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Harte Jungs

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. VORAB
  9. SOUNDTRACK
  10. KAPITEL EINS
  11. KAPITEL ZWEI
  12. KAPITEL DREI
  13. KAPITEL VIER
  14. KAPITEL FÜNF
  15. KAPITEL SECHS
  16. KAPITEL SIEBEN
  17. KAPITEL ACHT
  18. KAPITEL NEUN
  19. KAPITEL ZEHN
  20. KAPITEL ELF
  21. KAPITEL ZWÖLF
  22. KAPITEL DREIZEHN
  23. KAPITEL VIERZEHN
  24. KAPITEL FÜNFZEHN
  25. KAPITEL SECHZEHN
  26. KAPITEL SIEBZEHN
  27. KAPITEL ACHTZEHN
  28. KAPITEL NEUNZEHN
  29. KAPITEL ZWANZIG
  30. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  31. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  32. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  33. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  34. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  35. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  36. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  37. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  38. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  39. KAPITEL DREISSIG
  40. EPILOG oder NACHWORT (je nach Vorliebe)
  41. DISKOGRAFIE (nicht alphabetisch oder sonst wie geordnet)

Über das Buch

Als sei es gestern gewesen, rauscht „Puppe“ durch die Neunziger. Es wird nicht gejammert, es wird gefeiert, ein Bier ersetzt das Aspirin, und schlafen können wir später. Punkrock und Kurt Cobain mit Nirvana bilden den musikalischen Background für eine turbulente große Liebe. Furios und mitten aus dem Leben erzählt Florentine Joop diese Geschichte voller Emotionen, Musik und das Erwachsenwerden.

Über die Autorin

Florentine Joop, 1973 in Hamburg geboren, studierte dort an der Fachhochschule für Gestaltung und hat erfolgreich einige Kinderbücher veröffentlicht (»Bonifacio und die Insel der Faultiere«, »Don Igitt und die Bellkartoffel«, »Käpt'n Lotta und der vieräugige Herrmann«). Sie lebt heute mit Mann und Zwillingen in Berlin. Harte Jungs ist ihr erster Roman.

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Friends Don’t Let Friends Get Friends Haircuts«

(Aufschrift auf dem Bass von Mike Inez beim legendären MTV-Unplugged-Auftritt von Alice In Chains – an die Adresse der im Publikum sitzenden Band-Mitglieder von Metallica, die sich kurz zuvor alle die Haare hatten schneiden lassen.)

VORAB

Diese Geschichte ist frei erfunden.

Alle Namen und handelnden Personen entspringen der Fantasie der Autorin.
Jede Ähnlichkeit mit real lebenden oder toten Personen, Ereignissen oder Schauplätzen wäre völlig unbeabsichtigt und reiner Zufall.

Anders gesagt: Die Helden dieses Buches sind genauso echt, wie sie erfunden sind. Ich auch. Ich schreibe über eine sehr reale Zeit und über mich in dieser Zeit, aber sozusagen verschlüsselt. Und den Dechiffrier-Code habe ich gerade weggeworfen. In die Spree, und ich spring bestimmt nicht hinterher!

SOUNDTRACK

Auch Bücher brauchen einen Soundtrack, finde ich. Bücher über Musik sowieso. Bücher über eine bestimmte musikalische Epoche dringend.

Also, als musikalische Einstimmung, meine persönliche Kompilation, ein Song pro Kapitel. Wer die Songs kennt, wird sich erinnern, wer nicht: Wird Zeit!

Bei Interesse legal zu erwerben, versteht sich.

EINS

Mother Love Bone,

»Crown of Thorns«

ZWEI

Pantera, »This Love«

DREI

Tool, »Sober«

VIER

Blind Melon, »No Rain«

FÜNF

Green Day, »Basket Case«

SECHS

Sly & the Family Stone

»I Want to Take You Higher«

SIEBEN

Nine Inch Nails, »Closer«

ACHT

Nirvana, »Come As You Are«

NEUN

NOFX, Don’t Call Me White«

ZEHN

Hole, »Miss World«

ELF

Nine Inch Nails, »Wish«

ZWÖLF

Smashing Pumpkins, »Disarm«

DREIZEHN

Therapy?, »Die Laughing«

VIERZEHN

Hüsker Dü (oder Cover-Version von

Therapy?), »Diane«

FÜNFZEHN

Stone Temple Pilots, »Interstate Love Song«

SECHZEHN

U2, »Desire«

SIEBZEHN

Temple of the Dog, »Say Hello to Heaven«

ACHTZEHN

Nirvana, »All Apologies«

NEUNZEHN

Soundgarden, »Outshined«

ZWANZIG

The Breeders, »Cannonball«

EINUNDZWANZIG

Type 0 Negative, »Summer Breeze« (Seals & Crofts-Cover-Version )

ZWEIUNDZWANZIG

Type 0 Negative, »Too Late: Frozen«

DREIUNDZWANZIG

Tito & Tarantula, »After Dark«

VIERUNDZWANZIG

Iggy Pop, »Nightclubbing«

FÜNFUNDZWANZIG

Alice In Chains, »Rooster«

SECHSUNDZWANZIG

Billy Idol, »White Wedding«

SIEBENUNDZWANZIG

Oasis, »Champagne Supernova«

ACHTUNDZWANZIG

Foo Fighters, »Floaty«

NEUNUNDZWANZIG

The Cure, »Pictures of You«

DREISSIG

Ramones, »Born to Die in Berlin«

EINS

»River Phoenix ist tot!«, sage ich zu Verena.

Mein Held! Mein absoluter Traum, der Vater meiner ungeborenen Kinder. Weg. Tot. Kaputt. Aus die Maus – wie kann das denn sein?

»WAS?!«, ruft Verena durch die Musik hindurch.

»RIVER PHOENIX ist TOT! AUS die Maus!«, brülle ich über die Musik hinweg, Verena nickt aber nur weiter im Takt.

Ich gehe zur Anlage und drehe Mother Love Bone den Hahn zu, damit Verena und ich wieder normal kommunizieren können. »Da!«, ich zeige ihr das Titelblatt meines Filmmagazins. Verena starrt mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die fetten Buchstaben. Dann macht sie große Augen und schaut wieder mich an. Kurz stehen wir etwas belämmert voreinander. Verena allerdings fängt sich schneller wieder und macht die Musik wieder an. Allerdings etwas moderater als vorher, während sich bei mir ein sehr ekliges Gefühl im Magen breitmacht.

Ich hebe wieder die Hand mit der Zeitschrift, die die bösartige Meldung birgt. Ich suche den Bericht, und damit Verena auch gleich Bescheid weiß, lese ich laut vor.

»Phoenix wollte mit seinem Freund und Bandkollegen Flea von den Red Hot Chili Peppers auf der Bühne von Johnny Depps Club Viper Room performen. Laut Zeugenberichten ging River Phoenix wohl mit in der Szene bekannten Dealern auf die dortige Toilette. Dort hat er angeblich ein Gemisch aus Heroin und Kokain, einen so genannten Speedball geschnupft, denn man hat bei ihm keine Spritzen gefunden.«

Ich lasse die Hand sinken und schaue vollkommen verwirrt Verena an. Sie schaut wieder zurück, kann aber auf meine wortlose Frage keine Antwort geben.

»Ich fasse es nicht!«, sage ich und schaue an die Wand in meiner Küche, in meiner ersten kleinen Freiheit im eigenen Leben, meiner Wohnung, Verena, die zu Besuch ist, weil wir weggehen wollen nachher. Wir sitzen beisammen und trinken Kaffee. Über uns hängt das Filmplakat, das in meiner Mini-Küche die ganze Wand füllt. Ein Schwarz-Weiß-Plakat von »My Own Private Idaho« mit River Phoenix und Keanu Reeves auf einem Motorrad. Der ist, WAR, nur drei Jahre älter als ich. VERDAMMTE SCHEISSE!

»Ist ja grade wie ’ne Seuche, schlimm!« Verena hebt die Augenbrauen. Sie zeigt in die Luft, wo die Musik rumschwebt, und sagt: »Auch schon tot der Andy Wood. Auch Heroin! Irgendwie hat das was mit dieser Szene zu tun, diese ganze Seattle-Grunge-Musik-Szene …, sie zuckt etwas hilflos mit den Schultern und pult am Loch in ihren Jeans rum. Dann nimmt sie einen Schluck Kaffee und sagt: »Ich hätt’s nie für möglich gehalten, dass Heroin wiederkommt, die sollten doch mittlerweile alle Christiane F. gelesen oder gesehen haben.«

Ich schüttle verwirrt den Kopf.

»Die schlimmste Droge, die ich je genommen habe, war ein Hasch-Cookie, dessen verheerende Wirkung darin bestand, dass ich tief eingeschlafen bin«, erzähle ich.

Außer hie und da mal Hasch mitrauchen, denn kaufen, find ich, geht irgendwie zu weit und wäre schon ein Schritt zu weit in Richtung Sucht oder so, na ja, und ich vertrag ja sowieso nix, also war’s das dann auch schon mit meiner tollen Drogenkarriere. Nicht so irre Rock ’n’ Roll.

Verena schaut mich kritisch an und zeigt auf meine Kippe in der Hand.

»Und das da?« Sie meint es nicht so ernst. Ich mache mein: JA-JA-Gesicht.

Verena ist noch viel solider. Sie raucht nicht mal. Ich schon. Und viel. Und eigentlich immer. Muss ich irgendwann mal lassen. Verena ist meine hübsche, aber mehr noch blitzgescheite Besseres-Ich-Freundin. Nicht jeder hat so Freunde, die einen nicht nur sehen, wie man wirklich ist, sondern vor allem auch, wie man sein könnte, und dabei nicht müde werden zu versuchen, einen auf den besseren Weg zu führen. Kann aber auch höllisch nerven, weil man eben nicht immer gleicher Meinung über »besser« ist.

Ihre langen, dunklen Haare sind ganz glatt. Wenn sie mal keine Jeans anhat, trägt sie vornehmlich kurze Blümchenkleider mit Doc-Martens-Stiefeln und Lederjacke. Ihre grünen Katzenaugen sind mit schwarzem Kajal umrandet. Ich schaue meine Füße an. Werde ich jemals diese Stiefel wieder ausziehen? Ich trage sommers wie winters meine irre-brutal-super-geilen Biker-Boots-Stiefeletten mit extra von mir gewünschten silbernen Münzen auf den Riemen, die man zweimal um die Knöchel wickeln kann. Mein Geschenk zum Abi. Andere haben Autos bekommen, ich Boots. Ich wollte mit diesen Boots um die ganze Welt wandern.

Ich kenne Verena noch mit Zöpfen und Schleife im Haar und Ranzen auf dem Rücken. Also ewig. Wir haben noch mit Barbies gespielt zusammen.

Jetzt sitzen wir voreinander, mit Totenkopfschmuck behängt, ohne Zöpfe und Schleifen, dafür eine Tasse Kaffee vor uns, ich rauche – ist schließlich meine Küche –, und Verena fächelt den Rauch in regelmäßigen Abständen weg, während wir unseren Abend planen.

»Weißt du, was mich am allermeisten schockt?« Ich schaue in meine Kaffeetasse. »Mich schockt, dass ein Mensch einfach so durchs Raster fliegt.«

»Was meinst du?« Verena schaut interessiert hoch.

Ich sehe sie an, irgendwie gefangen von einem eisigen Gefühl.

»Jetzt überleg mal, ALLE waren da, die ihn angeblich mochten oder liebten, seine Geschwister, seine Freundin, alles junge, und ich glaube, nicht doofe Leute …« Ich hol tief Luft, »… ich meine, es gab grade keinen cooleren Schauspieler am Horizont, verstehst du, der hat doch grade erst angefangen, und der ist einfach abgekratzt, zwischen alle denen …«

Ich mache wieder eine Pause, denn das Bild in meinem Kopf hat sich geändert. Ich liege da irgendwo sterbend im Dreck, und keiner merkt was.

»Wer passt denn eigentlich auf einen auf, wenn man, umringt von besten Freunden und Familie, sich so viele Drogen in den Kopf knallen kann, bis man umfällt und nie wieder aufsteht?« Nervös nestle ich eine Stange meiner legalen Drogen aus der Packung. Verena sieht ein bisschen besorgt aus. Sie scheint meine Nervosität zu bemerken.

»Du rauchst zu viel«, sagt sie mahnend.

»Ja, ja!«, motze ich sie an wie früher meine Mutter, doch im gleichen Moment fällt’s mir wie Schuppen aus den Augen: »Keiner übernimmt Verantwortung! Wenn ich jemanden liebe, dann passe ich doch auf, dass ihm nichts passiert, auch wenn das bedeutet, eventuell mal nicht volle Pulle mitzufeiern!«

Verena nickt dieses Nicken, das sagen soll: Schon gecheckt.

Verena würde mich nicht einfach mit Drogen davonkommen lassen, die würde mir ziemlich deutlich machen, wie scheiße das ist.

»Mittendrin in seinem sozialen Netz fällt der einfach durch die Maschen und stirbt daran!«

Ich erkenne darin eine solche Tragik – und fühle mich selber mittendrin. Spüre eine bisher ungekannte Gefahr. Sofort überprüfe ich im Geiste mein soziales Netz, und da steht Verena an erster Stelle, der vertraue ich, die ist solide.

Außerdem: Mein bester schwuler Freund Ted, ja Ted, halber Ami, also Ted ist zwar entschieden pro Drogen, aber er passt zumindest auf, dass ich mich stylingmäßig nicht vertue und haarmäßig immer top beraten bin. Bisschen oberflächlich vielleicht …

Andererseits, wenn ich da an den einen Ausflug nach Berlin mit Ted denke, wo Ted und ich uns gegenseitig besucht haben. Er weilte mal wieder in Berlin West, bei seinem Freund Todd, und das ist kein blöder Scherz. Ted und Todd. Ich war süße 18 und ahnungslos. (Na ja, aber süß bestimmt!)Wir trafen uns in einer sehr geilen Bar in Kreuzberg, wo der Tresen aus alten Grabsteinen gebaut war. Ted organisiert so Acid- und House-Partys in alten Schwimmbädern mit Schaum, die dann total einfallsreich »Blubb« oder »Bubble« heißen, und er steht immer unter Starkstrom, aber trotz allem unterhielten wir uns blendend in so einem Englisch-Deutsch-Gemurkse. Ein paar Kerle hingen an der Bar rum, mit den Händen gegenseitig in den Hosen steckend, aber es war ja noch früh und deshalb wohl nix weiter los. Plötzlich fiel mein Blick auf die riesige Leinwand, die eigentlich unübersehbar über den Likörflaschen prangte und auf der ein paar Männer schwer in Aktion waren. Mein Mund muss offen gestanden haben, während ich mich ein wenig in der Betrachtung der Männer-Hengste verlor, die sich da ineinanderschoben, verkeilten und langsam vernaschten.

Als Ted vorbeikommt und mit seinem Klemmbrett winkt, dass er nur noch mal schnell irgendwas – na ja, eben irgendwas erledigen muss, sage ich: »Ach, so geht das mit dem Blasen!«, und grinse breit.

»What BALSEN?«, Ted kommt näher und schaut mich verwirrt-neugierig an.

»Nope. BLASEN! Endlich weiß ich, wie das RICHTIG geht!«, sage ich und zeige auf die Videoleinwand.

Da saugte grade ein wahnsinnig gut aussehender Mann in Ledermontur und Schnurrbart einem anderen nicht minder gut aussehenden Ledermenschen den Pimmel ein.

»Respekt!«, ergänze ich laut.

Ted dreht den verwirrten Kopf in die Richtung, in die mein Zeigefinger deutet, und erstarrt.

»OH MY GOD!«, ruft er entgeistert und hebt die Hand hoch und bringt zwischen mich und dem famosen Pimmelsauger ein blaues Klemmbrett, undurchsichtig und endgültig. Schade! Dann werde ich sanft, aber bestimmt mit vielen OH-GOD-OH-GODS aus dem Etablissement geschoben.

Das war der Tag, an dem Ted seine mütterliche Seite in sich entdeckte. Ich habe entdeckt, dass ich von Sex viel zu wenig Ahnung hatte und mich eigentlich liebend gerne weitergebildet hätte, bevor mich das Klemmbrett an tieferen Erkenntnissen hinderte. Heißt ja auch Klemm-Brett!

Und ich habe entdeckt, dass es Menschen um mich herum gibt, die sich um einen kümmern. Und kümmern bedeutet eben auch, dass es dem Bekümmerten nicht immer in den Kram passt, aber eben notwendig ist. Dank bekommt man sowieso nicht fürs Kümmern. Das ist eine dem Kümmern eigene Besonderheit.

Seit diesem damaligen Erlebnis sind nun beinahe drei Jahre vergangen. Ich bin nun offiziell volljährig, auch in den USA und in Kanada, und überhaupt darf mir niemand mehr irgendetwas verbieten! Wenn’s nur helfen würde. 21 und ahnungslos, was man mit der Freiheit anfangen soll. Und River Phoenix lebt nicht mehr.

ZWEI

Frage war und ist: Was tun mit meinen angeblich so unbegrenzten Möglichkeiten?

Meine Eltern haben mir immer von diesen ominösen unbegrenzten Möglichkeiten erzählt, die ich hätte. Bevor dann unsere Familie an ihre eigenen engen Grenzen stieß und ziemlich abrupt endete. Kinderkollateralschaden, und trotzdem war ich irgendwie in der Lage, die Schule ohne größere Wirrungen hinter mir zu lassen. Mein Vater zog fort, und ich sehnte mich seither nach einem Ort, der sich wieder nach zu Hause anfühlt.

Nach dem Abi war sicher: Berlin würde DIE Stadt sein, jetzt, wo es die Grenze nicht mehr gab und alles, was irgendwie angesagt und wild und kreativ war, nach Berlin ging.

Und ich war angesagt, wild und bestimmt auch kreativ. Aber trotzdem unsicher, denn Berlin Ost gruselte mich noch immer, ohne Frage wegen einiger dieser düsteren Kindheitserinnerungen. Obwohl die Ost-Stadt zurzeit ein riesiger Sandkasten zu sein schien, mit Baggern und Lastwagen und Kränen und allem, was das Herz begehrte. Jedenfalls in der Mitte. Sony statt Zone. Aber das gelbe Licht nachts und die aufgerissenen Straßen wirkten wie aus einem Endzeitroman.

Plötzlich war die Stadt unendlich groß und nahm kein Ende. Wollte man von Ostberlin-A nach Ostberlin-B, dann fuhr man und fuhr man und fuhr man immer nur durch dieses gelbe Licht, und alles sah verdammt gleich aus.

Der Westen war wie immer, aber auch altbacken und irgendwie abgefeiert.

Nach näherer Betrachtung war also nichts mehr wirklich klar. Also wohin denn jetzt überhaupt fahren und was dort machen?

Design- oder Kunst Studium in Berlin oder Fotografie im Lette-Verein studieren?

Ich begann mit einer Mappe.

Mappe statt fertiggestellt nur in die Ecke gestellt. Und statt Stadt gewechselt nur die Meinung geändert. Aus den eben genannten Gründen. Und in eine kleinere Stadt als Hamburg zum Studieren? Na halleluja, wo soll da denn der Witz sein?

Und in eine größere Stadt als Berlin? Vielleicht gleich weg und rüber über den Atlantik? Getrieben von der schmalen Aussicht, eine Assistenten-Stelle bei einen New Yorker Fotografen zu bekommen, war ich da und habe mir New York angesehen. Und danach L. A. Ich sah mich schon in einem kleinen Haus da leben, 50 Meter zum Strand, mit einigen Mitbewohnern und dann so easy fleißig Design studieren und nebenher surfen und Musik machen und einen Rock-Star kennenlernen und heiraten, und dann trete ich in dem Musik-Video seiner Band auf und werde doch noch als Model entdeckt …

Letzten Endes gemacht habe ich dann nichts davon. Lieber wieder ab nach Hause, wo ich mich halbwegs auskannte. Freiheit eher limited statt unlimited. Feigheit statt Freiheit. Mitten in meinem Frust darüber konnte ich mich dann wenigstens zu einem Praktikum bei einer Modezeitung aufraffen. Um Zeit zu gewinnen und weil das irgendwie was mit Fotografie zu tun hatte, na ja, irgendwo ganz entfernt.

Dann eines Tages, ohne ersichtlichen Grund, außer, dass die Anmeldefrist beinahe abgelaufen war für die Eignungsprüfung, kramte ich die totgesagte Mappe wieder hervor, setzte mich auf meinen Arsch und zeichnete und sortierte Fotos, und irgendwann war die Mappe dann doch fertig. Dann einfach mal in Hamburg beworben, an der Fachhochschule, und against all odds tatsächlich angenommen worden. Und damit war das Ganze irgendwie entschieden.

Ich sagte mir: Bis auf Weiteres bleibe ich hier. Studiere Design oder Fotografie oder was auch immer und hege dabei die leise Hoffnung, dass sich mit der Zeit von selbst herausstellt, was genau ich da eigentlich will.

Also so schnell wie möglich in die eigene Wohnung und dort die Anlage endlich mal so weit aufdrehen, dass die Raufasertapete Wellen schlägt.

War doch alles ganz easy, wäre da nicht diese Sache mit dem Allein-Wohnen, vor dem ich doch ein bisschen Angst hatte, weil eben noch nie gemacht. Und wäre da nicht noch diese wirklich winzige, diese klitzekleine, eigentlich komplett unwichtige Sache mit der Liebe … Die mich (unter anderem) nach Übersee getrieben hatte, weil ich nicht wusste, wie ich sonst von dem Kerl wegkommen sollte.

Frank. So viele Briefe mit Luftpost geschickt, so viele Streitereien, abgehackt am Telefon, durchs Unterseekabel, so viele sinnlose Verletzungen. Vier Monate war ich insgesamt weggewesen, und nach meiner Rückkehr war alles mehr oder minder vorbei. Endlich Schluss, nachdem ich mich ordentlich unfair verhalten hatte und der Kerl mir auch noch verzeihen wollte. Scheiße – Schluss mit doppeltem s und einem ekligen Nachklang. Und dem Gefühl, jemanden im Stich gelassen zu haben, der mich geliebt hat. HEIRATEN WOLLTE!!! Deshalb war ich ja geflohen.

Und der Clou war dabei, dass ich eigentlich Angst hatte, er könnte mich verlassen, denn eigentlich wollte ich ja die Nähe.

Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als bei Gelegenheit mal an meinen Kühlschrank zu gehen, das Eisfach zu öffnen und dieses Herz, dieses in vermeintliche Sicherheit gebrachte Organ, wieder hervorzuholen, die Eiskristalle abzukratzen und nochmal auszuprobieren, was dabei rauskommt, wenn ich es auftauen lasse. Ich habe zwar gehört, dass man einmal aufgetautes Fleisch nicht wieder einfrieren darf …

Hey, ich bin 21, was erwartet man da? Richtig: ALLES.

Also muss ich alles ändern. Aber erst mal eine neue Platte auflegen. Man soll ja immer mit den kleinen Veränderungen beginnen. Nur nicht übernehmen.

DREI

Ted ist da. Mitten hineingestolpert in meine »Neues Leben – neues Lieben – Neues mit allem und Sahne obendrauf, ABER-FLOTT!«-Krise. Während ich inmitten meiner Klamotten sitze. Und weil er mich so kritisch ansieht, lege ich gleich los und versuche, ihm den gesamten Sermon zu erzählen, warum, weshalb, wieso, und vor allem, warum JETZT!

Ich beende die Ausführungen mit: »Wenn nicht jetzt, dann …« – ich hab ein Handtuch auf dem Kopf, das rutscht mitten im Satz runter – »… dann krieg ich das Gefühl, ich steuere auf ein lebensübergreifendes Beziehungsproblem hin!«

Eigentlich sage ich das weniger zu Ted als dumpf in das feuchte Tuch rein, bevor ich mir das Ding vom Kopf reiße und es in die Ecke schleudere! Nimm dies, du Handtuch, du!

Nur im Slip, mit feuchten Haaren und altem T-Shirt (von Frank) stehe ich vor Ted, und er schaut ungläubig auf das, was er da sieht.

»How old are you?«, fragt er belustigt.

»Ist doch vollkommen wurscht! Schau mich an! Ich werde bald 22, und da ist NIEMAND! Also niemand RICHTIGES! Und ich kann diese Klamotten nicht mehr sehen!« Ich werfe einen Blick in den Spiegel und schreie.

»MACH WAS! TU WAS!!!«, brülle ich Ted an, der prompt so tut, als würde er weggeweht.

»Verstehst du, ich werde sonst noch WUNDERLICH! Frauen, wenn sie keinen Mann haben, werden unweigerlich wunderlich!« Vielleicht steigere ich mich ein klein wenig rein, aber es ist mir trotzdem bitterernst.

»Ich habe mit mir selbst geredet, heute Morgen!«, verrate ich ihm, und um dem Nachdruck zu verleihen: »I talked to myself!«

»What did you say to you!?« Ted wird doch nicht lachen jetzt?

»Ich bin aufgewacht und habe gesagt – Achtung: ›Nu aber hoppchen, der Tag ruft!‹ TED, ich habe HOPPCHEN gesagt!«

Ted gackert sofort los, und ich versuche, ihm eine zu langen.

»Puppe, you are so young! Und du hast doch immer irgendeinen Typen, stop talking! Komm du mal in meine Alter! (Ted ist 29.) Da macht eine Mädchen sich schon so seine Gedanken.«

»Ich bin aber nicht verliebt! People are dying, Ted! Verstehst du? Andy Wood: TOT! River Phoenix: DEAD!«, ich pausiere, um kurz Luft zu holen. »Freddy Mercury: Dead! And I have verdammte Scheiße NO LOVE

Ted verstand tatsächlich. Er nickte stumm.

»Ted, grade du musst doch wissen, was ich meine …«

»I know: Keith Haring, Anthony Perkins, Rudolf Nureyev, Klaus Nomi …«, Ted schaut mich an, und ich schaue ihn an. Ted seufzt, ganz lang und tief, und fährt dann fort: »Marc, Robert, Andy, Steven, Steven, Jacob …!« Die Hände reichen nicht mehr aus, also lässt er sie sinken.

Zur Hölle, was ist denn bloß los? Meine Realität und Teds Welt scheinen Universen voneinander entfernt zu sein. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich habe hier Lebenskrisen wegen ein paar toter Rockstars, und Teds Freunde und Geliebte sterben wie die Fliegen an dieser Scheißkrankheit.

Ich stehe vor ihm wie eine Vogelscheuche und lasse den Kopf hängen. Ergeben.

»Sorry … ich wollte nicht …« Ja was denn? Ihn daran erinnern, dass ein Viertel seines Freundeskreises gestorben ist in den letzten drei Jahren? Ja, DAS IST ECHT SORRY! Ich mag mich nicht immer …

»Okay. Let’s see …« Ted hat die Vorstellung in seinem Kopf schnell weggeschüttelt, wie’s scheint, und nun widmet er sich wieder denen, die noch leben. MIR! Er steht vor seiner Vogelscheuche, mit dieser Knick-in-der-Hüfte-und–Finger-im-Mundwinkel-und-dabei-den-Kopf–Schütteln-Haltung und macht: »Ts-Ts-Tsss!« Dann geht er zu meinem Schrank und streckt mir seinen Jeansarsch entgegen, während er meine Klamotten durchwühlt. Als mein Spitzenmantel an mir vorbeifliegt, protestiere ich.

»What the fuck is this BLACKBLACKBLACK SHIT?! Life is not a fucking funeral!«, ruft Ted und hält mir ein Shirt unter die Nase, das ich getragen habe, als ich 12 war. Wie auch immer es hier reingeraten ist, ich trag kein buntes Zeug. Das T-Shirt ist rot und hat eine 6 vorne drauf. Warum auch immer, auf dieser gottverlassenen Welt, da jetzt eine 6 steht? … Und es hat Mottenlöcher. Und es ist so eng, dass ich es kaum über meinen Busen kriege. Ted verschafft den Brüsten mittels einer Papierschere Platz, indem er den Ausschnitt kurzerhand um einen flotten Längsschnitt erweitert. Anschließend reißt er den Stoff noch ein bisschen auseinander und lässt die entstandenen Enden einfach aufklappen.

Ich schaue in den Spiegel.

»RocknRoll, Baby!«, stellt Teddy zufrieden fest. Ich protestiere weiter, als er meine alte BLAUE Jeans rausholt!

Doch Ted ruft: »Perfect!«

»Vergiss es!«, sage ich, während ich sie anziehe. Die Jeans hat ein Loch am Hintern, so groß wie Buenos Aires. Ted rupft an mir herum, zieht das T-Shirt hoch und die Hose runter, dass sie jetzt fast auf der Hüfte sitzt. Aha, bauchfrei, na gut …

»Rot und Blau schmückt die Sau!«, sage ich, und Ted versteht mal wieder nichts. Ted versteht manchmal plötzlich kein Deutsch mehr.

»Die Boots are super funky!«, stellt er fest. Da hätte er mich auch nie, nie, NIEMALS rausbekommen! Dann pult er doch noch meine schwarze Lederjacke raus und reicht sie mir, großzügig lächelnd.

»Die ist fucking cool, so du kannst sie kombinieren mit deine Boots.«

Das war eine Feststellung, kein Vorschlag.

»Danke …«

Zum Finale behängt mich Ted noch mit meinem geliebten Silberschmuck, und ich – finde das alles ein bisschen viel.

»You want CHANGE! Hast du gesagt. So: CHANGE

»Ich change dir gleich eine …«, sage ich leise, weil ich mich wie eine misshandelte Barbiepuppe fühle.

Ich hab die Dinger früher immer nur an- und ausgezogen und die Gesichter mit Filzern beschmiert und zu guter Letzt die Blondhaare rigoros abgeschnitten, in der irrigen Annahme, dass sie wieder wachsen würden. Das war dann meistens das Ende dieser Barbie als Hauptdarstellerin in meinen kindlichen Fantasien von Beziehungen. Ken und Barbie in love, Skippa das Kind und das dufte Eigenheim, das große Auto und mindestens ein Pferd. Da passte keine kurzhaarige Barbie rein. Ich erinnere mich noch an diesen komischen Ken, der war, glaub ich, gar kein richtiger Original-Ken, der hatte lange echte Haare und einen Knopf auf dem Rücken, und wenn man den drückte, hob und senkte er den Arm. Ich glaube, das war ein Indianer. Na ja, jedenfalls in meinen Fantasien kam der immer und hat den blonden, smarten Original-Ken verhauen, und dann ist Barbie mit dem im Caravan auf und davon und hat Skippa bei dem verdroschenen Original-Ken gelassen.

Und gerne würde ich an dieser Stelle behaupten, dass sich das wesentlich geändert hat im Heute.

Ted, der auch nicht in meinen Barbie-Fantasien vorkam, verwuschelt mir noch meine Haare in Perfektion und ist zufrieden.

Nach vollendeter Mission – seht ihr? Ted hat schon wieder Verantwortung übernommen – geht er was »Schwules« machen, wie er sagt. Und ich, die ich mich frage, was denn NOCH schwuler sein könnte … na klar, was wohl, gehe mit Verena zum No Compromise Club.

Da sitze ich nun an einem ordinären Montagabend auf meinem Barhocker und lasse die Beine baumeln. Vor mir sitzt auch mit baumelnden Beinen Verena, und um uns herum stehen ein paar Leute – so Gelegenheitsfreunde, die man immer hier trifft –, und es ist noch so angenehm wenig gefüllt, dass sich die Luft tatsächlich atmen lässt.

Ich habe mich noch nicht ganz an mein neues Ich gewöhnt. Ich zupfe an dem T-Shirt rum, das schlicht zu eng ist, und fühle mich wie ein Kanarienvogel zwischen eleganten Kolkraben.

Verena und ich haben schon fleißig die perfekt gewuschelten Haare geschüttelt und ich damit Teds Werk zunichtegemacht. Ich sitze etwas verschwitzt mit meinem neuen Styling und meinem zweiten Weißwein, da kommen unversehens die Jungs rein. DIE Jungs, die ich schon ein-, zweimal gesehen habe, die sich anscheinend jeden Abend feiern. Zwei sind dabei, die ich sofort haben will.

»HABENWOLLEN!«, rufe ich Verena zu und zeige auf die Jungs, die sich über den Tresen hängen und anscheinend gegenseitig überbieten, wer hier jetzt der Held ist und wer die erste Runde schmeißt oder so.

Woher ich das weiß? Alles lang erprobtes Gestenlesen in lauten und verrauchten Clubs. Verena schaut rüber und macht den Daumen hoch, während sie auf die Tanzfläche geht, um zu Sober von Tool zu tanzen.

Verena nickt mir liebevoll zu, als ich mich zu ihr geselle.

Mädchen tanzen, Jungs hopsen rum oder schütteln ihre langen Haare oder spielen Luftgitarre, was mir immer ein bisschen peinlich ist. Die meisten Mädels tanzen am Rand, weil in der Mitte geht es härter zu. Ich schaue immer wieder zu DEN Jungs, die den Raum um den Kicker und den Dracula-Flipper besetzt haben, wo man, wenn man öfter kommt, ein sehr inniges Verhältnis zu dem Barpersonal pflegen kann, während man versucht, Freispiele zu ergattern.

Verena und ich brauchen uns nicht mehr zu verabreden, denn wir kommen sowieso fast immer an denselben Tagen her, da müsste schon was Gravierendes dazwischenkommen: jeden Montag und Mittwoch. Montags kostet der Eintritt ins No Compromise 3 DM, mittwochs 5. Dazu gibt’s zwei Chips, die für zwei Bier reichen oder zwei Tequila oder zwei Weißwein.

»Den da: HABEN WOLLEN!«, schreie ich wieder Verena ins Ohr, während wir zum Tresen gehen, an Habenwollen vorbei, was zu trinken holen und nach Luft suchen, und Verena nickt gerade leicht genervt, als mein Habenwollen sich unvermittelt umdreht und mich anfeixt.

»Rauchst du?«, spricht Habenwollen und hält mir eine geöffnete Packung Prince Denmark vor die Nase.

Ja, selbst wenn nicht, spätestens jetzt hätte ich angefangen zu rauchen. Aber ich rauche ja! Und viel! Tun das nicht alle?

»Tun das nicht alle?«, sage ich total spontan und immer noch leicht verschämt, weil ich nicht weiß, ob er mich eben gehört hat, was wahnsinnig gute, unzerstörte Ohren voraussetzt, oder ob er eh vorhatte, mich anzusprechen. Ich bin sofort so aufgeregt, dass ich die Zigarette ganz beiläufig versuche aus der Packung zu pfriemeln, damit Habenwollen nicht meine uncoole Zitterhand sieht.

Habenwollen hat lange blonde Haare und blaue Augen und ein bezauberndes Lachen. Dazu ein weißes Opa-Rippenshirt – und man muss schon verdammt gut aussehen, um darin gut auszusehen –, Jeans, Springerstiefel, Holzfällerhemd. In dem Schwarzlicht sehen seine Augen unlogischerweise fast weiß aus. Hab ich nie kapiert, wieso im Schwarzlicht alles weiß ist, was hell ist. Kümmert mich jetzt auch nicht weiter. Schließlich hat mein Habenwollen mit mir gesprochen. Glaube ich jedenfalls. Garantie hab ich dafür nicht, weil es ja kompromissloserweise total laut ist, und wenn man miteinander sprechen will, dann muss man schon nach vorne zur Treppe gehen oder raus oder es lassen. Aber lassen kommt ja nicht in Frage. Angeln ist der Sport der Stunde. Fisch an den Haken, ködern, ins Netz bekommen … Ich bin echt gut im Fischen. Wer da wen angelt, ist unentschieden, denn nicht nur in meinem Gesicht steht in großen Schwarzlicht-Lettern: »HABEN WOLLEN

Wir quatschen, bis uns die Stimmbänder verlassen. Man hätte ja auch rausgehen können, aber irgendwie bin ich versucht, nicht den Ort und damit den magischen Moment zu zerstören. Die Nacht ist fast rum und die Horde seiner Jungs wild entschlossen, noch »weiterzuziehen«. Ja, na dann …

»Wollen wir uns treffen?«, fragt Habenwollen mich dann noch gerade rechtzeitig, denn die andren sind schon draußen.

Wir tauschen unsere Nummern per Bierdeckel, bevor ich ihn ganz cool ziehen lasse, natürlich.

Verena, die netterweise auch gewartet hat, ist bemüht, nicht allzu neugierig zu fragen, wer und was und wo er denn ist und ob oder ob nicht oder WAS DENN NUN? Der Genießer weiß viel und schweigt … so ungefähr zehn Sekunden, und dann quasseln Verena und ich noch mal den Rest der Nacht. Zu Hause bei mir in der Küche. Das Leben kickt mich voll in den Hintern, und es fühlt sich so verdammt gut an.

VIER

Und dann? DANN dauert es schon zwei Tage, und er hat nicht angerufen, die Sau. Das fühlt sich so beschissen an, und ich könnte mich echt selbst verhauen, dass ich den Mund so voll genommen habe und dringend an meiner Beziehungsfähigkeit arbeiten wollte! Wieso denn eigentlich? War doch alles in Ordnung so, manchmal eben mit jemandem irgendwas starten und, wenn’s ernst wird, abhauen. Klingt doch vortrefflich. Nachhaltig!

Während ich mich ernsthaft bemüht zeige, nicht die ganze Zeit rauchend und Nägel kauend zu Hause vor dem Apparat zu hocken und den Anruf abzuwarten, versuche ich weiter, an den magischen Moment zu glauben und an meine Liebe und dass auch für mich Glück vorgesehen ist in dieser Welt. Und ich versuche die Leitung frei zu halten und würge meine Mutter ab und Verena, die versucht mich nach draußen zu entführen. Aber Verena hat verhindert, dass ich mich vollkommen blamiere, als ich ernsthaft behauptete, mal so richtig Ordnung machen zu müssen.

»ALIBI! Raus hier, du Kreuzlose!« Wenigstens kümmert sie sich um meine Würde, wenn ich es schon nicht tue. Hat mich gegen meinen eindeutigen Willen rausgeschleppt, ein Bier trinken und Freunde treffen. Ich lausche den in meinen Ohren total sinnlosen Gesprächen über Politik und Religion und Frauenpolitik im Besonderen und die nächsten Konzerte im Speziellen. In meinem Kopf klingelt dauernd das Telefon, und ER versucht mich anzurufen und wird es nie wieder tun, weil ich nicht da bin.

Dritter Tag, fast schon Nachmittag, Nägel bis aufs Blut runtergebissen, bin versucht, mit den Fußnägeln weiterzumachen, kann mich aber noch zurückhalten. Weigere mich, trotz mehrfacher Aufforderung von Verena und Ted, die Wohnung zu verlassen. Habe Wäsche gewaschen, die trocknet grade auf den verschiedenen Heizkörpern vor sich hin, und ich sitze und rauche und raufe meine Haare bei dem Versuch, irgendwas Gescheites fürs Studium zustande zu bringen. Wir sollen einen historischen Comic zeichnen. Meiner wird eher hysterisch. Wer hat eigentlich behauptet, dass ich zeichnen kann?

Beschließe rigoros, dass Habenwollen, a.k.a. Jan, ein Supersausack ist mit Sausackallüren. War ja klar bei so einem, an jeder Hand zehn Weiber. Der kann sich verfatzen! Und mit ihm seine ganze Sausackbande und sowieso jeder verdammte Sausackkerl diesseits der Elbe und jenseits und überhaupt. Ich heirate Ted!

Atmen nicht vergessen. Mein Herz, das verdammte, gefährlich halb angetaute, packe ich wieder zurück ins Eisfach gleich neben die Flasche Wodka, die ich aus reiner Gastfreundschaft dort liegen habe, aber selber niemals anrühren werde. Jetzt droht Gefrierbrand.

So, wie ich hier zeichne, mit dicken schwarzen Strichen, das wird der Dozentin sicher gefallen … Grrrr … mir gefällt die Dozentin nicht … Grrrr … da klingelt das Telefon. Glaube ich.

Ich lasse mich nicht noch mal ins Bockshorn jagen! Das letzte Mal war’s meine Mutter, die mich gefragt hat, ob ich die Wäsche abholen komme. Ich geh trotzdem ran. Höre ungläubig, dass es JAN ist.

»Oh, ach, du, echt!«. Das » wie geil!« schlucke ich schnell runter. »Warte mal«, sag ich stattdessen und drehe die Musik leiser, weil bei aller Coolness, heute würd ich ihn gerne verstehen, wenn er sich entschuldigt und mir sagt, dass er irgendwie ein ARSCHLOCH ist.

Aber Jan ist entzückend und lustig und sagt: »Hey, ich wollte doch ein bisschen cool sein …«, und ist es nun umso mehr!

»Wir sollten uns dringend treffen«, lacht Jan.

»Das sollten wir DRINGEND!«, lache ich zurück.

»Wann, wo, wie?« Jan lässt nicht den Hauch eines Zweifels aufkommen, dass auch er scharf ist und mich haben will, für was auch immer. Ich fühle, wie etwas anfängt zu kribbeln, wie ein Fuß, der eingeschlafen war und nun langsam wieder Leben in sich spürt. Das ist ja erst mal schön, dass er noch lebt. Der Fuß. Oder was da auch immer aufwacht. Aber man weiß es doch, es wird wehtun, wenn die Nerven wieder Saft bekommen.

Wolltest du doch, schreie ich mich genervt an in Gedanken. CHANGE! Wollte ich das? Oder doch lieber tot bleiben? Ohne Füße ist doch auch ganz schön …

Kurz bin ich geneigt, mir diesen Müll zu glauben.

»Ich hol dich ab!«, rufe ich etwas hastig und übertöne damit den geistigen Nervtöter in mir, der mir einreden will, dass das alles viel zu wehtun wird, wenn das Ding da im Eisfach auftaut, und das wird es zweifelsfrei.

Wir haben uns VOR seinem Haus verabredet, und ich hole ihn mit meinem ollen Schrott-Polo ab. Den halben Nachmittag hab ich damit verbracht, vor dem Spiegel auf und ab zu gehen und meine Haare perfekt zu verwuscheln, damit sie perfekt unfrisiert, natürlich und doch irgendwie cool aussehen. Mein doofes Herz bummerte schon den ganzen Tag, und als er zur Tür rauskommt, lässig die Kippe wegschnipsend und sich ins Seitenfenster reinbeugend, da tut’s einen Sprung, und mein vereist geglaubtes Herz teilt mir unmissverständlich mit, dass es wiederbelebt ist.

Er, ganz cool und heute in Jeans, Karohemd und Chucks, schaut mich an und lächelt dieses Lachen, das mich schon im Dunkeln bei Schwarzlicht aus den Schuhen gehauen hat. Bei Licht sieht er tatsächlich noch besser aus. Er trägt einen Zopf, und die – ich zähle kurz nach – sechs Ohrringe klingeln leise und blitzen in der Sonne auf. Er setzt sich zu mir ins Auto, küsst mich, wirft einen fantastisch ausgiebigen und erfreuten Blick auf mich, dann brausen wir los.

Ich schaffe es, die Reifen quietschen zu lassen, und er lächelt anerkennend. Wir spielen Billard, was ich nicht kann, flippern, was ich gut kann, und dann wieder im Auto, als wir die wichtigsten Details ausgetauscht haben, schauen wir uns an, und er küsst mich und ich ihn …

Keinen Sex beim ersten Treffen! Schließlich kenne ich den doch gar nicht. Ich schmeiß ihn bei sich raus aus dem Auto und fahre total high durch die Nacht nach Hause.

Mein Leben will, dass ich mich in es hineinstürze, ab jetzt. Spring! ruft es, und ich vergesse einfach die eigenen Warnungen. Ich springe den gesamten nächsten Tag. In meiner alten Männerunterhose mit Eingriff, ein Überbleibsel einer dahingegangenen Beziehung, und mit meiner doppelreihigen Totenkopf-Kette bekleidet, hüpfe ich wie verrückt auf und ab.

Ich setze mir meine blaue Sonnenbrille auf und schlüpfe in meine Chucks und tanze und singe laut mit zu No Rain von Blind Melon. Zwischendurch rauchen und den Song wieder auf Anfang stellen.

Irgendwann in einer Pause zwischen Song-Ende und Song-Anfang höre ich Applaus von draußen. Ich kann das erst mal nicht zuordnen und hüpfe, noch bevor Shannon Hoon wieder zu singen anfängt, im Takt mit. Eine wilde Drehung, etwas gewagt vielleicht, bringt mich fast zum Stolpern. Ich fange mich grade noch so eben, eben weil ich mich am Regal festhalte, da blicke ich aus Versehen aus dem Fenster. Wer zum Kuckuck hat denn

A: das Fenster so weit offen gelassen?

B: das Licht draußen aus- und ganz blöd

C: das Licht drinnen angemacht?

Scheißfrühjahr! Und damit nicht genug, der Applaus, den ich vorhin gehört, aber gepflegt ignoriert habe, kam vom Balkon des Nachbarhauses. Eine nette kleine Partygesellschaft steht auf selbigem und schaut meiner Performance zu. Wer weiß, wie lange schon?

Ich bin so Banane rumgehüpft, das geht auf keine Kuhhaut. Nie ist ein tiefes Loch da, wenn man es dringend braucht. Als die Gesellschaft bemerkt, dass ich sie bemerkt habe, klatschen sie wieder und winken, und manche machen so Daumen-hoch-Gesten. Was soll’s?, denke ich, nu is’ eh egal. Also verbeuge ich mich und das dreimal und mache in einer sehr eleganten Drehung das Licht AUS. Musik auch. Und dann schleiche ich mich in die Küche und setzte mich den Rest des Tages dort hin.

Wenn ich es schaffe, die nächsten Monate nicht aus dem Haus zu gehen, vielleicht besteht dann die winzige Chance, dass ich den Nachbarn entweder nie mehr begegne oder sie mich nicht erkennen. Schließlich habe ich eine Sonnenbrille getragen.

Das Telefon klingelt, und im Dunkeln taste ich nach dem Hörer. Wahrscheinlich die Nachbarn, die mit Adresse und Kombinationsgabe meine Nummer herausgefunden haben und mich nun zu ihrer Party einladen wollen, als Stripperin. Oder es ist meine Mutter. In solchen Momenten ruft immer meine Mutter an und fragt mich, was ich mir denn dabei gedacht habe.

Es ist Jan. Ich versuche cool zu klingen. Kurz, aber dann merke ich, dass ich mich total freue, und er es merkt und er sich auch freut, und dann ist auch das egal. Weg mit der Coolness, wer braucht die schon, wenn man so toll gefunden wird!?

Jan hat tatsächlich gleich angerufen, als er vom »Job« zurück war. Er fährt Essen aus für Altenheime. Zivi eben. So viel hatte ich mitbekommen.

»So!«, sagt er, nachdem wir so ein paar Doofheiten ausgetauscht haben.

»So, was?«, frage ich ein wenig herausfordernd zurück.

»Was machst du heute Abend?«, womit dann wohl beschlossen ist, dass ich das Haus wieder verlassen werde.

»Ich weiß nicht, vielleicht dich sehen?«, frage ich zurück.

»Wo?« Das kommt wie aus der Pistole geschossen, und ich freu mir ein Loch in den Bauch.

»Hol du mich ab!« Ich will auf ihn warten. Will ihn erwarten.

»Sehr cool. Halbe Stunde.« Und ich kann grade noch »Ja okay« sagen, dann ist er schon weg. Oder fast da, wie man’s nimmt. So oder so habe ich null Zeit, mich seelisch und vor allem stylingtripmäßig reinzusteigern. Allerdings, der olle Männerunterhosenlappen, der fliegt weg, das geht in so vielen Hinsichten nicht, dass ich sie nicht alle aufzählen kann. Und dann denke ich, dass es sowieso keine Rolle spielt, was ich anhabe, denn meiner Erfahrung nach schauen Männer eh nicht auf die Verpackung, sondern nach dem Inhalt, und dann denke ich: Hauptsache gut anfühlen und gut riechen, alles andere ist Makulatur! Und beginne mit ausgiebiger Salbung meines Körpers, anschließend ziehe ich tatsächlich ein schlichtes weißes Männer-Rippen-T-Shirt an und meine ältesten Jeans, die ich einfach liebe, und auf einmal weiß ich, mehr braucht’s nicht, damit ich mich gut fühle.

Ich bin einfach kein richtiges Mädchen, stelle ich nicht zum ersten Mal fest. Richtige Mädchen frisieren sich und haben Fingernägel und tragen Make-up und haben BHs an und tragen keine alten Männersachen, und richtige Mädchen schneiden ihren Barbies auch nicht die Haare ab, und richtige Mädchen hören auch nicht solche Musik. Vor allem das nicht. Und dann denke ich: Was richtige Mädchen so alles verpassen!

Dann klingelt er schon, ich stehe in der Tür, er kommt die Treppe rauf, und ich bin so was von einem totalen Komplett-Mädchen! Mehr Mädchen geht gar nicht. Cinderella-Barbie-Schneewittchen-Hanni-und-Nanni in Personalunion, denn da kommt mein persönlicher Traumprinz die Treppe hoch und lacht mich an, und so mitleiderregend mädchenmäßig werden meine Beine weich und mein Herz weit und ich habe ein dummes Grinsen im Gesicht. Hey, Prinz Charming, schönes T-Shirt, ich wusste gar nicht, dass du auf Suicidal Tendencies stehst, brabbelt mein Mädchenhirn, und dein Pferd ist ein alter Opel Kadett, in Rot, fein, fein, wieso nicht? Oh, und statt einem Schwert hast du …

Wir küssen uns – und in einer winzigen Nanosekunde, in der ich Luft hole, bekomme ich mich und ihn irgendwie vor die Tür. Mädchen eben. Auf Sex muss Prinz Charming noch warten. Erst die Drachen, dann der Kuss, und irgendwann dann, wenn er sich benimmt, gibt’s den Hauptgewinn.

Wir gehen Hand in Hand, und nach einer Weile nimmt er mich in den Arm, während er erzählt. Das fühlt sich sehr gut an, und ich mache so einen Witz, dass wir aussehen wie ein altes Paar.

»Hattest du etwas anderes geplant?«, fragt Jan mich etwas blinzelnd und grinst dazu.

»Du?«, frage ich, unsicher, welche Wendung das Gespräch jetzt nehmen wird.

»Nein, ich habe, seit wir uns kennengelernt haben, in Planung, mich mit dir zu paaren!«

Er lacht, und weil ich ihm versuche eine zu hauen, schnappt er sich meine Hand, und dann sind wir irgendwie so, keine Ahnung, verknallt und verküsst und ineinander verwoben, und dann bei mir und dann na ja, halt so und so und so. Und das echt lange! So einfach. So ohne Drama. Weil das ist einfach so: Weil wir ineinander verliebt sind bis über beide Ohren, und da gib es keinen Gegenvorschlag.

»Scheiße!«, sagt er, als es zu dämmern beginnt und ich kurz die Augen zugemacht habe und extrem unweiblich weggenickt bin.

»Was?« Ich merke, dass mein Herz rast.

»Ich hatte eigentlich geplant, den Sommer über wegzufahren.« Er lacht und nimmt mich in den Arm.

»Ja und?« Doch insgeheim sackt mein Herz mir sonst wohin und beginnt mit Angstschlägen. Ja, ich hab’s doch gewusst, es gibt immer einen Haken, es tut immer weh, es kann nicht gutgehen, wenn es mir gutgeht! Leichte Panik macht sich in meiner Brust breit. Ich winde mich aus der Umarmung, setze mich auf und schaue ihn mit Angstaugen an.

»Wieso Scheiße?«

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