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Happy End im Mondpalast

1. KAPITEL

Sie hatte sich zwischen den Felsen versteckt und beobachtete, wie der nackte Mann langsam aus der Brandung stieg. Beth Tracey Torrance, eine nette, stille Verkäuferin aus Liverpool, presste sich in einem fremden Land unter glühender Sonne an eine warme Felswand. Nicht in irgendeinem Land, sondern in dem Wüstenstaat Q’Adar, wo die Männer auf Kamelen ritten und Gewehre trugen!

Es war absolut leichtsinnig, so reglos dazustehen wie die Schaufensterpuppen in ihrem Kaufhaus, aber Beth fühlte sich zu dem Mann hingezogen. Eine aufmerksame Betrachtung hätte man es auch nennen können. Schließlich erwartete man zu Hause einen genauen Reisebericht von ihr.

Beth beugte sich behutsam vor und sah noch einmal hin. Sie hatte das gegen die Felsen anbrandende Meer bestaunt, aber der Mann, der aus dem Wasser kam, machte einen noch stärkeren Eindruck auf sie. Unter anderen Umständen hätte sie sich abgewandt, da er nackt war, aber hier in Q’Adar kam ihr alles so unwirklich vor – der sagenhafte Reichtum, der Luxus und die schönen Menschen.

Und ein Mann von so schlankem, athletischem Körperbau und so königlicher Haltung musste ebenfalls zu den stolzen Einwohnern Q’Adars gehören. Außerdem hatte sie nicht jeden Tag Gelegenheit, einen so atemberaubend schönen Mann unbemerkt zu beobachten.

Ihre Kolleginnen im Luxuskaufhaus ‚Khalifa‘ würden ihr das niemals glauben. Dass sie den Preis als Verkäuferin des Jahres gewonnen hatte, war schon erstaunlich genug. Noch erstaunlicher war, dass dieser Preis nicht nur eine Reise in das Scheichtum Q’Adar einschloss, sondern auch ein Traumkleid, das sie auf dem ‚Diamantenball‘ tragen sollte. Hier sollte der Landesherr seinen dreißigsten Geburtstag und zugleich seine Krönung zum Scheich der Scheiche feiern. Es war derselbe Mann, der mit seinem Wirtschaftsimperium hinter der Luxusmarke ‚Khalifa‘ stand.

Beth war ihrem Chef, Mr. Khalifa Kadir, dem legendären Gründer der internationalen Kaufhauskette, niemals begegnet und konnte nur staunen, dass er von jetzt an ‚Seine Majestät Khalifa Kadir al Hassan, Scheich der Scheiche, Lichtbringer seines Volks‘ heißen würde. Der Name könnte aus einem orientalischen Märchen stammen, dachte sie, während der Mann den Strand heraufkam und hinter den Felsen verschwand.

Und jetzt würde sie, Beth Tracy Torrance, den Scheich der Scheiche persönlich kennenlernen, wenn er ihr den gewonnenen Preis übergab. Sollte sie sich verbeugen oder einen Knicks machen? Vielleicht war es besser, nur leicht mit dem Kopf zu nicken, denn in dem engen Kleid hatte sie kaum Bewegungsfreiheit. Seit Wochen träumte sie von dieser Begegnung, und jetzt hatte ein Mann am Strand für einen Moment diesen Traum verdrängt.

Beth drückte sich fester an die Felswand, schloss die Augen und gab allen Widerstand auf. Der Scheich war vergessen. Dieser Mann hier würde ihr für immer im Gedächtnis bleiben!

Er sah den Eindringling nicht – er fühlte ihn. Das Training in der Spezialeinheit hatte sich gelohnt. Der sechste Sinn, den er während seiner Militärzeit entwickelt hatte, war in lebensgefährlichen Situationen und auch bei Geschäftsverhandlungen schon oft von entscheidender Bedeutung gewesen. Seine eigenen Geschäftsgewinne konnten sich inzwischen mit den Ölprofiten des Landes messen, und Q’Adar war reich an Öl. Die meisten Scheichs arbeiteten nicht, aber welche Herausforderung lag darin, die Ölquellen auszubeuten, die von allein sprudelten? Welche Befriedigung brachte es, sich zurückzulehnen und andere für sich arbeiten zu lassen? Dafür war er selbst viel zu ruhelos. Er musste sich bewähren, und jetzt stand er vor der härtesten Bewährungsprobe seines Lebens: Er sollte sein Land Q’Adar vor dem drohenden Chaos retten.

Seine Majestät Khalifa Kadir al Hassan, Scheich der Scheiche, beugte den Kopf zurück und ließ sich von der Sonne umschmeicheln. Er liebte die verführerische Wärme seiner Heimat und fühlte sich mehr als stark genug, die vor ihm liegende Aufgabe zu lösen.

Er war atemberaubend – einfach faszinierend. Wenn er sich ganz leicht nach rechts drehte … Nein! Was kam ihr bloß in den Sinn?

Beth musste sich ernsthaft zusammennehmen, als sie den nackten Körper in seiner ganze Pracht bewundern konnte. Dann atmete sie tief und erleichtert aus. Der Mann hatte sich wieder umgedreht und kehrte ihr nun den Rücken zu. Hoffentlich beließ er es dabei. Sie wollte schließlich nicht lebenslang sein Bild vor Augen haben!

Niemals würde sie sein Ebenbild finden. Niemals! Er hatte nah genug gestanden, um jeden Zentimeter seines Körpers genau erkennen zu können. Er hatte sich nicht einmal ein Handtuch umgelegt. Es lag immer noch zusammengefaltet auf einem Felsen – zum Glück in der entgegengesetzten Richtung. Also musste der faszinierende Fremde nicht an ihrem Versteck vorbeigehen, um es zu holen.

Mit anderen Worten – sie konnte ihn ungestört weiter betrachten.

Auf einen ungeschulten Beobachter hätte er vielleicht unachtsam gewirkt, aber wenn es um seine Sicherheit ging, vermied Khal jedes Risiko. Er hatte es außerhalb von Q’Adar zu etwas gebracht, war sich dennoch immer der heimischen Gefahren bewusst, die ihn in seinem eigenen Land umgaben. Die anderen Scheiche hatten ihn aufgefordert, zurückzukommen und sie zu führen, und er war bereit dazu.

Er hatte genug Erfahrungen gesammelt, um auf die verschiedensten Lebensaufgaben vorbereitet zu sein, nur eins war ihm ein Geheimnis geblieben – der weibliche Verstand. Seine Geschäftsinteressen hatten zu weltweiten Verbindungen geführt, er war niemandem verpflichtet und in keinen Skandal verwickelt. Da er von Gefühlen wenig hielt, würde das auch kaum je der Fall sein.

Dafür war sein Pflichtbewusstsein überdurchschnittlich entwickelt, und da er die Herausforderung angenommen hatte, ein Land zu führen, würde er die anderen Scheiche nicht enttäuschen, indem er sich einfach so irgendwo umbringen lassen würde.

Während Khal ruhig am Strand entlangging, fing sich das Sonnenlicht plötzlich in langem blondem Haar. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Er wurde beobachtet, aber ihm drohte keine Gefahr. Ein Attentäter hätte längst gehandelt, und für einen Paparazzo stand die Sonne zu ungünstig, um ein gutes Bild zu schießen. Nein, hier konnte es sich nur um eine Touristin handeln.

Er bedeckte sein Gesicht mit dem Handtuch, das er zum Abtrocknen mitgebracht hatte, bewusst langsam, um die junge Frau in Sicherheit zu wiegen. Khal hatte es nicht eilig, und sie konnte ihm nicht entwischen. Vor sich das weite Meer, hinter sich die endlose Wüste – da gab es kein Entkommen, und den Weg zum Palast versperrte er ihr selbst.

Dass es jemandem gelungen war, unbemerkt am Sicherheitsdienst vorbeizukommen, war ein Beispiel für die überall um ihn herum herrschende Nachlässigkeit. Vorerst hielt er sich mit Kritik zurück, denn er musste erst herausfinden, wer für diesen Zustand verantwortlich war. Auch Abwarten hatte er im Geschäftsleben gelernt, und ein Land gut zu führen war nichts anderes, als ein gutes Geschäft zu machen – im Interesse seiner fünfzigtausend Landsleute.

Doch zunächst galt es, diese junge Frau zu überführen. An ihr würde er die Unzulänglichkeit der Sicherheitskräfte demonstrieren, er musste es nur geschickt genug anfangen. Ein Täuschungsmanöver war immer am besten. Er würde so tun, als entferne er sich, während er in Wahrheit mit jedem Schritt näher kam.

Beim Anschleichen würde er die verführerische Schönheit seiner Heimat ignorieren müssen. Vieles in Q’Adar war geeignet, einem die Sinne zu betören. Allein schon die bezaubernde Landschaft verleitete den Betrachter dazu, alles um sich herum zu vergessen und einfach bei ihrem Anblick zu verweilen. Auch die Pracht seines Mondpalastes entzückte Khal jedes Mal aufs Neue – vergoldete Wände und mit kostbaren Edelsteinen besetzte Türen. Betörende Düfte lösten immer wieder erotische Fantasien in ihm aus, und von leisen Trommeln begleiteter Sirenengesang umnebelte seine Sinne.

Das einzige Problem im Palast war seine Mutter, die Königinwitwe. In der Hoffnung, dass er sich bald verheiraten würde, hatte sie anlässlich des heutigen Balls wieder die schönsten Frauen um sich versammelt. Jedes Herrscherhaus war vertreten – zur Genugtuung der korrupten Scheiche, die sich in Sicherheit wiegten, solange sie glaubten, Khal sei mit seinen zahlreichen Bettgenossinnen mehr als beschäftigt.

Dabei übersahen sie allerdings, dass die Arbeit seine Geliebte war, und dass es in Q’Adar viel zu tun gab.

Beth beobachtete halb fasziniert, halb ängstlich, wie der Mann sein Gesicht mit dem Handtuch bedeckte. Seine angespannte Ruhe wirkte wie eine Warnung, vorsichtig zu sein. Unbehagen beschlich sie. Vielleicht versteckte er sein Gesicht hinter dem Handtuch, um seine Sinne zu schärfen. Er strahlte eine Aura der Macht aus, die sie gegen ihren Willen fesselte. Einen Mann wie ihn hatte Beth nie zuvor gesehen, und sie hielt den Atem an, als er sich das Handtuch um die Hüften band. Dann ging er los – glücklicherweise in der entgegengesetzten Richtung, bis er nach rechts abbog und zwischen den Felsen verschwand.

Jetzt atmete Beth tief aus und entspannte sich. Was für ein Erlebnis! Schade, dass kein Bildhauer dabei gewesen war oder ein Maler, begabt genug, um diesen Anblick für die Welt festhalten zu können …

Beth schrie auf, als etwas Kaltes, Hartes ihren Nacken berührte. Ob es ein Gewehr war? Vor Angst wagte sie nicht, sich umzudrehen.

„Aufstehen!“, befahl eine männliche Stimme. „Langsam aufstehen und umdrehen!“

Beth gehorchte dem Befehl, stand taumelnd auf und stand dem unbekannten Fremden vom Strand gegenüber. „Man hat mir gesagt, ich wäre hier sicher“, platzte sie heraus. „Der neue Scheich hat diesen Strand für seinen Stab reserviert.“ Sie redete einfach drauf los, während ihr vor Angst Tränen in die Augen schossen. Sie konnte kein Gewehr sehen, wusste aber, dass es irgendwo sein musste. „Ich habe eine Genehmigung …“ Nein, das stimmte nicht. Die steckte noch in einer Tasche ihrer Jeans, die sie inzwischen mit einem leichten Sommerkleid vertauscht hatte. „Sprechen Sie Englisch?“

„So gut wie Sie“, antwortete der Mann beinahe akzentfrei. Seine Kenntnisse erschöpften sich also nicht in dem anfänglichen knappen Befehl.

Beth sah in die kältesten und härtesten Augen, die sie sich vorstellen konnte. Sie gehörten zu einem Gesicht von wilder Schönheit, aber ihr Schreck hatte sich bereits in Ärger verwandelt. Der Mann war doppelt so groß wie sie und dazu wesentlich älter. Er hatte keinen Grund, sie mit einem Gewehr zu bedrohen. „Ist es üblich, Gäste Ihres Landes so einzuschüchtern?“

Sie hatte Mut, das musste er ihr lassen, aber sie hatte ihm auch nachspioniert und sollte nicht denken, dass er ein leichtes Opfer war. „Ist es Ihre Gewohnheit, anderen Leuten nachzuschnüffeln?“, entgegnete er schroff.

Beths Wangen röteten sich, was reizend aussah. Offenbar wurde sie leicht von Gefühlen beherrscht. In diesem Punkt hätten sie nicht verschiedener sein können, aber der Augenblick ihrer Verlegenheit ging schnell vorüber. Die barfüßige Spionin mit dem windzerzausten Haar und dem leichten Strandkleid blitzte ihn mit ihren blauen Augen zornig an. Sie war bedeutend jünger, als er angenommen hatte, und ihre Haut erinnerte an samtene Pfirsiche. Die unbarmherzige arabische Sonne war ungewohnt für sie, und er kam instinktiv einen Schritt näher, um ihr Schatten zu spenden.

„Unterstehen Sie sich, näher zu kommen!“, warnte sie ihn und hob abwehrend die Hände. Beth hatte immer noch Angst, aber sie wollte auch nicht nachgeben.

Ihm fielen die kleinen Sommersprossen auf ihrer geraden Nase auf. Wo kam sie her, und wie war sie den Wachen entwischt? Aus seiner Welt stammte sie nicht, sonst hätte sie ihn sofort erkannt. Vielleicht war sie hier, um bei der Vorbereitung der Feierlichkeiten zu helfen, aber warum sonnte sie sich dann am Strand, während alle anderen arbeiteten?

„Weiß Ihr Vorgesetzter, wo Sie sind?“, wollte Khal wissen.

„Weiß Ihrer es?“

Ihre Frechheit war verblüffend, aber dann erkannte er ihren Akzent. Die Einwohner von Liverpool waren für ihre Offenheit bekannt. „Ich habe zuerst gefragt“, erklärte er. „Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Ihr Vorgesetzter sich um Sie sorgen könnte?“

Eine Falte erschien zwischen ihren aufwärts geschwungenen dunkelblonden Brauen, während sie darüber nachdachte. „Mir scheint, Ihrer hat mehr Grund, sich Sorgen zu machen“, erklärte sie schließlich.

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Immerhin sind Sie mit einem Gewehr am Strand.“

„Einem Gewehr?“ Er war ebenso überrascht wie belustigt. Er streckte beide Hände flach aus, zum Zeichen, dass er keine Waffe bei sich hatte – es sei denn, unter seinem Handtuch, und sie würde sich hüten, dort zu suchen. „Ich wollte Sie nur auf mich aufmerksam machen.“

„Mit einem vom Meerwasser gekühlten Finger? Ich verstehe.“ Beth presste die Lippen zusammen. „Sie benutzen kein Gewehr, aber Sie greifen Ihre Gäste trotzdem an. Nun? Wollen Sie nicht wenigstens so höflich sein zu antworten, nachdem Sie mich halb zu Tode erschreckt haben?“

Er musste sich immer noch daran gewöhnen, so ganz anders als sonst behandelt zu werden, als sein Blick plötzlich auf ihre vollen, rosigen Lippen fiel, die sie nur mit Mühe zusammenpressen konnte. Er wollte lächeln, weil sie so jung und entrüstet war, aber das hätte die Begegnung unnötig verlängert.

„Ich bitte um Entschuldigung“, erklärte er, indem er mit der rechten Hand Brust und Stirn berührte. „Sie haben recht, verärgert zu sein. Als Besucherin meines Landes sind Sie natürlich mein Ehrengast.“

„Ich nehme die Entschuldigung an“, erwiderte sie. „Sie arbeiten also auch hier?“

Statt zu antworten, beobachtete er wieder das Rot auf ihren Wangen. Ihre zierliche Figur und die kleinen, festen Brüste hatten seine Fantasie erregt. „Ganz recht“, meinte er dann. „Ich bin gerade angekommen.“

„Genau wie ich.“ Beths Ärger war verflogen. „Sicher auch wegen der Feierlichkeiten?“ Sie sah zum Palast hinüber. „Man hat mir gesagt, es sei viel Personal engagiert worden.“

„Tatsächlich?“

Sie betrachtete ihn nachdenklich und entschloss sich, mehr Vertrauen zu ihm zu haben. „Q’Adar ist ein wunderschönes Land, nicht wahr?“

Dem konnte er nur zustimmen. Weiße Schaumflocken schmückten das jadegrüne Meer, und der Mondpalast schimmerte im milderen Licht des Nachmittags rosarot.

„Aber nicht der orientalische Prunk macht es so schön“, fuhr Beth naiv fort. „Davon gibt es eine Menge, aber Prahlerei kann man im Fernsehen jeden Tag erleben.“

„Prahlerei?“ Er hatte den Palast bei seiner Rückkehr ebenfalls überladen gefunden, aber von einer Fremden kritisiert zu werden, war etwas anderes.

„Es ist die Landschaft“, setzte Beth erneut an und zeigte nach rechts und links. „Ich glaube, die Verbindung von Strand, Meer und menschlicher Wärme macht Q’Adar so einmalig.“

Es fiel ihm immer schwerer, ihr böse zu sein – besonders, als sie hinzufügte: „Am meisten sind es wohl die Menschen.“ Dann errötete sie wieder und nestelte an ihrem Haar, als würde ihr bewusst, dass sie ihn aufhielt. Vielleicht war ihr auch klar geworden, dass sie sich nicht mit einem fremden Mann unterhalten durfte, der ihr vielleicht gefährlich werden konnte …

„Ich werde Ihnen nichts tun“, versicherte er mit erhobenen Händen.

Beth zuckte die Schultern, mehr aus Trotz, wie er vermutete, um zu verbergen, dass sie die Misslichkeit ihrer Lage ebenfalls empfand. Dann ertönte irgendwo im Palast ein Hornsignal und erschreckte sie von Neuem. „Was war das?“, fragte sie atemlos.

„Das war der Nafir …“

„Der … was?“

„Der Nafir“, wiederholte er. „Das ist ein Horn.“ Es war beinahe unmöglich, sich nicht von ihrer Fröhlichkeit anstecken zu lassen. „Es ist etwa drei Meter lang, besteht aus Kupfer und gibt nur einen Ton von sich.“

„Dann kann man nicht viel damit anfangen, oder?“

„Im Gegenteil.“ Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Der Nafir ertönt nur bei festlichen Gelegenheiten und wird auch heute Abend gespielt, um den Geburtstag des Scheichs zu verkünden.“

„Dann war das eben eine Generalprobe?“

„Wahrscheinlich.“

Beth seufzte übertrieben. „Was für eine Erleichterung!

Ich dachte schon an die Mauern von Jericho. Es wäre nicht schön, wenn der Palast über uns zusammenbrechen würde.“ Sie verzog das Gesicht und sah zu dem gewaltigen Gebäude hinüber.

Der Mondpalast galt seit Jahrhunderten als Symbol für Q’Adars Vorrangstellung in der arabischen Welt, und er hatte noch nie erlebt, dass sich jemand darüber lustig machte. Diese junge Frau war schwer zu beurteilen – wenn er davon absah, dass sie ihn interessierte.

„Sollten Sie nicht umkehren?“, fragte er. Sie musste Pflichten haben, und er wollte nicht, dass sie Schwierigkeiten bekam.

Sie neigte den Kopf zur Seite und sah ihn frech an. „Wie steht es mit Ihnen?“

„Ich kann ruhig noch etwas bleiben.“

„Ich auch“, erklärte sie. „Bis zum Ball ist es noch eine Ewigkeit.“

„Dann sind Sie Kellnerin?“

„Himmel, nein!“ Beth lachte herzlich. „Da würden die Kanapees durch die Luft fliegen, und jeder würde das falsche Getränk bekommen. Um so etwas hat man mich noch nie gebeten.“

„Dann sind Sie ein Gast?“

„Sie fragen das, als würde es Sie ungeheuer überraschen“, beschwerte sie sich. „Die Wahrheit liegt etwa dazwischen.“

„Wozwischen?“

„Zwischen einer Angestellten und einem Gast“, erklärte sie munter. „Ich arbeite für den Scheich, bin aber ganz unbedeutend.“

„Unbedeutend?“, wiederholte er. Ihm wären andere Worte eingefallen, um dieser jungen Frau gerecht zu werden. „So würde ich Sie nicht beschreiben.“

„Das ist sehr nett von Ihnen, aber damit Sie es gleich wissen … Ich bin nur eine Verkäuferin.“

„Nur?“ Er dachte an die vielen anderen Verkäuferinnen, die weltweit in seinen Luxuskaufhäusern arbeiteten. Sie waren das eigentliche Kapital seiner Unternehmen. Sie standen in der vordersten Reihe, und diese junge Frau übertraf alle. Ihre Geschichte interessierte ihn. „Erzählen Sie mir mehr“, forderte er sie auf.

„Ich bin zur Verkäuferin des Jahres der Kaufhauskette ‚Khalifa‘ gewählt worden, und dies ist mein Preis.“ Sie machte eine ausladende Bewegung, die vermutlich alles einschließen sollte, was sie bisher in Q’Adar erlebt hatte.

„Gefällt es Ihnen?“ Das hatte sie schon zugegeben, aber er wollte mehr erfahren.

„Es gefällt mir sehr. Warum auch nicht? Wie es heißt, soll der Scheich hinreißend sein.“

„Tatsächlich?“, fragte er überrascht.

„Ich kann mir kein Urteil bilden, bevor ich ihn heute Abend gesehen habe, aber dann lasse ich es Sie wissen.“

„Wirklich?“ Er unterdrückte seine Heiterkeit. Sie war noch so jung und beugte sich jetzt sogar vertraulich vor. „Wissen Sie, ich bedaure den Scheich …“ „Warum das?“ Sie richtete sich auf und sagte mit feierlicher Miene: „Sie glauben wahrscheinlich, dass er alles hat, aber ist er nicht lebenslang gefesselt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie mitleidig fort: „Er kann niemals tun, was er will, sondern nur, was für andere gut ist.“

„Könnte das nicht dasselbe sein?“, fragte er voller Verwunderung darüber, dass er hier mit einer unbekannten jungen Frau diskutierte.

Beth dachte einen Moment nach. „Er muss sehr stark sein, um ein Land zu regieren, sein riesiges Unternehmen zu leiten und noch Zeit für ein Privatleben zu haben.“

„Und dennoch haben Sie Mitleid mit ihm?“ Die Vorstellung kränkte ihn etwas.

„Ja“, gab sie offen zu und fuhr schnell fort: „Es muss grässlich sein, wenn die Leute den ganzen Tag um einen herumkriechen und man nicht weiß, wem man trauen kann.“

„Vielleicht ist der Scheich klüger, als Sie denken.“

Ihre Augen leuchteten auf. „Das glaube ich auch. Er muss es sein, sonst hätte er nicht so großen geschäftlichen Erfolg und wäre von den anderen Scheichen nicht gewählt worden. Das hat mir gefallen. Ihnen auch?“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine die Art, wie sie ihn gewählt haben. Natürlich sind wir zu Hause alle begeistert, dass unser Chef jetzt Q’Adar regieren wird. Gleichzeitig fürchten wir, dass er die ‚Khalifa‘-Kette jetzt verkaufen könnte.“

„Warum sollte er das tun?“

„Er könnte das Interesse am Geschäft verlieren, wenn er in Zukunft sein Land regieren muss.“

„Die Gefahr besteht nicht.“

Beth horchte auf. „Das klingt sehr überzeugt. Verfügen Sie über Insiderkenntnisse?“ Als er nicht antwortete, drängte sie ihn: „Sie sind ein Mann von Bedeutung, nicht wahr?“

„Ich höre die Gerüchte im Palast“, erklärte er mit einer abwehrenden Handbewegung.

„Natürlich … wie wir bei uns im Kaufhaus. Wir erfahren immer, was gerade vor sich geht.“ Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu. „Wie ist er so?“

„Der Scheich?“

„Sie müssen ihn kennen, wenn Sie für ihn arbeiten. Ich lag mit Grippe im Bett, als er das letzte Mal das ‚Khalifa‘ in Liverpool besuchte. Das war wirklich Pech. Ist er streng?“

„Sehr streng.“

„Aber nicht gemein zu Ihnen?“

„Wir arbeiten gut zusammen“, versicherte er.

„Ich sollte jetzt lieber gehen“, erwiderte sie und steuerte auf den Palast zu. „Danke für die Unterhaltung.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Kommen Sie mit? Ich muss los, um mein Festkleid anzuziehen.“

„Für den Diamantenball? Natürlich.“ Er hatte den Ball fast vergessen. Zwei schlanke, noch kaum gebräunte Beine, wohlgeformte Hüften und eine Wespentaille hatten ihn abgelenkt. Die natürliche Freundlichkeit im Blick der jungen Frau war so erfrischend, dass er sich noch einige Sekunden ihrer Gesellschaft gönnte. „Freuen Sie sich auf den Ball, Cinderella?“

Ihr Gesicht wurde ernst. „Nennen Sie mich nicht so. Ich bin nicht Cinderella. Mein Name ist Beth … Beth Tracey Torrance.“ Zu seiner äußersten Überraschung streckte sie ihm die Hand entgegen. „Und ich warte auch nicht auf die gute Fee, die kommt und mich rettet. Ich sorge selbst für mein Glück.“

„Tun Sie das?“ Er nahm ihre Hand, die trotz der Hitze zart und kühl war und erstaunlich kräftig zudrücken konnte. „Und wie stellen Sie das an?“

„Ich arbeite schwer“, gab sie offen zu. „Ich habe mal etwas von Thomas Edison gelesen … Sie wissen schon, dem Glühbirnenmann. Ich habe die Worte nie vergessen und zu meinem Lebensmotto gemacht.“

„Sprechen Sie weiter.“ Es fiel ihm schwer, nicht zu lachen, aber er bezwang sich und nickte ermutigend.

„Thomas Edison hat gesagt: ‚Die meisten Menschen verpassen ihre Chance, weil sie im Overall daherkommt und wie Arbeit aussieht.‘“

„Stimmen Sie dem zu?“

„Ja.“ Beth dehnte das kurze Wort voller Inbrunst. „Es funktioniert bei mir, aber ich liebe meine Arbeit auch.“ „Wie das?“ „Ich liebe Menschen“, erklärte sie mit leuchtenden Augen.

„Ich freue mich an ihren Gesichtern, wenn ich im Kaufhaus etwas gefunden habe, das ihr Leben verschönern wird. Das kann ein Geschenk sein oder auch etwas, womit sie sich selbst verwöhnen … ganz egal. Ich achte nur darauf, wie sich ihre Gesichter verändern …“ Sie lächelte, als wollte sie ihre These an sich selbst beweisen.

„Dann ist der veränderte Gesichtsausdruck Ihr Erfolgsrezept?“ „Oh, einige andere in meiner Abteilung sind genauso gut“, wehrte sie ab. „Erfolg beim Verkauf ist immer Glückssache.“

Nach allem, was sie ihm erzählt hatte, bezweifelte er das.

Das Horn ertönte wieder, aber diesmal erschrak sie nicht, sondern fragte: „Ist das nicht romantisch?“

Sie blickten beide zu den mächtigen Wehrtürmen hinüber, auf denen zu Ehren des Scheichs Fahnen gehisst wurden. Die Sonne stand inzwischen so tief, dass die Mauern der Zitadelle rot erglühten. Das konnte man schon romantisch nennen, wenn man genug Fantasie besaß und sich genug Zeit nahm.

„Stellen Sie sich vor, man würde um Ihren Geburtstag so viel Wirbel machen“, sagte sie und fesselte aufs Neue seine Aufmerksamkeit. „Ich dachte, ich wäre schon gut dran, aber …“

„Gut dran?“, unterbrach er sie, um noch mehr von ihr zu erfahren.

„Ich habe die beste Familie der Welt“, versicherte sie nachdrücklich. Ihr strahlendes Gesicht verriet, welch schöne Erinnerungen sie hatte. „Sie stellen an meinem Geburtstag die verrücktesten Sachen an, haben wunderbare Überraschungen für mich …“ Ihr Blick verklärte sich. „Sie wissen, was ich meine?“

Ehrlich gesagt, wusste er das nicht. ...

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