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Haus der Erde

Über den Autor

Woody Guthrie, geboren am 14. Juli 1912 in Oklahoma, gestorben am 3. Oktober 1967 in New York, ist die Ikone (nicht nur) der amerikanischen Folkszene. Sein Song This Land Is Your Land wurde zur inoffiziellen Nationalhymne, zum Symbol des anderen Amerika und in den Sechzigerjahren zum Erkennungszeichen einer weltweiten politischen Bewegung. Songwriter von Bob Dylan bis Bruce Springsteen sind maßgeblich von Guthrie beeinflusst.

Über den Übersetzer

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, lebt als Übersetzer, Herausgeber und Reisebuchautor in Dublin und Berlin. Er hat u.a. übersetzt: Ray Bradbury, William Faulkner, Scott Fitzgerald, Michael Greenberg, Alison Lurie und Mark Twain. 1997 erhielt er den Europäischen Übersetzerpreis Aristeion und 2010 den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Preis.

WOODY GUTHRIE

HAUS
AUS ERDE

Roman

Herausgegeben und mit einer Einführung von
Douglas Brinkley und Johnny Depp

Aus dem amerikanischen Englisch
von Hans-Christian Oeser

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

I ain’t seen my family in twenty years

That ain’t easy to understand

They may be dead by now

I lost track of them after they lost their land

Bob Dylan, »Long and Wasted Years«

Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm,

Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Matthäus 5, 1–5

INHALT

  1. Einführung von Douglas Brinkley und Johnny Depp
  2.   
  3. Erstes Kapitel: Trockenes Harz
  4. Zweites Kapitel: Termiten
  5. Drittes Kapitel: Versteigerungspodest
  6. Viertes Kapitel: Hammerklang
  7.   
  8. Danksagung
  9. Auswahlbibliographie
  10. Auswahldiskographie
  11. Neue Musik aus dem Woody-Guthrie-Archiv
  12. Zeittafel

EINFÜHRUNG

Das Leben ist ganz schön hart …
Man hat Glück, wenn man’s überlebt.

Woody Guthrie

1

Am 14. April 1935 – Palmsonntag – war der umherziehende Schildermaler und Folksänger Woody Guthrie fest davon überzeugt, dass die Apokalypse an die Türen von Pampa, Texas, klopfte. Eine aus Nord- und Süd-Dakota kommende riesige Staubwolke fegte grimmig wie die Black Hills auf Rädern über den Panhandle, den »Pfannenstiel«, von Texas und löschte Himmel und Sonne aus. Als der Staubsturm sich der Stadt näherte, wurde der helle Nachmittag von einer unheilvollen Finsternis verdüstert. Furcht packte die Gemeinde. War ihr Schicksal besiegelt? Niemand in Pampa war vor dieser Bestie sicher. Mit Familie und Freunden in einer schäbigen Behelfshütte um eine einsame Glühbirne hockend, betete Guthrie, ein gläubiger Christ, ums Überleben. Wahnsinnige Winde fingerten sich durch die schlecht schließenden Fenster, die rissigen Wände und hölzernen Türen des Hauses. In Guthries enger Behausung hielten sich die Menschen nasse Lappen vor den Mund, um an dem wirbelnden Staub nicht zu ersticken. Atmen, selbst flaches und unregelmäßiges Atmen, war unendlich mühsam. Guthrie, die Augen zusammengekniffen, das Gesicht verzerrt, hustete und spuckte immer wieder Dreck.

Was Guthrie in Pampa erlebte, dieser Wirbelsturm in der »Staubschüssel«, der Dust Bowl, war, sagte er, wie »das Rote Meer, das über den Kindern Israels zusammenschlägt«. Laut Guthrie konnten die verängstigten Bewohner von Pampa an jenem Aprilnachmittag drei Stunden lang »keinen Sechser in der Tasche, kein Hemd auf dem Buckel, kein Essen auf dem Tisch, nichts verdammtnocheins gar nichts« sehen. Als der Staubsturm endlich weiterzog, schippten die Leute Dreck von ihrer Veranda und schleppten körbeweise Schutt aus ihren Hütten. Guthrie, stets neugierig, versuchte, die Freude des Überlebens mit der allgemeinen Verzweiflung in Einklang zu bringen. Er registrierte die Verwüstungen in Pampa, wie es ein altgedienter Reporter getan hätte. Von dem dicken Ruß waren die Motoren der sonst so zuverlässigen GM-Autos und Fordson-Traktoren ruiniert. In den Viehpferchen und um die Holzhäuser türmten sich mächtige Dünen. Die meisten Rinder waren im Sturm verendet, weil der Sand ihnen Hals und Nase verstopft hatte. Selbst die Geier hatten den Wirbelsturm nicht überlebt. Bilder menschlicher Qual überall. Einige alte Leute, am schwersten getroffen, hatten bleibende Schäden an Augen und Lunge erlitten. Die Staublunge, wie die Ärzte die lähmenden Atemwegserkrankungen nannten, wurde im Panhandle von Texas zur Epidemie. Später schrieb Guthrie ein Lied darüber.    

In einem kraftvollen Klagegesang, der stilprägend für seine Laufbahn als Balladendichter der Staubschüssel war, drückte Guthrie sein Mitgefühl mit den Überlebenden jenes Palmsonntags aus:

On the fourteenth day of April,

Of nineteen thirty-five,

There struck the worst of dust storms

That ever filled the sky.

You could see that dust storm coming

It looked so awful black,

And through our little city,

It left a dreadful track.

Im Frühjahr 1935 war Pampa nicht die einzige Stadt, die durch die vierjährige Dürre Leid und Verluste erlebt hatte. Plötzliche Staubzyklone – schwarz, grau, braun und rot – hatten auch die trockenen Hochebenen von Kansas, Nebraska, Oklahoma, Arkansas, Texas, Colorado und New Mexico verwüstet. Dennoch hatte die Farmer, Rancher, Tagelöhner und Wanderarbeiter der Gegend nichts auf jenen Palmsonntag vorbereitet, als eine große schwarze Wolke und Dutzende weiterer, kleinerer Staubwolken sich rasch zu einer der schlimmsten ökologischen Katastrophen der Geschichte ausweiteten. Vegetation und Tierwelt wurden großflächig zerstört. Bis zum Sommer hatten die glühend heißen Winde hektarweise Ackerkrume abgetragen, und die endlose Dürre verwüstete die Landwirtschaft in den Tiefebenen. Arme Pächter wurden noch ärmer, weil ihre Felder verödeten. Während der gesamten Großen Depression, der Weltwirtschaftskrise, waren die Great Plains unerträglichen Qualen ausgesetzt. Die anhaltende Dürre der frühen dreißiger Jahre hatte die Ernte zerstört, den Boden erodiert und viele Todesopfer gefordert. Tausende von Tonnen dunkler Ackerkrume, mit rotem Lehm vermischt, waren aus Nebraska und den Dakotas hinunter nach Texas geweht worden, von Stürmen, die eine Geschwindigkeit von siebzig bis hundertzehn Stundenkilometern erreichten. Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Aber der nimmermüde Guthrie, im Herzen ein Dokumentarist, ein Chronist, beschloss, dass das Schreiben von Folksongs der richtige Weg sei, die Menschen moralisch aufzurichten.

Angesichts von Trübsinn und Absurdität, von armen Leuten in unendlicher Not, von denen viele durch die Dust Bowl finanziell ruiniert waren, wurde Guthrie zum Philosophen. Es musste eine bessere Art der Unterkunft geben als diese wackligen Holzverschläge, die sich bei sommerlicher Schwüle verzogen, schutzlos den Termiten ausgeliefert waren, bei winterlichen Minusgraden nicht wärmten und von jedem Sand- oder Schneesturm davongeweht wurden. Guthrie begriff, dass seine Nachbarn drei Dinge brauchten, um die Krise zu überstehen: Nahrung, Wasser und ein Dach über dem Kopf. Er beschloss, sich mit dem dritten zu beschäftigen. So entstand der ergreifende Roman Haus aus Erde.

Im Zentrum von Haus aus Erde – in den späten 1930ern konzipiert, aber erst 1947 vollendet – steht die Erkenntnis, dass »Holz vermodert«. An einer Stelle in Guthries Erzählung findet sich eine Tirade gegen forstwirtschaftliche Erzeugnisse, die morsch werden … wackeln … umkippen. Ein Mann beschimpft ein Holzhaus: »Stirb! Fall um! Verrotte!« Vom Staubsturm des 14. April gezeichnet, machte Guthrie, der Sozialist, die Agrarindustrie und den Kapitalismus für die Erosion des Bodens verantwortlich. Wenn dem Roman ein Ethos zugrunde liegt, dann dieses: dass jene, die die Macht haben – besonders Großbanken, Holzhandel, Agrarindustrie, – widerliche Raubritter sind und von den Lohnabhängigen als solche erkannt werden sollten. Woody war ein Mann der Gewerkschaften. Aber seine leidenschaftlichen Reden gegen die Mächtigen enthalten auch einen Hauch von Selbstzweifel. Kann ein Mensch wirklich gegen Wind, Staub und Schnee ankämpfen? Ist es nicht am Ende vergeblich, wenn er seiner Wut Luft macht?

Forscher, die sich mit Woody Guthrie beschäftigen, sind immer wieder erstaunt, wie viel Unveröffentlichtes der Barde aus Oklahoma hinterlassen hat. Er hatte einen untrüglichen Blick für soziale Gerechtigkeit, und er war eine wahre Schreib-Maschine. Während seiner fünfundfünfzig Lebensjahre verfasste er Hunderte von Artikeln, Tagebüchern und Briefen. Oft illustrierte er sie mit gutmütigen Cartoons, Aquarellen und lustigen Stickern. Zudem schrieb er Memoiren und mehr als dreitausend Songtexte. Ständig kritzelte er Ideen auf Zeitungen und Papiertücher. Auch in der bildenden Kunst war er durchaus begabt. Aber Haus aus Erde – in dem das Holz eine Metapher für kapitalistische Plünderer ist, während Adobe, ungebrannte Lehmziegel, ein sozialistisches Utopia repräsentieren, in dem Pachtbauern Land besitzen – ist Guthries einziger vollendeter Roman. Das Buch ist ein Aufruf zum Kampf, so wie die besten Balladen seiner Dust-Bowl-Zeiten.

Der Schauplatz von Haus aus Erde ist die vorwiegend baumlose, ausgedörrte Gegend von Caprock im Texas-Panhandle in der Nähe von Pampa. Guthrie war stolz darauf, dass die Great Plains das Land seiner Vorfahren waren. Es ist vielleicht überraschend, dass der aus Oklahoma stammende Guthrie – der in seinem in die Geschichte eingegangenen Leben von den Redwoods in Kalifornien bis ins subtropische Florida gewandert ist – seinen unverwechselbaren Schreibstil erst im windgeschüttelten Panhandle von Texas entwickelte. Der von Guthrie so geliebte Steilhang des Caprock bildet geologisch eine Grenze zwischen den Hochebenen im Osten und den Tiefebenen von West-Texas. Der Boden in der Region bestand aus dunkel- bis rotbraunem Sand, sandigem Lehm und Ton und war immens fruchtbar. Aber der Mangel an Windschutz – bis auf die Cross Timbers, ein schmales Band aus Schwarz- und Roteichen, das zwischen dem 96. und dem 99. Längengrad von Oklahoma Richtung Süden nach Zentral-Texas verläuft – setzte die Pflanzen den tödlichen Stürmen schutzlos aus. Die Erosion, die dem Missbrauch des Landes durch die Agrarindustrie geschuldet war, wurde zur Plage, und diese Agrarindustrie ist es auch, die Guthrie im Roman so heftig aufs Korn nimmt.

Guthrie, so scheint es, wusste mehr über die Gegend von Caprock als jeder andere Künstler. Er kannte den Slang und den Dialekt der Region, geheime Schlupfwinkel und die besten Fischgründe. In Haus aus Erde verwendet Guthrie gängige Redewendungen authentisch und meisterhaft. Idiomatische Ausrufe unterstreichen Guthries Glaubwürdigkeit. Er hatte mit Menschen gelebt, die den schuftenden Habenichtsen des Romans sehr ähnlich sind, und er war ein wahrer Meister der Sprache. Seine Slang-Ausdrücke sind Lockmittel, ähnlich denen in O. Henrys volkstümlichen Kurzgeschichten. Auf Will Rogers’ großem komödiantischem Repertoire aufbauend, vermittelte Guthrie in einer kleinen Flugschrift mit dem Titel $ 30 würden schon helfen, in der er über die Holzbarone schimpft, die zu Kredithaien wurden, einen Eindruck von seinem geliebten »Lone Star State« Texas: »In Texas kann man weiter sehen, weniger wahrnehmen, weiter gehen, weniger essen, weiter trampen und weniger reisen, mehr Kühe sehen und weniger Milch, mehr Bäume und weniger Schatten, mehr Flüsse und weniger Wasser und mehr Spaß haben für weniger Geld als irgendwo sonst.«

Haus aus Erde hat eine literarische Kraft, die es zu mehr macht als einer Kuriosität; schlichte Glaubwürdigkeit, eingewurzelte Zielstrebigkeit und volkstümliche Traditionen sind auf diesen Seiten deutlich sichtbar. Offensichtlich kannte Guthrie das Land und die verarmten Menschen der Lower Plains. In seinem Roman porträtiert er vier leidgeprüfte Figuren, die den Lesern seiner Songbooks sämtlich oder teilweise vertraut sind: den fleißigen Pächter »Tike« Hamlin; seine streitbare schwangere Frau Ella May; einen namenlosen Inspektor des US-Landwirtschaftsministeriums, der den Farmern empfiehlt, ihr Vieh zu schlachten, um die Preise zu steigern; und Blanche, eine Krankenschwester. Wenn Tike sein morsches Haus voller Ingrimm anschnauzt – »Stirb! Fall um! Verrotte!« –, spricht er für alle Armen dieser Welt, die im Elend leben. Wie Guthries gesamtes Werk, das oft irrigerweise für rein amerikanisch gehalten wird, ist dieser Roman ein flammender Appell an alle Regierungen der Welt, den am schwersten betroffenen Opfern von Naturkatastrophen beim Aufbau eines neuen und besseren Lebens zu helfen. Guthrie macht seinen Lesern auf subtile Weise klar, dass der wahre Bösewicht in dieser Krise der Kapitalismus ist. Guthries Roman könnte ebenso gut in einem haitianischen Slum oder einem sudanesischen Flüchtlingslager spielen wie in Texas.

2

Es war die Hoffnungslosigkeit, die Guthrie zum ersten Mal in die trostlose Gegend um Pampa brachte. Er war am 14. Juli 1912 in Okemah, Oklahoma, geboren worden. Als Guthries Mutter 1927 ins Staatliche Zentralkrankenhaus für Geisteskranke in Norman gebracht worden war (wegen eines Leidens, das heute als Huntingtons Chorea diagnostiziert würde, eine Art Veitstanz), war Guthries Vater in den Panhandle von Texas gezogen. In den zwanziger Jahren war nicht nur die Ernte auf den Feldern von Texas verdorrt, auch die Ölfelder trockneten aus. Tragik schien den jungen Woody zu verfolgen wie eine Gewitterwolke: Seine ältere Schwester Clara starb 1919 bei einem Brand; zehn Jahre später schlug die Wirtschaftskrise in den Great Plains mit aller Macht zu und brachte Armut und Vertreibung. Nachdem Woody seine Jugend in Okemah am Rande des Existenzminimums verbracht hatte, beschloss er, zu seinem Vater nach Pampa zu ziehen, einer großflächigen Gemeinde im Panhandle von Texas, wo hauptsächlich Cowboys, Kaufleute, Wanderarbeiter und Farmer lebten. Guthrie, weitgehend Autodidakt, verdiente seinen Lebensunterhalt inzwischen mit Gitarre und Mundharmonika. Er heiratete ein Mädchen aus Pampa, Mary Jennings, die jüngere Schwester eines Freundes, des Musikers Matt Jennings. Die beiden bekamen drei Kinder. Die Entdeckung von Öl Mitte der zwanziger Jahre machte Pampa unverhofft zur Boomtown. Die Guthries hofften, vom plötzlichen Wohlstand zu profitieren, und übernahmen eine Pension.

Vom Temperament her für einen Job von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ungeeignet, spielte Guthrie – ein zierlicher Mann, der nur fünfzig Kilo wog – in jeder dunklen Pinte, Tanzhalle, Cantina, Fuselhöhle und Tequileria von Amarillo bis Tucumcari für Trinkgeld oder ein Sandwich Mandoline. Links und fortschrittlich eingestellt, war Guthrie entschlossen, sich von der Armut nicht unterkriegen zu lassen. Wie Will Rogers sah er sich als aufrechten Kämpfer für Wahrheit und Liebe. Den Kopf zur Seite geneigt, das Kinn gereckt, verkörperte er den authentischen Vagabunden aus West-Texas, der beschreibt, wie gemein das Leben zu den Armen ist. Er wurde zum Sänger der Verarmten, Verschuldeten und Geächteten. In allem, was Guthrie tat, zeigte sich jedoch auch absurde Komik. »Wir haben auf Rodeos, Hundertjahrfeiern, Rummelplätzen, Paraden, Jahrmärkten und schlichten Besäufnissen gesungen«, erinnerte sich Guthrie, »und mehrere Nächte und Tage pro Woche gespielt, nur um zu hören, wie im Wind das Holz unserer Gitarren klapperte und die Saiten sirrten.«

Entschlossen, seiner ersten Tochter Gwendolyn ein guter Vater zu sein, versuchte Guthrie, sich seinen Lebensunterhalt in Pampa auf ehrliche Weise zu verdienen. Aber er war rastlos und pleite. Als Schildermaler für den C and C-Supermarkt verdiente er sich ein Zubrot. Wenn er nicht Musik machte oder zeichnete, verkroch er sich in der Leihbücherei; die Bibliothekarin schilderte seine unendliche Freude an Büchern. Bereit, sich mit den großen Fragen des Lebens herumzuschlagen, wurde er Baptist, lernte Gesundbeten und Wahrsagen, las Traktate der Rosenkreuzler und beschäftigte sich mit östlicher Philosophie. Er arbeitete als Parapsychologe, um seinen Mitbürgern bei ihren persönlichen Problemen zu helfen. Er wollte Träume in Erfüllung gehen lassen. An den Wochenenden wurde seine Musik, mit der er den Geknechteten das Leben erleichtern wollte, mitunter von einem schuhkartongroßen Rundfunksender in Pampa ausgestrahlt. Je nach Stimmung konnte er ein bodenständiger Komiker sein oder ein profunder ländlicher Philosoph der Ätherwellen. Immer aber war er Woody pur.

Seine Streifzüge durch Texas führten ihn nach Süden ins Perm-Becken, nach Osten in die Gegend von Houston und Galveston, dann durch das Brazos-Tal hinauf in die Nördlichen Zentralebenen und zurück zu den Ölfeldern von Pampa. Stets aufseiten der Benachteiligten, lebte Guthrie frei und ungebunden in Landstreichercamps und gab seine mageren Einkünfte für Mahlzeiten oder eine Dusche aus. Er war stolz darauf, zu den Unterdrückten des Südens zu gehören. Sein Herz schlug für die sozial Schwachen:

If I was President Roosevelt

I’d make groceries free –

I’d give away new Stetson hats,

And let the whiskey be.

I’d pass out suits of clothing

At least three times a week –

And shoot the first big oil man

That killed the fishing creek.

In New Mexico entdeckte Woody die Idee des Adobe für sich. Im Dezember 1936, achtzehn Monate nach dem Schwarzen Sonntag, als der Staubsturm den Panhandle von Texas zerstört hatte, erlebte Guthrie eine Epiphanie. Er besuchte in Santa Fe, New Mexico, einen Pueblo der Nambe. Die schlammbeschmierten Mauern aus Lehmziegeln faszinierten ihn (wie schon D. H. Lawrence und Georgia O’Keeffe). Die Adobe-Haciendas hatten robuste hölzerne Regenabflüsse und waren aus Ziegeln, die aus Erdreich und Stroh bestanden, schlicht, aber vollkommen wasserdicht, im Gegensatz zu den meisten Häusern seiner texanischen Freunde, die aus Abfallholz und billigen Nägeln notdürftig zusammengezimmert waren. Diese Häuser in New Mexico, mit ihren Backsteinen aus Schlamm (2,54 mal 25,56 mal 10,16 cm), waren an der Sonne getrocknet und für die Ewigkeit gebaut, das begriff Woody.

Adobe ist eins der ersten Baumaterialien, die der Mensch je verwendet hat. Guthrie glaubte, dass Jesus Christus – sein Erlöser – in einem Stall aus Lehmziegeln geboren wurde. Solche Bauten schienen Mutter Erde selbst zu verkörpern. Wenn die Menschen in Städten wie Pampa Staub- und Schneestürme überleben wollten, entschied Guthrie, mussten sie Häuser bauen, wie die Nambe es taten, Häuser, die bis zur Wiederkunft Christi halten würden. In New Mexico begann er mit fast religiösem Eifer, Adobes aus »Luft, Lehm und Himmel« zu malen. Vor dem Museum von Santa Fe sagte eines Nachmittags eine alte Frau zu ihm: »Die Welt ist aus Adobe gemacht.« Er war von ihren Worten zutiefst erschüttert und konnte nur noch zustimmend nicken: »Wie der Mensch.«

Aus dieser Offenbarung in New Mexico entstand die Grundidee zu Haus aus Erde. Für Guthrie war New Mexico, das Land des Zaubers und der Verzückung, der Ort, an dem sich hispanische, indianische, afro-amerikanische, asiatische und europäische Kultur vermischten. Für ihn war dieser Staat ein Mosaik überdauernder Völker und Kulturen. Im Pueblo von Taos, teilweise fünf Stockwerke hoch, lebten seit einem Jahrtausend amerikanische Ureinwohner. Santa Fe, 1610 gegründet, war die älteste europäische Stadt auf dem Boden der USA. Wie Guthrie in seinem Song »Bling Blang« schrieb, den er 1956 für sein Album Songs to Grow on for Mother and Child aufnahm, war der Tag der Abrechnung nah: Lehmziegelbauten im Stil von New Mexico.

I’ll grab some mud and you grab some clay

So when it rains it won’t wash away.

We’ll build a house that’ll be so strong,

The winds will sing my baby a song.

In New Mexico begriff Guthrie, dass man kein ausgebildeter Maurer zu sein brauchte, um ein Adobe-Haus zu bauen. Sein Traum war es, im Panhandle von Texas zu leben und umherzuziehen und sich auf dem Land einer Ranch aus sonnengetrockneten Ziegeln eine Zuflucht zu bauen, in die er jederzeit zurückkehren könnte –, ein Haus, das weder hölzerner Sarg war noch einer Bank gehörte und das dem gefürchteten Staub und Schnee nicht schutzlos preisgegeben war. Mit dem Eifer des Bekehrten begann Guthrie, die Stimme der nach Regen dürstenden Staubschüssel, in Texas das Loblied der Lehmziegelbauweise zu singen. Für fünf Cent kaufte er beim Landwirtschaftsministerium dessen Schrift Nr. 1720, Die Verwendung von Adobe bzw. sonnengetrockneten Ziegeln beim Hausbau. Von T. A. H. Miller verfasst, brachte dieses praktische Handbuch der armen Landbevölkerung (und anderen) bei, wie man vom Keller aufwärts ein Adobe-Haus baut. Im Panhandle waren Bauholz und Steine nicht billig, Adobe war also für architektonisch venünftige Häuser im Südwesten genau das Richtige. Alles, was ein Amateur brauchte, war eine geeignete Mischung aus Lehm und Stroh, die die selbstverfertigten Ziegel aushärten ließ. Das einzige Problem war der Bau eines regensicheren Daches. (Schließlich wurde zum Abdichten emulgierter Asphalt verwendet.) Alles andere war ein Kinderspiel.

Die in der Flugschrift erwähnte amerikanische Modellstadt war Las Cruces, New Mexico, wo achtzig Prozent aller Gebäude aus Adobe bestanden. Jahrzentelang machte Guthrie für diesen Leitfaden des Landwirtschaftsministeriums Reklame. Da er wusste, dass Keller die Staubstürme des Panhandle besser überstanden hatten als oberirdische Holzkonstruktionen, die Wind und Termiten ausgeliefert waren, hielt Guthrie es für seine Pflicht, sich für diese Art Behausung in Dürregebieten stark zu machen. Wenn kleine Pächter und Landarbeiter in Gegenden wie Pampa ein Stück Land besäßen – sogar unkultivierbaren Boden inmitten von arroyos, trockenen Flussbetten, oder von rotem Fels umgeben –, könnten sie sich ihr erträumtes Haus aus Erde bauen, das feuerfest, gut isoliert, windfest, schneefest, staubschüsselfest, diebstahl- und insektensicher wäre.

Anfang 1937 wurde Guthrie durch seine Vision von der Adobe-Bauweise zu Haus aus Erde inspiriert. Ein tückischer Schneesturm, in dem sich Staub mit Schnee vermischte und die weißen Flocken braun färbte, suchte den Panhandle heim, und von einem Unwetter, das die Pampa Daily News als das »irrwitzigste« aller Zeiten bezeichnete, wurde Guthries elende $ 25-pro-Monat-Bude völlig durchgerüttelt. Nie zuvor hatten die Anwohner ein Sommergewitter, komplett mit Donner und Blitz, bei Temperaturen von unter –20 °C erlebt. Am Kamin – das Thermometer war eingefroren – träumte Guthrie von warmen Adobe-Häusern und begann Haus aus Erde zu konzipieren. Im Vorjahr hatte er sich in Los Angeles mit dem Schauspieler und Aktivisten Eddie Albert angefreundet (der 1938 in der Hollywood-Version von Brother Rat an der Seite von Ronald Reagan sein Spielfilmdebüt geben und von 1965 bis 1971 eine Hauptrolle in der Fernseh-Sitcom Green Acres spielen sollte). Guthrie war von dem charismatischen Albert, einem Befürworter der ökologischen Landwirtschaft, so begeistert gewesen, dass er ihm zum Abschied seine Gitarre geschenkt hatte. »Tach auch«, schrieb Guthrie ihm aus dem frostklirrenden Pampa. »Wir hatten kein Problem, die Dust Bowl zu finden, und sind so eingemummelt, wie eine Familie es nur sein kann. Dumm ist nur, dass der Staub so gefroren ist, dass er nicht weggeweht wird und überall rumkratzt. Hatten hier sieben oder acht ordentliche Blizzards. Jeder hat 3 bis 4 Tage gedauert. Der letzte Frost hat uns aus unserem Vorderzimmer vertrieben. Im Haus brannten Küchenherd und Heizung volles Rohr, und es war so windig, dass fast das Feuer ausging. Abends graben wir uns ein und bei Sonnenaufgang wieder aus. Echt eisig hier, das kann ich Dir sagen. Nach dem Wäscheaufhängen hat es drei Mal geschneit und getaut. Das Zeug ist auf der Leine gefroren. Beim Abnehmen war es bretthart.«

Das Quecksilber fiel in Pampa auf –21 °C, die Gasleitungen froren ein, und Häuser hatten keine Heizung. Obwohl Guthrie trotz Winter froh war, wieder zu Hause zu sein, machte er sich Sorgen. Das, was die New York Times einen »Schneesturm aus gefrorenem Matsch – kakaofarben« nannte, trommelte auf die Great Plains ein. In Pampa konnte man oft weniger als sechzig Meter weit sehen. In seiner Bude, jämmerlich frierend, versuchte Guthrie, seine kleine Tochter vor einer fiebrigen Erkältung zu bewahren, und träumte davon, sobald es im Frühjahr taute, Adobe-Steine zu formen. Ein so kühnes Unterfangen würde ihn $ 300 an Materialien für ein Sechszimmerhaus kosten. »Man gräbt einen Keller aus und mischt da drin den Schlamm und das Stroh, irgendwie mit den Füßen, weißt Du, und wenn der Schlamm richtig dick ist, tut man ihn in eine Form und schafft etwa 20 Ziegel am Tag, und irgendwann hat man genug für ein ganzes Haus«, schrieb er an Albert. »Das Wetter härtet sie 2 bis 3 Wochen lang, die Sonne brennt sie, und dann zieht man seine Mauer hoch.«

Guthries Brief an Eddie Albert – bisher unveröffentlicht, genau wie Haus aus Erde – ist erst kürzlich entdeckt worden. Er zeigt, wie fasziniert Guthrie von seinem Traum eines Adobe-Hauses war, während er versuchte, den brutalen Winter des Jahres 1937 zu überleben.

Wir haben nach Washington, D.C., geschrieben und ein Buch über sonnengetrocknete Ziegel gekriegt.

Die Typen da oben beim Landwirtschaftsministerium wissen schwer Bescheid. Sie schreiben über die Arbeit so, dass man denkt, das kann ich auch.

Sie haben dieses Buch über Adobe-Ziegel so schweinemäßig interessant geschrieben, dass man es alle paar Seiten hinlegen muss, um sich Matsch und Heu zwischen den Zehen rauszupulen.

Die Leute hier glauben irgendwie nicht richtig an so ein Haus. Die Alten meinen, dass es nicht hält. Aber das Buch vom Landwirtschaftsministerium, da ist eine Landkarte drin, die zeigt, in welchen Teilen des Landes die Sache funktioniert, und es sagt in klaren Worten, dass sonnengetrocknete Ziegel die Antwort auf so viele Gebete von staubgeplagten Familien sind.

Weil mit viel harter Arbeit, die wir Staubschüssler seit langem gewohnt sind, und sehr wenig Barem jede Familie ein verdammt gutes Haus hochziehen kann, das insektenfest, feuerfest und im Sommer kühl und im Winter innen nicht zugig ist.

Ich habe hier auf dem Hof ein bißchen mit Schlammziegeln rumprobiert, und wenn man erst mal welche gemacht hat, weiß man, wer kein Haus aus Staub und Wasser hinkriegt, bei Gott, der kriegt gar keins hin.

Ich habe hier einen Zementmann an der Hand, der gut ist, wenn er Arbeit kriegen kann, und auch einen Onkel, der seit 45 Jahren hier auf den Plains lebt. Der kennt hier alle Hügel und Mulden und Senken und Canyons und Flussbetten, wo wir Zeug zum Bauen finden, Holz und Steine und Sand, und er ist zu alt, um einen Job zu kriegen, aber jung genug zum Bauen.

Dieser Zementarbeiter ist frisch verheiratet. Könnte aber ein bisschen arbeiten.

Weil das Klima hier ziemlich trocken und sehr staubig ist, weil immerzu ein Wind bläst und der Weizen trotzdem wächst, wieso sind dann hier noch nicht diese guten billigen Häuser eingeführt worden, die, wenn ich mir die Ziegel auf meinem Hinterhof ansehe, ein großer Erfolg wären, glaube ich.

Wenn Leute keine Arbeit finden oder sonst was, könnten sie sich ein Haus bauen, da können sie viel lernen.

Uns gehört das kleine Holzhaus jetzt seit sechs Jahren, und es war rundrum ein Segen, und für genauso viel Arbeit und Geld, wie das Haus uns gekostet hat, kann man aus dem Staub der Erde eins hochziehen, das zwei Mal so gut ist.

Es wäre fast staubsicher, und eine ganze Ecke wärmer, und würde obendrein länger halten. Aber die Leute hier haben es einfach noch nicht begriffen oder keine Information von der Regierung gekriegt, oder sie stolpern irgendwie rum und übersehen, was sie rettet.

Die Holzhändler hier machen keine Reklame für Schlamm und Stroh, weil es auf Erden keinen Fleck ohne so was gibt, aber fast überall sieht man alte Adobe-Häuser, die sind so alt wie Hitlers Tricks und existieren immer noch, wie die Juden.

Wenn ich Dir eine Predigt zu dem Thema halten wollte, würde ich mir die Lunge mit Luft vollpumpen und sagen, dass der Mensch selbst ein Adobe-Haus ist, eine Art zeitloser alter Tempel.

Aber worauf ich rauswill, bevor das Papier alle ist: Wir kratzen uns den Kopf, wo wir diese $ 300 herkriegen sollen, und wir würden die Arbeit machen, und wir würden auf einen Zettel schreiben, dass dies Haus jemand anderem gehört, bis wir es abbezahlt haben …

Die Raten müssten natürlich ziemlich niedrig sein, bis wir alles auf der Reihe haben und es taut und die Sonne sich rausbequemt, aber es wäre ein Darlehen und so willkommen wie ein Geschenk.

In diesem Fall könnten ein paar »nachgedrehte Szenen« der Kreditgeber einen ziemlich trostlosen »Film« in einen guten verwandeln, vielleicht sogar in einen Endlosfilm.

Seit den späten 1930ern spielte Guthrie mit der Idee, eine Hymne auf die Überlebenden der Staubschüssel zu schreiben, mit Adobe als Leitmotiv. Weil John Steinbeck mit Früchte des Zorns über die Wanderung der Okies von Oklahoma und Texas nach Westen ihm, Guthrie, die Schau gestohlen hatte, beschloss er, sich auf seine Erfahrungen als Überlebender des Schwarzen Sonntags und des großen Schlammsturms zu konzentrieren. Außerdem fand er den Dialekt von Steinbecks entwurzelten Joads unrealistisch. Für Guthrie war lebensechte schlechte Grammatik wesentlich, um zu vermitteln, wie die Menschen im Westen wirklich redeten. Er war – wie Joel Chandler Harris, der Verfasser der Geschichten von Onkel Remus – ein ausgezeichneter Zuhörer. Haus aus Erde sollte weniger eine zugespitzte Dokumentation der meteorologischen Katastrophe werden als vielmehr die Dialekte der Texas-Okies authentisch wiedergeben. Wie alle Reporter konzentrierte Steinbeck sich auf die Staubzyklone, aber Guthrie wusste, dass die eisigen Winterstürme in West-Texas während der Staubschüssel-Ära auch seinen Leuten schwer zugesetzt hatten. Guthrie gestand Steinbeck zu, die Diaspora in Kalifornien meisterhaft dokumentiert zu haben. Er selbst dagegen wollte jenen tapferen und störrischen Seelen, die beschlossen hatten, im Panhandle in Texas zu bleiben, ein literarisches Denkmal setzen. Steinbeck lässt in Früchte des Zorns ganze Familien das Land von Milch und Honig suchen, Guthries Herz dagegen schlägt für jene unbeugsamen Dreck-und-Staub-Farmer, die in den Great Plains zurückblieben, um Bankern, Holzbaronen und der Agrarindustrie die Stirn zu bieten, die das schöne wilde Texas durch Überweidung, Kahlschlag, Tagebau und rücksichtslose Landwirtschaft geschändet hatten. Das ausgebeutete Land und die arbeitenden Menschen bekamen einen feuchten Dreck … nichts … zero … nada … zilch. (Eine Zeit lang benutzte Guthrie den nom de plume Alonzo Zilch.)

Während Guthries fünfundzwanzigjähriges Herz in Texas blieb, machten sich seine Füße bald auf in Richtung Kalifornien. Wie Tike Hamlin, die Hauptfigur in Haus aus Erde, ging Guthrie während des großen Schlamm-Schneesturms von 1937 auf dem Holzboden seiner Bruchbude in 408 South Russell Street, Pampa, auf und ab und suchte im dürregeplagten Elend der Depression nach einem Sinn. Er sah nur zwei Möglichkeiten der Rettung: entweder nach Kalifornien zu ziehen oder in Texas ein Haus aus Adobe zu bauen. Wenn die Protagonistin Ella May Hamlin ruft: »Warum muss es immer was geben, was einen umhaut? Warum is dieses Land voller Sachen, die man nich sehen kann, voller Sachen, die einen umhauen, umstoßen, umschmeißen und einem die letzte Hoffnung rauben?«, spürt der Leser Guthries tief sitzende Frustration. In der Hoffnung auf ein regelmäßiges Einkommen beschloss er, sein Glück in Kalifornien zu versuchen. Er kannte die alten Countrysongs der Carter Family und hatte selbstgeschriebene Songs wie »Ramblin’ Round« und »Blowing Down this Old Dusty Road« im Repertoire. Er war entschlossen, ein Folksänger zu werden, der etwas verändern würde.

Anfang 1937 – der genaue Zeitpunkt ist unbekannt, aber es war nach der Schneeschmelze – packte Guthrie seine Malutensilien zusammen, zog neue Saiten auf seine Gitarre auf und trampte auf einem Bierlaster nach Groom, Texas. Dort kletterte er aus dem Führerhaus, winkte zum Abschied und begann, die Route 66 (von Steinbeck die »Fluchtroute« genannt) Richtung Los Angeles entlangzuwandern. In jedem noch so kleinen Kaff bettelten Wanderarbeiter um Nahrung.

Die Probleme und Sorgen, mit denen sich Guthrie in Kalifornien konfrontiert sah, hatten fast etwas Biblisches. Wie alle anderen Wanderarbeiter auf der Route 66 auch war er ständig vom Hungertod bedroht. Hin und wieder versetzte er seine Gitarre, um Essen zu kaufen. Wie die Fotografin Dorothea Lange besuchte er Camps im kalifornischen San Joaquin Valley und sah entsetzt, wie viele Kinder dort an Unterernährung litten. Dann aber kam Guthries große Chance, er ergatterte einen Job beim Sender KFVD in Los Angeles und sang mit seiner Partnerin Maxine Crissman (»Lefty Lou from Mizzou«) traditionelle »Oldtime«-Songs. Sein Hillbilly-Auftreten kam an, und Guthrie schaffte es, mit seinen wehmütigen Songs vom Leben in Oklahoma und Texas über die lokalen Ätherwellen die Wanderarbeiter in den Camps zu erreichen. Eine Zeit lang sendete er aus dem XELO-Studio in Villa AcuMa im mexikanischen Bundesstaat Coahuila; der starke Sender konnte im gesamten Mittleren Westen und in Kanada empfangen werden, der Topographie und den Vorschriften der US-Medienaufsichtsbehörde (FCC) zum Trotz.

Die Besitzer vieler Sender wollten Guthrie als glatten Cowboy-Swing-Schnulzensänger wie Bob Wills (»My Adobe Hacienda«) und Gene Autry (»Back in the Saddle Again«). Guthrie hatte jedoch eine andere Form des Folksongs entwickelt, an der er kompromisslos festhielt. »Ich hasse einen Song, der dir das Gefühl gibt, dass du nix taugst«, erklärte er. »Ich hasse einen Song, der dir das Gefühl gibt, dass du der geborene Verlierer bist. Dass du nur verlieren wirst. Nix wert bist. Zu nix zu gebrauchen. Zu gar nix. Weil du zu alt oder zu jung oder zu dick oder zu dünn oder zu hässlich oder zu dies oder zu das bist …, Songs, die dich niedermachen, oder Songs, die sich lustig machen über dich, weil du Pech hast oder auf der Straße lebst. Gegen diese Art Songs werde ich bis zum letzten Atemzug und bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.«

Als »Hobo-Reporter« für The Light war Guthrie 1938 viel unterwegs und berichtete von den 1,25 Millionen heimatlosen Amerikanern der späten 1930er. Das Elend in den Migrantenlagern machte ihn zornig. Ständig wünschte er sich, die Armen könnten in Adobe-Häusern wohnen. »Die Leute leben hungriger als Ratten und dreckiger als Hunde«, schrieb er, »im Land der Sonne und im Tal der Nacht.« Guthrie begriff, dass diese sogenannten Staubschüsselflüchtlinge entgegen dem Mythos nicht von den Stürmen aus Texas vertrieben oder durch die großen Landmaschinen überflüssig gemacht worden waren. Sie waren Opfer von Grundbesitzern und Banken, die sie aus Habgier vertrieben hatten. Diese Raffzähne wollten die Pächter loswerden, um aus einem Flickenteppich kleiner Höfe riesige Rinderfarmen zu machen, und zwangen so die Landbevölkerung in die Armut. Auf seinen Reisen durch Kalifornien sah Guthrie Wanderarbeiter, die in Pappkartons lebten, in schimmeligen Zelten, dreckigen Bretterbuden und Hütten aus Apfelsinenkisten. Jede nur denkbare wacklige Konstruktion war errichtet worden, nur Häuser aus Lehmziegeln waren nirgends zu finden. Dies wurmte Guthrie maßlos. Was würde Jesus Christus von diesen räuberischen Geldwechslern halten, die die kleinen Farmen Amerikas zerstörten und anständige Menschen zwangen, in Verschlägen zu vegetieren? »Für jeden Farmer, der weggestaubt oder wegtraktorisiert wurde«, sagte Guthrie, »wurden weitere zehn von Banken verjagt.«

Die Roosevelt-Regierung versuchte, den armen Farmern durch die Umsiedlungsbehörde (die Nachfolgeorganisation der Farm Security Administration, berühmt, weil sie mit Künstlern wie Dorothea Lange, Walker Evans und Pare Lorentz zusammengearbeitet hatte) zu helfen, indem sie den Ruinierten zehn bis fünfundvierzig Dollar Unterstützung pro Monat zahlte; die Farmer standen in der Behörde um diese Gelder an. Außerdem wollte Roosevelt Farmern wie den Hamlins helfen, indem er die US-Forstverwaltung anwies, auf Millionen Hektar Farmland Bäume und Sträucher anzupflanzen, die als Schutzgürtel dienen und die Erosion reduzieren sollten, und das Landwirtschaftsministerium ließ in Oklahoma und Texas Seen anlegen, um das trockene Riedgras zu bewässern. Diese noblen Anstrengungen des New Deal halfen zwar, beendeten die Krise aber nicht.

3

Die Legende von Guthrie als Folksänger ist in Amerikas kollektives Bewusstsein eingeätzt. Songs wie »Deportee«, »Pastures of Plenty« und »Pretty Boy Floyd« wurden zu Nationalheiligtümern, ähnlich dem Almanach Armer Richard von Benjamin Franklin und dem Roman Die Abenteuer des Huckleberry Finn von Mark Twain. Mit dem Slogan »This Machine Kills Fascists«, der seine Gitarre schmückte, zog Guthrie durch die Lande, ein selbsternannter Cowboy-Hobo und Hansdampf, der mit seinen proletarischen Songtexten die Benachteiligten feierte. Als Guthrie 1939 hörte, wie Kate Smith im Radio bis zum Überdruss von Küste zu Küste »God Bless America« von Irving Berlin sang, beschloss er, dem lyrischen Unsinn und falschen Trost dieses patriotischen Liedes etwas entgegenzusetzen. Im Hanover House verschanzt, einem billigen New Yorker Hotel, Ecke 43rd Street und Sixth Avenue, schrieb Guthrie am 23. Februar 1940 eine Antwort auf »God Bless America«. Ursprünglich nannte er das Lied »God Blessed America«, entschied sich schließlich aber für »T

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