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Happy End mit einem Millionär

1. KAPITEL

Starr Cimino nahm sich fest vor, sich einen hübschen neuen Pyjama zuzulegen, selbst wenn ihr Liebesleben zurzeit wohl eher im Koma lag. Ihrer Erzfeindin in einem ausgeleierten, fadenscheinigen T-Shirt gegenübertreten zu müssen, noch bevor sie sich mit einem Kaffee für das Duell hatte stärken können, war ein denkbar misslungener Start in den neuen Tag. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre kläglichen eins fünfundfünfzig ohne Schutzpanzer zu verteidigen.

Rückgrat, ein dickes Fell und Schlagfertigkeit mussten wohl reichen. Starr straffte die Schultern und stellte sich der eindrucksvollen, vor Energie strotzenden Lady in den Weg, die vor der offenen Tür ihres kleinen Hauses in Charleston, South Carolina, stand.

Starr zweifelte keinen Moment daran, dass sie jeden auf die Bretter schicken konnte, der sie zu bedrohen wagte. Sie hatte schon früh lernen müssen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, nach allem, was ihre zwielichtigen Eltern sie gezwungen hatten durchzumachen. Aber irgendwie kam es ihr in dieser speziellen Situation nicht richtig vor, eine achtundsiebzig Jahre alte Dame einfach so zu verdreschen – eine Frau, die noch dazu die Mutter des Mannes war, dem sie ihr Herz und ihre Jungfräulichkeit geschenkt hatte.

Wenigstens hatte sie ihr Herz zurückbekommen können.

Starr erinnerte sich an die Ermahnungen ihrer Pflegemutter, die sie nur Tante Libby nannte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und zwang sich zu einem Lächeln. „Was kann ich für Sie tun, Mrs. Hamilton-Reis?“

Etwas blaue Lebensmittelfarbe in ihren Fischteich werfen, damit die Lieblingstierchen der alten Hexe aussahen wie Nemo? Na schön, Starr musste zugeben, dass Tante Libbys Erziehung nicht ganz den gewünschten Erfolg gehabt hatte.

Es war nicht gut für Starr, immer noch einen solchen Groll auf die alte Dame zu haben. Sie sollte es endlich schaffen, über etwas, das so weit zurücklag, hinwegzukommen, aber diese Frau hatte Starr siebzehn Jahre lang schlimmer behandelt als die Algen auf ihrem Fischteich.

Mrs. Hamilton hatte alles getan, um zu verhindern, dass Starr ihrem kostbaren Sohn und Erben den Kopf verdrehte. Also hatten David und Starr sich heimlich hinter den Dünen getroffen und waren am Spalier der Rosenstöcke hochgeklettert, um in Davids Zimmer zu gelangen – in diesem einen stürmischen Jahr ihrer Teenagerromanze, die Starrs Herz hatte höher schlagen lassen. Bis die große Ernüchterung kam und ihr das Herz brach.

„Was du für mich tun kannst?“ Alice Hamilton-Reis’ Stimme hob und senkte sich so aufgebracht wie die an die Küste schlagenden Wellen. „Du kannst deinen Verwandten sagen, dass sie ihre Wohnmobile aus meiner unmittelbaren Umgebung verschwinden lassen sollen.“

Ihre Familie war hier?

Starr erschauderte, als sie tatsächlich drei Wohnmobile auf dem Rasen sah, der sich zwischen dem historischen Herrenhaus der Hamilton-Reis’ und ihrem Häuschen befand – dieselben Wohnmobile, in denen Starr herumgereist war, bevor das Schicksal und eine hartnäckige Sozialarbeiterin sich eingemischt hatten.

Mist!

Sie fuhr sich mit beiden Händen durch das zerzauste Haar, als könnte sie damit auch Ordnung in ihr ungeordnetes Leben bringen. Doch so viel Glück würde sie wohl kaum haben. Und tatsächlich, in diesem Moment erschien die Verkörperung ihres persönlichen Unheils auf der Bildfläche … mit den unverwechselbar breiten Schultern und der typisch selbstbewussten Haltung.

David.

Die Wohnmobile waren sofort vergessen.

Mit derselben lässigen Eleganz, die er schon als schlaksiger Jugendlicher besessen hatte, ging er die Stufen des herrschaftlichen Hauses, das aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg stammte, herunter. Schon früher hatte sein bloßer Anblick genügt, um Starrs Puls zum Rasen zu bringen. An David sahen alle Sachen gut aus, daran gab es keinen Zweifel. Er trug eine dunkle Hose und ein weißes Hemd, das sein schwarzes Haar und die sonnengebräunte Haut wunderbar hervorhob.

Auch jetzt schlug ihr Herz schneller, aber dieses Mal aus einem anderen Grund. Vor über zehn Jahren hatte David sie mit seinen unnachgiebigen Forderungen zutiefst verletzt. Er hatte von ihr verlangt, die schwer erkämpfte Kontrolle über ihr Leben aufzugeben. Und der Himmel möge ihr beistehen, aber ein Mal war sie fast der Versuchung erlegen, ihm diesen Gefallen zu tun. Das war, als sie ihn vor einem Jahr wiedergesehen hatte. Damals war von ihrer Willenskraft weit und breit keine Spur gewesen. In nur wenigen Minuten war Starr mit David im Bett gelandet. Dann hatten sie sich angezogen, und David war wieder mit derselben Leier gekommen – Starr sollte ihm rund um den Erdball folgen und das einzige Zuhause verlassen, das sie je kennengelernt hatte. Sie sollte nach seiner Pfeife tanzen.

Was absolut nicht infrage kam.

Starr verschwendete lieber keinen Gedanken daran, dass sie seit damals mit keinem Mann geschlafen hatte – wovon ihre nicht gerade elegante Unterwäsche und ihr in den letzten Zügen liegendes Liebesleben nur allzu deutlich zeugten. Aber dieses Mal würde sie ihm standhalten, selbst wenn ihr liebeshungriger Körper schon bei Davids Anblick vor Erregung zu vibrieren begann.

Der Himmel wusste, dass sie schon genug damit zu tun hatte, mit dem Auftauchen ihrer Eltern fertig zu werden – nicht zu den Wohnmobilen hinübersehen –, ganz zu schweigen von den eiskalten Blicken, die Davids hochwohlgeborene Mama ihr zuwarf.

David blieb auf der untersten Stufe der Treppe stehen, die zu Starrs Veranda heraufführte. „Mutter, du darfst in der feuchten Morgenluft nicht draußen sein.“ Ein Handtuch lag um seine Schultern, wahrscheinlich war er gerade beim Rasieren gewesen, als er seine Mutter hinausstürmen sah. „Der Arzt hat gesagt, du sollst die Beine hochlegen, bis das neue Medikament zur Blutdrucksenkung wirkt.“

Na, wunderbar. Sie musste freundlich sein zu Davids Mutter, wenn sie nicht wollte, dass die alte Hexe hier vor ihrem Haus einen Schlaganfall erlitt.

Sie erinnerte sich an Tante Libbys Ermahnungen – „Manieren, mein Kind, Manieren“. Lieber Himmel, dachte Starr und suchte nach Worten, die die alte Dame nicht aufregen würden. Seemöwen und Kraniche schwebten auf der Suche nach ihrem Frühstück an der Küste entlang. Weit entfernte Kirchenglocken aus dem Zentrum von Charleston schlugen sieben Mal.

Starr zog unauffällig an ihrem T-Shirt und tat so, als würde sie ihr Lieblingsjeanskleid tragen und dazu noch schicke Schuhe mit hohen Absätzen. Sie war sehr gut darin, die Prinzessin zu mimen, denn sie hatte es früher als Kind auf der Straße bis zur Perfektion geübt. Sie weigerte sich zudem konsequent, sich für die Dinge zu schämen, die ihre Eltern getan hatten und die Starr für sie hatte tun müssen. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie jetzt eine Geschäftsfrau war. Sie und ihre beiden „Schwestern“, alle Pflegekinder von Libby Sullivan, hatten das von ihrer Pflegemutter geerbte Herrenhaus ins „Beachcombers“ verwandelt, ein immer beliebter werdendes Restaurant.

Sie machte einen Schritt zur Seite und wandte sich an ihren ehemaligen Liebhaber, der viel zu gut aussah für diese frühe Stunde mit seinem noch von der Dusche feucht glänzenden dunklen Haar. Wenn sie doch nur keine so lebhafte Vorstellungskraft hätte! „Hallo, David, deine Mutter und ich überlegten uns gerade einen besseren Parkplatz für meine …“ Sie brachte es nicht über sich, das Wort „Familie“ auszusprechen. Diese Menschen hatten das Recht dazu durch ihr verantwortungsloses, liebloses Verhalten eingebüßt.

Mrs. Hamilton-Reis drehte sich zu David um, der jetzt bei ihr angekommen war, und klammerte sich an seinen Arm, als wäre sie zu schwach, sich selbst aufrecht zu halten. „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Rummelplatzwagen woanders parken. Sicher wäre es doch auch besser für das Restaurant, wenn sie dort drüben am Strand stünden.“

Seine Mutter achtete immer darauf, sich vor David höflich auszudrücken, aber Starr hatte jetzt ein wenig Mühe, sich auf seine liebe Mama zu konzentrieren, wo er so dicht vor ihr stand und sie in Aufruhr versetzte.

Sie konnte das Monogramm auf dem Handtuch erkennen. Der Duft seines Aftershaves, der sich mit dem salzigen Geruch des Meeres vermischte, erregte ihre Sinne wie in alten Zeiten. Eine fatale Kombination. Wie sollte sie da nicht die Kontrolle über sich verlieren? Und wie er sie ansah, als würde er sie mit den Blicken ausziehen, ließ sie völlig vergessen, was sie anhatte, denn es spielte in diesem Moment überhaupt keine Rolle.

Starr wandte sich an Mrs. Hamilton-Reis, die all das verkörperte, warum sie sich von David fernhalten musste. „Ich werde ihnen sagen, dass sie näher am Strand lagern sollen, wo der Rasen nicht von ihren Wagen zerstört werden kann.“

Davids Mutter nickte. „Das wäre sehr viel besser fürs Geschäft, meine Liebe.“ Sie tätschelte David den Arm. „Ich danke dir für deine Fürsorge, mein Schatz. Ich werde auf der Veranda frühstücken und dabei die Füße hochlegen, und es wäre schön, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest.“

Er nickte. „Ich komme gleich nach.“

Die Frau, die früher jede Gelegenheit genutzt hatte, um Starr daran zu erinnern, dass sie sich David bei der Verfolgung seiner Pläne nicht in den Weg stellen durfte, zwang sich zu einem Lächeln, bevor sie sich zum Gehen wandte. „Es freut mich, dass wir eine Lösung finden konnten, meine Liebe.“

Starr schloss sekundenlang seufzend die Augen. David, ihre Eltern, Alice Hamilton-Reis – das war alles zu viel auf einmal. Sie hatte vergessen, dass Davids Mutter immer auf freundlich schaltete, wenn ihr Sohn in der Nähe war. Nicht dass sie jemals richtig gemein zu ihr gewesen wäre. Nein, sie war immer nur subtil eiskalt in ihrer Ablehnung gewesen, dass Starr manchmal das Gefühl gehabt hatte, Eiszapfen würden sich in ihrem Haar bilden.

Sie schüttelte die verdammte Unsicherheit entschlossen ab und öffnete die Augen. David war noch da, und die liebe Mama war gegangen. Jetzt musste sie schnell handeln, bevor ihre Leute in dem Wohnmobil aufwachten und sie alle Hände voll mit ihnen zu tun haben würde.

Ach, reiß dich zusammen, sagte sie sich. Du bist eine Geschäftsfrau, die einem attraktiven, verführerischen Mann begegnet ist, den sie aus früheren Zeiten kennt, mehr nicht. So etwas wird dich doch wohl nicht aus dem Gleichgewicht bringen. „Du bist also wieder zurück aus … wo immer du dieses Mal gewesen bist.“

Obwohl der Reichtum seiner Familie es ihm ermöglichen würde, sein Leben lang keinen Finger zu rühren, arbeitete David immer noch als Agent für eine Spezialeinheit der Air Force. Er reiste um die Welt und besuchte die verschiedensten Länder, meist unerkannt, so wie er es sich immer vorgenommen hatte, als er noch ein Teenager war, mit Starr am Strand lag und von der Zukunft träumte. Schon damals hatte er gewollt, dass sie ihn begleitete, wenn sein Auftrag es erlaubte. Aber Starr hatte sich schon damals dagegen gewehrt. Zu sehr fühlte sie sich ihrer neuen Heimat und ihrer Pflegefamilie verbunden.

David lehnte sich an einen Verandapfosten, und Starr dachte, dass er ihr plötzlich viel zu nah war. „Ich war in Griechenland und habe bei einer Taskforce der Nato zur Terrorismusbekämpfung gearbeitet.“

„Oh. Du darfst sogar sagen, was du gemacht hast? Das kommt nicht oft vor. Klingt ja wirklich spannend.“

Er schwieg, aber Starr hätte nicht sagen können, ob aus Bescheidenheit oder aus Zurückhaltung. Das Rauschen der Wellen und die Geräusche der ersten Besucher, die sich auf den Weg ins Restaurant machten, nahm Starr wie aus weiter Ferne wahr, weil ihre ganze Aufmerksamkeit nur diesem Mann galt.

In ihrer Nervosität sagte sie schnell etwas, um das Schweigen zu brechen. „Ich nehme an, das war einer von jenen Aufträgen, zu denen ich dich immer begleiten sollte.“

David hob eine Augenbraue und legte den Kopf leicht auf die Seite, aber er antwortete immer noch nicht. Die Situation wurde für Starr immer unangenehmer. Es war unfair, dass David sich nie aus der Ruhe bringen ließ.

„Aber wir wissen ja beide“, fuhr sie verzweifelt fort, „dass das nicht infrage käme. Als ob ich einfach alles stehen und liegen lassen und nach Griechenland fahren könnte. Ich muss ein Geschäft führen und habe Verpflichtungen meinem Geschäftspartner und meinen Schwestern gegenüber. Aber es klingt trotzdem sehr exotisch.“

Ihre Schwester Claire hätte sich vor allem für die interessanten Kochrezepte interessiert, die Starr möglicherweise von einer Griechenlandreise mitgebracht hätte. Im „Beachcombers“ servierten sie vor allem typische Gerichte der Region. Aber Claire hatte Spaß daran, immer wieder mal etwas Ungewöhnliches hinzuzufügen, und Starr hätte von ihren Reisen mit David sicherlich viele tolle Ideen mitgebracht. Nun gut, das Thema war ja durch.

Früher hatte Starr manchmal davon geträumt, nach Europa zu reisen und die großen Meister der Malerei zu studieren, aber am Ende hatte sie sich gesagt, dass es doch nichts für sie war. Sie hasste es, ständig unterwegs zu sein. Das war sie mit ihrer Zigeunerfamilie in den ersten zehn Jahren ihres Lebens mehr als genug gewesen.

Sie blühte richtig auf in der Sicherheit ihres kleinen Hauses gleich hinter dem Restaurant, und jeden Morgen war sie glücklich, wenn sie vom immer gleich bleibenden Rauschen des Meers aufgeweckt wurde. Für andere Leute hörte sich das vielleicht nicht nach etwas Besonderem an, aber für sie war es ihr Zuhause.

„Exotisch?“, wiederholte er spöttisch. „Früher hast du mal gedacht, dass es ganz einfach nur nach ‚zu weit von zu Hause entfernt‘ klang.“

Starr unterdrückte einen Seufzer. Sie hatte sich gefragt, wie lange die friedliche Atmosphäre noch anhalten würde. „Wollen wir das wirklich noch mal durchkauen, David?“

Er zupfte eine zerknitterte silberfarbene Papierblume von ihrer Schulter. Mit solchen Blumen hatte sie kleine Geschenkbeutel für eine Hochzeitsfeier in ihrem Restaurant dekoriert. Na, wunderbar. Die Sterne standen heute wirklich nicht sehr günstig für sie. Sie sah nicht nur unmöglich aus, sondern dazu noch wie eine Neunjährige, die beim Basteln zu große Begeisterung an den Tag gelegt hatte.

Ein Lächeln erschien um Davids Mundwinkel, und wie immer machte ihr Magen einen Salto. David steckte ihr die Papierblume kurzerhand hinter das Ohr.

Er berührte sie dabei mit den Knöcheln ganz zart und scheinbar zufällig an der Wange, aber Starr war sicher, dass diese Berührung Absicht gewesen war. Sie kannte ihn. Und sie erinnerte sich noch viel zu gut daran, wie sich seine Berührungen anfühlten – aus der Zeit, als sie noch Teenager waren, und von dem kurzen Moment vor einem Jahr, als sie ihm nicht hatte widerstehen können. Aber sie konnte unmöglich ihr ganzes Leben damit zubringen, sich von David Reis ins Bett oder gegen die Wand locken zu lassen, wenn er wieder mal im Land war.

Starr trat entschlossen einen Schritt zurück. „Ich werde die Augen offen halten, was deine Mutter angeht. Lass deine Handynummer da, und ich melde mich bei dir, wenn ich mitbekomme, dass sie nicht auf sich aufpasst.“

„Danke.“

Sie überlegte einen Moment, ob sie ihn nach Einzelheiten über den Gesundheitszustand seiner Mutter fragen und ihm sogar ihr Mitgefühl anbieten sollte, denn schließlich war es seine Mutter, aber das würde ihn nur noch länger auf ihrer Veranda verweilen lassen. Und immer wenn sie eine längere Zeit zusammenstanden, endete es damit, dass sie anfingen, sich zu streiten, und er sie dann küsste, um sie zum Schweigen zu bringen. „Wir sind beide schreckliche Idioten.“ Er hob eine Augenbraue. „Wie bitte?“

„Wir müssen beide arbeiten.“ Sie griff nach der Tür. „Ich muss mich wirklich anziehen, also …“

„… soll ich gefälligst meinen Hintern von deiner Veranda herunterbewegen.“

Sie lachte. „Das hast du gesagt, nicht ich.“

Dann wich sie noch ein Stück zurück und lehnte sich an die Tür ihres Hauses, in dem überall ihre Mal- und Bastelutensilien herumlagen und dessen Einrichtungsstil ein bunter Mix aus klassisch und modern war. Aber es gehörte ihr, und sie liebte es.

Als David sich ohne Protest zurückzog, atmete sie erleichtert auf. Sie hatte sich gut gehalten, sie hatte ihren Willen durchgesetzt, und sie hatte sich nicht von Davids Anziehungskraft verwirren lassen. Und das Beste war, dass sie ihn losgeworden war, bevor ihre Leute auf den Plan getreten waren.

Danke, Tante Libby, dass du da oben ein gutes Wort für mich eingelegt hast.

Aber sie konnte sich nicht in alle Ewigkeit auf Tante Libbys Hilfe verlassen. Bei ihrem Glück würde ihre Familie Campingtoiletten aufstellen und von ihren Gästen Eintritt verlangen. Ihre Eltern verpassten nie eine Gelegenheit, sich einen Dollar zu verdienen, und wenn sie das schafften, ohne arbeiten zu müssen, umso besser.

Ihre Eltern. Warum sie sich nicht von ihnen endgültig lösen und sie Gita und Frederick nennen konnte, wollte ihr einfach nicht in den Kopf. Ja, es waren natürlich ihre Eltern, aber sie hatte die beiden nie als solche erlebt. Sie hatte nie die tiefe Liebe, die Zärtlichkeit und das Vertrauen erfahren, die eine ElternKindBeziehung ausmacht und festigt.

Bis heute litt sie unter dieser inneren Zerrissenheit, dass sie einerseits jeglichen Kontakt zu ihrer Familie abbrechen wollte, um ihren Seelenfrieden zu finden, andererseits aber unter ständigen Schuldgefühlen litt. Darf man das, sich von Mutter und Vater lossagen?

Dabei wurde Starr mit Herzlosigkeit, Lügen und Betrügereien groß, ihr kindlicher Schmerz wurde von niemandem beachtet. Bis sie zu Tante Libby kam, dem ersten Menschen, der ihre zerbrechliche Seele erkannt hatte. Im tiefsten Herzen wollte sie Tante Libby zurückhaben, ihre Pflegemutter, ihre wahre Mom.

Aber im Moment war es reine Zeitverschwendung, darüber nachzudenken. Viel wichtiger war, sich zu sammeln und stark zu sein, damit David es nicht schaffte, sich wieder an sie heranzumachen.

Trotzdem war es wirklich ungerecht vom Schicksal, ihre unberechenbaren Verwandten zu ihr zu schicken – Menschen, die sie verstoßen und ausgenutzt und bestohlen hatten –, und das ausgerechnet zum selben Zeitpunkt, den auch David gewählt hatte, um in Charleston auf der Bildfläche zu erscheinen.

2. KAPITEL

„So wie du mit der Heißklebepistole umgehst, ist es kein Wunder, dass du allein schläfst. Die Männer müssen sich ja vor Schreck zu Scharen in die Büsche schlagen.“

Claires Worte gingen Starr näher, als ihr lieb war. Niemand konnte einen besser zurechtstutzen als eine Schwester. Und Starr betrachtete Claire und Ashley als Schwestern, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren, sondern nur dieselbe Pflegemutter gehabt hatten.

Starr breitete ihre Geschenkbeutel, Muscheln, Glitzersternchen und das Seidenpapier auf der Arbeitsfläche in der Küche aus. Wenigstens hatte sie Glück gehabt, und die Leute aus dem Wohnmobil waren noch nicht aufgetaucht, sodass Starr etwas Zeit geblieben war, in der sie sich hatte sammeln können. Das Wiedersehen mit David hatte sie völlig aus dem Gleichgewicht gebracht.

Verflixt noch mal, sie musste es irgendwie schaffen, die gemeinsame Zeit mit ihm zu vergessen. Die Tage romantischer Liebe mit David waren endgültig vorbei.

Sie sah aus dem Fenster, wo die Wohnmobile und Davids Wagen standen. Ihre Schwester beschäftigte sich neben ihr mit dem Dekorieren einer Torte, während die beiden Aushilfsmädchen sich um den Rest der Frühstücksgäste kümmerten. Die sanfte Meeresbrise, die durch das offene Fenster drang und leicht mit den Spitzengardinen spielte, mochte die heiße Küche ja ein wenig abkühlen, aber sie konnte nicht die Hitze vertreiben, die Starr erfüllte – und das nur nach einer harmlosen Begegnung mit David.

Vielleicht würde sie doch mehr als ein, zwei Stunden brauchen, um sich wieder zu fassen.

Starr ließ einen Tropfen heißen Klebstoffs auf den roten Beutel in ihrer Hand fallen. „Wahrscheinlich hast du ein ganzes Jahr lang darauf gewartet, es mir heimzahlen zu können, weil ich dich ausgelacht habe wegen der Art, wie du mit dem Rührstäbchen rumgefuchtelt hast, als du mal auf Will wütend warst.“

Ihre Schwester hatte sich damals mit aller Kraft gegen die Liebe gewehrt und sogar daran gedacht, ihr Kind allein aufzuziehen, bis der nette Tierarzt sie schließlich doch erobert hatte.

Claire holte mit ihrem Tortenspatel beängstigend weit aus und rief triumphierend: „Aha! Du bist also auf einen Mann wütend!“

Wie konnte sie nur so leicht auf die List ihrer Schwester hereinfallen? „Musst du nicht dein Baby füttern?“

Besagtes Baby lag mithilfe eines bunten Schals, den Claire sich um die Schultern geschlungen hatte, bequem an ihrer Brust. „Meine kleine Libby hält ein kleines Nickerchen und ist satt und zufrieden. Mach dir keine Sorgen.“

Starr war nicht sonderlich überrascht, dass Claire auch diesen Zuwachs ohne Mühe bewältigte. Ihre Schwester hatte ihr Leben schon immer fest im Griff gehabt und ließ sich durch nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Selbst ihr seidenweiches blondes Haar lag makellos an ihrem hübschen Kopf an, kein Härchen tanzte aus der Reihe, und ihre Kleidung war zwar konservativ, aber immer elegant. Claire würde sich ihre Garderobe niemals auf den Grabbeltischen der Heilsarmee zusammensuchen, wie Starr es so gern tat. Allerdings konnte Starr in allem, was sie trug, nicht ganz ihre Vorliebe für bunte Farben unterdrücken, ebenso wenig wie sie bei ihrem künstlerischen Schaffen darauf verzichten konnte.

Claire tätschelte zärtlich den Rücken ihrer kleinen Tochter. Die Mutterschaft bekam ihr gut, und von dem liebevollen Umgang, den ihre Pflegemutter ihr und den anderen Mädchen angedeihen ließ, konnte nun die kleine Libby profitieren.

Tante Libby war eine exzentrische, erstaunliche Frau gewesen. Sie hatte ihren Verlobten im Koreakrieg verloren, danach nie geheiratet, sondern beschlossen, stattdessen Waisenkinder zur Pflege aufzunehmen. Unzählige Mädchen aus Pflegeheimen waren durch ihre Hände gegangen. Geld war knapp gewesen, aber Liebe hatte es im Überfluss gegeben. Die meisten Mädchen waren entweder zu ihren Eltern zurückgekommen, wenn ihre Eltern noch lebten, oder sie hatten Adoptiveltern gefunden. Nur drei von ihnen waren geblieben – Starr, Claire und Ashley, die gerade einen Abschluss als Buchhalterin am College gemacht hatte. Eben dieser Abschluss war auch der Anlass für den Wirbel an Vorbereitungen heute, denn sie wollten für Ashley eine Überraschungsparty geben.

Ihre schüchterne jüngere Schwester würde wahrscheinlich völlig aus dem Häuschen geraten, wenn sie davon wüsste, also hatten sie auch nur eine bescheidene kleine Party geplant. Aber Ashley hatte es verdient, dass man ihre Leistungen anerkannte. Als das Wunderkind, das sie war, hatte sie schon seit der Eröffnung vor zwei Jahren die Bücher des Restaurants geführt.

Starr schwang drohend ihre Heißklebepistole, und das erinnerte sie plötzlich an die vielen Gelegenheiten, bei denen sie Davids Pistole in seinem Schulterhalfter gesehen hatte. Sie musste an die Exklusivität seiner Weltreisen denken, aber die Gefahr, die jedes Mal dabei auf ihn lauerte, ließ sie schaudern. „Na schön, ich bin also bewaffnet und Furcht einflößend. Wieso muss das etwas mit einem Mann zu tun haben?“

Claire war gerade mit der Torte fertig, auf die sie mit Sahne „Allerherzlichste Gratulation, Ashley“ geschrieben und überall kleine rosafarbene Rosenblüten aus Zuckerguss angebracht hatte. „Es ist die Art und Weise, wie du damit umgehst.“

„Und was sagt dir das in deiner unendlichen Weisheit?“

„Es verrät mir, was du schon immer gewollt hast, soweit es David Reis anging.“ Claire bedachte ihre Schwester mit einem Blick, der besagen sollte, dass sie älter und klüger war, Starr also ...

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