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Happy ohne Ende

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Erster Schritt
  9. Zweiter Schritt
  10. Dritter Schritt
  11. Vierter Schritt
  12. Fünfter Schritt
  13. Sechster Schritt
  14. Siebter Schritt
  15. Achter Schritt
  16. Neunter Schritt
  17. Zehnter Schritt
  18. Elfter Schritt
  19. Zwölfter Schritt
  20. Dreizehnter Schritt
  21. Vierzehnter Schritt
  22. Fünfzehnter Schritt
  23. Sechzehnter Schritt
  24. Siebzehnter Schritt
  25. Achtzehnter Schritt
  26. Neunzehnter Schritt

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Für Melanie Blank-Schröder in grenzenloser Dankbarkeit für ihren unerschütterlichen Glauben, ihre ermutigenden Worte und ihre brillante Lektoratsarbeit.

Und für Sylvia Strasser, der Carly von Herzen dankbar ist, dass sie ihr Deutsch beigebracht hat.

Prolog

Ich wusste gleich, dass etwas nicht stimmte. Als ich in meine Apfelblätterteigtasche biss – schließlich empfiehlt das Gesundheitsministerium fünf Portionen Obst am Tag –, überkam mich so eine seltsame nervöse Unruhe. Das gleiche Gefühl habe ich in den Tagen vor den Tagen; dann könnte ich ausrasten und Dinge tun, die mir ein paar Minuten Sendezeit in Crimewatch garantieren würden.

Diese Sendung, in der die Zuschauer um Mithilfe bei der Aufklärung von Verbrechen gebeten werden, schaue ich mir übrigens grundsätzlich nicht an. Sobald die Titelmelodie ertönt, muss ich umschalten, weil mich unweigerlich das schlechte Gewissen packt – obwohl ich weder eine Skimaske besitze noch am Donnerstag vor drei Wochen um 10 Uhr 24 auch nur in der Nähe des Postamts Kensington gewesen bin.

Irgendetwas nagte an mir, aber ich konnte nicht sagen, was. Es war ein ganz normaler Morgen. Ein Montag, wenn ich mich richtig erinnere. Ein bis zu diesem Augenblick hundsgewöhnlicher Montagmorgen. Mark, mein Mann, war irgendwann zu unchristlicher Stunde aufgestanden und ins Bad getaumelt, wo er erst mit geschlossenen Augen pinkelte und sich dann mit einem halb geöffneten Auge rasierte, anschließend ins Schlafzimmer zurückwankte und sich im Dunkeln anzog. Das konnte er getrost riskieren: Seine Sachen fürs Büro waren dank eines ausgeklügelten Systems alle farblich aufeinander abgestimmt, sodass ihm Spott und Demütigung erspart blieben.

Danach stolperte er die Treppe hinunter und über seinen Aktenkoffer, der unten stand, rappelte sich wieder auf, schnappte sich eine Banane aus der Obstschale und warf einen prüfenden Blick in den Flurspiegel. Zu diesem Zeitpunkt hatten geheimnisvolle kosmische Mächte dafür gesorgt, dass seine Verwandlung abgeschlossen war. Aus dem struppigen, schmuddeligen Zombie, der nicht einmal im Stande war, in ein ortsfestes Becken zu pinkeln, ohne alles ringsum voll zu spritzen, war Mark Barwick geworden, der Anwalt, auf den die Frauen flogen.

Dann stieg er in seinen schicken Sportwagen, schaltete das schicke Radio ein und machte sich auf die zweistündige Fahrt von unserer Doppelhaushälfte in Richmond zu seinem schicken Büro in einem schicken Büroturm in einer schicken Londoner Gegend.

Das alles sind natürlich nur Vermutungen meinerseits, weil es schon eines medizinischen Eingriffs und einer Fahrt in einem Autoskooter bedürfte, um mich morgens um diese Zeit zu wecken. Doch da sich in den sieben Jahren, in denen wir zusammen sind, nichts an Marks Gewohnheiten geändert hat, nehme ich nicht an, dass er mit einem Satz aus dem Bett gesprungen ist, einen Espresso hinuntergestürzt und ein Schokocroissant dazu gegessen und dann zwanzig Minuten überlegt hat, welche Krawatte am besten zu seiner Gemütslage passt.

Zumal Mark nur eine einzige Gemütsverfassung kennt: ausgeglichen. Keine unlogischen Hochs. Keine mit dem Risiko des Pulsadernaufschlitzens verbundenen Tiefs. Nichts als schwankungsfreie Ausgeglichenheit. Und das ist auch gut so. Das ist großartig. Fantastisch. Ich liebe es, einen beständigen, verlässlichen Partner zu haben; er ist der perfekte Ausgleich für mein eher … nun, sagen wir, launenhaftes Wesen. Doch, wirklich! Ich weiß seine bedächtige Gelassenheit, seine stoische Ruhe aufrichtig zu schätzen und würde ihn niemals einen stinklangweiligen, berechenbaren Trottel nennen. Wenigstens nicht laut. Oh, na schön, meinetwegen! Aber nur meinen Freundinnen gegenüber.

Ich biss ein weiteres Mal in meine Apfeltasche und stellte fest, dass diese quälende innere Unruhe sich nicht gelegt hatte. Hunger konnte es also nicht sein. Ich ging alle anderen Möglichkeiten durch. Die Kinder. Sie waren im Kindergarten. Benny war erst zweieinhalb und deshalb noch in der Eingewöhnungsphase; Mac war vier, er ging mit Begeisterung hin. Bisher war ich jedenfalls noch nicht zur Leiterin zitiert worden – schnell auf Holz klopfen! –, weil mein Ältester etwas angestellt hatte. Ich vermute, das liegt vor allem daran, dass ich ihm erzählt habe, in die Laternenpfähle rings um den Kindergarten seien Kameras eingebaut, mit deren Hilfe ich über das Internet jede seiner Bewegungen überwachen könne. Seine Erzieher wundern sich bestimmt, warum er immer wieder Richtung Himmel sieht und schreit: »Ich hab’s nicht so gemeint, Mum, ehrlich!«

Mac hat eindeutig die Gene seiner Mutter. Sein Wortschatz vergrößert sich allmählich, aber eher wird man in der Hölle Schlittschuh laufen können, als dass er das Wort »ausgeglichen« darin aufnehmen wird.

Sein kleiner Bruder dagegen ist offenbar in einen ganz anderen Genpool gefallen. Als ich zum zweiten Mal schwanger war, sagte ich zu Mark, ich wolle das Baby Big taufen. Big und Mac. Ich hoffte, McDonald’s würde uns einen Sponsorenvertrag anbieten. Doch zu guter Letzt einigten wir uns auf den Namen Benny. Benny ist der süßeste, niedlichste Knirps, den man sich vorstellen kann. Nicht, dass ich voreingenommen wäre! Aber Sie finden garantiert keinen Dreikäsehoch, der sich besser in einer Windelreklame machen würde.

Also jedenfalls war mit meinen Sprösslingen alles in bester Ordnung, sodass ich sie als Grund für meine unerklärliche Unzufriedenheit von der Liste streichen konnte. Sie waren zwei ausgelassene, übermütige, verrückte Rangen, die sicherlich früher oder später im Jugendknast landen würden, aber im Augenblick ging es ihnen gut.

Dann lag es vielleicht an meinem Beruf? Da er untrennbar mit meinem familiären Hintergrund verknüpft ist, fällt es mir schwer, darüber zu sprechen, ohne auf meine Herkunft einzugehen. Sie müssen wissen, dass ich, auch wenn der äußere Schein, meine Geburtsurkunde und meine DNA etwas anderes besagen, keineswegs die Tochter einer eingebildeten Lehrerin und eines Vertreters für Versicherungen und Finanzen mit einer extremen Vorliebe für alles Alkoholische bin. Nein, in Wahrheit bin ich die uneheliche Tochter von Jackie Collins und Sidney Sheldon. Ein Kind der Liebe. Es ist mir zwar ein Rätsel, wie ich vor mehr als dreißig Jahren in eine schottische Entbindungsklinik gekommen bin, aber Jackie hatte sicher gute Gründe, mich zur Adoption freizugeben. Vielleicht war die Mafia hinter ihr her, und sie fürchtete um mein Leben. Vielleicht wollte sie auch vermeiden, dass ich zu einem verwöhnten, oberflächlichen Biest heranwuchs, und dachte, in der prosaischen Umgebung eines Glasgower Vororts würde eher ein Mensch mit seelischem Tiefgang und gesundem Realitätssinn aus mir werden (falls dem so ist, Mum, dann hat es funktioniert – ich bin ein wunderbarer Mensch geworden, du kannst jetzt kommen und mich holen!). Wie dem auch sei, ich wollte immer schon meinen »richtigen« Eltern nacheifern und Schriftstellerin werden, einen Berg pikanter Bestseller schreiben, nach Los Angeles in eine Villa mit nierenförmigem Swimmingpool ziehen und unanständige Dinge mit feurigen, sexbesessenen Italienern tun.

Leider hat es nicht ganz so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe. Mein erstes Buch, Achtung, Brustwarzenerektion!, verkaufte sich ziemlich gut für einen Debütroman. »Allererste Sahne« nannte ihn das Magazin Fab!. Okay, das schreiben sie zwar über alles, was einen rosaroten Umschlag hat, aber es ist immerhin ein Anfang. PMS wie Prämentales Syndrom, mein zweites Buch, war ebenfalls recht erfolgreich. Natürlich nicht so erfolgreich, dass ein Ferrari dabei rausgesprungen wäre, aber die erste und die zweite Auflage gingen weg wie warme Semmeln. Folglich müsste ich im Geld schwimmen, sollte man meinen. Denkste! Warum hat mir niemand gesagt, dass man schon ein paar Millionen Bücher verkaufen muss, damit man noch zu Lebzeiten ein bisschen was damit verdient und nicht erst, wenn man ungefähr dreihundertsiebenundvierzig Jahre tot ist?

Um meine Bank bei Laune zu halten und meine geheime Kreditkarte nicht über Gebühr zu strapazieren (ich finde, Ehrlichkeit in einer Partnerschaft sollte Grenzen haben – in meinem Fall liegen diese Grenzen bei den tausend Pfund auf einem Konto, von dem mein Mann nicht das Geringste ahnt), schreibe ich eine erbärmlich hochgestochene wöchentliche Kolumne über die Freuden des Mutterseins im Magazin Familienglück. Die Werte der Familie – dass ich nicht lache! Das Blatt ist nichts weiter als eine unglaublich dämliche Schickimickipostille, die prominenten Müttern und solchen aus den besseren Kreisen in den Hintern kriecht. Da ich aus der Perspektive der perfekten Mutter schreiben soll, brauche ich nicht nur ungeheuer viel Fantasie, sondern auch jedes Mal wieder eine griffbereite Kotztüte. Aber was soll’s. Ich habe weniger Tiefgang als eine Fußbadewanne, deshalb nehme ich das Geld und singe weiter mein Loblied auf eine Mutter, der ich liebend gern den Hals umdrehen würde, falls ich ihr je begegnen sollte.

Es ist nicht ganz so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Sonniges Beverly Hills. Ruhm und Reichtum. Nierenförmiger Pool. Sexbesessene Italiener.

Bekommen habe ich stattdessen das verregnete Richmond, einen lächerlichen Job, eine Pfütze hinterm Haus und einen Mann, der, wenn er sich eine Pizza schnappt und die Klappe hält, vermutlich für jemanden durchgehen könnte, der mal eine halbe Stunde Aufenthalt in Rom hatte. Na ja, es hätte schlimmer kommen können. Meine richtigen Eltern könnten eine hochnäsige Lehrerin und ein versoffener Versicherungsvertreter sein.

Ich öffnete die Hintertür und steckte mir eine Benson & Hedges an. Rauchen ist ein grässliches Laster. Ich bin heilfroh, dass ich es in der Öffentlichkeit schon vor Jahren aufgegeben habe. Lieber friere ich mir im edlen Streben nach einer eisernen Lunge heimlich, still und leise den Arsch ab, als dass ich meinem Mann und meinen Kindern eingestehen würde, die Willenskraft eines Pavarotti in einem Schlemmerrestaurant zu haben.

Von nebenan drang Musik herüber. Musik im allerweitesten Sinne. Es hörte sich an wie die größten Hits aus den nepalesischen Panflöten-Charts. Als ich durch das Küchenfenster des Nachbarhauses spähte, sah ich zwei Füße, die verkehrt herum mitten in der Luft baumelten. Es gibt nur eins, das schlimmer ist als eine Nachbarin, die nepalesische Panflötenmusik hört: eine Nachbarin, die nepalesische Panflötenmusik hört und dabei Yoga macht. Wie soll man in dieser Atmosphäre aggressive freie Radikale und schädliche Substanzen genießen, die Haut und Lungen ruinieren? Das verdirbt einem ja den ganzen Spaß!

So was gehört verboten.

Zumal die Nachbarin sich meine »beste Freundin« schimpft. Ha, eine schöne beste Freundin ist das! Wäre sie ein echter Kumpel, würde sie sich mit einem Glimmstängel und einem Schokoriegel aus dem Haus stehlen und mir Gesellschaft leisten.

Wo wir gerade von Freundinnen sprechen – es gab eine Zeit, da hätte ich meinen gesamten Besitz darauf verwettet, dass mindestens eine von ihnen in einer Situation steckte, die für meine innere Unruhe verantwortlich war, doch zurzeit gab es in dieser Hinsicht keine besonderen Vorkommnisse. Kate von nebenan ist geradezu Übelkeit erregend glücklich mit einem Architekten namens Bruce verheiratet und ihren Kindern – einer Bande, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Waltons hat – eine Übelkeit erregend fantastische Mutter. Außerdem ist sie Übelkeit erregend fit und in sich ruhend und hat einen Übelkeit erregend glamourösen Teilzeitjob als Modestylistin. Und trotz allem empfinde ich eine Übelkeit erregend tiefe Zuneigung zu ihr. Obwohl ich damit gegen das Gebot der Freundschaft verstoße, das da lautet: Du sollst keine Freundin neben dir haben, die schlanker, klüger oder erfolgreicher ist als du, weil du sonst Neidfalten bekommst.

Kate und ich kennen uns aus dem Sandkasten. Wir sind zusammen in einer gemeindeeigenen Siedlung ungefähr fünf Meilen von Glasgow entfernt aufgewachsen. Wir waren eine ganze Clique: ich (Carly Cooper, verheiratete Barwick – ich hab’s nie geschafft, nach der Hochzeit offiziell meinen Namen ändern zu lassen), Kate, Carol, Sarah und Jess. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel und gingen miteinander durch dick (Carol ist im Kochen durch die mittlere Reife gerauscht) und dünn (neben ihr sieht Victoria Beckham aus, als sei sie süchtig nach Vollfettprodukten), durch reich (Sarah hat einen Millionär geheiratet) und arm (nach einer furchtbaren ersten Ehe und einem Leben in Armut), durch krank (Jess hatte einmal eine Affäre mit dem Parlamentarier Basil Asquith, der, wie sich herausstellte, die Fraktion der sexuell Abartigen vertrat) und gesund (siehe Yoga und Panflöten).

Komischerweise war es bei uns nicht so, dass der Kontakt nach der Schule abbrach, wir uns zwanzig Jahre später über das Internet wiederfanden und dann unsere Partner zu einer Wiedersehensparty mitschleiften, wo die Pheromone wie zugedröhnte Tauben herumschwirrten; und ehe man sich’s versah, hatten alle ihre Autoschlüssel in eine Schale geworfen, man fischte sich irgendeinen heraus, und schon hatte das Land einen neuen Partnertauschskandal. Oder passiert so etwas nur in Promikreisen?

Uns Mädels hatte es, sei es durch den Beruf, einen Mann oder die Sehnsucht nach den anderen, alle nach London verschlagen, wo wir jahrelang wohnten. In der Zwischenzeit leben wir zwar ein bisschen verstreuter, aber wir sind immer noch Freundinnen. Stellen Sie sich die Band Girls Aloud mit etwas schlafferen Brüsten und einem schwachen Ansatz von Hängebacken vor, dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung von uns.

Einige von uns sind mittlerweile sogar miteinander verwandt. Carol, einst das schottische Supermodel schlechthin und viele Jahre das Gesicht der Tourismuswerbekampagne »Besuchen Sie Schottland«, ist mit meinem Bruder Cal verheiratet, der ebenfalls Model ist und früher mit seinem Gesicht und seinem Arsch für Calvin-Klein-Unterwäsche warb. Wo hatte ich bloß meinen Verstand, als ich mich im Mutterleib befand? Offenbar war ich so beschäftigt damit gewesen, überflüssige Dinge wie innere Organe zu entwickeln, dass ich sämtliche Gene für ein umwerfendes Äußeres meinem Bruder überlassen habe. Das ist der reine Hohn!

Jedenfalls wohnen die beiden heute in einem der großen, sündhaft teuren Häuser am Rand des Richmond Parks. Sie wohnen da nicht allein, sondern mit ihren Zwillingen, die ihre Zimmer im Dachgeschoss haben, und mit meinem anderen Bruder Michael, der im Souterrain kampiert. Ob sie was dagegen hätten, wenn er bei ihnen übernachtete, hatte Michael sie gefragt. Das war vor vier Jahren gewesen. Michael ist ein Computerfreak, der weder Sinn für die Banalitäten des Lebens noch irgendein Zeitgefühl hat.

Jess lebt heute mit ihrem Partner Keith und ihrem Sohn Josh in Frankreich. Ich glaube, sie genießt die Ruhe und den Frieden dort. Als ihre Affäre mit dem Parlamentarier damals ans Licht kam, wurde ihr Name nämlich in sämtlichen Zeitungen herumgeschmiert und ihre Geschichte im Sunday Echo ausgebreitet. (Himmel, habe ich eigentlich überhaupt keine normalen Freunde?) Danach heiratete sie den Journalisten, der den Artikel geschrieben hatte, bekam Josh, fand heraus, dass ihr Ehemann ein verlogener Mistkerl war, verließ ihn und traf Keith, einen reizenden Bauunternehmer, der sie abgöttisch liebt. Gemeinsam renovieren sie alte Häuser in einem Weinanbaugebiet in Südfrankreich (Champagne, Chardonnay, Lambrini? Ich kann mir den Namen einfach nicht merken) und züchten Hühner.

Und Sarah? Nun, Sarah hilft einem, den Glauben an die Menschheit wiederzugewinnen. Nach der Schule schlitterte sie in eine Beziehung mit einem echten Psychopathen, von dem sie zwei Kinder hat. Als ihr ein Jahr später die Flucht aus ihrer Ehe gelang, lernte sie bald darauf Nick Russo kennen, den bekannten Besitzer einer Restaurantkette und der Mann, an den ich meine Jungfräulichkeit verlor – ich glaube allerdings nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat. Sarah verliebte sich in ihn, und die beiden heirateten. Sie halten sich zurzeit in New York auf, wo Nick sein vierzehntes Restaurant eröffnet.

Du meine Güte, ich habe das alles gerade noch einmal durchgelesen und kann die Frage, ob ich überhaupt keine normalen Freunde habe, ganz klar mit Nein beantworten. Und dennoch lebte jede von uns zum ersten Mal seit … nun, eigentlich zum ersten Mal überhaupt in einer festen, glücklichen Beziehung, und nirgendwo war ein Drama, ein Dilemma, ein Desaster oder ein Debakel in Sicht. Alles war bestens, die Welt rundherum in Ordnung. Mein Leben war ein Musterbeispiel einer friedlichen, beschaulichen Existenz. Dachte ich wenigstens.

Doch manchmal hat diese rätselhafte innere Unruhe andere als hormonelle Gründe. Sie ist ein zarter Wink der Göttin der Weiblichkeit, die uns damit zu verstehen geben will, dass es Zeit wird, den Weg der Wonderbra-Generation zu gehen – immer den steil aufwärts zeigenden Titten nach.

Familienglück

Carlys Kolumne
Diese Woche … Zeit für sich selbst schaffen

Vergessen Sie nicht, Ladys: Nicht nur die Kinder bedürfen der liebevollen Fürsorge, sondern auch Mummy und Daddy! Wir alle sind irgendwann einmal müde oder gestresst, und unsere Prioritäten ändern sich, aber es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir uns Zeit für uns selbst und unsere Beziehung nehmen. Besuchen Sie doch einmal pro Woche einen Pilates-Kurs, suchen Sie sich ein neues Hobby oder einen Zeitvertreib, um sich geistig fit zu halten, und, was am allerwichtigsten ist, verwöhnen Sie
sich!

Reservieren Sie sich einen Nachmittag in der Woche, an dem Sie sich etwas Gutes tun – wie wär’s mit einer Maniküre, einer Gesichtsbehandlung oder einer Pediküre? Dabei können Sie wunderbar abschalten und tun gleichzeitig etwas für Ihr Äußeres. Achten Sie darauf, nicht die Verbindung zu Ihrer Innenwelt zu verlieren – nehmen Sie sich jeden Tag mindestens eine Viertelstunde Zeit, um in sich hineinzulauschen. Und vergessen Sie Ihr Kosmetiktäschchen nicht auf dem Weg zur Zufriedenheit, liebe Mütter! Ein bisschen Farbe auf die Wangen, einen sanften Schimmer auf die Lippen – ein paar Minuten Aufwand jeden Morgen, und man fühlt sich frisch und bereit für den Tag.

Nach einer besonders anstrengenden Woche ist eine sanfte Massage genau das Richtige, um die Erinnerungen an all die schlaflosen Nächte auszulöschen. Und das Beste ist: Sie brauchen für dieses sinnliche Verwöhnprogramm nicht einmal das Haus zu verlassen! Wozu haben Sie Ihren Partner? Ein Abend pro Woche sollte nur Ihnen beiden gehören, ein Abend voller Liebe und Leidenschaft. Kochen Sie etwas Leckeres, sorgen Sie für Kerzenschein und Kuschelmusik, und beweisen Sie einander, dass sexuelle Begierde und Elternschaft sich nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

Das Ergebnis? Glückliche Eltern, glückliche Kinder, ein glückliches Heim.

Auf dem Boulevard zum Ruhm

Erster Schritt

Ich ging zu Kate hinüber, klopfte an und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Das war auch gut so, sonst wäre ich vermutlich draußen verschimmelt. Kate hatte ihre Glieder nämlich in einer Art und Weise verknotet, dass es aussah, als litte sie an akuter Verstopfung und suche verzweifelt Erleichterung.

»Morgen, Madonna«, grüßte ich und schaltete den CD-Player aus, um die Panflöten zum Schweigen zu bringen.

»Morgen, Glimmstängel-Lilli. Wie geht’s?«

Ich gab ein Geräusch von mir, das sich ungefähr wie »Ooouurrgh« anhörte und meiner Meinung nach den Grad meines Missmuts angemessen anzeigte.

»Oh, so genau wollte ich es gar nicht wissen«, bemerkte Kate trocken. »Weißt du, jemand mit deiner Sprachgewandtheit sollte Schriftstellerin werden.«

Ich zog die CD heraus. »Noch ein Wort, und es hat sich ausgepanflötet«, drohte ich.

Ich warf einen prüfenden Blick auf den Stapel CDs, nahm die oberste herunter und schob sie ein. Es war Ancora von Il Divo. Ich glaube, übersetzt heißt Il Divo so viel wie »geiler Arsch und fantastische Stimme«.

Ich schenkte mir Kaffee (koffeinfreien) ein, setzte mich an den Küchentisch und legte die Füße auf einen Stuhl. Kate verzog keine Miene, aber ich wusste, dass sie Tisch und Stuhl mit Desinfektionsspray und Putzlappen zu Leibe rücken würde, sobald ich gegangen wäre. Der Schmutz hatte in ihrem Haus keine Chance: Es war blitzblank. Nicht, dass sie ein Putzteufel gewesen wäre, der jeden, der auf ihren Angorazottelteppich krümelte, mit dem Messer bedroht hätte. Nein, sie war einfach super organisiert und arbeitete höchst effizient; Sauberkeit und Ordnung waren quasi Teil ihres mütterlichen Wesens.

Kate bemuttert uns Freundinnen, seit wir Kinder waren. Als ich sechs Jahre alt war, weigerte sie sich so lange, mit mir im Schnee zu spielen, bis ich Handschuhe anzog. Als wir Teenager waren, steckte sie mir auf dem Weg in den Pub Kondome in meine Handtasche. Als meine Söhne ins Krabbelalter kamen, bestand sie darauf, meine Küche im wöchentlichen Rhythmus zu desinfizieren, weil meine offenkundige Unfähigkeit, bis in die Ecken zu kommen, darauf schließen ließ, dass ich – ich zitiere – »allem Anschein nach in einem Leuchtturm groß geworden« sei.

Kates Küche glich einer glänzenden, funkelnden Ausstellungsküche: Holzeinbauschränke, Marmorarbeitsflächen, Grünpflanzen, Kupferpfannen und -töpfe, Keramiksachen, deren Zweck sich mir nicht erschloss, Kinderzeichnungen und Collagen. Meine Küche hatte sich durch all das Zeug, das meine Kinder dort hinterließen, in einen Schweinestall verwandelt. In Kates Küche sah der ganze Kram bezaubernd aus.

Wie gesagt, eigentlich müsste ich jemanden, der so perfekt war wie Kate, hassen, aber Kate konnte man einfach nicht hassen, weil sie so gottverdammt bescheiden und nett war. Sie war freundlich. Sie war schön. Hätte meine Oma mir die vollkommene Frau gestrickt, hätte sie ausgesehen wie Kate. Sogar ihre Kinder hatten sie gern. Alle drei – Cameron, Zoë und Tallulah. Überlegen Sie mal – wie groß ist die Chance, drei Kinder zu haben und alle drei halten ihre Mutter für die Beste? Meine früheste Erinnerung an meine Mutter ist, dass sie mir furchtbar auf die Nerven ging, weil sie mir ständig Schleifen ins Haar binden wollte, damit ich wie ein Mädchen aussah, wo doch ganz offensichtlich war, dass ich in Wirklichkeit ein Junge war. Rückblickend kann ich es mir nur so erklären, dass ich meinen Penis irgendwo auf der langen Reise mit Jackie von Beverly Hills nach Schottland verloren habe.

Kate entwirrte ihre Gliedmaßen und faltete sie dann zu einer neuen Position zusammen. Sie machte das mit der Leichtigkeit einer Comicfigur aus Wallace & Gromit.

»Bist du sicher, dass du überhaupt noch ein Skelett hast? Oder hast du’s wie Cher gemacht und da und dort was herausschneiden lassen?«, fragte ich. Beine waren garantiert nicht dazu da, das zu tun, was Kate mit ihnen tat. Ich für mein Teil kann guten Gewissens behaupten, dass, trotz einschlägiger Erfahrungen mit alkoholischen Exzessen und fantasiereichem Sex, mein Hinterkopf noch nie meinen Fußknöchel berührt hat.

Sie lachte. »Diese Übung ist sehr gut für das Becken und ein erfülltes Sexleben, weißt du. Wissenschaftler vermuten übrigens, dass Frauen sieben G-Punkte haben, hast du das gewusst?«

»Nein, das wusste ich noch nicht! Dann sollte ich mir schleunigst einen Fährtenhund anschaffen, damit er die sechs, die mir fehlen, aufstöbert.«

Die Vordertür fiel mit einem Knall ins Schloss, und Sekunden später stürmte Carol – kupferrote Locken, Hüfthosen Größe 34, an jedem Finger mindestens eine Einkaufstasche – in die Küche.

»Himmel noch mal, ist das kalt!« Sie schauderte theatralisch. »Da friert man sich glatt die Eier ab!« Metaphern, Redewendungen und dergleichen waren noch nie Carols Ding gewesen. Sie drückte mich kurz und sah dann Kate an. »Ich werde es bestimmt bereuen, dass ich gefragt habe, aber was machst du da eigentlich?«

»Sie zählt ihre G-Punkte«, antwortete ich.

Carol machte ein verwirrtes Gesicht. »Ich dachte, wir hätten nur einen!«

Aha, ich war also nicht die Einzige! Sehr beruhigend.

»Nein, irgendein Anthropologe hat herausgefunden, dass wir sieben haben«, erklärte Kate. Es war mir ein Rätsel, wie sie mit dem Kopf zwischen ihren Beinen reden konnte.

Carol kicherte. »Das muss ich Cal erzählen! Dann kann er sich gleich auf die Suche machen.«

Ich schnitt eine Fratze wie aus einem Hollywoodstreifen von Anno dazumal.

»Carol, denk an die Spielregeln! Ich hab’s dir schon einmal gesagt – ich will nichts über dein Sexleben mit deinem Mann hören! Da er auch mein Bruder ist, beschwört das Bilder in mir herauf, die mich garantiert früher oder später in die Praxis eines Psychiaters oder in eine Nachmittagstalkshow treiben werden. Außerdem will ich heute Morgen grundsätzlich nicht über Sex reden – ich hab keine Lust, mein Gedächtnis über Gebühr zu strapazieren.«

Traurig, aber wahr. Mein letztes Erlebnis auf diesem Gebiet lag so lange zurück, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern konnte. Verstehen Sie mich nicht falsch, Mark und ich waren durchaus zu einer heißen Nummer im Stande. Gewesen, sollte ich aber besser hinzufügen.

Als wir das erste Mal miteinander schliefen, war ich noch ein Teenager, und die Erde bewegte sich. Und das nicht nur, weil wir es im Stehen taten und ich Plateausohlen so hoch wie ein Austin Mini trug.

Wir verloren uns aus den Augen, und ich traf ihn erst Jahre später auf Cals und Carols Hochzeit wieder. Die Erinnerung daran treibt mir heute noch die Schamröte ins Gesicht. Aus Gründen, auf die ich später eingehen werde, sobald ich den nötigen Mut dazu aufgebracht habe, war ich nämlich in Tränen aufgelöst aus dem Saal geflüchtet, weil ich mich in eine höchst peinliche Situation gebracht hatte. Und dann war Mark plötzlich aufgetaucht und hatte mich gerettet.

Wenige Monate später heirateten wir – ich hätte nicht glücklicher sein können. Das Leben war einfach wunderbar. An den Wochenenden gingen wir freitagabends ins Bett und blieben bis montagmorgens drin; wir standen nur auf, um zu duschen, dem Pizzaboten zu öffnen und die Batterien in der TV-Fernbedienung zu wechseln. Ich konnte mein Glück nicht fassen. Mark Barwick, dieser attraktive, gescheite, witzige, coole Typ, der mich schon vor der Pubertät immer wieder aus brenzligen Situationen gerettet hatte, hatte sich ausgerechnet in mich verliebt! Furchtlos war er also auch noch. Und obendrein bumste er mich praktisch rund um die Uhr und schien es aufrichtig zu genießen. Wer brauchte da Yoga?

Mein Hochzeitsgeschenk für Mark war, dass ich (schon einige Monate vor dem großen Tag) sämtliche Verhütungsmittel wegwarf. Genau gesagt spülte ich sie das Klo hinunter – zehn Schachteln Antibabypillen, vierzehn Kondome und ein Diaphragma. Unser Klempner hatte wochenlang zu tun.

Als dieses Hindernis beseitigt war, tauchte unerwartet ein neues auf.

Sechs Monate und zahllose in himmlischer Umnachtung vertrödelte Wochenenden später war ich zu unserer Überraschung immer noch nicht schwanger geworden. Weitere sechs Monate später grenzte unsere Überraschung an Fassungslosigkeit. Nochmals sechs Monate später machten wir uns ernsthafte Sorgen. Und nach insgesamt zwei Jahren ergebnislosem Sex stellte sich heraus, dass ich Zysten an den Eierstöcken hatte. Und das war, bevor sie in Mode kamen! Heutzutage hat sie ja jeder. Wer in sein will und etwas auf sich hält, muss sich den Busen vergrößern – oder verkleinern – und sich Botox gegen Falten injizieren lassen, im Winter nach Barbados und im Sommer nach Südfrankreich fliegen, sich auf die Warteliste für die neue Chloë-Handtasche setzen lassen, bei Harvey Nicks einkaufen und zystische Eierstöcke haben. Sogar Victoria Beckham hat sie! Von allen Dingen musste ich ausgerechnet das mit der unglaublich dünnen, diamantenbehängten, jetsettenden, millionenschweren David-Beckham-Gattin gemeinsam haben. Und als wäre das nicht schon bittere Ironie genug, hat sie es trotz ihrer mangelhaft arbeitenden Eierstöcke geschafft, drei Kinder in die Welt zu setzen. Wie man seine Söhne nach einer Brücke (Brooklyn), nach einer Rakete (Cruz) und einem Kerl, der mit Vorliebe auf Balkonen herumhängt (Romeo), benennen kann, ist mir allerdings ein Rätsel!

Meine Fortpflanzungsorgane hingegen befanden sich offenbar im Streik. Und so war Sex für Mark und mich bald kein vergnüglicher Zeitvertreib zwischen Freitagabend und Montagmorgen mehr, sondern ein zäher Kampf mit dem Ziel der Zeugung. Plötzlich drehte sich alles nur noch um Ovulationstests, Fruchtbarkeitstherapien, Thermometer, Laparoskopien und Untersuchungen bei unzähligen Gynäkologen, die ihre behandschuhten Finger dorthin schoben, wo eigentlich nur die Hände des Partners etwas zu suchen hatten.

Es war der absolute Horror. Es war so unfair. Es war echt beschissen.

Ich ließ kein Klischee aus, genau wie in all den Geschichten, die man aus der Boulevardpresse kennt (über Felicity aus Chelsea zum Beispiel, die beschließt, ihre Unfruchtbarkeitserfahrungen mit der ganzen Welt zu teilen). Jawohl, auch ich rief meinen Mann im Büro an und beorderte ihn nach Hause, als ich meinen Eisprung hatte. Jawohl, auch ich streckte nach dem Sex die Beine in die Luft und stützte die Füße an der Wand ab. Jawohl, auch ich machte jeden Monat am Tag, bevor meine Periode fällig war, in verzweifeltem Optimismus einen Schwangerschaftstest. Und danach sechzehn weitere, für den Fall, dass ich einen fehlerhaften erwischt hatte.

Und irgendwann ging in dem ganzen Stress die Romantik flöten. Das geschah nicht etwa allmählich, nein, es ging in einem Affenzahn abwärts mit ihr.

Doch dann passierte eines Tages etwas wirklich Komisches. Am Abend war eine Party aus Anlass der Veröffentlichung meines zweiten Romans geplant, und ich hatte den ganzen Tag vor Aufregung und Angst gefiebert.

Was, wenn niemand käme? Was, wenn sich das Buch nicht verkaufte? Was, wenn diese Kuh von diesem Hochglanz-Promi-Magazin eine miserable Kritik darüber schriebe? (Das tat sie übrigens tatsächlich, und ich schwöre, eines Tages werde ich es ihr heimzahlen!) Ich hatte also schreckliches Lampenfieber, und dann wurde mir auf einmal schlecht. Richtiggehend speiübel. Die anderen schoben das auf die Aufregung, die Nerven, den Stress und so weiter. Aber ich wusste es besser. Ich wusste es einfach. Ich raste also mit dem Einkaufswagen durch den nächsten Drogeriemarkt, von dort auf die Damentoilette bei Marks & Spencer, und siebzehn Schwangerschaftstests später war klar, dass ich eben kein stressbedingter Fall für die Klapsmühle war. Ich war schwanger. In anderen Umständen. Angeschossen. Oder, wie Carol sagen würde – ich hatte was in der Röhre.

Es gibt Frauen, die sind zum Schwangersein geboren. Demi Moore zum Beispiel. Oder Kate Hudson. Oder Catherine Zeta Jones. Die Schwangerschaft steht ihnen, sie blühen regelrecht auf. Ich gehörte leider nicht dazu. Ich musste ständig pinkeln. Ich schwitzte. Ich fluchte. Ich verwandelte mich innerhalb von ungefähr drei Wochen von einem schmächtigen Hering in einen Wal und schleppte bis ans Ende meiner Schwangerschaft das Gewicht von etwa zehn ausgewachsenen Robben mit mir herum. Kurz vor der Entbindung hatte ich die Größe eines Flugzeughangars.

Deshalb wird es auch nicht verwundern, dass wir in jener Zeit nur sporadisch Sex hatten. Eindeutig seltener, als Neumond ist, und nur eine Spur häufiger als eine Sonnenfinsternis. Dann, nach einer Zeit, die mir so lang vorkam, als würde ich ein Elefantenbaby ausbrüten, kam unser Sohn zur Welt – ächz! –, und wir nannten ihn Mac. Genauso gut hätten wir ihn Verhütungsmittel taufen können, denn so wirkte er. Er schlief entweder zwischen uns oder auf einem von uns beiden, oder einer von uns versuchte, ihn in den Schlaf zu wiegen, indem er, den Kleinen in den Armen, in der Wohnung auf und ab wanderte, während der andere auf der Couch eine Mütze voll Schlaf nahm.

Uns passierte das Gleiche wie anderen Paaren in dieser Situation auch, und normalerweise ist dann eine von zwei Möglichkeiten vorprogrammiert. Entweder renkt sich in puncto Sex alles wieder ein, sodass nach ein paar Monaten alles wieder beim Alten ist und man rammelt, als würde man dafür bezahlt. Oder aber der Mann verliert die Geduld und fängt an, seine Sekretärin zu bumsen.

In unserem Fall trat weder das eine noch das andere ein.

Das Gute daran war, dass Mark nicht über seine Sekretärin herfiel – und ich hoffe doch sehr, das liegt daran, dass er mich liebt, und weniger daran, dass seine »Sekretärin« über hundert Kilogramm wiegt, Haarbüschel in den Nasenlöchern hat und auf den Namen Harry hört. Das Schlechte war, dass Mark sich sexuell gleichsam in den Winterschlaf begab. Es war so, als sei seine Libido eine Hüpfburg, in die ein zehnjähriger Übeltäter sein Springmesser hineingerammt hatte, sodass alle Luft entwichen war. Restlos. Vorbei war es mit dem Spaß.

Vielleicht hätte ich das damals als Warnsignal betrachten und dem Ganzen mehr Beachtung schenken sollen, aber ehrlich gesagt war ich erleichtert. Ich meine, es war ja nicht so, dass ich mein Höschen nach ihm geworfen und verlangt hätte, mindestens einmal pro Nacht und zweimal an den Wochenenden und gesetzlichen Feiertagen nach allen Regeln der Kunst verführt zu werden.

Ooh, dachte ich, er ist ja so rücksichtsvoll! So anspruchslos.

Offen gestanden hielt ich die Dinge so, wie sie waren, für völlig normal.

Und immerhin bekam ich ja den obligatorischen Urlaubsfick.

Dann wurde Benny geboren. Zwei Babys binnen achtzehn Monaten! Zwar konnten meine Schlüpfer jetzt als Prototyp für einen neuen Tunnel unter dem Ärmelkanal dienen, aber das änderte nichts daran, dass wir überglücklich waren. Jahrelang hatten wir uns vergeblich angestrengt, und jetzt hatten wir zum ersten Kind ein zweites quasi als Bonus dazubekommen! So nach dem Motto: Beim Kauf von einem kriegen Sie eins gratis dazu!

Das war ein Segen für Herz und Gemüt, aber eine Katastrophe für unseren Schlafrhythmus und unser Eheleben.

Nach einem weiteren Jahr als Zombie, jetzt mit zwei kleinen Kindern statt mit einem, hatte sich meine Vorstellung von einem Orgasmus gründlich gewandelt. Jetzt waren eine knusprige Peperonipizza und irgendein Film mit Liam Neeson das höchste der Gefühle. (Fragen Sie lieber nicht – ich habe immer schon für Liam Neeson geschwärmt.)

Ein Weltuntergang war das jedoch nicht. Ich liebte Mark. Und er liebte mich. Er war ein fantastischer Vater. Er küsste mich, als ob es ihm ernst damit wäre. Er sagte mir mindestens ein Dutzend Mal am Tag, dass er mich liebte. Wir kuschelten jeden Abend auf der Couch und genossen diese paradiesischen sechseinhalb Sekunden, bevor einer von uns beiden einnickte. Wir freuten uns wie die Schneekönige über jeden kleinen Fortschritt unserer Kinder.

»Mac hat heute zum ersten Mal ›Mummy‹ gesagt, Schatz!«

»Mac hat eine ganze Banane verdrückt!«

»Benny hat sich erbrochen – über den ganzen Couchtisch!«

Wir waren glücklich, zufrieden und zusammen. Wir lachten immer noch über dieselben Dinge, wir verstanden uns und führten ein recht beschauliches Dasein – wenn man von dem einen Mal absieht, als ich unter dem Einfluss einer gefährlichen Mischung aus Schlafentzug, gestörtem Hormonhaushalt und ein paar Gläsern Wein mit einer Packung Pampers auf Mark losging, weil er unseren Hochzeitstag vergessen hatte.

Ansonsten war ich wunschlos glücklich. Ich schwebte im siebten Himmel. Wir hatten so viel: Mein Mann war mir von allen über sechzig Zentimeter großen Personen der liebste Mensch auf der Welt, wir hatten zwei wunderbare Söhne, ein schmuckes Haus (von den Schmuddelecken einmal abgesehen) und großartige Freunde.

Die positiven Seiten überwogen die negativen bei weitem.

Ich hob mit meinem schriftstellerischen Werk nicht gerade die Welt aus den Angeln; Mark hatte schrecklich lange Arbeitszeiten, und trotz seines protzigen Gehalts hatten wir dank der extrem hohen Lebenshaltungskosten in London gerade einmal drei Pfund dreiundsechzig auf unserem Sparbuch. Doch mit all dem konnte ich leben. Im großen Ganzen war alles in Butter – sah man einmal davon ab, dass wir uns nicht mehr nackt und verschwitzt im Bett wälzten.

Ich weiß noch genau, wann mir klar wurde, dass ich mir ernste Sorgen um mein – abhanden gekommenes – Sexleben machen sollte. Eines Abends, es war schon spät, saß ich auf der Couch. Mark lag neben mir, den Kopf auf meinem Schoß, und schlief. Meine Blase drückte schmerzhaft, aber ich blieb sitzen, weil ich Mark nicht wecken wollte. Das hat mit der Geschichte nichts zu tun; ich wollte Ms. Collins, falls sie dies hier lesen sollte, damit nur zeigen, was für eine nette, rücksichtsvolle Person ich heute bin. Der Abspann einer meiner Lieblingssoaps war gerade gelaufen; ich hatte mich beherrscht und die Titelmelodie nicht lauthals mitgesungen.

Als ich durch die Kanäle zappte, blieb ich bei einem Film hängen, den ich für eine Dokumentation über die Vorzüge der Freikörperkultur hielt. Ich erkannte meinen Irrtum, als die Nackte, die im Grünen picknickte, an ihren eigenen Brustwarzen zu lecken begann und ein hünenhafter, unübersehbar erregter Farmer sich zu ihr gesellte. Also wirklich! Was sollen denn die Schafe denken!, fuhr mir durch den Kopf.

Das war schockierend. Skandalös. Einfach unglaublich. Aber es brachte mich auf die Idee, Landleben zu abonnieren. Und vor allem machte es mich unheimlich scharf. Ich verspürte ein Kribbeln in einer Gegend, wo es lange, entschieden zu lange, nicht mehr gekribbelt hatte. Ich vergaß sogar, wie dringend ich aufs Klo musste. Beinah mechanisch tastete sich meine eine Hand unter meinen BH (verwaschen, ausgeleiert; ich machte mir im Geist eine Notiz, dass ich unbedingt Unterwäsche kaufen musste) und die andere zu Marks Hosenbund hinunter. Ich fingerte eine ganze Weile am Knopf seiner Jeans herum, bis er endlich aufsprang. Du meine Güte, ich war ganz schön aus der Übung! In meiner besten Zeit war ich im Stande gewesen, einen Mann mit einer Hand im Dunkeln auszuziehen, während ich gleichzeitig an seinem Ohrläppchen knabberte, ihm schmutzige Dinge ins Ohr flüsterte und den Wagen einparkte.

Wie auch immer, mit der einen Hand fummelte ich an seiner Hose, mit der anderen rieb ich über meine Brustwarzen. Mein Atem ging schneller, sein Reißverschluss ging auf, ich ortete seinen Penis, zog ihn behutsam aus den Boxershorts, massierte ihn, zuerst ganz sanft, dann fester und noch ein bisschen fester, bis die gewünschte Reaktion eintrat und er hart zu werden begann, und dann … patsch!

Mark schlug nach meiner Hand, als ob ich eine Stechmücke wäre, die auf seinem Ambre Solaire zu landen versucht.

Okaaaay, dachte ich. Er schläft offenbar noch. Er ist verwirrt. Er denkt, er liegt im Liegestuhl in Fuenguerola und wird von einem geflügelten Blutsauger attackiert. Versuchen wir das Ganze also noch einmal.

Ich bemühte mich, wieder in Stimmung zu kommen. Mein Pulli zierte den Kaminsims, mein BH baumelte von der Stehlampe. Ich hatte den Reißverschluss meiner Jeans aufgezogen. Eine Hand wanderte Richtung Süden, und die andere schob sich von neuem in Marks Boxershorts. Während ich meine Fingerspitze langsam um die Spitze seines Schwanzes kreisen ließ, der wieder hart wurde, gab meine Klitoris eine Willkommensparty für die Finger meiner anderen Hand, die ihr Langzeitgedächtnis durchforscht und herausgefunden hatten, was zu tun war.

Ich schnappte unwillkürlich laut nach Luft, als das Kribbeln sich bis zu meinen Zehen hinunter ausbreitete, meine Brustwarzen hart wurden und ich zu keuchen begann wie eine Marathonläuferin kurz vor dem Ziel.

Ooooo ja! Das ist ja so gut! Jetzt weiß ich es wieder. Warum nur hab ich jemals damit aufgehört? Ich muss verrückt gewesen sein! O ja, das ist es. Ja, o ja, oh, das ist so guuut … Wie hart er jetzt ist …

Hätte ich auf ihn draufklettern können, hätte ich es getan, aber was soll’s, ich kam auch so zurecht. Ja … ja … o jaaaa! O mein … patsch!

»Was machst du denn da, Schatz?«, murmelte Mark schlaftrunken.

Vielleicht halten Sie mich für übertrieben nörgelig, aber es gab mal eine Zeit, da hätte ich ihm nicht erst ein Bild malen müssen.

Ich setzte meine verführerischste Miene auf, warf eine Brust über die Schulter (das ist einer der Vorteile/Nachteile von zwei Jahren Stillen), beugte mich mit Schlafzimmerblick zu ihm hinunter und flüsterte neckisch: »Ich spiele ein bisschen mit deinem Schwanz, während ich mich in wilde Ekstase streichle.«

Wäre das eine Szene in einem Film gewesen, hätte Mark an dieser Stelle die Augen geöffnet, gelächelt, zärtlich mein Gesicht berührt und geflüstert, wie sehr er mich liebt. Und dann hätte er mich über die Rückenlehne der Couch geworfen und es mir besorgt, bis ich schrille Schreie der Lust ausgestoßen hätte. Danach wäre ich völlig erschöpft, aber glücklich und in dem Bewusstsein, dass ich eine Woche lang den Gang eines Cowboys haben würde, in seine Arme gesunken.

Blöderweise war das aber kein Film, sondern ein dreiminütiger Werbespot, der für die Vorzüge von sexueller Enthaltsamkeit warb.

Mark schob schlaff meine Hand aus der Region unterhalb seiner Gürtellinie weg, drehte mir das Gesicht zu und küsste mich auf den Bauch. »Ich liebe dich, du Irre«, sagte er leise.

Ich hätte platzen können vor Glück. Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Er rollte sich nämlich auf die andere Seite, weg von mir, und murmelte: »Ich bin viel zu kaputt, Kleines. Aber mach du nur. Amüsier dich.«

Und da sage einer, es gebe keine Romantik mehr!

Ich spähte zum Fernseher hinüber, wo Farmer Giles und die geile Melkerin im Begriff waren zu bumsen, bis die Kühe in den Stall zurückkehrten. Ich schaltete den Fernseher aus; mir war die Lust gründlich vergangen. Enttäuschung machte sich breit. Ich war zurückgewiesen worden. Kaltgestellt. Abgespeist. Abserviert. Und das gefiel mir ganz und gar nicht.

Tagelang ging mir die Sache nicht mehr aus dem Kopf. Schließlich listete ich die möglichen Gründe für den Niedergang unseres Sexlebens auf:

  1. Mark hat einen überaus stressigen Job und arbeitet zu viel.
  2. Wir haben zwei kleine Kinder.
  3. Er ist immer müde.
  4. Ich bin immer müde.
  5. Wir haben nie Zeit nur für uns beide und sind uns deshalb fremd geworden.
  6. Ich achte überhaupt nicht mehr auf mein Äußeres.
  7. Er sieht in mir nicht mehr die attraktive, sexy Frau.
  8. Ich trage nur Sachen, die ich bei vierzig Grad in der Waschmaschine waschen und auf dem Heizkörper trocknen kann.
  9. Die Kinder schlafen immer bei uns.
  10. Ich würde meinen Make-up-Beutel selbst dann nicht mehr finden, wenn mein Leben davon abhinge.
  11. Wir haben nie Gelegenheit, ein richtiges Gespräch zu führen.
  12. Wozu er wahrscheinlich sowieso keine Lust hätte.
  13. Ich mache ihm nie Komplimente.
  14. Er macht mir nie Komplimente.
  15. Alle meine BHs sind verwaschen und ausgeleiert.
  16. Am Anfang unserer Beziehung war ich wild, aufregend, unberechenbar und geil.
  17. Heute halte ich einen Sexfilm für eine Dokumentation über Freikörperkultur.
  18. Am Anfang unserer Beziehung war er sexy, witzig, faszinierend und geil.
  19. Heute hält er meine Hand an seinem Schwanz für eine Stechmücke.

Es lag auf der Hand: Irgendwo in all dem Stress, den Problemen mit unserem lange unerfüllten Kinderwunsch, den Schwangerschaften, den Kleinkindern, den finanziellen Verpflichtungen und dem Alltagstrott war uns der Funke abhanden gekommen. Was sage ich – wir hatten den ganzen verdammten Flammenwerfer verloren!

Als Mark am Abend des folgenden Tages nach Hause kam, fand er eine völlig veränderte Frau vor. Ich hatte frisch gewaschene Haare. Ich hatte mich geschminkt. Ich hatte meine Bikinizone rasiert. Ich trug hautenge Jeans und ein tief ausgeschnittenes schwarzes Top (aus Seide, von Carol geborgt und eindeutig nicht zum Trocknen auf dem Heizkörper geeignet). Die Beleuchtung war gedimmt. Kerzen brannten. Ich hatte ein Essen ohne Benutzung der Mikrowelle zubereitet, und die Kinder waren nebenan bei Kate.

»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Mark grinsend. Ich hatte ganz vergessen, wie gut er nach einem langen Tag aussah. Seine dunkelbraunen Haare waren durcheinander, Bartstoppeln warfen einen dunklen Schatten auf sein markantes Gesicht. Seine grünen Augen wirkten klein vor Müdigkeit, was ihm einen sexy Schlafzimmerblick verlieh. Sein Krawattenknoten hatte sich gelockert, die Hemdärmel waren hochgerollt. Ich hätte ihn am liebsten an Ort und Stelle, gleich im Flur, vernascht, genau wie in alten Zeiten.

Wieso hatte ich all diese Dinge so lange übersehen?

Vielleicht, weil ich ihm normalerweise ein übel riechendes Baby und eine frische Windel in die Arme drückte, kaum dass er das Haus betreten hatte, und dann wieder an das Bett des zweiten Kindes zurückraste, das brüllte wie am Spieß, weil seine Mutter es gewagt hatte, mitten in einer Geschichte über drei kleine Schweinchen unter Hausarrest das Zimmer zu verlassen.

Ich zog einen Schmollmund und hoffte, wie Angelina Jolie auszusehen. In Wirklichkeit hatte ich wahrscheinlich größere Ähnlichkeit mit einem Kugelfisch, der eins in die Fresse bekommen hat.

»Ich habe die Absicht, dich zu verwöhnen und dir jeden Wunsch von den Augen abzulesen, mein starker Hengst«, hauchte ich mit heiserer Stimme. »Ich hab dir ein fantastisches Essen gekocht. Ein Schlemmermahl, Wein, Romantik – es ist alles da. Du brauchst nichts weiter zu tun, als mich zu bumsen, bis ich ohnmächtig werde. Na, was sagst du dazu?«

Bildete ich es mir nur ein, oder zögerte er kurz?

Nein, nein, das bildete ich mir bestimmt nur ein.

Er ließ sein Jackett fallen, drückte mich gegen die Wand und küsste mich, als wäre ihm gerade erst wieder eingefallen, wie das geht. Ooooh, war das gut! Mit einer Hand zerrte er mir das Top über den Kopf (ich hörte das Geräusch von reißendem Stoff und machte mir im Geist eine Notiz, dass ich es Carol auf Knien rutschend und mit einer Schachtel After Eight als Wiedergutmachung zurückgeben musste). Ich riss ihm erst die Krawatte, dann das Hemd herunter, presste meine Titten an seine Brust und schlang die Beine um seine Hüften, während meine Zunge seinen Rachenraum erforschte. Nach ein paar Sekunden löste er sich von mir, trat einen Schritt zurück und musterte mich mit neckischem Gesichtsausdruck von Kopf bis Fuß. Bei der Erinnerung an das, was dann geschah, wird mir heute noch ganz heiß. Er kniete sich vor mich hin und zog mir die Jeans herunter. Und darunter kam – einen Tusch, bitte! – ein nagelneuer verführerischer Spitzenslip zum Vorschein, der obendrein auch noch zu meinem BH passte. Mark beugte sich vor und fuhr mit der Zunge langsam über die Innenseite meines Schenkels. Die Hände in seinen Haaren vergraben, schloss ich die Augen und stöhnte auf. Ich wollte auf keinen Fall jetzt schon kommen und mir diese Minuten verderben, die garantiert die lustvollsten, schmutzigsten und dschungelheißesten meines Lebens werden würden.

Er drehte den Kopf ein klein wenig; jetzt war mein anderer Schenkel dran. Oben angekommen schob er nach einer kurzen Pause den Steg meines Tangaslips zur Seite. Sein heißer Atem streifte meine empfindsamste Stelle.

Ich hielt es nicht mehr aus. Ich riss ihn buchstäblich an den Haaren hoch, löste seinen Gürtel, knöpfte ihm die Hose auf, zog ihm erst den Reißverschluss und dann Hose und Boxershorts herunter. Eine so wundervolle Erektion hatte ich das letzte Mal viele Jahre zuvor an ihm gesehen – bevor der dünne blaue Streifen auf meinem Schwangerschaftstest erschienen war.

Und was macht frau angesichts eines so grandiosen Ständers? Sie schiebt ihn sich rein und schreit und stöhnt, bis die Nachbarn die Polizei rufen.

Geschafft, dachte ich selbstgefällig, als wir uns Stunden später sehr schläfrig, sehr wund und sehr glücklich aneinander kuschelten. Wir hatten uns von neuem entdeckt. Wir hatten das Band zwischen unseren Herzen neu geknüpft und unsere Libido wieder angeworfen. O ja, Baby, wir hatten das Feuer unserer Leidenschaft definitiv neu entfacht.

Doch für Marks Feuer war die Umgebung offenbar zu feucht, denn das verdammte Ding ging immer wieder aus. Während mein Geschlechtstrieb, nachdem er wieder in Gang gekommen war, davonraste wie ein Formel-1-Auto mit defekten Bremsen, lief der von Mark höchst unregelmäßig. Ungefähr alle zwei Wochen kam er auf Touren, nur um dann sofort wieder die Boxengasse anzusteuern und sich auszuruhen. So beschränkte sich unser Sexleben in den folgenden Monaten und Jahren auf einen gelegentlichen und halbwegs zufrieden stellenden Nahkampf. (Der Einzige, der sich darüber freuen konnte, war Ashif, der Händler am Ende der Straße, bei dem ich viel zu oft Batterien für ein gewisses Spielzeug für Erwachsene kaufte.) Versuchte ich, mit Mark darüber zu sprechen, bekam ich jedes Mal das Gleiche zu hören: Er sei müde, er habe Stress, er arbeite zu viel, er liebe mich, es würde bestimmt alles besser werden, und: »Jetzt leg dich hin und schlaf, und am Wochenende werde ich es wiedergutmachen, großes Ehrenwort.«

Hin und wieder hielt er sein Versprechen sogar. Aber meistens kamen das Leben, die Kinder, die Arbeit, irgendwelche Rechnungen oder der Schlaf dazwischen. Trotzdem, es hätte schlimmer sein können. Wir konnten noch immer miteinander lachen. Wir hatten die Familie, die wir uns immer gewünscht hatten. Wir liebten uns aufrichtig. Und Ashif konnte Frau und Kindern einen vierzehntägigen Aufenthalt in einem Ferienpark schenken. Eigentlich war das Leben gar nicht so übel. Wir hatten so viel – war es da tragisch, dass es im Bett nicht mehr so richtig klappen wollte?

Nein, ganz bestimmt nicht.

»CARLY!« Mein Kopf fuhr hoch, der Kaffee schwappte aus meiner Tasse und auf meine Jogginghose. Egal. Ich konnte sie bei vierzig Grad in der Maschine waschen und auf dem Heizkörper trocknen. Ich meine, warum sollte ich mich anstrengen, wenn Mark es nicht für nötig hielt?

Carol lachte los. »Wo warst du denn mit deinen Gedanken? Auf einem anderen Planeten?«

Ich guckte kurz zu Kate, die gerade ihre Wirbelsäule unnatürlich verbog und ihren Arsch in die Luft reckte, und erkannte die Ironie dieser Bemerkung. Nein, zu einem dreckigen Witz über Uranus (oder Ur-Anus) würde ich mich nicht hinreißen lassen, entschied ich.

»Ich hab gerade an Sex gedacht«, antwortete ich.

Natürlich gingen unsere Schlafzimmergeheimnisse niemanden etwas an. Ich würde doch niemals mit irgendjemandem über unsere intimsten Probleme sprechen!

»Nimmt Mark dich immer noch zu wenig ran?«, fragte Kate.

Na schön, ich geb’s zu: Ich habe keine Geheimnisse vor meinen Freundinnen.

»Pah«, brummte ich. »Der würde inzwischen ein Satellitennavigationssystem brauchen, um meine Klitoris zu finden.«

»Aha, deshalb ziehst du heute so einen Flunsch«, bemerkte Carol.

Tat ich das? Bei uns im Bett herrschte doch seit Jahren Flaute – warum sollte mich das jetzt auf einmal nerven?

»Nee, das ist nicht der Grund. Das ist heute einfach nicht mein Tag. Ich weiß auch nicht, wieso.«

»PMS?«, schlug Kate vor.

»Nein, damit hatte ich letzte Woche zu tun. Weißt du nicht mehr? Als ich wegen dieses Ketchupflecks heulte, zur Reinigung fuhr und beinah handgreiflich gegen die Politesse geworden wäre?« Ich machte ein zerknirschtes Gesicht. Dem Himmel sei Dank für Hormone – wie langweilig wäre das Leben ohne sie!

»Arbeit?«, fragte Carol vorsichtig. Sie reagierte auf gefühlsbetonte Frauen ähnlich wie die meisten Männer: Sie stülpte sich rasch einen Schutzhelm über und schaute sich schon mal nach dem nächsten Ausgang um. Nicht, dass sie gleichgültig wäre. Es ist einfach so, dass sie, als der liebe Gott Mitgefühl und Einfühlungsvermögen verteilte, sich unten in der Abteilung »Oberflächlichkeit und Äußeres« befand, um sich das schönste Gesicht und den schönsten Körper auszusuchen, sich eine Maniküre und eine Pediküre machen und die Zähne bleichen zu lassen.

»Arbeit ist Arbeit«, antwortete ich achselzuckend.

»Siehst du? Genau das meine ich«, sagte Kate grinsend zu Carol, deutete dabei aber auf mich. »Ich hab gerade zu ihr gesagt, mit ihrer Gabe für prägnante Formulierungen und ihrer Sprachgewandtheit sollte sie Schriftstellerin werden!«

Es gibt nichts Schlimmeres als eine Freundin mit einem Hang zur Ironie. Es sei denn, eine Freundin mit einem Hang zur Ironie, die ihre Beine spreizt wie ein gelenkiger Pornostar.

»Kannst du nicht mal mit diesem verdammten Yoga aufhören?«, nörgelte ich. Carol hatte ein Schokoladeneclair vor mich hingestellt, aber bei Kates Verrenkungen verging mir glatt der Appetit. Kate sah mich an, registrierte meine Seelenpein, dachte an unsere alte Freundschaft und all das, was wir gemeinsam durchgestanden hatten – und machte ungerührt weiter.

Ich trank einen Schluck Kaffee. Meine Arbeit? Ich schätze, auf einer Skala von Aufsehen erregende Begeisterung bis routinierte Langeweile würde ich sie irgendwo in der Mitte einordnen. Ich ärgerte mich, weil meine Bücher mich nicht ins Rampenlicht und auf die Liste der Weihnachtskartenempfänger meiner Bank befördert hatten. Ich dachte immer, meine Leser würden stundenlang in der Schlange ausharren, sobald meine Romane in den Buchläden eintrafen. Ich wäre in aller Munde. Das Gesprächsthema Nummer eins. Ich wäre gefragt, zählte Stars zu meinen Freunden, und die Presse wäre begierig darauf, meine Meinung zu den wirklich bedeutenden Problemen der Zeit zu erfahren.

Eine Krise in Nahost? Hören wir, welche Lösung die informierte Beobachterin Carly Cooper vorzuschlagen hat.

Sind die so genannten »neuen« Männer lediglich »alte« Männer, die Kosmetika benutzen? Fragen wir Carly Cooper!

Ist der tägliche Orgasmus unerlässlich für unsere seelische und körperliche Gesundheit? Ich werde diese Frage aus nahe liegenden Gründen an Carly Cooper weitergeben.

Aus dem kometenhaften Aufstieg zur Autorin des Jahres und der Frau »am Puls des Zeitgeists der modernen Gesellschaft« war also nichts geworden. Vor lauter Kindern, Haushalt, Alltagstrott war mir das lange Zeit gar nicht aufgefallen – genau wie die Sache mit dem Sex. Für den Verlag, der meine ersten beiden Manuskripte gekauft hatte, sollte ich noch ein drittes Buch schreiben, aber mir fehlte offen gestanden die Motivation.

Meinen ersten Vertrag hatte ich unterschrieben, bevor man »Welches verdammte Kleingedruckte?« sagen konnte.

Ein folgenschwerer Fehler, wie sich herausstellte. Ich war jetzt nämlich vertraglich an einen kleinen, unabhängigen Verleger gebunden, der nur winzige Auflagen drucken ließ und dessen Werbebudget in etwa der Summe entsprach, die eine durchschnittliche Firmenbelegschaft am 24. Dezember in ihrer Weihnachtskasse hat. Diese Umstände trugen maßgeblich zu meinem kläglichen Einkommen und meinem Scheitern als neues literarisches Schwergewicht bei.

Meine ersten beiden Bücher waren einen Monat nach dem angeblichen Erscheinungstermin in die Buchläden gekommen, innerhalb weniger Wochen verkauft – kein Wunder bei einem Lagerbestand von etwa vier Exemplaren pro Geschäft – und danach nicht mehr lieferbar, weil der Verlag sich bereits auf den Titel für den nächsten Monat konzentrierte. Als mein erstes Buch Achtung, Brustwarzenerektion! erschienen war, hatte ich in meiner Begeisterung jeden Medienschaffenden, den ich jemals kennen gelernt hatte, angerufen und jeden Gefallen, den man mir schuldig war, eingefordert. Meine One-Woman-PR-Kampagne ließ sich recht Erfolg versprechend an – bis die Leute in den Buchläden nach meinem Roman fragten und ihn nirgends bekamen. Ich wusste, dass es so war, weil ich erfahrene professionelle Testeinkäufer losschickte: Die Mädels und ich riefen sämtliche Buchläden im Umkreis von zehn Meilen an, aber keiner führte mein Buch.

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