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Harry Potter trifft Gott

Titel

Für Daniel

und alle Jungen und Mädchen,

die Harry, Ron und Hermine noch nicht kennen.

Danksagung

Ich kann nicht alle Personen nennen, die mich bei der Verwirklichung dieses Projekts unterstützt haben, aber einige von Ihnen verdienen es, an dieser Stelle genannt zu werden. Ein besonderer Dank gilt der christlichen von Potter begeisterten Familie Koller-Heidland aus der methodistischen Gemeide von Terni, deren junge Tochter, Teresa, meinen Manuskriptentwurf gelesen und mit Kommentaren ergänzt hat. Auch danke ich Frau Prof. Elizabeth Heilman, Pädagogikprofessorin der Universität Michigan. Nachdem sie einen von mir 2004 in der Zeitschrift des europäischen WSCF (World Student Christian Federation) „Mozaik“ veröffentlichten Artikel über Harry Potter ausgegraben hatte, legte sie mir nahe, mich doch weiter mit den Texten der Autorin Joanne K. Rowling zu beschäftigen. Hätte ich die E-Mail dieser mir (damals noch) unbekannten Amerikanerin nicht erhalten, hätte dieses Buch nie das Licht der Welt erblickt. Was meine Familie betrifft, so möchte ich meine Frau ganz besonders hervorheben: Sie teilt mit mir die Begeisterung für das Universum von Harry Potter und hat auf diese Weise dafür gesorgt, dass sich die guten Gedanken für das Buch weiterentwickelt haben und die weniger guten zurückgestutzt worden sind.

Andere Zeitgenossen wiederum haben sich verblüfft und verständnislos gezeigt, als sie von meinem Projekt erfuhren. Ihnen gilt ebenfalls mein Dank, denn jede Entwicklung braucht auch solche Herausforderungen.

Warnhinweis

Wenn der Leser oder die Leserin zu Beginn der Lektüre dieses Buches die Lust verspüren sollte, es lieber wieder zuzuschlagen, um sich stattdessen den Romanen von J. K. Rowling zu widmen, so ermutige ich ihn oder sie von ganzem Herzen dazu, dies auch zu tun, denn: Das vorliegende Buch ist gewissermaßen ein „Spoiler“ – hier werden überraschende Wendungen und Auflösungen der Potter-Romane offenbart, vorweggenommen, und dies nicht aus besonderer Heimtücke meinerseits, sondern allein deshalb, weil sich andernfalls die Personen und die Handlungskette der Romane nicht tiefgründig analysieren ließen.

Auch erhebt dieses Buch nicht den Anspruch darauf, eine letztgültige theologische Abhandlung des Harry-Potter-Epos zu sein, sondern versteht sich als eine mögliche und spezielle Leseart, vorgestellt von einem evangelischen Pastor, einem Mann des westlichen Europas. Dabei versteht sich von selbst, dass nicht alle evangelischen Westeuropäer, die sich, wie ich, in den Pastorendienst riefen ließen, notwendigerweise meine Herangehensweise teilen.

Zum Schluss noch eine Bemerkung hinsichtlich der Zitatangaben. Wie viele Serienwerke (so z. B. die Filme von James Bond und Indiana Jones), haben die Titel der einzelnen Bücher stets den gleichen Anfang (Harry Potter und …). Aus Gründen der Vereinfachung wird dieser Teil bei den Zitaten ausgelassen. Ferner gibt es eine Art internationale Übereinkunft, die sich in den verschiedenen Harry Potter gewidmeten Foren und Internetseiten herausgebildet hat und der zufolge nicht die Seitennummer, sondern das Kapitel zitiert wird. Grund dafür ist, dass verschiedene selbst gleichsprachige Ausgaben ein und desselben Landes einen anderen Seitenumbruch haben, je nach Schriftgröße und je nachdem, ob der Band illustriert wurde oder nicht. Es ist also nicht gesagt, dass die Seitenzahlen der Ausgabe, aus der ich zitiere, mit denjenigen des Buches übereinstimmen, welches der Leser in der Hand hält. Deshalb wird eine Bezugnahme auf die Seite 5 des Bandes Harry Potter und der Stein der Weisen zitiert als Stein der Weisen, 1.

Vorwort zur deutschen Ausgabe

„Verraten Sie mir noch ein Letztes“, sagte Harry.

„Ist das hier wirklich? Oder passiert es in meinem Kopf?“

Dumbledore strahlte ihn an […]: „Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?“

(Heiligtümer des Todes, Kap.35)

Von der Bibel abgesehen hat kein anderes Buch in unserer Zeit eine solche Verbreitung gefunden wie die Potter-Bände der Joanne K. Rowling. Kaum ein Ereignis nach dem Wendejahr 1989, selbst aus der Pop-Kultur, hat auch nur annähernd eine solche Gleichzeitigkeit und Dauerhaftigkeit der Rezeption durch eine ganze Generation gehabt wie die sieben Potter-Bücher und die begleitenden bzw. nachlaufenden Potter-Filme.

Weltweit ist eine ganze Generation von Junglesern seit 1997 (seit 1998 in Deutschland) mit den Potter-Büchern und -Filmen aufgewachsen. Die starke Prägung durch die lebensbegleitende, der eigenen Pubertät gleichlaufende Erscheinungsweise der Potterbücher wird von den seit Anfang der achtziger Jahre bis zur Jahrtausendwende geborenen Leserinnen und Lesern selbst festgestellt. Ob durch eigene Lektüre auch noch später geborene Jahrgänge in gleichem Maße beeindruckt werden, muss sich noch herausstellen. Faktum aber ist, dass die Generation der heute fünfzehn- bis ca. dreißigjährigen sich beim eigenen Philosophieren und Theologisieren und nicht zuletzt auch bei der Erziehung ihrer Kinder von den Ideen und Konzepten Rowlings, von den Weisheiten ihrer Romanfiguren beeinflussen und leiten lassen wird.

Den meisten ist nicht bewusst, woher die Ideen und Weisheiten stammen, die Joanne K. Rowling ihren Figuren in den Mund gelegt hat, wie z.B. das für ein Jugendbuch erstaunliche Zitat: „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod“ oder der schöne Ausspruch: „Wo dein Schatz ist, da ist auch Dein Herz.“ Im Internet werden auch diese Zitate von Potter-Begeisterten als Aphorismen des Hogwarts-Schulleiters Dumbledore aufgefasst und weitergegeben.

Joanne K. Rowling hat betont, dass sie den „Komposthaufen“ all dessen, was sie selbst früher gelesen hat, fruchtbar gemacht hat für ihre Potter-Geschichte. Freilich nicht in Übernahme von Texten, wie in Zeiten des Computers und des Internets nicht mehr ungewöhnlich, sondern in freier, schöpferischer Nutzanwendung auf ihre fantastische Geschichte. So könnte man eher sagen, dass sie ihre eigene Erzählung mit ihrem kulturellen Kapital fruchtbar gemacht und zum Blühen gebracht hat. Auf diesem Weg hat die klassisch gebildete, studierte Lehrerin und Mutter ihre Lesefrüchte und auch ihr Verständnis christlicher Inhalte der postmodernen Kultur zugänglich gemacht. Zu Recht sieht Peter Ciaccio daher in der Pottererzählung nicht nur einen bloßen Entwicklungsroman, in dem Harry Potter vom Grundschüler zum jungen Mann wird. Es ist vielmehr eine Art Bildungsroman, jedenfalls in der Hinsicht, dass es nicht nur um die Entwicklung und Bildung von Harry Potter geht, sondern dass darin Bildung auch an uns Leser weitergegeben wird. Folgerichtig nimmt uns Ciaccio mit auf die Suche nach wesentlichen Elementen des kulturellen und religiösen Fundus der Bestsellerautorin Joanne K. Rowling.

Abgesehen von denen, die sowieso alles über Harry Potter lesen, ist das Buch für drei weitere Lesergruppen interessant und wichtig:

  1. Für diejenigen, die sich mit einer christlich-fundamentalistischen Dämonisierung, ja Verteufelung der Pottererzählung nicht abfinden wollen, weist der methodistische Pastor Peter Ciaccio nach, dass Rowlings Werk alles andere als Werbung für Okkultismus ist. Er liefert Argumente, warum auch fromme Christen sich an dieser Geschichte freuen dürfen:
    Die Parallelwelt der Zauberer ist wie die reale Welt vom Kampf der Guten und Bösen bestimmt. Magie ist abhängig von den Intentionen, wie Macht und Technik in der Normalwelt. So gibt es eine ständige Auseinandersetzung zwischen böser, schwarzer Magie und den „normalen“ Zauberern. Die Zauberwelt dient zur Illustration der inneren Kämpfe der Romanhelden und ist nicht der eigentliche Inhalt, auch wenn die Fanszene bis in Wikipedia-Beiträgen hinein alle „magischen“ Äußerlichkeiten, Werkzeuge und Zaubersprüche, sehr wichtig nimmt, ja sogar katalogisiert, dann aber, was das Wichtigere ist, auch interpretiert.
    Harry Potter selbst überwindet die Faszination von Magie und Macht: Den sogenannten Stein der Auferstehung beispielsweise, der benutzt werden kann, um Totengeister erscheinen zu lassen, lässt er achtlos aus der Hand gleiten. Und als Harry schließlich den Zauberstab der Unbesiegbarkeit (Elderstab) in Händen hält, freut sich nur der naive Ron, der von der potenziellen Allmacht seines Freundes fasziniert ist. Aber Harry widersteht auch dieser Versuchung, zerbricht den Elderstab und wirft ihn fort.
  2. Für diejenigen von uns, die leider nicht mehr wie Kinder und Jugendliche die Fähigkeit haben, die Geschichte wie ein Märchen oder Gleichnis mit dem Herzen zu lesen und intuitiv ihre Wirklichkeit zu verstehen, hat Peter Ciaccio einen Führer durch die Gedanken- und Bilderwelt der Joanne K. Rowling geschrieben. Zu Recht stellt Ciaccio dem ganzen 2. Kapitel das Jesus-Wort voraus: „Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Luk 18,17)
    Ebenso wie ein guter Kirchenführer in einer Kathedrale oder Dorfkirche den Ungläubigen und Ahnungslosen entschlüsselt, was die Architektur und die Bilder sagen wollen, kann Peter Ciaccio, einer, der selbst die Wirklichkeit von Hogwarts begriffen hat, den „Unmagischen“ den Zauber der Pottergeschichten erklären. In diesem Zusammenhang ist auch der Exkurs Ciaccios hilfreich; ein Vergleich der Bücher mit den daraus entstandenen Filmen, da sich manche „Anfänger“ heute wohl zunächst über die Verfilmungen der Potter-Geschichte nähern.
  3. Auch Theologen, Religionslehrer, sowie Pastoren werden von Peter Ciaccio aus der Reserve gelockt. Denn „Das Evangelium von Hogwarts“ bzw. in der italienischen Ausgabe „Das Evangelium nach Harry Potter“ ist sein Buch Harry Potter trifft Gott untertitelt.
    Überzogen? Christen können bei J. K. Rowling lernen, wie Bereitschaft zur Universalität und ein ausreichend großes kulturelles Kapital helfen, die eigenen Beschränkungen hinter sich zu lassen, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen über die großen, menschheitsverbindenden Fragen. Peter Ciaccio verweist auf die Behandlung zentraler christlicher Themen in der Pottererzählung: Vorherbestimmung und Erwählung, Mut, Angst und Vertrauen, Schuld und Vergebung, Umgang mit Reichtum und Macht, die Fragen von Gut und Böse, Tod und Leben.
    So ist eine der besonderen Stärken der Potter-Heptalogie, auch durch überraschende Wendungen der Erzählung, ein manichäisches Schwarz-Weiß-Denken aufzulösen, das Vorurteile über Personen zementiert statt für Entwicklungen und Umkehr offen zu sein. Ciaccio schreibt dazu ein ganzes Kapitel „Jenseits des Dualismus“. Auch das Böse ist in der Pottererzählung trotz aller schicksalhaften Verstrickungen letztlich kein unausweichliches Faktum, sondern eine Option. Der Mensch hat die Möglichkeit, sich immer wieder neu dafür oder dagegen zu entscheiden.
    „Liebe und Tod“ heißt Peter Ciaccios gewichtiges, letztes Kapitel. „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.“ Dieser Bibelspruch (1. Kor. 15, 26) steht auf dem Grabstein der Eltern von Harry Potter, Lily und James. Alle Menschen müssen einen natürlichen, teils gewaltsamen, Tod sterben. Vieles haben Menschen versucht, um dem Tod zu entfliehen. All das waren aber nur Mittel, den Tod aufzuhalten, nicht, ihm zu entgehen. Aber der zeitliche Tod ist kein Grund, dem Bösen nachzugeben. Aufzugeben im Kampf gegen das Böse wäre ein anderer, der eigentliche, ewige Tod.

Über die religiöse Identität Rowlings schreibt Peter Ciaccio interessant in seinem letzten Kapitel. Dem soll hier nicht vorgegriffen werden. Aber ist Harry Potter selbst ein Christ?
Rowling zeichnet mit Harry Potter das Bild eines jungen Menschen unseres Kulturkreises: Potter ist Christ so wie die meisten von uns. Auch so ahnungslos über die eigene Religion wie wir: Er wurde von seinen Eltern als Kind trotz schwieriger Kriegszeiten getauft. Und wie wir kennt und versteht er nicht mehr die christliche Tradition, seine eigenen Wurzeln.

Dumbledore schrieb auf den Grabstein seiner eigenen Mutter und Schwester ein Wort aus der Bergpredigt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch Dein Herz.“ (Matt 6, 21) Rowling schreibt, dass Harry beim Besuch auf dem Friedhof „nicht verstand, was diese Worte bedeuten sollen“ – wie wohl die meisten von uns. Zwar ohne religiöse Bildung aufgewachsen, gelingt es Harry dennoch, sich in der Praxis zuletzt immer wieder christlich zu verhalten: Er setzt sich für seine Freunde aber auch für seine Feinde ein, rettet auch sie aus Lebensgefahr und ist so mutig, immer wieder sein Leben für sie zu riskieren. Er ist dem Stolz, der Eitelkeit und anderen Versuchungen ausgesetzt und kann sie, wenn auch mit großen Mühen, fast immer überwinden. Am Ende, in „Kings Cross“, fängt er an, sich selbst und damit seine eigene Identität zu verstehen.

Peter Ciaccio bietet fruchtbare Anknüpfungspunkte für Gespräche in christlicher Jugendarbeit und Verkündigung. Aber vor allem macht er durch das Aufzeigen von Berührungspunkten Mut zum (auch seelsorglichen) Gespräch mit der post-christlichen und post-modernen Pottergeneration. Wo stammen die Weisheiten Dumbledores (bis hin zu den Grabinschriften) her und welche Bedeutung haben sie für Harry und seine Freunde, und damit auch für uns, die wir doch die Leserinnen und Leser, Zuschauerinnen und Zuschauer der Potter-Erzählung sind?

Was bedeutet es für Harry und sein Leben, dass die Eltern Harry tauften und was bedeutet es für uns, dass unsere Eltern uns tauften? Wie stehen wir, Christen oder nicht, zu Schuld und Vergebung, zu Mut und Versagen?

Kein Wunder, dass Peter Ciaccio Bildung und die Aneignung und Vermittlung unseres kulturellen Erbes als Aufgabe für die Kirchen fordert.

Die Suche nach den christlichen Impulsen und Quellen von Joanne K. Rowling, die wir mit Peter Ciaccios Buch beginnen können, regt dazu an, die geheimen Schatzkammern zu den verschütteten Grundlagen unserer Kultur und Literatur wieder zu entdecken.

Thomas Gandow

Ehemaliger Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg – schlesische Oberlausitz

Vorwort zur italienischen Ausgabe

Zu den Büchern und Filmen von Harry Potter wurde bereits eine unendliche Reihe von Aufsätzen geschrieben. Zweifellos lässt sich auch das Sachbuch von Peter Ciaccio in diese Bibliographie einreihen, wenngleich es in ihr einen ganz eigenen Platz einnimmt, da es alle Kategorien durchkreuzt. Das vorliegende Buch bewegt sich nicht nur auf der Ebene der Intertextualität, sondern stellt sich einer weiteren Herausforderung, indem es den Versuch einer hermeneutischen Auslegung unternimmt: Auf den jeweiligen Böden der Antipoden, d.h. der Heiligen Schrift einerseits und der profanen Kulturindustrie andererseits, errichtet Peter Ciaccio ein übergreifendes semantisches Gebäude.

Der kleine Zauberer Harry Potter hat seit seiner Geburt 1997 dem Fantasy-Roman eine zuvor unvorstellbare Bekanntheit beschert (abgesehen vielleicht von Tollkiens Herr-der-Ringe-Trilogie), denn in der Potter-Heptalogie wurden die erzählerischen und kommunikativen Absichten und Strategien in großem Maße erweitert und neu codiert. Zudem ist es dem jungen Zauberer gelungen, die kollektive Vorstellungswelt der Massen zu durchdringen. Eine wahre Armee von Gelehrten (Soziologen, Medienwissenschaftler, Kinderpsychologen, Literaturkritiker und Kulturwissenschaftler) fühlten sich dazu veranlasst, Harry Potter eine gewisse wissenschaftliche Würde zuzuerkennen, indem sie ihn zum Gegenstand interdisziplinärer Forschung machten.

Die Neuartigkeit innerhalb der Potter-Bände besteht darin, dass es nicht länger nur darum geht, verschiedene Episoden um einen Titelhelden herum anzuordnen und auch nicht, eine Geschichte in den verschiedenen Phasen ihres Handlungsfortgangs auszuformen. Auch der Seriencharakter, den wir aus dem Fernsehen kennen, stellt keinen angemessenen Bezugspunkt dar, anhand dessen man das Harry-Potter-Phänomen verstehen könnte. Die Erzählung von dem jungen Zauberer erzählt vielmehr eine in sich geschlossene Geschichte mit einem Beginn und einem Ende, die – trotz der Tatsache, dass es in ihr um Zauberei geht – in den natürlichen zeitlichen Horizont der menschlichen Existenz eingebettet ist.

Es ist nicht nur so, dass die Protagonisten von Buch zu Buch im gleichen Maße gewachsen und älter geworden sind wie die Leser selbst. Auch die Themen, die von Mal zu Mal berührt werden, sind in dem Maße komplexer geworden, in dem auch diejenigen, die diese Herausforderungen zu bewältigen haben, erwachsener geworden und gereift sind.

Die Harry-Potter-Erzählung ist eine gelungene Metapher für die psychische und existenzielle Entwicklung von der Kindheit hin bis zum Erwachsenenalter. Dies zeigt sich nicht nur daran, dass in den späteren Romanen gegenüber den ersten ein Fortschreiten des „Dunklen“ auszumachen ist – Szenen, in denen es zu Gewalt kommt, nehmen zu, die Atmosphäre wird stellenweise ungleich bedrückender; politische, rassistische und soziale Klassen, sowie das Hineinwirken des Bösen in die Welt werden in einer immer drängenderen Weise thematisiert. Selbst der Schreibstil der Autorin verändert sich und wird komplexer. All dies setzt einen intellektuellen „Reifezuwachs“ in der Zielgruppe voraus und entspricht dem mit Harry Potter synchronisierten Lebensalter der Leser.

Unter dem Gesichtspunkt des Seriencharakters stellen sich die Harry-Potter-Romane als ein offenes Projekt dar, bei dem die Fans nicht nur am Ausgang der Geschichte interessiert, sondern durch eine Korrespondenz mit der Autorin vielleicht sogar daran beteiligt waren. Genau diese Offenheit und Formbarkeit hat es den Lesern ermöglicht, sich mit der Geschichte zu identifizieren. Dass sich die existenziellen Lebenslinien und -entwicklungen der literarischen Figuren an die des Publikums annähern und umgekehrt, ist ein gewisses Novum und ermöglicht eine Leseerfahrung, die man andernorts im Kulturbetrieb unserer Zeit nur schwerlich machen kann.

Mit ungetrübter Intuition hat Ciaccio in dem vorliegenden Buch christlicher Exegese über den Romanzyklus Harry Potter punktgenau die ganz besondere schöpferische Eigenart des Werkes aufgespürt, die darin besteht, dass es einerseits vom Leser inspiriert, aber auch seinerseits für den Leser zur Inspiration wird. Ungeachtet der bildhaften Bezüge, der behandelten Themen und der Analogien besteht der Berührungspunkt zum Evangelium in eben dieser Durchlässigkeit vom Text hin zum Kontext und umgekehrt. Somit haben wir es mit einer Erzählung zu tun, die gleichzeitig auch existenzieller Wegweiser ist und finden in ihr eine literarische Figur, die zuallererst Mensch und dann auch Vorbild ist.

Ciaccios Anliegen ist es dabei nicht so sehr, aus dem Text eine Christologie abzuleiten. Vielmehr entdeckt er im Texttypus des biblischen Gleichnisses das der Erzählung zugrundeliegende versteckte Muster. Die eigentliche Frage, auf die das Buch unterschwellig hinausläuft, geht über die Harry-Potter-Erzählung hinaus. Es geht um die Möglichkeit, in einem unserer Kulturindustrie entsprungenen Produkt eine filigrane Verschlüsselung des Evangeliums auszumachen. Eine solche Absicht stellt die traditionelle Bibelwissenschaft vor nicht geringe Probleme, auch im Hinblick auf Fragen der semiotischen Übertragbarkeit. Ciaccio folgt einer Vielzahl von Blickrichtungen und bedient sich ganz unterschiedlicher Verfahren, um die heidnische, sowie auch die christologische Tradition, die offensichtlich in Rowlings Werk hineingeflossen ist, aufzuzeigen.

Ob dieser Weg letztlich begangen werden kann, ist zumindest noch ungewiss: Aber genau das ist, in der Substanz, die Frage – und die Möglichkeit – die dieses Buch aufwirft.

Dario E. Viganò

Vorsitzender der italienischen Filmstiftung „Fondazione Ente dello Spettacolo“

1.  Magie und Theologie

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nr. 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.

(Stein der Weisen, 1)

Ihr sollt nicht Wahrsagerei noch Zauberei treiben.

(3. Mose 19,26b)

Der Titel der italienischen Originalausgabe Das Evangelium nach Harry Potter könnte in den Augen vieler als ein recht gewagter, wenn nicht blasphemischer Titel anmuten, scheinen doch Zauberei und Theologie zwei unvereinbare, einander befeindende Gegenpositionen zu beschreiben. In der christlichen Tradition wurde diese Sichtweise über die Jahrhunderte hindurch, mitunter auch in obsessiver und sogar blutiger Weise, (aus-)gelebt und überliefert. Die Hexenjagd war in der christlichen Welt eine derart verbreitete Praxis, dass sie sogar sprichwörtlich geworden ist. Nun ist es aber nicht unsere Absicht, diejenigen zu verurteilen, die nicht zu den Befürwortern des jungen Zauberers zählen – vielmehr wollen wir, angetrieben von der Leidenschaft für das Evangelium und für gute Literatur, erhellen, wie sich die Autorin Joanne K. Rowling bei der Inspiration zu ihren Büchern in mehr oder weniger expliziter Weise von der Bibel und vom christlichen Weltbild leiten ließ und welche geistliche Erbauung die Leser und Leserinnen aus ihren Büchern ziehen können.

Harry Potter ist zum bekanntesten Zauberer der Gegenwartsliteratur geworden und inzwischen auch Hauptfigur verschiedener Filme und Gegenstand intensiven Merchandisings und hat sich auf diese Weise einen festen Platz in der Vorstellungswelt der Massen erobert. Als literarische Figur eines Zauberers befindet er sich dabei in guter Gesellschaft mit Gandalf, der Blauen Fee, Merlin, Mandrake oder Gundel Gaukeley. Trotzdem unterscheidet sich Harry von seinen „Kollegen“ durch die Tiefgründigkeit, mit der diese Figur ausgearbeitet wird, ferner durch den Detailreichtum der Erzählung und die Vielzahl der in ihr angerührten Themen sowie nicht zuletzt durch den Anspruch des Werkes, die Heranreifung eines Jungen von elf Jahren bis hin zum Erwachsenenalter zu illustrieren. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich Rowling von den großen in der Kinderliteratur der westlichen Tradition behandelten Themen inspirieren lassen, nämlich von der Klassik, den nordischen und keltischen Sagen sowie auch von der christlichen Verkündigung.

In der Erzählung hat die literarische Figur des Harry Potter nur einen unbeugsamen Feind: Lord Voldemort. Im wirklichen Leben sind der Kritiker jedoch viel mehr – ins Auge stechen unter diesen insbesondere erbitterte Kritiker aus den Reihen einiger christlicher Gruppierungen oder einzelne Christen. Um sich davon zu überzeugen, wie viel Groll und wie viel Feindseligkeit dem sympathischen jungen Zauberer, mehr noch dessen Erfolg, entgegengebracht wird, genügt es, sich einmal im Internet umzuschauen. Als ein Beispiel aus den Reihen der Katholiken sei hier die deutsche Literaturkritikerin Gabriele Kuby genannt, die in den Jahren 2002 und 2003 eine Reihe polemischer Aufsätze über die Potter-Saga schrieb und dafür prompt Applaus von Joseph Ratzinger erntete, der seinerzeit noch als Kardinal amtierte und der katholischen Glaubenskongregation vorstand. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass es sich bei dem Amt, das der heutige Papst damals bekleidete, um die Nachfolgeinstitution der Heiligen Inquisition handelt, welche jahrhundertelang vermeintliche Hexen verfolgt hatte. Nichtsdestoweniger muss man zugeben, dass die weitaus meisten Kritiken dieser Art aus der evangelischen Welt zu verzeichnen sind, auch wenn sich dies vielleicht darauf zurückführen lässt, dass Bücher in protestantischen Ländern traditionell einen größeren Einfluss ausüben. Bereits 2002 veröffentlichte der evangelikale Verlag Chick Publications einen Comic-Strip, in welchem die christlichen Eltern dazu aufgefordert wurden, den „okkulten Dreck“ in Gestalt der Harry-Potter-Bücher zu zerstören, um die Kinder vor der Hölle zu retten. Im Jahre 2009 erklärte einer der Ghostwriter von George W. Bush, Matt Latimer, dass er während seiner Amtszeit verhindern konnte, dass Joanne K. Rowling die vom Präsidenten zu verleihende Auszeichnung für Freiheit erhielte, da sie seiner Ansicht nach mit ihren Büchern zur Ausübung der Hexerei anstifte.

Solche Befürchtungen mögen denjenigen unter uns, die die Harry-Potter-Bände gelesen haben, ganz und gar unglaublich erscheinen und zudem den Zweifel aufkommen lassen, ob derartige Kritiken sich nicht lediglich auf die Tatsache gründen, dass Rowling von Zauberei schreibt, dabei jedoch unberücksichtigt lassen, wie die Autorin das tut. Außerdem wirft es die Frage auf, ob es sich somit überhaupt um echte Kritiken handelt und nicht vielmehr um ideologisch motivierte interpretatorische Verrenkungen. Die Rolle, die der Zauberei in der Geschichte von Harry Potter zukommt, ist in der Tat sehr speziell erdacht und zeichnet sich durch eine besonders originelle Eigenschaft aus, denn Zauberei ist hier eines der Elemente der Natur (oder, theologisch gesprochen, ein Teil der Schöpfung) und kein Blendwerk des Satans. So schwer ist es, die Zauberei zu beherrschen, dass man dies sogar eigens in der Schule erlernen muss, genauso wie dies für uns Muggel1 (das heißt, für uns als nicht-magische Menschen) bei Fächern wie Latein, den Naturwissenschaften oder Deutsch der Fall ist. Außerdem ist es so, dass die Zauberer und Hexen in der Erzählung von Natur aus Zauberkräfte haben, so wie wir Muggle von Natur aus keine magischen Fähigkeiten besitzen. Bei der Lektüre von Harry Potter kommt man zudem nicht umhin festzustellen, dass die menschliche Wissenschaft in manchen Fällen sehr viel wirkmächtiger ist als die Zauberei oder doch zumindest viel praktischer.

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