte das Gerät aus dem Rucksack und drückte auf Play. Das Band spielte die regelmäßigen Atemzüge der schlafenden Jette Lindner ab. Wim Tanner hatte die Geräusche in der vergangenen Nacht aufgenommen. Er hatte sich lautlos zu den schlafenden Mädchen geschlichen, das Aufnahmegerät neben Jette Lindner gestellt und auf Record gedrückt. Dann hatte er der Fledermaus die Atemzüge den ganzen Tag lang vorgespielt. Wenn alles klappte, würde die Fledermaus ihr Opfer an der Atemfrequenz erkennen. Mit einem Kalb hatte es bereits funktioniert. Die Fledermaus war dafür einen halben Kilometer weit zu einem Bauernhof geflogen und hatte das richtige Kalb ausgewählt. Ob sie heute Abend auch so zuverlässig war? Das hier war ihre Meisterprüfung.

Die Zeit dehnte sich. Endlich, um drei Uhr, war das Feuer im Lager der Mädchen erloschen, und es war nichts mehr zu hören. Mit routiniertem Griff rückte Wim Tanner seine Pistole zurecht, die er an einem Gurt unter dem T-Shirt trug. Dann nahm er sein Nachtsichtgerät und den Käfig mit der Fledermaus. Leise schlich er zum Lager der Mädchen. Sie waren mit ihren Isomatten draußen geblieben und schliefen. Gut so. Wim Tanner öffnete den Käfig. Seine Finger bekamen das kleine Schloss kaum auf. Er zitterte vor Aufregung. Dann war es so weit. Das Tier schlüpfte aus dem Käfig und breitete die Flügel aus.

Die Fledermaus flog direkt zu den Mädchen. Wim Tanner griff nach dem Nachtsichtgerät. Das Tier kreiste zweimal über der Lagerstätte, dann landete es neben Jette Lindner. Es hatte sein Ziel erkannt. Das Mädchen lag auf der Seite. Es hatte den Schlafsack weit hochgezogen, aber ein Arm ragte heraus. Die Fledermaus ließ sich neben dem nackten Arm nieder. Dann begann sie, die Armbeuge abzulecken. In ihrem Speichel war ein natürliches Betäubungsmittel. Das Mädchen würde den Biss nicht spüren.

Wim Tanner zoomte mit seinem Nachtsichtgerät näher heran und sah, wie das Tier eine kleine Falte in der Armbeuge zwischen die Schneidezähne nahm und ein Stück Haut herausbiss. Aus der Wunde floss ein kleines Rinnsal Blut. Die Fledermaus leckte es auf. Sie hatte begonnen zu trinken. Alles lief nach Plan. Wim Tanner atmete tief durch. Seine Geduld, seine Mühe und seine Fähigkeiten wurden belohnt. Wahrscheinlich war er der Einzige auf der Welt, der Fledermäuse besaß, die auf Kommando Blut abzapfen konnten. Das war endlich einmal was. »Mach das, was du am besten kannst«, hieß es ja immer.

Lange hatte er nicht gewusst, was er am besten konnte. Im Gärtnern war er gut. Okay. Aber das war nicht unbedingt was Besonderes. Ansonsten: Er hatte nicht studiert. Kein Abitur. Nicht einmal einen Realschulabschluss. Nur mit Tieren, also gewissen Tieren, konnte er schon immer gut umgehen. Und jetzt, endlich, würde er diese besondere Begabung zu Geld machen. Und zwar zu viel Geld, so viel war sicher. Bisher hatte er allerdings nur Ideen gehabt, die krimineller Art waren. Man konnte zum Beispiel eine Fledermaus mit Tollwut infizieren und so den perfekten Mord begehen. Oder einen ganzen Schwarm Vampirfledermäuse auf einen Schlafenden ansetzen. Mit dem gleichen Ergebnis. Er hatte allerdings noch nie einen Menschen umgebracht, und er war auch nicht scharf darauf. Solche Dinge bargen Risiken. Damit kannte er sich aus. Denn schließlich war er derjenige, der die nicht ganz sauberen Angelegenheiten für Kai Saalfeld erledigte. Vielleicht würden ihm ja noch ein paar legale, ebenfalls lukrative Verwendungen für seine Vampirfledermäuse einfallen. Eines jedoch war klar: Er würde nicht auf Dauer den Lakai für Kai Saalfeld machen.

Wim Tanner schaute auf die Uhr. Die Fledermaus trank bereits seit zwanzig Minuten. Das war normal, sie brauchte so lange. Jette Lindner merkte immer noch nichts. Ein Eichhörnchen näherte sich dem Lager und beobachtete die Fledermaus. Endlich spreizte das Tier seine Flügel und erhob sich in den Nachthimmel. Das Eichhörnchen sprang erschrocken zurück. »Perfekt«, flüsterte Wim Tanner. Die Fledermaus gewann an Höhe und setzte zu einem Gleitflug über den See an. Er ließ sie gewähren. Immer wieder glitt sie über die dunkle Wasserfläche, erhob sich und flatterte weiter. Irgendwann schnalzte er leise mit der Zunge, und das Tier kam zurück.

Die Fledermaus wollte sich gerade an den Finger ihres Herrn hängen, als Wim Tanner von oben einen Luftstoß spürte. Noch während er den Kopf hob, peitschte ein Flügelschlag sein Gesicht, und direkt vor ihm tauchte ein kräftiger Greifvogel auf. Das Tier fuhr seine Krallen aus, ergriff die Fledermaus, biss ihr in den Nacken und erhob sich mit seiner Beute in die Luft. Für den Bruchteil einer Sekunde blickte Wim Tanner in die weit aufgerissenen Augen der Fledermaus.

Sie waren seltsam leer.

Sein Mädchen war tot.

Ein Falke. Das war ein Falke gewesen. Seit wann gab es hier Falken? Im ersten Moment war Wim Tanner wie erstarrt. Er fühlte einen beinahe körperlichen Schmerz. Doch dann griff er nach seiner Pistole, setzte den Schalldämpfer auf, zielte und schoss. Er war ein guter Schütze. Und die Nacht war hell. Er sah kurz zu den Mädchen hinüber. Jette Lindner bewegte sich im Schlaf. Der Falke knickte im Flug leicht ab, torkelte durch die Luft und fiel dann immer schneller in die Tiefe. Mit einem leisen Platsch schlug er auf der Oberfläche des Sees auf und ging sofort unter.

»Charlie, Klara! Seid ihr wach?« Jette richtete sich auf. Irgendetwas hatte sie geweckt. Sie blickte sich um. Das Feuer war aus. In eines der leeren Weingläser war eine Schnecke gekrochen. Der Wald um sie herum war dunkel, aber der See schimmerte hell im Mondlicht. Seine Oberfläche war glatt. Nur von einem Punkt aus setzten sich kleine konzentrische Kreise fort.

»Charlie, Klara!?«

»Was ist denn?« Charlies Stimme war rau vom Schlaf.

»Mir ist so komisch.«

Charlie setzte sich auf und rieb sich die Augen. »Was hast du gesagt?«

»Ich fühl mich irgendwie seltsam.«

»Du blutest ja!« Charlie zeigte erschrocken auf Jettes Arm.

»Woher hast du das denn?« Auch Klara war plötzlich hellwach.

»Weiß nicht.«

»Tut es weh?«, fragte Klara besorgt.

Jette schüttelte den Kopf. Eine kleine Wunde in der Armbeuge, aus der Blut tropfte. Es sah aus wie ein Biss. Jette drückte die Haut an der Stelle zusammen. Dann bemerkte sie Charlies schockiertes Gesicht.

»Hier gibt es doch keine Ratten!?«, presste Charlie hervor.

»Kommt«, sagte Klara, »wir gehen besser ins Zelt.«

Jette legte sich drinnen zwischen ihre Freundinnen. Bald war Klaras gleichmäßiger Atem zu hören, doch Charlie schien noch wach zu sein. Jettes Wunde hörte nicht auf zu bluten. Von Zeit zu Zeit presste sie ihre Lippen auf die Haut und saugte daran. Irgendwann fiel auch sie in einen unruhigen Schlaf. Seltsame Bilder zogen an ihr vorbei. Blut, das aus ihrem Arm tropfte, auf dem Waldboden zu einer Lache wurde, schließlich in den See floss und dort das Wasser rot färbte.

Wim Tanner wartete, bis sich bei den Mädchen nichts mehr rührte und sie die Taschenlampen ausgemacht hatten. Er fühlte sich wie betäubt. Mit schweren Schritten marschierte er zu seinem Lagerplatz zurück, in der Hand den leeren Käfig. Er zögerte einen Moment, dann rief er Kai Saalfeld an.

Lauschangriff

Jonah lag im Dachgeschoss der saalfeldschen Villa auf dem Bett. Sein Kumpel, der Sohn des Hausherrn, hockte neben ihm auf der Bettkante und tippte ungeduldig auf einem kleinen Funkempfänger herum. Dukie, wie alle ihn nannten, war völlig in seine Arbeit vertieft. Hin und wieder hörte Jonah ein »Scheiße« oder ein »Das gibt’s doch nicht«. Er machte sich nicht die Mühe zu antworten. Mit der Technik von Dukie klappte es nie auf Anhieb. Aber wenn er genug geflucht, gedreht und getippt hatte, konnten sie schließlich doch alle Gespräche, die in der Villa geführt wurden, mithören. Und zwar wirklich alle.

»Ich musste heute Morgen alle Wanzen aus dem Speisesaal rausholen«, sagte Dukie nach einer Weile. »War ziemlich knapp. Mein Vater hat das Zimmer persönlich gefilzt. Hatte ich irgendwie im Gefühl, dass er das tun würde. Das macht er manchmal, wenn er mit Wim heikle Sachen besprechen will. Die beiden essen da unten jetzt zu Abend. Als er mit dem Durchsuchen fertig war, bin ich aber rein und hab mein Handy hinter ein paar Bücher gelegt und die Abhörfunktion aktiviert. War absolut simpel. Die hatten den Raum nicht mal abgeschlossen. Jetzt muss ich das nur noch zum Laufen bringen, und zwar schnell.« Dann verfiel er wieder in Schweigen.

Seit einem halben Jahr hörte Dukie die Villa ab. Nach und nach hatte er alle Räume mit Wanzen, Parabolmikrofonen oder ferngesteuerten Handys versehen. Nichts, was die Bewohner und deren Gäste sagten, entging ihm.

Erstens war Dukie ein Technikfreak, und zweitens war das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater Kai Saalfeld, dem Vorstandsvorsitzenden des Pharma- und Kosmetikkonzerns Stayermed, völlig zerrüttet.

Solange Jonah denken konnte, hatten Dukie und sein Vater sich bekämpft. Die beiden Jungen waren praktisch zusammen aufgewachsen, denn Jonahs Eltern gehörten zum Personal: Sein Vater kochte für die Saalfelds, und seine Mutter organisierte den Haushalt. Je älter Dukie wurde, desto schärfer wurden die Auseinandersetzungen mit seinem Vater. Als Kindergartenkind hatte er über Monate hinweg immer wieder Klebstoff auf dem Parkett der Villa verteilt. Am Tag seiner Einschulung hatte er die teuren Koi-Karpfen aus dem Gartenteich geangelt. Später hatte er bei Geschäftsessen in der Villa den Strom abgestellt. Jetzt waren sie beide sechzehn Jahre alt und beim Abhören angelangt. Was wohl danach kommen würde? Jonah hatte Dukies Aktionen manchmal etwas übertrieben gefunden. Aber Dr. Saalfeld war ja auch nicht sein Vater. Vielleicht musste man so reagieren, wenn einen der eigene Vater konsequent mit Nichtbeachtung strafte. Jonah konnte sich nicht daran erinnern, dass Dr. Saalfeld sich je mit ihnen beschäftigt hätte, als sie klein gewesen waren. Sein eigener Vater hingegen hatte mit ihnen Fußball gespielt, Baumhäuser gebaut und natürlich gekocht.

»Es klappt!« Dukie klopfte triumphierend auf die Anlage.

»Du hattest einen klaren Auftrag«, war die wütende Stimme Dr. Saalfelds zu hören.

»Ja, stimmt.« Ein kleinlauter, missmutiger Wim Tanner.

»Du solltest nur herausfinden, was das Mädchen macht, wie sein normaler Tagesablauf ist. Es gab keinen Grund, dass du deine Fledermaus auf sie loslässt.«

»Ja.«

»Und wenn das Mädchen dich gesehen hat?«

»Hat sie nicht.«

»Ich will keine Alleingänge mehr! Hast du mich verstanden?!«

»Ja.«

»Warte mal, ich krieg den Empfang bestimmt noch besser hin«, sagte Dukie.

»Ist doch völlig in Ordnung …«

»Das ist ja eine ganz schöne Abreibung.« Dukie lachte zufrieden, während er auf seinen Armaturen herumtippte. Weder Jonah noch Dukie mochten Wim Tanner besonders. Der Mann war Chefgärtner bei der Familie Saalfeld wie auch beim Konzern. Außerdem war er der persönliche Assistent von Dr. Saalfeld. Seit Jonah denken konnte, ging Wim Tanner im Haus ein und aus. Dabei benahm er sich, als gehörte die Villa ihm. Und wenn man ihm über den Weg lief, konnte man froh sein, wenn er einen nicht mit einem fiesen Tier ärgerte. Irgendeins trug er immer mit sich herum: Schlangen, Echsen, Insekten, Würmer und was man sich sonst noch alles nicht wünschte.

»… und dann dieser Falke!«, blaffte Dr. Saalfeld. Er hatte sich in Rage geredet. »Was sollte diese Nummer mit dem Falken?«

»Ich verstehe das auch nicht.«

»Falken jagen nachts nicht!«

»Dieser schon.«

»Eben.«

»Wie ›eben‹?«

»Vielleicht hat er jemandem gehört. Vielleicht ist er für so etwas trainiert worden«, überlegte Dr. Saalfeld gereizt.

»Kann sein.«

»Vielleicht hat jemand den Falken extra auf die Fledermaus angesetzt.«

»Kann sein.«

»›Kann sein, kann sein‹«, äffte Dr. Saalfeld ihn nach. »Ich hoffe nur …« Er verstummte abrupt.

Das Scheppern von Geschirr war zu hören. »Carmen ist mit dem Essen reingekommen«, flüsterte Dukie. Dann erklang die Stimme der Hausangestellten: »Als Vorspeise serviere ich Wolfsbarsch mit Garnele in Vanilleduft. Ich wünsche guten Appetit!« Eine Tür klappte. Carmen war wieder draußen.

»Worum geht’s denn da?«, fragte Jonah.

»Keine Ahnung. Wäre besser gewesen, mein Vater hätte Wim Tanner als Zoodirektor eingestellt«, lästerte Dukie. »Jetzt macht er also auch noch in Falken. Seine Fledermäuse vermehren sich wie die Karnickel, dann die Babypuffotter für meinen Vater, und gestern kam eine Lieferung tropischer Ameisen an. Na super. Aber wenigstens funktioniert das hier.« Dukie klopfte auf einen seiner Apparate. »Nicht schlecht, was?«

»Was?«

»Wie ich das verwanzt habe!«

»Wir haben nicht mal gehört, wie Carmen reingekommen ist.« Jonah wusste, wie er Dukie ärgern konnte.

»Sehr witzig.« Eine Weile sagte Dukie nichts. Aber dann fragte er versöhnlich: »Hast du Hunger?«

Jonah nickte.

Dukie stand auf, drückte am Telefon eine Taste und bat Carmen, ihnen das Abendessen hochzubringen. Jonah setzte sich langsam in Bewegung. Er rutschte zur Bettkante, erhob sich und ging vorsichtig zu dem kleinen Esstisch am Fenster. Dort setzte er sich hin und wartete.

Jonah war blind. Seit etwas über einem Jahr. Es war ein Unfall gewesen. Ein vorbeifahrender Laster hatte Jonah auf seinem Fahrrad gestreift. Er war mit voller Wucht durch die Luft geflogen und hatte sich schwer verletzt. Die Ärzte hatten ihn nach allen Regeln der Kunst wieder zusammengeflickt, nur die Augen hatten sie nicht mehr hinbekommen. Jetzt trug er eine Sonnenbrille. Er hatte auch Narben im Gesicht. Auf jeder Seite eine. Sie waren lang und schmal und führten von den Schläfen gerade nach unten. Dukie hatte ihm gesagt, sie sähen aus, als rahmten sie sein Gesicht mit den blonden Haaren ein. Sie seien okay, er sei nicht entstellt. Auf Dukie war in dieser Hinsicht Verlass. Seine Eltern hatte er lieber nicht gefragt. Seit dem Unfall verbrachte er so viel Zeit wie möglich bei Dukie im Dachgeschoss. Mit seinem alten Kumpel war es einigermaßen entspannt. Er nervte ihn nicht damit, dass er die Brailleschrift oder andere Sachen dieser Art lernen sollte. Wie seine Eltern es taten oder, genauer gesagt, seine Mutter.

Es klopfte. Dukie schaltete den Empfänger aus und rief: »Herein!« Es war Carmen mit dem Essen. »Dein Vater hat klasse Garnelen bekommen«, sagte sie zu Jonah. Sie trug ihm auf und erklärte, wie sie es für ihn als Blinden gelernt hatte, wo was lag: »Die Garnele ist gepult und liegt auf zwölf Uhr. Der Barsch ist auf drei, die Soße auf sechs und der Vanilleduft …« – Jonah hörte, wie sie schnupperte – »… liegt in der Luft.« Sie lachte. »Guten Appetit!« Und weg war sie.

Jonah tastete mit der Gabel nach der Garnele. Als er sie gefunden hatte, spießte er sie auf und schob sie in den Mund. Sie war fest und saftig und schmeckte nach Meer. Jonah ließ seine Gabel über den Teller gleiten und hoffte, etwas Vanillesoße zu ergattern. Keine Frage, sein Vater konnte kochen. Er nahm noch einen Bissen und schloss die Augen, um sich ganz auf den Geschmack zu konzentrieren. Komische Angewohnheit, die Augen zu schließen, dachte er; wo er doch schon blind war.

»Es geht weiter«, sagte Dukie mit vollem Mund. »Ich stell laut.«

»Was soll ich als Nächstes machen?« Die niedergeschlagene Stimme Wim Tanners war wieder zu hören.

»Was du schon die ganze Zeit machen solltest«, herrschte Dr. Saalfeld ihn an. »Herausfinden, wie wir am besten an eine saubere Genprobe von ihr kommen. Haare, Haut, was auch immer. Aber bitte ihre Haare, ihre Haut. Also hundertprozentige Sicherheit. Keine Haare von irgendeiner Bürste, sondern direkt von ihr. Such nach einer günstigen Gelegenheit. Möchte mal wissen, warum du nicht gleich am See ein paar Haare von ihr mitgebracht hast.«

»Ging nicht.«

»Du warst doch ganz nah an ihr dran, als sie schlief. Du hast ja sogar das Aufnahmegerät vor sie gestellt, hast du gesagt.«

»Ich hatte Angst, dass sie wach wird, wenn ich an ihren Haaren rummache.«

»Wahrscheinlich waren dir die Fledermäuse wichtiger«, sagte Dr. Saalfeld. »Außerdem brauche ich eine Blutprobe von ihr. Für einige Untersuchungen ist Blut besser. Mach mir einen Vorschlag, wie wir das hinkriegen. Aber eine saubere Probe. Nichts mit bluttrinkenden Fledermäusen und so. Ist das klar? Das ist kein sauberes Material. Keine Pannen mehr mit Schneewittchen.«

»Ich unterbreche nur ungern Ihre Märchenstunde …« Carmens amüsierte Stimme.

»Die hat den letzten Satz mitgekriegt«, raunte Dukie.

»Freuen Sie sich jetzt auf Entenbrust mit Apfel-Trauben-Kraut und Röstkartoffeln.«

Eine Weile war aus dem Speisesaal nur noch das leise Geklapper von Besteck zu hören.

»Weißt du, warum dein Vater eine Genprobe von dem Mädchen will?«, fragte Jonah.

»Nein«, antwortete Dukie knapp.

An der Tür klopfte es. Carmen kam herein, und Jonah hörte es kurz darauf knirschen. Er musste grinsen. Carmen war wieder einmal auf eines der Muschelfelder getreten, die Dukie in seinem Zimmer ausgelegt hatte.

»’tschuldigung«, murmelte Carmen. Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass der Boden nicht nur zum Laufen da war.

Seitdem Dukie vor drei Jahren ins Dachgeschoss gezogen war, hatte er es nach und nach in eine »Seen- und Ozeanlandschaft« verwandelt, wie er es nannte. An der Decke hingen Fischernetze, von denen unförmig ausgestopfte Tintenfische herunterbaumelten. Harpunen und Fischmesser schmückten die Wände. In einer Ecke stand eine Babybadewanne, in der sich lebende Krebse im Schlick suhlten. Dukie hatte den Schlamm eigenhändig aus einem Urlaub mitgebracht, was insofern beachtlich war, als er es hasste, sich die Hände schmutzig zu machen. Nicht einmal als Kind hatte er im Sand gespielt. Dies brachte ihm auch den Spitznamen Duke ein, zu Deutsch Herzog, den ein englischsprachiges Kind eines Tages auf dem Spielplatz eingeführt hatte. Nach kurzer Zeit war daraus Dukie geworden, und sein richtiger Name, Alexander, fiel seither kaum noch.

Dukies Vater haderte mit der Einrichtung des Dachgeschosses dermaßen, dass er es seit mindestens einem Jahr nicht mehr betreten hatte. Die übrigen Etagen der Villa waren vollkommen anders eingerichtet. Hier erinnerte alles eher an ein französisches Schlösschen als an Seen und Ozeane, denn Frau Dr. Saalfeld liebte echte und unechte Louis-quinze-Möbel.

Auch von außen war die Villa ein Prachtbau. Sie hatte einen weißen Anstrich, hohe Fenster und viel buntes Mosaik an der Fassade. Es gab Balkone und Erker, von denen die meisten mit schmiedeeisernen Gittern in Form von Schmetterlingsflügeln geschmückt waren. Die Attraktion im Innern war eine sechseckige, holzvertäfelte Eingangshalle, die sich über alle Etagen in die Höhe zog und oben von einem großen, bunt verglasten Dachfenster begrenzt wurde. Das Fenster zeigte eine prachtvolle Blumenlandschaft mit ineinander verschlungenen Pflanzen. Eine breite Wendeltreppe verband die Etagen des Hauses miteinander. Das Pflanzenmotiv tauchte auch an anderen Stellen im Haus auf: auf dem Bodenmosaik in der Eingangshalle, am Treppengeländer und an den Wänden.

An der Westseite der Villa schloss sich über einen kleinen Flur ein separater Trakt an, der das persönliche Refugium des Hausherrn war. Er bestand aus einem Arbeitszimmer mit Zugang zu einer Veranda, einem Bad und einem Schlafzimmer. Direkt an das Haus angrenzend hatte Dr. Saalfeld eine kleine Tiefgarage bauen lassen, sodass keine parkenden Autos den Blick auf den Garten störten.

Es klopfte, und im selben Moment ging die Tür auf.

»Jonah, ich geh in die Stadtbibliothek. Möchtest du mit?« Es war seine Mutter. Mindestens einmal am Tag kam sie ins Dachgeschoss, um ihn zu irgendeiner Aktivität zu überreden. Meistens zog sie unverrichteter Dinge wieder ab.

»Nein, danke«, sagte Jonah auch jetzt.

»Aber du kannst doch nicht den ganzen Tag hier herumsitzen!«

Doch, das kann ich sehr gut, dachte Jonah, aber er sprach es nicht laut aus.

»Du leihst dir ein paar Hörbücher aus, und danach gehen wir Eis essen!« Ihre Stimme hatte jetzt einen drängenden Ton angenommen. Jonah hörte die bekannten Nuancen heraus: Unsicherheit, Verzweiflung, ihren Wunsch, alles richtig zu machen.

»Lass mich in Ruhe«, knurrte er.

Sie blieb noch eine Weile im Zimmer stehen; dann ging sie. Dukie, wie immer bei solchen Szenen, sagte nichts.

Die Entenbrust war inzwischen kalt geworden. Jonah probierte trotzdem ein Stück. Die Haut war knusprig und mit Honig bestrichen. »Da sind sie!«, rief Dukie auf einmal aufgeregt. »Mitten im Gespräch.«

»Ich habe noch eine Idee.« Dr. Saalfelds Stimme. »Aber das braucht ein bisschen Vorlauf. Und vielleicht klappt es auch nicht. Aber wir werden es als Plan B in petto haben. Ich lasse einen Schönheitswettbewerb ausschreiben. Direkt auf sie zugeschnitten: ›Großer Kosmetikkonzern sucht neues Gesicht: dunkle Haare, helle Haut, gerne mit charakteristischem Muttermal …‹ Vielleicht springt sie drauf an. Wir lassen sie dann gewinnen. Wenn wir bis dahin noch keine zuverlässige Genprobe haben, kriegen wir sie bei der Preisverleihung. Du kannst ihr dann ja die Haare frisieren.« Kai Saalfeld lachte über seinen eigenen Witz. »Und Blut abnehmen können wir ihr dann auch. Wir machen einfach einen Allergietest, ob sie die Kosmetika verträgt … Und eins noch: Ich will, dass du das Mädchen ab sofort rund um die Uhr überwachen lässt.«

»Warum?«

»Diese Geschichte mit dem Falken stört mich. Kann sein, dass noch jemand Drittes die Finger im Spiel hat. Ich will genau wissen, mit wem das Mädchen Kontakt hat. Wir legen jetzt mal einen Gang zu.«

»Sie gehen raus!« Dukie war entsetzt. »Verdammt! … Jetzt sind sie an der Garderobe … Die gehen in den Garten. Ich komme einfach nicht dazu, den Garten zu verwanzen.«

»Reg dich nicht auf«, sagte Jonah. »Die sind gleich wieder da.«

»… und haben dann alles Wichtige draußen besprochen. Morgen kümmere ich mich direkt um den Garten.« Dukie tippte verzweifelt auf seinen Armaturen herum.

Es klopfte schon wieder. Carmen brachte den Nachtisch. Orangenblütensorbet. Jonah ließ seine Hände über das kalte Glas gleiten, griff nach dem Löffel und kostete. Das Eis schmeckte nach Strand, Licht und Farben. Er musste an seine Mobilitätstrainerin denken, die ihm in der Zeit nach dem Unfall beibringen sollte, wie er als Blinder allein zurechtkam. Er hatte sich nicht sehr für ihre Tipps interessiert und war immer froh gewesen, wenn sie wieder ging. Eines Tages hatte sie ihn gefragt, was er denn am liebsten mache. Und er hatte »Nachtisch essen« gesagt und es auch so gemeint. Den Desserts seines Vaters gelang es immer irgendwie, ihn etwas mit der Welt auszusöhnen. Auch jetzt wich seine Anspannung. Er verputzte alles bis auf die Orangenschale und lehnte sich zufrieden zurück. »Was machst du jetzt?«, fragte er seinen Freund.

»Wie meinst du das?« Dukie klang gelangweilt.

»Vielleicht solltest du das Mädchen warnen«, sagte Jonah.

»Wieso?«

»Würdest du wollen, dass jemand heimlich eine Genprobe von dir nimmt?«

»Was soll’s? Außerdem wissen wir ja nicht einmal, wer sie ist. Wie willst du sie da also warnen?«

»Vielleicht kann man ja ihren Namen herausfinden«, überlegte Jonah.

»Kann man. Muss man aber nicht.« Dukie klang genervt. »Wenn ich mich um alles kümmern würde, was mein Alter so anrichtet, käme ich zu nichts mehr. Er macht sein Ding und ich meins. So ist das.«

»Dukie …«

»Ich hab wirklich keine Zeit. Nächste Woche soll die Titanenwurz blühen, und dann gibt mein Vater wieder ein Fest. Wäre toll, wenn der Garten dann fertig ist.«

»Vielleicht ist sie in Gefahr.«

»Rette du sie doch.«

»Ich bin blind.«

»Auch ein blindes Huhn …«

Jonah lehnte sich etwas nach rechts, spürte Dukie neben sich und rammte ihm den Ellbogen in die Seite. Dukie schnappte nach Luft.

»Idiot!«, keuchte er.

»War nicht persönlich gemeint.«

»Jonah, komm, entspann dich. Setz dich aufs Bett und sperr einfach die Ohren auf. Das Leben ist hier!« Dukie tippte auf seine Apparate. »Ich bring es zu dir. Du brauchst nicht einmal vor die Tür zu gehen. Und alles in erstklassiger Qualität!« Dukies Stimme klang fast zärtlich, als er über seine technische Ausstattung sprach. »Sag mir, gibt es einen Satz, den du nicht verstanden hast? Hat das Mikrofon auch nur einmal geknistert?«

»Nun ja. Der Garten ist natürlich ein Totalausfall.« Jonah grinste.

»Jetzt mal im Ernst«, sagte Dukie. »Bei mir sitzt du in der ersten Reihe. Ich zähl auf dich.«

Jonah machte es sich wieder auf dem Bett bequem. Er spürte dem Orangengeschmack im Mund nach und merkte, dass die Sache ihm letztlich egal war. Dukie hatte eben nichts als seine Technik und die Fehde mit seinem Alten im Kopf. Sollte er tun, was er nicht lassen konnte. Und mit ihm selbst hatte es das Schicksal ja schließlich auch nicht gerade gut gemeint.

»Vision Face sucht …«

Jette biss in ihren Apfel und kaute bedächtig. Bloß keine übertriebenen Aktivitäten, dachte sie. Der Apfel schmeckte süß. Sie leckte sich die Lippen ab und biss gleich noch einmal hinein. Neben sich hörte sie Klara und Charlie in ihren Zeitschriften blättern. Die drei Freundinnen hatten sich direkt nach der Schule bei Charlie auf den Balkon gelegt, sonnten sich dort in den Liegestühlen – und warteten.

Heute sollte die Wohnung geräumt werden. Charlie war wild entschlossen, ihre eigenen vier Wände keinen Moment zu früh zu verlassen, und Jette und Klara hatten es ihr nicht ausreden können. Charlies Mutter und ihre kleine Schwester waren bereits ausgezogen. Sie lebten jetzt bei der Großmutter. Ab heute Abend war das auch Charlies neues Heim.

»Um den Balkon ist es wirklich schade«, sagte Jette in die Stille hinein.

»Um das Blümchenklo auch«, bemerkte Klara. »Blümchen in der Kloschüssel! Das gibt’s sonst nirgends. Können die das Klo nicht ausbauen und mitnehmen, und ihr kauft es später zurück?«

»Du redest ja wie meine Mutter«, sagte Charlie genervt. »Hat sie auch schon gesagt. Aber wie soll das gehen? Eine Kloschüssel ausbauen! Außerdem müssen wir die Räumung selbst bezahlen. Jedes Stück, das die aus der Wohnung tragen, erhöht die Rechnung. Würde mich nicht wundern, wenn auch die Lagerung kostet.«

»Wieso hat deine Mutter den Auszug denn nicht selbst organisiert?«, fragte Jette.

»Was weiß ich. Meine Schwester war krank. Und dann war der Räumungstermin auf einmal da. Sobald meine Mutter wieder Geld hat, will sie die Möbel zurückkaufen.«

»Hört ihr das auch?«, fragte Klara plötzlich unsicher. Jette und Charlie lauschten. Ein schweres Auto näherte sich dem Haus. Jette sprang auf und schaute zur Straße hinunter. »Nur ein Laster«, sagte sie. Charlie lächelte schwach.

»Noch jemand einen Apfel?«, fragte Jette. »Meine Mutter hat mir eine ganze Tüte eingepackt.«

Charlie und Klara nickten. Jette kramte die Äpfel hervor, dann schloss sie die Augen und drehte sich zur Sonne. Sie sah den hellen Gasball vor ihren geschlossenen Lidern tanzen, kniff die Augen noch stärker zu und ließ ihre Gedanken schweifen.

»Jette!!! Jetzt hör doch mal!«, rief Klara. Ihre Stimme schien von weit her zu kommen.

»Was denn?«, murmelte Jette schläfrig.

»Die Anzeige hier steht überall!«, sagte Klara. »Hör zu: ›Nutze die Chance deines Lebens! Vision Face sucht für einen großen Kunden aus der Kosmetikbranche das neue Gesicht. Du kannst es sein! Die weltbesten Fotografen und Stylisten warten auf die Gewinnerin des großen Vision Face-Wettbewerbs. Unser neues Gesicht hat eine perfekte, helle Haut, gerne mit charakteristischem Muttermal, und dunkle Haare. Bewirb dich jetzt!‹ Jette, mach das!«

Charlie hatte sich aufgesetzt. »Jette, schick ein Foto hin!«

»Was seid ihr denn für Freundinnen?«, sagte Jette und schnitt eine Grimasse. »Immer wieder kommt ihr mit so Zeugs. Ich hab darauf keinen Bock. Wahrscheinlich muss man dann zu Heidi Klum zum Adventssingen und für Paris Hilton den Chihuahua ausführen. Lasst mich mit so was in Ruhe!« Jette drehte ihren Freundinnen den Rücken zu.

»Aber Jette, Heidi wird dich nur einmal zum Singen einladen …«, zog Klara sie auf und spielte damit darauf an, dass Jette zwar Klavier spielen konnte, aber noch nie im Leben eine Melodie gehalten hatte.

»Das ist wie für dich ausgeschrieben!«, versuchte Charlie es noch einmal.

»Mir egal«, raunzte Jette.

Charlie drehte sich zu Klara und zuckte mit den Schultern. War eigentlich klar gewesen. Charlie kannte ihre Freundin. Jette hatte noch nie bei einem dieser Castings mitgemacht. Und dabei war sie verdammt hübsch. Aber sie schien sich nichts daraus zu machen. Liebesbriefe, die sie erhielt und bei denen ihr Name nicht ausdrücklich draufstand, steckte sie anderen Mädchen in die Tasche und hatte so schon mehrmals Leute miteinander verkuppelt. Sie trug einfach irgendwelche Klamotten, oft sogar Sachen, die Charlie nicht mehr haben wollte. Sie würde eh nicht gern einkaufen gehen, sagte Jette immer. Und Charlie war bereit zu schwören, dass sie Jette noch nie länger als eine halbe Minute vor dem Spiegel gesehen hatte. Jette schien sich für ihr Aussehen überhaupt nicht zu interessieren.

Es klingelte. Die Freundinnen fuhren senkrecht in die Höhe und schauten sich an. Charlie räusperte sich und sagte betont gelassen: »Ich gehe dann mal.«

Jette sprang auf. »Nein, ich mach das schon.« Sie zog sich schnell ihre Jeans und ein Sweatshirt über den Bikini und lief zur Tür. Durch den Spion war niemand zu sehen. Sie drückte auf den Türöffner und hörte, wie unten im Hausflur die Tür ging. »Post!«, rief jemand. »Puuh!«, machte Jette erleichtert und merkte, dass sie vor Aufregung die Luft angehalten hatte. Sie ging langsam zurück auf den Balkon. »Nur die Post«, sagte sie und stellte sich ans Geländer. Sie ließ ihren Blick über die Straße schweifen. Von einem Umzugswagen war nichts zu sehen. Vielleicht kommen sie ja gar nicht, dachte sie. Gegenüber auf der Straßenseite wusch ein blonder Mann sein Auto. Jette schaute genauer hin. Den Mann hatte sie doch schon einmal gesehen. Gestern Nachmittag im Schwimmbad. Er hatte sich die ganze Zeit in ihrer Nähe aufgehalten. In der Straßenkleidung sah er etwas anders aus, aber sie erkannte ihn trotzdem wieder. Der Mann guckte kurz zu ihr hoch, widmete sich aber dann wieder seinem Auto. Jette wunderte sich. Normalerweise versuchten die Leute, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Manche wurden auch rot und wandten sich tonlos ab. Dieser aber wirkte völlig desinteressiert.

Jette drehte sich wieder zu ihren Freundinnen um. »Charlie, sollen wir das nicht endlich sein lassen? Wir könnten in die Stadt gehen, ein Eis essen, und heute Abend sehen wir dann nach, ob sie da waren.«

»Ihr könnt ja gehen, wenn ihr wollt«, sagte Charlie kurz angebunden.

»Aber findest du es nicht komisch, hier so zu warten?«, wandte Jette ein. »Erinnert mich irgendwie an das Orchester auf der Titanic. Die haben auch bis zum bitteren Ende gespielt.«

»Aber auf der Titanic sah es etwas anders aus als hier«, sagte Charlie bitter und machte eine Handbewegung in Richtung der Zimmer. Alles, was irgendwie wertvoll war, hatte der Gerichtsvollzieher bereits vor Wochen mitgenommen. Auch Sachen von Charlie. »Wir bleiben. Bis die Titanic untergeht, okay?«, sagte Charlie.

Jette nickte und ließ sich wieder in ihren Liegestuhl fallen. Wenn Charlie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nur schwer davon abzubringen.

Sie erinnerte sich noch gut daran, wie Charlie ihr das erste Mal aufgefallen war. Sie waren damals in der fünften Klasse gewesen und hatten in der ersten Stunde eine Biologiearbeit geschrieben. Jette gab als Erste ab und ging aus dem Klassenzimmer. Draußen vor der Tür stand ein schmales Mädchen mit glatten blonden Haaren und einem fein geschnittenen Gesicht. Charlie, ihre Klassenkameradin. Sie hatte verschlafen und war gerade erst gekommen. Für die Klassenarbeit war es natürlich viel zu spät, und Charlie weinte. Jette hatte sie gefragt, ob ihre Mutter sie denn nicht geweckt habe. Charlie hatte den Kopf geschüttelt und fand die Frage offensichtlich ziemlich blöd. Aber dann hatte Jette ihr breit und ausführlich erzählt, wie unglaublich missraten der Regenwurm aussah, dessen Körperteile sie in der Arbeit beschriften sollten und den der Lehrer eigenhändig gemalt hatte. Sie hatte immer noch einen draufgesetzt, bis Charlie schließlich lachen musste. Und seit diesem Tag waren sie Freundinnen.

»Hört ihr das?«, fragte Klara auf einmal.

Jette fuhr erschrocken hoch. Der Lärm kam von der Straße. Sie sprang auf und blickte über das Geländer. Unten vor der Wohnung parkte ein Umzugswagen. Charlie saß wie versteinert in ihrem Liegestuhl.

»Sie kommen«, sagte Jette. Aus dem Wagen stiegen drei Männer. »Da sind noch mehr Leute in einem anderen Auto.«

»Vielleicht der Gerichtsvollzieher?«, sagte Klara.

Jette zuckte mit den Schultern. Charlie sagte immer noch nichts.

»Charlie, zieh dir was an. Die klingeln gleich«, sagte Jette. Charlie streifte sich mechanisch T-Shirt und Rock über.

»Wie auf der Titanic!«, sagte Jette und hakte sich bei ihr ein.

»Okay.« Charlie lächelte schwach.

Die drei Mädchen gingen in den Flur und lauschten. Nichts. Dann klingelte es. Das schrille Geräusch kam den Mädchen lauter vor als sonst. »Ich mach schon«, sagte Jette.

Charlie sah ihre Freundin dankbar an. Jette nahm die Dinge in die Hand. Sie hatte etwas Furchtloses an sich. Wie in der Nacht am See, als sie allein in den dunklen Wald gegangen war. Sie stand an der Tür, sehr aufrecht, eine Augenbraue spöttisch in die Höhe gezogen. Sie würde die Tür öffnen und stolz und schön im Eingang stehen. Wer auch immer auf der anderen Seite Einlass begehrte, würde sich als Bittsteller fühlen und sich erst einmal gründlich verhaspeln. Jette war ihr ein Rätsel. Woher nahm sie dieses Selbstvertrauen? Immerhin war sie, wenn man so wollte, ein Findelkind. Ihre Mutter hatte sie ein paar Tage nach der Entbindung in der Klinik zurückgelassen. Im Alter von wenigen Wochen war Jette dann zu neuen Eltern gekommen.

»Du siehst aus wie eine Königin«, war es Charlie einmal rausgerutscht. Jette hatte gelacht und gesagt: »Nein, wie eine Prinzessin. Wie die Tochter einer Königin!« Und sie hatte den Kopf noch etwas höher getragen, obwohl das kaum noch möglich war. Ihre leibliche Mutter war eine drogenabhängige Frau, von der niemand wusste, wo sie war und ob sie überhaupt noch lebte. Und Jette bezeichnete sie glatt als »Königin«.

Es klingelte wieder. Doch irgendetwas stimmte nicht.

»Halt!«, rief Charlie. »Das war nicht bei uns! Die klingeln nicht bei uns.«

»Wie, nicht bei uns?«, fragten Jette und Klara fast gleichzeitig.

»Das ist die Klingel vom Nachbarn«, sagte Charlie und zuckte die Achseln.

Dann war es still.

»Der ist nicht da«, sagte Charlie.

Nach einer Weile hörten die Mädchen, wie es überall im Haus klingelte, auch bei ihnen. Irgendjemand drückte den Türöffner. Mehrere Leute kamen die Treppe hoch und blieben auf Charlies Etage stehen.

Jette spähte durch den Spion. Ein Mann klingelte an der Tür nebenan. Keine Reaktion. »Öffnen Sie bitte!«, sagte der Mann nach einer Weile zu einem seiner Begleiter.

»Die bauen das Schloss aus«, flüsterte Jette, ohne die Augen vom Spion zu lassen. Jetzt hörten die Mädchen ein Klopfen. Dann etwas, das wie ein Schlag gegen Holz klang. Danach war alles still.

»Die Tür ist offen. Sie gehen rein«, fragte Jette leise.

Die drei Freundinnen schauten sich verdutzt an.

»Versteht ihr das?«, flüsterte Jette.

»Da wohnt ein Musiklehrer«, sagte Charlie. »Der ist ganz neu hier eingezogen.«

Nach ein paar Minuten hörten die Mädchen schwere Schritte im Hausflur und ächzende Männerstimmen.

»Die tragen ein Sofa runter«, sagte Jette am Spion.

»Wisst ihr, was ich glaube?«, sagte Charlie langsam. »Die räumen die falsche Wohnung aus. Der Nachbar heißt auch Schmidt. Aber mit ›dt‹, nicht mit ›tt‹ wie wir.«

»So blöd kann man doch nicht sein«, sagte Klara.

»Meine Mutter hat unser Namensschild schon abmontiert. Wahrscheinlich haben die an der ...

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