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Happy End in Mailand?

PROLOG

Arabella Gable nahm ihren Sitzplatz hinter zwei anderen Models ein und wartete darauf, dass das Flugzeug abhob. Je weiter sie Italien hinter sich ließen, desto mehr fiel die Anspannung von ihr ab.

Endlich war ihre zweite Reise in dieses Land vorüber, die Gage für die Modenschau war längst auf ihrem Konto eingegangen, und ihre Schwestern und sie konnten davon leben. Von nun an würde sie nur noch in Australien arbeiten. Nach Italien brachten sie jedenfalls keine zehn Pferde mehr. Das Land war wunderschön, doch die Erinnerung an Luchino, den Fehler ihres Lebens, war auch nach über einem Jahr immer noch lebendig. Er hatte sie belogen und betrogen.

Eine Stewardess verteilte Kopfhörer für die Passagiere, die Musik hören wollten. Bella nahm ein Set und nickte der jungen Frau zum Dank zu.

„Ich kann nicht glauben, dass ich ihn gesehen habe, Karen.“ Die beiden Models auf den Sitzen vor ihr unterhielten sich lautstark.

„Ich bin so neidisch. Anscheinend reist er jetzt durch ganz Europa. Und du Glückspilz läufst ihm in Neapel über den Weg.“

Bella interessierte sich nicht für ihr Gespräch. Sie sah aus dem Fenster und wünschte, sie wäre schon zu Hause bei ihren Schwestern in dem gemütlichen Apartment in Melbourne. Ging es den beiden gut? Waren sie wirklich mit dem Geld ausgekommen, oder hatten sie sie nur beruhigt, damit sie sich keine Sorgen machte?

„Ja, ich habe ‚Mr. Diamonds‘ höchstpersönlich gesehen! Nicht den älteren Bruder. Wen interessiert der schon. Nein, Luc Montichelli …“ Karen kicherte. „Mir darf er jedenfalls jederzeit seine Ausstellungsstücke zeigen.“

Mr. Diamonds? Luc Montichelli? Bella stockte der Atem. Selbst die Sorge um ihre Schwestern rückte für einen Moment in den Hintergrund. Luchino war in Neapel gewesen, genau da, wo sie ihm jederzeit hätte begegnen können?

Dabei hatte sie sich so sicher gefühlt, hatte ihn in Mailand gewähnt, wo er lebte. Hätte sie das gewusst, wäre sie nicht hergekommen. Doch sie hatte das Geld dringend gebraucht. Bella hasste, was allein der Name dieses Mannes in ihr auslöste.

Ich bin über ihn hinweg. Es tut nicht mehr weh.

Grundgütiger. Sie hätte ihm begegnen können, ihm und seiner Frau samt Kind …

Ahnungslos setzten die Models ihr Gespräch fort, plauderten über sein gutes Aussehen und seinen Reichtum. All das wollte Bella gar nicht hören.

Sich auf Luchino einzulassen war der schlimmste, schmerzhafteste Fehler ihres Lebens gewesen.

Lareen seufzte. „Ich weiß nicht, ob ich wirklich was mit ihm zu tun haben wollte.“

„Warum nicht?“

„Weil er so skrupellos ist“, erklärte sie. „Ich habe gehört, er hat sich von seiner Frau scheiden und ihr das Sorgerecht für das Kind entziehen lassen. Und dann hat er die Kleine in ein entlegenes Dorf gebracht, wo sie von einer Kinderfrau aufgezogen wird. Das ist doch wirklich kaltblütig.“

„Wirklich?“, entfuhr es Karen. „Wieso hat er sich scheiden lassen?“

„Ich bin nicht sicher, aber sie sind schon seit Monaten getrennt.“ Lareen schwieg einen Moment lang. „Er ist nicht mehr derselbe wie früher. Das habe ich gleich bemerkt, als ich ihn gesehen habe. Da ist so ein Zorn in seinem Blick …“

Bella saß ganz still. Ihr Herz raste. Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte. Schon dass Lucs Ehe am Ende war, schockierte sie zutiefst. Aber das Kind der Mutter wegzunehmen und es nicht einmal selbst aufzuziehen, das war unverzeihlich. Es brach ihr das Herz, denn sie wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr das schmerzte.

Lareen fuhr fort: „Bestimmt hat er seiner Frau das Kind weggenommen, um sie zu bestrafen. Scheidungen können ganz schön abscheulich sein.“

„Bist du wirklich sicher, dass das stimmt?“

Bella verkrampfte die Hände im Schoß. Sie spürte immer noch, wie es gewesen war, als ihre Eltern sie und ihre Schwestern einfach verlassen hatten. Und obwohl er ihr vor einem Jahr verschwiegen hatte, dass er verheiratet war, wollte sie nicht glauben, dass Luchino seinem Kind das antun konnte.

Sie wollte nicht glauben, dass irgendein Mensch so etwas einfach so tun konnte.

Sie selbst hatte versucht, ihre Schwestern vor dem Schlimmsten zu bewahren, ihnen die Sorgen um Essen und Unterkunft zu ersparen, doch sie waren nicht dumm. Sie wussten Bescheid, und dass sie spürte, wie sehr sie litten, machte es für Bella noch schwerer. Ihr höchstes Ziel war es gewesen, sie zu beschützen und ihnen ein Zuhause zu schenken.

Zorn wallte in ihr auf. Und diesen Zorn, der bisher ihren Eltern vorbehalten gewesen war, übertrug sie nun unwillkürlich auf Luc. Er hatte sie umgarnt, obwohl er verheiratet gewesen war und ein Kind hatte. Hals über Kopf hatte sie sich in ihn verliebt und geglaubt, in ihm ihre wahre Liebe gefunden zu haben. Als dann seine Frau auf der Bildfläche erschienen war, musste sie einsehen, dass Luc nur mit ihr gespielt hatte.

Doch sie hatte ihre Lehre aus dieser Erfahrung gezogen und einen Schutzwall um ihr Herz errichtet.

„Ja, es stimmt“, sagte Lareen jetzt. „Meine Cousine arbeitet im Nachbardorf. Sie war im Laden, und der Besitzer hat ihr alles brühwarm berichtet.“

Lareen senkte die Stimme. „Die Kinderfrau hat ihm selbst erzählt, dass Luc sich so gut wie nie zeigt. Er zahlt zwar anstandslos alle Rechnungen, doch mit seiner Tochter will er nichts zu tun haben.“

Dann sprachen sie noch darüber, wie sich wohl das kleine Mädchen fühlen mochte. Als ob sie auch nur die geringste Ahnung davon hätten.

Mit zitternden Fingern setzte Bella die Kopfhörer auf und stellte die Musik laut.

1. KAPITEL

Es war ein warmer Spätsommernachmittag. Wenige Minuten vor Feierabend betrat der hochgewachsene, gut aussehende Mann die Boutique „Maria’s“ in Melbourne und schritt interessiert zwischen den Regalen mit den schicken italienischen Handtaschen, Pariser Schals und eleganten Kleidern umher.

„Guten Abend, Sir. Kann ich Ihnen helfen?“ Die Worte kamen Arabella höflich und professionell über die Lippen. Sie hütete sich, sich ihre Erschöpfung nach dem langen Tag anmerken zu lassen.

Der Mann wandte den Kopf, und Bella unterdrückte einen Schrei. Dann stürmten Erinnerungen auf sie ein. Vor sechs Jahren, sie war noch nicht einmal zwanzig gewesen, hatte dieser Mann ihr Herz in seinen Händen gehalten. Und er hatte diese Macht missbraucht.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als Bella ihm ins Gesicht schaute.

Sie hätte niemals gedacht, ihn wiederzusehen.

Was wollte er hier? Ihre Gedanken überschlugen sich.

„Wenn ich dir erkläre, was ich will, wird dir keine andere Wahl bleiben, als mir zu helfen.“ Sein leichter Akzent war ihr immer noch so vertraut, dass sie eine Gänsehaut bekam.

„Luchino.“ Sein Name kam einem Flüstern gleich über ihre Lippen.

Bella ließ den Blick über sein Gesicht gleiten. Er hatte sich kaum verändert. Dunkles Haar, schokoladenbraune Augen, ein markantes Kinn und ein sinnlicher Mund. Sein durchtrainierter Körper steckte in einem teuren Designeranzug. Durch und durch strahlte er Reichtum, Macht und Sinnlichkeit aus.

„Ja, ich bin’s, Luc. Es ist lange her, Arabella.“ Er musterte sie seinerseits. „Du bist noch schöner geworden.“

Ihr Herz begann zu rasen. Sie verfluchte diese Reaktion auf seine Blicke.

„Du siehst auch gut aus“, gab sie kühl zurück. „Warum bist du hier, Luchino? Ich wüsste nicht, wobei du meine Hilfe bräuchtest.“

„Eigentlich wollte ich dich nie wiedersehen, Arabella.“ Luc presste die Lippen zusammen. „Ich kann dir versichern, dass ich nicht freiwillig hier bin.“

„So. Du würdest mich also lieber nicht sehen. Ich kann dich beruhigen: Diese Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit.“ Obwohl Bella ihm die Worte entgegenschleuderte, blieb der Anflug von Sentimentalität in seinem Blick, und ihr verräterisches Herz rief ihr alles in Erinnerung, was sie miteinander geteilt hatten. Aber diese Erinnerungen waren Illusionen. „Ich muss den Laden jetzt schließen. Warum auch immer du hier bist …“

Maria würde sie umbringen, wenn sie wüsste, dass sie einen Kunden rauswarf.

„Um Himmels willen, mach endlich den Laden zu.“ Mit seiner gepflegten Hand wies er ungeduldig zur Tür. „Oder gib mir den Schlüssel, dann schließe ich ab. Was ich dir zu sagen habe, ist nicht für fremde Ohren bestimmt.“

„Wie kommst du darauf, dass ich mich mit dir allein unterhalten will? Wir sind nicht gerade als Freunde auseinandergegangen, falls du es vergessen haben solltest.“

„Gar nichts habe ich vergessen.“ Seine Worte klangen wie eine Drohung, und er ließ den Blick anzüglich über ihren Körper gleiten.

Aber was sieht er da schon, dachte Bella. Zwar hatte sie eine zarte, glatte Haut und große Augen, deren Braun eine Spur heller war als seine eigenen, aber sie fand ihre Gesichtszüge ein wenig zu herb, um wirklich attraktiv zu sein. Und wieso sollte sie überhaupt auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden, was er dachte?

„Übrigens führe ich einen Laden, ein paar Blocks von hier entfernt.“ Er warf einen Blick auf die Kleider, Hüte, Schals und Handtaschen.

„Der gehört dir?“ Bella versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Vor zwei Wochen hatte ein Juweliergeschäft mit dem Namen „Diamonds by Montichelli“ eröffnet. Sie hatte es in der Zeitung gelesen, es dann aber wieder vergessen. „Ich dachte, der Laden wäre nur eine weitere Filiale der Zentrale in Sydney. Wolltest du dich nicht auf Design konzentrieren?“

Ich dachte, ich sehe dich nie wieder, und ich will dich nie wiedersehen!

Jedes Mal, wenn ihre jüngeren Schwestern in den letzten fünf Jahren gelitten, sich gesorgt oder gefürchtet hatten, waren ihre Gedanken zu Luchino geschweift, weil auch er sie verletzt und verlassen hatte. Genau wie ihre Eltern. Er hatte kein Recht gehabt, mit ihren Gefühlen zu spielen und ihr wehzutun.

Wenn er nun plante, in Melbourne zu bleiben, würde sie ihm wahrscheinlich ständig über den Weg laufen. Wie sollte sie damit fertig werden? Die Ladenschlüssel fielen ihr aus der Hand auf die Glasplatte der Theke, und sie ärgerte sich, dass er diese Schwäche bemerkte. „Arbeitest du hier einen Manager ein, oder planst du, das Geschäft selbst zu führen?“

„Ich bin nicht mehr im Familienunternehmen. ‚Diamonds by Montichelli‘ ist meine Firma. Sie trägt zwar den Familiennamen, aber der Laden wird allein wegen meines Einsatzes, meines Designs und meines guten Rufes florieren.“

Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein schmerzhafter Ausdruck über sein schönes Gesicht, dann senkte er den Blick. „Ich habe mehrere Positionen inne: Geschäftsführer, Chefdesigner, Verkäufer, Handwerker, einfach alles, was gebraucht wird. Ich bleibe in Melbourne.“

Er wollte also hierbleiben und sich von seiner Familie trennen. Sofort überlegte Bella, was vorgefallen sein könnte. Doch eigentlich wollte sie doch gar nichts mit ihm zu tun haben, geschweige denn Mitgefühl für einen Mann empfinden, der sein Kind im Stich gelassen hatte. „Und deshalb heißt das Geschäft nicht einfach ‚Montichelli’s‘ wie all die anderen“, stellte sie fest.

„Richtig.“ Luchino wandte sich von ihr ab und ging zur Tür. „Beeil dich, Arabella, damit wir unser Gespräch hinter uns bringen können.“

„Ich habe sowieso kaum Zeit“, warnte sie ihn und verstaute die Tageseinnahmen im Safe hinter dem Tresen.

Luchino drehte sich wieder zu ihr um. „Du hast wirklich Talent, Arabella. Diese Kleider sind gut. Angesichts deiner Kreationen bleibt zu hoffen, dass du das Unglück, das du angerichtet hast, wiedergutmachst.“

Bei seinem Lob hatte Bella sich beinahe entspannt. Jetzt jedoch horchte sie auf. „Unglück? Was für ein Unglück?“

„Du hast das Modeln aufgegeben und treibst stattdessen Frauen mittleren Alters in den finanziellen Ruin. Du musst wirklich stolz auf dich sein.“

„Als Model habe ich nur gejobbt, um mich und meine Schwestern über Wasser zu halten …“ Bella schwieg abrupt. Vor ihm brauchte sie sich für nichts zu rechtfertigen. Dann fiel ihr sein letzter Satz ein. „Außerdem habe ich niemanden in den finanziellen Ruin getrieben. Was meinst du überhaupt damit?“ Bella hatte einen Vertrag mit Maria Rocco, der besagte, dass sie ihre Kollektion ausschließlich in deren Boutique verkaufte. Dieser Vertrag sollte über fünf Jahre laufen, sofern Maria ihre Kollektion im Voraus bezahlte. Es war ein vernünftiges Abkommen, denn Bella war von ihrem Erfolg überzeugt.

„Maria Rocco ist meine Tante“, erklärte Luchino und forschte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion. „Und ihre Geschäfte sind auch meine Geschäfte.“

Bella ließ sich ihren Schrecken nicht anmerken. „Maria ist eine Rocco, keine Montichelli, und sie hat gesagt, sie habe keine Familie.“

„Meine Tante hat Mailand vor langer Zeit verlassen und ihren Namen geändert. Kein Wunder, dass sie sich selbst als alleinstehend betrachtet.“ Wütend fuhr er fort: „Ich bin sicher, ihre Situation kam dir sehr gelegen. So konntest du ihr das Geld ungehindert abluchsen.“

„Das habe ich doch gar nicht getan! Woher weißt du überhaupt von unserer Vereinbarung?“

Luc hob die Hand an seine Brusttasche, als wollte er sich vergewissern, dass dort noch etwas Bestimmtes vorhanden war. Und wirklich sah Bella etwas aus der Tasche hervorlugen, die Ecke eines Fotos vielleicht.

Doch bevor sie weiter mutmaßen konnte, hatte Luc die Lippen, die einst Koseworte geraunt und sie verführt hatten, wieder geöffnet und fuhr fort: „Ich habe meinen Finanzberater gebeten, Kontakt zu Maria herzustellen, und er berichtete mir, sie habe jemanden unter ihre Fittiche genommen. Als er deinen Namen erwähnte, habe ich Details eingefordert.“

„Das ist ein Eingriff in Marias und in meine Privatangelegenheiten“, protestierte Bella.

„Und es wurde höchste Zeit für diesen Eingriff“, erklärte er mit Nachdruck. „Ich werde nicht zulassen, dass Maria sich deinetwegen finanziell vollkommen ruiniert. Irgendwie ist es dir gelungen, sie dazu zu bringen, deine gesamte Kollektion zu einem astronomischen Preis zu erwerben. Im Vertrag gibt es keine Klausel, die sie schützt, falls nichts davon verkauft wird. Sie wird keinen Cent ihres Geldes wiedersehen. Abgesehen davon hast du sie überredet, dich hier anzustellen, damit du noch mehr Klamotten herstellen kannst, die sich vielleicht niemals verkaufen werden.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Ein Fünfjahresvertrag, bei dem Maria das gesamte Risiko trägt, während du dich an ihrem Geld bereicherst. Leugne es gar nicht erst.“

Bella runzelte die Stirn. Es war ihr höchstes Ziel, die Kollektion zu einem Erfolg zu machen, und Maria glaubte, ebenso wie sie selbst, daran. „Es ist eine Vereinbarung, kein Vertrag.“

„Es ist Diebstahl unter dem Deckmantel eines Arbeitsvertrages.“

„Du nennst mich eine Diebin? Wie kannst du es wagen!“ Ihre Gedanken überschlugen sich. Maria hatte eine Familie? Aber sie hatte immer das Gegenteil behauptet. Und diese Familie waren die Montichellis? Luchino hatte sich nicht nur über Maria informiert, sondern auch über sie. „Du hast hinter meinem Rücken Informationen über mich eingezogen, als hättest du auch nur das geringste Recht dazu. Wie tief hast du in meiner Vergangenheit herumgewühlt?“

„Mich interessierten lediglich deine Finanzen, Arabella, und die Arbeit, die du in den letzten Jahren geleistet hast. So habe ich alles über deine Vereinbarung mit meiner Tante herausgefunden. Dafür werde ich mich bestimmt nicht entschuldigen. Maria ist und bleibt meine Tante.“ Sein Gesichtsausdruck wurde weicher, als er das sagte. „Sie gehört zur Familie … und ich möchte den Kontakt mit ihr wiederherstellen, wenn möglich. Ich habe ein Treffen mit ihr arrangiert.“

Sein Wunsch nach Familie war erstaunlich, wenn man seine Vergangenheit bedachte. Dennoch schien es ihm ernst zu sein. Bella rief sich ins Gedächtnis, dass er beides sein konnte: überzeugend und Akteur in einem Doppelspiel.

Zornig funkelte sie ihn an. Ihre Finger schmerzten vom stundenlangen Nähen der Applikationen an die Ärmel ihrer jüngsten Kreation. Für diese Arbeit zog sie sich immer in den angrenzenden Raum zurück, während Marias Geschäftsführerin sich um die Kunden kümmerte. Jetzt wollte sie nur noch nach Hause, in ein bequemes Outfit schlüpfen und eine Stunde Pilates-Übungen vor dem Fernseher machen.

Stattdessen musste sie sich mit einem verärgerten Mann auseinandersetzen, den sie nie wiederzusehen gehofft hatte und der glaubte, sie würde seiner Tante finanziellen Schaden zufügen. „Trotz allem, was du sagst, hast du nicht sehr gut recherchiert, Luchino. Ich stelle keinerlei finanzielle Gefahr für Maria dar.“

„Im Gegenteil“, widersprach er. „Durch den Kauf deiner Ware ist sie nahezu bankrott.“ Er fuhr sich durch das dichte dunkle Haar.

Glänzendes, seidiges Haar, das sich leicht wellte …

Bella riss sich zusammen und bedachte Luc mit einem eisigen Blick. Natürlich war es eine Menge Geld gewesen, denn sie hatte eine starke Finanzspritze benötigt, um die besten Stoffe und die beste Ausrüstung anschaffen zu können. Aber ihre Entwürfe rechtfertigten diese hohen Auslagen.

Es mochte ein paar Jahre dauern, doch Maria würde ihr Geld zurückbekommen. Und viel mehr als das, davon war sie überzeugt. „Deine Tante ist sehr wohlhabend, Luchino. Sie besitzt ein Penthouse-Apartment im begehrtesten Teil der Stadt, fährt den modernsten Luxuswagen und reist jede zweite Woche zu Einkaufstouren nach Übersee. Sie hat meinen Bedingungen zugestimmt, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.“

Luchino schüttelte den Kopf. „Maria lebt seit Jahren über ihre Verhältnisse. Dieses Apartment ist nur gemietet, ebenso wie der Wagen, und mit diesen Reisen hat sie sich tief verschuldet.“ Seine Miene verfinsterte sich, als er sich im Laden umsah. „Sie hätte niemals in dein Unternehmen investieren dürfen.“

„Meine Kollektion wird sich verkaufen. Es war eine lohnende Investition, und das werde ich beweisen.“ Noch während sie das sagte, zog sich ihr der Magen zusammen.

Sie hatte Maria nicht gefragt, wie es um ihre finanzielle Situation bestellt war. Aufgrund der Äußerlichkeiten war sie davon ausgegangen, dass sie sehr reich sein musste. Jetzt jedoch kamen ihr Zweifel, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Was, wenn Maria wirklich kein Geld hatte, nur einen Haufen Schulden …

„Ich werde erfolgreich sein“, beharrte sie. Die Möglichkeit, dass sie versagen, dass ihre Kollektion ein Flop sein könnte, durfte sie gar nicht erst in Erwägung ziehen. Seit ihre Eltern sie im Stich gelassen hatten, war sie hartnäckig auf Erfolgskurs. Für Chrissy und Sophia hatte sie immer alles schaffen müssen, besonders zu Beginn, als die beiden noch zur Schule gegangen waren.

So war sie das Wagnis der Kollektion eingegangen. Alles würde gut gehen. „Je größer mein Kundenkreis wird, desto mehr Kleider werde ich verkaufen, und schon bald wird Maria von ihrer Investition profitieren.“

Aber nichts von alldem würde geschehen, wenn Maria in der Zwischenzeit Bankrott machte. Diese Sorge lastete nun schwer auf ihr, und sie wollte sich so schnell wie möglich davon befreien. „Ich rufe Maria gleich an. Sie soll mir sagen, wie die Dinge wirklich stehen.“

Maria wird meine Befürchtungen ausräumen, ich kann Luchino wegschicken, und dann ist alles wieder gut. Nur ein Wermutstropfen blieb: Luchino wollte an Marias Leben teilhaben, und das würde ihn immer wieder mit ihr in Kontakt bringen.

„Ich lasse nicht zu, dass du meine Tante anrufst. Ich will nicht, dass sie von meinen Nachforschungen erfährt.“ Er räusperte sich. „Ich will die Möglichkeit haben, sie unvoreingenommen kennenzulernen.“

Schon wieder dieser Wunsch nach Familie. Das verwirrte sie, und mit einem Mal sehnte sie sich selbst danach, im Kreise ihrer Familie zu sein, die Stimmen ihrer Schwestern zu hören. Sie griff nach der Tasche unter dem Tresen, in der sich ihr Handy befand. Mit einem einzigen Tastendruck hätte sie Chrissy oder Sophia am Apparat. Doch sie unterdrückte den Impuls. Sie würde später mit den beiden sprechen. Wenn sie sich beruhigt hatte.

Sie wussten von ihrer unglückseligen Reise nach Mailand vor Jahren, doch sie hatte ihnen verschwiegen, wie sehr Luchinos Vertrauensbruch sie mitgenommen hatte. Damals war sie gerade neunzehn gewesen und so leichtgläubig.

„Mit deinen Ausweichmanövern verschwendest du nur deine Zeit, Arabella“, sagte Luchino jetzt. „Die Vereinbarung ist ausschließlich zu deinen Gunsten. Maria befindet sich in einer bedenklichen Situation, in die du sie gebracht hast. Ob du ihre finanziellen Verhältnisse nun kanntest oder nicht, ist unerheblich. Deine Forderungen waren unverhältnismäßig, und ich werde dich für deine Handlungen zur Rechenschaft ziehen. Das sind die Tatsachen, und du hast jetzt zwei Möglichkeiten, deinen Fehler wiedergutzumachen.“

Sein Blick war hart und kalt. „Möglichkeit Nummer eins: Du zahlst ihr jeden Cent zurück, den sie in dich investiert hat, und verschwindest.“

Das sollte wohl ein Scherz sein. Beinahe hätte Bella aufgelacht. Allein sein unerbittlicher Gesichtsausdruck hielt sie davon ab. „Hier geht es nicht nur um Geld, Luchino. Maria hat versprochen, mir zu helfen, mein Label, meinen Namen populär zu machen. Wenn ich jetzt einen Kredit aufnehme, um meine Kleider zurückzukaufen, dann werde ich mich nirgendwo anders etablieren können. Ich wäre finanziell nicht dazu in der Lage. Mein gesamtes Vermögen habe ich bereits in diese Kollektion gesteckt.“

„Dann bleibt uns wohl nur Option Nummer zwei.“ Er trat einen Schritt auf sie zu.

„Und die wäre?“ Bella versuchte, seine Nähe zu ignorieren, doch sie spürte ihn beinahe körperlich, und das verwirrte sie maßlos.

„Ganz einfach, Arabella. Du sorgst dafür, dass jedes einzelne Kleid, das meine Tante von dir erworben hat, schnell und zu einem guten Preis verkauft wird.“

„Sicher. Dafür werde ich sorgen.“ Sie sah ihn spöttisch an. „Wie schnell das allerdings geht, kann ich nicht sagen. Maria wusste, dass es Zeit brauchen würde, deshalb einigten wir uns auf fünf Jahre.“

„Fünf Jahre sind zu lang. Du musst Käufer finden, Kontakte mit einflussreichen Leuten knüpfen, dich unter die Mode-Elite mischen. Du musst alles tun, um möglichst schnell möglichst gut zu verkaufen.“

Bella lachte freudlos auf und hob das Kinn. „Verzeih, wenn ich dich enttäusche, Luchino. Aber ich habe leider keinen Zutritt in die Welt der Reichen und Schönen.“

„An meiner Seite werden sich dir die Türen öffnen.“ Unter seinem grimmigen Lächeln beschlich sie eine schlimme Befürchtung. „Und ich werde dich nicht aus den Augen lassen, bis Maria ihr Geld zurückhat.“

„Nein.“ In engem Kontakt zu Luchino stehen? Tun, was er sagte, nach seiner Pfeife tanzen? Nein, nein, nein! Er musste verrückt sein. „Ich weiß ja nicht einmal, ob du überhaupt die Wahrheit sagst.“

Schmerz und Wut erfassten sie. „Immerhin bist du ein geschickter Lügner, nicht wahr, Luchino? Du hast vorgegeben, keine Frau zu haben. Sag mir, hat es wehgetan, sie zu verlieren? Oder warst du einfach froh, sie los zu sein, damit du wieder gewissenlos deinen Affären nachgehen konntest?“

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