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Haus der stillen Schreie

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Über die Reihe Reihe »Hochspannung«
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Erstes Buch
  8. 1.
  9. 2.
  10. 3.
  11. 4.
  12. Intermezzo
  1. Zweites Buch
  2. 1.
  3. 2.
  4. 3.
  5. 4.
  6. 5.
  7. 6.
  8. 7.

Über dieses Buch

Louisiana, USA: Vor Jahren kehrten Daniel und Kenny ihrem Elternhaus den Rücken, und keinen der beiden Brüder zog es je wieder dorthin zurück. Aber nun zwingt sie der brutale Tod ihres Vaters heimzukommen: Sie müssen den Nachlass regeln und wollen das große, abgeschiedene Haus verkaufen. Beim Aufräumen stoßen sie auf Spuren mysteriöser Geschehnisse, die sich offenbar während ihrer Kindheit ereigneten, ohne dass sie selbst auch nur etwas davon ahnten. Und ihr Vater kam tatsächlich auf noch grausamere Weise ums Leben, als es zunächst den Anschein hatte …

Für Daniel und Kenny beginnt eine dunkle Reise in die Vergangenheit: Wer war ihr Vater wirklich? Welche blutige Schuld hat er auf sich geladen? Und wer lässt die Söhne nun so teuflisch dafür büßen?

Psycho-Thriller voller »Hochspannung« – die neue Reihe von Bastei Entertainment!

Über den Autor

Timothy Stahl, geboren 1964, ist ein erfolgreicher Autor von Spannungsromanen. Mit seiner Horrorserie Wölfe gehörte er 2003 zu den Gewinnern im crossmedialen Autorenwettbewerb des Bastei-Verlags und der TV-Produktionsgesellschaft Phoenix-Film. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Las Vegas.

Bisher sind in der Reihe »Hochspannung«
folgende weitere Titel erschienen

Vincent Voss: Tödlicher Gruß

R.S. Parker: Raus kommst du nie

Christian Endres: Killer’s Creek – Stadt der Mörder

Linda Budinger: Im Keller des Killers

Andreas Schmidt: Dein Leben gehört mir

Uwe Voehl: Schwesternschmerz

Jens Schumacher: Die Tote im Görlitzer Park

1.

Tortue Parish, Louisiana

Dr. Daniel Broussard bremste den gemieteten SUV am Anfang der langen Zufahrt, die schnurgerade zu dem großen alten Haus führte. Der Kies knirschte unter den Reifen, bis der schwere Wagen zum Stehen kam und der aufgewölkte Staub sich senkte. Stille breitete sich aus.

Von den nahen Bayous waberte Schwüle herüber und drang durchs offene Fenster ins Wageninnere. Das Hemd klebte Daniel am Leib. Trotzdem fröstelte er.

Das Haus am Ende der Zufahrt war ein großer, düsterer Kasten wie aus einem alten Horrorfilm. Es war auf eine so reale, spürbare Weise tot, als berührte Daniel einen Verstorbenen, der bereits tagelang im Leichenkeller lag. Wäre das da vorn ein Patient in der Notaufnahme gewesen, hätte Daniel nicht einmal mehr den Defibrillator bemüht. Da war nichts mehr zu machen. Das Haus schien zusammen mit dem Mann gestorben zu sein, der die letzten Jahre ganz allein darin gewohnt hatte: Allan Broussard, ebenfalls Arzt, allerdings nicht in einem Krankenhaus, sondern hier, auf dem Land. Im ganzen County hatte man ihn nur »Doc genannt, als hätte es in weitem Umkreis keinen anderen Mediziner gegeben.

Daniel schluckte. Es zwickte ihn im Hals wie vom Saft einer Zitrone. Seit fast zehn Jahren war er nicht mehr bei seinem Vater gewesen. Und weil der alte Mann nichts von elektronischer Kommunikation hielt, ja nicht einmal Fotos schickte, hatte Daniel ihn in all den Jahren kein einziges Mal gesehen. Zwar kam es ihm nicht so lange vor, die Zeit war zu schnell vergangen, doch als er jetzt in dem geliehenen Wagen saß und sah, wie sehr sich der Anblick verändert hatte, der sich von dieser Stelle aus bot, hatte er beinahe das Gefühl, noch nie hier gewesen zu sein.

Er seufzte. Es war zu spät. Er konnte nichts mehr wiedergutmachen. Vater war tot. Sie hatten sich zum letzten Mal gesehen, als der alte Mann ihn damals zum Flughafen gebracht, ihm auf die Schulter geklopft und alles Gute gewünscht hatte.

Eigentlich kein übler Abschied, versuchte Daniel sich zu trösten, als er den Wagen wieder anrollen ließ und im Schritttempo weiterfuhr. Jetzt musste er es nur noch ordentlich zu Ende bringen, Vaters letzte Angelegenheiten regeln, und dann …

Ja, was dann? Daniel wusste es noch nicht endgültig. Ihm geisterte allerdings eine Idee durch den Kopf. Sie war ihm gekommen, nachdem Sheriff LeBlanc ihn gestern in Chicago angerufen und darüber informiert hatte, dass der Doc tot aufgefunden worden sei und er doch bitte kommen möge. Noch hatte Daniel sich nicht eingehender mit seiner Idee befasst, es war noch zu früh, es gab noch zu viele andere Dinge zu erledigen. Aber dann …

Die Hälfte der Zufahrt lag hinter ihm, aber das Haus schien kaum näher gerückt zu sein. Der Erbauer, ein Plantagenbesitzer, der sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier niedergelassen hatte, mochte diese Wirkung beabsichtigt haben: Der von alten Eichen gesäumte Weg lenkte den Blick eines jeden Besuchers wie durch ein Fernrohr auf das herrschaftliche Anwesen und zwang förmlich dazu, es gebührend zu bestaunen. Nicht ohne Grund trug es den Namen Oak Avenue Hall.

Für einen Moment konnte Daniel sich das alte Haus so vorstellen, wie es zu seinen besten Zeiten ausgesehen haben musste: geradezu palastartig mit seiner beeindruckenden Säulenfront, den vielen Türmchen, Erkern, Balkons und Fenstern, der zerklüfteten Dachlandschaft.

Dann blätterte dieses Bild ab wie ein alter Fassadenanstrich. Darunter kam zum Vorschein, was es heute zu sehen gab: ein heruntergekommenes, offensichtlich leeres Haus, ausgestorben im wahrsten Sinne des Wortes, ein lebloser, starrer Klotz.

Obwohl er in brütender Hitze am Steuer eines Autos saß, fühlte Daniel sich mit einem Mal wie in einem kalten Operationssaal, in dem ein Patient auf dem OP-Tisch starb, obwohl der Arzt sein Bestes gegeben hatte, nur dass es nicht genug gewesen war. Alles schien erstarrt, bar jeder Regung, als würde der ganzen Welt in diesem winzigen Augenblick, in dem der letzte Funke eines Menschenlebens erlosch, der Atem stocken.

So war es in dieser Sekunde auch hier und jetzt, nur mit einem Unterschied.

Hier war es so, als würde der Tote urplötzlich die Augen aufreißen …

Denn so, als zuckte das Lid einer Leiche, rührte sich in diesem Moment irgendetwas an einem der vielen Fenster des gespenstischen Hauses.

***

Daniel rüttelte an der zugesperrten Haustür. Der Buntglaseinsatz, der Motive der heimischen Flora und Fauna zeigte, klapperte im verzogenen Rahmen. Aus dem abblätternden Anstrich der Tür lösten sich Flocken und rieselten zu Boden. Mehr tat sich nicht.

Daniel bückte sich, tastete vor der Türschwelle über die Bohlen des Verandabodens. Da, die war es! Sie war locker, ließ sich mit spitzen Fingern herausheben. Darunter lag, immer noch, ein Ersatzschlüssel. Rostig im Unterschied zu früher, wahrscheinlich seit Jahren nicht angerührt.

Daniel klaubte den Schlüssel aus dem engen Hohlraum und schob ihn ins Schloss, noch in der Hocke. Es hakte ein bisschen, dann aber schwang die Tür erstaunlich lautlos und leicht auf, und Daniel stolperte hinterher. Erst drinnen erhob er sich ganz.

Und erstarrte vor Schreck.

Die dämmrige Eingangshalle war voller Alligatoren.

Sie starrten mit schwarzen Augen von den Wänden. Teils klafften die Kiefer weit auf, teils waren die Mäuler geschlossen und zeigten ein von Zähnen starrendes Grinsen. Bei vielen dieser Echsen sah man nur die graugrünen oder bräunlichen Schädel, von anderen ein Stück des schuppengepanzerten Leibes und die vorderen Extremitäten, als versuchten sie, sich aus der Wand herauszuwühlen.

Aber alle waren so starr wie Daniel in diesem Augenblick. Sie waren tot, irgendwann einer Kugel oder der Klinge seines Vaters zum Opfer gefallen. Der Doc war schon immer ein begeisterter Jäger gewesen, aber früher hatten nur wenige dieser Trophäen das Haus »geschmückt«, weil Mutter sie gehasst hatte. Heute, lange nach Mutters Tod, prangten sie überall. Als hätte Vater die Tiere erlegt, um sie zu seiner Gesellschaft um sich zu scharen.

Auf einem der Reptilienköpfe saß ein schwarzer Vogel, eine große Krähe, die jeden, der das Haus betrat, mit schief gelegtem Kopf zu taxieren schien.

Nein, musste Daniel sich im nächsten Augenblick korrigieren, nicht jeden – nur ihn. Denn in diesem Moment stob der Vogel krächzend auf und schoss mit klatschenden Flügelschlägen von oben herab auf ihn zu wie ein schwarzer Schemen. Daniel riss die Arme hoch, duckte sich, spürte den Luftzug des über ihn hinwegjagenden Tieres. Dann schoss es durch die offen stehende Haustür ins Freie.

Irgendwie, irgendwann musste das Biest ins Haus geraten sein. Hatte es auch die Bewegung am Fenster verursacht, wegen der Daniel es so eilig gehabt hatte, hereinzukommen?

Wo hatte er die Bewegung noch gleich gesehen …?

Daniels Herz pochte, in seinem Kopf drehte sich alles. Der Schreck, dazu die ungewohnte Hitze und Schwüle des Südens, das alles forderte seinen Tribut.

Es war an einem der Fenster links vom Eingang gewesen, oder? Irgendwo in den Räumen der Landarztpraxis seines Vaters. Rechts von der großen Eingangshalle mit dem Schachbrettmusterboden und den dunkel verkleideten Wänden und Treppen lagen die Wirtschaftsräume, linker Hand die Praxis. In den vielen Zimmern der Etage darüber hatten sie früher gewohnt. Mutter hatte zu Lebzeiten einmal gesagt, wenn sie wollten, bräuchten sie einander in diesem riesigen Haus wochenlang nicht zu begegnen. Es hatte bedauernd geklungen. Als wäre es wirklich so. Und manchmal, erkannte Daniel jetzt, war es tatsächlich so gewesen, als hätte jeder von ihnen für sich gelebt. Wie seltsam musste es da erst für Vater gewesen sein, ganz allein hier zu wohnen, über Jahre hinweg.

Nach links, rüttelte Daniel sich wie aus einem beginnenden bösen Traum wach. Er eilte an der nach oben führenden Treppe vorbei, den kurzen Flur hinunter und durch die halb offene Tür in den Praxistrakt des Hauses. Da auch die Tür zum Wartezimmer offen stand, ging er dort zuerst hinein. Drinnen reihten sich leere Stühle entlang der hohen Wände. Auf einem Tisch lagen zerfledderte Zeitschriften. Eine Topfpflanze ließ ihr welkes Haupt hängen. In einer Ecke stand eine bunt bemalte Kiste mit Spielzeug, von dem ein Teil einmal Daniel gehört hatte. Der angrenzende Raum der Arzthelferin und das Sprechzimmer nebenan waren so verlassen wie die Praxis.

Daniel lauschte, ließ den Blick schweifen, bewegte sich vorsichtig voran. Am Fenster verharrte er. Jenseits der dünnen Gardine dehnte sich der einstmals gepflegte, heute jedoch verwilderte Rasen bis zu den Ausläufern der Bayous und Mangrovenhaine. Das Gewitter, das sich bei Daniels Ankunft am Horizont zusammengebraut hatte, war näher gekommen, das Licht trüber geworden. Unter den dunklen Wolken zeigte das Grün draußen einen Stich ins Graue.

Drinnen fand Daniel keinerlei Spuren eines Einbruchs. Es waren keine Schubladen aufgebrochen, nichts war durchwühlt. Allenfalls der unaufgeräumte Schreibtisch ließ den Eindruck entstehen, der Doc sei nur kurz hinausgegangen und würde gleich wiederkommen. Sogar der Stuhl dahinter stand so, als hätte jemand sich eben erst daraus erhoben.

Aber da war niemand. In keinem Zimmer.

Dafür knallte es plötzlich dumpf in der Eingangshalle. Wie ein Gewehrschuss.

Daniel fuhr herum, zögerte.

Die Haustür?

Und wenn nicht?

Hau ab!, schrie es in ihm.

Er stürmte aus der Praxis, durch den Flur und zurück in Richtung Eingang.

Und blieb stehen, als wäre er vor eine Wand gelaufen.

Sein Blick fiel in die Halle – und traf auf die grünen Augen seiner Mutter.

»Du dämlicher Arsch«, schimpfte er. Du blöder Hammel!

***

Daniel ging auf den Mann in der Eingangshalle los.

»Bist du immer noch der Kindskopf von damals?«, fuhr er ihn an und stieß ihn vor die Brust.

»Hey, hey!«, rief Kenny, wobei er mit den Armen um sein Gleichgewicht ruderte. »Was soll das?«

»Was das soll?« Daniel war immer noch wütend über die Idiotie seines jüngeren Bruders. »Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen und sind hier, weil Vater gestorben ist – und du hast nichts Besseres zu tun, als mich mit deinem Blödsinn zu erschrecken, genau wie früher!«

»Mann, was schwafelst du da, du Spacko?«, ereiferte sich jetzt auch Kenny. Seine grünen Augen, die so sehr denen ihrer Mutter glichen, schienen zu flackern. »Ich bin gerade reingekommen und hab nur die Tür zugemacht, die du offen gelassen hast … genau wie früher«, äffte er seinen Bruder nach.

»Erzähl mir nichts. Du warst im Haus, du hast mich beobachtet«, behauptete Daniel. »Ich habe dich doch …«

Hatte er ihn wirklich gesehen? Hatte er überhaupt jemanden am Fenster gesehen? Oder nur … etwas? Oder nicht einmal das, bloß einen sich bewegenden Vorhang? Oder eine Spiegelung auf der Scheibe?

»Was hast du? Wieder die Hosen voll, weil eine Maus gefurzt hat?« Kenny lachte freudlos und schüttelte den Kopf. »Da frag ich mich, wer von uns immer noch derselbe Vollpfosten ist wie früher.«

Daniel atmete tief ein und aus. Sein Blick fiel durch ein Fenster der Halle nach draußen. Dort standen sein Mietwagen und jetzt noch ein zweites Auto, ein weißer Toyota Camry, mit dem Kenny gerade eben gekommen sein musste.

Aber wer oder was hatte sich hinter dem Fenster bewegt?

Oder war es gar nichts gewesen? Vielleicht hatte Kenny ja recht. Vielleicht lag es an diesem Haus, an der Umgebung. Vielleicht hatte sie den gestandenen Notarzt Dr. Daniel Broussard aus Chicago wieder zu dem kleinen Danny aus Beaulieu, Louisiana, gemacht, den man mit jedem Unsinn ins Bockshorn jagen konnte. Wobei nicht alles, was Kenny sich damals ausgedacht hatte, als Unsinn durchging. Daniel trug noch heute Narben, die bewiesen, dass es manchmal ernst geworden war. Am linken Bein zum Beispiel, in dem er ein Jahr lang ein Kilo Schrauben und Metallverstärkungen herumgeschleppt hatte, bis alles zusammengewachsen war nach dieser verfluchten Geschichte auf dem Dachboden …

»Ist sowieso ein Wunder, dass ich überhaupt schon hier bin«, bremste Kennys Stimme Daniels Gedanken, bevor diese ganz in die Vergangenheit abwandern konnten. »Nachdem weder der Sheriff noch du es für nötig gehalten habt, mich nach dem Tod des Alten zu benachrichtigen. Besten Dank dafür, Bruderherz. Danke, dass du mich gnädigerweise doch noch angerufen hast, als du praktisch schon auf dem Weg zum Flughafen warst.«

»Tut mir leid.« Daniel hob die Hände. »Tut mir alles leid, okay? Komm her.« Er winkte Kenny zu sich, schloss ihn halbherzig in die Arme.

»Ich dachte, der Sheriff hätte dich ebenfalls angerufen, sagte Daniel noch einmal. »Ich habe mich nur bei dir gemeldet, weil ich wissen wollte, wann du hier bist. War ein Missverständnis.« Daniel klopfte seinem Bruder auf die Schulter und löste sich von ihm.

»Schon gut, krieg dich ein. Ich hatte ja Glück und hab kurzfristig einen Direktflug von Seattle nach New Orleans bekommen. Bist du denn schon lange hier?«

Daniel schüttelte den Kopf. »Gerade angekommen. Wir hätten uns glatt auf dem Flughafen begegnen können.«

»Und hier?« Kenny ließ den Blick in die Runde schweifen. »Alles in Ordnung? Abgesehen davon, dass du dich aus irgendeinem Grund schon wieder nass gemacht hast.«

»Blödmann.« Daniel schaute sich ebenfalls um, dann antwortete er: »Kann ich nicht sagen. Wie gesagt, ich bin auch erst seit ein paar Minuten da.«

»Sieh dir das an, Mann!« Kenny zeigte auf die Alligatoren ringsum. »Der Alte muss in den vergangenen Jahren völlig durchgeknallt sein. Wie viele sind das?«

»Keine Ahnung.«

»Mann, wer will denn so wohnen?«

»Unser Vater wollte es offensichtlich.«

Kenny schnaubte abfällig. »Hätte er sich eigentlich denken können, dass irgendwann mal eines von den Biestern schneller sein würde als er. Eigentlich wäre es zum Lachen, wenn es nicht gerade der eigene Vater wäre. Obwohl …«

»Kenny, bitte, hör auf, so zu reden«, unterbrach Daniel seinen Bruder, der ein anderes Verhältnis zum Vater gehabt hatte als er.

Ich …, setzte Kenny an.

Hast du das gehört?, fiel Daniel ihm ins Wort. Was war das?

»Was war was?« Kenny blickte überrascht.

»Hast du’s nicht gehört?«

»Was soll ich gehört haben?«

»Na, das …«

Da war es wieder.

Ein Geräusch. Nicht zu definieren, aber diesmal nicht zu leugnen. Ein Säuseln oder Wimmern.

»Oh«, machte Kenny und grinste durch seinen Vollbart, der so struppig war wie sein braunes Haar lockig. Von der Erscheinung her war er ganz der Collegelehrer für englische Literatur und kreatives Schreiben. Einschließlich Sakko mit Lederaufsätzen an den Ellbogen. Im ewig verregneten Seattle, wohin es ihn verschlagen hatte, mochte man so etwas brauchen, aber hier im Süden? Allein der Anblick der Jacke ließ Daniel noch mehr schwitzen.

Was meinst du mir ›oh‹?, fragte er.

In diesem Moment wiederholte sich das Geräusch, diesmal lauter und länger anhaltend.

Kennys Grinsen wurde breiter. »Na, wenn das mal keiner von deinen ›stillen Schreien‹ ist!«

***

»Der Wind, der Wind, das himmlische Kind«, sang Kenny mit hohler Stimme.

Das hatten sie Daniel alle einreden wollen, als er noch ein Kind war. Was Daniel damals stille Schreie genannt hatte, sei doch nur der Wind, hatten sie gesagt, der um die Ecken und Erker des großen Hauses striche, sich hier und da verfing und durch Ritzen drang. Dann höre es sich so an, als würde irgendwo jemand leise schreien.

Geglaubt hatte Daniel ihnen nie. Mutter nicht, Vater nicht, Kenny nicht. Wobei Kenny sich ohnehin nur darüber lustig gemacht hatte. Wie über alles, wovor Daniel Angst hatte. Deshalb waren Kenny die Gründe zum Lachen nie ausgegangen.

»Das ist nicht der Wind«, sagte Daniel jetzt. Zu spät biss er sich auf die Zunge.

Kenny lachte auf. »Erzähl mir jetzt nicht, dass du immer noch …«

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