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Happy End für Rachel?

1. KAPITEL

Neben ihr saß der Traum einer jeden Frau. Seine stattliche, anziehende Erscheinung ließ nicht auf den eiskalten Geschäftsmann schließen, als der er galt. Nicht ohne Grund zählte er zu den begehrtesten Junggesellen der Stadt. Seine maskuline Ausstrahlung raubte ihr beinahe die Sinne. Noch näher hätte er sich wohl kaum zu ihr setzen können. Doch Lavender hatte nicht vor …

„Mum, ich kann auch hier bleiben, wenn es dir lieber ist.“ Plötzlich lehnte Daisy im Türrahmen von Rachels Büro und holte ihre Mutter unsanft aus der Welt ihrer Romanheldin zurück ins Hier und Jetzt.

„Oh, Daisy!“, schreckte Rachel auf und erhob sich, um ihre Tochter in die Arme zu schließen. „Wie kommst du nur darauf?“

Als typischer Teenager befreite sich Daisy schnell aus der Umarmung ihrer Mutter. „Na, ich weiß doch, was du von Lauren hältst. Mir gefällt sie ja auch nicht besonders. Und Florida ist ganz schön weit weg.“

Rachel seufzte. Es erstaunte sie immer wieder, wie bedacht und einfühlsam Daisy in dieser Angelegenheit war. So wenig sie sich in der alltäglichen Rebellion gegen ihre Mutter von anderen Dreizehnjährigen unterschied, wagte sie es nie, ihre Eltern gegeneinander auszuspielen.

Nun stand endlich der lang ersehnte Besuch bei ihrem Vater und seiner neuen Frau kurz bevor. Doch Daisy spürte, dass ihrer Mutter das nicht besonders gefiel. Seit seiner Heirat mit Lauren richtete sich der Kontakt von Daisys Vater zu seiner Tochter eher nach seinem Terminkalender als nach Daisy. Und das, obwohl Rachel eingewilligt hatte, sich das Sorgerecht mit ihm zu teilen. Doch seit Steve im letzten Jahr wegen einer Beförderung nach Miami gezogen war, wollte er Daisy plötzlich so oft wie möglich bei sich haben.

Rachel hatte sich den Besuchen nie in den Weg gestellt. Sie konnte Daisy doch den Umgang mit ihrem Vater nicht verbieten. Aber tief in ihrem Innersten befürchtete sie, Daisy könnte eines Tages die aufregende Großstadt Miami dem beschaulichen englischen Landleben in Westlea vorziehen.

„Es macht mir wirklich nichts aus, meine Süße“, versicherte Rachel. Gerade erst schien ihr Leben durch den Erfolg als Romanautorin endlich eine glückliche Wendung zu nehmen. Aber das wäre bedeutungslos, wenn nun auch noch ihre Tochter sie endgültig verlassen würde.

„Und du bist dir wirklich sicher?“ Daisy klang nicht überzeugt.

Zärtlich strich Rachel ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es wird bestimmt ganz toll, du wirst schon sehen. Ich wünschte nur, dein Vater hätte nicht einfach bestimmt, dich in Begleitung eines fremden Manns reisen zu lassen.“

Daisy lachte. „Mum, Mr. Mendez ist doch kein Fremder. Er ist Daddys Chef bei Mendez Macrosystems. Er war ab und zu bei Dad und Lauren, als sie noch in London lebten. Und es war nicht zu übersehen, dass Lauren total auf ihn abfährt.“

Das verschlug Rachel beinahe die Sprache. „Sie fährt auf ihn ab?“

„Langweilig findet sie ihn jedenfalls nicht.“ Einen Augenblick starrte Daisy ihre Mutter verständnislos an. „Mum, wenn du Bücher für junge Frauen schreiben möchtest, solltest du wenigstens wissen, wie wir uns ausdrücken.“

„Sollte ich das? Aber wie kommst du denn nur darauf, dass Lauren auf ihn ‚abfährt‘? Sie und dein Vater sind noch nicht einmal vier Jahre verheiratet.“

„Und?“, bemerkte Daisy spitz. „Frauen wie Lauren denken doch, sie könnten jeden Mann haben.“

Rachel schüttelte den Kopf. „Darüber sollten wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen.“

„Warum nicht?“

„Sie ist immerhin die Frau deines Vaters.“

„Und du warst immerhin seine Frau, als sie ihn sich geschnappt hat. Mal ehrlich, Mum, es wäre doch ideal, wenn die zwei sich scheiden lassen würden. Dann bekämen Dad und du vielleicht noch eine Chance.“

Gab es tatsächlich noch eine Chance?

Lange hatte Rachel sich einen Hoffnungsschimmer gewünscht. Doch inzwischen bezweifelte sie, dass diese Beziehung eine zweite Chance überhaupt verdiente. Schließlich war Steve Carlyle nie der Mann gewesen, den sie in ihm sehen wollte. In den neun Jahren ihrer Ehe gab es so manche Frau, die Steves Interesse geweckt hatte. Lauren Johansen hatte sich lediglich als die hartnäckigste und wohlhabendste von ihnen erwiesen.

„Aber du wirst ihn schon noch früh genug kennenlernen. Mr. Mendez, meine ich“, riss Daisy sie aus ihren Gedanken. „Er holt mich hier ab. Oh Mann, Joanne tickt aus, wenn ich ihr das erzähle.“

„Wie bitte? Sag mal, Daisy, wie redest du eigentlich?“

„Okay, okay, dann wird sie eben grün vor Neid. Klingt das besser?“ Das Mädchen rümpfte die Nase. „Du könntest ruhig mal ein bisschen lockerer sein, Mum.“

„Hältst du mich etwa für zu alt, um auszuticken?“ Rachel gab die Hoffnung auf, nun noch etwas Gescheites zu Papier zu bringen und fuhr den Computer herunter. Gemeinsam gingen Mutter und Tochter in die Küche.

„Es ist schon fast Zeit für das Mittagessen. Hättest du nicht auch Lust auf ein Omelett oder einen Salat?“

„Mir wäre eine Pizza mit extra Käse viel lieber.“ Daisy klimperte mit den Wimpern. Seit sie in die Pubertät gekommen war, nahm sie leichter zu. Darum versuchte Rachel immer wieder, ihr eine gesündere Ernährung schmackhaft zu machen. Aber sie glaubte kaum, dass Daisy sich in den Ferien daran halten würde. Und wenigstens die verbleibende Zeit mit ihrer Mutter sollte sie noch genießen. Ihnen blieben nur noch fünf Tage, bevor Rachel ihre Tochter für einige Wochen hergeben musste. Wie ihr davor graute!

Den folgenden Tag verbrachte Daisy mit ihren Großeltern. Steves Eltern missbilligten den Vertrauensbruch ihres Sohns und waren sowohl für ihre Schwiegertochter als auch für ihre Enkelin zu einer großen Stütze geworden. Ihre eigenen Eltern hatte Rachel schon als Teenager bei einem Autounfall verloren.

Im Grunde kam ihr ein Tag, an dem sie die Wohnung für sich hatte, mehr als gelegen. Vielleicht fand sie endlich die nötige Ruhe, um mit ihrem neuen Werk voranzukommen. Daisys Reisevorbereitungen hatten Rachel in den letzten Wochen mehr beansprucht als gedacht.

Doch gerade als sie sich an ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte, klingelte es plötzlich an der Haustür. Dabei erwartete sie weder Besuch noch konnte es der Briefträger mit einem ihrer Manuskripte sein, und sämtliche Nachbarn hatten inzwischen gelernt, sie am Vormittag nicht zu stören.

Rachel ging zum Bürofenster und wagte einen vorsichtigen Blick. Am liebsten hätte sie das Läuten einfach ignoriert. Aber der riesige schwarze Geländewagen in der Einfahrt weckte ihre Neugier. Wer konnte das nur sein? Niemand aus ihrem Freundeskreis besaß solch ein Prachtauto.

Umso mehr erschrak sie, als plötzlich ein dunkelhaariger Fremder unter dem Vordach hervortrat und nach oben sah. Sein beeindruckender Körper in der verwegenen Lederjacke bannte ihren Blick für eine gefühlte Ewigkeit. Erschreckt wich Rachel hinter den Vorhang zurück. Doch es war zu spät, der Fremde hatte sie entdeckt. Er klingelte erneut.

Als sie die Treppe heruntereilte, pochte ihr Herz heftig vor Aufregung. Während sie die Tür aufschloss, fiel ihr auf, dass sie allein im Haus war. Sollte sie diesem Fremden wirklich öffnen?

Das ist nicht einer deiner Romane, ermahnte sie sich. Nicht jeder Unbekannte führte gleich etwas Böses im Schilde. Vielleicht wollte er bloß nach dem Weg fragen. Oder er war der neue Verehrer ihrer Nachbarin Julie Corbett. Auf jeden Fall passte er in das Beuteschema von blonden Schönheiten wie Julie.

Sicherheitshalber öffnete Rachel die Tür nur einen Spalt. Der Anblick ihrer lockeren Shorts und des viel zu weiten T-Shirts waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

„Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte sie.

Ihr erster Eindruck bestätigte sich. Etwas Geheimnisvolles umgab diesen schlanken Mann. Sein verwegenes Lächeln wirkte im Gegensatz zu den markanten Wangenknochen und den dunklen ernsten Augen kaum bedrohlich. Die sehr eigenwillig geformte Nase ließ vermuten, dass er nicht jeden Konflikt durch ein Gespräch löste. Ganz sicher entsprach er nicht den äußerlichen Erwartungen, die Rachel bislang an die Helden ihrer Romane gestellte hatte. Vermutlich war er auch einige Jahre jünger als Rachel. Aber ausgerechnet diese harte Schale machte sie nervös.

„Sie sind doch Rachel, nicht wahr?“

Völlig überrumpelt starrte sie ihn an. „Kennen wir uns etwa?“

„Nein, aber ich kenne Ihre Tochter Daisy.“ Ihr Gesichtsausdruck veranlasste ihn offenbar, sie aufzuklären.

„Vielleicht sollte ich mich vorstellen. Mein Name ist Joe Mendez.“ Himmel! Dieser leichte spanische Akzent. Vor ihr stand Steves Chef. Den Inhaber von Mendez Macrosystems hätte sie ganz sicher nicht in verblichenen Jeans und Turnschuhen erwartet.

„S…sie ist nicht hier“, stotterte Rachel. Lässig lehnte sich Joe mit einem Arm an die Hauswand und betrachtete sein Gegenüber. „Ehrlich gesagt wollte ich auch nicht zu Daisy, sondern zu Ihnen.“ Dann sah er zu seinem Geländewagen: „Ich hoffe, mein Wagen versperrt dort niemandem den Weg.“

Anscheinend glaubte er tatsächlich, sie würde ihn hereinbitten. „Nein, in dieser Straße gibt es kaum Verkehr. Was kann ich denn für Sie tun, Mr. Mendez?“

„Nennen Sie mich doch Joe. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“

Immerhin tat er Daisy und ihr einen Gefallen. Daher sollte sie wohl besser die Gelegenheit nutzen, sich diesen Mann genauer anzusehen. „Bitte, kommen Sie doch herein.“

„Vielen Dank.“ Er schloss die Tür hinter sich, und Rachel führte ihn in das Wohnzimmer. Zwar fühlte sie sich in ihrer gemütlichen Küche viel wohler, doch das Chaos, das dort herrschte, konnte sie dem Besucher wohl kaum zumuten.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz.“ Sie deutete auf das Sofa.

Sein charmantes Lächeln entblößte eine schmale Lücke zwischen seinen Schneidezähnen. Auf eine ihr bisher unbekannte Weise machten ihn die kleinen Makel extrem anziehend. Einem Mann wie ihm war Rachel noch nie zuvor begegnet. Vielleicht war Daisys Beobachtung doch nicht so abwegig. Nach dem ersten Eindruck fand Rachel es durchaus nachvollziehbar, dass Lauren auf diesen Mann ‚abfuhr‘.

Doch so einfach durfte sie sich nicht von ihm um den Finger wickeln lassen. Irgendwann musste sie schließlich aus ihren Fehlern lernen.

„Kann ich Ihnen vielleicht auch einen Kaffee anbieten? Ich war gerade dabei, welchen zu kochen.“

„Ja, gern.“

Erleichtert schenkte sie ihm ein Lächeln und eilte in die Küche. Das wäre die perfekte Gelegenheit, um schnell noch in angemessenere Sachen zu schlüpfen. Schließlich war sie immer noch barfuß, und ihr T-Shirt reichte nicht einmal ganz bis zum Bund ihrer Shorts. Andererseits sollte er bloß nicht denken, sie gäbe etwas auf seine Meinung. Womöglich war er es gewohnt, dass alle Welt perfekt gekleidet und frisiert nur auf seinen Besuch wartete.

Wie an jedem Morgen hatte Rachel die italienische Kaffeemaschine bereits vorbereitet, bevor sie sich in ihr Arbeitszimmer zurückzog. Nach einem Knopfdruck füllte sich der Raum im Nu mit dem wohligen Duft von frisch gebrühtem Kaffee.

„Daisy hat mir erzählt, Sie sind Schriftstellerin.“ Erschreckt fuhr Rachel herum. Wie aus dem Nichts kommend stand er plötzlich an ihrem Küchentresen. Auf dem Weg zu ihr hatte er seine Lederjacke ausgezogen. Deutlich zeichneten sich die ausgeprägten Muskeln unter dem eng anliegenden T-Shirt ab. Auch die provozierend tief auf den Hüften sitzende Jeans fesselte für einen kurzen Moment ihren Blick. – Aggressiv männlich, dachte sie. Aber was fällt diesem Kerl eigentlich ein, unaufgefordert in meiner Wohnung herumzuspazieren?

„Ja, so etwas in der Art“, wehrte sie ab und hielt ihm einen leeren Kaffeebecher vor die Nase. Gespielt gleichgültig wandte sie sich zum Kühlschrank, um die Milch zu holen. Doch Joe hakte nach. „Sie schreiben doch Liebesromane, nicht wahr?“ Er lächelte. „Und von wem lassen Sie sich dazu inspirieren?“

„Sie dürfen mir ruhig genügend Vorstellungskraft zutrauen“, verteidigte sie sich. „Jetzt untertreiben Sie aber. Daisy ist unheimlich stolz auf ihre Mutter“, schmeichelte er.

„Na ja, sie ist aber wohl kaum objektiv.“ Rachel versuchte ein Lächeln. Warum nur hatte sie bei diesem Mann das Gefühl, ihr würde der Boden unter den Füßen weggezogen? Sie hätte doch allen Grund gehabt, vor Stolz zu strahlen. Gerade war ihr zweiter Roman begeistert gefeiert worden, und ihre Agentin drängte nun bereits auf ihr neues Manuskript.

Schulterzuckend wandte Joe sich zum Fenster und begutachtete den Garten des kleinen Landhauses. „Das ist wirklich ein schönes Grundstück. Wie lange wohnen Sie denn schon hier?“

„Hat Steve Ihnen das nicht erzählt?“, zischte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne.

„Um ehrlich zu sein, hat Steve mir nur sehr wenig über Sie erzählt.“ Irritiert suchte er Rachels Blick. „Gibt es etwas, das ich wissen sollte? Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, tut es mir sehr leid.“

Seine Betroffenheit ließ ihre Wangen erglühen. „Nein, bitte entschuldigen Sie. Das war sehr unhöflich von mir.“

„Jetzt haben Sie mich doch ein wenig neugierig gemacht. Was hat Steve mir denn verschwiegen?“

Warum hatte sie dieses Thema nur angeschnitten? „Das Haus war eigentlich das Hochzeitsgeschenk von Steves Eltern. Aber als Steve die Scheidung eingereicht hat, haben sie darauf bestanden, dass Daisy und ich hier wohnen bleiben.“

„Ah, ich verstehe. Die Carlyles standen also nicht unbedingt auf der Seite ihres Sohnes.“

„So könnte man es auch sagen.“ Tatsächlich konnten sie damals kaum fassen, dass ihr geliebter Sohn anscheinend nicht der liebevolle Vater und Ehemann war, für den sie ihn gehalten hatten.

Joe dachte einen Moment lang nach. „Und nun fragen Sie sich, ob Ihr Exmann hinter meinem Besuch steckt?“

„Ich hatte mit keinem Besuch gerechnet, Mr. Mendez.“ War sie so leicht zu durchschauen? Endlich verstummte die Kaffeemaschine und bot Rachel die ersehnte Gelegenheit, das Thema zu wechseln.

„Möchten Sie Milch oder Zucker?“

„Ich trinke meinen Kaffee schwarz. Bitte nennen Sie mich doch Joe. Mr. Mendez klingt eher nach meinem Vater.“

Während sie ihm einschenkte, meinte sie, seine wärmende Nähe zu spüren.

Rachel genoss einen großen Schluck aus ihrem Becher. „Lassen Sie uns doch ins Wohnzimmer gehen“, schlug sie dann vor.

Er folgte ihr wortlos. Erst als Rachel sich in den Lehnsessel setzte, nahm Joe schließlich auf dem Sofa Platz.

„Der Kaffee ist wirklich gut“, begann er unverfänglich – dann suchte er ihren Blick. „Vermutlich halte ich Sie von der Arbeit ab?“

„Ach, ich kann eine kleine Pause ganz gut gebrauchen.“

„Kommen Sie gerade nicht voran?“ Sein Interesse an ihrer Arbeit wirkte ernst. Also schuldete sie ihm eine ehrliche Antwort.

„Irgendwie erfordert Daisys Reise nach Florida gerade meine ganze Aufmerksamkeit.“

„Vermutlich fällt es Ihnen sehr schwer, sie gehen zu lassen.“ Obwohl sie sich gerade erst kennengelernt hatten, verstand dieser Mann ihre Gefühle. Rachel spürte seinen Blick und errötete.

„Also, na ja – eigentlich nicht. Sie hat ihren Vater immerhin seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Und ich halte es für richtig, dass sie Zeit mit ihm verbringt. Aber …“

„Sie machen sich Sorgen, Daisy könnte das aufregende Leben in einer amerikanischen Großstadt womöglich ihrem gemächlichen Leben hier vorziehen?“, beendete er ihren Satz wie selbstverständlich.

Ein derartiges Einfühlungsvermögen hätte sie einem Mann wie ihm nie zugetraut. „Vermutlich haben Sie recht“, gestand sie verlegen. „Wie kann ich Daisy allein den Atlantik überqueren lassen, wenn ich das bislang noch nicht einmal selbst geschafft habe?“

Aufmunternd lächelte Joe ihr zu. „Das ist heutzutage gar nicht mehr so schwer, wissen Sie. Wozu gibt es schließlich Flugzeuge? Und auch wenn wir uns nicht immer gleich verstehen, sprechen wir Amerikaner doch die gleiche Sprache wie ihr Briten.“

„Sie sind Amerikaner? Mir schien, als hätte ich einen leichten Akzent herausgehört. Aber vielleicht war das auch nur …“

„Sie sind wirklich eine gute Beobachterin. Meine Eltern kommen gebürtig aus Venezuela und sind noch vor meiner Geburt in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Ich bin in Miami aufgewachsen. Also fühle ich mich als Amerikaner, bin aber unsagbar stolz auf meine südamerikanischen Wurzeln.“

Rachel zuckte zusammen, als das schrille Läuten des Telefons ihr Gespräch unterbrach. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er ihr den Grund für seinen Besuch immer noch nicht mitgeteilt hatte.

„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment. Ich bin gleich zurück.“ Auf dem Weg zum Flur sah sie aus dem Augenwinkel, wie er sich langsam erhob. Dann schloss sie die Tür hinter sich.

Eilig griff sie nach dem Telefonhörer. „Ja, bitte?“

„Rachel?“ Evelyn klang nervös.

„Ist irgendetwas mit Daisy? Sie ist doch noch bei euch, oder?“

„Natürlich ist sie das“, beruhigte Evelyn Carlyle ihre Schwiegertochter.

„Sie hat uns gerade in ihre Reisepläne eingeweiht. Bist du wirklich damit einverstanden? Oder hat Steve etwa wieder im Alleingang entschieden?“

„Mach dir keine Sorgen. Es ist völlig in Ordnung für mich“, versicherte Rachel. Sie hoffte, ihre Antwort war auch im Wohnzimmer vernehmbar zu hören.

„Aber du hast doch nicht nur angerufen, um mich das zu fragen, oder, Lynnie?“

„Du hast mich ertappt, meine Liebe. Um ehrlich zu sein, war ich ein wenig besorgt um dich. Madge Freeman hat mir nämlich vorhin erzählt, dass schon den ganzen Morgen ein fremder Wagen vor deinem Haus steht.“

Was wäre diese Straße nur ohne Madges wachsames Auge, dachte Rachel abwesend.

„Mir geht es gut“, wich Rachel aus. „Hat Mrs. Freeman dich etwa extra deswegen angerufen?“

„Nein, wir … haben sie ganz zufällig im Supermarkt getroffen. Aber nun erzähl doch mal, wer bei dir ist. Ich habe Madge gesagt, sicher so ein aufdringlicher Vertreter.“

Vielleicht sah Joe Mendez nicht auf den ersten Blick wie ein typischer Millionär aus, aber von einem abgehalfterten Vertreter hatte er gar nichts. Die Vorstellung ließ Rachel schmunzeln.

Doch jetzt war nicht der Zeitpunkt, um mit Evelyn über ihren Besucher zu reden. Schon gar nicht, da sich dieser noch in Hörweite befand. „Daisy wird dir erklären, wer Mr. Mendez ist.“

„Mendez? Doch nicht etwa Steves Chef? Was will er denn? Steve ist doch hoffentlich nichts zugestoßen?“

„Ja, Steves Chef, und nein, Steve geht es gut, nehme ich an.“ Warum sollte man ausgerechnet mich persönlich informieren, wenn Steve etwas zugestoßen wäre! „Mr. Mendez hat mir sein Wort gegeben, Daisy sicher nach Florida zu bringen. Sie hat euch doch bestimmt schon davon erzählt?“

„Sie hat so etwas angedeutet. Das hätte er dir doch auch am Telefon sagen können!“

Rachel atmete angespannt durch. „Hätte er. Nun, er hat es vorgezogen, persönlich mit mir zu sprechen. Und darum wäre es sehr unhöflich, ihn noch länger warten zu lassen. Dafür hast du doch bestimmt Verständnis, oder?“

„Er ist immer noch da?“ Evelyns Stimme überschlug sich geradezu. „Madge hat seinen Wagen doch schon vor Stunden vor deinem Haus gesehen.“

Na und? Langsam fühlte Rachel sich wie ein ertappter Teenager. Doch mit etwas mehr als dreieinhalb Jahrzehnten gehörte sie schon längst in die Kategorie erwachsene Frau. Ein wenig verzweifelt sagte sie: „Evelyn, ich habe ihm Kaffee angeboten, den er jetzt trinkt. Macht ja nichts, dass meiner nun kalt wird.“

„Dann möchte ich dich natürlich nicht länger aufhalten. Rufst du mich an, wenn dein Gast gegangen ist, damit ich weiß, dass es dir gut geht?“

„Ich melde mich später“, versprach Rachel, rollte mit den Augen, sah zur Zimmerdecke und legte auf.

2. KAPITEL

Im Wohnzimmer fand Rachel nur die leeren Kaffeebecher vor, Joe war verschwunden. Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben, dachte sie laut. Und wäre er abgefahren, hätte die wachsame Madge längst zum Telefon gegriffen. Er muss hier noch in der Nähe sein!

Der kühle Luftzug in ihrem Rücken veranlasste sie dazu, sich umzudrehen. Erschreckt sah sie durch die windgebauschten Gardinen in den Garten. Dort hätte sie ihn nicht erwartet.

Joe Mendez betrachtete schmunzelnd den einsamen weißen Pfosten auf der Rasenfläche, an dem der Korb für den Ball fehlte.

Leise trat Rachel auf die Terrasse. Sie kam gar nicht dazu, ein Wort zu sagen, denn ihre Nähe riss ihn mit Macht aus seinen Gedanken.

„Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich brauchte ein wenig frische Luft“, erklärte er auf dem Weg zurück ins Haus. Mit einem anerkennenden Nicken überblickte er den Garten und lobte: „Ihr Gärtner versteht wirklich etwas von seinem Handwerk.“

„Welcher Gärtner!“, lachte sie und trat einen Schritt beiseite, um ihn eintreten zu lassen.

Joe hob die Augenbrauen und sagte ungläubig: „Machen Sie etwa die ganze Arbeit?“, fragte er ungläubig. „Dann müssen Sie nicht nur eine große Pflanzenliebhaberin sein, sondern auch Erde an den Händen lieben.“

Aber Rachel winkte ab. „Ein gering arbeitsintensiver Garten“, erklärte sie, „gelenkte Natur. Dafür muss man mich nicht loben.“

Unsicher senkte sie den Blick, als sie neben ihm auf dem Sofa Platz nahm.

„Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Am Telefon, das war meine Mutter.“ Dann sah sie ihn spitzbübisch von der Seite an. „Evelyn Carlyle, natürlich Steves Mutter.“

Beide lachten. Rachel fragte sich, warum sie neben diesem fremden Mann Wärme spürte, angenehme Wärme.

Dann, nach vielfachem Räuspern, sagte Joe Mendez: „Ihren Schwiegereltern, den Carlyles, werde ich später auch noch einen Besuch abstatten müssen. Steve hat mich gebeten, dort nach dem Rechten zu sehen.“

Blitzartig verwandelte sich die willkommene Wärme in Rachel zu Eis. Sie rückte von ihm ab, setzte sich schräg, sah ihn direkt an und fauchte: „Also doch Steve! Dieser Mistkerl will tatsächlich immer noch alles kontrollieren!“

Joe Mendez setzte sich gleichfalls seitlich, mit Blickrichtung zu Rachel. Besänftigend hob er seine Handflächen in ihre Richtung und beteuerte: „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es war allein meine Idee, Sie hier zu besuchen.“

Rachel war aufgesprungen und brachte so noch mehr Entfernung zwischen sich und ihn. Kämpferisch stemmte sie beide Hände auf die runden Hüften. Unter einem weiten Rock hätten ihre schönen, leicht gespreizt stehenden Beine weit weniger entschieden gewirkt als in den Shorts. „Um hier nach dem Rechten zu sehen?“, fuhr sie ihn an.

Stumm senkte er den Kopf und hielt lange eine Hand in seinem Nacken, als müsse er ihn stützen, bevor er sagte: „Was sollte ich hier denn schon ...

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