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Sizilianische Herzen – Happy End auf Sizilianisch

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Wo bleibst du denn, Angie? Das Taxi wartet.”

Es war nichts Ungewöhnliches, dass Heather Miller auf ihre Freundin warten musste, doch dieses Mal drohte es ihr den letzten Nerv zu rauben.

“Ich komme ja schon”, erwiderte Angie wenig glaubhaft, denn noch stand sie vor dem Spiegel im Bad und kontrollierte ihr Make-up. “Der Fahrer kann ja schon mal mein Gepäck runtertragen.”

“Das hat er schon vor zehn Minuten gemacht”, teilte Heather ihrer Freundin mit. “So lange steht er mittlerweile schon im strömenden Regen vor der Haustür. Und wenn du dich nicht beeilst, fahre ich ohne dich los. Ich möchte gern vor der Hochzeit in Sizilien ankommen. Schließlich bin ich die Braut.”

“Verbreite nicht solche Hektik”, erwiderte Angie gereizt, während sie ihren Mantel von der Garderobe nahm. “Die Trauung ist doch erst in einer Woche.”

Doch sobald sie die Straße betraten, musste auch Angie zugeben, dass es keinen besseren Tag geben konnte, um die Stadt zu verlassen. Das Wetter war selbst für Londoner Verhältnisse außergewöhnlich schlecht. Es regnete Bindfäden, und der Gehweg war mit Pfützen übersät.

Umso mehr freuten sich die beiden Freundinnen darauf, in wenigen Stunden am Mittelmeer zu sein und die Sonne genießen zu können.

“Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich nach einigen Tagen Urlaub sehne”, sagte Angie, als sie endlich im Taxi saßen, das sie zum Flugplatz brachte. “So ausgebrannt habe ich mich schon lange nicht gefühlt.”

“Das wundert mich nicht”, erwiderte Heather spitz. “Die Liste deiner Verehrer ist ja auch beeindruckend lang. Angefangen bei Bill über Steve und …”

“Bill? Wer soll das denn sein?”

“Sag bloß, du hast den Tennislehrer schon wieder vergessen?”

“Ach der”, erwiderte Angie gleichgültig. “Der gehört doch schon längst der Vergangenheit an.”

“Weiß er das auch schon?”, fragte Heather verwundert.

“Ich habe es ihm so schonend wie möglich beigebracht”, erklärte Angie lächelnd. “Mittlerweile beherrsche ich das schon ganz gut.”

“Und wer war der Mann, der dich vorhin am Telefon so herzzerreißend angefleht hat, ihn nicht zu vergessen?”

“Das war George – glaube ich jedenfalls.”

Heather musste lachen. “Du bist wirklich unverbesserlich, Angie.”

“Bin ich nicht!”, widersprach ihre Freundin heftig. “Im Gegenteil. Ich bin verbesserlicher, als du glaubst – selbst auf die Gefahr hin, dass es das Wort gar nicht gibt. Und ausgebrannt bin ich, weil ich in letzter Zeit zu viel gearbeitet habe. Die vielen Nachtdienste gehen an keinem spurlos vorbei.”

Angie, genauer Dr. Angela Wenham, arbeitete als Ärztin in der Unfallstation eines großen Londoner Krankenhauses. Und unter der Schichtarbeit litt nicht nur ihr Schlaf, sondern auch und vor allem ihr Liebesleben. Doch wenn Heathers Eindruck nicht trog, war ihre Freundin entschlossen, sich in den kommenden Tagen schadlos zu halten.

Gegensätze ziehen sich an, besagte ein altes Sprichwort, das sich in ihrem Fall längst bewahrheitet hatte, weil Heather und Angie, obwohl völlig entgegengesetzte Typen, seit Jahren die besten Freundinnen waren. Heather war ruhig und besonnen, und auch wenn sie sich durchaus attraktiv fand, wusste sie, dass Angie sie auch in dieser Hinsicht problemlos ausstach, was sie ihr jedoch nicht neidete.

Angie war eine bildschöne Frau, und da sie außerdem blond, blauäugig und zierlich war, weckte sie in jedem Mann den Beschützerinstinkt.

Was sie weidlich auszunutzen verstand. Denn auch wenn sie alles andere als draufgängerisch wirkte, war sie ein ziemlicher Paradiesvogel, der kaum eine Gelegenheit zu einem Flirt ungenutzt ließ. Bald schickte sie die Männer wieder in die Wüste, noch bevor sie ihrer überdrüssig werden konnte.

“Umso mehr freue ich mich auf Sizilien”, sagte sie unvermittelt. “Sonne, Strand und Meer – und natürlich jede Menge junger, knackiger Sizilianer.”

“Du klingst ja wild entschlossen”, erwiderte Heather. “Nur bitte blamier mich nach Möglichkeit nicht vor meiner zukünftigen Familie.”

“Das kann ich dir nicht garantieren”, entgegnete Angie bestimmt. “Schließlich fahre ich nicht in Urlaub, um mich zu benehmen, sondern um Spaß zu haben und auf meine Kosten zu kommen.”

Heather hatte nicht den leisesten Zweifel, dass ihre Freundin genauso entschlossen war, wie sie klang. Sie war eine hoffnungslose Romantikerin und verliebte sich in einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit – weshalb sie ihre Freunde derart häufig wechselte, dass sie sich kaum die Namen merken konnte.

Doch Heather kannte Angie zu gut, um nicht zu wissen, dass ihre Beziehungen vor allem deshalb so kurzlebig waren, weil ihre ganze Liebe dem Beruf galt. Und auch wenn man es der zierlichen Frau auf den ersten Blick nicht zutrauen mochte, handelte es sich bei ihr um eine ebenso zielstrebige wie erfolgreiche Ärztin, die bei Kollegen und Patienten gleichermaßen beliebt war.

Den Flug nach Palermo trat sie vor allem deshalb an, um ihre beste Freundin zu deren Hochzeit mit Lorenzo Martelli, einem jungen Sizilianer, zu begleiten. Dass sie darüber hinaus entschlossen war, den ersten Urlaub seit Langem in jeder Hinsicht zu genießen, stand außer Frage.

“Hast du nicht erzählt, dass dein Verlobter zwei Brüder hat?”, fragte sie kurz nach dem Start, und ihr schalkhaftes Lächeln bestätigte Heather in ihrer Vermutung.

“Ja, er hat zwei Brüder”, erwiderte sie lachend, “aber ich kenne bisher auch nur den ältesten, Renato.”

“Ist das nicht der Flegel, der sich dir gegenüber als Kunde ausgegeben hat, um herauszufinden, ob du auch gut genug für seinen kleinen Bruder bist?”

“Dass er sich einen Eindruck von mir verschaffen wollte, werfe ich ihm nicht vor”, erwiderte Heather. “Nur die Art und Weise hat mir ganz und gar nicht gefallen.”

Bis zu ihrer Verlobung vor ziemlich genau einem Monat hatte Heather in der Parfümerieabteilung des Gossways, Londons führendem Kaufhaus, als Verkäuferin gearbeitet. Renato, Lorenzos ältester Bruder und Oberhaupt der Familie Martelli, hatte sie – unter einem Vorwand und ohne sich zu erkennen zu geben – dort aufgesucht und sie mit Fragen, Andeutungen und Angeboten konfrontiert, die, milde ausgedrückt, ziemlich indiskret gewesen waren.

Als Lorenzo sie am selben Abend ins Ritz geführt hatte, um ihr seinen Bruder vorzustellen, war es prompt zu einem Eklat gekommen. Renato hatte die Wahl seines Bruders zwar akzeptiert, sich dabei jedoch so selbstherrlich aufgeführt, dass Heather entrüstet aus dem Hotel geeilt war.

Bei dem Versuch, sie zurückzuhalten, war Renato vor ein Auto gelaufen und schwer verletzt worden. Noch im Krankenhaus hatte Lorenzo um Heathers Hand angehalten, und unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse hatte sie spontan Ja gesagt.

“Was weißt du eigentlich über den anderen Bruder?”

“Nicht viel”, musste Heather zugeben. “Er ist der Mittlere der drei und heißt Bernardo. Genau genommen ist er ein Stiefbruder. Seine Mutter war die langjährige Geliebte seines Vaters. Beide sind bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Lorenzos Mutter Baptista hat das Waisenkind bei sich aufgenommen und es wie einen eigenen Sohn großgezogen.”

“Donnerwetter!” Angie war offensichtlich beeindruckt von Heathers zukünftiger Schwiegermutter. “Das zeugt von Größe.”

“Allerdings”, stimmte Heather ihrer Freundin zu. “Ich kann nur hoffen, dass sie mich genauso herzlich in die Familie aufnimmt.”

“Bestimmt wird sie das.” Angie warf Heather einen aufmunternden Blick zu. “Außerdem willst du ja nicht sie, sondern Lorenzo heiraten”, setzte sie lächelnd hinzu. “So ganz kann ich es allerdings immer noch nicht glauben. Schließlich kennst du ihn erst wenige Monate, und das Abenteuer, sich auf ein fremdes Land und eine fremde Sprache einzulassen, hätte eher zu mir als zu dir gepasst.”

Auch wenn sie es diplomatisch formulierte, war die Anspielung auf Peter nicht zu überhören. Insgeheim schien Angie zu befürchten, dass sich Heather zu der überstürzten Hochzeit mit Lorenzo hatte hinreißen lassen, weil sie immer noch darunter litt, dass ihr früherer Verlobter sie eine Woche vor der Hochzeit verlassen hatte.

“Ich weiß genau, was ich tue”, erwiderte Heather bestimmt. “Jedenfalls heirate ich Lorenzo nicht, um Peter zu vergessen, sondern weil ich ihn liebe. Und auf das neue Leben, das mich erwartet, freue ich mich genauso wie auf ihn.”

Wenig später konnte Heather aus dem Flugzeugfenster zum ersten Mal einen Blick auf ihre zukünftige Heimat werfen. Eingebettet ins tiefe Blau des Mittelmeeres, tauchte unter ihnen die grüne Stiefelspitze Italiens auf, wie Sizilien auch genannt wurde.

Nach der Landung in Palermo gingen die beiden Freundinnen zum Gepäckband, und während Angie auf die Koffer wartete, konnte sie beobachten, wie ein großer und gut aussehender junger Mann mit lockigem braunen Haar Heather freudestrahlend zuwinkte.

Doch wie Heather war auch Lorenzo nicht allein gekommen, und der Mann an seiner Seite hatte es Angie augenblicklich angetan.

Er war deutlich kleiner als Lorenzo, wie sie zufrieden feststellte. Sie selbst maß kaum mehr als einen Meter sechzig, und sie hasste es, Männer zu küssen, die größer als ein Meter achtzig waren.

Auch seine weiteren äußeren Merkmale erfüllten alle Voraussetzungen, damit sich Angie Hals über Kopf in diesen Mann verlieben konnte. Er hatte einen schlanken und doch athletischen Oberkörper und schmale Hüften.

Ihre ungeteilte Vorfreude auf die kommenden Tage erhielt jedoch einen empfindlichen Dämpfer, als der Mann auf sie zukam, um ihr das Gepäck abzunehmen. In seinen dunklen Augen lag ein Ernst, der alles Spielerische und jede Leichtigkeit vermissen ließ, ohne allerdings seiner Attraktivität den geringsten Abbruch zu tun.

“Bernardo Tornese”, stellte er sich ihr vor und reichte Angie die Hand.

“Angela Wenham”, erwiderte sie, und die Kraft seines Händedrucks überraschte sie ebenso wie seine klangvolle tiefe Stimme.

“Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Signorina Wenham.”

“Bitte nennen Sie mich doch Angie”, forderte sie ihn auf. “Alle meine Freunde nennen mich so.”

“Also dann: Herzlich willkommen auf Sizilien, Angie.”

Offensichtlich war er von Angie nicht weniger beeindruckt als sie von ihm, denn er musterte sie mit deutlichem Interesse, wie Angie zu ihrer Freude feststellte. Und weil sie wusste, dass sie auch nach einem mehrstündigen Flug unbedingt vorzeigbar war, ließ sie ihn gewähren.

Nachdem sich das Brautpaar gebührend begrüßt hatte, machte Heather Angie mit ihrem Verlobten bekannt. “Das ist mein Bruder Bernardo”, stellte Lorenzo ihr seinen Begleiter vor.

“Halbbruder”, widersprach Bernardo so leise, dass es außer Angie niemand hören konnte.

Die Fahrt zum Anwesen der Martellis dauerte kaum eine halbe Stunde, doch der Eindruck, der sich Angie bot, war überwältigend. Kaum hatten sie die Außenbezirke Palermos hinter sich gelassen, zeigte sich die atemberaubende Schönheit Siziliens. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und ließ die üppige Farbenpracht der Landschaft besonders gut zur Geltung kommen. Und je mehr sie sich der Küste näherten, desto häufiger öffnete sich der Blick aufs Mittelmeer, auf dem sich die Schaumkronen brachen und wie kleine Diamanten funkelten.

“Gleich sind wir da”, sagte Lorenzo aus dem Fond des Wagens und zeigte auf eine Villa, die sich treppenförmig auf einem Vorsprung direkt an der Steilküste erhob.

“Ist das wirklich Ihr Haus?”, fragte Angie ungläubig, als sie das hochherrschaftliche Anwesen sah, und blickte zu Bernardo, der neben ihr am Lenkrad des Wagens saß.

“Die Villa gehört der Familie Martelli”, verbesserte er mit einem bitteren Unterton.

Als sie kurz darauf in eine breite Auffahrt einbogen, bemerkte Angie vor der Eingangstür eine ältere Dame. “Meine Mutter kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen”, sagte Lorenzo zu Heather und bestätigte Angies Annahme, dass es sich bei der kleinen, zerbrechlich wirkenden Frau um Baptista Martelli handelte. Sie mochte kaum älter als Mitte sechzig sein, doch sie musste sich auf einen Stock stützen, und ihr Haar war bereits ergraut. Dennoch strahlte sie eine Würde aus, die Angie zutiefst beeindruckte.

Nachdem Lorenzo seine Mutter fast überschwänglich begrüßt hatte, stellte er ihr zunächst seine Verlobte und dann Angie vor.

Die Herzlichkeit, mit der sie die beiden Freundinnen in ihrem Haus willkommen hieß, war ohne Zweifel echt. Doch aus ihrer Formulierung wie aus ihrem Blick sprachen eine Willenskraft und Strenge, die es mit ihrer Gastfreundlichkeit unbedingt aufnehmen konnten.

Dieselbe Reserviertheit meinte Angie in der zurückhaltenden Art zu erkennen, mit der Bernardo Baptista begrüßte. Denn obwohl an seinem Benehmen nicht das Geringste auszusetzen war, fiel die Umarmung nicht gerade herzlich aus.

Eine Hausangestellte brachte Heather und Angie zu dem Zimmer, das sie sich bis zum Tag der Hochzeit teilen sollten. Durch eine breite Fensterfront fiel das milde Licht auf zwei große Betten mit Baldachinen. Eine breite Glastür führte auf die Terrasse, von der sich ein traumhafter Blick auf den Garten bot. Angie war eine leidenschaftliche Hobbygärtnerin, und sie nahm sich fest vor, so bald wie möglich einen ausgedehnten Spaziergang durch die gepflegten Anlagen zu machen, hinter denen sich das fruchtbare Binnenland erstreckte, das am Horizont mit den nebelverhangenen Berggipfeln zu verschmelzen schien.

Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, zog sie statt der Jeans, die sie auf der Reise getragen hatte, ein leichtes blaues Sommerkleid an. Als auch Heather sich umgezogen hatte, führte das Hausmädchen die beiden Freundinnen über die Terrasse um das halbe Haus, bis sie schließlich eine große Veranda erreichten.

Baptista und ihre beiden jüngeren Söhne saßen unter einer Schatten spendenden Markise und erwarteten sie bereits. “Darf ich Ihnen etwas zu essen bringen?”, erkundigte sich Bernardo, nachdem er Angie zu ihrem Platz geführt hatte.

“Gern”, erwiderte sie und kam aus dem Staunen nicht heraus, als er ihr schließlich einen Teller mit sizilianischen Spezialitäten hinstellte. “Versteht Ihre Mutter das unter einem Imbiss?”

“Baptista kennt Ihren Geschmack noch nicht”, erklärte Bernardo. “Deshalb hat sie den Koch angewiesen, von allem ein bisschen zu machen.”

Angie fiel auf, dass sich Bernardo zum wiederholten Male dagegen zur Wehr gesetzt hatte, als Mitglied der Familie Martelli angesprochen zu werden. Auf dem Flugplatz hatte er nicht nur einen anderen Namen genannt, sondern betont, dass er nur Lorenzos Halbbruder sei. Und so kühl die Begrüßung Baptistas ausgefallen war, so sehr bestand er nun darauf, dass sie nicht seine Mutter war.

Noch ahnte Angie nicht einmal, was ihn dazu brachte, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass sie einen zwar komplizierten, aber nicht minder aufregenden Mann vor sich hatte. Ihre Neugier war jedenfalls geweckt.

So kam sie bei der anschließenden Unterhaltung nicht umhin, ihn heimlich zu beobachten. Dass Lorenzo und er keine leiblichen Brüder waren, war nur allzu offensichtlich. Sie waren in allem das genaue Gegenteil. Lorenzo war fröhlich und unbeschwert, und seine braunen Locken wie sein fröhliches Lächeln verliehen ihm etwas Unbeschwertes und Jungenhaftes.

Bernardo hingegen wirkte abweisend und grüblerisch, und seine Stimmung schien ebenso finster zu sein wie sein Gesichtsausdruck. Sein Teint verriet, dass er die Schreibtischarbeit hasste und sich lieber in der freien Natur aufhielt.

Am meisten faszinierte Angie jedoch sein Gesicht, das sich von einer Sekunde auf die andere verwandeln konnte. Wenn er einfach nur dasaß und das Gespräch scheinbar teilnahmslos verfolgte, verliehen ihm die tief liegenden Augen und die vollen Lippen eine eigentümliche Schwermütigkeit, die sich jedoch augenblicklich in eine ungeahnte Lebendigkeit verwandelte, sobald er sprach.

“Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen gern den Garten”, bot er sich an, als Baptista darum bat, sie mit ihrer künftigen Schwiegertochter allein zu lassen.

“Sie scheinen Gedanken lesen zu können”, erwiderte Angie, ohne auch nur den Versuch zu machen, ihre Freude zu verbergen.

Gemeinsam betraten sie die ausgedehnten Parkanlagen, die, wie Bernardo zu berichten wusste, von mehreren Gärtnern gepflegt wurden und jedem Schloss zur Ehre gereicht hätten. Im Zentrum stand ein großer Springbrunnen, von dem aus sternförmig mehrere Wege abgingen, die durch großzügige und reich bepflanzte Blumenbeete führten und schließlich in ein Wäldchen mündeten.

Bernardo war sichtlich beeindruckt, dass Angie die meisten Blumenarten kannte, und wenn sie auf eine besonders seltene Sorte stießen, erklärte er ihr geduldig Namen und Herkunft.

Doch so viel Sachverstand er auch besaß, er ließ jegliche Begeisterung vermissen. Fast schien es, als machte ihn die Atmosphäre befangen – was Angies Wunsch, mehr über diesen rätselhaften Mann zu erfahren, noch anstachelte.

“Kennen Sie Heather schon lange?”, fragte er unvermittelt.

“Seit sechs Jahren”, erwiderte sie. “Wir sind uns fast jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit begegnet, wenn sie zu dem Schreibwarengeschäft fuhr, in dem sie damals angestellt war, und ich zur Klinik.”

“Ich wusste gar nicht, dass Sie Krankenschwester sind.”

“Ich auch nicht”, erwiderte Angie spitz.

Erst Bernardos Blick machte ihr klar, wie sehr ihn ihre Antwort verunsichert hatte. “Ich bin Ärztin”, erklärte sie leicht gereizt.

“Verzeihen Sie bitte”, entschuldigte er sich verlegen. “In manchen Dingen sind wir Sizilianer ziemlich altmodisch. Erst recht oben in den Bergen, wo ich die meiste Zeit des Jahres verbringe.”

Das offene Eingeständnis, dass ihm traditionelle Werte und Gebräuche durchaus etwas bedeuteten, überraschte Angie. Zugleich machte es den besonderen Charme dieses Mannes aus, dass er sich nicht verbog, um ihr zu imponieren, sondern sich so gab, wie er war.

“Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen”, erwiderte sie. “Das ist mir in England auch schon passiert. Um auf Heather zurückzukommen”, wechselte sie rasch das Thema. “Damals haben wir uns angefreundet, und seitdem sind wir die besten Freundinnen.”

“Dann können Sie mir doch sicherlich erklären …” Er unterbrach sich, um nach den richtigen Worten zu suchen. “Sie wirkt so … na ja, Sie haben Lorenzo ja erlebt. Er ist, wie soll ich sagen …”

Angie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, und unwillkürlich fragte sie sich, wie ein Mann mit seinem familiären und finanziellen Hintergrund derartig schüchtern sein konnte. Offensichtlich konnte er nicht aus seiner Haut – was, wie sie sich eingestehen musste, der Faszination, die er auf sie ausübte, nicht den geringsten Abbruch tat.

“Nicht gerade ein Mönch gewesen”, beendete sie seinen Satz bewusst diskret, “und Sie fragen sich jetzt, ob Heather in diesen Dingen eine ähnlich lockere Einstellung hat.”

Bernardo wurde tatsächlich ein wenig rot. “Im Grunde hat sich die Frage erübrigt. Schließlich hat Renato der Hochzeit zugestimmt, und das hätte er kaum getan, wenn er Anlass hätte … Er spricht in den höchsten Tönen von ihr.”

“Was sich andersherum nicht behaupten lässt”, wandte Angie ein. “Nach allem, was ich weiß, hat er sich ihr gegenüber ziemlich rüpelhaft benommen.”

“Ich ahne, worauf Sie anspielen”, erwiderte Bernardo verlegen. “Die beiden sind wie Feuer und Wasser, und manchmal frage ich mich, ob Lorenzo der Situation überhaupt gewachsen ist.”

“Im Zweifelsfall wird er doch wohl zu seiner Frau halten.”

“Noch kennen Sie Renato nicht”, erwiderte Bernardo, und in seiner Stimme schwang eine Spur Niedergeschlagenheit mit. “Er ist nicht nur Lorenzos großer Bruder, sondern auch das unumstrittene Oberhaupt der Familie.”

“Vielleicht bin ich ja altmodisch”, widersprach Angie. “Aber ist Lorenzo nicht alt genug, um selbst Entscheidungen zu treffen?”

“Eigentlich schon”, gestand Bernardo widerwillig. “Trotzdem bleibt dem Familienvorstand in allen wichtigen Fragen das letzte Wort. Das wird doch bei Ihrem Vater nicht anders gewesen sein, oder?”

“Wie man's nimmt”, erwiderte Angie. “Natürlich haben wir unseren Vater respektiert, aber nicht allein deshalb, weil er ein Mann war.” Bernardos betretener Blick verriet ihr, dass die Botschaft angekommen war. “Er hat sich unseren Respekt verdient, indem er vierzig Jahre lang als Arzt gearbeitet und unzähligen Menschen geholfen hat.”

“Dann war es sicherlich sein Wunsch, dass Sie Ärztin werden.”

“Im Gegenteil”, entgegnete Angie lachend. “Solange ich denken kann, hat er meine beiden Brüder und mich davor gewarnt, in seine Fußstapfen zu treten. 'Zwei abschreckende Beispiele müssten doch reichen!', lautete sein Einwand. Denn unsere Mutter war auch Ärztin. Sie ist gestorben, als ich noch studiert habe – selbstverständlich Medizin, wie meine beiden Brüder auch.”

“Und wie hat Ihr Vater darauf reagiert?”

“Ich glaube, insgeheim war er schon ein bisschen stolz auf mich. Zumal meine Examensnoten deutlich besser waren als die meiner Brüder.”

“Die waren darüber sicherlich nicht gerade begeistert, oder?”

“Das kann man wohl sagen. Ihre Kommentare waren alles andere als freundlich. Doch am meisten hat mich geärgert, dass sie mir die Facharztausbildung nicht zugetraut haben. Umso mehr haben sie gestaunt, als ich nicht die üblichen vier, sondern nur drei Jahre gebraucht habe.”

“Allmählich jagen Sie mir Angst ein”, kommentierte Bernardo mit einem schalkhaften Lächeln. “So jung, und schon so erfolgreich.”

“Unterschätzen Sie mich nicht”, entgegnete Angie bestimmt. “Erstens bin ich schon achtundzwanzig, und zweitens sollten Sie nicht von meiner Körpergröße auf meine Hartnäckigkeit schließen. Wenn es danach geht, bin ich ein Riese.”

“Das glaube ich Ihnen aufs Wort”, erwiderte Bernardo nachdenklich. Einen Moment lang wirkte er völlig geistesabwesend, und nur der bewundernde Blick, mit dem er Angie ansah, ließ erahnen, was ihn bewegte.

Ohne genau sagen zu können, warum, war Angie durch die Gegenwart dieses ungewöhnlichen Mannes nicht weniger verzaubert. Sie kannte ihn erst wenige Stunden und wusste von ihm so gut wie nichts. Und obwohl er weder außergewöhnlich gut aussah noch sich besonders geschickt verhielt, wenn es darum ging, ein zwangloses Gespräch zu führen, fühlte sie sich mit einer Heftigkeit zu ihm hingezogen, die weit über das hinausging, was ihr für einen Urlaubsflirt ratsam erschien.

Trotzdem zögerte sie nicht eine Sekunde, als er ihr die Hand reichte und sie wortlos aufforderte, den Spaziergang fortzusetzen.

“Der Garten ist wirklich ein kleines Paradies”, sagte sie, als sie das Wäldchen erreichten.

“Das ist er wohl”, erwiderte Bernardo höflich.

“Gefällt er Ihnen nicht?”, fragte Angie, weil er nicht gerade überzeugt geklungen hatte.

“Ehrlich gesagt stelle ich mir unter einem Paradies etwas anderes vor”, gestand er. “Hier ist alles so perfekt, dass man bei jedem Schritt Angst haben muss, etwas kaputt zu machen. Ich ziehe die wirklichen Paradiese vor.”

“Und wo finden Sie die?”

“In den Bergen”, antwortete er, ohne zu zögern. “Deshalb komme ich auch nur selten hierher. Oder können Sie sich hier einen Steinadler vorstellen?”

“Gibt es auf Sizilien denn Steinadler?”, fragte Angie ungläubig.

“Natürlich. Bei uns in Montedoro zum Beispiel.”

“Bedeutet das nicht 'goldener Berg'?”

“Genau!”, bestätigte Bernardo begeistert. “Woher können Sie denn Italienisch?”

“Meine Tante war mit einem Italiener verheiratet, und als ich klein war, haben wir sie oft besucht. Wie erklärt sich denn der Name?”

“Den verdanken der Berg wie der gleichnamige Ort der Tatsache, dass die Sonne sie zweimal täglich in ihr goldenes Licht taucht – einmal, wenn sie aufgeht, und einmal, wenn sie untergeht. Einen schöneren Ort gibt es auf der ganzen Welt nicht.”

“Das kann ich mir lebhaft vorstellen”, erwiderte Angie mit einer Spur Wehmut in der Stimme.

“H

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