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Harte Marshals: Wichita Western Sammelband 5 Romane

Alfred Bekker, Heinz Squarra, Glenn Stirling, Pat Urban

Harte Marshals: Wichita Western Sammelband 5 Romane

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Inhaltsverzeichnis

  • Harte Marshals: Wichita Western Sammelband 5 Romane
  • Copyright
  • Die Bridewells
  • Das harte Dutzend
  • Carringo und die Hölle auf Erden
  • Das vergessene Fort
  • Der Marshal und der Rancher

Harte Marshals: Wichita Western Sammelband 5 Romane

Alfred Bekker, Heinz Squarra, Glenn Stirling, Pat Urban

Dieser Band enthält folgende Western:


Die Bridewells (Glenn Stirling)

Das harte Dutzend (Alfred Bekker)

Carringo und die Hölle auf Erden (Heinz Squarra)

Das vergessene Fort (Pat Urban)

Der Marshal und der Rancher (Glenn Stirling)


Der Rancher Dickens muss erleben, dass zwei seiner Kinder getötet wurden. Jemand legt es darauf an, sein Lebenswerk zu zerstören und ihn zu vernichten. Obwohl Dickens ihn nicht sehr schätzt, steht US Marshal Cliff Copper auf seiner Seite und versucht ihm zu helfen. Wer wissen will, wer hinter diesem Vorhaben steht, muss weit in die Vergangenheit zurückgehen.


Die Bridewells


Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.


Der Rancher Thomas Bridewell beordert nach acht Jahren seinen Sohn Ken wieder nach Hause. Er soll einen Damm sprengen, den der fortschrittlich denkende Florence errichtet, um texanisches Rinderland zu fruchtbarem Acker zu machen.

Ken befürwortet dieses Vorhaben, aber er versteht auch seinen Vater, der die Traditionen und die wilde Natur der freien Weide verteidigt. Und so gerät er inmitten der Fronten, zwischen denen der Hass brodelt und die Gewalt immer mehr zunimmt, bis ein mörderischer Kampf entbrennt.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

„Da ist er“, murmelt Ken und muss seine Unruhe verbergen. „Er hat sich kaum verändert ...“

„Er ist immer noch der alte verdammte Tiger“, sagt Rill Race und blickt zur Veranda hinüber.

Sie sitzen ab und übergeben Felipe die Pferde.

Der Tisch ist bereits gedeckt. Hinten am Kopfende sitzt er, Thomas Jackson Bridewell. Ein sechzigjähriger Mann, ein Hüne von Gestalt mit schlohweißem Haar, einem ledernen Gesicht, das von einem Vollbart umrahmt wird und in dem helle Augen leuchten.

Als Ken den Vater erblickt, fragt er sich, ob die acht Jahre spurlos an diesem Alten vorübergegangen sind. So wie jetzt hat der Alte in seiner Erinnerung immer ausgesehen. Wie ein Fels, unverrückbar, unüberwindlich. Und so hart wie ein Stein.

Neben ihm sitzen die beiden Brüder Kens. Der bullige, grobschlächtige Steve. Er ist zwei Jahre jünger als Ken, doch das Leben in der Prärie hat ihm ein Antlitz aufgeprägt, das ihn älter erscheinen lässt. Ihm gegenüber sitzt Joe. Sein Gesicht zeigt noch mehr Sommersprossen als das von Dill Race.

Bevor Ken etwas sagen kann, kommt Nora aus dem Haus. Sie setzt hastig die Schüssel ab, wischt sich die Hände an der Schürze ab und kommt auf Ken zu. Ein pausbäckiges junges Mädchen von knapp zweiundzwanzig Jahren, frisch wie ein reifer Apfel, strahlend wie ein Bergkristall. „Kenny!“, ruft sie und wirft sich Ken an den Hals. Sie küsst ihn, jauchzt vor Wiedersehensfreude. Plötzlich grollt eine Bassstimme: „Aus der Sicht, Nora!“

Nora lässt von Ken ab.

„Hallo, Dad“, murmelt Ken.

Der Alte schweigt. Sein Blick ist starr auf Ken gerichtet, forschend, beherrschend. Vater und Sohn sehen sich in die Augen. Und obwohl sie kein Wort sprechen, ist das eine Unterhaltung. Der Alte begreift, dass Ken ihm nicht so gehorchen wird wie die anderen, wie Steve oder Joe. Er sieht es an dem Trotz in Kens Augen. Aber er erkennt auch, dass Ken dennoch ein Bridewell ist und bleiben wird. Er weiß, dass sein Blut nicht abtrünnig werden kann, komme, was wolle. Und deshalb lächelt er. Das harte Antlitz entspannt sich.

Ken spürt den Zwang, der vom Blick des Vaters ausgeht. Er fühlt, wie groß die Macht dieses Mannes noch immer ist, wie sie auf ihn wirkt.

„Platz, eh, Steve, rück zur Seite! Setz dich an meine Seite, Sohn Ken!“, kommt es polternd aus dem Mund des Alten.

Steve knurrt wie ein Wolf, aber er rückt und macht dem Mann Platz, der einmal diese Ranch erben sollte und großspurig verzichtete, um Ingenieur zu werden. Es gibt keine Begrüßung durch Handschlag, obgleich acht Jahre vergangen sind. Ken ist da, er ist gekommen, gut. Es wird kein Aufhebens gemacht. Ein Bridewell kommt, wenn ihn der Vater ruft. Sohn Ken sitzt dort, wo er viele Jahre gesessen hat, rechts von seinem Vater.

Jetzt erst wendet sich der Alte an Bill Race. Es ist so, als habe er ihn überhaupt jetzt erst bemerkt.

„Und du? Ah, du kommst dir deinen Lumpenlohn abholen, wie?“

„Nicht so wild, alter Mann. Wenn ich das ins falsche Ohr bekomme, zahlst du noch hundert drauf“, knurrt Bill.

Der Alte bleibt ruhig. Wider Erwarten wirft er Bill nicht das erste beste Stück an den Schädel. „Steve, gib diesem Mann sein Geld! Und wenn ich ihn dann noch fünf Minuten lang auf dem Hof sehe, jage ich ihn mit der Bullpeitsche von meinem Land. Erkläre es ihm, Steve!“

Bill Race wird blass. Er schnappt nach Luft. So etwas ist ihm noch nie widerfahren.

Nora will etwas sagen, doch Joe knurrt: „Halt den Schnabel, Baby! Kümmere dich nicht darum!“

Da begreift Ken. Aber er ist nicht gewillt, hier mitzumachen.

„Dad, dieser Mann ist einen halben Tag geritten. Ich habe ein Pferd von ihm. Es ist nicht üblich, einen Mann wegzuschicken, wenn er aus Tascosa kommt. Bill ist nicht dein Feind.“

Der Alte scheint gar nicht zugehört zu haben. Jetzt wendet er sich Steve zu und grollt: „Los, das Geld, damit ich diese Visage nicht länger sehen muss!“

Bill dreht sich um. Er geht von der Veranda. Ken will aufspringen, aber da packt ihn der Alte am Arm.

„Setz dich! Der ist keinen Cent wert. Ein Florence Kriecher, einer von denen, die diesem Bastard die Hand lecken. Bleib sitzen, Sohn! Kümmere dich nicht darum! Dein Bruder Steve wird das erledigen.“

Bill dreht sich halb um und sagt: „Ken, ich will nicht, dass du dich noch mal mit ihm streitest. Lass gut sein, ich reite.“

„Verdammt, Dad, er reitet nicht!“, protestiert Ken.

Der Alte hört gar nicht hin. sondern schlürft laut und deutlich seine Suppe.

Steve kommt mit dem Geld. Bill nimmt es und geht grußlos weg. Ken will aufstehen, doch da steht Steve neben ihm.

„Bleib!“, befiehlt er.

Joe steht ebenfalls auf und stellt sich drohend hin.

„Bleib!“, sagt auch er.

Ken kennt das. Er hat es schon früher erlebt. Doch diesmal mischt sich der Alte nicht ein. Während er seine Suppe schlürft, blickt er belustigt auf seine Söhne. Ken steht auf. Er und Steve blicken sich an. Ken muss etwas hinabsehen, denn Steve ist kleiner als er. Kleiner, aber breit wie ein Schrank. Ein Bulle, und so nennen ihn alle.

„Setz dich!“, knurrt Steve.

„Aus dem Weg!“, faucht Ken.

„Lass es bleiben, Ken!“, ruft Joe von hinten.

Ken ist ein Bridewell, und er weiß um deren Gesetze. Hier gibt es nur einen Weg, sich Respekt zu verschaffen. Blitzschnell schlägt er zu. Die Faust trifft Steve mitten ins Gesicht, stößt ihn bis zur Verandabrüstung zurück. Doch dort richtet sich der Getroffene wieder auf.

Nora schreit gellend auf und sieht sich um. Steve kommt trotz seiner Körpermassen wie ein Panther auf Ken zu. Gleichzeitig läuft Joe um den Tisch herum.

Der Alte hat aufgehört zu essen und lehnt sich in genussvoller Erwartung der kommenden Dinge weit im Stuhl zurück. Ein Lächeln stiehlt sich um seine schmalen Mundwinkel.

Steve will zuschlagen, doch Ken ist geschmeidiger. Er weicht aus. Steve stürzt auf den Tisch, reißt die Schüsseln und Teller herunter, wirbelt herum und prallt mit Joe zusammen, der sich gerade auf Ken stürzen will. Ken nutzt seine Chance und knallt Steve das Geschirrtablett auf den Schädel. Als Steve taumelt, trifft Kens Schlag den verblüfften Joe.

Bevor beide wieder richtig in Fahrt kommen, schlägt Ken nach. Aber er hat Steve unterschätzt. Der scheint aus Stahl zu sein. Er schüttelt sich wie ein Bär, torkelt noch etwas und springt dann blitzschnell vor. Sein Schlag hat die Wucht eines Hammers. Und dieser Schlag trifft Ken ans Kinn.

Ken stürzt über einen Stuhl, reißt den Tisch im Fallen um und bleibt bewusstlos am Boden liegen.

Nora will sich schützend auf ihn werfen, doch Joe reißt sie zur Seite. Steve geht zum Fensterbrett, steckt den Zeigefinger in den lauen Tee, nimmt die Kanne und gießt den Inhalt über Kens Kopf aus.

Es wirkt. Sekunden später kommt Ken wieder zu sich. Ächzend arbeitet er sich hoch, wischt sich über die Augen und bleibt eine Weile torkelnd stehen. Dann blickt er zum Hof. Bill steht noch immer am Brunnen. Er schüttelt verständnislos den Kopf.

„Bill“, ruft Ken gurgelnd, „bleib! Ich regle das noch.“

Dann dreht er sich um. Vor ihm steht Steve, im breiten Gesicht ein Lächeln, siegessicher, triumphierend.

„Na, Mr. Ingenieur?“, höhnt er. „Hast du genug?“

Es sind groteske Gedanken, die Ken durch den Kopf gehen. Er muss daran denken, dass Steve eigentlich nie sehr intelligent gewesen ist. Dafür hatte er schon als kleiner Junge mehr Kraft als alle anderen seines Alters. Steve kann nicht sehr klug sein, sonst müsste er doch bemerken, was Ken vorhat. Oder ist er so sicher?

Der Alte hockt grinsend im Sessel. Ein köstliches Schauspiel für ihn. Seine Söhne prügeln sich. Ausgewachsene Menschen schlagen sich wie Buben, und er, ihr Vater, knurrt beifällig.

Steve rechnet mit einem Angriff. Er ist wohl auf der Hut. Doch in seiner Vorstellung gibt es für einen Angriff Kens nur dessen Fäuste. So übersieht er, wie Ken plötzlich sein Knie hochzieht, es nach vom stößt. Steve spürt den jähen Schmerz im Unterleib und krümmt sich. Da trifft ihn Kens Faust ans Kinn. Steve schlägt gegen die Brüstung und sackt langsam zu Boden.

Plötzlich brüllt der Bass des Alten: „Weg, Joe, Schluss jetzt!“

Ken dreht sich um. Hinter ihm steht Joe, einen Stuhl in den erhobenen Fäusten.

„Schluss, es ist genug!“, dröhnt die sonore Stimme des Alten wieder.

Joe lässt den Stuhl sinken. Steve steht wieder auf, wischt sich über sein ramponiertes Kinn und wirft Ken einen wilden Blick zu. An der Tür lehnt Nora und schluchzt. Ken spuckt aus.

„So, Alter, und jetzt hole ich Bill! Er wird hier übernachten.“

„Ja, zum Teufel, und wickle ihn in Windeln, deinen Säugling! Gib ihm die Flasche, du verdammter Dickkopf!“, tobt der Alte und schmettert die Faust auf die Holzbrüstung der Veranda. „Hol ihn, deinen Liebling!“

Doch Bill will nicht. Er sitzt zu Pferde, winkt Ken bekümmert zu und reitet weg. Das schallende Gelächter des Alten verfolgt ihn bis hinters Ranchtor.

Als Ken zur Veranda zurückkehrt, brüllt der Alte: „Los, Nora, den Selbstgebrannten, spute dich, Mädchen!“

„Ein verflucht komischer Empfang“, knurrt Ken.

„Der stand dir zu, Herumtreiber“, erwidert Steve wild.

„Ruhe, ihr Lümmel!“, donnert der Alte. „Kein Wort mehr. Sag den Weibern in der Küche, dass sie die Scherben wegräumen sollen und den Tisch neu decken. Es wird gegessen!“

Eine Viertelstunde später sitzen sie einträchtig beisammen, die sich vorhin noch prügelten. Die Bridewells sind wieder vollzählig. Und dass Ken noch so hart ist wie einst, haben sie erlebt.



2

„He, Ken! Träumst du?“, fragt Joe. Der Spott blickt aus seinen Augen. „Oder,hast du Steves Schlag noch nicht verwunden?“

Ken kneift die Lippen zusammen. Er misst seinen Bruder nur mit einem drohenden Blick. Dann wendet er sich zu seinem Vater:

„Warum hast du mich geholt?“, fragt Ken den Alten.

Der Rancher stopft sich seine Pfeife, zündet sie an und antwortet durch die blauen Rauchwolken hindurch: „Ah, dieser Bastard, dieser Florence. Sicher hast du von ihm gehört. Er ist eine Ratte, ein Wurm. Aber man kann ihn nicht leicht zertreten. Erst dachte ich, es ginge leicht. Nichts damit. Er rutscht einem unter der Fußsohle weg. So ein Kretin. Ja, und nun brauche ich dich. Der verdammte Mistkäfer baut einen Damm. Er staut das Wasser. Und diese Trunkenbolde in Austin haben das sogar genehmigt. Siedler, kleine Maulwürfe, die unsere gute Prärie aufwühlen und verunreinigen, die hat er sich geholt. Mais, Weizen will er hier anbauen. Zäune ziehen, damit unser Vieh darin hängenbleibt und sich die Knochen zerfetzt. So hat er es sich gedacht, dieser Jämmerling.“ Er macht eine Pause, pafft dicke Rauchwolken über den Tisch und fährt dann leiser, eindringlicher fort: „Er ist schlau, dieser Rattenfürst. Ein paar gefährliche Schießer passen auf ihn auf. Sie tun, was er sagt. Ohne sie wäre er nichts. Aber dieser Hundesohn hat Geld, dass er stinkt. Er zahlt gut. Das lässt manchen Burschen hier im Land vergessen, dass es einen Stolz gibt. Und für den Judaslohn verraten sie die freie Weide. Dämme bauen sie, Zäune!“ Er wuchtet wieder die Faust auf den Tisch. „Und ich werde es Ihnen versalzen. Solange der Name Bridewell in diesem Lande etwas gilt, solange Bridewell existiert, wird dieser Bastard sein Ziel nicht erreichen.“

„Wie willst du's verhindern?“, fragt Ken interessiert.

Der Alte dreht sich brüsk herum, als sei er ob dieser Frage beleidigt.

„Gib du ihm die Antwort, Steve! Er scheint vergessen zu haben, was ein Bridewell zu tun hat.“

Wäre Ken kein Bridewell, müsste er meinen, sich in einem Narrenhaus zu befinden. Er aber kennt das aus frühester Jugend. Es ist für ihn ein Stück seiner Heimat wie das knarrende Windrad über der Pumpe. Seit er denken kann, brüllt und tobt dieser Alte. Aber er kann auch anders sein. Wie ein Löwe kämpft er um seine Familie, wie damals, als Ken noch ein Junge war und von den Comanchen verschleppt wurde. Ganz allein ist der Alte der Spur der Indianer gefolgt. Ganz allein hat er nachts ihr Lager überfallen und Ken befreit. Oder ein paar Jahre danach. Da gab es eine Schießerei zwischen Ken und einem anderen jungen Burschen. Um ein Mädchen war es gegangen. Und Ken befand sich im Unrecht, als er auf den anderen schoss. Zum Glück verletzte er ihn nur. Damals verkrachte sich der Alte mit der gesamten Nachbarschaft, mit dem Sheriff und seinen besten Freunden. Aber er hielt zu Ken und verteidigte ihn wie ein Tiger. Ken erinnert sich auch, dass der Alte bei Noras Geburt händeringend vor Sorge im Hof herumgelaufen ist. Und dass er hundertzwanzig Meilen von hier in den tückischen Steinschluchten der Canyons einen Strauß gelber Sandsteinveilchen pflückte. Diese Blumen wachsen an den verstecktesten Stellen, und man muss gefährliche Kletterpartien zurücklegen, um zu ihnen auf die Steilhänge zu gelangen. Noch niemand in dieser Gegend brachte mehr als drei oder vier dieser Blüten mit. Der Alte aber schenkte seiner Frau nach Noras Geburt einen ganzen Strauß. Als er ihn ihr gab, waren seine Knie blutig, an den Unterarmen und Händen hing die Haut herab, und sein Gesicht war von Steinsplittern zerschnitten. Doch er strahlte stolz, und seine Frau war glücklich.

An diese Dinge muss Ken denken, als er ins zerfurchte, lederne Gesicht seines Vaters blickt. Er kann verstehen, wie stolz dieser alte Mann ist, wie sehr er an diesem Land hängt, an dieser Ranch, die er aufbaute. Die Jahre damals, Jahre des Kampfes mit Indianern, mit Viehdieben, die haben diesen alten Mann hart gemacht. Er hatte niemanden, der ihm half, dem er voll vertrauen konnte. Vielleicht ist er deshalb ein Tyrann geworden.

„Wie willst du verhindern“, fragt Ken, „dass Florence etwas tut, das alle im Lande früher oder später gutheißen werden? Seine Landbewässerung ist keine Idiotie. Warum gehst du gegen ihn, statt ihn zu unterstützen und dabei zu profitieren?“

Der Alte starrt seinen Sohn verständnislos an. Dann wendet er sich an Steve.

„Sag es ihm!“

„Wir werden diesen Hundesohn zum Teufel treiben. Dich haben wir geholt, weil du uns sagen sollst, wie man diesen mistigen Damm in die Luft jagen kann, ohne dass einer merkt, wer es war. Deine Weisheiten wollen wir nicht hören.“

Ken schüttelt den Kopf.

„Dummes Zeug, Steve. Ihr wollt euch gegen das Gesetz stellen; denn Florence hat es auf seiner Seite.“

Der Alte dreht sich um.

„Gesetz? Ich pfeife auf das Gesetz, das eine freie Weide zum Paradies der Maulwürfe macht und in Drahtzaunkäfige verwandelt. Ich kam in dieses Land, als es hier noch niemanden gab außer den Kiowas und Comanchen. Und ich habe hier meine Weide eingeteilt, habe Vieh gezüchtet. Verdammt prächtiges Vieh war es immer. Und heute wollen so hergelaufene Lumpen wie dieser Zwerg meine freie Weide, meine Heimat in Käfige aufteilen, sie mit Maulwürfen besiedeln und den Fluss, der Tausende von Jahren hier fließt, abbremsen und aufhalten? Nein, Sohn Ken, nein! Und wenn du nur einen Tropfen vom Blut deiner Eltern im Leib hast, dann wirst du wissen, dass niemand ein Recht zu diesem Tun hat, kein Gouverneur, kein verdammter Sheriff, kein Bastard wie Florence. Niemand, sage ich! So, und nun frage ich dich: Wirst du mit uns kämpfen oder ...“

„Kämpfen? Warum denn kämpfen? Ihr schwimmt ja gegen den Strom!“, ruft Ken erregt. „Bei euch wird alles mit den Fäusten geregelt. Aber die Zeit hat sich gewandelt, sehr gewandelt. Ich weiß es von meiner Bauzeit in Colorado. Dort und in Oklahoma werden auch Bewässerungskanäle gezogen, um Ackerland aus der Prärie zu machen. Auch dort haben ein paar Dickköpfe versucht, den Fortschritt aufzuhalten. Keiner von ihnen hatte eine Chance. Sie sind die Dummen bei allem, denn die Schlauen haben mitgemacht. Und sie haben eben jetzt fruchtbares Land mit Äckern.“

„Ich höre wohl schlecht, wie? Mein Sohn predigt für die Maulwürfe? Mein eigen Fleisch und Blut, ein Sohn dieses Landes, erklärt mir, wer hier im Recht ist? Zum Teufel, Ken, ich will solchen Unsinn nicht mehr von dir hören. Du hast wohl schon mit diesem Zwerg Florence gesprochen, was? Er hat dir wohl einen Verräterlohn geboten und ...“

„Stop!“, brüllt Ken. „Du und deine Söhne, ihr seid Narren. Es ist ein Affentheater, was ihr vorhabt. Den Damm sprengen, vielleicht auch die Siedler in den Fluss werfen, was?“

Der Alte bleibt ganz ruhig. Ja, er wirkt auf einmal sanft, als er erwidert: „Sieh dich um, Sohn Ken! Da, im Abendsonnenschein liegt die Prärie, einmalig schön, so wild, so unendlich in ihrer Weite. Wie ein Meer das Gras. Rot leuchtet es. Du kannst reiten, viele Stunden kannst du reiten. Weites herrliches Land. Deine Heimat, Ken. Kannst du dir vorstellen, wie es aussieht, wenn die Siedler herkommen und sich der Plan von Anthony Florence erfüllt?“

Kein Toben, kein wüstes Fluchen und Brüllen hätten Ken überzeugen können. Doch die Worte, aus dem Munde des Alten ungewöhnlich anzuhören, diese wenigen ruhig gesprochenen Worte überzeugen ihn, machen ihm die Ansicht seines Vaters verständlich. Und obgleich er weiß, wie aussichtslos ihr Tun ist, obwohl er sich ausrechnen kann, dass es böse enden wird, trotz allem weiß er auch, dass er auf Seiten der Bridewells kämpfen muss.

.„Gut, Alter, ich mache mit.“

Der Alte nickt nur, Steve reicht die Hand über den Tisch zu Ken hin und knurrt: „Schlag ein, Bruder, wir wollen’s vergessen!“

Ken schlägt in die hornige Pranke Steves und dann auch in die von Joe ein. Jetzt sind sie wieder die Bridewells, die vier stolzen und harten Bridewells; zusammen mit ihrer zehnköpfigen Mannschaft sind sie imstande, eine Stadt auf den Kopf zu stellen.



3

Er hat sich am nächsten Morgen einen lebhaften Braunen gesattelt, einen ausgeruhten Junghengst mit allerlei dummen Streichen im Kopf.

Ken reitet nach Osten. Er lässt Camp Nellie rechts liegen und sieht nur kurz zu der riesigen Staubwolke hinüber, die über der Hauptherde weht, der Hauptherde der Circle B-Ranch.

Jetzt kommt die Senke, und hier verläuft auch die Grenze zwischen der Circle B und der Horn-Ranch. Der alte Skinner und Tom Bridewell haben diese Grenze festgelegt. Auch Florence muss sie respektieren.

Muss er das? Ken stellt sich diese Frage. Das Land gehört dem, der seine Herden darauf stehen hat. Was tut Florence, wenn die Bridewells ihr Vieh auf die Ostweiden zu Camp Eileen treiben?

Plötzlich erkennt Ken zwei Reiter. Sie kommen von Norden her die Senke entlang. Erst als sie schon sehr nahe sind, kann Ken ihre Gesichter deutlicher sehen. Einer der beiden Reiter kommt ihm bekannt vor. Doch er braucht noch eine Welle, bis er darauf kommt, dass es Mac Skinner ist, Mac, der Sohn des früheren Besitzers der Horn-Ranch.

Mac ist nicht mehr jung. Er hat seine vierzig Jahre auf dem Rücken. Und die Niederlagen eines harten Lebens haben ihn altern lassen. Ken ist erschrocken, als er feststellt, dass es wirklich Mac ist. Einst Erbe einer großen Ranch, der größten im County, heute Vormann bei Tom Bridewell.

„Hoho, was sehen meine müden Augen? Der kleine Keni“, brüllt Mac, und über sein faltiges, wettergebräuntes Gesicht geht ein Leuchten.

Sie lachen, drücken sich die Hände und reden von Dingen, die ihnen gerade so einfallen. Mac stellt den anderen Reiter vor, einen jungen Cowboy der Circle B.

„Wir reiten die Grenze ab, Ken“, erklärt Mac. Sein Blick verfinstert sich, die schmalen Lippen pressen sich aufeinander.

„Ist das nötig, Mac?“, fragt Ken.

Mac antwortet nicht sofort. Er schiebt den Stetson ins Genick. Bei dieser Gelegenheit sieht Ken, dass Mac graue Haare hat, ein Anblick, der ihn schaudern lässt. Mac, früher der König aller Rodeos, mit grauem Haar? Der Liebling aller Frauen im County, heute ein alternder Mann? Dabei ist er doch erst knapp über die Vierzig.

„Es ist nötig“, entgegnet Mac bitter. „Dieser Florence ist ein schlauer Kopf, aber er ist auch ein Lumpenhund. Ich weiß nicht, was du inzwischen herausgefunden hast, Ken. Aber wie dem auch sei: Florence arbeitet mit tausend Tricks. Und er will uns alle wegschwemmen.“

„Er hat doch große Ideen, wie?“

Mac schüttelt den Kopf.

„Wenn du den Damm meinst, ja, dann ist es so, aber ansonsten meint der Kerl das ganz anders. Er will die gesamte Weide, er will alles, was du weit und breit sehen kannst, und noch mehr.“

„Sagt er das?“

„Nein, aber er tut es. Sein Damm ist der Anfang. Die Coltgarde, die bei ihm im Dienst steht, ist der zweite Schritt. Der dritte ist das Aufputschen der Siedler und der Leute von Tascosa. Die Siedler kommen frisch aus Europa. Viele von ihnen sprechen Englisch wie ich Chinesisch. Sie glauben jedes Wort, das Florence als ihr Gönner ihnen sagt. Frag mal einen von denen! Die haben deinen Alten noch nie gesehen. Frag sie nur! Du wirst was hören, meine ich.“

„Er wiegelt sie auf?“ Mac nickt. „Und was würdest du an der Stelle meines Alten tun?“

„Ich würde keinen Tag warten. Hinweg fegen würde ich diesen Zwerg mitsamt seiner Garde. Hör mal, Ken, dein Alter sprach neulich mit mir. Er hat dich holen lassen. Du solltest den Damm sprengen. Wann fängst du es an?“

„Das ist ein Verbrechen, Mac.“

„Klar, vor dem Gesetz. Aber was weiß das Gesetz? Wenn es zu spät ist, rettet uns kein Gesetz, Ken. Wenn der Damm steht, sind wir dem Zwerg auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, im Sommer jedenfalls. Er wird uns Wasser zuteilen, wie es ihm passt.“

„Ich bin auf dem Weg zur Horn-Ranch. Will mir diesen Mann mal aus der Nähe ansehen.“

Mac nickt.

„Tu es, Ken! Es ist die beste Medizin. Wenn du wiederkommst, verstehst du alles. So long, Ken!“

Achtzehn Meilen vor der Horn-Ranch liegt Camp East. Es befindet sich am Ostrand des besten Weidelandes der Horn-Ranch. Hier findet alljährlich das Roundup statt.

Schon von weitem kann Ken das Camp an seinem Wahrzeichen, den drei Windradtürmen, erkennen. Der alte Skinner errichtete diese Anlage und schuf damit eine der größten Viehtränken im Land. Ken sieht Vieh, Tausende von Rindern. Es ist eine gewaltige Herde, die in der nahen Umgebung des Camp East weidet. Noch steht genug Gras hier. Doch Ken ist zu sehr mit diesem Land und mit der Viehzucht verwurzelt, um zu übersehen, was hier nicht ganz stimmt. Es ist zu viel Vieh an einer Stelle. Es ist überhaupt viel zu viel Vieh für diese Ranch. Gewiss, der alte Skinner hielt mitunter siebzehntausend Rinder. Doch das war schon das Äußerste und nur nach einem regenreichen Winter möglich.

Bei Camp East weiden im Augenblick aber mehr als zwanzigtausend Tiere. Sie sind in drei Herden aufgeteilt. Ken vermutet, dass die Herden erst vor wenigen Stunden hier angetrieben wurden und sich bald vermischen werden.

Zwanzigtausend und mehr Rinder bei Camp East. Eine Zahl, die ein Alarmzeichen sein muss. Was hat Anthony Florence vor? Warum treibt er das Vieh hier zusammen? Und weshalb hat er sich eine derartig große Herde zugelegt? Niemals kann sein Weideland für diese Rinder ausreichen, zumal er noch beste Gebiete am Strom an die Farmer abgeben will. Was hat Florence nur vor?, überlegt Ken fieberhaft.

Zwei Dutzend Männer hüten diese Herden. Er sieht die Reiter in weiter Ferne um die Herde kreisen, sieht Männer vor den beiden Camphütten. Und er entdeckt auch die klobigen Chuckwagen, die hinter den Hütten stehen. Es sind drei dieser Geräte und Küchenfahrzeuge. Sonst rollen sie nur im Roundup auf die Weide. Warum hat Florence sie schon jetzt zum Camp fahren lassen? Warum vermischt er die Zuchtherde mit dem Schlachtvieh? Warum tut er das alles?

Ken findet die Antworten nicht, aber er vermutet einen großen Streich gegen die Circle B-Ranch. Er weiß nicht, wie dieser Streich vollzogen werden soll, doch er glaubt daran, dass höchste Gefahr besteht.

Unschlüssig überlegt er, ob er umdrehen oder sein Vorhaben ausführen soll. Man hat ihn schon gesehen. Drei Reiter trennen sich von der Herde und reiten auf ihn zu. Als sie näher kommen, erkennt er ihre Gesichter, doch sie sind ihm fremd. Junge Cowboys — keiner der drei ist viel älter als zwanzig Jahre — reiten da auf ihn zu. Es fällt ihm auf, dass sie stark bewaffnet sind. Ihre Patronengurte sind gespickt voll; die Gewehrmunition haben sie in einem Gurt über dem Sattelhorn hängen.

„Hallo!“, rufen die drei und tippen an ihre Hutkrempen.

„Wenn ich nicht irre, 'bist du Ken Bridewell, stimmt das?“, fragt der mittlere Reiter, ein untersetzter Bursche mit pausbäckigem Gesicht. Ken nickt nur. „Hast du dich in der Landschaft verirrt? Das ist nicht die Weide der Circle B.“

„Nein, aber ich brauche wohl nicht erst einen Pass vom Gouverneur, wenn ich zu eurem Boss will, was?“, spottet Ken.

„Ein Bridewell will zu unserm Boss?“, staunt jetzt der Sprecher der Cowboys. Die drei sehen sich verblüfft an, blicken wieder auf Ken, und der Pausbäckige meint; „Sag mal, ist das dein Ernst?“

„Es ist mir so ernst damit, wie hier zwanzigtausend Rinder stehen, gehütet von Männern, die das große Treiben vorhaben. Wohin wollt ihr treiben?“

Die drei lachen.

„Wir treiben, da hast du verdammt recht. Und deinem Alten werden die Augen übergehen, wie fein wir treiben.“

„Was soll das heißen?“, knurrt Ken.

„Es heißt, dass wir bei Einbruch der Dunkelheit die Weiden um Camp Darsie mit unserem Vieh belegen.“

Ken meint, sich verhört zu haben.

„Die Weiden um Camp Darsie? Das sind unsere Weiden, zum Teufel.“

„Irrtum! Ken Bridewell, wir streiten uns nicht mit dir. Wir wollen keinen Kampf wie dein Alter. Lass es dir von unserm Boss erzählen, wenn du sowieso zu ihm willst. Er hat ein Recht auf die Weiden am Camp Darsie.“

.„Moment mal“, ruft Ken, als die drei ihre Pferde wenden wollen. „Wieso habt ihr ein Recht auf diese Weiden?“

„Frag den Boss! Und bleib nicht zu lange hier! Entweder reite zurück auf euer Land oder mach, dass du zu unserer Ranch kommst. Du hast Glück, Ken Bridewell, dass du es bist und nicht dein Bruder Steve, der hier eingebrochen ist. Zu dir sollen wir freundlich sein, hat unser Boss befohlen. Verdammt, Ken Bridewell, wir waren so freundlich wie noch nie im Leben. Ich wette, du wirst das zugeben.“ Sie winken ihm zu und reiten zur Herde zurück.

Ken hat das Gefühl, als sei ein Eimer kaltes Wasser über ihn ausgegossen worden. Er fühlt sich hilflos, obgleich er vor Wut kocht. Die ganze Angelegenheit beginnt immer rätselhafter zu werden.

Dem ersten Impuls folgend, möchte er umkehren, um seinem Vater und den Brüdern zu sagen, was Florences Mannschaft vorhat. Doch dann überlegt er es sich anders. Er will Klarheit haben. Er will genau wissen, dass Florence ein Gauner ist, wie Mac Skinner schon andeutete und sein Vater behauptete.

Kurz entschlossen treibt er sein Pferd an und reitet nach Südwesten auf die Horn-Ranch zu.

Die Horn-Ranch liegt in einer Mulde, einem schmalen, windgeschützten Talkessel. Deshalb gibt es hier Bäume, und sie halten sich schon seit Jahrzehnten, einige vielleicht schon seit einem Jahrhundert.

Noch mehr als die im spanischen Stil erbauten Gebäude erinnern die vielen mexikanischen Peons und Vaqueros daran, dass hier einst Mexikaner lebten. Es ist ein Mestize, der Kens Pferd in Verwahrung nimmt, und es ist ein sehniger Vaquero mit scharf geschnittenem Kreolengesicht, der Ken ins Haus führt.

Ken ist erstaunt, als er das Leben und Treiben im Patio sieht. Er erinnert sich an die Zeit der Skinners. Da ging es so zu wie auf der Circle B-Ranch. Jetzt aber scheinen die Zeiten der mexikanischen Herrschaft wiedergekommen zu sein. Bronzehäutige Mägde huschen durch den Laubengang; schlanke, elegant gekleidete Vaqueros lehnen im Schatten der Gebäude, als hätten sie nichts weiter zu tun. Es gibt auch noch andere Männer hier, Nordamerikaner sind es. Sie sitzen auf der anderen Seite in Korbsesseln und in Schaukelstühlen. So harmlos sich das ansieht, so gefährlich wirken diese Gestalten. Alle sind schwer bewaffnet. Keiner macht den Eindruck, als trage er seinen Colt aus Spielerei. Es sind Gunmen, und ihr Bruder ist der Tod.

Sie blinzeln zu Ken hinüber, scheinen ihn auch zu erkennen, aber sie halten sich zurück.

Ken muss daran denken, was ihm der junge Cowboy sagte. Man soll ihn freundlich behandeln, und diesen Befehl scheinen auch jene Revolverschwinger dort drüben zu kennen.

Ein baumlanger Mexikaner kommt auf Ken zu und sagt mit kehliger Stimme: „Der Patron lässt bitten.“

Ken folgt dem Diener ins Haus, wird durch einen langen, kühlen Gang geführt, und schließlich öffnet sich vor ihm die Tür zu einem komfortabel eingerichteten Salon. Er tritt ein und sieht Anthony Florence, jenen kleinen Mann mit den energischen Gesichtszügen und der zierlichen Gestalt. Florence lächelt. Und als ihn Ken begrüßt, nickte er und sagt: „Ich wusste, dass Sie kommen würden. Bitte, nehmen Sie Platz.“

Ken setzt sich und betrachtet sein Gegenüber. An diesem Florence ist etwas dran, so klein und unbedeutend er auch wirkt, überlegt Ken. Die Stirn ist hoch, die Brauen sind buschig, und die Augen sind dunkler als das Haar. Es ist ein intelligentes Gesicht, aber es zeigt auch eine Härte, die selbst beim Lächeln nicht schwindet.

Ein Diener bringt Zigarren und Whisky, dann sind sie allein.

„Ich habe allerhand von Ihnen gehört“, beginnt Florence. Er spricht mit etwas rauer, nicht sehr tiefer Stimme, und wie er spricht, lässt Ken ahnen, dass er nicht im Westen aufgezogen wurde. Sein Englisch ist so klar wie das eines Oxford-Engländers. „Ja, und wie es so ist, erfährt man hier natürlich alles“, fährt Florence fort. „Sie sind das sogenannte schwarze Schaf der Bridewells und ...“

„Sie irren, Mr. Florence. Ich bin ein Bridewell, nichts mehr und nichts weniger. Kalkulieren Sie mit dieser Tatsache“, unterbricht ihn Ken.

Einen Augenblick lang verfinstert sich das Gesicht Florences, dann aber wird er wieder freundlich.

„Es spricht nicht für Sie, wenn Sie das so betonen. Ich hoffe nämlich, mit Ihnen über Dinge verhandeln zu können, für die Ihr Vater weder Verständnis noch Gefühl hat. Verstehen Sie, Mr. Bridewell, man muss es im Gefühl haben, ob jene Sache gut oder schlecht ist.“

„Ich bin nicht zum Verhandeln hier. Ich möchte von Ihnen wissen, was die zwanzigtausend Rinder auf dem Gebiet der Camp Darsie-Weide wollen. Ich möchte erfahren, mit welchem Recht Sie heute Abend diese Herde auf unser Land treiben.“

Florence scheint überrascht zu sein, doch das währt nur wenige Sekunden, dann lächelt er.

„Einer meiner Männer hat also gequatscht?“, fragt er.

„Eine Herde von zwanzigtausend Tieren, und die alle vor Camp East, ist ein deutliches Zeichen. Cowboys, die für einen langen Ritt ausgerüstet sind, bedeuten das zweite Zeichen. Der Rest ist mit zwei Worten gesagt“, erwidert Ken. „Nun Ihre Erklärung, Mr. Florence!“

„Ich habe das Land im Umkreis von 18 Meilen um Camp Darsie vom Staat gepachtet. Sie wissen ja, dass es Regierungsland ist. Bisher konnte es der beweiden, dessen Vieh darauf stand. Freie Weide. Ich zahle dem Staat Geld für die Benutzung, was bisher niemand tat. Jetzt haben Sie und Ihr Vater das Pech, das unser Staat sehr geldgierig ist. Er vergab das Land an mich.“

„Das müssen Sie beweisen, Mr. Florence!“

Florence nickt. Freundlich wie zuvor sagt er: „Ich kann es. Da, hier ist der Beweis!“

Er reicht Ken ein Schreiben des Vermessungsamtes beim Gouverneur von Texas. Darin wird bescheinigt, dass Florence das Gebiet um Camp Darsie — es folgt eine genaue Bezeichnung und Grundangabe — zu Recht gepachtet hat und fortan zu allen Zwecken benutzen darf.

„Was wollen Sie damit erreichen?“, fragt Ken scharf. „Sie haben eine Runde gewonnen, Mr. Florence, herzlichen Glückwunsch. Aber was nützt es Ihnen?“

Florence schüttelt den Kopf.

„Nicht so heftig, Mr. Bridewell. Hören Sie mir genau zu! Ich kann nicht verwirklichen, was ich mit meinen Bewässerungs- und Besiedlungsplänen vorhabe, wenn Ihr Vater streikt. Ich muss aber mein Ziel erreichen. Einmal sind die Rinderpreise im letzten Jahr schon um zwanzig Prozent gefallen, und sie werden um weitere zwanzig Prozent in diesem Jahr fallen. Die Bahn hat noch immer nicht vor, die Südabzweigung von Dodge City aus über Tascosa zu legen. Der ganze Bau wird noch dauern. Wir müssen also noch treiben. Dabei sind uns die Rancher im Osten voraus. Die haben eine Bahn. Treiben und am Ende vierzig Prozent niedrigere Viehpreise, das ist kein Geschäft mehr. Es wird auch nie mehr das große Geschäft werden, weil in diesem Land viel zu viel Vieh gezüchtet wird. Auch in New Mexico werden jetzt Herden gesammelt und bis an die Bahnen getrieben. Und in Arizona nimmt der Viehbestand von Jahr zu Jahr um Tausende von Rindern zu. Das wissen Sie doch auch, nicht wahr? Und Ihr Vater, der schließlich kein Narr sein kann, muss es ebenso wissen. Er will aber weiter Vieh züchten, das er praktisch verschleudert. Er züchtet Vieh auf einem Boden, der zum besten des Staates gehört, wenn, ja wenn er bewässert wäre. Dann nämlich brächten uns Baumwolle, Weizen, Mais und dergleichen ein Zehnfaches von dem Gewinn eines Roundups.“ Er macht eine Pause und wartet auf Kens Antwort, doch der schweigt und überlegt. Was Florence ihm da erklärt, klingt überzeugend. Es fehlen nur noch Beweise dafür. „Mr. Bridewell“, fährt Florence schließlich fort, „ich habe das alles Ihrem Vater zu erklären versucht. Wissen Sie, ich verstehe nicht ganz, warum er so hartnäckig ist.“

„Was sagte mein Vater?“

„Er meinte, wir Menschen hätten nicht das Recht, Wasser dahin fließen zu lassen, wo früher kein Wasser geflossen sei. Den Bau des Staudammes bezeichnete er als ein Verbrechen wider die Natur. Meine Absicht, Siedler, Farmer also, hier anzusiedeln, nannte er eine Tat, für die er mich persönlich noch aufhängen würde, allein der Drahtzäune wegen, die von den Siedlern angelegt würden.“

„Mr. Florence, waren Sie schon immer Rancher?“

„Ich bitte Sie, ich bin Kaufmann!“, erwidert Florence, als sei es eine Zumutung, ihn als Rancher zu bezeichnen.

Ken nickt gedankenvoll.

„So, so, Kaufmann sind Sie. Haben Sie deshalb zu viel Vieh?“

„Ah, Sie denken, ich sei ein Greenhorn? Irrtum. Ich habe insgesamt dreiundzwanzigtausend Rinder. Auf meinen Weiden, den Weiden der Horn-Ranch, können im Höchstfalle siebzehntausend Tiere gehalten werden. Ah, ich habe tüchtige Fachleute, die ich gut bezahle und die solche Berechnungen für mich anfertigen. Sind also sechstausend Rinder überzählig. Und die weiden auf dem Gebiet der Circle B. Denn ich muss ...“

„Verdammt, wollen Sie sagen, Sie könnten die gesamte Weide von uns pachten?“, empört sich Ken.

„Ruhig, junger Freund! Ich kann es eben leider nicht. Wenn ich es könnte, brauchte ich diese Mittel gar nicht anzuwenden. Hören Sie mir bitte zu! Ihr Vater hat Eigentum. Es liegt längs des Canadian River. Zu beiden Seiten östlich von Tascosa. Und die Stelle, wo ich den zweiten Staudamm errichten muss, gehört ihm. Mein vorderer Damm ist ein Nichts, ein sinnloses Werk, wenn ich den Hauptdamm nicht dort errichten kann, wo er hingehört, auf dem Gebiet am Arroyo, am Ufer Ihres Canadian Camp. Und dieses Land wird mir Ihr Vater erst verkaufen, wenn ich ihn auf die Knie gezwungen habe. Freiwillig tut er es nicht. Schade, Mr. Bridewell, aber er ist eben dickköpfig. Ich muss ihn also mit dem Trick der Pachtung auf die Knie bekommen.“

„Da beißen Sie auf Granit.“

„Vielleicht“, meint Florence. „Vergessen Sie bitte nicht, dass sein Eigentum zu klein für seine großen Herden ist!“

„Sie unterschätzen meinen Vater. Er schießt sich seine Weide frei.“'

„Das ist es, was ich befürchtet habe“, erwidert Florence ernst. „Aber auch dafür habe ich gesorgt. Hierin ist er im Unrecht. Dann aber bin ich in der Lage, es auch darin mit ihm aufzunehmen. Mit Geld erobert man die Welt!“

Ken möchte eine scharfe Antwort geben, aber er beherrscht sich. In diesem Punkt unterscheidet er sich von seinem Vater und seinen Brüdern. Und so erfährt er auch die Pläne Florences. Der Mann erzählt, und er erwähnt auch, wieso er überhaupt in dieses Land gekommen ist.

Als der alte Skinner mehr Schulden hatte als Vieh auf der Weide, drohte die Bank, die ihm Kredit gewährt hatte, mit ihrem Schuldner bankrott zu gehen. Florence war die Stütze dieser Bank. Statt dem sicheren Verlust zuzusehen, übernahm der Getreidekaufmann aus Kansas die verschuldete Ranch Skinners. Vieh bedeutet ihm nichts. Die Romantik der freien Weide ist für ihn ein Märchen, bei dem er nichts verdienen kann. Der Anblick eines herrlichen Pferdes lässt ihn völlig gleichgültig. Ihn interessieren nur die Zahlen, die Bilanzen, der Gewinn einer Sache. Viehzüchten ist seiner Meinung nach in der jetzigen Zeit ein Verlustgeschäft, also sucht er andere Wege.

Ein Mann wie Florence handelt überlegt, vorsichtig. Er ließ Bodenproben vom Land am Canadian River untersuchen. Das Resultat: bestes Land, wenn der Oberflächensand durch eine Bewässerung und tiefes Pflügen beseitigt wird. Dann müssen Hecken angepflanzt werden, die das erneute Versanden des Landes verhindern. Der größte Feind des Ackers wird der Wind sein, der alles austrocknet und verweht. Der ewige Wind der Prärie.

Florence hat auch damit gerechnet. Und da sein Plan Unsummen von Geld verschlingen wird, muss er jede Phase seiner vorgefassten Absicht genau ausführen, sonst wird es ein Misserfolg. Florence spielt mit hohem Einsatz. Ein Misserfolg darf nicht herauskommen. Und deshalb muss er Bridewells Land am Fluss haben. Ohne dieses Land ist alles, was er vorhat, sinnlos. Bridewell senior will nicht mitmachen. Für diesen Alten ist ein Rind ein Lebewesen und keine Zahl in einer Berechnung, für Tom Bridewell ist ein Sonnenuntergang in der Prärie eine beinahe religiöse Angelegenheit. Für diesen Alten zählt der, dem es gelingt, einen tollen Broncohengst einzubrechen. Für Florence ist ein derartiger Reiter ein Narr, der sein Leben sinnlos riskiert.

Der eine liebt die Natur wie sie ist. Der andere möchte sie in eine zu berechnende, übersichtliche Form pressen. Bei dem einen wird in fünfzig Jahren noch alles beim Alten sein. Bei dem anderen sollen schon bald schnurgerade Felder mit schnurgeraden Wegen und Bewässerungsgräben dort sein, wo heute ungleichmäßig hohes, in Büscheln wachsendes Bunchgras wuchert, oft halb vertrocknet, oft härter als Kornstroh.

Es ist ein großes Ziel, das sich Florence gesetzt hat. Es ist schon deshalb groß, weil dort, wo bisher eine Familie und zwanzig Cowboys bei harter Arbeit ein erträgliches Auskommen hatten, in Zukunft dreißig oder vierzig Familien bei ebenso harter Arbeit reich werden können.

Ken begreift, wie bestechend der Plan der Kaufmannes Florence ist. Und er weiß nun, warum Florence von Seiten des Staates und der Leute im Lande so viel Unterstützung erhält. Der Gedanke, dass aus freier Weide ein riesiger Acker werden soll, bedrückt Ken. Doch gleichzeitig sagt er sich, dass Florence wirklich im Recht ist.

„Mr. Florence“, erklärte er, „ich werde versuchen, meinen Vater umzustimmen. Bitte, halten Sie Ihre Herde noch zurück. Es wird nicht der richtige Weg sein. Auf diese Weise erreichen Sie nichts.“

„Gut, zwei Tage warte ich!“

Als Ken geht und Florence zum Abschied versichert, dass es ihm vielleicht gelingen wird, den Vater zu überzeugen, ahnt er nicht, wie sinnlos sein Versprechen ist. Denn Tom Bridewell hat schon gehandelt.

Es ist kurz vor Mittag, als Tom Bridewell mit seiner gesamten Mannschaft bei Camp Nellie eine Rast hält. Eben sind noch Mac Skinner und jener Cowboy dazugekommen, nachdem sie vor wenigen Minuten mit Ken gesprochen haben.

Mac erstattet dem Alten Bericht von seinem Gespräch mit Ken. Der Alte ist zufrieden.

„Gut, er soll ruhig mit dem Bastard reden. Hast du ihm gesagt, was wir vorhaben, Mac?“

„Nein, er weiß nichts, glaube ich. Von mir hat er keinen Ton erfahren, Boss.“

Der Alte nickt.

„Gut so. Dann wollen wir anfangen. Wie weit sind sie drüben im Camp East, Mac?“

Der Vormann kniet sich in den Sand und zeigt auf einen Grasbüschel.

„Wenn das Camp East ist, dann stehen hier und dort die Herden. Jetzt werden sie sich inzwischen zu einem Klumpen verschmolzen haben. Es sind rund zwanzig Reiter dabei. Alle sind gut bewaffnet, wie ich durch mein Fernglas sehen konnte. Aber von der Garde sind keine Leute dabei. Die Boys bei der Herde gehören zu Florences Cowboy Crew. Ich habe Nick Martin erkannt. Er ist eine ehrliche Haut, Boss. Sicher sind seine Boys auch in Ordnung. Von den Coltschwingern und den Mexikanern habe ich keinen gesehen.“

Der Alte dreht sich im Sattel um und blickt auf die Männer hinter sich.

„Ihr habt es gehört. Passt auf, dass keiner von denen was abbekommt!“ Er wendet sich wieder Mac zu und fragt: „Und du bist sicher, dass sie noch heute Abend treiben?“

„Todsicher, Boss. Im Camp East ist nie und nimmer Weide genug für zwanzigtausend Tiere. Sie müssen noch heute treiben. Wenigstens kann nicht die ganze Herde dort bleiben.“

Sie setzen sich zurecht, sehen noch einmal nach ihren Waffen und reiten los. Der Alte führt auf einem riesigen Falbhengst. Hinter ihm Steve und Joe, ihnen folgt Mac mit der Mannschaft. Eine wilde, raue Crew führt Tom Bridewell an. Eine Crew, die den Teufel aus dem Feuer holen wird, wenn es der Alte befiehlt. Jeder dieser Männer hat unzählige Male bewiesen, dass er ein Kerl ist, ein ganzer Kerl. In diesem Land, ja, im ganzen Panhandle wird es einem Cowboy zur höchsten Ehre angerechnet, einmal für Tom Bridewell geritten zu sein. Nur die besten Reiter und Rinderleute fanden und finden bei dem Alten einen Job. Noch mehr als alles Können aber schweißt die Kameradschaft diese Crew zusammen. Alle zehn lieben die Prärie, die freie Weide, lieben das Land so wie es ist. Und alle sind bereit, für die Erhaltung dieses Zustandes zu kämpfen. Es ist genau die Mannschaft, die Tom Bridewell braucht.

Eine Stunde später taucht die Senke auf, die Grenze zwischen den beiden Ranchs. Der Alte gibt das Zeichen zum Halten. Die Männer sammeln sich um ihn.

„Wenn sie von Camp East treiben“, erklärt der Alte, „muss die Herde auf unser Camp Darsie zu in südöstlicher Richtung laufen. Florence hat dabei etwas übersehen. Um das von ihm dem Staat angepachtete Gebiet zu erreichen, muss er entweder über unser Land, oder er treibt die Herde im Bogen nach Süden und an der 'Grenze, dann genau östlich. Wir warten hier, weil niemand genau weiß, was sie tun werden. Treiben sie im Bogen, bleiben wir hinter ihnen und jagen die Herde dann weiter nach Osten. Kommen sie geradewegs auf uns zu, gibt es überhaupt keine Überlegungen. Dann sind wir im Recht und sprengen das Vieh auseinander.“ Mit hintergründigem Grinsen fügt er hinzu: „Es wäre mir ganz lieb, wenn sie im Bogen treiben.“

Als es dämmert, sehen sie die Herde herankommen. Durch ihre Ferngläser erkennen der Alte, Steve und Mac Skinner, dass die Cowboys das Vieh eine Meile von der Grenze entfernt nach Süden treiben.

„Er ist also schlau, dieser Bastard Florence“, murmelt der Alte. „Gut, wir versalzen es ihm!“ Durch die Senke geschützt, warten die Männer mit ihren Pferden. Nur der Alte und Steve stehen oben. Und sie beobachten die riesige Herde durch ihre Gläser. Nach einer Weile kommen Vater und Sohn zu den anderen hinunter.

„Sie sind jetzt weit genug. Aufsitzen! Wir reiten jetzt langsam hinter ihnen her. Und denkt daran: Keinen Schuss, der nicht sein muss!“

Sie sitzen auf, reiten die Senke entlang und sind bald eingehüllt von der riesigen Staubwolke, die der Abendwind von der Herde her auf sie zutreibt. Bald hat sich der Staub wieder verzogen, denn die Herde ist jetzt halb links vor ihnen. Der Südwind treibt den Staub an ihnen vorbei.

„Sie sind jetzt auf unserem Land. Achtet auf mein Zeichen, Männer!“, befiehlt der Alte mit heiserer Stimme.

Die Männer nicken. Mit entschlossenen Gesichtern reiten sie durch die anbrechende Nacht. Sie folgen Tom Bridewell. Sie wissen, dass er einen bösen Streich vorhat, aber sie geben ihm recht. Sie sind stolz auf ihren Boss. Es ist eine Sache nach ihrem Geschmack, die jetzt beginnt. Sie ahnen nicht, wie hart es noch werden wird.

Die Herde ist weit vor ihnen. Tom Bridewell schwenkt nach links ein und folgt der Herde in östlicher Richtung. Verbissen reiten die anderen hinter ihm.

Die Herde kommt jetzt nur noch langsam voran. Viele Tiere bleiben auf der guten Weide zurück. Sie sehen nicht ein, dass sie nicht fressen sollen. Aber die Treiber haben kein Mitleid. Die Bullpeitschen knallen, Coltschüsse krachen durch die Nacht.

„Langsam, Männer, sie sind verdammt nahe!“, sagt der Alte.

Es ist eine dunkle Nacht, eine günstige Nacht für Tom Bridewells Vorhaben. Jetzt ist es schon so dunkel, dass die Reiter nur wenige Schritt voraus sehen können. Doch sie hören das Brüllen der Rinder, das Knallen der Peitschen und das Rufen der Treiber. Dann und wann fallen Schüsse, um die Nachzügler der Herde zu erschrecken und anzutreiben.

„Er ist mit der ganzen Herde auf unser Land gekommen“, meint Steve, als sie halten und warten, um den Abstand größer werden zu lassen.

„Ja, und deshalb geht es so verdammt langsam“, meint Joe ungeduldig.

„Nur Geduld. Wie spät ist es, Mac?“, fragte der Alte.

„Kurz vor elf, Boss.“

„Nach eins sind sie im Camp Darsie. Zwei Stunden noch. Diese Zeit müssen wir abwarten.“

„Warum, Dad?“, erkundigt sich Joe.

„Weil Ken sich jetzt noch auf Florences Grund befindet. Wenn Florence herausfindet, was wir vorhaben, setzt er Ken fest.“

„Seine Schuld, wenn er zu ihm geritten ist. Immer tanzt er aus der Reihe“, knurrt Steve.

„Ruhig! Ich kenne meinen Ken besser. Er ist ein Bridewell. Oder bist du anderer Ansicht, he?“, höhnt der Alte. „Steve muss es doch wissen. Was, Steve?“

Steve knurrt, aber er schweigt.

Kurz nach halb zwölf reiten sie weiter. Der Abstand ist jetzt beträchtlich größer, doch schon nach einer halben Stunde sind die Verfolger wieder dicht hinter der Herde.

Steve ist ungeduldig und mahnt immer wieder, das Vorhaben zu beginnen, doch der Alte hat Geduld. Steves Unruhe steckt bald die anderen Männer an. Es beeindruckt den Alten überhaupt nicht. Erst als die Herde kurz vor Camp Darsie angekommen ist, lässt der Alte halten.

„So, es ist soweit. Steve, teil die Zigarren aus! Jeder bekommt zwei Stangen. Macht die Zündschnüre kurz genug, damit das Zeug in der Luft krepiert! Haltet es nicht zu lange in den Händen! Nochmals: Keine Schießereien! Wenn die Herde läuft, ist es genug. Wir verfolgen sie nicht weit.“

„Zündet die Zigarren an!“, befiehlt Mac. „Aber macht nicht zu viel Licht dabei.“

Jeder der Männer hat eine Zigarre im Mund. Sie glimmt. Und an ihr wird jeder Reiter die Zündschnüre der beiden Dynamitstangen anbrennen.

„Ich gebe einen Schuss mit dem Colt ab. Es ist für euch das Signal, die Stangen anzubrennen. Voran jetzt! Schwärmt aus!“, befiehlt Tom Bridewell.

Und sie reiten los.

Schon bald tauchen die ersten Nachzügler der Herde vor ihnen auf — und die ersten Reiter.

Für die Cowboys ist die Situation ungünstig. Bridewells Reiter kommen für sie lautlos und dazu rasend schnell heran. Der Lärm der Herde, das Gebrüll und das Muhen sind lauter als der dumpfe Hufschlag der Bridewell-Reiter. Bevor die Cowboys hinter der Herde begriffen haben, was geschieht, sind Bridewells Männer schon vorbei.

Florences Vormann Nick Martin hat sich außerdem verrechnet. Er hat seine besten Männer vorn, weil er mit frontalem Widerstand rechnete. Dass Bridewell von hinten angreift, hat er nicht einkalkuliert.

Ein Schuss kracht. Der Schuss, der als Signal gilt. Und von dreizehn Männern werden die glühenden Zigarren an die Zündschnüre gedrückt. Dann fliegen die ersten Dynamitpakete durch die Luft. Und schon kracht die erste Ladung. Jetzt die zweite.

Es folgen hintereinander vier Explosionen. Die meisten Pakete zerplatzen als grelle Lichtfülle in der Luft. Zwei Dynamitstangen geraten zwischen die Rinder. Die ohnehin erschreckten Tiere rasen vorwärts, schieben sich zwischen die vorderen Tiere und bilden ein Knäuel. Als die beiden Pakete explodieren, ist die Stelle leer. Es wird kein Tier verletzt.

Die Rinder werden von einer Panik erfasst. Während noch weitere Explosionen hoch über den Köpfen der Tiere und Reiter erfolgen, jagen die hinteren Kühe und Kälber wie von Furien gehetzt nach vom. Dort hat das Vieh inzwischen begriffen, dass Gefahr droht. Mit einem Male läuft die Herde In wilden Galoppsprüngen voran. Langsamere Tiere werden rücksichtslos umgerannt, andere von kräftigeren niedergestoßen. Die Herde flieht, und sie bricht aus.

Mit Mühe und Not kommen die Reiter vor der Herde noch zur Seite. Vergeblich versuchen die Männer vorn, die Leitbullen zur Seite zu drängen und diese Stampede aufzuhalten - umsonst. Die Herde rast, und die Leitbullen stürmen jetzt stur nach Osten.

Die letzten Dynamitpakete zerplatzen, die Herde rast noch schneller und flieht vor der unbekannten Gefahr.

„Stop!“, brüllt der alte Bridewell seinen Männern zu. Die Reiter schwenken um. Staub und Dunkelheit sind jetzt ihre besten Helfer. Denn nun haben Nick Martin und seine Männer begriffen. Wütend reiten sie heran, suchen den Gegner und stoßen mit ihm zusammen, als Bridewell seine Leute sammelt.

„Ihr Hundesöhne!“, heult Nick Martin wütend.

„Schlagt sie aus den Sätteln!“, brüllt der Alte heiser.

Es kommt nicht zur Schießerei. Aber ein Kampf wird es doch, ein harter Kampf. Obgleich sie an Zahl überlegen sind, beziehen Nick Martins Männer Prügel. Die wilde Entschlossenheit von Bridewells Mannschaft stößt auf kläglichen Widerstand. Einige der Männer um Nick Martin fliehen. Andere wieder kämpfen hartnäckig, doch sie sind in der Minderheit. Die meisten Florence-Cowboys haben keine Lust, sich für ihren Boss zu schlagen. Für diejenigen, die wirklich kämpfen, wirkt das wie Verrat. Bridewells Mannschaft verabreicht ihnen die Dresche ihres Lebens. Am schlimmsten ergeht es Nick Martin. Er gerät mit Steve zusammen.

Nick kämpft wie ein Löwe, aber Steve ist ihm über. Ein Kinnhaken lässt Nick ins Reich der Träume versinken, aus dem er erst nach einer halben Stunde aufwacht.

Die Mannschaft Bridewells ist noch da. Jetzt zeigt es sich, dass diese Männer faire Kämpfer sind. Steve reicht Nick seine Wasserflasche und sagt grinsend: „Trink, Nick, du hast noch einen weiten Ritt vor dir!“

„Ihr Hundesöhne, das wird euch Ärger bringen“, knurrt Nick und trinkt.

„Ihr seid doch Cowboys, Nick Martin?“, fragt Tom Bridewell.

„Verdammt, sehen wir vielleicht wie Waschweiber aus?“, faucht Nick.

„Nein, aber wenn ich bedenke, dass Ihr für einen Mann reitet, der aus dieser herrlichen Weide einen mistigen Acker machen will, muss ich mich fragen, warum ein Cowboy wie du, Nick, für diesen Bastard reitet.“

„Er wird deine große Klappe noch klein machen, Bridewell. Er hat mehr im kleinen Finger als du im Schädel. Was du hier losgelassen hast, kostet dich eine Menge, Alter. Der Spaß wird dir bald vergehen, darauf kannst du dich verlassen.“

„Vormann“, sagt jetzt einer von Nicks Männern, „wir haben uns inzwischen den Vorschlag überlegt, den uns Bridewell machte. Er zahlt dasselbe wie Florence, wenn wir für ihn reiten. Und er gibt uns dazu noch hundert Rinder pro Mann. Wir werden für Bridewell reiten. Ab jetzt, Vormann!“

Nick sieht sich wild um.

„Ihr wollt Florence verlassen, nachdem ihr euch wie die jungen Karnickel verprügeln ließet? Zum Teufel, seid ihr blind? Florence wird sich das alles nicht gefallen lassen. Er bringt Bridewell vors Gericht, wenn ...“

„Bridewell ist ein Rindermann. Wir sind auch Rindermänner. Wir reiten nicht für einen Getreidehändler, Nick, nicht mehr. Es geht um die freie Weide des Panhandle!“

„Schert euch zur Hölle, ihr Dummköpfe! Ihr werdet noch angewinselt kommen. Wo ist mein Pferd? Ich reite jetzt. Hoho, Bridewell, du wirst auch bald bereuen, was du getan hast!“

Einer der Männer bringt Nicks Pferd. Der Vormann sitzt auf und reitet grußlos nach Westen zu davon.

„Schade“, brummt der Alte, „den hätte ich ganz gerne in meiner Crew gesehen.“

Die andern hören es nicht, denn sie suchen mit Geschrei nach ihren Pferden, laufen mit Fackeln in der Nacht herum, bis sie die Tiere alle eingefangen haben.

Es war ein Sieg, und die Bridewells sind stolz darauf. Dass sie ihre Mannschaft um acht gute Männer vergrößert haben, ist mehr als der Triumph. Das ist eine wirkliche Ohrfeige für Florence.

„Wir werden bis Camp Darsie reiten und dort schlafen. Morgen früh treiben wir Florences Herde nach Süden. Er wird Tage brauchen, um sie von den fetten Südweiden fortzubringen.“ Der Alte grinst und spuckt übermütig aus.

„Es ist unser Gras, das sie dann fressen, Dad“, meint Joe.

„Wir haben genug. Das ist mir der Spaß wert. Das Gras, das auf der Südweide steht, hält die Herde fest wie ein Riesenmagnet. Florence wird fünfzig gute Cowboys brauchen, wenn er die Tiere in den nächsten Tagen dort weghaben will. Er muss das aber, denn dieses Land hat er nicht gepachtet, Männer. Es gehört mir. Haha! Und jeden Halm, den sein Vieh frisst, den bezahlt er mir! Und ob er ihn bezahlt, dieser Körnerkrämer aus Kansas.“



4

Die Heimkehr Tom Bridewells auf seine Ranch gleicht dem Einzug eines Gladiatoren. Er hat nur seine Söhne und zwei Cowboys mitgebracht. Die anderen Männer sind draußen bei der Herde. Mac Skinner beobachtet Florences Vieh, das sich auf der Südweide im fetten Gras die Bäuche vollschlägt.

Ken sitzt mit Nora beim Nachmittagstee, als der Vater und die Brüder heimkehren. Der Alte ist blendender Laune, schlägt Felipe leutselig auf die Schulter und spendiert ihm eine Zigarre. Dann stapft er seinen Söhnen voran auf die Veranda zu.

„Hallo!“, ruft er mit Donnerstimme. „Es stehen genau drei Tassen zu wenig auf dem Tisch, und die beiden Boys müssen auch ihr Futter haben. Nora, spute dich!“

Nora murmelt einen Gruß und huscht ins Haus. Ken sieht seinem Vater an, dass etwas geschehen ist. Und wenn er es nicht an der fröhlichen Miene des Alten sehen könnte, müssten ihm Steve und Joe auffallen, die hämisch grinsen. Ken weiß nichts, aber er ahnt Böses.

„Ihr wart lange weg, Dad“, stellt er fest.

„Ja, du hast ja auch deine Stunden ausgenutzt, wie?“, fragt der Alte zurück, und er langt nach dem Brandy, dem Selbstgebrannten hochprozentigen Feuerwasser. Er gießt es in Noras Tasse, setzt an und trinkt einen gewaltigen Schluck. Als er absetzt, schlürft er geräuschvoll und leckt sich genießerisch über die Lippen. „Ah, wie war's denn bei Florence?“

„Er hat ganz brauchbare Ansichten“, meint Ken.

Der Alte sieht ihn ernst an, dreht sich dann zu Steve und Joe um und beginnt plötzlich zu lachen, als wolle er sich gar nicht mehr beruhigen. Steve und Joe stimmen in dieses schallende Gelächter ein. Schließlich rinnen dem Alten Tränen über die Wangen, so sehr reizt ihn dieses Lachen.

So spontan, wie es begann, endet es. Völlig ernst sagt er barsch: „Ruhe, Steve! Hör auf damit, Joe!“ Er wendet sich an Ken und weidet sich an dessen verständnislosem Blick. „Schon gut, Ken“, meint er besänftigend, als Ken die Stirn kraust. „Du weißt ja nichts. Vielleicht hat dir Florence nicht gesagt, dass er sein Vieh auf meine Weide treiben will.“

„Er wird damit zwei Tage warten!“

„So?“, wundert sich der Alte. „Hat er das gesagt?“

„Ja, er will mir Zeit lassen, mit dir zu reden“, erklärt Ken.

„Erzähle uns, was dort los war!“, befiehlt der Alte. Ken tut es.

„Florence hat nicht abgewartet, wie er es dir versprach“, erklärt der Alte danach. „Er hat sein Vieh getrieben, auf unsere Weide hat er es treiben lassen. Ich wusste alles schon lange, denn sein Plan, das Land heimlich zu pachten, ist mir verraten worden. Ich bin auch nicht so blöd, bei alledem zuzusehen. Steve, erzähle ihm, was wir gemacht haben!“

Steve erzählt, und Ken glaubt, er könne seinen Ohren nicht trauen, als er von diesem Piratenstück hört.

„Das kann er euch übel ankreiden“, meint Ken, als Steve fertig ist.

„Unsinn, er kann doch nicht wissen, dass ich von seinem Plan gewusst habe. Niemand kann das wissen, kein Richter, kein Sheriff. Er hat geglaubt, dieser gescheite Getreidehändler, einen Bridewell kann man mit einem Wisch Papier überrumpeln. Aber da ist er eben zu sehr Krämer und zu wenig Rindermann. Wenn er sein Vieh auf mein Land treibt — und solange ich nichts von einer Pachtung weiß, ist es mein Land —, muss ich annehmen, es handle sich um einen Banditenstreich. Also, und das ist altes Prärierecht, greife ich zur sofortigen Selbsthilfe. Das haben wir in milder Form getan. Und du, Sohn Ken, reitest jetzt zu ihm. Sag ihm, er soll sein Vieh bis übermorgen Mittag von der Weide holen, von unserer Weide, die mir gehört. Dann soll er mir Schadenersatz bezahlen und mir erklären, was sein Vieh auf meiner Weide zu suchen hat. Jeder Tag, den die Herde länger als übermorgen Mittag auf unserer Südweide steht, kostet dreitausend Dollar.“

„Steht das Vieh auf der Südweide?“, fragt Ken.

„Ja, noch steht es dort, und Florence muss sich verdammt anstrengen, wenn er es dort wegholen will. Er wird es natürlich auf sein Pachtland um Camp Darsie treiben wollen. Er wird dir auch den Pachtvertrag zeigen. Dazu kannst du ihm gleich sagen, dass ich gegen die Regierung klagen werde, weil sie mein Einspruchsrecht nicht angefordert hat. Außerdem ist es im Panhandle Brauch, dem bisherigen Nutznießer das Vorkaufsrecht zu geben.“

„Hast du das Geld, um dieses Land zu kaufen?“, fragt Ken zweifelnd. „Du kannst es ja nicht mehr pachten, du musst es kaufen, wenn Florence es nicht haben soll.“

„Ich habe keinen Cent dafür, aber wir brauchen eine Woche Zeit. In dieser einen Woche muss ich Florence am Boden haben. Niemand darf noch einen Handschlag für diesen Kerl tun.“

„Wie willst du das anstellen?“

„Ich? Ihr stellt es an, du, Steve, Joe und Mac.“

Ken versteht kein Wort „Was ’n das für 'n Witz?“

Der Alte lacht und reibt sich die Hände. Er blickt auf Steve und Joe, die sofort begriffen haben. Doch Ken, der von ganz anderer Natur ist als sie, begreift nicht ganz.

„Ihr seid die Nachtreiter, Ken, die Männer, durch die ein Fremdling, ein Verrückter wie Florence, zum Teufel gejagt wird. Und alle, die ihm helfen, die für ihn arbeiten, sollt ihr ihm davontreiben.“

„Verdammt, ich bin kein Bandit!“

Das Wort erregt den Alten nicht.

„Männer. die für die freie Weide streiten, sind keine Banditen. Eher sind es die, deren Speichel du an Florences Hosenboden findest. Schenk mir ein, Joe, ich kann noch einen Schluck vertragen!“



5

Man schreibt das Jahr 1887, ein Jahr, das im ganzen Süden nicht nur wegen der schlechten Fleischpreise in langer Erinnerung bleiben soll. Die Hölle im Panhandle ist es, an die Tausende von Menschen noch nach Jahrzehnten denken werden. Die Mittsommerhölle wird man sie nennen. Denn das, was über dieses Land hereinbricht, beginnt am 3. Juli 1887, dem Tag, an dem Kenneth Thomas Bridewell, der älteste Sohn des Circle B-Ranchers, zur Horn-Ranch aufbricht, um Anthony Florence die Bedingungen seines Vaters zu überbringen.

Es ist ein Verhängnis, dass Ken wieder den nervösen Braunen, diesen allzu munteren Junghengst, gesattelt hat. Aber es reizt ihn, das lebhafte junge Tier an sich zu gewöhnen. Wenn er ahnen könnte, was daraus entsteht, er würde lieber eine lammfromme alte Stute satteln.

Die Dunkelheit ist schon hereingebrochen, bevor Ken auf Florences Grund und Boden kommt. Er beschließt, in Camp Nellie zu übernachten und den Ritt am frühen Morgen fortzusetzen.

So geschieht es. Am nächsten Vormittag kurz vor zehn Uhr erreicht Ken die Ranch Florences.

Der Braune ist ausgeruht, hat den Kopf voller Faxen und lässt sich nur mit Mühe zügeln. Ken wird außerdem etwas abgelenkt, denn vor der Ranch herrscht reger Betrieb. Etwa zehn Wagengespanne sind aufgefahren. Männer beladen die Wagen mit Geräten, wie Schaufeln, Drahtrollen, Pfählen und Hacken. Links vor dem Tor der Ranch erkennt Ken vier Revolvermänner von Florences Garde. Etwas weiter rechts unter den Bäumen steht Anthony Florence zusammen mit Nick Martin und dem grobschlächtigen Warwick Almond, Florences Vormann für die Garde.

Während Ken auf diese Männer blickt und auch sie sich ihm zuwenden, geschieht das, was der Anlass zu jener Hölle werden soll.

Dicht hinter dem Braunen Kens gehen zwei Mexikaner vorbei. Beide tragen auf ihren Schultern eine lange Holzstange. Sie wollen diese Stange zu den Wagen bringen und dort aufladen. Es ist eine Stange von etwa fünfzehn Yard Länge, und das Ende ragt weit nach hinten. Die beiden Mexikaner überlegen sich das nicht, als sie etwas nach links einbiegen. Das äußerste Ende der Stange streift Kens ohnehin nervösen Braunen. Der Braune erschrickt derart, dass er einen wilden Satz nach vorn macht, gleichzeitig nach hinten auskeilt. Dabei berührt er die Stange erneut, bäumt sich auf und bricht aus.

Nur mit äußerster Mühe hat sich Ken im Sattel gehalten. Es geht alles rasend schnell. Noch krampft er sich ans Sattelhorn, als der Braune schon wie ein Blitz auf die Gruppe um Florence zujagt.

Zu spät reißt Ken das Pferd an den Zügeln zurück. Der Braune beißt sich fest und prallt auf Florence und Nick Martin, bevor die beiden sich in Sicherheit bringen können. Warwick Almond wird an der Schulter gestreift und herumgerissen. Das bewahrt ihn davor, von dem scheuenden Pferd zu Boden geschleudert zu werden.

Ken sieht plötzlich die Hausmauer auf sich zurasen. Er gibt dem Hengst eine harte, fast brutale Parade, doch das Tier hat sich festgebissen und reagiert überhaupt nicht.

Dicht vor der Wand wirbelt der Hengst herum. Ken hat sich zu seinem Glück nach der rechten Seite gebeugt und bleibt im Sattel. Jetzt gerät der aufgeregte Braune zwischen die Wagenpferde. Ein Gespann geht sofort durch. Das Stangengespann prallt auf den Hengst und drückt ihn zur Seite. Das linke Vorderrad des davonrasenden Wagens rammt die Sprunggelenke des Hengstes. Der Braune stürzt, und nur mit Mühe kommt Ken rechtzeitig aus dem Sattel.

Als der Braune aufspringt, um davonzustürmen, fällt ein Schuss. Der Hengst überschlägt sich im Sprung und stürzt klatschend zu Boden.

Ken, der beim Abspringen unglücklich mit dem Knie aufschlug, erhebt sich ächzend. Durch einen Staubschleier sieht er zwei von Florences Revolvermännern auf sich zukommen. Beide haben den Colt in der Rechten. Weiter hinter ihnen stehen mehr als zehn Leute um zwei am Boden liegende Gestalten.

Die Luft ist erfüllt von wilden Schreien, vom Gebrüll der Wagenfahrer, die ihre Not mit den Gespannen haben. Die beiden Revolvermänner bleiben einige Schritte vor Ken stehen.

„Hände hoch, du Schuft! Das hast du dir prächtig ausgedacht, wie? Hoch die Pfoten!“, fährt ihn der eine an.

Ken hat Schmerzen im Knie. Er ist von dem ganzen Geschehen auch noch zu sehr verwirrt, um sofort zu begreifen, was die beiden da von ihm wollen. Er gehorcht nicht. Verständnislos blickt er auf die beiden Männer.

„Verdammt, er muss es genauer erfahren“, meint der eine, und sie springen auf Ken zu.

Ken hat noch keinen klaren Gedanken fassen können. Instinktiv spürt er, dass es ihm an den Kragen gehen soll. Er reagiert, ohne zu überlegen, und langt nach seinem Colt. Die Waffe ist weg. Er muss sie vorhin verloren haben.

Doch schon die Bewegung seiner Hand verrät den beiden Angreifern, was er vorhatte. Es macht sie noch wütender, und bevor Ken ausweichen kann, fallen sie über ihn her.

Warwick Almond kommt von hinten und schlägt Ken mit einer Latte nieder. Gleichzeitig rammt einer der Revolvermänner seine Faust gegen Kens Schläfe. Das ist zu viel für Bridewell. Wie ein Sack fällt er zu Boden. Er merkt nicht, wie seine Kleidung nach Waffen abgetastet wird, er spürt nicht, dass man ihn wie einen Kadaver über den Boden schleift und in den Patio der Ranch bringt.

Im kühlen Innenhof liegt auch Nick Martin. Es hat ihn schlimm erwischt. Ein Hufschlag traf ihn am Kiefer. Bewusstlos liegt er im Schatten. Mehrere Männer und Frauen bemühen sich um ihn.

Eben ist ein Vaquero mit zwei schnellen Pferden zur Stadt aufgebrochen, um den Doc zu holen, denn auch Anthony Florence ist verletzt. Der Rancher liegt mit gebrochenem Bein auf einer eilig aufgestellten Bank. Zwei Männer seiner Leibgarde versuchen, das gebrochene Bein zu schienen.

Eben wird ein Wagenfahrer hereingebracht, der unter die durchgehenden Gespannpferde geriet und von der Deichsel am Arm schwer geprellt wurde.

Um Florence bemühen sich jetzt auch seine Frau und seine Tochter Cate. Die Frau ist stets etwas blass, doch in diesen Minuten wirkt sie leichenhaft bleich.

Florence zwingt sich zu einem Lächeln. DerSchmerz im Bein ist noch groß, aber es war wohl vor allem der Schreck, der den Rancher bis jetzt übermannt hatte. Das ruhige Liegen auf der Bank tut Florence gut.

Warwick Almond gibt den beiden Revolvermännern einen Wink, auf Ken zu achten. Er selbst tritt dann zu seinem Boss. Florence blickt auf.

„Wie ist das passiert?“, fragt er.

Die Frauen richten sich auf.

„Ja, Vormann, wie konnte das geschehen?“, sagt die Frau schrill. Auch Cates Gesicht drückt einen bitteren Vorwurf aus.

„Fragen Sie nicht mich, Sir, fragen Sie Ken Bridewell! Dieser schmutzige Kuhschwanz hat sich diesen gemeinen Trick ja ausgedacht. Sollte wie ein Unfall aussehen, und jeder Sheriff hätte ihm glauben müssen. Zum Glück hat es nicht so geklappt, wie er es sich gedacht hatte.“

Florence starrt den massigen Vormann entsetzt an.

„Das war Absicht?“, fragt er verstört.

Warwick Almond nickt.

„Hatten Sie an einen Zufall gedacht. Sir? No, Ken Bridewell ist ein erstklassiger Reiter, und die Bridewells haben die besten Pferde im Land. Denen geht kein Gaul durch. Das war ein Trick, der teuflische Trick eines Bridewell. Oh, darin haben die was los. Die können das so gut, so echt, dass nur ein alter Hase wie ich dahinterkommt. Die Bridewells sind Meister im Sattel. Ich muss sagen, so gut und so täuschend echt habe ich so etwas noch nie gesehen. Wenn es kein Bridewell gewesen wäre, der uns diesen Streich spielte, hätte ich vielleicht auch an Zufall geglaubt. Aber bei den Bridewells gibt es diese Zufälle nicht. Es war ein Anschlag auf Sie, Sir, auf Sie, Nick Martin und mich.“

Florence ist kein Rancher von Geblüt, er ist ebensowenig ein Reiter und Pferdekenner. Er verlässt sich ganz auf Warwick Almond. Und wenn selbst dieser ausgekochte Revolvermann an eine Absicht glaubt, weil er nicht gesehen hat, was zum Ausbrechen führte, wie soll Florence es besser wissen? Es ist alles so schnell gegangen. Niemand außer den beiden Mexikanern weiß, wie es zu diesem Teufelsritt kam. Und die beiden mexikanischen Peons, die die Stange trugen, haben sich heimlich aus dem Staube gemacht, weil sie ein Strafgericht fürchteten. So weiß nicht einmal Ken, warum sein Hengst plötzlich ausbrach.

Warwick Almonds Ansicht ist eine schwere Anschuldigung, aber sie steht in diesem Augenblick als einzige Erklärung da. Florence würde sie aber jetzt nicht glauben, wäre nicht in der vorletzten Nacht geschehen, was ihm Nick Martin berichtet hat. So muss der ehemalige Getreidehändler von seinem Nachbarn Bridewell alles gewärtig sein. Er hat das unheimliche Gefühl, dieser alte Bridewell sei in seinem Hass zu allem fähig, sogar zu einem Verbrechen. Deshalb glaubt Florence jede Silbe von Warwick Almonds Ansicht.

Florence ist unschlüssig, aber er spürt, dass er bisher nicht den richtigen Weg gegangen ist, den harten Weg, den Männer wie Bridewell respektieren. Und so meint er, Härte mit Härte erwidern zu müssen.

„Tun Sie, was Sie für richtig halten, Almond!“

Warwick Almond lächelt grimmig.

„Das werde ich, Sir, worauf Sie sich verlassen können!“ Er dreht sich um und geht auf Ken und die beiden Revolvermänner zu. Ken erlangt gerade das Bewusstsein wieder.

„Hebt ihn hoch, Jungs! Wir werden es ihm prächtig machen. So schön wie noch nie! Vorwärts mit ihm!“, befiehlt Almond.

Es ist eine harte, gemeine Sache, die sie mit Ken anstellen. Sie ist fast zu hart für einen Bridewell, und es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Ken davon betroffen wird. Er, der zum Verhandeln mahnte, der den Kompromiss suchte, ihm werden fast die Knochen aus dem Leib geprügelt. Erst wehrt er sich noch, doch bald ist er dazu gar nicht mehr in der Lage. Zu dritt schlagen sie ihn zusammen, immer wieder. Und jedes Mal, wenn er nach einer kurzen Bewusstlosigkeit aufwacht, beginnt es erneut.

Warwick Almond ist ein roher, brutaler Bursche. Seine beiden Kollegen stehen ihm in nichts nach. Und doch tun sie es nicht um der Gemeinheit willen. Nein, so schlecht sind diese rauen Gesellen nicht. Sie tun es, weil sie überzeugt sind, dass Ken einen Anschlag auf Florence vorhatte. Und sie tun es auch, weil Nick Martin so schwer verletzt wurde. Mit jedem Schlag, den sie in Kens gequälten Leib wuchten, möchten sie Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie unrecht sie Ken tun, wissen sie wirklich nicht. Welchen Fehler sie machen, gerade Ken zum Opfer ihrer Wut werden zu lassen, können sie nicht begreifen; es geht über ihre Vorstellungskraft.

Als Ken völlig zerschlagen am Boden liegt, lassen sie endlich von ihm ab. Sie werfen ihn quer über den Sattel eines Pferdes und reiten mit ihm nach Osten.

Den grausigen Plan, Ken zu Fuß durch die Prärie zu jagen, muss Warwick Almond fallenlassen, einfach deshalb, weil Ken gar nicht mehr dazu in der Lage ist.

Nach Einbruch der Dunkelheit langen Warwick Almond, seine beiden Begleiter und der auf das vierte Pferd gebundene Ken vor der Circle B-Ranch an.

„Bindet ihn los!“, befiehlt Almond.

Die beiden binden Ken los. Er rutscht vom Pferd und taumelt ein paar Schritte durch den Sand auf die Ranch zu.

Warwick Almond wickelt seine Bullpeitsche vom Sattelhorn, knallt damit dicht über Kens Kopf, dass es laut durch die Nacht schallt. Der zweite Schlag trifft Ken auf den Rücken. Ken stolpert nach vom, stürzt und bleibt schmerzverkrümmt liegen.

Noch einmal knallt die Peitsche, doch diesmal nur durch die Luft. Dann galoppieren die Reiter zurück. Das Knallen der Peitsche ist auf der Ranch gehört worden. Der alte Bridewell und sein Sohn Steve, die in dieser Nacht als einzige auf der Ranch sind, haben auf der Veranda gesessen und die Abendkühle genossen. Jetzt stürmen sie zum Corral, fangen die erstbesten Pferde ein und jagen auf den ungesattelten Tieren auf die Prärie hinaus. Um ein Haar verfehlen sie Ken. Nur das Scheuen von Steves Pferd weist sie auf die Gestalt dicht neben ihnen hin. Sie zügeln die Pferde und finden Ken.

Der Alte reißt ein Streichholz an und leuchtet in das Gesicht des am Boden Liegenden. „Verflucht, es ist Ken!“, stöhnt er.

Steve nickt. „Sie haben ihn fertiggemacht.“

„Bleib, Steve, es hat keinen Sinn, sie zu verfolgen. Hilf mir! Wir müssen ihn heimbringen.“



6

Während Felipe und Nora Kens zerschlagenen Körper salben und mit kalten Umschlägen kühlen, reiten Steve und sein Vater über die nächtliche Prärie. Weit vor sich sehen sie den Schein eines Feuers, für sie ist es ein Signal. Bis zur Ranch war dieses Feuer sichtbar, obgleich es viele Meilen entfernt angezündet wurde. Der Alte und Steve wissen jetzt, dass Florences Mannschaft die Herde der Horn-Ranch zurückholen will. Das Feuer ist Mac Skinners Zeichen.

Sie sprechen nicht, die beiden Bridewells, aber sie sind voller Gedanken. Es sind Gedanken des Hasses und der Rache. Es sind auch Gedanken, die denen Warwick Almonds ähnlich sind, denn er ist auch ein Sohn der Prärie, ein besonders harter Sohn. Die Bridewells sind nicht weicher.

Davor Ken gefunden wurde, hatte der Alte nicht vor, den Abtrieb der Herde zu stören. Jetzt aber überlegt er es sich anders. Er kennt weder die Vorfälle auf der Horn-Ranch noch weiß er, dass Warwick Almond an Nick Martins Stelle getreten ist. Er rechnet vielmehr damit, dass Nick mit einer großen Mannschaft die Herde zurückholen will.

Sicher werden genug Burschen aus Florences Revolvergarde da sein, überlegt er. Dass Warwick Almond das Unternehmen führt, ahnt er nicht. Wüsste er das, würde er vielleicht seinen Plan aufgeben.

Es ist schon kurz vor Morgengrauen, als der Alte und Steve Camp Darsie erreichen. Dort treffen sie auf die gesamte Mannschaft der Circle B-Ranch. Mac Skinner empfängt den Rancher.

„Sie sind mit vierzig Mann gekommen. Vor zwei Stunden stießen noch drei Reiter zu ihnen. Die drei kamen von Norden her. Es sah so aus, als seien sie auf der Circle B-Ranch gewesen.“

„Waren sie auch“, erwidert Steve. „Sie haben Ken gebracht.“ Und er erzählt den staunenden Männern, wie er und der Alte Ken gefunden haben.

„Verdammt, soweit ist es schon“, murmelt Mac.

Joe Bridewell hingegen brüllt empört: „Dafür schlage ich Florence unter die Erde!“

„Ruhe! Sprich weiter, Mac!“, mahnt der Alte.

„Sie treiben noch nicht. Das Vieh hat sich verteilt und muss erst zusammengetrieben werden. Vor Sonnenaufgang werden sie nicht marschieren.“

„Gut, und wo steht unser Vieh, Mac?“, will der Alte wissen.

„Wir haben auf Camp Canadian zu abgetrieben. Ich dachte mir, wir sollten das Roundup lieber dort machen.“

„Du hast er dir gut überlegt, Mac. Der Gedanke gefällt mir. Steve, hast du gehört? Wir machen das Roundup in Camp Canadian. Das Vieh hat dort gute Weide am Fluss, und es ist weit vom Schuss. Du, Joe und Mac, ihr reitet jetzt so weit wie möglich an Florences Mannschaft heran. Treiben die Burschen nach Westen, kommt ihr sofort zurück, ebenso, wenn sie vielleicht nach Norden treiben. Halten sie auf Camp Darsie zu, braucht ihr euch nicht zu beeilen, denn wir warten hier. Los, ab mit euch!“

„Was hast du vor, Dad?“, will Joe wissen.

„Du fragst zu viel. Reite!“, grollt der Alte.

Als die beiden weg sind, meint Steve: „Willst du eine neue Stampede entfachen, Dad?“

„Unsinn, das Vieh hat mir nichts getan. Eine Stampede ist genug. Ich will ein paar Burschen fangen, die zu Florences Garde gehören. Und ich will sie ihm so abliefern, wie er uns Ken vor die Tür gelegt hat.“

„Eine famose Idee!“ Steve schlägt sich begeistert auf die Schenkel. Die Männer der Crew fallen in diese Begeisterung ein. Auch die acht Cowboys, die noch vor Tagen für Florence ritten, teilen diese Meinung. Sie haben nie etwas für Florences revolverschwere Eskorte übrig gehabt.

Keiner dieser Männer scheint zu bedenken, dass Florences Mannschaft schon an Zahl überlegen ist. Dass zwölf mit allen Wassern gewaschene Revolvermänner unter ihnen sind, haben sie offenbar völlig übersehen.

Warwick Almond gehört zu denen, die Florence von Anfang an zu hartem Durchgreifen ermahnten. Dem Revolvermann Almond missfielen die Winkelzüge Florences, seine Schachzüge mit Hilfe des Gesetzes und der Obrigkeit. Almond schätzt mehr die raue Art eines Tom Bridewell. Und er hat begriffen, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Gesetzesparagraphen interessieren Almond wenig.

Als die Herde auf Bridewells Südseite zusammengetrieben ist, graut der Morgen. Ein Morgen mit glühendrotem Sonnenaufgang. Rot leuchtet das Gras, rot leuchtet die Erde, auch in den Augen der Rinder spiegelt sich diese Röte wider. Vielen der Männer erscheint das wie ein Symbol des kommenden Kampfes. Diese Männer treiben eine Herde von knapp dreiundzwanzigtausend Rindern nach Norden. Wenn sie diese Richtung noch zwanzig Meilen weit beibehalten, wird die Herde vor dem Tor der Circle B-Ranch stehen. Und das gehört zu Warwick Almonds hartem Plan.

Warwick reitet an der Spitze. Er hat längst die beiden Reiter weit voraus entdeckt. Sie schwenken jetzt ab und reiten schnell nach Nordwesten.

Der Vormann lächelt grimmig. Ja, sie werden nach dem Camp Darsie reiten, werden Alarm schlagen und die gesamte Mannschaft Bridewells mobilisieren. Auch das gehört zu Warwick Almonds Plan.

Als drei Stunden später die Herde gute neun Meilen weiter nach Norden gekommen ist, tauchen links etwa zwanzig Reiter auf. Warwick Almond hat sie als Erster entdeckt. Und nun ist er sicher, dass alles so verlaufen wird, wie er es sich ausmalt. Er schwenkt von der Spitze der Herde ab und übergibt einem schlanken Vaquero die Führung.

Für zwei Dutzend seiner Reiter ist das ein längst erwartetes Zeichen. Die Reiter scheren ebenfalls vom Verband der Herde aus und gruppieren sich hinter Warwick.

„Vorwärts!“, brüllt der Vormann und gibt seinem Blauschimmel die Sporen. Vierundzwanzig Männer tun es ihm nach. Die Kavalkade jagt den noch weit entfernten Reitern entgegen. Die Herde aber zieht, getrieben von dem Rest der Mannschaft, stur weiter nach Norden.

„Verdammt, das geht ins Auge“, murmelt Steve, als er sieht, was die Mannschaft Florences vorhat. Fragend sieht er auf den Vater, doch im steinernen Gesicht des Alten lässt sich nicht erkennen, was dahinter vorgeht. Tom Bridewell blickt starr der Reiterschar entgegen.

„Boss, wenn wir uns mit denen einlassen, treiben die anderen das Vieh über die Ranch weg!“, ruft Mac Skinner.

Der Alte reagiert gar nicht. Wie eine Statue sitzt er im Sattel und blickt noch immer unverwandt nach Osten, von wo sich Warwick Almonds Reiter nähern.

„Dad, Mac hat recht. Wir müssen sehen, dass wir hier wegkommen. Es ist sinnlos, sich mit ihnen einzulassen“, sagt Joe. Er hat den Hut abgesetzt, und sein brandrotes Haar glänzt in der Vormittagssonne.

„Unsinn! Es würde aussehen, als hätten wir die Hosen voll. Wir müssen mit ihnen kämpfen.“ Das sagt Steve, und er blickt dabei beifallheischend auf den Alten. Doch auch er bekommt keine Antwort.

Die Männer werden unruhig. Erstaunt, fast nervös sehen sie auf Tom Bridewell, diesen weißhaarigen Alten, der durch nichts zeigt, was in ihm vorgeht. Dass er keine Angst hat, wissen sie. Ein Bridewell hat keine Angst, jedenfalls bestimmt nicht der Alte. Aber vielleicht ist er unsicher, vielleicht weiß er noch immer nicht genau, was die Gegner beabsichtigen? Diese Frage stellen sich vor allem jene Männer, die noch vor kurzem in Florences Sold standen.

Sie irren sich. Tom Bridewell weiß genau, was er tun wird.

Die Reiter sind fast auf Gewehrschussweite heran. Und noch immer sitzt der Alte steif im Sattel, äugt wie ein alter Adler zu ihnen hin, sagt aber kein Wort.

„Dad, willst du ewig sitzen bleiben, bis sie uns überrennen?“, keucht Joe.

Der Alte dreht sich etwas herum und knurrt: „Gebt dem Kleinen die Flasche, damit er den Mund hält!“

Joe wird im Gesicht noch roter als sein Haar. Die Männer grinsen, obgleich sie Joes Nervosität verstehen. Geht es ihnen anders?

Die Gegner sind auf Gewehrschussweite heran.

„Winchester aus den Scabbards!“, kommt es barsch aus dem Mund des Alten. „Verteilt euch etwas. Wenn ein Schuss fällt, dann runter von den Gäulen.“

Endlich ein Befehl, endlich etwas, woran sie sich halten können. Ein Aufatmen geht durch die Reihen der Männer, und sie beeilen sich, der Anordnung Bridewells nachzukommen.

Und dann kommt das, worauf Tom Bridewell gewartet hat. Nicht seine Leute feuern zuerst, die anderen tun es. Ein Gewehrschuss geht dicht über den Kopf des Alten hinweg.

Jetzt geht alles blitzschnell. Bridewell und seine Männer gleiten aus den Sätteln. Die Pferde galoppieren reiterlos davon. Und schon kracht die erste Salve.

Hastig repetieren die Männer. Peitschend knallen die Schüsse der zweiten Salve.

Warwick Almond hat genau gesehen, wie Bridewells Mannschaft die Gewehre aus den Scabbards zog. Für seine Männer war das ein Zeichen, mit Widerstand zu rechnen. Sofort beginnen sie sich zu verteilen. Almond wird aber dadurch irritiert, dass Bridewells Mannschaft reglos in den Sätteln sitzen bleibt.

Glaubt der Alte etwa, wir wollen ein Palaver mit ihm beginnen?, fragt sich Almond amüsiert.

Plötzlich fällt jener voreilige Schuss. Ein Mexikaner hat ihn abgegeben. Vielleicht war es ein Versehen, vielleicht Übernervosität, es lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

„Auseinander!“, brüllt Almond noch, dann sieht er, wie vorn die Mannschaft Bridewells aus den Sätteln springt und sich zu Boden wirft.

Er. geht unerwartet schnell. Bevor Almonds Crew abspringen kann, kracht die erste Salve der Gegner. Nie hat Almond geglaubt, dass die Bridewells auf diese große Entfernung den Feuerbefehl geben würden.

Die Hälfte von Almonds Männern ist noch im Sattel. Dicht neben Almond wird ein Pferd getroffen. Es überschlägt sich und begräbt den Reiter unter sich, gerät genau vor Almonds Blauschimmel und lässt das Tier aufprallen. Almond fliegt aus dem Sattel und entgeht so den Schüssen der zweiten Salve.

Der rechte Flügel der Angreifer befindet sich schon beinahe in der Flanke von Bridewells Mannschaft. Und das gibt den Ausschlag. Diese Männer sitzen noch in den Sätteln und feuern auf die Crew der Circle B-Ranch. Dadurch werden die Cowboys um Bridewell von den gestrauchelten Reitern in der Mitte abgelenkt.

Minuten später sind sämtliche Reiter abgesessen und liegen im Sand. Hastig versuchen sie sich kleine Kuhlen zu wühlen, um etwas Deckung zu finden.

Warwick Almond ist hinter das gestürzte Pferd gekrochen. Der Reiter dieses Tieres ist tot, vom Pferdeleib erschlagen. Wie Warwick bald erkennen muss, ist das nicht das einzige Opfer. Weiter links sind zwei Männer verletzt, ein dritter ist ebenfalls vom Pferd gestürzt und liegt mit gebrochenem Bein ohne Deckung weit vor den anderen. Doch die Gegner schießen nicht auf ihn. Sie lassen es zu, dass dieser Mann mühsam zurückkriecht, um zu seinen Kameraden zu kommen.

Der Vormann kocht vor Wut. Er hat sich durch das Verhalten der Circle B-Crew täuschen lassen, glaubte er doch, Tom Bridewell werde mit seinen Männern in den Sätteln bleiben. Dass er in letzter Sekunde anders reagierte, führt Almond auf den voreiligen Schuss des Mexikaners zurück.

Es lässt sich nicht ändern, denkt er. Wir müssen sehen, dass wir Bridewells Crew hier festnageln.

Tom Bridewell späht zum Feind hinüber. Drüben blitzt es an einer Stelle auf. Der Alte duckt sich wieder flach auf den Boden. Über ihn hinweg pfeift ein Geschoss.

Sofort erwidern Steve und Mac Skinner das Feuer. Auf diese Schüsse hin kommen wieder ein paar Salven von drüben, dann herrscht Ruhe. Die Gegner belauern sich.

Steve liegt neben dem Alten.

„Verdammt, Dad, hier sitzen wir bis zur Nacht fest. Und in der Zeit ist die Herde bei der Ranch, hörst du?“

Der Alte hat es gehört.

„Die Herde kann vor dem Abend nicht dort sein. Es sind nur fünfzehn oder sechzehn Treiber dabei. Da geht es langsam. Und bis zum Abend sind wir auf der Ranch.“

Steve schüttelt den Kopf. Er versteht nicht, was sein Vater vorhat, niemand versteht es. Mac Skinner blickt den Rancher vorwurfsvoll von der Seite an, als wolle er sagen: Nun kleben wir hier, und was haben wir davon?

„Sag ihnen, Steve“, befiehlt der Alte, „dass sie nicht so viel schießen! Nur wenn sie wirklich ein Ziel sehen.“

Der Befehl geht von Mann zu Mann weiter. Schließlich weiß es die gesamte Crew.

Florences Mannschaft feuert jetzt häufiger. Nicht einmal finden die Geschosse ein Ziel.

„Dad“, meint Joe, der linker Hand von Tom Bridewell liegt, „sie wollen uns nur am Boden halten. Einer von uns müsste weg, um auf der Ranch Alarm zu schlagen. Wenn die Herde kommt, dann ...“

„Sohn, halt endlich den Mund! Die Herde kommt nicht bis zur Ranch.“ Mürrisch schiebt sich der Alte nach dieser Antwort einen Grashalm in den Mund und kaut darauf herum. Es ist das einzige, was sich an ihm zu bewegen scheint. Steif liegt er in seiner kleinen Mulde hinter dem Grasballen und äugt dorthin, wo Florences Leute liegen. Hin und wieder blickt er aber zu den Rispen der Grashalme hoch, als gefalle ihm das Zittern und Schwanken der zierlichen Halme im Wind.

Das Gras ist dürr, prasseldürr, und in der Mittagshitze ist auch der letzte Tautropfen verdampft. Die Halme haben durchschnittlich eine Höhe von drei bis vier Fuß und stehen immer in Ballen zusammen, während dazwischen nackter Sand zu sehen ist. Der ständige Präriewind hat die Gräser hart und widerstandsfähig gemacht. Die Blätter sind scharf wie Messer, die Halme knackig spröde wie Kornstroh. Überall dort, wo diese Grasballen aus dem Sande herausragen, haben sich kleine Erdhaufen gebildet, die das Gras wiederum zwingen, sich auf der erhöhten Oberfläche auszudehnen. Das ist der Grund, warum die Prärielandschaft holprig und uneben ist.

Die Unebenheit bietet den Männern jetzt Deckung. Das Gras aber soll zum festen Bestandteil von Tom Bridewells Plan werden, den Plan, den er schon gefasst hat, als Florences Reiter noch in weiter Ferne angeritten kamen.

Es wird immer heißer. Aber noch immer weht der Wind aus Westen, lässt die Grashalme tanzen und zittern.

Drüben fallen wieder einzelne Schüsse. Sie werden von Bridewells Mannschaft nicht erwidert.

„Steve“, flüstert der Alte. „Steve, sage ihnen, sie sollen das Gras anbrennen, das vor ihnen ist.“ Er dreht sich zu Joe um und zischt ihm den gleichen Befehl zu.

Jetzt haben die Männer begriffen, warum Tom Bridewell so gelassen wartete. Jetzt endlich wissen sie es.

Der Wind kommt von Westen, er kommt von hinten. Für Florences Mannschaft wird es bitter.

Die ersten Büschel brennen. Wie Zunder brennt das Gras ab. Funken stieben zum Himmel, werden vom Winde weitergetrieben und setzen neue Büschel in Brand. In Sekundenschnelle entsteht eine Feuerlohe.

„Durchladen! Jeder, der sichtbar wird, bekommt Saures!“, brüllt der Alte.

Das Feuer weht auf den Gegner zu. Wind, Trockenheit und Hitze sind jetzt die Verbündeten des alten Bridewell. Er hat den Fuchs Almond überlistet, hat ihm eine grausame Falle gestellt.

Es ist zu spät für Almonds Männer, andere Auswege zu suchen. Für sie gibt es nur die Flucht, und dann müssen sie sich aus ihren Deckungen erheben. Bridewells Mannschaft wartet darauf.

Das Feuer weht nach Osten, für Bridewells Männer bildet es keine Gefahr. Ohne Hast knien sich die Männer hin und warten darauf, dass sie schießen können.

Drüben springen die ersten auf. Schüsse krachen, einer der Männer da drüben bricht zusammen und wird von den beiden anderen mitgeschleppt.

Andere springen auf, einige von ihnen schießen wie rasend durch die Feuersbrunst, blindlings, ohne ein Ziel sehen zu können, denn die Flammen verwehren die Sicht.

Auch Bridewells Leute sehen jetzt nicht mehr genau, was hinter dem Feuer vorgeht. Doch als die ersten Gegner seitlich der Feuerwalze auftauchen, peitschen die Schüsse aus den Gewehren der Circle B-Crew.

Einige von Florences Männern können ihre Pferde einfangen. Die Tiere sind noch weil zurück, werden aber schon unruhig, als die Feuerwelle sich nähert. Die meisten Tiere laufen weg, aber ein paar werden eben noch gefangen. Sieben Reiter entkommen. Almond ist unter ihnen.

Er scheint nicht zu versuchen, seinen Kameraden zu helfen. Offenbar hat er vor, mit seinen sechs Gefährten die Herde zu erreichen, um doch noch zu verwirklichen, was durch Bridewells Trick danebenzugehen droht.

Die Flucht der sieben Reiter zwingt Tom Bridewell, seinen Plan sofort zu ändern.

„Zu den Pferden!“, brüllt er seinen Männern zu.

Die Cowboys springen auf und laufen zurück. Nur Steve, Joe und Mac Skinner bleiben bei dem Alten, um den Rückzug zu sichern.

Florences Mannschaft hat mit sich selbst zu tun. Von ihnen haben die Bridewells keinen Kummer mehr zu erwarten.

„Boss, das Feuer wird verdammt gefährlich, wenn es so weiterläuft“, meint Mac Skinner.

„Nein, es kann nur noch eine Meile laufen, dann kommt der Sandstreifen. Über den kommt es nicht weg. Und seitlich bricht es nicht durch, dazu ist der Wind zu kräftig.“

Eine breite schwarze Gasse hat sich hinter dem Feuer gebildet. Und tatsächlich breitet sich der Brand nicht seitlich aus, sondern zieht, vom Winde getrieben, gerade weiter nach Osten. Da zwischen den Büscheln blanker Sand liegt, kann nur der Funkenflug das Feuer weitertreiben. Und solange Westwind ist, kann nichts passieren.

Die Cowboys galoppieren mit den eingefangenen Pferden heran. Tom Bridewell schwingt sich in den Sattel, Steve, Joe und Mac Skinner tun es ihm nach. Und bevor die überraschten, pferdelosen Gegner etwas unternehmen können, rast die Kavalkade wie ein Spuk davon.

Fluchend stapfen die Besiegten mit ihren Verletzten auf Camp East zu. Sie wissen, dass die Wagenkolonne der Horn-Ranch auf halber Strecke dicht vor der Gebietsgrenze warten wird. Das war noch Nick Martins Absicht, der das Roundup östlich von East Camp durchführen wollte; vielleicht, weil er eingesehen hatte, wie nutzlos es war, die Herde auf das sogenannte Pachtland vor Camp Darsie zu treiben.

Nick Martin wäre es nicht in den Sinn gekommen, eine Viehherde als Waffe zu benutzen wie Warwick Almond, der die Herde als lebende Walze über die Circle B-Ranch jagen will. Es ist jedoch nicht mehr Nick Martin, der die Befehle gibt, auch nicht Florence. Warwick Almond hält das Zepter in der Hand, und für ihn spielt es keine Rolle, ob Hunderte von Rindern seines Herrn bei dem wahnwitzigen Plan krepieren. Er fragt auch nicht danach, was diese verlorenen Rinder kosten werden. Ihn interessiert nur das Resultat.

Auch von den Männern, die jetzt zu Fuß durch die Prärie ziehen und die Hölle über Tom Bridewells Haupt wünschen, auch für sie ist das Ziel Anthony Florences eine Nebensache. Sie kämpfen jetzt gegen Tom Bridewell, und wenn sie auch eine Niederlage erlitten haben, morgen werden sie wieder reiten. Und sie werden gegen Tom Bridewell reiten. Der Kampf ohne Gnade hat eben erst begonnen.

Als die Sonne schon tief am westlichen Himmel steht, treffen Tom Bridewell und seine Crew auf die Herde Anthony Florences. Und sie treffen auf Warwick Almond und dessen restliche Mannschaft. Die Herde steht kurz vor den ersten Ranchweiden, keine Meile von den Gebäuden entfernt. Zu den sechzehn Treibern sind Warwick Almond und seine sechs Reiter gestoßen. Warwick hat die Herde halten lassen, um den Kampf mit den Verfolgern aufzunehmen. Die Zeit reicht nicht mehr aus, die Herde in eine Stampede zu versetzen. Tom Bridewells Männer sind schneller.

Diesmal überlegt sich Warwick alles besser und gründlicher. Als die Verfolger auftauchen, ist er mit seinen Männern schon aus den Sätteln. Gut verteilt erwarten sie die wilde Schar Tom Bridewells.

Doch der alte Präriewolf Bridewell riecht den Braten. Er sieht die riesige Herde, entdeckt reiterlose Pferde, kann aber die Männer nicht erkennen.

„Sie warten auf uns. Das ist gut“, ruft er seinen Cowboys zu. „Steve und Joe, ihr reitet zur Ranch. Lasst euch nicht abfangen! Ich weiß nicht, wie es mit Ken steht, aber er wird schon irgendwie krauchen können. Schleift ihn mit und helft ihm, das restliche Dynamit anzupflocken. Ken wird wissen, wie er es macht. Schlagt die Pfähle im Halbkreis um die Südseite der Ranch! Wenn die Herde kommen sollte, lasst ihr die Dinger hochgehen. Wir werden indessen versuchen, von Osten her an die Herde heranzukommen. Wenn alles klappt, drücken wir die Leitbullen nach links, so dass sie keine Gefahr für die Ranch bilden. Schaffen wir es nicht, bleiben noch die Dynamitstangen. Und nun weg mit euch!“

Steve und Joe galoppieren auf ihren Pferden in weitem Bogen auf die Ranch zu. Der Alte winkt den restlichen Männern zu.

„So, und wir reiten auch. Voran, Jungs!“

Auch diese Reiter weichen im Bogen der Herde aus, bleiben weit außerhalb der Schusszone und schlagen einen gewaltigen Haken, bis sie bei einbrechender Dunkelheit im Osten vor der Herde stehen.

Welche Überraschung Tom Bridewell erwartet, weiß er zum Glück noch nicht. Und auch Warwick Almond wird in einer halben Stunde vor Verblüffung den Mund aufreißen.

Steve und Joe reiten auf die Ranch zu. Sie sind schon am Corral, als sie in der Dunkelheit dicht vor sich Reiter sehen, viele Reiter sind es.

„Verdammt, wie viele Mann hat dieser mistige Florence eigentlich?“, entfährt es Steve. Er will sein Pferd wenden, doch es ist schon zu spät.

„Halt, ihr beiden! Halt!“, brüllt eine scharfe Stimme.

„Steve, das ist doch der Sheriff!“, platzt Joe heraus.

„Unsinn, eine Falle ist es!“, ruft Steve und will sein Pferd antreiben.

„Stehenbleiben! Wir schießen! Halt da vorn!“, brüllt die Stimme wieder.

„Mach keinen Quatsch, Steve, es ist der Sheriff“, sagt Joe.

Sie zögern, unschlüssig lassen sie die Sekunden verstreichen. Indessen sind die Reiter heran. Ein Streichholz flammt auf und lässt eine Karbidlampe aufleuchten.

„Ah, also die beiden Bridewell-Söhne.“

Steve und Joe sehen, dass es wirklich der Sheriff ist. Er reitet an der Spitze einer etwa dreißigköpfigen Reiterschar. Es sind Männer aus Tascosa und Siedler vom Land am westlichen Canadian River. Nicht alle reiten gute Pferde. Die Siedler sitzen auf klobigen Arbeitstieren, halten großkalibrige Doppellaufflinten in den Händen und blicken etwas ratlos auf die beiden Bridewell-Söhne.

Neben dem ergrauten Sheriff sitzt Bill Race, der Deputy.

„Eh, ihr beiden, wo steckt euer Alter? Ist das eure Herde, die man bis hierher hören kann?“

„Viele Fragen auf einmal“, knurrt Steve. „Es ist nicht unsere Herde. Fragt den Bastard Florence, wie seine lausige Herde auf unser Land gekommen ist.“

„Hüte deine Zunge, Steve Bridewell“, mahnt der Sheriff. Er ist nicht mehr jung, dieser Sheriff Keith, und er gilt als zäher Bursche. Mit den Bridewells hat er immer viel Ärger gehabt, besonders mit dem alten Tom, der die Gesetze oft auf eigene Weise auszulegen vermag. Trotzdem ist dieser Sheriff korrekt. Er ist ein Freund der Rinderleute, muss aber den unterstützen, der das Gesetz respektiert. Bridewell tut das nicht immer.

„Ich nehme an, Steve, dass dein Alter die Herde auf diesen Weg gebracht hat. Jedenfalls haben wir von Florence eine Anzeige gegen euch. Wir müssen Ken verhaften. Wo steckt Ken? Deine Schwester sagt, er sei am Nachmittag weggeritten, wohin, das wüsste sie nicht. Was weißt du davon?“

„Ich weiß nicht“, erwidert Steve grollend. „Jetzt habe ich verdammt andere Sorgen, als nach Ken zu suchen. Die Herde von Florence wird auf unsere Ranch zu getrieben, und wenn wir noch lange warten, werden uns die Bullen überrennen.“

„Das lügst du wieder, Steve!“, sagt Bill Race scharf.

Steve schnellt wütend herum. Seine Hand zuckt zum Revolver.

„Lass den Quatsch, Steve!“, mahnt Joe.

Steve beherrscht sich im letzten Augenblick und knurrt nur: „Deine freche Klappe mache ich auch noch kleiner, Bill!“

„Was ist draußen passiert, Steve?“, will der Sheriff wissen.

„Das hat Zeit, Sheriff. Erst muss die Herde weggedrückt werden.“

In der Ferne krachen Schüsse. Das Gebrüll der Herde kommt näher.

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