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Happy End in Las Vegas

1. KAPITEL

„Schatz, ich habe mich verliebt.“

Fast hätte Jane Carlton sich an ihrem heißen Tee verschluckt. Rasch legte sie die Hand über die Sprechmuschel und wisperte ihrer Sekretärin zu: „Haben Sie nicht gesagt, es sei meine Großmutter?“

Lainie nickte stirnrunzelnd. „Ist was nicht in Ordnung? Sie klang doch ganz fröhlich.“

Jane machte eine ratlose Handbewegung, bevor sie den Hörer zwischen Schulter und Hals klemmte. „Gram?“

„Ja, mein Liebes. Hast du mich verstanden?“

„Ich … denke schon“, meinte Jane. „Kannst du es noch mal sagen?“

„Ich habe mich verliebt!“ Es klang wie ein Song aus einem Musical – theatralisch, begeistert, pathetisch.

Es gab nur ein Problem.

Die Frauen in Janes Familie verliebten sich normalerweise nicht. Und schworen niemals ewige Treue.

Natürlich gab es Männer in ihrem Leben. Aber sie machten sich keinerlei Illusionen, was die Liebe anging – dass sie ewig währte, bis zum Tode andauerte und all das romantische Zeug.

Dass damit nicht zu rechnen war, hatte Jane schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.

„Gram, ich dachte …“

„Ich weiß, ich weiß! Deshalb ist es ja so erstaunlich. Mit sechsundsiebzig Jahren verliebe ich mich endlich. Ausgerechnet ich! Wer hätte das gedacht?“

„Moment mal.“ Jane runzelte die Stirn. „Du bist doch einundachtzig …“

„Vorige Woche ist er in einen der Bungalows gezogen. Der erstaunlichste Mann, dem ich jemals begegnet bin, Jane … ach, hier kommt er gerade. Leo! Hallo! Hier bin ich! Hier!“

Janes Großmutter zwitscherte wie ein Teenager.

Es war absurd.

Lag es vielleicht an einem plötzlichen Anfall von Demenz, dass sie sich für sechsundsiebzig hielt? Als Jane sie vor vier Tagen besucht hatte, war doch noch alles in Ordnung gewesen.

Sie klang wirklich wie ein verliebter Backfisch. Lächerlich!

„Komm doch zu uns zum Abendessen. Dann kannst du ihn kennenlernen“, schlug ihre Großmutter vor. „Wie wäre es mit heute? Es ist Lasagneabend. Ich freu mich, dich zu sehen, mein Schatz.“

Donnerstag.

Lasagneabend. Einer der Fixpunkte in Janes Wochenplanung.

Donnerstag war Lasagneabend mit „Gram“, wie sie ihre Großmutter liebevoll nannte, ihrer Großtante Gladdy und einigen ihrer Freundinnen in Remington Park, dem Seniorenheim für ein aktives Leben im Alter, wie die Institution für sich warb. Und aktiv waren die beiden alten Damen ohne Frage. Sonntags nachmittags ging Jane mit Gram und Gladdy shoppen, manchmal auch essen oder ins Kino.

Das war alles, was Jane an Verabredungen hatte. Eine traurige Wahrheit.

Natürlich kannte sie ein paar Männer, mit denen sie hätte ausgehen können. Männer gab es schließlich wie Sand am Meer. Aber ein Mann, mit dem sie wirklich gerne Zeit verbracht hätte? Ein Mann, auf den sie sich verlassen und der ihr etwas bieten konnte, das besser war als ein heißes Bad, ein Glas Wein oder ein gutes Buch?

Dass es von dieser Sorte Männer nicht allzu viele gab, hatte sie im Laufe ihrer achtundzwanzig Jahre längst herausgefunden.

Seufzend legte sie den Hörer auf. Offenbar hatte ihre Großmutter, die in diesem Moment wohl mit ihrer großen Liebe Leo beschäftigt war, ein aufregenderes Leben hatte als sie selbst. Jane verscheuchte den Gedanken.

„Geht es ihr gut?“, erkundigte Lainie sich, während sie wie gewohnt die Papiere auf Janes Schreibtisch ordnete.

„Entweder hat sie vergessen, wie alt sie ist, oder sie macht sich fünf Jahre jünger, um einen Mann zu beeindrucken. Ich hoffe nur, dass wir mit einundachtzig Jahren keinen Mann mehr beeindrucken müssen. Ich meine, wer will in dem Alter noch wirklich einen haben? Wenn sie erst mal in ihren Achtzigern sind, machen sie doch mehr Probleme als sonst was.“

Lainie legte die Stirn in Falten. „Jane, Sie glauben doch, dass alle Männer vor allem Probleme bringen.“

Dem hatte Jane nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. „Ja, und?“

Lainie sah aus, als täte Jane ihr ein wenig leid. „Ich meine nur … fühlen Sie sich niemals einsam?“

Geistesabwesend tippte Jane auf dem Keyboard ihres ausgeschalteten Computers herum. „Nicht wirklich. Ich habe meine Arbeit, meine Familie … Nun ja, seitdem Bella nicht mehr bei mir ist, fühle ich mich hin und wieder schon ein bisschen allein …“

„Bella war ein Hund, Jane!“

„Ich weiß. Leider habe ich nie einen Mann kennengelernt, der netter zu mir war als mein Hund.“

Jetzt war Lainies Mitgefühl nicht mehr zu übersehen. Ist es wirklich so deprimierend, überlegte Jane, dass mir mein geliebter und kürzlich verstorbener Hund mehr bedeutet, als irgendein Mann es jemals getan hat? Denn glücklicherweise machte sie sich keine Illusionen. Sie war ehrlich sich selbst gegenüber und zufrieden mit der Art, wie sie ihr Leben lebte. Es war ein gutes Leben … jedenfalls meistens.

Nun gut, hin und wieder fühlte sie sich einsam – aber ging das nicht jedem so?

„Männer sind so unberechenbar“, klagte sie.

„Das Leben ist unberechenbar“, korrigierte Lainie sie.

„Das Leben mit Männern ist unberechenbar.“ Jane schmunzelte vergnügt. Der Slogan gefiel ihr.

Rasch notierte sie den Satz auf einem Block, auf den sie alle möglichen Aussprüche schrieb, die sie bei passender Gelegenheit anbringen konnte. Jetzt hatte sie ein weiteres Stück für ihre Sammlung, das ihr nützlich sein konnte, wenn sie vor den armen, unglücklichen Frauen stand, denen sie in ihren Seminaren Finanzierungsmodelle für die Selbstständigkeit und soziale Unabhängigkeit vorstellte. In ihren Kursen predigte sie mit der gleichen Leidenschaft wie ein Priester, der verlorene Seelen zu retten versuchte. Und tatsächlich waren die Frauen in ihren Kursen verlorene Seelen, die sich in ein Dickicht verstrickt hatten und der Ansicht waren, niemand könne ihnen helfen. Dabei waren die einzigen Menschen, auf die sie sich wirklich verlassen konnten, sie selbst – finanziell, beruflich und privat.

Männer richteten nur Unheil an.

Ohne sie würde es den meisten Frauen besser gehen.

Natürlich verkündete Jane es den armen Schäfchen, die zu ihr kamen, nicht so unverblümt. Sie wollte ihnen in ihrer Situation schließlich nicht noch mehr Angst einjagen. Jane wusste, dass es nicht gut ankam, wenn sie ihre Ansichten zu leidenschaftlich und kompromisslos vertrat. Dennoch versuchte sie, ihren Kursteilnehmerinnen einzuschärfen, dass sie Unabhängigkeit und Sicherheit letztlich nur erlangen konnten, wenn sie selbst und kein anderer die Verantwortung für sich übernahmen.

Mit dem Slogan Selbstbewusstsein durch Selbsthilfe warb Jane für ihre Seminare. Ein besseres Leben für Frauen war das erklärte Ziel ihres Unterrichts.

Selbstverständlich hatte Jane ihr eigenes Leben vollkommen unter Kontrolle. Es lag vor ihr wie ein offenes Buch – vorhersehbar, verlässlich und sicher.

Genauso, wie sie es liebte.

Als Wyatt Addison Gray IV. das Büro von Remington Park betrat, wäre er unter dem vernichtenden Blick, der ihn traf, fast zusammengezuckt. Ms Steele, die Leiterin, wartete bereits auf ihn und war genauso stahlhart, wie ihr Name besagte. Ihre Kleidung wirkte wie aus Beton gegossen. Andere wären an dem Kragen ihrer hochgeschlossenen Bluse längst erstickt.

Wie schlimm kann es denn noch werden? fragte Wyatt sich. Leo war gerade einmal eine Woche im Heim. Wie viel Unheil konnte ein sechsundachtzigjähriger Mensch in sieben Tagen anrichten?

Und warum konnte sein Onkel nicht genauso unbeweglich sein wie so viele Männer seines Alters? Warum saß er nicht gemütlich in seinem Rollstuhl – am besten mit blockierten Rädern, zu seiner eigenen Sicherheit? War das zu viel verlangt? Seine Tage in einem friedlichen Dämmerzustand zu verbringen, ohne Schmerzen zu empfinden und Probleme zu bereiten? Konnte es so verkehrt sein, einen Sechsundachtzigjährigen mit Medikamenten ruhig zu stellen?

Wyatt wappnete sich für das, was ihn erwartete, setzte sein verbindlichstes Lächeln auf und streckte die Hand aus. „Ms Steele, was kann ich für Sie tun?“

„Sie haben versprochen, dass es keine Probleme geben würde.“ Unbeweglich stand sie an der Tür zu ihrem Büro, ohne die dargebotene Hand zu ergreifen. Jedes Wort kam wie eine Pistolenkugel.

„Ja“, erwiderte er und versuchte so zu klingen, als ob er selbst an seine Worte glaubte.

Keine Schwierigkeiten.

Keine Probleme.

Nichts, worum er sich kümmern musste.

Sie nickte kurz, was soviel hieß wie: In mein Büro! Auf der Stelle!

Wyatt lächelte beruhigend und versuchte, so gelassen und selbstsicher zu wirken wie möglich, auch wenn er sich nicht im Geringsten so fühlte, und folgte ihrem unausgesprochenen Befehl.

Miss Steele nahm hinter einem penibel aufgeräumten Schreibtisch Platz, auf dem Bleistifte, Uhr, Telefon und Unterlagen ihren angestammten Platz hatten. Es sah aus, als habe sie ihre Arbeitsutensilien mithilfe eines Lineals ausgerichtet.

Bitte nicht, schoss es Wyatt durch den Kopf. Er kam sich vor wie ein Schuljunge, der zum Direktor zitiert worden war. Dennoch lehnte er sich zurück und versuchte, entspannt zu wirken. Lächelnd wiederholte er seine Frage. „Ms Steele, was kann ich für Sie tun?“

Sie gab einen missbilligenden Laut von sich, als fände sie ihn, Wyatt, ebenso abscheulich wie seinen Onkel. Dabei hatte er noch nicht einmal zu einer Rechtfertigung angesetzt.

„Glauben Sie etwa, dass ich zu meinen Kollegen und Kolleginnen aus anderen Seniorenresidenzen keinen Kontakt habe?“, begann sie. „Dass wir uns nicht austauschen? Dass wir nicht versuchen, unsere Probleme gemeinsam in den Griff zu bekommen?“

Verdammt.

Hätte er doch nur darauf bestanden, dass die anderen Altersheime, in denen sein Onkel gewesen war, sich zur Vertraulichkeit verpflichteten!

„Nun, wir haben einen regen Austausch“, fuhr Ms Steele fort. „Außerdem habe ich einige Nachforschungen angestellt. Ich verstehe selbst nicht, wie ich mich von Ihnen überreden lassen konnte, ihn bei uns aufzunehmen, ohne zuvor mit einigen anderen Leuten zu reden …“

Wyatt wusste nur zu gut, warum sie sich hatte überreden lassen. Er verstand es nämlich meisterhaft, Leute zu etwas zu bringen, was sie gar nicht wirklich wollten. In seinem Beruf als Scheidungsanwalt hatte er herausgefunden, dass die meisten Paare, die den Weg zu ihm fanden, sich eigentlich gar nicht trennen wollten. Vielmehr wollten sie ihren Partner quälen, gnadenlos und unaufhörlich, und das funktionierte am besten, wenn man sich ausdauernd über die Scheidungsmodalitäten stritt.

Deshalb ließ er sie meistens eine Weile streiten und stellte ihnen so lange Beratungsstunden in Rechnung, bis ihre Wut verraucht und die Rachsucht der psychischen wie finanziellen Erschöpfung gewichen war. Und dann sagte er ihnen, was sie wirklich tun mussten. Nämlich in eine Scheidung einwilligen.

Das klang herzlos, aber das war es nicht. Er hatte herausgefunden, dass die Menschen diese Zeit brauchten, um ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Es war keine erfreuliche Angelegenheit, aber es ging schließlich darum, all die negativen Gefühle zu verarbeiten, die mit dem Auseinanderbrechen einer Beziehung einhergingen. Und ohne diese Gefühle verarbeitet zu haben, konnten die Menschen keinen Schlussstrich unter ihre gemeinsame Vergangenheit ziehen.

Er gab ihnen diese Zeit – zu einem immens hohen Preis pro Stunde, wie ihn die meisten Anwälte verlangten –, und wenn er das Gefühl hatte, dass sie so weit waren, konnte er sie davon überzeugen, in die Scheidung einzuwilligen.

Wyatt redete sich ein, dass er den unglücklich Verheirateten einen großen Dienst erwies und seinen Klienten das emotionale Gleichgewicht zurückgab, sodass sie selbstbewusst in die Zukunft schauen konnten. Dafür wurde er ausgesprochen gut bezahlt, und es war kein Wunder, dass es ihm mittlerweile gelang, Menschen zu fast allem zu überreden. Ein Talent, von dem er niemals geglaubt hätte, dass er es so dringend benötigen würde, wenn es um seinen geliebten, aber furchtbar schwierigen Onkel ging, um den er sich im Herbst dessen Lebens kümmern musste.

Das Problem war nur: Gewisse Dinge an Onkel Leo waren ganz und gar nicht herbstlich. Am allerwenigsten seine Vorliebe für Frauen.

Als sie zum ersten Mal nach Remington Park gekommen waren, hatte Wyatt sich von seiner charmantesten Seite gezeigt und sein Bestes getan, um seinen Onkel dort unterzubringen. Dabei hatte er sich souverän gegeben und mit keinem Wort die Probleme des alten Herrn erwähnt. So hatte er Ms Steele überzeugen können, seinen Onkel Leo aufzunehmen.

„Er ist aus drei Seniorenheimen hinausgeworfen worden“, fuhr Ms Steele fort.

Sie wusste also genau Bescheid. Verflucht!

„Hören Sie, es war … nun ja, Sie müssen verstehen …“

„Nein, ich verstehe nicht“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Der Mann ist sechsundachtzig Jahre alt, nicht sechzehn.“

„Er und meine Tante Millicent waren elf Jahre zusammen“, erklärte Wyatt.

Ms Steele schien die Zahl nicht zu beeindrucken.

Wyatt runzelte die Stirn. „Niemand in meiner Familie ist jemals so lange verheiratet gewesen. Die Dauer dieser Ehe war ein Rekord innerhalb der Familie Gray, der nicht so schnell gebrochen werden dürfte. Onkel Leo ist ihr die ganze Zeit über treu gewesen. Er schwört es. Aber als sie dann gestorben ist … ich meine, er war am Boden zerstört. Wirklich. Aber er hatte auch das Gefühl …“

„Dass ihm die Zeit davonläuft?“

Wyatt nickte. „Das nehme ich an.“

„Und dass er das Eisen schmieden muss, so lange es noch heiß ist?“

In Wyatts Ohren klang das sehr egoistisch. So hatte er Leo nie gesehen. Dennoch sagte er: „Schon möglich.“

„Wie ein Kind im Süßwarenladen – wenn man bedenkt, dass es viel mehr Frauen als Männer in seiner Altersklasse gibt? Und selbst in jener, die zehn oder zwanzig Jahre jünger ist als er? So viele einsame Frauen, die niemanden haben, mit dem sie reden können? Niemand, der ihnen schmeichelt? Mit ihnen flirtet? Sie in den Arm nimmt? Und dann kommt ihr Onkel und kümmert sich um gewisse körperliche Bedürfnisse, die sie schon lange verdrängt hatten? Erweckt sie auf fast magische Weise wieder zum Leben?“ Endlich war Ms Steele mit ihrer Anklage am Ende.

„Nun ja, er mag Frauen“, räumte Wyatt ein. „Das war schon immer so. Und sie mögen ihn.“

„Erwarten Sie ja nicht von mir, dass ich sein Verhalten als eine Art öffentliche Serviceleistung ansehe. Eine Serviceleistung für einsame Frauen.“ Sie wirkte genauso streng und unerbittlich wie die letzte Heimleiterin, die seinen Onkel Leo vor die Tür gesetzt hatte. „So sehe ich das ganz und gar nicht.“

„Wie sehen Sie es dann?“ Wyatt glaubte, das Problem lösen zu können, wenn er nur wusste, worin es bestand.

„Er hat Frauen, die jahrelang friedlich zusammengelebt haben – zum Teil im selben Bungalow –, dazu gebracht, dass sie einander nun spinnefeind sind. Wie Teenager in der Schule, die sich um einen Jungen streiten. Das dulde ich nicht! Ich kann nicht …“

„Hören Sie, er flirtet nun mal gern.“

Mit gerunzelter Stirn hielt sie einen Aktenordner hoch. „Es ist mehr als Flirten.“

Verdammt, dachte Wyatt. Leo hat’s noch immer drauf. Mit sechsundachtzig Jahren! Im Stillen bewunderte er ihn dafür. Außerdem war das eine tröstliche Aussicht für sein eigenes Alter.

Sechsundachtzig und noch immer ein Frauenheld!

Andererseits konnte er sich natürlich auch dazu entschließen, Leo in ein Seniorenheim zu bringen, in dem nur Männer wohnten – wo man ihm Tabletten geben und ihn in einen Rollstuhl setzen würde.

Gab es so was überhaupt? Altersheime nur für Männer? Wenn Wyatt das hier nicht geradebiegen konnte, würde er sich wohl danach erkundigen müssen.

„Er hat mir versichert, dass er den Frauen keine Versprechungen macht. Ich habe ihm eingeschärft, das von vornherein klarzustellen, um niemanden zu verletzen.“ Er überlegte kurz, ob er für Leo eine Vereinbarung aufsetzen sollte: keinerlei Ansprüche auf eine längerfristige Bindung. Alle Frauen würden sie unterschreiben müssen, ehe er mit ihnen anbandelte. „Ich meine, Frauen planen in dem Alter doch keine längerfristigen Beziehungen mehr. Oder?“

Ms Steele sah ihn entsetzt an.

„Er kann doch nichts dafür, wenn sie ihn mögen“, verteidigte Wyatt seinen Onkel.

„Die Frauen sind sehr gut miteinander ausgekommen – bis er aufgetaucht ist“, wiederholte Ms Steele. „Ich glaube also nicht, dass die Frauen das Problem sind. Er ist es. Und wenn er noch mehr Aufruhr verursacht, muss er gehen. Das meine ich ernst. Und Sie werden in irgendeinem anderen Bundesstaat ein Heim für ihn finden müssen. Ich möchte ihn niemandem, den ich kenne, zumuten.“

Gut, dann war es wohl doch nicht so schlimm? Leo bekam noch eine Chance. Was für eine Erleichterung.

„Er wird sich benehmen“, versprach Wyatt. „Er wird sich ruhig und freundlich verhalten – ohne zu freundlich zu werden. Ein vorbildlicher Heimbewohner. Das verspreche ich Ihnen.“

Wyatt war sich im Klaren darüber, dass er noch nie eine so faustdicke Lüge verbreitet hatte. Er beendete sein Gespräch mit Ms Steele und begab sich auf die Suche nach seinem Onkel.

2. KAPITEL

Remington Park bestand aus einer Reihe von kleinen Bungalows für jeweils acht bis zehn Bewohner. Jeder Bewohner hatte ein eigenes Zimmer; Küche, Gemeinschaftsraum und Esszimmer wurden gemeinsam benutzt. Die Bungalows waren um ein herkömmliches Altersheim herum errichtet, in dem Männer und Frauen lebten, die eine intensivere Betreuung benötigten. Wurde für jemanden das Leben im Bungalow zu beschwerlich, konnte er in das Hauptgebäude umziehen, ohne auf die Freunde aus der Wohngemeinschaft verzichten zu müssen.

Gewundene Spazierwege führten durch die Anlage. Es gab Gärten, einige kleine Läden, einen Swimmingpool, ein Rehazentrum und eine Cafeteria. Auf Gesundheit und Fitness der Bewohner wurde in der Einrichtung viel Wert gelegt.

Wyatt hatten die kleinen, gemütlichen Bungalows sofort gefallen. Sie hatten ihn an altmodische Pensionen erinnert – und der Vorteil bestand darin, dass hier, wenn es nötig wurde, intensive Betreuung angeboten wurde. Dummerweise hatte er nicht berücksichtigt, dass in einer so großen Einrichtung auch sehr viele Frauen wohnen würden.

Auf dem Weg zu Leos Bungalow kamen ihm schon einige der Frauen entgegen. Manche waren gebrechlich und gingen gebückt, andere waren auch im Alter noch strahlende Schönheiten, die in kurzen Sporthosen joggten und ihre gebräunten Beine zeigten. Sie bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, die selbst Wyatt außer Atem gebracht hätte. Wie Leo stets zu sagen pflegte: „Achtzig ist das neue sechzig.“

Amüsiert schüttelte Wyatt den Kopf. Er sollte auch öfter ins Fitnessstudio gehen. Dort könnte er nebenbei seinen Ärger über Leo abreagieren. Außerdem wollte er auch als Achtzigjähriger noch eine gute Figur machen und hinter Frauen her sein, wenn ihm der Sinn danach stand.

Er betrat den Bungalow und klopfte an Leos Tür. Als er sah, dass sein Zimmer leer war, ging er in die Küche und fragte eine junge Frau im gelben Polohemd, offensichtlich eine Mitarbeiterin, nach seinem Onkel. Sie wusste nichts über seinen Verbleib.

„Er verbringt nicht viel Zeit in seinem Zimmer“, erklärte sie. Wyatt hatte den Eindruck, dass sie ein wenig nervös war. Ob sie Leo bei dem Heimleiterdrachen angeschwärzt hatte?

„Wissen Sie denn, wo er sich aufhält, wenn er nicht in seinem Zimmer ist?“, wollte Wyatt wissen.

„Nun, er hat eine neue … Freundin“, antwortete sie zögernd. „Ich meine … ich glaube, es ist eine Neue. Es ist nicht ganz einfach, bei ihm auf dem Laufenden zu bleiben, wissen Sie?“

„Oh ja.“ Wyatt nickte.

„Da gibt es eine Bank auf einer Anhöhe im Park, von der aus man den Swimmingpool sehen kann. Wissen Sie, wo der Pool ist?“

Wyatt erinnerte sich.

„Er sitzt dort sehr gern. Das hat er mir selbst gesagt.“ Sie kam näher und fuhr in vertraulichem Ton fort: „Der Anblick der Damen beim Sonnenbaden am Pool … Sie verstehen, was ich meine?“

„Oh ja.“ Frauen in Badeanzügen hatten die Männer der Gray-Familie immer schon fasziniert.

„Versuchen Sie es dort mal“, schlug sie vor.

Wyatt bedankte sich. Er folgte dem leisen Stimmengewirr und der Swingmusik der Vierzigerjahre, die durch den Park wehten. Schließlich hatte er den Hügel erreicht, von dem aus man den Pool sehen konnte.

Die Bank war da. Leo nicht.

Plötzlich hörte Wyatt leises Kichern.

Eine Frau. In Leos Gesellschaft? Er hatte stets ein Talent dafür gehabt, Frauen zum Lachen zu bringen.

Hinter einem Gebüsch, unter einer Zypresse und vor einer malerischen Felswand stand eine weitere Bank, die besser vor neugierigen Blicken geschützt war. Leo hatte den Arm um eine reizende weißhaarige Dame gelegt. Ihr Kopf lehnte an seinem Arm, und sie schaute bewundernd zu ihm auf. Er beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen, und seine Hände begannen zu wandern.

„Leo“, kicherte sie und schob seine Hand beiseite. „Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.“

Wyatt verdrehte die Augen. Sein sechsundachtzigjähriger Onkel benahm sich wie ein Teenager, der mehr Hormone im Körper als Zellen im Gehirn hatte.

Gab es vielleicht so etwas wie ein Anti-Viagra? Etwas, was man ihm heimlich in seinen abendlichen Whiskey-Cola-Drink kippen konnte? Vielleicht war das die Lösung.

Wyatt trat einen Schritt vor und rief den Namen seines Onkels. Mit einem Satz sprang die Frau auf und errötete wie ein junges Mädchen.

Leo erhob sich. Er strahlte übers ganze Gesicht. „Wyatt, mein Junge! Was machst du denn hier?“

„Ich glaube, das weißt du genau.“

„Ich möchte dir Kathleen vorstellen. Sie ist eine sehr gute … Bekannte.“

Kathleen schüttelte Wyatts Hand. „Leo hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Er vergöttert Sie.“

Wyatt lächelte ein wenig gezwungen, während er den Arm um Leos Schultern legte, um ihn am Weglaufen zu hindern. „Leo ist schon eine Klasse für sich, was?“

„Sie bleiben doch hoffentlich zum Abendessen?“, fragte Kathleen. „Heute ist Lasagneabend. Da könnten wir uns alle ein wenig besser kennenlernen.“

„Hhmm“, murmelte Wyatt ausweichend.

Wobei er möglicherweise einen Streit verhindern konnte, wenn er zum Essen blieb. Leo hatte die schlechte Angewohnheit, mehr als eine Frau zum Essen einzuladen. Es hatte nichts mit der Vergesslichkeit des Alters zu tun. Sondern damit, dass er seit jeher auf Nummer sicher ging.

Kathleen sah zwischen Wyatt und Leo hin und her. „Wahrscheinlich wolltet ihr beide euch ein wenig unter vier Augen unterhalten. Leo, wir sehen uns um sechs in meinem Bungalow. Vergiss es nicht schon wieder. Sonst werde ich dich suchen müssen.“

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ließ die beiden Männer allein. Leo sah ihr hinterher und musterte anerkennend ihre gebräunten, schlanken Beine und die Füße, die in kurzen Socken und Turnschuhen steckten.

Wyatt schüttelte den Kopf. „Für eine Frau, die du gerade erst kennengelernt hast, klingt sie ganz schön besitzergreifend. Sie wird dich holen, wenn du nicht pünktlich zum Abendessen auftauchst.“

„Sie ist eine verdammt hübsche Frau. Du solltest sie mal im Badeanzug sehen.“ Leo nickte anerkennend. „Sechsundsiebzig und immer noch in Topform.“

„Sie ist nett“, räumte Wyatt ein.

„Irgendwie erinnert sie mich an die dritte Frau deines Vaters. Wie hieß sie noch gleich? Elaine?“

„Nein. Elaine war Nummer vier. Der Name von Nummer drei fällt mir gerade nicht ein. Sie waren auch nur ein paar Monate zusammen. Ich war die ganze Zeit im Internat.“

„Ach ja, die Rothaarige. Die hatte ich ganz vergessen.“ Wenigstens hatte Leo den Anstand, eine leicht bedauernde Miene aufzusetzen. „Der Drache hat dich also herbestellt, mein Junge?“

Wyatt nickte. „Nach nur einer Woche. Das ist rekordverdächtig, Leo.“

„Ja. Diese Frau könnte einen Mann gebrauchen, der sie mal ein bisschen locker macht. Damit sie wenigstens hin und wieder lächelt, verstehst du?“

Wyatt verdrehte die Augen. „Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass du alles geregelt kriegst, wenn du den Drachen mal ausführst?“

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