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Happy End für Harriet

1. KAPITEL

“Nun, ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht bin!” Augusta Brandon schürzte verächtlich die dünnen Lippen. “Es ist typisch für George, sich da unten in Brüssel so eine kleine Unbekannte aufzugabeln.” Sie hielt einen Moment inne, um dann empört fortzufahren: “Allerdings habe ich ihn nicht für so dumm gehalten, dass er sie auch heiratet.”

“Aber da wir es hier mit einer Tatsache zu tun haben, können wir nur versuchen, uns damit zu arrangieren”, entgegnete der hochgewachsene Mann, der mit dem Rücken zum Kamin stand. Dabei schaute er seine Cousine mit einem kaum wahrnehmbaren Ausdruck von Abscheu in den blauen Augen aufmerksam an.

“Niemals! Das werde ich ihm nie verzeihen. Wie konnte er nur auf so eine berechnende Person hereinfallen, die es lediglich auf sein Vermögen abgesehen hat. Hätte er sie nicht einfach mit einem eigenen Haus und einer Kutsche ausstatten können? Der Himmel allein weiß, wie oft er das in der Vergangenheit bereits getan hat.”

“Aber, meine Liebe, ich dachte, du würdest den höchsten moralischen Standards huldigen. Machst du dich jetzt etwa zur Fürsprecherin eines ausschweifenden Lebenswandels?”

“Hugh, dein hochmütiges Lächeln ist vollkommen unangebracht. Schließlich habe ich dich nicht hierher gebeten, um mich deinem unerträglichen Sarkasmus auszusetzen.”

Lord Ashby zog die Augenbrauen hoch. “Wenn ich mich recht entsinne, Augusta, hast du mich überhaupt nicht hierher gebeten.” Genüsslich nahm er eine Prise Schnupftabak. “Ich bin auf Einladung deines Vaters hier, um meine neuen Cousinen kennenzulernen.”

“Pah, Cousinen! Die Töchter eines einfachen Arztes, der über keinerlei gesellschaftliche Verbindungen verfügt! Kein Mensch auf der Welt hat jemals den Namen Woodthorpe gehört.”

“Vielleicht nicht in deiner Welt”, entgegnete Hugh scharf. “Aber deine Bekanntschaften erschöpfen sich ja auch auf die Mitglieder des ton, nicht wahr? Dabei wird von Wellington berichtet, dass er großen Respekt vor Tom Woodthorpe hat. Die beiden haben seit ihrer Stationierung in Indien zusammen gedient. Da erscheint es mir ganz natürlich, dass George die Bekanntschaft von Woodthorpes Töchtern gemacht hat.”

“Was hat das denn schon zu bedeuten”, erwiderte Augusta Brandon heftig. “Wie viele Angehörige dieses Berufsstandes zählst du zu deinen Freunden?”

“Ein oder zwei, und ich habe sie als aufrechte, intelligente Männer kennengelernt, die kaum Interesse an den Nichtigkeiten der sogenannten feinen Gesellschaft haben.”

“Nur zu, halte ruhig zu George”, ereiferte sich Augusta, die das Glitzern in Hughs Augen nicht bemerkte. “Das tust du schließlich immer. Dabei hätte ich geglaubt, dass du, noch vor allen anderen, die Beleidigung unserer Familienehre erkennen würdest.”

Hugh blieb ruhig und gelassen. Er streckte eine Hand aus und berührte sacht Augustas Stirn, wo zwischen den Augen zwei steile Falten sichtbar waren. “Sieh dich vor, meine Liebe”, ermahnte er sie sanft, “dieser verbitterte Gesichtsausdruck bekommt deinem Aussehen überhaupt nicht. Ich befürchte, dass deine Falten tiefer werden.”

Erbost schlug sie seine Hand zur Seite. “Mach dich ruhig über mich lustig”, rief sie. “Aber wenn du ehrlich wärest, müsstest du zugeben, dass dir diese Heirat genauso wenig gefällt wie mir. Das Mädchen besitzt keinen roten Heller.”

“Das kümmert mich herzlich wenig.” Lord Ashby zuckte gleichgültig die Schultern und ging hinüber zum Fenster. Er hatte das Geräusch einer heranrollenden Kutsche vernommen. “Sie sind da”, verkündete er und fügte hinzu: “Du solltest Charles aus dem Garten hereinrufen.”

Augusta klopfte energisch an die Fensterscheibe und bedeutete ihrem Gatten durch Winken, er möge zu ihr ins Haus kommen. Dann wandte sie sich erneut an Hugh, der plötzlich eigentümlich angespannt wirkte.

“Was ist los?” wollte sie beunruhigt wissen. “Sind sie so unmöglich, wie wir vermutet haben?”

“Ich befürchte, dass dir eine schockierende Überraschung bevorsteht”, gab Hugh zurück. “Ich empfehle dir, nach Lavinia zu schicken. Du wirst ihre Unterstützung brauchen.”

“So schlimm sind diese Leute? Um Himmels willen, was sollen wir nur tun?” Augusta zog an dem Klingelstrang und wies den unmittelbar darauf eintretenden Bediensteten an: “Lady Lavinia möchte auf der Stelle zu mir kommen.” Während sie auf ihre Schwester wartete, tappte sie ungeduldig mit einem Fuß auf die Erde.

“Stell dich hier hinter mich”, befahl sie dem jungen Mädchen, sowie es eilig hereinkam. “Und sprich nur, wenn du direkt angesprochen wirst.”

“Hast du für mich auch irgendwelche Anweisungen?” erkundigte sich Hugh mit sanfter Stimme, in der allerdings ein warnender Unterton mitschwang.

“Du kannst tun, was du willst”, gab Augusta schnippisch zurück.

“Wenn dem so ist …” Hugh bewegte sich in Richtung Tür, die soeben geöffnet wurde. “Willkommen in Ihrem neuen Zuhause”, begrüßte er die eintretenden Damen und verneigte sich respektvoll. Augusta schnappte hörbar nach Luft.

Die größere der beiden Damen war das bezauberndste Geschöpf, das sie je gesehen hatte. Unter dem feschen Basthut, der mit feinstem Satinband eingefasst war, lugten goldblonde Locken hervor. Sie rahmten ein herzförmiges Gesicht mit ausdrucksvollen veilchenblauen Augen ein. Der makellose Teint rundete den Eindruck der Vollkommenheit ab.

Augusta Brandons Züge wirkten wie erstarrt. “Sie sind also Lady Swanbourne!” Nun wusste sie, warum George so grenzenlos töricht gewesen war. Nur mit Mühe brachte sie die Andeutung eines Lächelns zustande.

“Ich freue mich aufrichtig, Sie kennenzulernen.” Die junge Frau sprach leise, mit melodischer Stimme. “Bitte, nennen Sie mich Elizabeth. Und das muss Lavinia sein.” Sie streckte dem hinter Augusta stehenden Mädchen freundlich eine Hand entgegen und wandte sich dann an Hugh.

“Darf ich mich vorstellen, Lady Swanbourne”, sagte er galant. “Mein Name ist Hugh Ashby; ich bin Georges Cousin.” Mit unverhohlener Bewunderung musterte er Elizabeth, die unter seinem Blick errötete. Schnell drehte sie sich zu der jungen Frau um, die mit ihr hereingekommen war.

“Darf ich Sie mit meiner Schwester Harriet bekannt machen? Und mit Adam und Justin, meinen Brüdern.”

Ein knappes Neigen des Kopfes war alles, wozu sich Augusta zur Begrüßung durchringen konnte. “Ihre Schwester? Aber Sie sehen ihr nicht im Geringsten ähnlich.”

“Wir sind nur Halbschwestern, Madam”, schaltete sich Harriet ein. Die dunkle, wohlklingende Stimme schien so gar nicht zu ihrer äußeren Erscheinung zu passen. Sie war eher klein und trug eine mausgraue Pelisse sowie einen einfachen runden Hut. Weder eine Feder noch irgendein schmückendes Band lockerten den bescheidenen Eindruck auf.

Neben ihrer Schwester, die einen Kopf größer war und wie eine Lichtgestalt wirkte, sah Harriet bedeutungslos aus. Sie hatte kurze braune Locken und leicht getönte Haut. Sommersprossen zogen sich über die kleine gerade Nase, und auch die kräftigen Augenbrauen entsprachen nicht dem gängigen Schönheitsideal. Sie reckte das Kinn ein wenig vor und sah Hugh herausfordernd an.

Ihm stockte der Atem. Ihre Augen, eine faszinierende Mischung von Braun und Grün, waren überwältigend, beinahe zu groß für das kleine Gesicht und von langen dunklen Wimpern umrahmt. Unter den perfekt geschwungenen Brauen hervor traf ihn ein unerschrockener Blick.

Falls Harriet merkte, dass Hugh sie ungeniert anstarrte, ließ sie es sich nicht anmerken. Vielmehr beugte sie sich zu den beiden Jungen hinab, die sie an der Hand hielt, und lächelte sie aufmunternd an.

“Das scheinen mir zwei prächtige Burschen zu sein”, bemerkte er leichthin. “Wie alt sind sie?”

“Adam ist zehn, Justin sechs Jahre alt.”

“George hätte uns vorwarnen sollen”, ertönte Augustas Stimme. “Wir haben nicht so viele Mitglieder der Familie erwartet. Sie, Lady Swanbourne, werden selbstverständlich Georges Zimmer bewohnen. Aber was die anderen angeht …”

“Ich bin sicher, dass meine Schwester irgendwo ein Plätzchen für uns finden wird”, warf Harriet rasch ein, obwohl sie nicht angesprochen worden war.

“Vielleicht gibt es ja irgendwo einen Dachboden?”, schlug Augusta bissig vor.

Hugh warf ihr einen Blick zu, unter dem sie dunkelrot wurde. Bevor sie zu einer weiteren boshaften Bemerkung ansetzen konnte, sagte er: “Augusta beliebt zu scherzen. Dieses Haus ist groß genug, um eine ganze Armee darin unterzubringen.” Wieder schaute er Harriet an und erkannte, dass ihre gelassene Miene nur aufgesetzt war. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Hugh vermutete, dass sie außer sich vor Zorn war.

“Willst du nicht Tee servieren lassen, Augusta?”, schlug er mit gedämpfter Stimme vor. “Ich bin sicher, die Damen würden nach der langen Reise eine Erfrischung begrüßen.”

“Selbstverständlich.” Augusta war gänzlich unberührt davon, dass er sie an ihre Pflichten als Gastgeberin erinnerte. Sie bedeutete Elizabeth, sich neben sie zu setzen, und zog dann unnötig heftig an der Klingelschnur.

“Sie werden mir sicherlich gern etwas über meinen Bruder berichten, Lady Swanbourne. Wie geht es George? Ich muss gestehen, dass diese plötzliche Heirat uns alle ziemlich schockiert hat.”

Elizabeth spürte, wie ihr Gesicht vor Verlegenheit von einem rosigen Schimmer überzogen wurde. “Das tut mir leid”, versicherte sie. “Wir hatten keine so überstürzte Hochzeit geplant. Aber Napoleon marschiert mit seinen Truppen in nördlicher Richtung durch Frankreich. George ist der festen Überzeugung, dass Napoleon die Alliierten angreifen will. Und deshalb wollte er mich zu seiner rechtmäßigen Ehefrau machen, bevor …” In Elizabeths Stimme, die bei diesen Worten leiser geworden war, schwang plötzlich ein leichtes Zittern mit.

Harriet streichelte ihrer Schwester beruhigend die Hände. “Bitte, Lizzie, du darfst dich damit nicht so sehr belasten.” Und an die anderen Anwesenden gerichtet, fuhr sie fort: “Der französische Kaiser wird möglicherweise nicht über die Grenzen seines eigenen Landes hinaus marschieren, aber es war Georges ausdrücklicher Wunsch, seine Gattin nach England in Sicherheit bringen zu lassen. Mein Vater stimmte darin mit ihm überein.”

“Ich finde es verwunderlich, dass Ihre Frau Mama Sie nicht begleitet hat”, meinte Augusta boshaft. “Ihre Brüder sind noch sehr jung, und dass Sie alle ohne ausreichenden Schutz reisen durften …”

“Aber wir haben die Reise gewiss nicht schutzlos unternommen, Lady Brandon.” Harriet war erbost über die unterschwellige Kritik an ihrer Mutter, wahrte jedoch Haltung. “Colonel Leggatt begleitete uns nach London, da er Depeschen des Duke of Wellington zu überbringen hatte.”

“Und unsere Mutter”, warf Elizabeth ein, “hat immer schon ihren Platz in erster Linie an der Seite unseres Vaters gesehen. Da sie wusste, dass wir in Sicherheit waren, wollte sie ihn keineswegs allein zurücklassen.” Elizabeth vermied den Blickkontakt mit Harriet. Sie erinnerten sich beide nur zu gut an die hitzigen Debatten in Brüssel. Doch Mrs Woodthorpe, die, wenn es sein musste, bekanntermaßen über eiserne Entschlossenheit verfügte, hatte schließlich ihren Willen durchgesetzt.

“Ich verstehe.” Augusta Brandon reichte Elizabeth in einer übertrieben höflichen Geste den Schlüssel für die Teedose. “Da Sie ja jetzt hier die Hausherrin sind, möchten Sie den Tee wohl selber aufbrühen.” Ihr säuerlicher Gesichtsausdruck ließ keinerlei Zweifel daran, wie sehr sie es verabscheute, hinter Georges Ehefrau zurücktreten zu müssen.

“Oh, bitte … Nein … Ich möchte nicht … Ich meine, gehen Sie bitte so vor, wie Sie es gewohnt sind.”

Bevor Augusta etwas entgegnen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und ein junger Mann, dessen Alter Harriet auf ungefähr neunzehn Jahre, so alt wie sie selber war, schätzte, stürmte herein.

“So ein Mist”, rief er aus und strich sich mit allen zehn Fingern durch das zerwühlte Haar. “Ich wollte pünktlich hier sein, um euch alle zu begrüßen. Wer von den Damen ist denn nun Georges Gattin?”

“Das bin ich”, antwortete Elizabeth und streckte ihm eine Hand entgegen. “Ich hätte dich überall erkannt. Du musst Piers sein.”

Die Ähnlichkeit des jungen Mannes mit George war in der Tat verblüffend. Er verfügte über eine stattliche Figur und hatte wie George dunkle Locken und strahlend blaue Augen. Elizabeth musterte den jüngeren Bruder ihres Gemahls freundlich.

“Piers, dir mangelt es mal wieder an jeglicher Beherrschung. Deine Einstellung zu dem, was gemeinhin gute Erziehung genannt wird, erstaunt mich stets aufs Neue. Du kommst hier hereingestürmt wie ein junger Bulle und hast kein Wort für Charles oder mich übrig.” Augusta war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren.

Piers wirkte zerknirscht und bemühte sich, den schlechten Eindruck, den er womöglich gemacht hatte, zu korrigieren. Er verneigte sich vor Harriet, begrüßte höflich seine Schwester und deren Mann, warf Lavinia ein Lächeln zu und schüttelte Hugh die Hand. Dann beugte er sich zu den beiden kleinen Jungen hinunter.

“Seid ihr fertig mit eurem Tee?” erkundigte er sich. “Ich glaube, ihr würdet gern die Stallungen sehen.”

Justin und Adam, die bislang auf Harriets Geheiß still am Fenster gesessen hatten, strahlten ihn an. Doch bevor sie antworten konnten, sprach bereits wieder Augusta.

“Setz dich, Piers”, befahl sie barsch, “und lungere hier nicht so herum. Wir sprachen gerade über die Hochzeit deines Bruders.”

“Er ist ein Glückspilz!” Piers schaute Elizabeth mit unverhohlener Bewunderung an. “Wie hat er es nur geschafft, dich für sich zu gewinnen?”

Augustas konsternierter Gesichtsausdruck angesichts dieser, für sie, unverfrorenen Bemerkung reizte Harriet zum Lachen. Geistesgegenwärtig nahm sie ein Taschentuch aus ihrem Retikül und presste es gegen die Lippen, wobei sie einen Hustenanfall vortäuschte. Interessiert schaute Hugh auf ihren gesenkten Kopf.

“Piers, du kannst später die Schwächen deines Bruders auflisten”, schlug er vor. “Diese jungen Damen hier müssen sehr erschöpft sein. Gewiss möchten sie sich eine Weile ausruhen, bevor sie deinen Vater kennenlernen.”

Augusta verschluckte den Kommentar, der ihr auf den Lippen lag, nach einem schnellen Blick in Hughs Gesicht. Stattdessen begnügte sie sich mit einer neuen spitzen, an Elizabeth adressierten Bemerkung. “Der Duke fühlt sich nicht wohl”, erklärte sie. “Er leidet unter einem Schock.”

Befriedigt sah sie, dass sie die beabsichtigte Wirkung erzielt hatte, denn die junge Lady Swanbourne wurde plötzlich sehr blass. “Ich hoffe sehr”, gab Elizabeth erschrocken zurück, “dass es nicht die Nachricht von Georges und meiner Vermählung war, die dieses Unglück …”

“Nein, selbstverständlich nicht”, warf Hugh rasch ein. “Unser verehrter Duke ist schon seit Monaten krank.”

Augusta musste erkennen, dass sie für den Moment ins Hintertreffen geraten war. “Ich werde Sie jetzt verlassen, Lady Swanbourne”, verkündete sie in eisigem Tonfall. “Da Sie nunmehr angekommen sind, gibt es für meine weitere Anwesenheit keinen Grund.”

“Nein, bitte, Sie dürfen nicht meinetwegen gehen”, bat Elizabeth. “Falls Sie sich jedoch von dem Wohlergehen Ihres Vaters überzeugen …”

“Sie werden mir zugestehen, dass ich seinen Zustand am besten beurteilen kann.”

“Oh ja, natürlich”, beeilte sich Elizabeth zu versichern und erhob sich von ihrem Stuhl. Es schien müßig, noch länger darauf zu hoffen, dass Augusta sich etwas umgänglicher zeigen würde. “Dann entschuldigen Sie uns jetzt, bitte.”

“Dürfen die Jungen mit mir kommen?”, bat Piers eifrig, und Elizabeth wechselte einen Blick mit ihrer Schwester.

“Unseren Segen habt ihr”, versicherte Harriet und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. “Aber du musst aufpassen, dass sie dich nicht ärgern.”

“Ach, Harriet! Du weißt doch, dass wir versprochen haben, brav zu sein.” Beide Kinder schauten vorwurfsvoll zu ihr auf.

“Dann lauft los!” Als sie sich umwandte, sah sie sich Auge in Auge Hugh gegenüber. Offen und unerschrocken hielt sie seinem Blick stand. Sie musterte ihn ebenso kritisch wie er sie.

Wie ein richtiger Gentleman sieht er aus, dachte sie, groß und kräftig gewachsen. Piers überragte ihn zwar noch um einige Inches, doch Hugh hatte eine von Autorität geprägte Ausstrahlung. Dadurch konnte er wohl jede beliebige Gesellschaft dominieren. Seine Kleidung bestach durch raffinierte Schlichtheit. Harriet erkannte in Hugh sogleich einen Mann, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen.

Er verfügte über eine besondere Art von Attraktivität allein schon dadurch, dass er eine ungeheure Energie ausstrahlte. Die dunkelblauen Augen schienen tief in sie hineinsehen zu können, und um dem intensiven, fast schon intimen Blick zu entkommen, machte Harriet auf dem Absatz kehrt und folgte ihrer Schwester.

Hugh kämpfte mit den unterschiedlichsten Gefühlen und bemühte sich, sie unter Kontrolle zu bringen. Doch die Emotionen waren überwältigend, und er brach in Gelächter aus.

“Du findest diese Gestalten lustig, mein Lieber? Das überrascht mich nicht, obwohl ich die Situation ganz und gar nicht amüsant einschätzen kann. Die beiden Frauen sind einfach unmöglich!”

“Verzeih, liebe Augusta. Darum geht es mir im Moment gar nicht.” Hugh hatte vielmehr überlegt, ob Harriet wohl Mängel an ihm gefunden hatte, und diese Vorstellung war einfach zu komisch für ihn.

“Elizabeth ist wunderschön”, war jetzt Lavinias zaghafter Stimme zu vernehmen.

Augusta bedachte sie mit einem bitterbösen Blick. “Du gehst am besten sofort hinter diesen Personen her”, befahl sie streng. “Dieses Mädchen, das aussieht wie eine Zigeunerin, kann das Zimmer neben dem seiner Schwester haben.”

“Aber … Ist es nicht ziemlich klein?”

“Gut genug für sie. Ich glaube kaum, dass sie jemals in einem Haus wie diesem gelebt hat.”

“Aber wenigstens scheint Lady Swanbourne warmherzig und freundlich zu sein”, gab Charles Brandon, Augustas Mann, der sich bis zu diesem Moment schweigsam verhalten hatte, einen Kommentar ab. “Sie wird für deinen Vater sorgen, und als Hausherrin wird sie den Wunsch haben …”

“Ihre Wünsche interessieren mich nicht. Sie ist ein absolutes Nichts! Wenn du jetzt die Kutsche vorfahren lassen würdest, Charles.” Augusta winkte ihren Gatten ungeduldig fort.

“Du tätest gut daran, Augusta, dir in Erinnerung zu rufen, dass Elizabeth die Schwiegertochter des Duke und rechtmäßige Ehefrau seines Erben ist.” Hugh sprach sehr eindringlich. “Sie ist jetzt die Herrin hier, ob dir das nun passt oder nicht.”

“Ich beneide sie nicht um diese Aufgabe”, gab Augusta mit einem hässlichen Lachen zurück. “Ein kranker alter Mann und ein Haus voller undisziplinierter Dienstboten! Davon abgesehen, hat sie überhaupt keine Ausstrahlung. Sie ist eine Milch-und-Wasser-Kreatur, wenn ich mich nicht gewaltig irre.”

“Würdest du ihre Schwester auch so einschätzen?”

“Bitte, Hugh, erwähne dieses unmögliche Geschöpf nicht noch einmal. Diese Harriet ist eine vorlaute, anmaßende Person ohne Anspruch auf eine feinere Lebensart. Ich werde sie einfach ignorieren.”

Mit wenigen Schritten durchquerte er den Raum und blieb neben ihr stehen. “Augusta”, sagte er, “sei keine Närrin! Willst du etwa eine Familienfehde starten? George kann deine Haltung nur negativ bewerten.”

“Wenn ich meinen Bruder sehe, wird er etwas zu hören bekommen. Er ist blind und taub für jegliche Vernunft. Dass er sich von einem hübschen Gesicht so hat blenden lassen!”

“Ja, Lady Swanbourne ist eine Schönheit, nicht wahr? Ich glaube, ich habe noch nie zuvor eine Frau gesehen, deren Gesicht und Figur dermaßen perfekt sind.”

“Nun, ich muss zugeben, dass sie rein äußerlich vom Schicksal sehr begünstigt wurde, aber George müsste allmählich gelernt haben, seinen Appetit zu zügeln. Ich lasse mich von Elizabeths engelsgleichem Aussehen gewiss nicht täuschen. Ich glaube, sie hat meinem Bruder ein Eheversprechen abverlangt, bevor sie mit ihm das Bett teilte.”

Hugh sah sie lange an. Sein Blick war eiskalt. “Du hast eine unglaubliche Boshaftigkeit in dir, liebe Cousine. Das ist mir auch schon bei anderer Gelegenheit aufgefallen. Deine letzte Bemerkung war vulgär.”

Augusta wurde dunkelrot. “Du wagst es, mich zu kritisieren?”

“Irgendjemand muss dich auf deine Unzulänglichkeiten hinweisen”, erwiderte Hugh ungerührt. “Elizabeth ist Georges Frau, und daran kannst auch du nichts ändern.”

“Ich habe es nicht nötig, mich von dir beleidigen zu lassen.” Augusta erhob sich. “Ich wünsche dir viel Freude mit deinen neuen Verwandten. Du wirst sie zweifelsohne schnellstmöglich deinen Freunden präsentieren wollen.”

“Das wird mich keine Überwindung kosten. Lady Swanbourne ist wie ein Diamant allererster Güte. Das musst selbst du zugeben.”

“Wie bedauerlich, dass sie bereits vergeben ist. Wenn du dich anstrengst, kannst du ja vielleicht noch die Schwester gewinnen.”

Augustas schrille Stimme drang klar und deutlich durch das geöffnete Fenster nach draußen. In dem darüber liegenden Zimmer konnte Harriet jedes Wort verstehen. Zunächst wollte sie spontan von ihrem Fenster zurücktreten, doch als sie hörte, wie unten über sie gesprochen wurde, blieb sie wie angewurzelt stehen.

“Harriet?” hörte sie Lord Ashbys sagen. “Warum nicht? Es ist wohl nicht einfach für sie, stets in Gesellschaft einer solch außergewöhnlichen Schönheit zu sein. Doch wahrscheinlich verfügt sie über andere Qualitäten, und ihre Augen sind wahrlich bemerkenswert.”

Harriet hörte den amüsierten Unterton in Lord Ashbys Stimme, und sie wurde blass vor unbändigem Zorn. Möglicherweise wollte er lediglich Augusta reizen, doch das gab ihm weder das Recht, ihren, Harriets, Namen ins Spiel zu bringen, noch sich über ihr Aussehen auszulassen.

“Aber, mein lieber Hugh! Kann es sein, dass sie dich auf den ersten Blick gefesselt hat? Was hast du nur für einen Geschmack! Und welch eine Verbindung für dich! Du solltest keine Zeit verlieren und dich sofort um sie bemühen.”

“Deine Versuche, sarkastisch zu sein, sind lächerlich”, beschied er sie. “Allerdings danke ich dir für dein Interesse an meinen Aussichten, in den Ehestand zu treten.”

“Sie wird rund und fett sein, bevor sie vierzig Jahre alt ist”, stieß Augusta erbittert hervor.

“Wie nett von dir, mich darauf hinzuweisen.” Die Versuchung, Augusta bis aufs Blut zu reizen, war einfach unwiderstehlich. “Aber ich schwärme sowieso nicht für Bohnenstangen.”

“Du bist unmöglich!” Augusta griff nach ihrem Kaschmirschal und dem Retikül. “Ich gehe jetzt zu meinem Vater, um mich zu verabschieden, und du kannst mir glauben, dass ich danach so bald keinen Fuß mehr in dieses Haus setzen werde.”

“Ich bin untröstlich.” Hugh schlenderte zur Tür und öffnete sie für Augusta.

Ein Stockwerk höher atmete Harriet mehrmals tief durch. Sowohl Lady Brandon als auch Lord Ashby waren einfach unerträglich. Sie warf einen Blick zum Bett. Zum Glück hatte Elizabeth von dem Gespräch unten nichts mitbekommen. Das Leben in diesem Haus versprach schwierig für ihre Schwester zu werden.

“Lizzie, kann ich irgendetwas für dich tun?” Harriet trat an das Bett und schaute besorgt in Elizabeths blasses Gesicht. Diese hatte auf der Überfahrt unter der stürmischen See gelitten, und die Reise in der Kutsche hierher war ebenfalls beschwerlich gewesen.

“Ich bin lediglich müde. Lass mir nur eine halbe Stunde Zeit, dann werde ich wieder frisch sein.” Elizabeth lächelte, doch auf Harriet machte sie nicht den Eindruck, als ob sie sich so bald erholt haben würde. “Wo sind die Jungen?”, wollte Lizzie wissen.

“Wahrscheinlich noch bei Piers. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Sie konnten es kaum abwarten, endlich herumrennen und sich bewegen zu dürfen.”

Elizabeth seufzte. “Piers ist George so ähnlich”, stellte sie verträumt fest. “Und Lavinia hat mir auch gut gefallen.”

“Mir fällt auf, dass du Lady Brandon noch gar nicht erwähnt hast.”

“Oh Harriet, ich fand sie schrecklich! Ich weiß nicht, wie ich mit ihr umgehen soll.”

“Ich glaube kaum, dass du viel mit ihr zu tun haben wirst”, gab Harriet zurück. “Vor wenigen Augenblicken hat sie Lord Ashby darüber informiert, dass sie nicht die Absicht hat, dies Haus in absehbarer Zukunft erneut mit ihrer Anwesenheit zu beehren.”

“Meinetwegen?”

“Seinetwegen gerade so viel wie deinetwegen. Die beiden hatten unten eine ziemlich heftige Auseinandersetzung.”

“Davon habe ich nichts gemerkt. Ich hoffe inständig, dass ich nicht der Anlass dazu war”, sagte Elizabeth besorgt. “Es kann ihr nicht gefallen, mich hier als Herrin des Hauses zu sehen.”

“Sie steht ihrem eigenen Haushalt vor.” Harriet zuckte gleichgültig die Schultern. “Meine Sympathien gelten ihrem Gatten.”

“Er kam mir sehr … zurückhaltend vor”, bekräftigte Elizabeth. “Offensichtlich ist Lord Ashby der Einzige, der mit Lady Brandon umzugehen weiß.”

“Das kann ich nur unterstreichen. Die beiden sind gut aufeinander eingespielt.” In der Erinnerung an den belauschten Wortwechsel musste Harriet unwillkürlich lachen.

“Oh Harriet, findest du ihn unsympathisch? Ich fand ihn sehr zivilisiert und freundlich.”

“Ach, mein liebes Schwesterherz, was soll ich nur mit dir machen? Du siehst in jedem Menschen etwas Gutes. Schaust du denn niemals hinter die glatte Fassade?”

“Ich … ich weiß nicht, was du meinst.” Elizabeth schien verunsichert.

“Lord Ashby ist genau der Typ von Mann, den ich verabscheue. Seine guten Manieren sind bedeutungslos, denn sie dienen nur als Maske für seinen arroganten Charakter. Er würde uns seinen Unmut niemals direkt zeigen, aber hinter unserem Rücken …”

“Nein, Lizzie, du bist ungerecht”, fiel Elizabeth ihr ins Wort. “George hält große Stücke auf ihn, und er hat sich intensiv um den alten Duke gekümmert. Das war bestimmt nicht einfach für ihn.”

“Zweifellos hat er seine Gründe für derart nobles Verhalten.” Harriet ließ sich in ihrer Meinung nicht beirren.

“Bitte, denk nicht so schlecht über ihn, nachdem du ihn doch gerade erst kennengelernt hast. Er hat so eine gewisse Ausstrahlung … Ich meine, niemand würde wagen, entgegen seinen Wünschen zu handeln.”

“Ach nein? Dann wird es Zeit, dass ihn jemand herausfordert. Er scheint diesen Haushalt ganz und gar unter Kontrolle zu haben, und das darfst du ihm nicht gestatten.”

“Harriet, du würdest doch nicht etwa …? Elizabeth schaute ihre Schwester misstrauisch an.

“… ich würde nicht darauf bestehen, dass du hier die Herrin bist? Und ob ich das tun würde!” Harriet hielt inne, als sie Elizabeths entsetzte Miene bemerkte, und lachte liebevoll. “Mach dir keine Sorgen. Ich werde mich anständig aufführen. Lord Ashby kann von Herzen gern hier schalten und walten, wie es der alte Duke für wünschenswert hält. Aber er wird jede Hoffnung aufgeben müssen, dich oder mich zu kontrollieren.”

“Ich bin der festen Überzeugung, dass das nicht in seiner Absicht liegt. Und ohne Lord Ashbys Hilfe”, setzte Elizabeth hinzu, “wäre Georges Vater nicht in der Lage, sich um seine Besitztümer zu kümmern.”

“Und ist sich Seine Lordschaft dieses Wertes wohl bewusst?” Harriet kam in den Sinn, wie Lord Ashby sie mit einer Mischung aus kühler Selbstsicherheit und Bewunderung in den Augen gemustert hatte. Die markanten Falten, die sich von der Nase zu seinen Mundwinkeln zogen, verliehen seinem Gesicht einen Ausdruck von leiser Verachtung. Zwar konnte niemand etwas für sein Aussehen, doch Harriet musste sich eingestehen, dass ihre negative Meinung über Lord Ashby durchaus von seiner äußeren Erscheinung bekräftigt wurde.

“Du darfst dich nicht in diese Dinge hineinsteigern”, bat Elizabeth. “Es ist doch verständlich, dass Georges Familie von unserer Eheschließung alles andere als begeistert ist. Aber George bestand darauf, und ich wollte weder ihm noch mir das Glück versagen, bevor er …” Mit tränenerstickter Stimme brach sie ab, und mitfühlend schloss Harriet sie in die Arme.

“Du bist wirklich ein Gänschen, Lizzie”, rief sie liebevoll aus. “Eine Redensart besagt, dass nur die Guten jung sterben. Und da dein George ein manchmal recht hinterlistiger Mann ist, wird er wahrscheinlich ewig leben.” Harriet war längst nicht so leicht zumute, wie ihre Worte vermuten ließen.

“Mach bitte keine Scherze darüber. Dir ist die Gefahr, in der er schwebt, so gut bewusst wie mir. Wenn nur dieses Monster Napoleon nicht von Elba entflohen wäre! George hätte mich niemals fortgeschickt, wenn er nicht fest davon überzeugt wäre, dass der französische Kaiser Brüssel erobern will. Ich habe ihn angefleht, in seiner Nähe bleiben zu dürfen. Doch er ließ einfach nicht mit sich reden.” Elizabeths Tränen flossen nun ungehindert.

“Aber George wäre sehr ungehalten, wenn er sehen könnte, wie du deinen Ängsten freien Lauf lässt”, entgegnete Harriet energisch. “Komm, wir wollen die Situation nicht schlimmer machen, als sie ist. Besser wäre es, du würdest dein Gesicht waschen und ein anderes Kleid anziehen. Wir werden in Kürze dem Duke unsere Aufwartung machen. Soll er seine Schwiegertochter etwa als verängstigtes Wesen mit rotgeweinten Augen kennenlernen?”

“Du hast ja recht”, stimmte Elizabeth zu. “Es war sehr egoistisch von mir, nur an mich zu denken. Ich hoffe so sehr, dass Georges Vater eine Zuneigung zu mir fasst.”

“Es wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben. Du bist die sanftmütigste Person auf der Welt und viel zu gut für diese hochnäsige Familie.”

Harriets Aufmerksamkeit galt im nächsten Moment den Geräuschen, die sie von unten hören konnte. Hufe klapperten, und eine Kutsche rollte vor. Schnell trat sie ans Fenster und sah, dass Augusta Brandon sich soeben von einer kleinen Gruppe Leute verabschiedete und hastig in das Gefährt einstieg, gefolgt von ihrem Mann.

“Lady Brandon reist ab”, verkündete Harriet fröhlich. Als Elizabeth Anstalten machte aufzustehen, fügte sie hinzu: “Aber du bleibst, wo du bist.

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