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Hart wie Marmelade

Impressum

Mit 23 Abbildungen

Für Maren, meine Familie und all die prächtigen Jungs und Mädels,

besonders die, die es nicht bis hierher geschafft haben.

ISBN 978-3-8412-0530-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2007 bei Gustav Kiepenheuer; Gustav Kiepenheuer ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk wurde vermittelt durch Aenne Glienke/Agentur für Autoren und Verlage, www.AenneGlienkeAgentur.de.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung eines Fotos von plainpicture/Deepol/Oliver Rüther

Autorenfoto © Anna Maria Erkeling

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

Inhaltsübersicht

Magenkrank

Teenager der Weltrevolution

Hormonsturm

Schwarzrot lockt der Wilhelmsplatz

Filzläuse fürs Aquarium

Der diskrete Charme der B 56

Der nackte Mann im Hauptbahnhof

»Was ist das denn für ›Musik‹?«

Begegnung mit einem »mittleren Charakter«

Extrabreit in die Achtziger

Ostermontag

Der Zigeunerjunge und die Vorstadt-Queen

Kinderarbeit in Oberfranken

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Jedem eine Neue Heimat

Der Kaufhaussturm von Hagen

Welch ein Land! Was für Männer!

Smells Like Show Business

Im Rausch der »Neuen Deutschen Welle«

»Schlachzeusch will isch hören!«

Wien ist anders

Der Teufel und Frau Koch

Koks und Spiele

Die »Bad Boys der NDW«

Der Lockruf des Goldenen Horns

Der Popstar allein zu Haus

Menschen im Hotel

Stars in der Manege

Für eine Nacht voller Seligkeit

Good Morning, America!

Ein Schiff wird kommen

Flammende Herzen

Stella Adlers Party

Ghosttown

Im Helikopter übers Kuckucksnest

Willkommen im Club!

Die Stunde des Vollstreckers

Neumarkt

Tee mit Tante Hilde

Knockout

Don Haraldo und die bösen Geister

All You Need Is Love

Magenkrank

1991

Die Zellentür schloß sich, und ich war allein. Auf dem Boden neben der Tür stand ein Teller mit Leberwurstbroten, bei deren Anblick mein Magen zu rotieren begann. Ich fror, setzte mich mit angezogenen Knien auf die Pritsche und drückte meinen schmerzenden Rücken gegen die Wand. Meine Bitte nach einer zweiten Wolldecke hatte der mit einer dicken Okolytenbrille bewehrte Schließer abgelehnt: »Nur im Winter.« Es war April. Ich versuchte mich irgendwie damit abzufinden, daß die kommende Nacht wieder sehr ungemütlich werden würde, wahrscheinlich die unangenehmste überhaupt. Dies war jetzt der vierte Tag ohne Heroin, und ich kannte das Spiel ja. Vor vier Tagen hatten sie uns in Holland kurz vor dem kleinen, abends unbewachten Grenzübergang nach Deutschland geschnappt – zwei Zivile, die sich eine Weile an uns rangehängt hatten, um dann plötzlich das Blaulicht aufs Dach zu setzen, mit quietschenden Reifen zu überholen und sich vor meinem Kühler querzustellen.

Wir, das waren ich – Kai Havaii, Popstar der Achtziger, der mit Extrabreit gerade wieder in ausverkauften Clubs und Hallen spielte – und meine amerikanische Frau Stefani. Wir kamen gerade von unserer wöchentlichen Einkaufstour nach Heerlen zurück und gondelten in Richtung A 4, die uns in einer knappen Stunde wieder nach Köln bringen sollte. Für einen solchen Fall hatten wir eine klare Absprache. Bis wir aus der gefährlichen Zone vor und hinter der Grenze heraus waren, hielt Stefani das in mehrere Lagen Alufolie eingewickelte Päckchen in der Hand, wobei das Fenster auf der Beifahrerseite immer offen stand. Ich war in die Bremsen gestiegen und hatte »Throw!« gezischt, während vor mir die Türen des holländischen Bullenwagens aufflogen. Die Chancen standen in der Dunkelheit – es war vielleicht zehn Uhr abends – gar nicht so schlecht, denn auf der Beifahrerseite erstreckte sich ein Stück Brachland, das mit kniehohen Gräsern bewachsen war. Eigentlich ungeschickt von den Cops.

Es hatte ewig gedauert, bis Stefani kapiert hatte, was los war. Gleich nach der Ankunft bei unserem Dealer hatten wir uns an seinem Küchentisch erst mal eine fette Line gemacht und waren beide ziemlich entspannt. Während ich hinter schweren Lidern die Strecke fixiert hatte, war Stefani auf dem Beifahrersitz eingedöst. Endlich kam ihr Arm hoch, es machte »Plonk«, und die Sache war für uns gelaufen. Das Pack mit dreißig Gramm tiefbraunem türkischen Heroin war oben gegen den Fensterrahmen geprallt und auf dem Asphalt direkt neben der Beifahrertür zu liegen gekommen.

Die Holländer kannten sich aus mit den deutschen Drogenfreaks, die jeden Tag zu Hunderten in ihre Grenzprovinzen einfielen, um sich preiswert einzudecken. Man schaffte uns ins Polizeipräsidium nach Kerkrade, nahm Blutproben, steckte uns in zwei Einzelzellen und weckte einen silberhaarigen, distinguiert aussehenden Staatsanwalt, der uns in akzentfreiem Deutsch riet, unseren Stoff doch in Zukunft besser in Deutschland zu kaufen. Dann zogen sie mit uns das, wie ich annahm, übliche Heroin-Junkie-Programm durch, das heißt, sie ließen uns erst mal zwei Tage in Ruhe, damit wir richtig auf Entzug kamen. Am dritten Morgen holten sie uns dann getrennt zum Verhör.

Stefani, die sich auf Turkey immer besser hielt als ich, hatte verabredungsgemäß die Unbedarfte gespielt – mit ihren chinesischen Mandelaugen und ihrem alterslosen Puppengesicht gelang ihr das immer ganz gut – diese Technik hatte sich schon bei anderen Gelegenheiten bewährt. Die beiden gutgelaunten und perfekt deutsch sprechenden Politie-Schergen hatten also beschlossen, sich auf mich zu konzentrieren. Sie wedelten mit dem Drogenpack vor meiner Nase herum, während ich, wie mit Bleigewichten an den Stuhl genagelt, vor mich hin schwitzte. Die Holländer hatten uns schon bei der Einreise bemerkt, zwischendurch aber wieder verloren und wollten nun natürlich zu gern wissen, wo wir in der Zwischenzeit gewesen waren. Ich dachte nicht daran, den dicken Jerry, bei dem ich sogar Kredit hatte, samt seiner ebenso dicken Gattin sowie seiner Mutter zu verpfeifen, und faselte immer nur von »zwei Schwarzen in Reggae-Klamotten«, von denen ich das Smack am Bahnhof in Heerlen gekauft hätte – während meine Ehefrau im Wagen gewartet hatte. Dealende Schwarze in Rasta-Farben gab es in Legionsstärke am Bahnhof in Heerlen, und meine Vernehmer waren über diese vage Auskunft »not amused«. Sie glaubten mir kein Wort und stellten mir ausgedehnte U-Haft in Aussicht. Ich blieb fest, denn ich war mir, nach allem, was ich so gehört hatte, sicher, daß sie mich bald zur Grenze schaffen würden.

Genau so kam es auch. Am Abend hatten uns die Holländer unsere Klamotten zurückgegeben – bei unserer Ankunft waren wir allen Ernstes in orangefarbene Overalls gesteckt – und zum Bundesgrenzschutz am Übergang Aachen gebracht worden. Dort hatten sie Stefani gehen lassen. Sie hatte den Wagen, der natürlich komplett auseinandergenommen worden war, quittiert und war damit in Richtung Köln abgerauscht, während ich beim BGS auf die Drogencops aus Aachen warten mußte, die mich übernehmen würden. Mit Handschellen an einen Metallbügel gefesselt, saß ich apathisch auf einem Stuhl und schniefte vor mich hin, um meine laufende Nase halbwegs unter Kontrolle zu halten. Das Radio lief leise, und der Minutenzeiger der großen Uhr über der Tür schien mit Sekundenkleber in seiner Position fixiert. Schräg gegenüber hockte ein gemütlich aussehender BGS-Typ an seinem Schreibtisch über einem Kreuzworträtsel. Irgendwann tönte »Flieger, grüß mir die Sonne« aus dem Radio, dessen Neuveröffentlichung im vergangenen Jahr unser Comeback ausgelöst hatte. Der BGS-Bulle kratzte sich am Schädel und tippte mit dem Zeigefinger den Takt mit.

Nun saß ich also in einer Zelle im Keller des Polizeipräsidiums in Aachen, wo ich am nächsten Tag den Herren vom deutschen Drogendezernat ein Lied singen sollte. Mein Blick fiel wieder auf die grauen Leberwurststullen, und diesmal war es zuviel. Ich kippte über das Kopfende der Pritsche und kotzte, daß kein Auge trocken blieb – inzwischen nur noch Flüssigkeit und etwas Galle, denn feste Nahrung hatte ich schon seit Tagen nicht mehr zu mir genommen. Nachdem ich mich wieder etwas beruhigt hatte, stieg ich über die Bescherung und klopfte an die Zellentür. Der Schließer öffnete, sah sich die Sache an und fragte im neutralen Tonfall des routinierten Gefangenenwärters: »Sind Sie magenkrank?« Ich verneinte und erhielt einen Eimer samt Wischlappen, mit dem ich die Kotzlache notdürftig beseitigte. Dann wickelte ich mir die Wolldecke um die Schultern und hockte mich wieder auf die Pritsche – den schmerzenden Rücken fest an die Wand gepreßt.

Ich betrachtete meine Hände mit dem dreibändigen Ehering, die etwas verschmutzten Hosenbeine meines blauen, leicht changierenden Anzugs und meine coolen, brokatbestickten Schuhe, die ich erst vor ein paar Wochen in Amsterdam gekauft hatte und aus denen man die Schnürsenkel entfernt hatte. Ich wußte, daß ich nun wirklich an einem Tiefpunkt angelangt war – mit 34 Jahren sabbernd in einer Gefängniszelle, während sich um mich herum mein Leben auflöste. Meine Kohle ging zum größten Teil für Drogen drauf, und meine Ehe lag in den letzten Zügen. Und nun hatte ich schon zum zweiten Mal die Bullen an den Hacken und konnte nicht sicher sein, wie die Sache diesmal ausgehen würde – kurz: Meine Lage war höchst unerfreulich. Dabei hatte alles eigentlich ganz harmlos angefangen.

Der Linoleumboden der Schulaula quietschte, wenn sich Menschen in zu neuen Schuhen darauf bewegten. Er quietschte ziemlich oft an diesem Tag im Mai 1975, an dem an die vierzig Abiturienten am Rektor unseres »Knaben-Gymnasiums« vorbeidefilierten, um ihre Reife-Zeugnisse entgegenzunehmen. Ich war dabei, zur Erleichterung meiner ebenfalls anwesenden Eltern, hatte mich aber über deren ausdrücklichen Wunsch hinweggesetzt, zur Zeremonie Sakko und Krawatte zu tragen, sondern war in Jeans und T-Shirt gegangen – wie auch die anderen aus meiner engeren Clique. Der Rest hatte sich in offizielle Schale geworfen – mit Ausnahme von Bernd, hinter dem ich mich in die Schlange eingereiht hatte. Er war im Blaumann und barfuß aufgekreuzt, ein Einzelgänger und Mathematikgenie, der mit seinen Berechnungen regelmäßig alle Lehrer naß gemacht hatte und ansonsten ziemlich schweigsam war. Mich mochte er irgendwie, so wenig ich von seiner Königsdisziplin verstand, in der ich regelmäßig Fünfen und Sechsen kassiert hatte, was mich um ein Haar mein Abitur kostete.

Leicht vornübergebeugt und mit seiner Langhaarmatte sein Gesicht verdeckend, kam Bernd schließlich bei unserem Direx an, einem knorrigen, alten Zigarrenfreund, der – von seinem kapitalen Raucherhusten immer wieder unterbrochen – die Formel rausknarzte, für die man sich nun so lange krumm gemacht hatte: »… wünsche ich Ihnen – hust – alles Gute – hust – für Ihre weiteren Pläne – hust!« Es entstand eine Pause, während der Bernd sein Abizeugnis achtlos in die Gesäßtasche seines Overalls stopfte und seine Haargardine zur Seite blies. Dann grunzte er: »Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm deine Pläne.«

Im Grunde war Bernds Spruch ja nur eine getunte Version der alten Erkenntnis, daß es meistens anders kommt, als man denkt, aber dieser Moment blieb mir hängen – vielleicht eine vage Vorahnung, daß mein Schicksal für mich noch etwas ganz anderes bereithielt als das, was im Moment auf meinem Zettel stand. Ich hatte mich entschlossen, Germanistik und Geschichte zu studieren, das waren Sachen, die mich interessierten, allerdings ohne zu wissen, wohin das führen sollte. Normalerweise wurde man mit so was Lehrer, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, auf die andere Seite der Macht zu wechseln.

Ich verabschiedete meine hoffnungsfrohen und sichtlich bewegten Eltern, drückte ihnen mein Zeugnis in die Hand, das meine Mutter sofort in einem vorbereiteten braunen Umschlag sicherte, und ging raus zu den anderen. In der prallen Maisonne standen wir herum, rauchten und quatschten noch einmal über Lehrer und alles mögliche, während ein Sportflugzeug mit angehängtem Nivea-Banner in Richtung des nahe gelegenen Freibads über den tiefblauen Himmel unserer Heimatstadt zog.

Teenager der Weltrevolution

Die Alptraumstadt, in der ich lebe

Da, wo die Menschen sich nicht traun

Die Stadt, in der ich geboren wurde und aufwuchs, konnte auch der ruchloseste Lokalpatriot kaum als »schön« bezeichnen. Abgesehen davon, daß man das vielleicht von einer mittelgroßen Industriestadt am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets auch kaum erwarten konnte, bestand Hagen in Westfalen aus einer ziemlich harschen Kombination aus verrußten alten Industrievierteln, stupiden, neuen Vorstädten und einem Zentrum, das in jener großkarierten Weise daherkam, die zu Beginn der siebziger Jahre nicht nur für die Provinz typisch war – ein übler Witz in Waschbeton und grünen Kacheln. Zuerst waren es die Bomber der Royal Air Force und später dann die Stadtplaner gewesen, die ganze Arbeit geleistet und meiner Heimatstadt den »Charme einer eingeschlagenen Fresse« verpaßt hatten, wie ein auswärtiger Freund einmal taktlos bemerkte. Hagen lebte in der Tat mehr von seiner schönen Umgebung als von seinen urbanen Reizen, aber es nährte sich redlich von der Produktion von Stahl, Batterien und Zwieback, wobei sich zu der Zeit, als ich zur Schule kam, der allgemeine Strukturwandel und damit das lange Sterben der Stahlwerke bereits ankündigte.

Ich war das erste Kind meiner Eltern, die sich mit einer eigenen Werbefirma aus »kleinen Verhältnissen« zu einem gewissen Wohlstand hochgearbeitet hatten, und durchlief eine normale und behütete Kindheit; ich war ein adrettes, aufgewecktes und wohlgelittenes Bürschchen, das auf Familiengeburtstagen den Ruhrpott-Kabarettisten Jürgen von Manger nachmachte, sich in der Schule ganz gut schlug und seinen Eltern zumeist ein Wohlgefallen war. Das änderte sich ein wenig, als ich mit fünfzehn eine Laufbahn als Berufsrevolutionär einschlug.

Es hatte damit begonnen, daß ich mir – einer starken jugendlichen Zeitströmung folgend – schon früh Fragen nach Moral und Glaubwürdigkeit der Gesellschaft, in der wir lebten, stellte. Das lag auch daran, daß mein Vater, patriotischer SPD-Wähler, zuhause gern und ausgiebig politisierte. Meine Willy-Brandt-Phase, in der es darum ging, »unseren« Kanzler Willy zusammen mit allen anderen jungen und wohlmeinenden Menschen aus dem parlamentarischen Würgegriff der Ewiggestrigen zu befreien, hatte er noch mit Wohlwollen betrachtet. Der CDU-Chef Rainer Barzel, ein Mann mit Betonscheitel und Schläfenwellen, hatte versucht, Willy zu stürzen. Als im Bundestag über sein Mißtrauensvotum abgestimmt wurde, brach der Schulbetrieb zusammen. Schüler und Lehrer drängten sich vor den wenigen TV-Geräten, und ein unbeschreiblicher Jubel brach los, als Willy aus der Abstimmung als Sieger hervorging.

Auch meine Empörung über den brutalen Napalmkrieg der USA in Vietnam fand durchaus das Verständnis meines Vaters, nicht aber, daß ich – auch unter dem Einfluß älterer Mitschüler – bald immer radikalere Ansichten vertrat und kundtat, daß ich nur in der kommunistischen Revolution eine wirksame Kur für die Ungerechtigkeiten der Welt sah. In meinem Bundeswehrparka, von dem ich die deutsche Flagge abgelöst und auf den ich statt dessen mit Kugelschreiber »I hate the US Army« geschrieben hatte, ging ich nun zweimal wöchentlich zu einem »Vietnam-Arbeitskreis«, der sich den Sieg der kommunistischen Rebellen in ganz Indochina auf die Fahnen geschrieben hatte: »Vietnam, Laos, Kambodscha – ein Kampf!«

Wir waren vielleicht zwanzig Leute, viele Schüler und ein paar Lehrlinge, die sich in einem Raum des Jugendzentrums Buschey trafen, wo man nach den Sitzungen in den Discokeller ging, Deep Purple oder T. Rex hörte und zum Selbstkostenpreis von fünfzig Pfennig eine Flasche Bier konsumierte. Dabei blieb es bei mir meist, denn ich mußte um zehn zu Hause sein.

Im »Vietnam-Arbeitskreis« hörten wir Referate über die Geschichte des Konflikts, bereiteten Flugblätter und Info-Stände in der City vor oder sammelten auf dem Weihnachtsmarkt Geld für den Vietcong, die kommunistische Rebellen-Armee Südvietnams. Bei all dem war ich höchst aktiv, und weil ich die Tatsache, daß ich stets der Jüngste und Kleinste in meiner Klasse war, schon früh dadurch kompensiert hatte, daß ich eine ziemlich große Klappe vor mir hertrug, wurde Werner Valentin, der Hagener »Mini-Dutschke«, auf mich aufmerksam.

Werner war bei der Gruppe Internationaler Marxisten (GIM), einer lediglich ein paar hundert Mitglieder zählenden, trotzkistischen Splitterpartei, die sich »Deutsche Sektion der IV. Internationale« nannte und eine der zahlreichen linksextremen Gruppierungen war, die die Studentenrevolte der Sechziger hervorgebracht hatte. Er war acht Jahre älter als ich, ein zierlicher Typ mit energischem Kinn und Revolutionärsbärtchen – Oberlippen-T mit senkrechtem Kinnstreifen. Seine spitzzüngige Rhetorik schlug mich gleich in ihren Bann. Er schien definitiv der schlauste unter den linken Kadern meiner Heimatstadt, unter denen die Maoisten, die traditionell etwas verklemmt wirkten, in der Mehrheit waren.

Die Anhänger Leo Trotzkis, zu denen Werner gehörte, verstanden sich als Hüter der »reinen Flamme der Revolution« und waren eingeschworene Gegner der Diktaturen im Ostblock und in Mao Tse-Tungs China, in denen man eine stalinistische Perversion der kommunistischen Ideale sah. Das sprach mich an, und wenn Werner mit schneidender Stimme und meckerndem Lachen die Fans des Großen Vorsitzenden auseinandernahm, hing ich fasziniert an seinen Lippen. So wurde ich Trotzkist.

Die GIM war winzig, aber ihr monatlicher Ausstoß an internen Theoriepapieren erreichte mühelos Kniehöhe, was ich am Anfang ziemlich schick fand. Das ganze leninistische Kader-Brimborium hatte etwas Abenteuerliches. Man operierte mit Decknamen – ich hatte, warum auch immer, »Robert« gewählt – und gab sich bolschewistisch-konspirativ, so als sei einem die zaristische Geheimpolizei bereits mit dem Galgenstrick auf den Fersen. Es war aber lediglich das etwas verschlafene Politische Kommissariat unserer Heimatstadt, das regelmäßig zwei gelangweilte Beamte mit Notizblöcken zu den Versammlungen schickte, bei denen man gemeinsam mit den ortsansässigen Maoisten, DKP-Leuten, linken Gewerkschaftern und Jusos »Aktionsbündnisse« und Kundgebungen vorbereitete – zum Beispiel gegen die Schließung weiterer Stahlwerke oder die »Berufsverbote«, die Mitglieder »verfassungsfeindlicher Organisationen« – das waren zu dieser Zeit im Prinzip immer linke – vom öffentlichen Dienst ausschlossen. Statt Willy Brandt hing nun eine große Vietcong-Flagge in meinem Jugendzimmer – neben dem »psychedelischen« Poster mit der kiffenden Marsha Hunt, einer aktuellen Soul-Sängerin und angeblichen Mutter eines Kindes von Mick Jagger.

Unsere »Ortsgruppe« bestand aus vier Leuten, außer Werner und mir war da noch ein langhaariger, bebrillter Junge namens Osterkorn und dessen hübsche, leicht verhuschte Freundin Melitta. In dieser Besetzung reisten wir über das Wochenende manchmal zu »Schulungen« im münsterländischen Ochtrup, zu denen die versprengten Parteimitglieder aus der Region zusammenkamen. Mit Hilfe eines revolutionär gesinnten jungen Rübenbauern, der dort den Bauernverband trotzkistisch unterwanderte, wurden diese Treffen als »Arbeitskreis der Landjugend« getarnt und fanden im Klassenzimmer einer Grundschule statt. Mitglieder des Zentralkomitees der GIM reisten inkognito aus Berlin oder Hamburg an, um in mehrstündigen Abhandlungen über neue Perspektiven zur revolutionären Mobilisierung der Arbeiterklasse zu referieren. Abends saß man dann bei Apfelkorn und Schnittchen in der geräumigen Stube des Rübenbauern und lauschte immer noch den Spitzenkadern, die dann aber Schwänke aus den glorreichen Tagen der Achtundsechziger-Revolte erzählten, einer Zeit, die ich nur von flüchtigen TV-Fetzen aus meiner Kindheit kannte.

Als ich zuhause das erste Mal und ganz unkonspirativ offen einen solchen Trip ankündigte, wurde mir die Reise streng untersagt. Aber ich begann nun, mich der elterlichen Kontrolle zu entziehen, und fuhr trotzdem, woraufhin sich die heimische Atmosphäre tagelang verdüsterte und zeitweilig sogar Taschengeldentzug verordnet wurde. Als Berufsrevolutionär war ich natürlich nicht käuflich und gründete – zum fortgesetzten Mißvergnügen meiner Eltern – an meiner Schule mit zwei Klassenkameraden eine GIM-Schülerzelle, die emsig agitierte.

Höhepunkte des Parteilebens waren die gemeinsam mit anderen linken Gruppierungen veranstalteten Busreisen zu Großdemos gegen den Vietnam-Krieg. Während der Anreise stimmte man gemeinsam alte Arbeiterlieder wie »Roter Wedding« an, brüllte dann auf der Demo »USA, SA, SS!« und benahm sich auf der mit viel Dosenbier angefeuchteten Rückfahrt ähnlich wie die Anhänger zweier rivalisierender Fußballvereine, die von einem Spiel ihrer Nationalmannschaft zurückkehren. Werner und ich provozierten die Maoisten, indem wir beispielsweise zur Melodie der TV-Serie »Flipper« den Text »Wir lieben Mao, Mao, Mao, gleich wird er koooommen …« intonierten, worauf die Anhänger des dicken Chinesen mit Schmähparolen gegen unser Idol Trotzki antworteten. Die hatten oft mit einem Eispickel zu tun, jenem Instrument, mit dem ein von Stalin gedungener Scherge unseren Mann gemeuchelt hatte.

Werner, der offiziell was Soziales studierte, aber in Wirklichkeit ganz in der Rolle des strategischen Denkers der Revolution aufging, lebte zusammen mit seiner Mutter in einer winzigen Neubauwohnung, wo ich ihn nachmittags oft besuchte und gebannt seinen Ausführungen über das »Prinzip Hoffnung« seines Lieblingsphilosophen Ernst Bloch lauschte. Wenn dann der Abend anbrach, besorgten wir uns am Kiosk um die Ecke ein paar Bier und hörten zusammen Wolf Biermann, John Lennon oder die Doors. Interessanterweise gehörten später auch Abba zum Repertoire, das Gold der Sommernächte und des Autoradios. An sich galten Abba nicht wirklich als cool, aber es war verdammt schwer, sich ihnen zu entziehen. Makellos schwebten ihre glamourösen Mini-Opern durch das Jahrzehnt, und auch der finsterste Revolutionär und rigideste Verächter der kapitalistischen Massenkultur entdeckte dabei die Schokoladenseite der Welt. Wobei Werner nicht vergaß, zu erwähnen, daß er in »Money, Money, Money« eine glasklare Kapitalismus-Analyse sah.

Ungefähr ein Jahr nach meinem ersten Kontakt mit der Partei kam der Tag einer GIM-Konferenz auf regionaler Ebene, wo es unter anderem darum gehen sollte, wie mein Entwicklungsstand im Hinblick auf die Vollmitgliedschaft in diesem Eliteverband der Weltrevolution zu beurteilen sei. Bis zum anerkannten Berufsrevolutionär und Voll-Mitglied der GIM durchlief man nämlich mehrere Stufen: Zunächst war man »Sympathisant«, dann möglicherweise »Kandidat«, und am Ende winkten schließlich die höchsten Weihen. Bislang war ich lediglich »Kandidat« und – mit sechzehn – ein ziemlich jugendlicher. Werner Valentin war inzwischen sogar »Kandidat des ZK«, des Zentralkomittees der winzigen Partei, und damit auf dem Sprung in die Schaltzentrale der Ohnmacht. Die Sitzung fand in der Dortmunder Wohnung eines alten Haudegens der Achtundsechziger-Revolte statt. Außer ihm (Deckname: »Hermann«), meinem Mentor Werner (»Richard«), mir (»Robert«) und einer weiteren Voll-Genossin, an deren Decknamen ich mich nicht mehr erinnere, war niemand anwesend – möglicherweise auch eine Folge der strengen Auswahlkriterien.

Das Treffen endete mit meinem – mehr oder weniger freiwilligen – Ausscheiden aus der GIM. Der aktuelle Anlaß war, daß ich schon seit einiger Zeit eine gewisse Unlust beim samstäglichen Straßenverkauf des Parteiorgans »Was tun« gezeigt hatte, was meinen wachsenden Zweifeln daran entsprach, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg waren, die Welt zu retten. Irgendwie standen die revolutionären Appelle an das Proletariat dann doch in zu krassem Gegensatz zur Wirklichkeit der Siebziger, die ich in unserer so durchschnittlichen, mittleren Großstadt gut beobachten konnte: Die Malocher, die doch die treibende Kraft der großen Umwälzung sein sollten, hörten unsere Signale nicht, sondern kloppten Überstunden, um sich in Charter-Fliegern auf den Teutonengrill in El Arenal verfrachten zu lassen, oder sparten auf den neuen Opel Ascona mit Automatik. Die bestenfalls mitfühlenden Blicke, die uns die Arbeiterklasse beim Verteilen von Flugblättern vor dem Werkstor zuwarf, hatten mir zu denken gegeben, und der ganze leninistische Reigen aus Strömungen, Fraktionen, Ausschüssen und Kommissionen – in einer Partei von ein paar hundert Mitgliedern – erschien mir zunehmend irreal.

Mein politisches Engagement steckte in einer Sinnkrise, und so fiel mir der Abschied von der GIM ziemlich leicht, zumal ich mich gerade in die Schwester eines Klassenkameraden verknallt hatte. Mein erster Vorstoß auf das Schlachtfeld der Liebe endete allerdings in einer empfindlichen Niederlage.

Hormonsturm

Aus den Boxen im Partyraum der evangelischen Tagungsstätte tönte »Autobahn« von Kraftwerk. Die Nummer, die ich sonst so faszinierend fand, rauschte an mir vorbei. Melancholisch blickte ich auf die Tanzfläche, wo ein bärtiger Kirchen-Mitarbeiter im gestrickten Pullunder herumschwebte. Sonst war nicht mehr viel los, in einer Ecke knutschte noch ein Pärchen.

Ich ging rüber zu der mit Naturholz verkleideten Bar und holte mir noch eine Flasche Bier, mittlerweile schon die dritte. Ich befand mich bei einem »Jugendwochenende« der evangelischen Kirche, zu dem man sich problemlos anmelden konnte, auch ohne je durch protestantische Frömmigkeit aufgefallen zu sein. Im Gegenteil, die Beliebtheit dieser preiswerten Wochenend-Trips rührte gerade daher, daß sie ein todsicheres Ticket waren, um zum ersten Mal die Nacht mit jemand anderem zu verbringen. Und genau das war die Crux.

Sie hieß Monika, war – wie ich – siebzehn, sehr hübsch und sehr schwierig. Eigentlich war sie in Ritchie verliebt, einen kaffeebraunen, ziemlich coolen Typen mit Plateaustiefeln, aber der war nach kurzem Geplänkel zu seiner alten Freundin zurückgekehrt, und so witterte ich meine Chance. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, sie davon zu überzeugen, es doch zur Abwechslung mal mit mir zu versuchen, aber schließlich »gingen« wir miteinander und knutschten auf Schulfeten herum.

Meine bisherigen Erfahrungen auf diesem so wichtigen Gebiet waren spärlich. Abgesehen von ein paar Discoknutschereien und etwas schüchternem »Petting« mit einer kleinen Engländerin während einer Klassenfahrt nach London war noch nicht viel vorgefallen. In meiner Schulclique galt die Regel, daß der, der einigermaßen glaubwürdig behaupten konnte, »auf den Stich« gekommen zu sein, einen Kasten Bier ausgeben mußte, aber ich war noch nicht mal in die Nähe eines halben Kastens gekommen. So näherte ich mich Monika mit großer Vorsicht, oder anders ausgedrückt: Ich hatte Schiß.

Das übriggebliebene Pärchen, eine stämmige Rothaarige mit Batik-Shirt und ein langer, rachitischer Typ mit Prinz-Eisenherz-Frisur, betrat nun die Tanzfläche, um zu »Nights In White Satin« zu »schwofen«, wie man das nannte, wenn man sich, wie zwei Ertrinkende aneinandergeklammert, langsam um die eigene Achse drehte. Die beiden sahen definitiv scheiße aus, aber sie schienen glücklich zu sein.

Ich stand an der Wand, drehte mir eine Zigarette nach der anderen und dachte verstört an die vergangene Stunde, die ich mit Monika auf meinem Zimmer verbracht hatte.

Unser Debüt im Bett war kein Erotikfestival gewesen, sondern ein nervöses Rumgestocher. Monika schien darauf zu warten, daß ich endlich den Turbo anwarf und sie zu den tosenden Küsten der sexuellen Raserei entführte, denn sie verhielt sich still. So war das eine Weile gegangen, bis ich mich schließlich zurückzogen hatte. Anschließend hatte Sprachlosigkeit geherrscht, und nach ein paar flüchtigen Alibi-Küssen hatte ich die Flucht ergriffen – zurück in den Partyraum, wo ich nun versuchte, meine Gefühle zu sortieren.

Mein erster Auftritt als romantischer Liebhaber war also alles andere als romantisch gewesen, was wohl auch die schnöde Zurückgelassene so empfand. Unser junges Glück sollte sich jedenfalls davon nicht mehr erholen, und Monika ging bald darauf mit einem guten Kumpel von der Fahne. Das war nun sozusagen die Höchststrafe, und es sollte eine ganze Weile dauern, bis ich mich von diesem Volltreffer erholt hatte.

Mit meinem Rückzug aus Politik und Liebe kam eine Phase, in der ich in der Vorstadtkneipe in der Nähe meines Elternhauses an den Trinkritualen der wirklichen Arbeiterjugend teilnahm und mit meiner neuen Clique im Gemeindehaus zu den ersten Udo-Lindenberg-Platten absteppte. Wir spielten Kneipenfußball im Jägermeister-Trikot, gewannen gegen »Runde Ecke Schwerte« und verloren gegen »Gaststätte Timmerbeil«, sangen zum Karneval »Es fährt ein Zug nach Nirgendwo« von Christian Anders mit, und wenn der dicke Haarmann, ein alter Nazi, der immer von den Freimaurern faselte, seine Kneipe dicht machte, ging man manchmal noch in die Wohnung eines Kumpels und spielte mit der Frisör-Azubi und der Arzthelferin von um die Ecke Strip-Poker. Viel mehr lief da nicht, aber es war insgesamt eine ziemlich unbeschwerte Zeit, vielleicht abgesehen von den wüsten Prügeleien, in die man geraten konnte, wenn man auf einem der zahlreichen Schützenfeste den Gubowski-Brüdern begegnete, berüchtigten Schlägern aus »Klein-Texas«, wie man die nahe Sozialsiedlung wegen der dort herrschenden »Wild-West-Sitten« nannte. Diese beiden vierschrötigen Klotzköpfe traten gern zum Kopf – man mußte sich echt vorsehen. Möglicherweise zeigten sich damals bei mir auch erste Ansätze etwaigen Showtalents, denn es gelang mir, bei einem Kirchenfest am Abend nach dem WM-Finale 1974 – das Deutschland bekanntlich gegen Holland gewann – so überzeugend den zerknirschten, aber fair unterlegenen holländischen Fan zu geben, daß mir die unbekannten Zecher am Bierstand vor lauter Mitgefühl ein Helles nach dem anderen spendierten.

Nach einem durchschnittlichen Abitur und einem kurzen Gastspiel als Student der Germanistik und Geschichte in Bochum – die drögen Welten der Semiotik und der Ruhr-Uni-Cafeterias verdarben mir schnell den Spaß an der Sache – beschloß ich, zunächst mal meinen Zivildienst zu absolvieren.

Davor hatte der Staat allerdings eine ausgiebige Befragung durch die Prüfungskommission des Kreiswehrersatzamts gesetzt: fünf Greise, vier freiwillige Schöffen und ein Vorsitzender. Nur sie konnten mir jene »zwingenden Gewissensgründe« bescheinigen, die mich vom Dienst an der Waffe befreiten. Das war keineswegs selbstverständlich, ich hatte sogar von jemandem gehört, der sich nach der verlorenen dritten Instanz tatsächlich beim »Bund« wiedergefunden hatte.

Bedingungsloser Pazifismus war der aussichtsreichste Verweigerungsgrund, und das führte zu den Schmierenkomödien, die jede Woche in den Kreiswehrersatzämtern aufgeführt wurden. Denn die schlichte Wahrheit zu sagen, nämlich daß man keinen Bock auf die Armee hatte, sondern lieber was Soziales machen wollte, war damals im System noch nicht vorgesehen.

Das Ziel der zähen Verhandlung war also festzustellen, wie glaubwürdig meine radikale Gewaltlosigkeit denn nun sei, und ich mußte mich in merkwürdige Situationen versetzen, zum Beispiel die versuchte Vergewaltigung der eigenen Freundin durch fünf Unholde, während man zufällig eine Maschinenpistole dabei hatte. Ich hatte mich in einem speziellen Arbeitskreis professionell vorbereitet und wußte um die Tücken dieser abgefeimten Konstruktion. Zu sagen, daß man sich unter diesen Umständen selbstverständlich wehren würde, war grundfalsch, denn dann wurde einem die Frage serviert, warum man denn dann im Verteidigungsfall – »beispielsweise einer sowjetischen Invasion« – nicht mit der Waffe in der Hand Heimat und Familie schützen wolle. Die Alternative, nämlich rundheraus zu behaupten, daß man auf keinen Fall schießen würde, war ebenfalls eine Falle, denn das wurde einem nicht so einfach geglaubt. Das Rollenangebot war also nicht verlockend – entweder der egoistische Heuchler oder der erbärmliche Feigling –, und beides führte direkt in die Kaserne. Der rettende Ausweg war – wie ich wußte – nur der Part des pazifistischen Hamlet, der sich ausdauernd über die Frage zerquälte: »Wie könnte ich schießen – aber ach, wie könnte ich es nicht tun?« In meinem Fall klappte das vorzüglich, denn die fünf Mumien kamen zu der Meinung, daß ich im Ernstfall wohl zu nichts zu gebrauchen war, und honorierten die Vorstellung mit einem glatten »Freispruch«.

Während im Radio »I’m Not In Love« von Ten CC lief, kutschierte ich nun jeden Morgen sechs apfelfrische Erzieherinnen mit einem VW-Bus der Arbeiterwohlfahrt zu einer Tagesstätte für behinderte Kinder. Dort flachste ich vormittags mit den kleinen Mongos, fuhr dann große Essenskübel kreuz und quer durchs Bergische und brachte die Mädels abends zurück zur AWO-Zentrale in Hagen. Das war nicht der schlechteste aller Jobs, aber das Beste daran war, daß sich dabei eine Liaison mit Waltraud, einer zehn Jahre älteren Krankengymnastin, ergab, die mich nun endlich – mit fast neunzehn – erotisch erlöste. Sie war eine kleine Brünette mit seidenweicher Haut – eine echte Siebziger-Braut, ganz selbstbewußt und locker. Waltraud hatte so eine Art und Weise, die mir gar nichts anderes übrigließ, als in aller Form über sie herzufallen. Wir fickten, schien mir, daß die Erde bebte, in Klamotten oder ohne, und am Ende dieser goldenen Nachmittage lag ich satt und mich ungeheuer männlich fühlend, qualmend auf dem Rücken und war on top of the world.

Auch politisch waren Waltraud und ich auf einer Wellenlänge. Wir engagierten uns gemeinsam für den Aufbau eines Betriebsrats bei der AWO, was besonders ihr einige Schwierigkeiten einbrachte, und gingen zusammen zu den öffentlichen Redaktionssitzungen des neuen »Hagener Volks-Blatts«, einer undogmatischen, linken Lokalzeitung, die sich auf die wie Pilze aus dem Boden schießenden »Bürgerinitiativen« stützte und für die ich unter anderem flammende Artikel gegen Polizeiwillkür und Fahrpreiserhöhungen schrieb. Bei der dazugehörigen, für Hagener Verhältnisse ziemlich großen Demo hielt ich eine Brandrede gegen die Hagener Straßenbahn AG und empfahl die Besetzung der Straßenbahnschienen vor dem Hauptbahnhof, was allerdings von den stets um Legalität bemühten DKP-Leuten im Aktionsbündnis verhindert wurde. Obwohl ich nichts mehr von den leninistischen Politsekten hielt, war ich nach wie vor ein glühender Linker, was mir in meiner völlig unpolitischen Clique aus Haarmanns Kneipe manch verständnislosen Blick eingebracht hatte.

Schwarzrot lockt der Wilhelmsplatz

Ein bißchen Grün für meine Nase

Pestizide in der Luft

Und es drückt auf meine Blase

Wenn ich gehe durch die Kaufhausgruft

Wenn ich eingangs die urbanen Reize meiner Heimatstadt in eher gedeckten Farben geschildert habe, muß nun erwähnt werden, daß es einen Stadtteil gab, der mit seinen alten, stuckverzierten Häusern einen ganz speziellen Charme verströmte und zu dem es mich unwiderstehlich hinzog, als ich mich auch räumlich von meinem Elternhaus abnabelte. Das lag aber nicht nur am Jugendstil-Flair, sondern vor allem daran, daß es dort eine hohe Dichte an linken Spontis, Anarchos und Politaktivisten aller Art, aber auch an Künstlern und schrägen Originalen gab. Wehringhausen war das neue Szeneviertel der Stadt.

Der alte Stadtteil lag zu Füßen einer bewaldeten Hügelkette, die von einem Bismarck- und einem Kaiser Friedrich-Turm gekrönt war. Genauer gesagt, war Wehringhausen Teil des Berges, denn die in Süd-Nord-Richtung verlaufenden Straßen stürzten von der Höhe des Stadtgartens steil bergab, fingen sich kurz auf der Höhe des Wilhelmsplatzes, um dann in das schmale Tal zu münden, durch das die Eisenbahnstrecke und die Bundesstraße 7 verliefen. Wunderbarerweise war die Gegend von der Sanierung aus der Luft zu einem großen Teil verschont geblieben – vielleicht auch wegen der oft schlechten Sicht über dem Tal. Zu Beginn des Krieges hatte es aus britischen Bombern erst einmal Flugblätter geregnet: »Hagen im Loch! Wir finden dich doch!« Am Ende fanden sie es in der Tat, aber hier in Wehringhausen standen sie noch, die Häuser aus der Zeit um die Jahrhundertwende mit ihren riesigen, etwas abgenutzten Wohnungen mit den Dienstbotenzimmern und der Lieferantenklappe. Dort hatten sich die ersten »alternativen« WGs niedergelassen, um ein Gegenmodell zu bürgerlicher Familie und den »Zwängen des Systems« zu leben. Das kam einer späten Umkehrung des ursprünglichen Zwecks dieser ehemals hochherrschaftlichen Domizile gleich, war aber ideal für Kommunen von fünf oder sechs Leuten, zumal es mit vereinter Kraft ganz gut möglich war, die Miete dafür aufzubringen.

Ansonsten war Wehringhausen geprägt von alteingesessenen Arbeitern und kleinen Gewerbetreibenden, aber auch schon von der wachsenden türkischen Gemeinde mit ihren Gemüseläden und Teestuben. Es herrschte ein ziemlich buntes Treiben, das gekrönt wurde von so surrealen Einzelgängern wie dem »Sheriff«, einem etwa vierzigjährigen, bebrillten Ex-Schweißer, der nachts in Wyatt-Earp-Montur – inklusive Stern und Spielzeugcolt – seine Runden drehte und nach dem Rechten sah.

In Wehringhausen fühlte sich der linke Zeitgeist wohl, und begossen wurde das in »Rainers« Kneipe am Wilhelmsplatz, dem Zentrum und Marktplatz des Viertels, wo der schnauzbärtige Wirt die versammelte Szene mit den Stones oder Ton Steine Scherben beschallte und eine generöse Deckelwirtschaft mit extrem langen Laufzeiten betrieb.

Die Vierzimmerwohnung, in die ich im Frühjahr 1976 mit Waltraud einzog, lag nur einen Steinwurf von »Rainer« entfernt. Mit von der Partie waren mein alter GIM-Genosse Walter, zu dem ich lockeren Kontakt gehalten hatte, und dessen stille Freundin.

Wie überall in der linken Szene gab es auch in Hagens schwarzrotem Anarcho-Stadtteil ein neues Generalthema – den nach der Ölkrise von 1973 von den Stromkonzernen in höchster Eile vorangetriebenen Ausbau der Atomenergie. Die Technik schien unsicher, und die Endlagerung des strahlenden Mülls war ungeklärt. Der gelbrote Aufkleber »ATOMKRAFT – NEIN DANKE!« pappte auf WG-Kühlschränken, Umhängetaschen und Stoßstangen und als eine Großdemonstration gegen ein geplantes Kernkraftwerk in Norddeutschland angekündigt wurde, waren Werner und ich dabei.

Es war kalt in der Wilster Marsch, und es regnete und stürmte seit Tagen. In dickem Pullover, Parka und Gummistiefeln entstieg ich dem Reisebus, der uns zur ersten Großdemo gegen das geplante Atomkraftwerk bei Brokdorf in der Nähe von Hamburg gebracht hatte.

Ein paar Wochen zuvor hatte die Staatsmacht mit viel Geknüppel und unter großzügiger Verabreichung von Tränengas den noch kaum gesicherten Bauplatz von ein paar Besetzern gesäubert. Die Art der Räumung war in der breiten Öffentlichkeit nicht besonders gut angekommen und hatte das Thema erst so richtig aufs Tapet gebracht. So waren es nicht mehr nur linke Aktivisten, Alternative und ein paar verschrobene Umweltschützer, die sich an diesem dunklen Herbsttag auf den kilometerlangen Fußmarsch zum Bauplatz machten, sondern auch viele »Normalverbraucher«: besorgte Landbewohner aus der Umgebung ebenso wie ein paar tausend sonst eher brave Bürger aus Hamburg.

Es war eine Marschsäule von ungefähr zwanzigtausend Menschen, die da im strömenden Regen durch überschwemmte Wiesen wateten, über Deiche kletterten und Bachläufe überquerten. Ich befand mich zusammen mit den anderen Hagenern im vorderen Drittel des Zuges, dessen Spitze von knapp tausend Militanten mit Motorradhelmen gebildet wurde. Trotz der ständigen Beschwichtigungen aus den Megaphonen der Bürgerinitiativler schleppten sie neben improvisierten Schilden und Knüppeln allerhand Gerät mit, mit dem sie, so war es angekündigt, den Bauzaun schleifen und das Gelände erneut besetzen wollten. Auch aus einiger Entfernung konnte ich Spaten, Bolzenschneider und Stemmeisen erkennen. Obwohl ich fand, daß das im Prinzip keine unsympathische Idee war, hatte ich keinerlei Ambitionen, mich an solchen Aktionen zu beteiligen, denn es war bekannt, daß die Staatsmacht gut vorbereitet war. Wie gut, konnte ich erkennen, als nach eineinhalb Stunden Marsch am sturmverdunkelten Horizont plötzlich das hell erleuchtete Baugelände auftauchte. Es war eine Festung.

Von Hunderten von Halogenscheinwerfern in gleißendes Licht getaucht, standen in dichten Reihen zehntausend bis an die Zähne gerüstete Polizisten und Werkschutzleute um den meterhohen Gitterzaun herum, der das riesige Areal umgab und von Wolken aus Nato-Draht gekrönt wurde. Dahinter gab es außer einigen Baracken, ein paar Kränen und einer Planierraupe nicht viel zu sehen, was der Szenerie einen noch unwirklicheren Anstrich gab. Vor der Polizeikette verlief ein etwa drei Meter breiter und zwei Meter tiefer Wassergraben, vor dem wiederum in gleichmäßigen Abständen Wasserwerfer postiert waren. Berittene Einheiten und Hundestaffeln ergänzten das Aufgebot. Auch die Luft war fest in der Hand der Staatsmacht. Am bleigrauen Himmel flatterten Schwärme von Polizeihubschraubern hin und her, deren Suchscheinwerfer über die Köpfe der Menge fingerten. Aus den Bordlautsprechern dröhnte immer wieder dieselbe Botschaft: »Bleiben Sie dem Bauzaun fern! Ich wiederhole: Bleiben Sie dem Zaun fern!«

Der Teil des Zuges, in dem Werner und ich uns befanden, kam etwa achtzig Meter vor dem Wassergraben zum Stehen und war außerdem etwas zur Seite abgedrängt, was sich noch als sehr segensreich erweisen würde. Megaphone knackten, Pfiffe gellten, und zwanzigtausend Münder skandierten die ersten Sprechchöre: »Kein Kernkraftwerk in Brokdorf und auch nicht anderswo!«

Die andere Seite hielt dagegen – mit knatternden Rotoren, »Bleiben Sie dem Zaun fern!« und dem wütenden Gekläff der Polizeihunde. Es war eine Geräuschkulisse, in der selbst das Heulen des Sturms und das Prasseln des Regens untergingen. Wenig später kamen dann die Sirenen von Krankenwagen hinzu.

Wo und wie der Funke flog, konnte ich nicht erkennen. Es schien so, als hätten die Autonomen an einer Stelle versucht, den Wassergraben zu überwinden und die Polizeikette zu sprengen. Das gelang nicht, im Gegenteil, die anderen gingen nun ihrerseits zum Angriff über. Mit gezücktem Knüppel und »chemischer Keule« – dem neuen Hit im Waffenarsenal der Polizei, einem mit der Spraydose verabreichten Reizgas – setzten sie über den Graben, während die Wasserwerfer wahllos in die Menge hielten. Vierzig Meter entfernt flogen die Leute nur so durch die Gegend, ob Sponti-Braut oder Bauersfrau. In unserem Block gellendes Pfeifkonzert und Sprechchöre: »Ihr! Knüppelt! Für das Kapital!«

Vor und teilweise auch im Wassergraben ging man nun auf breiter Front zum Nahkampf über. Man schlug sich mit Knüppeln und mit Spaten, trat und würgte, sprayte und spuckte, kläffte und biß, riß Helme runter und kugelte Gelenke aus. Hin und wieder gelang es einer Seite, einzelne Gegner zu isolieren, um sie dann mit vereinten Kräften krankenhausreif zu prügeln und zu treten. Das Sirenengeheul wurde vielstimmig, immer mehr Verletzte wurden aus der Kampfzone geschafft, was den Furor nur noch weiter anheizte. Fassungslos starrte ich auf das wirre Panorama der entfesselten Gewalt. Dann ließen die Hubschrauber aufs Geratewohl Tränengasgranaten in die Menge fallen, und so bekam endlich auch unser Block sein Fett weg. Zischend breitete sich die Gaswolke aus, alles stob auseinander, hustete, spuckte und würgte. Ein Stück weiter erbrachen sich zwei Mädchen. Durch die sich lichtenden Gasschwaden sah ich, wie sich Sanitäter um zwei ältere Herrschaften bemühten, die offenbar eine volle Ladung abbekommen hatten und um Luft rangen.

Mich hatte es nicht so schlimm erwischt.

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