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Hausfrau

Über dieses Buch

Anna Benz, eine Amerikanerin Ende Dreißig, lebt mit ihrem Schweizer Ehemann Bruno und ihren drei jungen Kindern in einem Postkarten-Vorort Zürichs. Von außen betrachtet lebt sie ein komfortables, abgesichertes Leben; im Inneren bricht sie auseinander. Immer weniger verbindet sie mit ihrem Mann, vor allem aber ist Anna sich selbst fremd geworden. Sie versucht aus diesem Trott auszubrechen, besucht einen Deutschkurs, geht zur Psychoanalyse und schläft mit anderen Männern. Diese Affären geht sie mit einer überraschenden Leichtigkeit ein.

Schwer fällt es Anna, die Affären wieder zu beenden. Das Netz der Lügen, die ihr Doppelleben schützen, wird immer undurchdringlicher, die Spannungen wachsen. Anna steuert auf einen Abgrund zu.

Jill Alexander Essbaums Debütroman ist präzise wie ein Schweizer Armeemesser und von einzigartiger Intensität und Sprachgewalt. Er erzählt eine Geschichte von Ehe und Liebe, Treue und Sex, Schuld und Scham und was das eigene Selbst ausmacht.

Mit Anna Benz hat die Autorin eine elektrisierende Protagonistin geschaffen, deren Leidenschaften den Leser auf sich selbst zurückwerfen. Annas Geschichte zeigt, wie wir uns selbst erschaffen und wieder verlieren und die manches Mal katastrophalen Entscheidungen, die wir treffen, um uns wiederzufinden.

»Hausfrau« wird sich in das Gedächtnis der Leser einbrennen.

Über die Autorin

Jill Alexander Essbaum hat mehrere Gedichtbände verfasst und an Lyrikanthologien mitgewirkt. Sie lebt und schreibt in Austin, Texas.

JILL
ALEXANDER
ESSBAUM

HAUSFRAU

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Eva Bonné

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Vater Jim Schulz

1942–1999

Trittst im Morgenrot daher,

Seh’ ich dich im Strahlenmeer,

Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!

Wenn der Alpenfirn sich rötet,

Betet, freie Schweizer, betet!

Eure fromme Seele ahnt

Eure fromme Seele ahnt

Gott im hehren Vaterland,

Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

– Schweizerpsalm

Wie alles Metaphysische ist die Harmonie zwischen Gedanken und Wirklichkeit in der Grammatik der Sprache aufzufinden.

– Ludwig Wittgenstein

Ein Mensch, der nicht durch die Hölle seiner Leidenschaften gegangen ist, hat sie auch nie überwunden.

– Carl Gustav Jung

Die Liebe ist ein Feuer. Aber ob sie deinen Kamin wärmen oder dein Haus abbrennen wird, kann man nie wissen.

– Joan Crawford

SEPTEMBER

1

Anna war eine gute Ehefrau. Meistens.

Es war Nachmittag, und der Zug, in dem sie saß, zitterte kurz, glitt durch die Kurve und fuhr in den Bahnhof von Dietlikon ein, um vierunddreißig nach, wie immer. Es ist kein Gerücht, sondern eine Tatsache: Die Schweizer Bahn ist pünktlich. Die S8 startet in Pfäffikon, einer Kleinstadt rund dreißig Kilometer entfernt. Von Pfäffikon aus winden sich die Gleise am Zürichsee entlang, durch Horgen am Westufer, durch Thalwil, durch Kilchberg. Kleine Städte, in denen kleine Leben gelebt werden. Hinter Pfäffikon hielt die Bahn sechzehn Mal, bevor sie Dietlikon erreichte, die kleine Stadt, in der Anna ihr kleines Leben lebte. So kam es, dass ein gewöhnlicher Zugfahrplan Annas Tagesablauf regulierte. Der Dietliker Bus fuhr nicht bis in die Stadt. Taxis waren teuer und umständlich. Zwar besaß die Familie Benz ein Auto, doch konnte Anna es nicht fahren. Sie hatte keinen Führerschein.

Ihre Welt war eng begrenzt durch die Ankunft und Abfahrt von Zügen, durch die Bereitschaft von Annas Mann Bruno oder Annas Schwiegermutter Ursula, sie an jene Orte zu bringen, die sich per Bus nicht erreichen ließen, und durch die Ausdauer ihrer Beine und die Strecken, die diese zurücklegen konnten; nur selten so weit, wie Anna es sich gewünscht hätte.

Doch die Schweizer Bahn ist tatsächlich pünktlich, und so kam Anna trotz kleiner Unannehmlichkeiten zurecht. Sie fuhr gern mit dem Zug; auf sie hatte die schwankende Vorwärtsbewegung eine einschläfernde, tröstliche Wirkung.

Edith Hammer, eine Zugewanderte wie Anna, hatte ihr einmal erzählt, die Schweizer Bahn verspäte sich höchstens aus einem Grund.

»Wenn jemand sich davorwirft.«

Frau Doktor Messerli fragte Anna, ob sie jemals an Selbstmord gedacht oder einen Selbstmordversuch unternommen habe. »Ja«, lautete Annas Antwort auf die erste Frage. Auf die zweite: »Definieren Sie ›Versuch‹.«

Doktor Messerli war blond, zierlich und unbestimmbaren, doch fortgeschrittenen Alters. Sie empfing ihre Patienten in einer Praxis in der Trittligasse, einer schmalen, wenig befahrenen Kopfsteinpflasterstraße westlich des Zürcher Kunsthauses. Sie hatte in Amerika klinische Psychiatrie studiert und dann am Jung-Institut in Küsnacht, einer Gemeinde gut sieben Kilometer vor Zürich, eine Ausbildung zur Analytikerin gemacht. Doktor Messerli war gebürtige Schweizerin, sprach jedoch ein mustergültiges Englisch, wenn auch mit schwerem Akzent. Ihr th kam als s daher, und ihre Vokale waren so offen und langgezogen wie Brückenbögen: Wot duuu juuu sink, Anna?, fragte sie gern (meistens dann, wenn Anna am wenigsten bereit war, ehrlich zu antworten).

In einem Werbespot für eine bekannte Sprachenschule weist ein Marineoffizier den neuen Bordfunker ein. Der Funker bezieht seinen Posten, und Sekunden später fängt der Transmitter zu rauschen an. »Mayday, Mayday«, tönt eine eindeutig amerikanische Stimme aus dem Lautsprecher, »can you hear us? We are sinking! We are sinking!« Der Funker überlegt, beugt sich vor und spricht freundlich ins Mikrofon: »Dis is de Dschörmen Küstenwache. Wot are juuu sinking about?«

In dem Fall zuckte Anna, ausnahmslos faul, mit den Schultern und sagte, was ihr einzig sagenswert erschien: »Ich weiß es nicht.«

Obwohl sie es natürlich fast immer wusste.

Der Nachmittag war regnerisch. Das Schweizer Wetter ist unbeständig, im Kanton Zürich aber selten extrem, schon gar nicht im September. Und es war September, denn Annas Söhne gingen längst wieder zur Schule. Vom Bahnhof aus legte Anna langsam und schuldbeladen den letzten halben Kilometer auf Dietlikons Hauptstraße zurück und verharrte vor jedem Schaufenster, um kleine Verzögerungen herauszuschlagen. Die postkoitale Euphorie war verflogen, und Anna blieben nur die Zügel des Ennui, schlaff in ihrer Hand. Das Gefühl war ihr nicht neu. Sie spürte es oft, eine stumpfe Mattigkeit, die sich zog und dehnte. Die reduzierten Brillen in der Auslage des Augenoptikers ödeten sie an. Die Pyramide aus homöopathischen Heilmitteln im Schaufenster der Apotheke entlockte ihr nur ein Gähnen. Die Schütte vor dem SPAR, gefüllt mit Handtüchern im Ausverkauf, langweilte sie praktisch zu Tode.

Die Langeweile half Anna durch die Tage, so wie die S-Bahnen.

Ist das wahr?, dachte Anna. Das kann nicht die ganze Wahrheit sein. War es auch nicht. Noch vor einer Stunde hatte Anna nackt, nass und offen auf einem Bett in einer fremden Wohnung im Zürcher Niederdorf gelegen, vier Stockwerke über den gewundenen Gassen und den Bruchsteinmauern der Altstadt, wo in Kebab-Buden Döner gefüllt und Spieße in Fonduetöpfe gesteckt wurden.

Was immer ich an Scham besaß, ist weg, dachte sie.

»Gibt es einen Unterschied zwischen Scham und Schuld?«.

»Scham ist psychische Erpressung«, antwortete Doktor Messerli. »Scham lügt. Flößt man einer Frau Schamgefühle ein, wird sie sich im Grunde ihres Wesens verkehrt fühlen, von Grund auf verdorben. Sie wird an nichts mehr glauben als an das eigene Scheitern. Und niemand wird sie je davon abbringen.«

Es war schon fast drei Uhr, als Anna die Schule ihrer Söhne erreichte. Die Primarschule Dorf stand an der Ostseite des Marktplatzes, zwischen der Stadtbücherei und dem dreihundert Jahre alten Gemeindehaus. Einen Monat zuvor, am Nationalfeiertag, hatten sich die Bürger der Stadt auf dem Platz gedrängelt, Würstchen gegessen und wie volltrunken zur Volksmusik geschunkelt, während der Himmel über ihren Köpfen von Feuerwerk erleuchtet worden war. Wenn Armeemanöver stattfanden, parkten die Soldaten ihre Nachschublaster lässig schräg vor dem Brunnen auf der Platzmitte. An Sommertagen planschten hier nackte Kinder, deren Mütter auf den Bänken saßen und Bücher lasen oder Joghurt löffelten. Bruno hatte seinen Wehrdienst schon vor Jahren abgeleistet. Aus jener Zeit war ihm nicht viel mehr geblieben als ein Sturmgewehr im Keller. Anna hingegen machte sich nichts aus Büchern, und wenn ihre Söhne schwimmen wollten, ging sie mit ihnen ins Stadtbad.

An diesem Tag war auf dem Platz nicht viel los. Vor der Bücherei standen drei Frauen und plauderten. Eine hatte einen Kinderwagen dabei, an der Leine der zweiten hechelte ein Deutscher Schäferhund, die dritte stand mit leeren Händen da. Mütter, die auf ihre Schulkinder warteten, alle um die zehn Jahre jünger als Anna. Sie wirkten milchig und drall, wo Anna sich verschrumpelt und eingesunken fühlte. Sie strahlten, fand Anna, eine leuchtende Gelassenheit aus, eine entspannte Haltung, ein einheimisches Glühen.

Anna fühlte sich selten wohl in ihrer Haut. Ich bin verhärmt und siebenunddreißig, dachte sie. Ich bin die Summe meiner Tics. Eine der Mütter winkte und lächelte sie freundlich, wenn auch unverbindlich an.

Sie hatte den Fremden im Deutschkurs kennengelernt. Aber Anna, erinnerte sie sich, du hattest seinen Schwanz im Mund. Eigentlich ist er gar kein Fremder mehr. War er auch nicht. Er war Archie Sutherland, Schotte, zugewandert und Sprachenschüler wie Anna. Anna Benz, Sprachenschülerin. Doktor Messerli hatte sie ermutigt, sich zum Deutschkurs anzumelden (Bruno wiederum hatte, gnadenloser Bumerang der Ironie, darauf bestanden, dass sie eine Psychotherapie anfing: Ich habe genug von deinem verdammten Elend, Anna, hatte er gesagt, geh und lass dich in Ordnung bringen). Doktor Messerli überreichte Anna das Kursprogramm mit den Worten: »Es ist für Sie an der Zeit, sich auf eine neue Flugbahn zu begeben und umfassender am Leben ringsum teilzunehmen.« In ihrer affektierten Ausdrucksweise klang die Analytikerin herablassend, aber sie hatte Recht. Es war an der Zeit. Es war überfällig.

Am Ende jener Sitzung, nach weiteren Spitzfindigkeiten und Überredungsversuchen, erklärte Anna sich bereit, sich zum Anfängerkurs Deutsch in der Klubschule Migros anzumelden. Zu dem Kurs, den sie hätte besuchen sollen, als sie neun Jahre früher in die Schweiz gekommen war, ohne Sprachkenntnisse, ohne Freunde und an ihrem Schicksal verzweifelnd, damals schon.

Vor einer Stunde hatte Archie aus seiner Küche gerufen. Ob sie einen Kaffee wolle? Einen Tee? Etwas zu essen? Ob sie etwas brauche? Irgendwas? Was auch immer? Anna hatte sich vorsichtig angezogen, so als wären in die Säume ihrer Kleidung Dornen eingenäht.

Von der Straße drang das Geschrei der Kinder herauf, die nach der Mittagspause auf dem Rückweg in die Schule waren, dazu die Stimmen amerikanischer Touristen, die auf dem Weg zum Zürcher Grossmünster über die Steigung des Hügels schimpften. Die Kathedrale ist ein massiges Gebäude, mittelalterlich grau, einzigartig mit den zwei symmetrischen Türmen, die bündig mit der Kirchenfassade abschließen, weit über die Dachwölbung hinaus in die Höhe ragen und an einen aufmerkenden Hasen erinnern.

Oder an einen Gehörnten.

»Wo liegt der Unterschied zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis?«

»Ein Wunsch kann in Erfüllung gehen oder auch nicht, er ist nicht essenziell. Ein Bedürfnis verlangt nach etwas, ohne das man nicht leben kann.« Und dann fügte Frau Doktor noch hinzu: »Wenn man ohne dieses Etwas nicht leben kann, wird man es auch nicht.«

Was auch immer? Wie Doktor Messerli sprach auch Archie mit einem prächtigen Akzent, geprägt nicht von den formwandlerischen Konsonanten des Hochalemannischen, sondern durch Wörter, die gleichermaßen verschleierten und offenbarten. Ein rollendes r hier, eine Ansammlung von Vokalen dort, ineinandergerammt wie der hitzig zusammengedrückte Blasebalg eines Schmieds. Anna fühlte sich zu Männern hingezogen, die mit Akzent sprachen. Es war der Singsang des Nicht-Muttersprachlers Bruno gewesen, dem sie erlaubt hatte, seinen Daumen, seine Zunge unter den Bund ihres Höschens zu schieben, gleich beim allerersten Date (das und der Williamsbirnenbrand, ein gelbstichiger Schnaps, mit dem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatten). In ihrer Jugend träumte Anna watteweiche, feuchte Träume von den Männern, die sie eines Tages lieben würde, Männer, die sie eines Tages lieben würden. Sie gab ihnen Vornamen und verschwommene, ausländische Gesichter: Michel, der französische Bildhauer mit den langen, lehmverschmierten Fingern; Dmitri, Messdiener in einer orthodoxen Kirche, dessen Haut nach Kampfer roch, nach Laudanum, nach Sandelholzharz und Myrrhe; Guillermo, der Geliebte mit den Matadorenhänden. Sie waren Phantommänner, Traumgespinste eines Teenagers. Aber Anna stellte eine ganze internationale Armee davon zusammen.

Am Ende heiratete sie den Schweizer.

Wenn man ohne dieses Etwas nicht leben kann, wird man es auch nicht.

Doktor Messerli hatte ihr vorgeschlagen, sich zum Sprachunterricht anzumelden, dabei besaß Anna durchaus Deutschkenntnisse. Sie kam zurecht. Ihr Deutsch war nur deswegen bemerkenswert, weil sie es kein bisschen pflegte und ihr jeder Versuch, es überhaupt zu sprechen, eine übermenschliche Anstrengung abverlangte. Und doch war sie mit ihren rudimentären Kenntnissen zurechtgekommen, neun Jahre lang. Anna hatte bei der Frau im Postamt Briefmarken gekauft, sich halbdetailliert mit Kinderärzten und Apothekern beratschlagt, Friseurinnen den gewünschten Haarschnitt beschrieben, auf dem Flohmarkt gefeilscht, gelegentlich mit den Nachbarn geplaudert und Nachsicht mit den zwei netten, wenn auch ziemlich hartnäckigen Zeugen Jehovas gezeigt, die jeden Monat mit einer neuen Ausgabe des Wachturms vor der Tür standen. Außerdem hatte Anna, wenn auch seltener, Ortsunkundigen den Weg gezeigt, Rezepte aus TV-Kochsendungen nachgekocht und sich Notizen gemacht, als der Schornsteinfeger die bröckeligen Mörtelfugen und die verstopften Abzüge bemängelte; sie hatte sich herausgeredet und sich eine Anzeige vom Leib gehalten, als sie der Aufforderung des Kontrolleurs nicht nachkommen und keinen gültigen Fahrausweis vorzeigen konnte.

Doch Annas Verständnis von Grammatik war schwach ausgeprägt und ihr Vokabular begrenzt, ihr Redefluss war gehemmt, und von idiomatischen Ausdrücken und korrekter Syntax hatte sie keine Ahnung. Jeden Monat ergaben sich dutzendfach Situationen, in denen sie eine Aufgabe an Bruno abgeben musste. Er erledigte sämtliche Behördengänge, er zahlte die Versicherungen, die Steuern, die Kreditraten für das Haus. Er füllte die Antragsformulare für Annas Aufenthaltsgenehmigung aus. Bruno war derjenige, der die Familienfinanzen regelte, denn er war im mittleren Management bei der Credit Suisse tätig. Anna hatte nicht einmal ein eigenes Konto.

Doktor Messerli ermutigte Anna, in der Familie eine aktivere Rolle zu übernehmen.

»Ja, das sollte ich«, sagte Anna, »das sollte ich wirklich.« Sie wusste nicht einmal genau, was Bruno in der Bank eigentlich machte.

Kein Gesetz verbot Anna, sich zu den Müttern vor der Bücherei zu stellen, nichts hielt sie davon ab, sich an ihrem Gespräch zu beteiligen. Zwei der Frauen kannte sie vom Sehen und eine mit Namen, Claudia Zwygart. Charles besuchte dieselbe Klasse wie Claudias Tochter Marlies.

Anna stellte sich nicht dazu.

Als Erklärung bot Anna folgende Zusammenfassung ihres Selbst an: Ich bin schüchtern und kann nicht mit Fremden reden.

Doktor Messerli reagierte mitfühlend. »Es ist schwierig für Ausländer, sich mit Schweizern anzufreunden.« Das Problem liegt tiefer als mangelnde Deutschkenntnisse, die an sich schon problematisch genug sind. Die Schweiz ist ein Inselland mit verschlossenen Grenzen und selbstgewählter, seit zweihundert Jahren andauernder Neutralität. Die linke Hand streckt sie Flüchtlingen und Asylsuchenden entgegen, mit der rechten schnappt sie sich frisch gewaschenes Geld und Nazigold. (Unfair? Vielleicht. Aber wenn Anna sich einsam fühlte, konnte sie austeilen.) Und so wie die Landschaft, die sie besiedelt haben, sind auch die Schweizer: an den Rändern verschlossen. Sie tendieren ganz naturgemäß zur Isolation und halten Außenseiter bewusst auf Abstand, indem sie nicht eine, nicht zwei oder drei, sondern gleich vier Amtssprachen pflegen. Und der offizielle Name der Schweiz steht in einer fünften: Confoederatio Helvetica. Doch die meisten Schweizer sprechen Deutsch, und auch in Zürich wird Deutsch gesprochen.

Auch wenn es, genau genommen, kein Deutsch ist.

Die Schweizer Schriftsprache entspricht dem Standarddeutschen. Aber die Schweizer sprechen Schwiizerdütsch, was alles andere als standardisiert ist. Es gibt keine festgelegte Orthografie. Es gibt keine Regeln für die Aussprache. Es gibt kein fest umrissenes Vokabular, denn das variiert von Kanton zu Kanton. Und die Laute selbst springen den Schweizern aus der Kehle wie entzündete Mandeln, die zu entkommen versuchen. Was nur leicht übertrieben ist. Für nichtschweizerische Ohren klingt es, als setze der Sprecher in schiefen Rhythmen verstörende Kunstwörter aus seltsam abgehackten Konsonanten und gähnenden, langgliedrigen Vokalen zusammen. Zum Scheitern verurteilt sind die Versuche aller Außenstehenden, diese Sprache zu erlernen, denn jedes Wort ist ein geheimer Code.

Anna sprach ein nacktes Minimum an Schwiizerdütsch.

Anna stellte sich nicht zu den anderen Müttern. Stattdessen klopfte sie mit der Spitze ihres braunen Holzclogs gegen den Bordstein. Sie spielte an ihren Haaren herum und beobachtete einen unsichtbaren Vogel, der am Himmel vorüberzog.

Es ist schwierig, einen Mann außerhalb seiner Muttersprache zu lieben. Und doch hatte Anna den Schweizer geheiratet.

Die Schulklingel läutete, Kinder drängten aus dem Gebäude auf den Hof. Zuerst entdeckte Anna Victor, der mit zwei Freunden raufte. Charles folgte dicht dahinter, gefangen in einer Traube aus schwatzenden Kindern. Als er Anna sah, rannte er zu ihr, umarmte sie und erzählte von seinem Schultag, noch bevor Anna ihn fragen konnte. Victor blieb bei seinen Freunden. Er trödelte. Victor war ganz er selbst – eigensinnig und leicht distanziert. Anna nahm seine Zurückhaltung hin und beschränkte sich darauf, ihm mit der Hand durchs Haar zu fahren. Victor verzog das Gesicht.

Auf dem Nachhauseweg verspürte Anna die ersten Stiche eines schwachen Schuldgefühls (von echten Gewissensbissen konnte keine Rede sein). Sie waren willkürlich und wirkungslos. Diese Stufe der Gleichgültigkeit war ein neues Symptom, das ihr ein seltsames Gefühl der Selbstzufriedenheit verschaffte.

Die Familie Benz wohnte keine hundert Meter von der Primarschule Dorf entfernt. Man hätte ihr Haus vom Schulhof aus sehen können, hätte nicht das Kirchengemeindehaus, ein Fachwerkbau aus dem neunzehnten Jahrhundert, genau dazwischengestanden. Normalerweise holte Anna die Kinder nicht von der Schule ab. Aber es war keine Stunde her, dass Archie ihre Brüste berührt hatte; eine moderate Buße war angebracht.

Sie waren im Juni 1998 in die Schweiz gezogen. Die schwangere, erschöpfte Anna hatte nicht die nötigen Mittel gehabt, sich zu widersetzen. Sie telegrafierte ihre Zustimmung mit langen, stummen Seufzern und versteckte ihre vielen Ängste in einer der tausend Kammern ihres Herzens. Sie versuchte, das Gute daran zu sehen, das halbvolle Glas. Wer ließe sich schon die Gelegenheit entgehen, in Europa zu leben? Während ihrer Highschool-Zeit hatte Anna sich abends in ihr Zimmer verkrochen, um von den vielen Anderswos zu träumen, die ihre Männer ihr eines Tages zeigen würden. In ihren schlaffen, unterwürfigen Träumen überließ sie das Ruder stets den Männern. Bruno war seit Jahren bei der Credit Suisse. Und dann wurde er gefragt, ob er in Zürich arbeiten wolle. Anna war verheiratet, schwanger und mehr oder weniger verliebt. Das musste reichen. Das wird reichen, dachte sie.

Und so zogen sie nach Dietlikon. Nah genug bei Zürich, um durch zwei Bahnlinien angeschlossen zu sein. Nicht weit entfernt gab es ein großes Einkaufszentrum. Die Straßen waren sicher, die Häuser gut in Schuss und das Stadtmotto vielversprechend. Es zierte Broschüren und den Internetauftritt der Stadt. Es fand sich auf dem Schild am Gemeindehaus und auf der ersten Seite des Kuriers, Dietlikons kleiner Wochenzeitung: Menschlich, offen, modern. Anna zog all ihren Optimismus aus diesen drei Wörtern.

Außerdem war Dietlikon Brunos Geburtsstadt. Seine Heimat. Der Ort, an den die verlorenen Söhne zurückkehrten. Anna war achtundzwanzig. Bruno war vierunddreißig und fand mühelos in sein natürliches Umfeld zurück. Kein Wunder – Ursula lebte nur einen kurzen Spaziergang entfernt, im selben Haus in der Klotenerstrasse, in dem sie Bruno und seine Schwester Daniela großgezogen hatte. Brunos Vater Oskar war vor über zehn Jahren gestorben.

Bruno hatte alle Argumente auf seiner Seite gehabt. Ihre Kinder würden vom Leben in Dietlikon profitieren (Mehrere Kinder? Bist du dir sicher? Eigentlich hatten sie nicht einmal das erste bewusst gezeugt) und eine unbeschwerte, gesunde Kindheit erleben, in Sicherheit und Geborgenheit. Nachdem sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte (und Bruno geschworen hatte, dass sie sich über die Zeugung aller zukünftigen Kinder abstimmen würden), war Anna in der Lage, die Vorteile des Umzugs einzusehen. Wenn sie sich also, und in den ersten Monaten passierte es selten genug, tatsächlich einsam fühlte oder sich nach Menschen, Dingen oder Orten sehnte, von denen sie nie gedacht hätte, dass man sie vermissen konnte, tröstete sie sich, indem sie sich das Gesicht des Neugeborenen vorstellte. Werde ich einen rotwangigen Heinz bekommen, der mich Mueti nennt? Eine kleine blonde Heidi mit geflochtenen Zöpfen? Außerdem liebten Bruno und Anna sich, mehr oder weniger.

Der Ausdruck »mehr oder weniger« bereitete Doktor Messerli Kopfschmerzen.

Anna versuchte, sich zu erklären. »Ist es denn nicht immer so? Wenn zwei Menschen in einer Beziehung sind, wird der eine immer mehr lieben als der andere, oder?«

Victor war acht und Annas ältestes Kind. Charles war sechs. Sie waren tatsächlich die rotwangigen, Milch trinkenden Kinder, die Anna sich immer vorgestellt hatte. Sie waren aschblond und hatten braune Augen. Sie waren typische Jungs, rauften sich, Brüder durch und durch und ohne Frage die Söhne des Mannes, den Anna geheiratet hatte.

»Aber Sie haben noch ein Kind bekommen, oder? Es kann nicht alles nur schlecht gewesen sein.«

Natürlich nicht. Es war kein bisschen schlecht. Nicht immer. Nicht alles war nicht immer schlecht gewesen. Anna verdoppelte, verdreifachte die Verneinungen. Vor zehn Monaten hatte sie ein schwarzhaariges Mädchen mit olivfarbenem Teint zur Welt gebracht und es Polly Jean genannt.

Nun waren sie also die Familie Benz, und sie lebten in Dietlikon, im Bezirk Bülach, im Kanton Zürich. Die Familie Benz: Bruno, Victor, Charles, Polly, Anna. Ein zweckmäßig eingerichtetes Haus, in dem es meist ruhig zuging, am hinteren Ende einer kleinen Sackgasse namens Rosenweg. Das Haus stand am Fuß eines sanft ansteigenden Hanges, der etwa einen halben Kilometer hinter dem Grundstück gipfelte und dann in den Wald von Dietlikon überging.

Anna lebte in einer Sackgasse hinter der letzten Straßenbiegung.

Aber das Haus war hübsch und der Garten größer als alle umliegenden. Südlich davon gab es Bauernhöfe, auf deren Äckern Mais, Sonnenblumen und Raps wuchsen. Neben dem Haus standen acht ausgewachsene Apfelbäume, und im August trugen die Bäume große, schwere Früchte, die in einem dumpfen Rhythmus, dum-ba-dum-dum, so gleichmäßig fast wie Regen, zu Boden fielen. Es gab Himbeersträucher und ein Erdbeerbeet und rote und schwarze Johannisbeeren. Und obwohl der Gemüsegarten neben dem Haus praktisch brach lag, erfreute sich die Familie an den üppigen Rosenbüschen im Vorgarten, die am hüfthohen Jägerzaun standen und in allen Farben blühten. Im Rosenweg ist alles rosig, dachte Anna manchmal.

Victor und Charles stürmten ins Haus. In der Diele wurden sie von einer sauertöpfischen Ursula abgefangen, die sich einen Finger an die Lippen legte. Eure Schwester schläft!

Anna war dankbar, Ursula zu haben – wirklich. Auch wenn Ursula sie, ohne jemals offen unfreundlich zu sein, immer noch wie einen Fremdkörper behandelte, der lediglich Mittel zum Zweck war für das Glück ihres Sohnes (falls das Wort »Glück« überhaupt traf, was Bruno empfand, Anna war sich da nicht so sicher) und das Medium, das die über alles geliebten Enkelkinder zur Welt gebracht hatte. Ursula half den Kindern zuliebe aus, nicht Anna zuliebe. Dreißig Jahre lang hatte sie an einer weiterführenden Schule Englisch unterrichtet. Ihr Englisch war gestelzt, aber fließend, und anders als Bruno sprach sie es, wann immer Anna zugegen war. Ursula scheuchte ihre Enkel in die Küche, wo sie einen Imbiss vorbereitet hatte.

»Ich gehe duschen«, sagte Anna. Ursula zog eine Augenbraue hoch, die sich erst wieder absenkte, als sie Victor und Charles in die Küche folgte. Es ging sie nichts an. Anna nahm ein Handtuch aus dem Wäscheschrank und schloss sich im Badezimmer ein.

Sie musste unbedingt duschen. Sie roch nach Sex.

2

»Was ist es, ohne das du nicht leben kannst?«

Das fragte Anna Archie, als sie nebeneinander im Bett lagen und sich leichtsinnigerweise eine Zigarette teilten. Eigentlich war Anna Nichtraucherin. Sie hatten sich in die Überdecke eingewickelt. Es war Freitag.

»Whisky und Frauen«, sagte Archie. »In der Reihenfolge.«

Archie war ein Whiskymensch. Im buchstäblichen Sinn: Er lagerte ihn, lieferte ihn, verkaufte ihn in einem Laden, den er gemeinsam mit seinem Bruder Glenn führte.

Der Klang seines Lachens lud zu Spekulationen ein. Archie und Anna waren ein frisches Paar, unerfahren im Umgang miteinander, ganz neue Geliebte. Da sie füreinander fast jungfräulich waren, hatten sie immer einen Grund, einander zu berühren. Archie war zehn Jahre älter als Anna, doch sein rotbraunes, gelocktes Haar wurde noch längst nicht schütter, und sein Körper war straff. Anna konterte sein Lachen, indem sie selbst lachte: das traurige, leere Lachen einer Frau, die weiß, dass das Neue, egal wie schön, sich abnutzen wird. Das Neue ist ein Stoff, der in beunruhigend schnellem Tempo verschleißt. Anna würde es genießen, bevor es zu Lumpen zerfiel. Denn dass am Ende nur Lumpen übrig bleiben würden, stand jetzt schon fest.

»Warum«, fragte Doktor Messerli, »trennen Sie sich nicht, wenn Sie so unglücklich sind?«

Anna antwortete, ohne nachzudenken. »Meine Kinder sind Schweizer. Ihr Vater hat dasselbe Recht auf sie wie ich. Wir sind verheiratet. So unglücklich bin ich eigentlich gar nicht.« Sie fügte hinzu: »Er würde niemals in die Scheidung einwilligen.«

»Sie haben ihn darum gebeten.« Das war keine Frage.

Anna hatte Bruno nicht um die Scheidung gebeten. Nicht direkt. Sie hatte jedoch, in Momenten von absoluter Niedergeschlagenheit, Andeutungen gemacht. Was würdest du tun, wenn ich nicht mehr da wäre?, hatte sie gefragt. Was, wenn ich gehen und nie wiederkommen würde? Sie hatte im beiläufigen Tonfall unbeschwerter Neugier gefragt.

Bruno hatte gegrinst. Du würdest niemals gehen. Du brauchst mich.

Das konnte Anna nicht abstreiten. Sie brauchte ihn, unbedingt. Er hatte Recht. Und ehrlich gesagt hatte Anna gar nicht vor zu verschwinden. Wie sollten wir die Kinder aufteilen?, fragte sie sich, als wären die Kinder eine hölzerne Brücke und die Scheidung eine Axt.

»Anna«, sagte Doktor Messerli, »gibt es einen anderen? Hat es je einen anderen gegeben?«

Die Mittagszeit dehnte sich bis in den frühen Nachmittag aus. Archie und Anna teilten sich einen Käseteller, ein paar Reineclauden und eine Flasche Mineralwasser. Dann stellten sie das Tablett beiseite, um weiterzuficken. Archie spritzte ihr in den Mund. Es schmeckte nach Kleister, mehlig und sämig. Was ich hier tue, ist gut, sagte Anna sich in Gedanken, auch wenn »gut« wohl kaum der passende Ausdruck war. Was Anna wusste. Was sie gemeint hatte, war praktisch. Sie meinte bequem. Sie meinte falsch in fast jeder Hinsicht, aber gerechtfertigt, weil ich mich danach besser fühle. Wo es mir doch schon so lange so unglaublich schlecht geht. Genau genommen handelte es sich um eine bunte Mischung aus vielen Bedeutungen, gebündelt zu einem unaussprechlichen Etwas, aus dem Anna eine unberechtigte, aber unbestreitbare Hoffnung zog.

Doch alles hat ein Ende.

An jenem Abend, sie hatte gerade die Kinder ins Bett gebracht und die Teller vom Abendessen gespült und die Spüle auf Hochglanz geschrubbt, so, wie Bruno es verlangte (»Ist er wirklich so ein Scheusal?«, fragte Doktor Messerli, woraufhin Anna mit einem Nein antwortete, das sich als manchmal deuten ließ), breitete Anna ihre Unterlagen auf dem Esstisch aus und machte sich an ihre Deutschhausaufgaben. Sie hatte Stoff nachzuholen. Bruno hatte sich im Büro eingeschlossen. Sie verbrachten viel Zeit ohne einander, denn Bruno zog sich fast jeden Abend in sein Büro zurück. Wenn sie allein war, las Anna oder sah fern oder zog eine Jacke über und unternahm einen Abendspaziergang auf den Hügel hinter dem Haus.

Wenn Anna allein zu Hause war, schien sich eine unerträgliche, lähmende Stille auszubreiten. Ist es schon immer so gewesen? Das zu behaupten, wäre gelogen. Sie hatten auch gute Zeiten gehabt, Bruno und sie. Das zu leugnen, wäre ungerecht. Und selbst, wenn Bruno ihre »Anflüge von Melancholie« und ihre »Stimmungsschwankungen« kaum ertrug, hätte er, unter Zwang, zugegeben, eine Liebe und Zuneigung zu Anna zu hegen, die zwar oft von Enttäuschung getrübt wurde, aber doch einen festen Ehrenplatz in seinem Herzen hatte.

Erst am Montag zuvor hatte Anna sich ein Herz gefasst und sich selbst in die Schule geschickt, zum ersten Mal seit dem College. Der Kurs in der Klubschule Migros hieß »Deutsch für fortgeschrittene Anfänger«. Er war für Leute mit leichten bis mäßigen Vorkenntnissen gedacht, denen ein umfassenderes Grammatik- und Syntaxwissen fehlte.

Migros ist der Name einer großen schweizerischen Supermarktkette und der größte Arbeitgeber in der Schweiz. Migros hat mehr Angestellte als jede Schweizer Bank, weltweit. Und Migros steht für mehr als Supermärkte. Es gibt Migros-Buchläden, Migros-Tankstellen, Migros-Elektronikmärkte, Sportgeschäfte, Möbelhäuser, Herrenausstatter, Golfplätze und Wechselstuben. Zudem betreibt Migros eine Kette von Erwachsenenbildungszentren. Keine Schweizer Stadt mit relevanter Einwohnerzahl, in der sich nicht mindestens eine Klubschule Migros finden ließe. Dort werden nicht nur Sprachkurse angeboten. In der Migros Klubschule kann man fast alles lernen: Kochen, Nähen, Stricken, Zeichnen, Singen. Man kann Instrumentenunterricht nehmen oder einen Kurs im Tarotkartenlesen belegen. Sogar Traumdeutung ist im Angebot.

Zu Beginn der Analyse wurde Anna von Doktor Messerli aufgefordert, sich an ihre Träume zu erinnern. »Schreiben Sie sie auf«, sagte die Analytikerin. »Ich möchte, dass Sie sie aufschreiben und mitbringen, damit wir sie in der Sitzung besprechen können.«

Anna protestierte. »Ich träume nie.«

Doktor Messerli ließ sich nicht beirren. »Unsinn. Jeder Mensch träumt. Auch Sie.«

Zur nächsten Sitzung brachte Anna einen Traum mit: Ich bin krank. Ich bitte Bruno um Hilfe, aber er weigert sich. Im Nebenzimmer wird ein Film gedreht. Ich spiele nicht mit. Ein Dutzend Teenager bringt sich vor laufender Kamera um. Ich weiß nicht, was ich tun soll, deswegen tue ich nichts.

Doktor Messerli hatte sofort eine Interpretation parat. »Alles deutet auf Stillstand hin. Der Film wird gedreht, aber Sie spielen keine Rolle. Aus diesem Grund können die Mädchen nicht überleben. Diese Mädchen stehen für Sie. Sie sind diese Mädchen. Sie überleben nicht. Sie sind an Untätigkeit erkrankt, Sie sind eine passive Zuschauerin, die im abgedunkelten Kinosaal sitzt.«

Annas Passivität. Das Drehkreuz für alle anderen Charaktereigenschaften. Letztendlich lief bei Anna alles auf ein Nicken, ein Einlenken hinaus, ja, Schatz. Anna war sich dessen bewusst. Es war ein Charakterzug, den zu hinterfragen oder zu überdenken sie sich nie die Mühe gemacht hatte, wodurch er, wie durch eine scharfe Linse der Nüchternheit, erst recht bewiesen schien. Anna war eine Schwingtür, ein erschlaffter Körper, der sich von anderen Körpern tragen ließ. Ein ruderloses Ruderboot auf hoher See. Bin ich so schutzlos? Ja, manchmal sah es ganz danach aus. Mir fehlt die Gabe der Willenskraft. Mein Rückgrat wird von einem Korsett gestützt. So bin ich eben. So war sie eben. Selbst der Blick aus dem Küchenfenster schien das zu bestätigen. Trianguliert durch den Straßenverlauf, den Apfelbaum und den Weg, der zum Hügel hinaufführte, ergab sich eine unsichtbare Leuchttafel über einer Geheimtür, die in den dunklen Kinosaal der Träume führte. Anna brauchte die Tür nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie existierte. Die Titel änderten sich, aber die Filme gehörten stets demselben Genre an. In einer Woche war es Mach den Mund auf, setz dich durch!, in der nächsten Du bist nicht das Opfer, du bist die Komplizin. Und Sich nicht zu entscheiden, ist auch eine Entscheidung stand seit Jahren auf dem Programm.

Da waren die Kinder. Anna hatte sich nicht danach gesehnt, Mutter zu werden. Sie hatte sich nie danach verzehrt wie andere Frauen. Es machte ihr Angst. Ich soll die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen? Für einen winzigen, hilflosen Menschen? Anna wurde trotzdem schwanger. Und dann wieder, und dann noch einmal. Offenbar passierte es einfach so. Nie sagte sie Komm, wir tun es, genauso wenig sagte sie Nein, wir lassen es. Anna sagte überhaupt nichts. (Bruno in diesem Fall übrigens auch nicht. Eine Diskussion über die weitere Familienplanung? Hat nie stattgefunden.)

Doch dann war es gar nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Meistens und größtenteils war Anna froh, jemandes Mutter zu sein. Anna liebte ihre Kinder. Sie liebte alle ihre Kinder. Diese schönen Schweizer Kinder, die eine resolutere Anna niemals kennengelernt hätte. Annas Passivität hatte also auch ihre Vorteile. Sie war nützlich. Sie sorgte in dem Haus im Rosenweg für relativen Frieden. Bruno in ihrem Namen entscheiden zu lassen, hieß, keinerlei Verantwortung mehr zu tragen. Sie brauchte nicht mehr nachzudenken. Sie machte einfach mit. Der Bus ihres Lebens wurde von einem anderen gelenkt. Und Bruno saß gern am Steuer. Befehl für Befehl. Regel für Regel. Anna ging, wohin der Wind sie trieb. Es war ihre natürliche Veranlagung. Und es wurde, wie Tennis zu spielen oder Foxtrott zu tanzen oder eine fremde Sprache zu erlernen, leichter durch Übung. Falls Anna jemals den Verdacht hatte, dass sich hinter dem Symptom mehr verbergen könnte, behielt sie das Geheimnis sehr gut für sich.

»Wo liegt der Unterschied zwischen Passivität und Neutralität?«

»Passivität ist Rücksichtnahme. Passiv zu sein bedeutet zu verzichten. Neutralität ist Unparteilichkeit. Die Schweiz ist neutral, nicht passiv. Wir entscheiden uns für keine Seite. Wir sind wie eine perfekt ausbalancierte Waage.« In Doktor Messerlis Stimme schwang so etwas wie Stolz mit.

»Sich nicht zu entscheiden. Ist das nicht auch eine Entscheidung?«

Doktor Messerli öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber anders.

Anna hatte sich fast eine halbe Stunde am Esstisch mit den Hausaufgaben abgemüht, als Bruno aus seinem Büro herauskam wie ein Murmeltier aus dem Bau. Er trat an den Tisch, gähnte und rieb sich die Augen. Anna erkannte ihre Söhne in der Geste wieder. »Wie läuft es im Kurs?«, fragte er. Anna konnte sich nicht erinnern, wann Bruno zum letzten Mal Interesse gezeigt hatte. Auf einmal stieg die Zuneigung in ihr hoch, und sie schlang ihre Arme um seine Taille und versuchte, ihn an sich zu ziehen. Aber Bruno, unerreichbar oder stur, erwiderte die Umarmung nicht. Er beugte sich vor und blätterte in den Unterlagen. Anna ließ die Arme sinken.

Bruno nahm ein Arbeitsblatt in die Hand, wie um sich von Annas Sorgfalt zu überzeugen. »Du hast hier was falsch gemacht«, sagte er in bemüht hilfsbereitem Ton. »Das Verb gehört ans Ende«, sagte er. Er hatte Recht. Im Futur und im Perfekt kommt die Handlung erst am Schluss. Nur in der Gegenwart schmiegt das Verb sich an das handelnde Subjekt. Gedankenverloren gab Bruno ihr den Zettel zurück. »Ich gehe ins Bett.« Er beugte sich nicht hinunter, um sie zu küssen. Er verschwand im Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.

Anna hatte keine Lust auf Hausaufgaben mehr.

Sie warf einen Blick auf die Wanduhr. Schon nach elf, doch sie war nicht müde.

»Ein Traum ist eine Äußerung der Psyche«, erklärte Doktor Messerli. »Je erschreckender ein Traum ist, desto dringender die Notwendigkeit, sich diesen Anteil näher anzusehen. Es geht nicht darum, Sie zu zerstören. Der Traum erfüllt nur seine Pflicht, wenn auch auf unangenehme Art.« Und dann fügte sie hinzu: »Je weniger Aufmerksamkeit Sie einem Anteil widmen, desto drastischer werden Ihre Träume sein.«

»Und wenn ich sie ignoriere?«

Doktor Messerlis Gesicht wurde todernst. »Die Psyche meldet sich zu Wort. Sie will gehört werden. Und sie verfügt noch über andere, furchtbarere Mittel, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.«

Anna fragte nicht, um welche Mittel es sich handelte.

So spät am Abend lagen die meisten Häuser im Rosenweg ganz im Dunkeln, alle Bewohner schliefen. Anna hatte Jahre gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass die Schweiz, eine Maschine, nachts abgeschaltet wurde. Die Geschäfte machten zu. Die Leute schliefen, wann es sich gehörte. Wenn man in den USA keinen Schlaf fand oder finden wollte, blieben einem immer noch der durchgängig geöffnete Supermarkt, der durchgängig geöffnete Waschsalon, Kuchen und Kaffee im durchgängig geöffneten Diner. Das Fernsehprogramm blieb die ganze Nacht hindurch sehenswert. So vieles, das nie abgeschaltet wurde. Irgendwo brannte immer ein Licht, zum Trost aller Schlaflosen.

Doktor Messerli erkundigte sich nach Annas Schlafstörungen. Seit wann sie daran leide, in welcher Form sie aufträten. Wie Anna damit umgehe. Weil Anna keine richtige Antwort einfiel, sagte sie: »Zu schlafen wird meine Probleme auch nicht lösen.« Das klang abgedroschen, selbst in ihren Ohren.

Als Anna ins Freie trat, sprang die Außenleuchte, jede Bewegung fühlend, flackernd an. Von der Haustür führte eine Treppe auf die Einfahrt. Von der Einfahrt ging es auf die Straße. Der Spielplatz des Kirchengemeindehauses lag direkt gegenüber. Anna überquerte die Straße, stieg über einen niedrigen Holzzaun und setzte sich auf das Holzbrett einer Schaukel, die für Kleinkinder gedacht war. Anna war niedergeschlagen und verwirrt und die Abendluft gerade klamm genug, um peinvoll zu sein.

Anna hätte selbst zugegeben, dass sie viel zu oft in der Dunkelheit durch Dietlikons Straßen streifte. Einmal, sie wohnten noch keine zwei Monate in der Schweiz, war Bruno nachts aufgewacht und Anna verschwunden. Weder im Haus noch auf dem Dachboden oder im Garten konnte er sie finden. Bruno war nach draußen gerannt und hatte sie gerufen. Als sie nicht antwortete, rief er die Polizei. Meine Frau ist weg! Sie ist schwanger! Die Beamten traktierten ihn mit Unterstellungen und vielsagenden Blicken. Ob sie in letzter Zeit gestritten hätten? Was seine Frau mitgenommen habe? Wie die Ehe laufe? Ob seine Frau womöglich einen Freund habe? Bruno behielt seine Mimik unter Kontrolle und zwang seine zu Fäusten geballten Hände in die Hosentaschen. Sie ist schwanger, und es ist zwei Uhr nachts! Gerade, als er die Polizisten von ihren Vermutungen abgebracht hatte, kam Anna nach Hause. Sie war kaum über die Schwelle getreten, als Bruno sich ihr an den Hals warf wie einem Soldaten, der gerade aus dem Krieg zurückkehrt. Einer der Polizisten murmelte einen knappen Kommentar auf Schwiizerdütsch, den Anna nicht verstand. Bruno antwortete mit einem Grunzen. Die Beamten gingen.

Als sie allein und die Polizisten außer Hörweite waren, krallte Bruno seine Finger in Annas Oberarme und schüttelte sie. Mit wem gehst du ins Bett? Bei wem warst du? Sie hatte ihn bloßgestellt, vor den Polizisten. Bei niemandem, Bruno – niemals! Ich schwöre! Bruno beschimpfte sie als Hure, als Fotze. Wem hast du einen geblasen? Wer hat dir seinen Schwanz in den Mund gesteckt? – Niemand, Bruno, das schwöre ich! Es war die Wahrheit. Anna und Bruno waren durch eine Art von Liebe verbunden, und Anna war spazieren gegangen, weil sie nicht schlafen konnte. Es war nur ein Spaziergang! Mehr nicht! Außerdem, wo hätte sie einen Schwanz hernehmen sollen? Was Anna jedoch nur dachte, nicht aussprach. Es dauerte fast eine Stunde, aber am Ende glaubte Bruno ihr. Oder behauptete es zumindest.

Die Katze eines Nachbarn fauchte und zischte etwas an, vermutlich einen Igel. Drei Minuten später schlug die Kirchturmuhr Viertel nach.

Von der ersten Deutschstunde hatte Anna sich rein gar nichts versprochen. Doch trotz ihres Alters war sie nicht völlig unempfänglich für eine Aufregung, wie man sie am ersten Schultag hat. Der süße Charles bot ihr seine Stiftemappe an. Victor schwieg; er hatte keine Meinung. Ursula schlug demonstrativ ein Geschirrtuch aus.

Der Intensivkurs Deutsch fand vormittags statt, an fünf Tagen in der Woche. Am ersten Tag kam Anna sechs Minuten zu spät und rammte bei dem Versuch, sich zum letzten freien Platz am Tisch durchzuzwängen, einer Frau ihre Bücher in den Rücken. Der Kurs war nicht groß, fünfzehn Schüler aller Altersstufen von unterschiedlicher Nationalität und mit verschiedenen Beweggründen für den Aufenthalt in der Schweiz. Zunächst bat der Lehrer, ein hochgewachsener Schweizer namens Roland, seine Schüler, sich vorzustellen, der Reihe nach und in dem Deutsch, das sie beherrschten. Er zeigte auf eine Blondine mit schweren Augenlidern und nervösem Blick. Sie hieß Jeanne und war Französin. Die Frau daneben, Martina, war ebenfalls blond, aber zehn Jahre jünger als Jeanne. Sie sagte, sie stamme aus Moskau, liebe Musik und verabscheue Hunde. Danach stellte sich eine Frau in Annas Alter vor, Mary Gilbert aus Kanada, die zusammen mit ihren Kindern und ihrem Mann, der in der Zürcher Hockeymannschaft Linksaußen spielte, in die Schweiz gekommen war. Mary war erst seit zwei Monaten im Land. Mary entschuldigte sich für ihre unbeholfene Ausdrucksweise; sie hatte gerade den Anfängerkurs hinter sich gebracht und in keinem anderen einen Platz bekommen. Es war egal. Alle hier sprachen ein unverkennbares Ausländerdeutsch, langsam und voller Fehler.

Der Mann neben Mary beugte sich vor. Sein Akzent war eindeutig schottisch, selbst in gebrochenem Deutsch. Er kam, wie Anna bald erfahren würde, aus Glasgow. Sein Name war Archie Sutherland. Beim Sprechen wanderte sein Blick durch die Runde. Als er seinen Vortrag beendet hatte, war er bei Anna angelangt, die ihm schräg gegenübersaß. Er zwinkerte, andeutungsweise und für sie allein. Anna errötete unter ihren Kleidern.

Etwas in ihr fing Feuer.

Da war Dennis von den Philippinen. Andrew und Gillian, beide aus Australien. Tran aus Vietnam. Yuka, eine Japanerin. Ed kam aus England, Nancy aus Südafrika. Alejandro kam aus Peru. Da waren noch zwei weitere Teilnehmerinnen, deren Namen Anna nicht verstand. Alle zusammen bildeten eine kleine UNO.

Als es an Anna war, sich vorzustellen, setzte sie ein scheinbar aufrichtiges Lächeln auf (den Trick hatte sie geübt) und sagte, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte. Ich bin Anna. Ich bin in die Schweiz seit nine years. Mein Mann ist a banker. Ich habe drei children. Ich bin from America. Ich bin, ich bin, ich bin. Wenn ihre Zunge das deutsche Wort nicht zu fassen bekam, ersetzte sie es durch ein englisches. Anna hasste es, sich vorzustellen. Es war, als müsste sie jemandem die Tür aufmachen.

Anna sah zu Archie hinüber. Sie war fasziniert von seinen Händen, die selbst von der anderen Seite des Tisches aus sehr stark wirkten. Für Männerhände hatte sie eine Schwäche, immer schon gehabt. Ein Schwanz braucht ein Loch, aber die gibt es nur in begrenzter Anzahl. Seine Hände kann ein Mann überall hinlegen, wo er will, wo ich will.

Als sie während der ersten Kaffeepause in der Cafeteria in der Schlange standen, beugte Archie sich zu Anna und sprach in einem Flüsterton, wie man ihn außerhalb von Kirchen, Museen und Schlafzimmern nur selten zu hören bekommt.

»Anna, richtig?«

»Richtig.«

»Ich bin Archie.«

»Das habe ich gehört.« Anna war zögerlich, aber kokett. Volley und Lob. Er will Ping-Pong spielen? Kann er haben, dachte sie. Ich spiele mit.

Archie nahm einen Teller, auf dem ein Schokoladencroissant lag, und stellte ihn auf sein Tablett. »Möchtest du auch eins?«

Anna schüttelte den Kopf. »Ich mache mir nichts aus Süßigkeiten.« Die Warteschlange schob sich in gleichmäßigem Tempo voran. Die Kantine war überfüllt, aber die Kassiererin arbeitete effizient.

»Und, woran knabberst du, wenn du Appetit bekommst, Anna?«

Oh, er ist gut, dachte Anna. »Appetit? Auf etwas zu essen?«

Archie spielte den Ungeduldigen. Seine Stimme wurde heiser und sexy. »Was du isst, Frau.« Anna reagierte mit einem Erröten, einem Seitenblick und einem schiefen Lächeln. Sie gingen einen Schritt weiter. Archie grinste. »Dein Mann ist Banker, hast du gesagt?«

»Das habe ich, in der Tat.« Die Antwort strotzte vor Übermut. Bin ich dabei zu flirten? Total. Es war eine ganze Weile her. Ich ziehe das jetzt durch.

»Was ist mit Anna? Was macht Anna, wenn sie nicht gerade Deutsch lernt?«

Anna hielt kurz den Atem an, bevor sie antwortete. »Anna tut, was Anna will.« Sprich es mit genug Selbstbewusstsein aus, dachte Anna, und die ganze Welt wird dir glauben.

Archies Lachen war sportlich, gerissen. »Gut zu wissen.« Sie hatten die Kasse erreicht. Anna bezahlte ihren Kaffee, drehte sich noch einmal kurz zu Archie um und schenkte ihm ein Abschiedslächeln, bevor sie ging.

Zurück im Klassenraum stellte Roland seinen Schülern eine Liste deutscher Präpositionen vor: unter, neben, auf, von hinten.

Später, gegen Ende der zweiten Pause, fing Archie Anna bei den Mülltonnen ab. »Was hast du heute Nachmittag zu erledigen?«, fragte er.

Ein Dutzend keusche Antworten kamen ihr in den Sinn. Anna schob alle beiseite. Sie legte Archie eine Hand auf den Arm und flüsterte ihm ins Ohr: »Dich.« Mehr nicht.

Wie wär’s?, dachte Anna im Weggehen. Ein wirrer, schriller Kitzel durchlief sie. Ja, wie wäre es? Die Frage war rein rhetorisch. An diesem Tag lautete die Antwort auf alle Fragen: Ja.

Nicht, dass Anna sich mühsam dazu hätte durchringen müssen. Sie sagte nicht zum ersten Mal ja.

Nach dem Unterricht rief Anna Ursula an und erzählte ihr, sie müsse in der Stadt noch etwas einkaufen und käme nicht vor drei zurück. Dann stiegen Anna und Archie an der Haltestelle Sternen Oerlikon, von der die Straßen abgehen wie die Strahlen eines fünfzackigen Sterns, in eine Straßenbahn der Linie 10 und fuhren bis zum Central im Norden des Zürcher Niederdorfs. Von dort waren es nur fünf Minuten Fußweg bis zu Archies Wohnung. Die nächsten eineinhalb Stunden verbrachten sie mit hemmungslosem Sex.

Am Dienstag und auch am Mittwoch ging Anna nach dem Deutschkurs mit zu Archie. Am Donnerstag und Freitag ließen sie den Unterricht ganz ausfallen.

Anna drehte sich in der Schaukel ein und zwirbelte die Ketten, bis sie vom Boden abhob. Dann zog sie die Knie an und ließ sich herumwirbeln. Sie wiederholte den Vorgang so oft, bis ihr schwindlig wurde.

Schließlich schlug die Kirchturmuhr Mitternacht. Das schwache, wurmende Gefühl, Bilanz ziehen zu müssen, schlich sich an. Nur im Präsens ist das Subjekt mit dem Verb verbunden. Die Handlung – alle Handlung, vergangene wie zukünftige – kommt zuletzt. Ganz zum Schluss, wenn einem nichts übrig bleibt, als zu handeln.

Immerhin schaffte Anna es zurück ins Haus, bevor der zwölfte Glockenschlag verklungen war.

3

Anna hätte einen Steve, einen Bob, einen Mike nie lieben können.

Sie sträubte sich gegen die saloppe Gleichgültigkeit von Abkürzungen. Gegen Spitznamen, die in den meisten Fällen verkündeten: »Ich bin die Summe aller Matts, die du je getroffen hast, ich bin das arithmetische Mittel eines jeden Chris, Rick, Jeff.« Mit der Länge hatte es nichts zu tun – viel kürzer als »Anna« konnte ein Name nicht sein. Doch im Namen eines Menschen sollten Würde und Bedeutung mitschwingen. Ein Name sollte dem Gewicht und der Persönlichkeit seines Trägers standhalten. Niemals würde eine Steffi ins Kabinett aufsteigen; kein Chad würde sie einberufen.

Die Namen ihrer Kinder hatte Anna mit Bedacht gewählt. Sie waren amerikanisch, wobei viele Schweizer internationale Namen tragen; ein Drittel von Zürichs Einwohnern stammt, dem Bankenwesen sei Dank, aus dem Ausland. Die Credit Suisse, bei der Bruno arbeitete, beschäftigte zum Beispiel nicht nur viele Schweizer, sondern auch einige Deutsche, ein paar Briten, wenige Amerikaner und einen unfassbar gutaussehenden Nigerianer. Durch die Vielfalt gleicht sich alles irgendwann aus. In der Schweiz waren die Namen von Annas Kindern ungewöhnlich, wenn nicht gar selten. Das hatte sie bei der Wahl im Hinterkopf gehabt. Sie mochte die Namen. Sie schienen zu passen.

Ein Name ist ein fragiles Ding. Man lässt ihn fallen, und er zerbricht.

Wie Steve. Der Name eines Mannes, den Anna niemals lieben könnte.

Anna brachte einen äußerst verschachtelten Traum zur Analyse mit. Er war chaotisch und nahm keine Rücksicht auf Thema oder Umstände, auf die Ordnung von Zeit und Raum. Ein Traum voll zugespitzter Symbolik, archetypischer Bilder und allegorischer Nuancen, fand Anna.

In dem Traum gab es zwanzig Türen, durch die die Analytikerin hätte gehen können, falls sie es denn gewollt hätte. Beginnen wir mit der Bedeutung des Pferdes, hätte Doktor Messerli sagen können. Was assoziieren Sie mit Ballons und Flugzeugen? Was hat es Ihrer Meinung nach damit auf sich, dass die Welle rückwärts läuft? Warum waren Sie nackt in der Kirche, Anna? Doch Frau Doktor stellte keine dieser Fragen, stattdessen entschied sie sich für die eine, die Anna nicht hören wollte.

»In Ihrem Traum kommt ein Stephen vor. Wer ist er?«

Eine Psychoanalyse ist teuer, und am wenigsten bringt sie, wenn die Patientin lügt, und sei es durch Verschweigen. Doch die Analyse ist keine Zange und die Wahrheit kein Zahn: Man bekommt sie nicht gewaltsam heraus. Der Mund bleibt zu, solange er will. Die Wahrheit wird erzählt, wenn sie sich selbst verrät.

Anna schüttelte den Kopf, wie um zu sagen: Niemand von Bedeutung.

Um 5:45 Uhr am Samstagmorgen wurde Anna von einem unnatürlichen Schrei aus dem Schlaf gerissen. Sie sprang aus dem Bett und raste die Treppe hinauf, nahm jeweils zwei Stufen auf einmal. Polly Jean schrie. Sie zahnte. Zehn Monate, das war spät; Victors erster Zahn war nach fünf, Charles’ nach vier Monaten gekommen. Anna schob einen Daumen in Polly Jeans Mund, überzeugte sich von der Existenz des kleinen weißen Höckers. Polly konterte mit einer Reihe von wilden Babyflüchen. Anna nahm ihre Tochter hoch, beruhigte sie, wiegte sie, damit sie in den Schlaf zurückfand. In eine Art von Schlaf.

Machen wir uns nichts vor: Alles hat seine Varianten. So wie es Varianten der Wahrheit und der Liebe gibt, gibt es Varianten des Schlafs. Der tiefste Schlaf bleibt Kindern und Narren vorbehalten. Alle anderen müssen jede Nacht den Zoll der Unruhe zahlen.

Der Himmel war noch dunkel, das Wohnviertel still. Durch das rechteckige Fenster über Pollys Bett war die schlichte Spitze der Gemeindekirche zu sehen. Die Familie Benz lebte im Schatten von Dietlikons Reformierter Kirche, im wörtlichen Sinn. Und auch im übertragenen: Einunddreißig Jahre lang und bis zu seinem Tod war Oskar Benz, Vater von Bruno und Daniela und Ehemann von Ursula, der Gemeindepfarrer gewesen. Der gute Hirte.

In die Kirche zu gehen ist für die Schweizer eine Frage der Gewohnheit, nicht des religiösen Eifers. Ein praktizierender Christ würde nie mit seinem Glauben prahlen. Das ist eine amerikanische Eigenheit. Der Schweizer Glaube ist viel bürokratischer. Man wird in der Kirche getauft, man heiratet in der Kirche, man wird in der Kirche verabschiedet, das war’s. Dennoch wurde Anna, als sie und Bruno ins Gemeindebüro gingen und das Antragsformular für ihre Aufenthaltsgenehmigung ausfüllten, nach ihrer Religion gefragt. Die Kirche finanziert sich durch Steuergelder; das Geld wird verteilt nach Religionszugehörigkeit der Bürger.

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