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Harald Glööckler

INHALT

  1. Prolog
  2. I
  3. Im Namen der Rose
  4. Paläste und starke Frauen
  5. Zeichen
  6. Leben im Horrorfilm
  7. Flucht aus dem Dorf
  8. II
  9. Schicksalhafte Begegnungen
  10. Alles, alles – nur nicht Stuttgart
  11. Es wird pompöös – mit zwei ö
  12. Nicht ohne meine Rüschen
  13. Ein Schloss für mich
  14. Gina, Chaka, Grace
  15. Mr. X
  16. Hongkong, Helau!
  17. Pompöös goes east
  18. III
  19. Der Kampf beginnt
  20. Schöne Kunst, Bella Italia und Gina Nazionale
  21. Phoenix aus der Asche
  22. Premiere in Düsseldorf
  23. Berlin, Berlin
  24. Falsche Nerze und dünne Höhenluft
  25. Blanke Busen und Fidel Castros Strümpfe
  26. IV
  27. Zufälle? Gibt es nicht!
  28. Teleshopping und der Cinderella-Effekt
  29. Haremsdamen, opulente Düfte – und ein paar Intrigen
  30. Wer ist hier primitiv?
  31. Tu Gutes – und rede darüber
  32. (M)ein Herz für Kinder
  33. Harald Glööcklel Supelstal – und ein Besuch aus Hollywood
  34. Who is that man? – Eine Vorschau als Nachwort
  35. Danksagung





Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein

JOH 8,7

Zu viel von einer guten Sache kann wundervoll sein!

Mae West

Menschen, an denen nichts auszusetzen ist,
haben nur einen Fehler: Sie sind uninteressant.

ZSA ZSA GABOR

PROLOG

Im Alter von sechzehn Jahren verbrachte ich meine Ferien mit meiner Tante in Opatija in Kroatien. Unser luxuriöses Hotel am Meer verfügte über ein Spa, was damals noch eine Seltenheit war, und zum Urlaubsarrangement gehörte eine Massage. Die Behandlungsräume lagen im kathedralenartigen alten Gewölbekeller des Hauses und waren in das stimmungsvolle Licht dicker Kerzen getaucht, die Luft war geschwängert vom Duft orientalischer Öle. Dort lag ich bäuchlings in ein Leinentuch gewickelt auf einem Tisch, den Blick zur Seite, während mich der glatzköpfige Masseur durchknetete. Ich entspannte mich, und eine überwältigende Müdigkeit ergriff von mir Besitz. Mit einem Mal hörten sich die Geräusche, die die kräftigen Hände des Masseurs auf meiner eingeölten Haut machten, verzerrt an, das Flackern der Kerzen nahm zu, der Duft der Öle wurde intensiver. Der Raum schien sich zu verändern, alles verschwamm. Dann plötzlich, ein klares Bild …

Ich liege auf einer harten Unterlage und weiß, ich bin ein Pharao. Ich bin im Inneren einer Pyramide – meiner eigenen Pyramide – und werde einbalsamiert. Das Einbalsamieren eines Pharaos ist ein sehr wichtiger und langwieriger Akt. Der Prozess dauert 70 Tage. Der Vorgang soll den Erhalt des Körpers für das Leben nach dem Tod garantieren. Die Mumifizierungspraxis war im alten Ägypten wohl im Glauben an ein Leben nach dem Tod begründet. Nach ägyptischer Vorstellung lebten die Verstorbenen im Jenseits so wie zu Lebzeiten. Wer im Diesseits als Pharao tätig war, übte dies auch nach seinem Tode aus. Viele Grabstätten lassen erkennen, wie ernst die Ägypter es mit dem Leben nach dem Tod hielten, indem sie ihre Gräber wie ihre Paläste gestalteten. Damit es dem Verstorbenen an nichts fehlte, gab es auch hier mehrere Räume, die durch (Schein-)Türen miteinander verbunden waren. Nischen und herrlich bemalte Wände rundeten das Ambiente ab. Zur Versorgung des Toten wurden ihm auch Nahrungsmittel und Spiele zur Unterhaltung mitgegeben.

Im Nacken fühle ich ein tiefes Loch, eine Wunde. Ich bin tot. Die Szenerie verändert sich, ich komme in einen Palast, alles ist dunkel, modrig und kühl. Doch als ich langsam durch den Raum gehe, springen die Läden vor den Fenstern auf und gleißendes Licht und Hitze ergießen sich auf den Steinboden. Vor den Fensteröffnungen sehe ich eine Menschenmenge und mitten darin mich selbst. Vor dem Hintergrund des blauen Himmels, der vor Hitze flimmert, sitze ich auf einem Thron. Der Thron steht auf einem riesigen, seltsamen Holzgestell, das von Hunderten Männern mit nackten braunen, eingeölten und in der Sonne glänzenden Oberkörpern im Schneckentempo durch die jubelnde Menge gezogen wird.

Neben mir, auf einem zweiten Thron, sitzt meine Frau. Mehrere hochrangige Diener fächeln uns mit Marabufedern von der Seite Luft zu. Ich bin über und über geschmückt mit Gold und trage eine Art goldenen Hut als Krone, meine Augen, wie auch die meiner Frau, sind schwarz geschminkt wie die einer Katze. Das Ziel der kurzen Reise ist eine riesige mit Gold besetzte Barke, die schon auf dem Nil wartet, mit einem Thron, der sichtbar wird, wenn die ihn umgebenden Vorhänge im heißen Wind flattern. Der Nil glitzert in der sinkenden Sonne, und ich spüre plötzlich eine große Liebe zu all den Menschen mit der bronzefarbenen Haut und den schwarzen Haaren. Für mich sind sie meine »Kinder« und ich ihr Vater. Doch bevor wir das Boot erreichen, bin ich zurück im düsteren Kern der Pyramide, mein Körper wird einbalsamiert und ich fühle, dass dies hier nun die Vergangenheit ist und sich ein neues Leben nähert.

In dem Moment kehrte ich in die Gegenwart des kroatischen Spas zurück. Ich sehe die Szenerie des Traumes noch so deutlich, als sei ich gerade erst aufgewacht, zum Greifen real. Ich hatte einige solcher eindringlichen Träume, und jedes Detail ist mir ins Gedächtnis gemeißelt. Aber ansonsten liegt über vielen Teilen meiner Kindheit und Jugend ein milchiger Nebel, aus dem nur ein paar Inseln der Erinnerung hervorschauen. Inseln, auf denen sich Szenen abspielen. Einige sind auf den ersten Blick ganz banal, ein paar Szenen sind dabei, die funkeln und glitzern wie der Spiegelsaal in Versailles, mit großartigen Menschen, die mir gezeigt haben, was es heißt, das Leben zu genießen. Und dann gibt es Szenen, die nur noch da sind, weil sie zu traumatisch sind, um sie zu verdrängen. Ich gehöre leider nicht zu den Leuten, die ihre Kindheit rückblickend als warmen Ort mit vielen glücklichen Erinnerungen empfinden. Es gab schöne Momente, aber meine Kindheit war in vielen Aspekten ein reiner Horrorfilm.

Ich weiß, dass unter dem Nebel noch Vieles verborgen ist, vor dem mich meine Psyche schützen will. Oder vielleicht sind es auch meine Schutzengel. Ich stelle mir immer vor, dass ich mehrere Engel habe, einen ganz großen mit riesigen Flügeln und viele kleine, pausbäckige barocke Engelchen, die kichernd um den großen herumwuseln wie ein Schwarm aufgeregter Vögel.

Wir Menschen neigen leider dazu, das Negative zuerst wahrzunehmen. Das wurde mir sehr früh klar. Viel zu oft kritisieren wir, statt zu loben. Deshalb meide ich alles Negative. Zumindest, wenn ich es nicht in etwas Positives verwandeln kann. Alle negativen Erinnerungen verbanne ich. Wenn man sich an schlimme Dinge erinnert, gibt man ihnen wieder Energie. Das ist so, als würde man Zombies ausgraben, die eigentlich lange tot sind, aber die plötzlich wieder herumlaufen. Ich habe das gemerkt, als ich in vielen Interviews nach meiner Kindheit gefragt wurde. Mit einem Mal war alles wieder da, mit allen schlimmen Gefühlen, und ich musste das Ganze noch einmal durchleben. Ich bin also sehr dankbar, dass ich mich an manches nicht erinnern muss, denn ich glaube an das Hier und Jetzt. Es gibt nur diesen Moment, und daraus wird die Zukunft. Nur in diesem Moment kann ich meine Träume verwirklichen, nicht gestern oder vor zwanzig Jahren. Ich glaube an die Liebe, und ich glaube an mich und das, was ich kann. Da, wo Liebe ist, ist immer Licht, niemals Dunkelheit.

Ich möchte meine Energie jetzt in gute Dinge fließen lassen. Doch dies ist die Geschichte meines Lebens, und in meinem Leben habe ich es geschafft, Negatives in Positives zu verwandeln. Um zu verstehen, wie ich das geschafft habe und wie ich der Harald Glööckler wurde, der ich jetzt bin – Harald Glööckler, der Modeprinz mit dem »Doppel-ö« –, ist die Vergangenheit dann doch wichtig. Um zu verstehen, warum ich so einen starken Willen habe, die Welt in einen schöneren Ort zu verwandeln. Warum ich niemals aufgebe. Warum ich ein guter Mensch sein möchte und, vor allem, alle Frauen zu Prinzessinnen machen will. Und ich hoffe, es macht Mut, zu sehen, was man trotz widriger Umstände und Stolpersteinen erreichen kann, wenn man an seine Träume glaubt. Also werde ich jetzt versuchen, mich zu erinnern. Ausnahmsweise.

001

Es ist der Traum jeder Frau, der Traum eines Mannes zu sein.

BARBRA STREISAND



Männer kann man analysieren, Frauen nur bewundern.

OSCAR WILDE

IM NAMEN DER ROSE

Im Garten meiner Großmutter hinter dem alten Fachwerkhaus in Illingen gab es ein riesiges Rosenbeet. Es lag ganz hinten, hinter den knorrigen alten Apfelbäumen mit den winzigen feuerroten Äpfelchen, die aussahen wie Clownsnasen auf Ästen. Ich mochte die Bäume, doch die Rosen waren mir am liebsten. In Großmutters Garten wuchsen alle möglichen Sorten. Langstielige und kürzere, knallrote und sattgelbe, pastellfarbene und sogar welche in Orange. Ich steckte meine Nase gern in die Kelche und atmete ganz tief den schweren süßen Duft ein. Eine Rose war so perfekt, viel perfekter als die Welt. Ich fasste ganz vorsichtig die Blütenblätter an, die übereinanderlagen wie die seidigen Lagen eines Ballkleides. So, wie ich mir die Ballkleider der Prinzessinnen im Märchen vorstellte. Aschenputtels rauschendes Kleid, in dem sie als unnahbare Schönheit den Prinzen betört. Auch Rosen waren unnahbar, denn wenn jemand die Rose einfach abbrechen wollte, bekam er die Dornen zu spüren. Ich mochte das. Eine Rose war nur eine Blume und konnte nicht einmal weglaufen, aber sie hatte trotzdem Macht. Weil sie so schön war und weil sie sich wehren konnte.

Großmutter wohnte allein in dem großen Haus, seit Großvater gestorben war, und ich kam einmal, hin und wieder auch zweimal die Woche zu Besuch. Bei ihr schneite man nicht einfach so herein, man musste sich anmelden, sie hielt Audienz. Sie war sehr liebevoll, aber legte Wert auf Umgangsformen. Darum war sie für mich auch »Großmama« und nie »Oma«. Man musste vorher anrufen und fragen, ob es ihr passte.

Meistens passte es nach der Schule, zum Mittagessen um ein Uhr. Dann kochte sie etwas, Braten oder Eintopf, oder es gab ihre wunderbaren geraspelten Karotten. Die Karotten hatte sie selbst im Garten gezogen, und sie schmeckten unvergleichlich, nur mit etwas Zucker und Zitrone.

Großmutter hatte sich dann auch für die zwei oder drei Stunden meiner Anwesenheit nichts anderes vorgenommen. Das gab mir das Gefühl, wichtig zu sein. Sie erzählte mir von früher, zeigte mir vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos mit ihr als junger Frau und mit Familienmitgliedern, die schon lange nicht mehr lebten. Aber wenn es warm war, ging ich nach dem Essen fast immer erst in den Garten zu den Rosen, meistens kam Großmutter mit. Manchmal jätete sie Unkraut, häufiger saß sie an dem alten Marmortisch und trank Tee.

Ich liege auf dem Rücken im Gras am Rosenbeet und schaue in den Himmel. Es ist schwül, und es hat sich zugezogen. Ein Gewitter kündigt sich an, irgendwo rumort ein Donner. Kleine Gewittertierchen sitzen auf meinen Armen, die ich nach oben strecke, um die kitzelnden Wesen zu betrachten. Ich blinzele gegen die Helligkeit. Dann spüre ich den ersten Tropfen am Kinn, kurz darauf den zweiten. »Junge, lass uns reingehen, sonst werden wir noch nass«, sagt Großmutter und räumt mit leisem Klirren das Teegeschirr auf das silberne Tablett.

Fast alles, was in Großmutters Haus aus Silber oder Gold war, hatte mein Großvater selbst gemacht. Er war Gold- und Silberschmied gewesen und gestorben, als ich vier war. Aber ich hatte immer das Bild eines gütigen alten Mannes vor Augen. Das stammte wahrscheinlich mehr aus Großmutters Geschichten über ihn, als aus meinen tatsächlichen Begegnungen mit ihm. Sie erzählte mir immer, dass er schöne Dinge geliebt hatte und sehr geschickt mit seinen Händen gewesen war. Er hatte vor dem Krieg bei einem Baron Rothschild gearbeitet, der in Pforzheim seine Firma betrieb. Mein Opa hatte dort nicht nur silberne Teetabletts, sondern auch Schmuck, Schalen, Türbeschläge und vieles andere hergestellt.

Überall im Haus fanden sich seine Kunstwerke. Ich war fasziniert von den feinen eingeprägten Mustern und dem funkelnden Metall. Es gab natürlich auch eine Schmuckschatulle, in die ich immer heimlich hineinschauen wollte – das Miststück hatte allerdings eine Spieluhr, die losging, sobald man sie aufklappte. Ich wurde also jedes Mal sofort ertappt. Aber die Versuchung war viel zu groß, und Großmutter freute sich auch eigentlich eher, dass ich Großvaters Werk zu würdigen wusste. Die Schmuckstücke waren einfach großartig. Darunter waren Colliers mit riesigen polierten Halbedelsteinen, phantastische Ohrgehänge und wunderbare Ringe. Einen mit einem besonders schönen, dunkel glänzenden Stein hat mir Großmutter irgendwann geschenkt. Er war mir natürlich viel zu groß, nur vom Daumen fiel er nicht sofort wieder runter. Da ich Angst hatte, das wertvolle Stück zu verlieren, bewahrte ich ihn neben meinem Bett auf, wo ich ihn immer sehen konnte.

Noch stolzer als auf Großvaters Werke war Großmutter auf ihr Hochzeitsfoto. Darauf lächelte Großvaters Chef, der Baron Rothschild, mit in die Kamera – er war einer der beiden Trauzeugen. Das Bild war Mitte der Dreißiger aufgenommen worden, nicht lange bevor die Pforzheimer Firma den Besitzer wechselte. Die meisten Mitglieder der jüdischen Familie Rothschild verließen Deutschland, als es gefährlich wurde. Auch Großvaters Chef hatte sich mit seiner Familie in Sicherheit gebracht.

Anschließend hatten die Nazis meine Großeltern aufs Korn genommen. Zum einen, weil mein Großvater für eine jüdische Familie gearbeitet hatte. Aber vor allem, weil weder Großmutter noch er, noch ihre Kinder, meine Mutter und ihre Geschwister, »typisch deutsch« aussahen. Blond und blauäugig war bei uns niemand. Auch ich habe das eher südländische oder orientalische Aussehen geerbt, viele hielten mich als Kind für einen Italiener oder Spanier.

Großmutter hatte dunkelbraune Augen, und ihr ursprünglich dickes dunkles Haar war inzwischen grau und kurz geschnitten, jedoch immer etwas flotter und moderner als das der Nachbarsfrauen. Überhaupt war sie modischer als alle um sie herum. Sie experimentierte, trug Hosen und Blousonjacken oder Etuikleider wie aus einem Modemagazin statt Kittel und bequeme Schuhe. Großmutter kleidete sich selbst im höheren Alter noch immer sehr schick. Ich erinnere mich sehr gut an ein wunderschönes, elegantes weißes Kleid mit einem Muster aus roten Rosen, das sie noch mit weit über achtzig trug. Sie liebte Schmuck, fließende Kleider und Kostüme, ihre Schuhe hatten meistens hohe Absätze. Diese zeitlose Eleganz hob Großmutter aus all den »praktischen« Frauen hervor. Meine Mutter hatte nicht nur Großmutters Aussehen, sondern auch deren ausgeprägten Sinn für Stil geerbt. Beide liebten das Theater, Konzerte und Museen. Beide liebten das Leben.

Großmutter stellte ich mir immer als eine Königin aus Tausenundeiner Nacht vor. Und meine Mama war logischerweise die wunderschöne Prinzessin, und ich, ich war natürlich der Thronfolger. Irgendwann würde man schon noch herausfinden, dass wir eigentlich eine königliche Familie waren.

Als ich Großmutter einmal von meiner Vermutung berichtete, erklärte sie zu meiner Enttäuschung, wir seien leider keine königliche Familie: Sie und Großvater hatten in den Dreißigerjahren einen Stammbaum beschaffen müssen, der bewies, dass sie tatsächlich das waren, was man bei den Nazis als »arisch« bezeichnete – also nicht mit jüdischen Menschen verwandt. Dabei, das erklärte mir Großmutter bei der Gelegenheit, waren die eigentlichen Arier Nomaden gewesen, die im Orient und in Indien gelebt hatten, vor vielen Hundert Jahren. Das waren Leute, die vermutlich eher so aussahen wie wir und nicht wie das blonde, blauäugige Nazi-Ideal. Obwohl meine Großeltern bewiesen hatten, dass sie »richtig deutsch« waren, wurde getuschelt. Großmutter erzählte mir davon mit einer gehörigen Portion Verachtung.

Sie war stolz und hasste Klatsch und Tratsch aus tiefstem Herzen. Und ich habe sie nie schlecht über jemand anderen reden hören. Einmal erzählte sie mir, wie sie zum Friseur gegangen war und die Friseuse gefragt hatte: »Sie waren doch Sonntag in der Kirche – wie predigt denn der neue Pfarrer?« Großmutter hatte geantwortet: »Gehen Sie in die Kirche, dann wissen Sie’s.«

Draußen blitzt und donnert es. Ich nehme mir eine Banane aus der Obstschale, die mit Kiwis, Mangos, Orangen und Ananas gefüllt ist. Bei meinen Eltern gibt es meistens nur Äpfel und Birnen, vielleicht mal einen Pfirsich. Großmutter hat immer exotische Früchte. Ich frage, ob ich den Fernsehapparat einschalten darf. Sie erlaubt es. Die Kindersendung, die ich sehen will, hat noch nicht begonnen, in den Nachrichten wird gerade der Ausschnitt einer Bundestagsdebatte gezeigt. Großmutter steht neben mir und schaut auf den Bildschirm. Dann sagte sie ungewohnt heftig: »Weißt du, Harald, ich mag diese Politiker nicht. Die schreien alle nur herum. Herbert Wehner, Franz Josef Strauß, es ist ganz egal, von welcher Partei. Ich habe von dieser Brüllerei seit dem ›Dritten Reich‹ mehr als genug. Da hat man ja gesehen, wohin das geführt hat. Wer gute Argumente hat, muss nicht schreien.« Ich weiß, was sie meint. Ich mag es auch nicht, wenn jemand schreit. Überhaupt nicht. Und dann denke ich an zu Hause und daran, dass ich da nicht hin will.

Wir wohnten in Zaisersweiher, das ist etwa acht Kilometer von Großmutters Haus in Illingen entfernt. Ich war in Zaisersweiher geboren worden, die Eltern meines Vaters hatten hier einen großen Bauernhof. Seine Familie lebte seit vielen Generationen in diesem verschlafenen Nest, das ursprünglich einmal »Ceidolfeswilare« geheißen hatte, also »der Weiler des Ceidolf«. Ich hatte im Rathaus gelesen, dass es auch einen sogenannten »Dorfadligen« gegeben hatte, der »von Zeisolf« hieß. Aber der hatte weder etwas zu sagen, noch war er mit uns verwandt. Das fand ich natürlich etwas enttäuschend.

Zaisersweiher ist heute der Stadt Maulbronn eingemeindet und wäre nur eines von vielen hübschen, nichtssagenden Dörfern seiner Art, gäbe es nicht das Kloster: 1993 hat die UNESCO das ehemalige Zisterzienserkloster Maulbronn zum Weltkulturerbe erklärt, weil es als die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage nördlich der Alpen gilt. Allerdings wohnen darin schon lange keine Mönche mehr, sondern seit vielen Jahrzehnten sind dort das Rathaus und die Polizei untergebracht. Das hatte den Vorteil, dass man, schon als ich Kind war, ohne Probleme hineingehen konnte. Unser Haus lag nicht weit von der Klosterkirche, und ich war ganz fasziniert von dem alten Gebäudekomplex. Über die Jahrhunderte war immer einmal hier und einmal da etwas angebaut worden, zuletzt in der Spätgotik.

Für mich war das Kloster ein magischer Ort. Ich stellte mir vor, dass die vergangenen Tage irgendwie darin gespeichert waren. In den Mauern, in den kleinen Tierfiguren aus Stein, die auf den Säulen saßen, und in den Pinselstrichen der Ornamente an den Decken. Ich habe schon seit jeher das Gefühl gehabt, eigentlich in eine andere Zeit zu gehören, in vergangene Jahrhunderte. Aber oft wollte ich auch einfach nur so weit wie möglich weg.

Ich stehe an einem Spitzbogenfenster im Kreuzgang. Es ist schön kühl hier, draußen taucht die Sonne alles in gleißendes Licht. Über mir spannen sich Steinbögen, die in der Mitte der Decke in einem X zusammenlaufen. Es ist ganz still. Ich stelle mir vor, wie Mönche in langen Kutten ins Gebet vertieft die Gänge entlangeilen. Es fühlt sich an, als würden sie hinter meinem Rücken vorbeihuschen. Draußen sehe ich Männer und Frauen in mittelalterlichen langen Gewändern, mit Schnabelschuhen und ausladenden Kopfbedeckungen. Würde ich die Hand ausstrecken, könnte ich sie anfassen. Ich höre eine Tür klappen, jemand sagt »Auf Wiedersehen!« und ein Radio dudelt. Ich schaue nach, woher die Geräusche kommen. Als ich mich wieder umdrehe, sind die Figuren draußen verschwunden, der Platz vor dem Kloster ist leer.

Bei uns im Ort gab es ein paar Regeln, die man beachten musste, wenn man dazugehören wollte. Zu den wichtigsten zählte, dass man sonntags in die Kirche ging und ansonsten auf gar keinen Fall aus der Reihe zu tanzen hatte. Alle, die irgendwie anders waren, hatten einen schweren Stand. Meine Großeltern väterlicherseits waren das Paradebeispiel der Dorfbewohner: Sie waren, wie es so schön heißt, »rechtschaffene Leute«, die sich in der Dorfgemeinschaft nichts zuschulden kommen ließen. Aber sie waren das Gegenteil von meiner kosmopolitischen Großmutter in Illingen, das Gegenteil von weltoffen. Die Welt, das war Zaisersweiher: ein paar schmucke Fachwerkhäuser mit Kopfsteinpflaster dazwischen. Und Punkt. Stuttgart war vierzig Kilometer entfernt, Pforzheim nur etwa zwanzig Kilometer, aber aus der Perspektive eines alteingesessenen Einwohners von Zaisersweiher befanden sich beide Städte bereits in einer anderen Galaxie.

In diesen spießigen Mikrokosmos hatte meine Mutter, diese schöne und kluge Frau, eingeheiratet. Eine Frau, die sich für Kunst, Musik und Theater interessierte. Mein Vater hatte Metzger gelernt und interessierte sich für Alkohol.

Wie mein Vater und meine Mutter überhaupt zusammenkommen konnten, ist mir ein Rätsel, und bis heute habe ich nicht in Erfahrung bringen können, wie sie sich kennengelernt haben. Ich frage mich manchmal, ob sie jemals ineinander verliebt gewesen sind. Aber am Ende ist das auch egal – es würde ja auch nichts mehr ändern.

Meine Eltern führten einen Gasthof. Kurz nach der Hochzeit hatten sie die Chance bekommen, das Haus mit der Wirtschaft im Erdgeschoss zu kaufen, das nur ein paar Meter vom Hof der Eltern meines Vaters entfernt lag. Mein Vater kümmerte sich hauptsächlich um die Schlachterei und um seinen Alkoholpegel. Das bedeutete, dass meine Mutter den Betrieb mit unseren fünf Angestellten fast alleine am Laufen hielt. Das Haus war riesig, mit Fremdenzimmern, Restaurant und jeder Menge weiteren großen Räumen, in denen ein Sammelsurium aus antiken Möbeln aller möglichen Stilrichtungen herumstand. Die Möbel stammten aus beiden Familien, aber den größeren Teil hatte Mama von meiner Großmutter mitbekommen.

Doch unser Haus war anders als das von Großmutter. Es war ein kaltes Haus. Das hatte zum einen ganz einfach damit zu tun, dass alle nicht genutzten Räume nicht geheizt wurden, denn es gab keine Zentralheizung. In jedem Raum stand zwar ein großer Ofen, der wurde aber nur dann befeuert, wenn man sich dort aufhielt.

Aber vor allem war das Haus kein Nest, in dem ich mich aufgehoben fühlte. Durch den Gasthausbetrieb übernachteten ständig fremde Leute bei uns. Und weil mein Vater am Haus die Tiere schlachtete, hing über dem Ganzen eine subtile Atmosphäre des Tötens. Vater tötete nicht nur Tiere fürs eigene Restaurant, die Leute aus dem Dorf brachten ihm auch ihre Schweine und Rinder, die sie essen oder deren Fleisch sie verkaufen wollten.

Im Dorf gab es keine Massentierhaltung, die Tiere hatten ein »artgerechtes« Leben hinter sich und mein Vater schlachtete sie mit gezielten Handgriffen in wenigen Sekunden. Wenn er etwas wirklich beherrschte, dann war es sein Handwerk. Ich glaube nicht, dass die Tiere sehr gelitten haben, und das Schlachten war für mich damals normal. Genauso, wie es normal war, Fleisch zu essen. Trotzdem: Immer, wenn ein Tier geschlachtet wurde, das ich von klein auf kannte und das einen Namen hatte, floh ich irgendwohin. Genauso, wie ich floh, wenn es wieder losging.

Ich liebte Tiere, und wir hatten einen richtigen Zoo in unserem großen Garten. Neben Enten, Gänsen, Hühnern, Schweinen und Ziegen besaßen wir auch ein paar Pferde. Außerdem hatte mein Vater irgendwann beschlossen, sich als Hobby eine Rottweiler- und eine Dackelzucht zuzulegen, doch seine anfängliche Begeisterung schwand bald und meine Mutter übernahm den Job. Besonders angetan hatten es mir unsere kleinen schwarz-weiß-braun gesprenkelten Stummenten. Als eine Ente im Frühling Küken bekommen hatte und einer der Rottweiler neugierig auf die kleinen fluffig-gelben Vögel lossprang, verwandelte sich die Entenmama in eine so fauchende Furie, dass der Hund mit eingezogenem Schwanz das Weite suchte.

Ein paar Jahre lang hatten wir auch eine große Voliere mit Bussarden, Falken und anderen Raubvögeln. Wir hatten sogar einen Raben, der wie ein Papagei sprechen konnte! Im Gartenteich schwammen Fische herum, und natürlich hatten wir Katzen, die stundenlang danebensitzen konnten und geduldig warteten, bis es ihnen gelang, einen der Fische herauszuangeln. Hinter dem Haus lagen die Ställe und die Scheunen, daneben erstreckte sich der Garten mit riesigen Sträuchern von echtem Jasmin mit seinen kleinen weißen Sternen als Blüten. Und natürlich gab es auch hier Rosen.

Mama kümmerte sich auch um die Blumenbeete und um die Tiere. Mama kümmerte sich um alles. Aber nur sehr selten um sich selbst.

PALÄSTE UND STARKE FRAUEN

Es ist der Stöckelschuh, der mir als Erstes einfällt, wenn ich an Anita denke. Er war knallrot, hatte einen langen, schlanken Absatz und war ohne Zweifel nie getragen worden. Dieser rote Schuh steckte in den Verzierungen einer Rokoko-Konsole. Ganz selbstverständlich, fast gelangweilt – und mit Knalleffekt. So auffällig wie eine schöne Frau in einem roten Kleid auf einer Party, auf der alle anderen weiblichen Gäste das langweilige »kleine Schwarze« tragen. Er war ein Objekt, nicht einfach ein Schuh. Ein Supermodel, das es sich leisten konnte, alle Blicke auf sich zu ziehen. Auch wenn es genau wusste, dass man als roter Stöckelschuh eigentlich nicht in Konsolen zu stecken hat. Schon gar nicht alleine, ohne den Partner. Aber das war diesem Schuh egal. Oder besser gesagt, es war Anita egal, die den Schuh dort drapiert hatte.

Anita war die beste Freundin meiner Mutter und stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie. Anita war ein paar Jahre älter als meine Mama, die sich als junge Frau etwas dazuverdient hatte, indem sie auf Anitas Kinder aufpasste. Die Frauen mochten sich sofort, und bald war Mama nicht mehr zum Babysitten gekommen, sondern um Anita zu besuchen. Mama nahm mich oft mit, wenn sie zu ihrer Freundin in deren Villa in Mühlacker fuhr. Wenn sich die beiden Frauen trafen, zelebrierten sie das immer wie einen besonderen Feiertag. Dabei war es meistens ein gewöhnlicher Dienstag, denn dienstags hatte unser Restaurant seinen Ruhetag.

In Anitas Gesellschaft lebte Mama das aus, was ihr zu Hause verwehrt blieb. Die Freundinnen liebten Musik aus den Zwanzigern, auf diese Weise lernte ich schon als Kind Duke Ellington und anderen frühen Jazz kennen. Manchmal zogen sie sich passend dazu Charleston-Kleider an. Anita hatte einige davon in ihrem Kleiderschrank, der ein Koloss war und sich über eine ganze Wand in ihrem Schlafzimmer erstreckte. Weil Mama und sie die gleiche Kleidergröße hatten, konnten sie sich beide austoben. Viele von Anitas Kleidern waren sogar maßangefertigt, sie hatte einen sehr guten Schneider in Stuttgart – aber Mama passte trotzdem hinein. In ihren schönen Kleidern tranken sie dann Kaffee aus schlanken Porzellantassen mit goldenem Rand. Einmal sah ich, wie sie Zigaretten aus der Spitze rauchten – und das, obwohl sie eigentlich Nichtraucherinnen waren.

Ich fand beide wunderschön. Die extravagante Anita und Mama, die hier aufblühte. Aber das war nicht alles, ich liebte die ganze Atmosphäre. Für mich war das Haus nicht nur eine Villa. Für mich war es ein Palast. Hier gab es Schönheit und Luxus im Überfluss. Die Wohnungen der Eltern meiner Spielkameraden waren mit günstigen Ikea-Möbeln eingerichtet. Das war nichts Verwerfliches, aber eben auch nichts Besonderes.

Im Haus von Anitas Familie standen dagegen überall antike Möbel. Einige aus dem Biedermeier und anderen Epochen, die meisten aus dem Rokoko. Die Stühle und Sofas hatten Polster aus Brokat oder Samt in kräftigem Bordeauxrot oder Königsblau, kunstvoll geschnitzte Reliefs verzierten Armlehnen und Füße. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge, und auf dem blank gewienerten Parkett lagen schwere orientalische Teppiche in allen Größen mit Endlosmustern aus Blumengirlanden.

Ich sitze im Schneidersitz und habe die Augen geschlossen, die Hände liegen auf meinen Knien. Ich konzentriere mich, so gut ich kann. Ich spüre die Fasern des Teppichs unter mir. Er kommt aus Persien, hatte mir Mamas Freundin gesagt. Im alten Persien, das hatte ich irgendwo mal gehört, gab es früher ausschließlich fliegende Teppiche. Dieser hier, da bin ich ganz sicher, ist einer davon. Langsam bewegt sich etwas. Ich fühle, wie ich abhebe, nicht viel, vielleicht ein paar Zentimeter, aber die ganz eindeutig. Ich traue mich nicht, die Augen zu öffnen. Als ich es doch mache, um nachzuschauen, wie hoch ich schon bin, sitze ich sofort wieder auf dem Boden – ich muss noch mehr üben. Ich gehe zurück in den Salon. »Mama, ich bin geflogen«, sage ich. Mama lächelt und antwortet: »Ich weiß.«

Während die Erwachsenen sich unterhielten, konnte ich tun, was ich wollte, Mama und ihre Freundin vertrauten mir. Ich war gut erzogen und hatte auch viel zu viel Respekt vor all den schönen Dingen, um irgendetwas unbedacht kaputt zu machen. Andere Kinder hätten vielleicht auf den langen Fluren Fußball gespielt, ich verrenkte mir stattdessen den Hals, wenn ich die einzelnen Kristalle auf mehreren Etagen der glitzernden wagenradgroßen Kronleuchter zählen wollte, die von den stuckverzierten hohen Decken hingen. Zwischendurch musste ich immer wieder von vorn anfangen, weil das Funkeln meinen Blick verwirrte.

Im Bad kam das Wasser aus vergoldeten Hähnen, Boden und Wände waren aus weißem italienischem Marmor und alle Spiegel – und Spiegel hingen hier viele – hatten üppig verzierte goldene Rahmen. Auf polierten Tischen standen ausladende Blumenbouquets aus Lilien oder Rosen, auf Chaiselongues lagen dicke Samtkissen. Es gab Miniatur-Statuetten und Schränke, in deren Türen kunstvolle Mosaike eingearbeitet waren.

Dabei wirkte dieser ganze Luxus nicht protzig, sondern ganz natürlich. Alles geschah hier leise, beiläufig und mit Eleganz. Die Möbel waren Erbstücke, und Silberbesteck war hier so alltäglich wie woanders das aus Edelstahl. In Anitas Familie war es vollkommen normal, so zu leben. Und sie wirkte so ganz anders als die kreischenden neureichen Frauen, die manchmal in unser Gasthaus kamen und mit dicken Pelzmänteln darauf aufmerksam machen wollten, dass sie sich so viel totes Tier leisten konnten. Das hatte Mamas Freundin nicht nötig. Sie musste niemandem etwas beweisen. Das hat mir imponiert.

Dieses natürliche Selbstbewusstsein brachte sie auch auf Ideen wie die mit dem roten Stöckelschuh auf der Rokoko-Konsole. Ich glaube, schon mir sechsjährigem Knirps schwante damals, dass Kunst genau so funktioniert: die Tradition mit einer neuen eigenen Idee nicht brechen, sondern bereichern.

Überhaupt, Kunst hat mich bereits damals fasziniert! In der Galerie der Familie hingen jede Menge Originale in Öl, es gab sogar ein paar Gemälde von Otto Dix. Ich konnte stundenlang davorstehen, denn ich wollte mir alle Einzelheiten merken. All das hat in mir etwas zum Schwingen gebracht. Ich glaube aber nicht, dass es etwas in mir geweckt hat, was nicht schon da gewesen war.

Andere Kinder wollten unbedingt mal nach Disneyland fahren. Das interessierte mich nicht. Edle Dinge, Schönheit und Kunst, das war es, wovon ich träumte. Warum, dachte ich, konnten nicht alle so leben wie Anita? Warum konnten wir nicht so leben? Wenn ich erwachsen war, wollte ich auf jeden Fall so eine Umgebung! Und ich sah doch die Metamorphose meiner Mutter. Wenn wir zu Hause losfuhren, war sie noch ernst und ich konnte die Last auf ihren Schultern spüren. Doch kaum übertraten wir die Türschwelle von Anitas Haus, glätteten sich die sorgenvollen Falten auf ihrer Stirn. Ihr ganzer Körper sprach eine andere Sprache. Ich sah sie lachen, hier war sie ganz sie selbst. So gelöst und fröhlich wie meine Mutter bei ihrer besten Freundin war, so sollte sie immer sein. Anitas Leben war das einer Prinzessin – und nicht nur meine Mutter, alle Frauen sollten so leben können. Und sie sollten dieses Glück nicht nur ab und zu haben. Sondern jeden Tag.

Ich gehe zurück ins Nebenzimmer, zurück zu meinem fliegenden Teppich. Setze mich, schließe die Augen und beginne mich zu konzentrieren. Plötzlich stoppt die Musik im Nebenzimmer. »… darfst du dir nicht gefallen lassen …«, höre ich Anita sagen, »… er bringt dich sonst noch um.« Die Stimme meiner Mutter erwidert: »Wenn ich ihn tatsächlich verlassen würde, dann müsste ich am Ende noch für ihn aufkommen. Du weißt doch, dass er alleine nichts hinbekommt. Aber jetzt komm, lass uns lieber über was anderes reden.« Dann höre ich Absätze auf dem Parkett, ein Knacken, und die Musik setzt wieder ein.

Auch in der Familie meines Vaters gab es nicht nur Spießer. Eine sehr starke Frau in meiner Umgebung war Tante Katharina, eine Cousine meines Vaters. Die Tante betrieb mit ihrem Mann eine Getreidemühle. Dabei war die »Mühle« keiner dieser altmodischen Türme mit Windrad, gegen die Don Quixote im Märchen kämpft. Die Mühle der Tante war eine richtige Fabrik, in der das Getreide maschinell gemahlen wurde. Neben dem Betrieb gab es einen großen Gutshof mit weitläufigen Stallungen für Pferde, Kühe und Schweine. Auch Waldstücke und kleine Seen drum herum zählten zum Besitz. Meine Tante gehörte zu den Honoratioren der Stadt und war so prominent, dass sie sonntags in der Kirche ihren festen Platz hatte – und das wollte etwas heißen!

Dabei drängte sie sich nie in den Vordergrund. Sie besaß eine ganz natürliche Autorität und Würde, eine innere Haltung und Eleganz. Es war schön zu beobachten, wie die größten Wichtigtuer und Machos, die eben noch herumgeschrien hatten, ganz klein mit Hut wurden, sobald sie den Mund aufmachte. Ihre Meinung hatte in der Gemeinde Gewicht. Egal, ob es um eine Kunstausstellung in der Stadthalle, eine neue Straßenkreuzung oder auch nur um das Wetter ging. Selbst mein Vater ließ sich von ihr zurechtweisen wie ein Schuljunge. Trotzdem hat er nicht auf sie gehört, wenn sie ihm ins Gewissen redete.

Egal, was sie sagte, sie hatte dabei immer dieses charmante, laszive und leicht spöttische Lächeln auf den Lippen, das auch Marlene Dietrich kultivierte. Ein Lächeln, das ich bewundere, seit ich es das erste Mal gesehen habe. Sowohl bei der Dietrich als auch bei meiner Tante. Es war ein Lächeln, das jeden in seinen Bann zog.

Auch diese Tante führte ihr Leben auf besondere Art und Weise. Dabei ging es auf dem Anwesen nicht so »royal« zu wie in der Stadtvilla von Anita. Die Tante pflegte eine modernere und bürgerlichere Version des guten Lebens. Ihre Möbel waren zwar nicht antik, aber beim Schreiner maßangefertigt und sehr elegant. Sie benutzte für jeden Anlass anderes Porzellan. Wenn sie Geburtstag hatte oder ein anderes Fest gab, war das in jedem Fall bis ins Detail durchdacht. Sie lud dann neben der Familie die illustren Leute des Ortes ein, den Bürgermeister, Ärzte und lokale Künstler, ihre Feiern waren richtige gesellschaftliche Ereignisse. Auf gesteiften Tischdecken standen dann Kandelaber, Blumengestecke, auf jedem Platz gab es kunstvoll gefaltete Servietten und im Hintergrund lief klassische Musik.

Einmal, ich glaube, es war an ihrem fünfzigsten Geburtstag, hatte sie sogar Musiker engagiert. Ein kleiner Dicker saß hinter dem Cello, zwei dünne Jünglinge waren die Violinisten. Die einzige Frau spielte die Bratsche. Es wurden Stücke von Mozart und Haydn gegeben. Ich war fasziniert – nicht so sehr von der Musik als vom Kleid der Bratschistin. Es war bodenlang, schulterfrei und aus schwarz glänzender und fließender Seide. Direkt unter dem Busen befand sich eine Stickerei aus dunkel glitzernden Pailletten. Mit Jeans und T-Shirt hätte das Mädchen mit den glatten blonden Haaren, dem Seitenscheitel und der braven Haarklammer ganz durchschnittlich und ein bisschen langweilig gewirkt. In diesem Kleid war sie eine Göttin. Noch am selben Abend begann ich, in einem leeren Block Zeichnungen von Kleidern anzufertigen, die mich beeindruckt hatten oder die ich mir selbst ausdachte. Dieses hier kam auf die erste Seite.

Bei den Festen der Tante gab es stets ein mindestens fünfgängiges Menü, alle Freunde und Verwandten packten an, den Tisch zu decken und die Speisen aufzutragen. Aber auch an anderen Tagen kochte sie so gut, dass ich jeden Sonntag nach dem Mittagessen daheim um Punkt zwölf die Viertelstunde Fußweg von uns bis zum Anwesen der Tante lief. Bei ihr wurde erst um eins oder halb zwei gegessen, das fand ich ganz wunderbar. Ich hatte als Junge keine Probleme, zwei Mittagessen zu verdrücken, denn ich hatte immer Appetit. Vorab gab es meistens eine Suppe, darauf folgte ein deftiges Hauptgericht. Danach legte sich die Tante immer für eine halbe Stunde hin, und wenn sie wieder aufstand, gab es Kaffee und dazu immer ganz frischen, selbst gebackenen Kuchen. Irgendwoher mussten ihre Kurven ja kommen.

Wenn die Tante ihr Mittagsschläfchen hielt, nutzte ich fast immer die Gelegenheit, auf den Speicher hinaufzuklettern. Der war eigentlich eine »verbotene Zone«. Die Tür zum Dachboden hatte einen Magnetverschluss, und wenn man nicht aufpasste, machte der ein lautes »Klack«-Geräusch. Aber ich schaffte es meistens, die Tür völlig geräuschlos zu öffnen. Dahinter lag eine richtige Wunderwelt. Da standen jede Menge alte, verschnörkelte Möbel, Skulpturen aus Alabaster oder Metall, Ölbilder, große Büsten und orientalische Vasen herum. Alles Familienerbstücke, gesammelt über buchstäblich Jahrhunderte. In einer Truhe lagerte lauter Silberzeug, Taschen aus silbernem Mesh-Gewebe, mehrarmige Kerzenleuchter und altes, edles Besteck, das niemand brauchte. Wenn ich den knarzenden Koloss aufklappte, kam ich mir jedes Mal vor wie ein Pirat, der den lange verschollenen Schatz gefunden hatte.

In einem zweiten Speicherraum standen Schränke mit Kleidern und alten Pelzen, uralten Stolen aus Fuchsschwanz und Nerzmänteln. Ich bin ein Gegner von Pelzen, aber die Tiere, aus denen diese hier hergestellt waren, waren schon sehr lange tot. Sie stammten aus einer Zeit, als man sich über das Quälen von Tieren für die »Gewinnung« von Pelzen noch keine Gedanken machte; die gesellschaftliche Sensibilität für dieses Thema entwickelte sich erst sehr viel später. Ich stellte mir vor, wie elegante Damen in vergangenen schneereichen Wintern damit eine Landpartie im Pferdeschlitten um das Gut herum unternommen hatten.

Doch es ging noch weiter: In einer Ecke waren fein säuberlich vergilbte Zeitungen gestapelt, die Jahrzehnte zurückreichten. Ich erinnere mich an Fotos von Frauen in Petticoats vor VW-Käfern und an Herren im Anzug mit altmodischen Hüten. Es gab vergilbte Romane in schnörkeliger Schrift und metallene Schatullen mit Bergen von schwarz-weißen Familienbildern. Hier oben vergaß ich vollkommen die Zeit. Alles hier oben befruchtete meine Phantasie.

Sobald ich hörte, wie jemand die Treppe heraufkam, versteckte ich mich schnell. Fast immer entdeckte mich die Tante trotzdem, schimpfte aber nur halbherzig: »Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen.« Aber wirklich böse war sie mir nicht, glaube ich, es gab hier ja eigentlich auch wirklich nichts zu verbergen. Heute habe ich jede Menge Dinge in meiner Wohnung, die von Tante Katharinas Speicher stammen. In meinem Showroom gibt es einen goldenen Bilderrahmen, den ich von ihr geschenkt bekommen habe, als ich endlich zu Hause ausziehen konnte. Aber als ich auf dem Speicher bei ihr spielte, war dieser herbeigesehnte Zeitpunkt noch Lichtjahre entfernt.

Was mich an der Tante jedoch am meisten beeindruckte: Sie war eine begnadete Hobby-Schneiderin. Das, was sie für sich selbst entwarf und nähte, war erstklassig. Couture, Schneiderkunst, nicht weniger. Sie war zwar bereits zu meinen Kindertagen eine ältere Dame, aber dabei stets so schick wie die Queen: Sie trug lange klassische Mäntel, elegante Röcke, dazu einen perfekt passenden Hut, eine perfekt abgestimmte Tasche im Hermès-Stil und natürlich, das war ein Muss, schicke Schuhe. Sie sah ohne Ausnahme toll aus, dabei trug sie eine »stärkere« Kleidergröße, 44, 46 und später auch 48. Tante Katharina war ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Mode nicht nur gut aussieht, wenn man dünn ist. Von ihr lernte ich, dass jede Frau wunderschön sein kann – sie braucht einfach die richtigen Kleider.

Die Nähmaschine, an der Tante Katharina ihre Kleider macht, steht im großen Wohnzimmer in der Ecke. Der Tisch daneben ist voller Schnitte, Nadeln, Garnrollen und Stoffe. Gerade hat sie sich an die Maschine gesetzt, um einen Rock zu kürzen. Auf diesen Moment habe ich gewartet. »Ich muss dir was zeigen«, sage ich und hole den Block mit meinen Zeichnungen aus der Tasche. »Das ist für dich«, sage ich erwartungsvoll. Ich habe extra für die Tante ein Kleid entworfen. Es ist knielang und soll aus durchscheinendem schwarzem Spitzenstoff mit goldgelbem Futter genäht werden. Bei meinem letzten Besuch hatte ich mir diese beiden Stoffe ausgeguckt – die Tante hortet Unmengen verschiedene in einem alten Bauernschrank in einem unbenutzten Gästezimmer. Ich hatte die Stoffe gesehen und sofort gewusst, dass sie phantastisch zusammenpassten. »Oh, Harald«, sagt sie. »Das ist aber hübsch. Da kann ich ja gleich mit Nähen anfangen!«

ZEICHEN

Ich stand schon als Kind unter ständiger Beobachtung. Egal, wohin ich kam, jeder kannte mich. Oft hörte ich, wie jemand raunte: »Das ist der Sohn vom Glöckler.« Das lag natürlich einerseits daran, dass mich meine Mutter im Gasthaus dazu anhielt, immer brav jedem guten Tag zu sagen und die Hand zu geben. Schon allein dadurch lebte ich halb in der Öffentlichkeit.

Aber da war noch etwas anderes. Ich stellte bald fest, dass ich eine bestimmte intensive Aura besaß. Viele Kinder entwickeln Strategien, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind kleine Clowns oder Rabauken, oder Streber. Bei mir war das ganz anders. Ohne dass ich irgendetwas dazutun musste, hatte ich eine Ausstrahlung. Die brachte selbst wildfremde Leute dazu, sich nach mir umzudrehen. Als ich klein war, hörte ich oft: »Ach, das ist aber ein hübsches Kind.« Die meisten schauten allerdings nur. Vielleicht lag es daran, dass es mir schon immer komplett egal war, was andere von mir dachten. Ich war einfach ich.

Diese Wirkung hatte ich nicht nur auf Erwachsene. Bei Kindern war es ähnlich. Ein paar empfanden mich dadurch instinktiv als Bedrohung und wollten mich ärgern. Die haben dann probiert, mich aufzuziehen, weil ich nicht Fußball spielte und mich nicht für Autos interessierte. Wenn das an mir abprallte, waren sie allerdings ratlos. Dann gab es Kinder, die akzeptierten mich einfach, wie ich war, und liebten auch meine Ideen. Wenn ich mit den Hausaufgaben fertig war, stand immer schon eine kleine Gang vor unserer Haustür und wartete ungeduldig auf mich.

Meistens waren das die vier Kinder des Pfarrers: drei Jungs – Mick, Lars und Stefan – und ein Mädchen, Maria. Sie war bei uns »die Henne im Korb«. Das Pfarrhaus, unser Gasthof und der Bauernhof meiner Großeltern bildeten die Eckpunkte eines fast gleichschenkligen Dreiecks, in dessen Mitte die Klosterkirche lag.

Oft hatte ich einiges zu schleppen, wenn ich herauskam: Ich brachte Gardinen und Tücher mit, die ich auf unserem Dachboden gefunden hatte, außerdem Stoffreste, die mir die Tante mitgegeben hatte. Dazu Bänder und Bordüren und viele große Sicherheitsnadeln. Manchmal traute ich mich auch und lieh mir ein paar von Mamas Pfauenfedern. Sie hatte Dutzende und machte immer ein großes Geheimnis daraus, woher sie stammten. »Die sind mir gegeben worden«, sagte sie höchstens. Sie liebte ihre Federn und drapierte sie wie Blumen in einer Vase in unserem Wohnzimmer. Wenn ich sie auslieh, achtete ich darum immer peinlich genau darauf, dass ihnen nichts passierte. Nicht auszudenken!

Das Ziel von uns Kindern war meistens der Garten des Pfarrhauses, denn dort lag am hinteren Ende die »Spatzenburg«, ein kleiner aufgeschütteter Hügel von ein paar Metern Höhe, auf den einige Stufen hinaufführten. Oben wuchsen geduckte alte Bäume, in denen fast das ganze Jahr über Hunderte von dicken kleinen Spatzen hektisch ...

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