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Happy-End auf Mallorca

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1. KAPITEL

Alles wird gut werden, sagte Beth Miller sich immer wieder, als die Tür des Arztzimmers hinter ihr ins Schloss fiel. Sie atmete tief durch. Der elegante Stil des Raumes beeindruckte sie. Doch schon fiel ihr wieder ein, was ihr in den letzten Stunden so viele Sorgen bereitet hatte. Auf dem Weg hierher war es ihr gar nicht so schlecht gegangen, obgleich sie natürlich unruhig gewesen war, aber sie hatte sich selbst unter Kontrolle. Jetzt aber war sie dabei, die Selbstbeherrschung zu verlieren.

Sie ging zum Fenster hinüber. Die schmale, hohe Gestalt war in ein einfaches braunes Seidenkleid gehüllt, das goldblonde Haar fiel ihr in sanften Locken auf die Schultern. Nach außen hin schien sie ein erfolgreiches, leicht unterkühltes und wunderschönes Mannequin zu sein, aber in ihr sah es ganz anders aus. Immer wieder fragte sie sich nach den Gründen, warum sie in diese angesehene, schicke Klinik in Palma gekommen war. Palma, die Hauptstadt der Insel, von der sie sich einstmals geschworen hatte, niemals wieder zurückzukehren. Und doch war sie seit fünf Jahren ihre Heimat.

Ihr eigenes Haus war in Pollensa hoch oben im Norden der Insel und nicht hier im Süden, wo ihr nichts vertraut war, wo … Sie brach diese Gedanken ab. Jetzt musste sie sich beruhigen. Sicher ist es der Schock, der mich so verwirrt hat, sagte sie sich entschieden. Es war natürlich umständlich, nicht das örtliche Krankenhaus nutzen zu können, doch diese Klinik hier verfügte über den besten Ruf. Und es musste einfach gut gehen!

„Beth?“

Sie runzelte die Stirn. Wie er diese einzige Silbe ihres Namens ausgesprochen hatte, das erinnerte sie an die schlimmsten Zeiten ihrer Vergangenheit.

„Mein Gott, du bist es wirklich!“

Seine Stimme war sanft und weich und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Doch muss es sich dabei um Einbildung handeln, sagte sie sich, als sie sich umdrehte … Es war ein unglaublicher Schock, als sie endlich verstand, doch gelang es ihr kaum, einen klaren Gedanken zu fassen.

Sechs Jahre lang war sie dieser Situation aus dem Weg gegangen. Jetzt aber war es so weit. Hinter ihr stand Jaime Caballeros und sprach zu ihr.

Es kam ihr wie ein Albtraum vor, doch war es Wirklichkeit. Jaime ging langsam auf sie zu.

„Als ich den Namen Miller gehört habe, habe ich mir natürlich Fragen gestellt.“ Seine Stimme hatte diesen unverkennbar rauen Tonfall, den sie niemals vergessen hatte. „Aber ich habe mir gesagt, dass es sich wahrscheinlich um einen Zufall handelte.“

Am liebsten hätte sie lauthals protestiert, als sie den Mund öffnete, um ihm zu antworten. Doch dann sagte sie nur:

„Leider ist es für uns beide nicht so.“ Sie schaute ihn lange nachdenklich an. Doch dann kamen wieder die Bilder der Vergangenheit, und sie konnte kaum den Blick abwenden. Die unterschiedlichsten Eindrücke stürmten auf sie ein. Dabei versuchte sie, in seinen Gesichtszügen die Unterschiede zu lesen, die ihn fremd erscheinen ließen. Doch suchte sie umsonst. Er zeigte nach wie vor diese kühle Selbstbeherrschung, die manchmal in offene Arroganz umschlug. Das hatte ihn schon früher außergewöhnlich erscheinen lassen. Und immer noch sah er umwerfend gut aus.

„Warum leider? Ich hoffe, dass es nicht so sein wird.“

Einen kurzen Augenblick lag Ärger in seinen Augen, der sich deutlich von der Ruhe seiner Worte unterschied.

Nein, dachte Beth und hatte das Gefühl, dass sie gleich ersticken würde. Nichts hat sich geändert … Und schon gar nicht seine braunen Augen mit den grünen Punkten, die manchmal nachtschwarz wurden, wenn die Leidenschaft ihn packte. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf, als wollte sie diese Gedanken vertreiben.

„Ich fürchte, ich bin nicht gerade in guter Form.“

Sie spürte selbst, wie unsicher sie klang und wie sehr ihre Stimme zitterte. Immer noch hatte sein Blick diese unglaubliche Wirkung auf sie.

„Ich warte auf einen Arzt.“

„Ich weiß“, gab er ruhig zurück. „Deshalb bin ich ja hier.“

Sie hatte das Gefühl, dass ihr gleich die Knie wegknicken würden. Und dann spürte sie, wie er ihr die Hände auf die Schultern legte.

„Am besten setzt du dich“, sagte Jaime und führte sie zu einem Ohrensessel, der neben einem flachen Tisch in der Ecke des Raums stand. Nachdem sie Platz genommen hatte, setzte er sich neben sie.

Beth atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen, doch war sie vollkommen durcheinander.

„Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee?“

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Bewegungen waren hart und verkrampft.

„Ich möchte gar nichts!“, rief sie angespannt aus. „Alles, was ich wissen will, ist, ob sich Dr. Perez’ Diagnose auf Blinddarmentzündung bestätigt hat.“

„Ja, leider“, gab Jaime zurück. „Die Untersuchung deines Sohnes, als er eingeliefert worden ist, hat ergeben, dass die Diagnose vollkommen richtig war.“

„Muss er operiert werden?“, flüsterte Beth. Fast hätte sie gesagt „dein Sohn“, da diese Worte immer wieder in ihrem Kopf hallten. Ob er wohl eigene Kinder hatte? Unzählige Male hatte Beth sich diese Frage gestellt. Vielleicht mit jener Frau, deren Namen sie niemals erfahren hatte.

„Ja. Vermutlich morgen Nachmittag“, antwortete er. Die professionelle Art, mit der er sprach, beruhigte sie ein wenig. „Beth, ich bin sicher, dass dein Arzt dir alle nötigen Auskünfte gegeben hat, aber ich verstehe natürlich, dass eine Mutter sich große Sorgen um ihr krankes Kind macht. Deshalb bin ich hier, um dir auf alle möglichen Fragen so gut ich kann zu antworten.“ Er machte eine kurze Pause und musterte sie nachdenklich. „Wenn du aber mit einem anderen Arzt sprechen möchtest, kann ich das natürlich einrichten.“

„Es stört mich nicht, mit dir zu tun zu haben“, sagte Beth. Es schwindelte ihr, so groß war die Anstrengung, die Gedanken in eine logische Reihenfolge zu bringen. „Mich interessieren nur die Tatsachen.“

Jaime nickte und begann, mit ruhiger, sachlicher Stimme die wichtigsten Teile aus dem Arztbericht vorzulesen. Dabei übersetzte er manchmal die Fachausdrücke, wenn er das Gefühl hatte, dass sie ihn nicht verstand.

Da von seinen Worten etwas abhing, das ihr mehr als ihr eigenes Leben bedeutete, gelang es ihr eine Zeit lang, sich zusammenzureißen und sich darauf zu konzentrieren, was er sagte. Immer wieder aber gingen ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung.

Sie erkannte jetzt, dass die Zeit doch nicht spurlos an ihm vorbeigegangen war. Als junger Mann hatte er fast weiche Gesichtszüge gehabt, die jetzt strenger waren. Mit sechsundzwanzig war er sehr attraktiv gewesen, jetzt mit zweiunddreißig gab ihm die dunkle Gefahr, die in seinen Augen aufblitzte, ein noch unwiderstehlicheres Aussehen. Beth wurde auch bewusst, dass sie sich selbst verändert hatte.

Vor sechs Jahren wäre sie unfähig gewesen, den eleganten Schnitt seiner dunklen Hose zu schätzen oder die außergewöhnliche Qualität des Seidenhemdes. Nein, vor sechs Jahren kannte sie nichts von diesen unwichtigen Dingen, die sie in der Zwischenzeit erlernt hatte … Damals hatte sie ihn einfach nur geliebt. Mit ihrem Körper und ihrer Seele und allem, was sie zu geben hatte.

Als er den Vortrag beendet hatte, machte er eine Pause.

„Gibt es noch etwas, das du wissen möchtest?“

„Nein, es war sehr ausführlich.“

„Gut, falls dir später noch etwas einfällt, zögere nicht, es mich wissen zu lassen.“

„Das ist sehr nett von dir“, gab Beth steif zurück. „Vielen Dank.“

„Ich nehme an, dass sich die Großmutter des Kindes um ihn kümmert.“

Beth fühlte erneut einen unglaublichen Schrecken. Das durfte doch einfach nicht wahr sein!

„Ja.“

„Sie ist dir sicher eine große Hilfe.“

„Ich wüsste nicht, was ich ohne sie tun sollte“, antwortete Beth kühl. Hatte er etwas bemerkt? Was wusste er?

„Normalerweise hätte ich deinen Sohn selbst untersucht, bevor ich mit dir gesprochen habe, aber es gab einen Notfall, und ich bin erst vor Kurzem zurückgekommen.“ Er sprach, als ob er auf eine Frage antworten wollte, die sie gar nicht gestellt hatte. „Ich hatte gerade genug Zeit, mit dem Kinderarzt zu sprechen, der deinen Sohn behandelt. Es tut mir leid, aber ich weiß nicht einmal, wie alt er ist und wie er heißt.“

„Jacey“, stieß sie hervor, und dabei gelang es ihr kaum, einen feindlichen Ton in der Stimme zu unterdrücken.

Jaime Carlos, so hieß ihr Sohn, da sie ihn nach seinem Vater benannt hatte.

„Ein ungewöhnlicher Name.“

„Vielleicht“, entgegnete sie und versuchte, den Gedanken zu verdrängen, dass das alles nur ein Albtraum war. „Aber das ist nun einmal sein Name.“

„Und wie alt ist er?“

„Fünf, im April hatte er Geburtstag“, sagte sie und schaute ihm direkt ins Gesicht.

Bestimmt war ihm aufgefallen, wie sie alle Muskeln des Körpers zusammengezogen hatte und wie ihr das Blut in die Wangen geschossen war. Schnell versuchte er, den Zorn, der in seinem Blick brannte, zu verdrängen, doch es war schon zu spät. Beth hatte es genau gesehen … Die gleiche Wut hatte damals in seinen Augen gelegen. Damals vor sechs Jahren. Die Erinnerung daran wurde fast unerträglich.

„Ich kann dir versichern, Beth, dass dein Sohn die bestmögliche Pflege erhält.“

„Da bin ich sicher“, murmelte Beth mit weichen Knien. Natürlich würde man in dieser Klinik alles für ihren Sohn tun, schließlich war das doch kein Albtraum, sondern Wirklichkeit. Die Vorstellung aber, dass sie diesem Mann noch einmal vertrauen musste, ließ sie erzittern.

„Du scheinst nicht hundertprozentig überzeugt zu sein“, beobachtete Jaime. „Beth, wenn es ein Problem für dich ist, mich wiederzusehen, dann …“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ Die Lüge war ihr fast unwillkürlich herausgerutscht. „Es ist doch immer gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat. Selbst, wenn es der Teufel in Person ist. Im Übrigen habe ich nicht den geringsten Zweifel daran, dass du ein sehr guter Arzt bist.“

„Beth, wir können doch nicht so tun, als ob …“ Er brach ab, als das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Auf Spanisch sagte er: „Sehr schön. Und ein wenig Kaffee würde uns auch guttun. Vielen Dank.“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder an Beth: „Wir machen einige Routineuntersuchungen mit deinem kleinen Jungen, deshalb kommt seine Großmutter solange hierher zu uns.“ Er warf einen Blick auf die Uhr.

„Ich habe noch ein wenig Zeit, um auf die Fragen zu antworten, die sie vielleicht hat. Aber wenn du lieber mit ihr allein sein möchtest …“

„Nein danke … Ich möchte, dass du bleibst“, stammelte Beth, da sie wünschte, dass er mit seiner ruhigen Art auch Rosita die letzten Sorgen nahm.

„Beth, es ist schon in Ordnung“, erklärte er, und um seine Mundwinkel spielte ein leichtes Lächeln. „Wir Ärzte wiederholen tausendmal am Tag, dass es keinen Grund gebe, sich Sorgen zu machen, aber für eine Mutter sieht das natürlich ganz anders aus …“

Er brach ab, als es an der Tür klopfte.

„Herein.“

Beth sah auf und bemerkte eine Frau, die ein Tablett hereintrug. Sie sprang auf die Füße, als sie die runde, mütterliche Gestalt einer zweiten Frau dahinter wahrnahm.

„Rosita!“, rief sie, rannte durch den Raum und warf sich der älteren Dame in die Arme.

„Dass dir das passieren musste, Darling“, murmelte die spanische Frau sorgenvoll. Sie hatte schon von der Diagnose gehört und wandte sich jetzt an Jaime. Auch Beth drehte sich um und sah, wie der Arzt die Spanierin überrascht betrachtete.

„Señora Rubio?“, krächzte Jaime, als würde er seinen Augen nicht trauen.

„Ja“, gab Rosita zurück, ließ Beth los und machte einige Schritte auf Jaime zu, während sie ihn belustigt anschaute. „Ich habe den Namen des Inhabers dieser Klinik erst vor wenigen Minuten erfahren“, erklärte sie offen.

Jaime machte eine kurze, höfliche Verbeugung und reichte Rosita die Hand.

Während die beiden sich förmlich begrüßten, fragte Beth sich, warum Jaime so merkwürdig auf Rositas Anwesenheit reagiert hatte. Als Witwe eines der berühmtesten spanischen Maler war Rosita natürlich eine allseits bekannt Frau. Und die meisten hier wussten auch, dass ihr Mann, Miguel Rubio, bei einem tragischen Flugzeugunglück ums Leben gekommen war. Auch ihre zwanzigjährige Tochter Manolita, das einzige Kind, das sie hatten, war bei dem Unfall ums Leben gekommen. Jaime wusste, dass ihre eigenen Eltern tot waren, fiel Beth auf einmal wieder ein. Sie stieß einen heftigen Seufzer aus, als ihr bewusst wurde, wen Jaime als Großmutter ihres Sohnes erwartet hatte.

„Ist alles in Ordnung, Beth?“, fragte Rosita und lief zu ihr hinüber.

Sie nickte mit dem Kopf, doch war es ihr unmöglich, auch nur ein Wort auszusprechen, da ihr die Tränen über die Wangen rollten.

„Ich fürchte, meine Anwesenheit macht die Sache nicht gerade einfacher für Beth“, erklärte Jaime mit großer Offenheit. „Aber seien Sie sicher, Señora, dass der kleine Junge die bestmögliche Pflege erhält.“

„Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran“, gab Rosita zurück und warf Beth einen ängstlichen Blick aus den Augenwinkeln zu. „Ich habe gehört, dass sich die Diagnose auf Blinddarmentzündung bestätigt hat.“

„So ist es“, stimmte Jaime zu. „Vielleicht darf ich kurz wiederholen, was ich schon Beth erklärt habe.“

Als er geendet hatte, war es Beth endlich gelungen, den Tränenfluss unter Kontrolle zu bringen, doch war sie immer noch zutiefst verwirrt.

„Es tut mir so leid“, weinte sie in das Taschentuch, das Rosita ihr hingehalten hatte.

„Wieso denn das?“ Der Spanierin schien gar nicht zu gefallen, was sie da hörte. Entschieden ging sie zu Beth. „Weinen hat noch niemandem geschadet.“

„Wie wäre es mit einem starken Kaffee?“ Jaime hatte schon das Tablett aufgenommen und ging zu den beiden Frauen hinüber.

Als er Rosita eine Tasse reichte und dabei leicht lächelte, verstand diese mit einem Schlag, warum es Beth all die Jahre über nicht gelungen war, diesen Mann zu vergessen. Die Entdeckung, dass es gerade Jaime Caballeros war, dem das Krankenhaus gehörte, hatte sie erschreckt. Nachdem sie sich jedoch miteinander unterhalten hatten, fühlte sie sich wesentlich ruhiger, auch wenn sie selbst nicht recht verstand, welche Wirkung er auf sie ausübte.

Das meiste, was sie über Jaime gehört hatte, waren Gerüchte gewesen, aber da gab es auch einige harte Tatsachen. So wusste sie zum Beispiel, dass er aus einer adeligen Familie stammte. Doch selbst wenn man diesen Hintergrund nicht kannte, deutete seine ruhige, beherrschte und manchmal arrogante Art darauf hin. Obwohl Rosita niemals mit Beth darüber gesprochen hatte, vermutete sie doch, dass der Unterschied in ihrer sozialen Stellung, den das junge englische Mädchen niemals wahrhaben wollte, eine wichtige Rolle bei der brutalen Trennung gespielt hatte.

Und dann gab es da natürlich noch die zahlreichen Geschichten über Herzen, die er gebrochen hatte. Auch darüber hatte Rosita niemals mit Beth zu sprechen gewagt … Als er sie jetzt so anlächelte, fiel es Rosita wie Schuppen von den Augen. Dieses außerordentlich angenehme Gesicht verwandelte sich, und dahinter sah sie nur noch reine Unschuld. Sofort musste sie an Jacey denken.

„Señora, wenn es noch Fragen gibt, die Sie zu stellen wünschen“, sagte er, da er ganz offensichtlich ihren intensiven Blick falsch verstanden hatte, „dann zögern Sie bitte nicht.“

„Mir fällt im Moment nichts mehr ein“, gab sie zurück. Sie war sich ihrer Gefühle dem Mann gegenüber, der das Leben des Mädchens, das sie wie eine eigene Tochter liebte, beinahe zerstört hatte, nicht klar. Rosita warf Beth einen Blick zu und erkannte schmerzhaft, wie mitgenommen sie aussah.

„Wir sind sicher, dass der Junge in besten Händen ist“, erklärte sie aufmunternd.

„Natürlich“, stimmte Beth zu. Im Vergleich zu Jaceys Gesundheit traten alle anderen Überlegungen hintenan.

„Ich werde mit dem Ärzteteam sprechen, das sich um den Jungen kümmert. Und morgen früh werde ich dann noch einmal persönlich nach ihm schauen“, sagte Jaime. „Wahrscheinlich möchtet ihr beiden einen Augenblick miteinander allein sein, und ich muss mich um einen anderen Patienten kümmern.“

Er machte eine kurze, knappe Verbeugung.

„In ungefähr einer halben Stunde bin ich zurück, aber wenn es etwas Besonderes gibt, könnt ihr mich jederzeit per Telefon erreichen.“

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, ergriff Rosita Beth bei der Hand.

„Darling, ich kann mir kaum vorstellen, was es für dich bedeuten muss, wieder mit diesem Mann zu tun zu haben. Und das unter diesen Umständen!“, bemerkte sie traurig. „Aber wir sollten vor allem an den Jungen denken und uns fragen, was wir für ihn tun können.“

„Jacey?“, murmelte Beth schwach. „Mein armes Kind. Er hat versucht, ganz tapfer zu bleiben …“

Rosita setzte sich auf die Lehne des Sessels und umarmte Beth, da diese wieder in Tränen ausbrach.

„Darling, es wird alles in Ordnung kommen“, sagte sie sanft. „Das weißt du doch, oder?“

Beth nickte mit dem Kopf und versuchte, die Selbstkontrolle wiederzugewinnen.

„Das ist das Einzige, dessen ich wirklich sicher bin. Aber das ist auch alles“, fügte sie hoffnungslos hinzu. „Rosita, vom ersten Augenblick an, als Jaime durch diese Tür gekommen ist, habe ich nicht mehr klar denken können … Es war so ein Schreck … Ich habe selbst nicht mehr begriffen, was ich eigentlich noch gesagt habe.“

„Beth, hör mir zu“, schnitt Rosita ihr das Wort ab. „Natürlich war es ein Schock! Gestern war deine Welt noch in Ordnung, und heute rast du in einem Krankenwagen hierher, da dein Junge krank ist, und dann triffst du auch noch auf seinen Vater. Dabei kann man ja wohl den Kopf verlieren!“

„Du hast recht“, gab Beth zu. „Ich brauche nur ein wenig Zeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen.“

„Ich fürchte, gerade Zeit ist etwas, das du nicht hast“, betonte Rosita traurig, während ihr Gesicht tiefstes Mitgefühl zeigte. „So wie Jaime den Jungen ‚dein kleiner Sohn‘ genannt hat, habe ich nur zu deutlich verstanden, dass du ihm die Wahrheit noch nicht gesagt hast.“

„Und das habe ich auch nicht vor!“, stieß Beth aus, da sie das Gefühl hatte, dass die ganze Welt um sie herum zusammenbrach.

„Darling, meinst du das wirklich ernst?“ Rosita sah erschrocken aus, als sie aufstand. „Das Alter des Jungen sagt doch schon genug …“

„Nein! Er weiß, wie alt Jacey ist“, unterbrach Beth sie. „Rosita verstehst du denn nicht? Er hat eine andere Frau und vermutlich auch Kinder … Da wird Jaime niemals die Wahrheit wissen wollen!“

„Darling, das ist ja ein wahrer Albtraum“, grummelte Rosita und sank in die Kissen zurück.

„All diese Jahre über haben wir kaum über Jaime gesprochen, und vielleicht war das keine gute Idee … Beth, da gibt es keine andere Frau und auch keine Kinder.“

Beth schaute Rosita ungläubig an.

„Ich hätte es dir schon vor über vier Jahren sagen sollen, dass er nicht verheiratet ist“, fuhr die ältere Frau traurig fort. „Aber ich hatte das Gefühl, dass sein Name ein Tabu war, und wollte nicht daran rühren.“

Beth versuchte zu verstehen, was sie da hörte. „Vor über vier Jahren? Vielleicht hat er in der Zwischenzeit geheiratet.“

Rosita schüttelte langsam den Kopf.

„Seine Verlobte ist einige Monate vor der Hochzeit gestorben“, sagte sie mit leiser Stimme.

„Aber Rosita … Das ist ja schrecklich!“ Beth erzitterte. „Doch das ist immerhin vier Jahre her … Ein Mann wie Jaime hat sicherlich keine Schwierigkeiten, eine andere Frau zu finden.“

Rosita rückte unruhig in dem Sessel hin und her. „Natürlich hatte er andere Frauen. All die gebrochenen Herzen, die er hinter sich gelassen hat …“

„Woher weißt du denn das alles?“, brach Beth heraus. Es war nicht so sehr, was sie hörte, sondern von wem sie es hörte, was sie durcheinanderbrachte.

„Du weißt genau, was ich von Gerede halte“, erklärte die spanische Frau. „Aber eine Zeit lang hat jeder hier auf der Insel darüber gesprochen, und ich war froh, dass du so viele Aufträge im Ausland hattest und nicht alles mit anhören musstest. Sogar in der Zeitung haben sie darüber geschrieben.“ Rosita brach ab und schüttelte den Kopf. „Ich kenne nicht die Einzelheiten, wie seine Verlobte gestorben ist, aber für Jaime war es sicherlich ein fürchterlicher Schlag … Und seitdem benimmt er sich Frauen gegenüber sehr hart.“

„Möglicherweise braucht er einfach nur eine Frau, die ihren Platz einnehmen kann“, sagte Beth verstört.

Rosita zögerte. War es wirklich der richtige Zeitpunkt, über diese Fragen zu diskutieren?

„Vielleicht“, erklärte sie schließlich. „Aber Tatsache ist, dass Jaime nicht geheiratet hat.“

„Ach Rosita, so oft habe ich mich gefragt, ob Jacey wohl Halbschwestern oder Brüder habe. Allein die Idee war mir schon zuwider.“

„Liebes“, beschwichtigte Rosita. „Wichtig ist jetzt nur, dass Jaime einen Sohn hat, und du kannst ihm die Wahrheit nicht vorenthalten.“

„Er hat kein Recht darauf, es zu wissen“, explodierte Beth bitter. „Das hat er schon klargemacht, bevor Jacey geboren wurde.“

„Nein, Beth, er hatte niemals eine Wahl, wenn es um seinen Sohn ging. Und Jacey ist schließlich von ihm“, beharrte Rosita auf ihrem Standpunkt. „Er hat ein Recht darauf, das zu wissen.“

Beth schüttelte entschieden den Kopf.

„Das werde ich niemals zulassen, Rosita.“

„Schon gut“, besänftigte die Spanierin. „Aber …“ Sie brach ab und runzelte die Stirn. „Bilde ich es mir nur ein, oder hast du gesagt, dass er Jaceys Alter kenne?“

Beth nickte mit dem Kopf. Niemals hätte sie es übers Herz gebracht, mit jemandem über den letzten Abend, den sie mit Jaime verbracht hatte, zu sprechen. Zu tief steckte der Schmerz. Der einzige Mensch, der wusste, was wirklich passiert war, war Cisco Suarez, ein junger Student, der als Barmann arbeitete und der Beth einige Stunden lang in der höchsten Not zugehört hatte. Jaime war natürlich davon ausgegangen, dass die sogenannte Großmutter Ciscos Mutter war. Deshalb war er auch so überrascht gewesen, als Rosita das Büro betreten hatte.

„Aber er wird doch nicht glauben, dass …“

„Doch, Rosita, genau das“, gab Beth schwach zurück. „Aber um fair zu sein, muss ich zugeben, dass ich ihn auch auf eine falsche Spur gelockt habe. Es macht mich ganz krank, wenn ich jetzt daran zurückdenke, aber damals ging es mir so schlecht … Ich wollte ihm vorspielen, dass es einen anderen Mann in meinem Leben gab, um ihn zu verletzen. Das hat ihn zwar in seinem Stolz getroffen, aber gleichzeitig war er sehr zufrieden, diese Lügen zu hören.“

„Du warst jung und verletzlich“, flüsterte Rosita traurig, und Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Aber schau mich doch heute an!“ Beth konnte es einfach nicht ertragen, die Spanierin so aufgebracht zu sehen.

„Das tue ich ja“, antwortete Rosita mit unverhülltem Stolz. „Ich habe den Eindruck, dass du manchmal selbst nicht weißt, was du eigentlich geschafft hast. Du bist doch nur durch Zufall in die Modewelt geraten, und dafür hast du es wirklich nicht schlecht gemacht. Heute bist du ein internationaler Star, du … Du brauchst gar nicht die Augen zu verdrehen wie ein kleines Mädchen“, machte Rosita sich über Beth lustig. „Was glaubst du, wie viele fünfundzwanzigjährige Frauen es gibt, die es durch eigene Arbeit zu einem gewissen Lebensstandard gebracht haben?“

„Ich bin einfach gut bezahlt worden“, lachte Beth. „Und ich habe mein Geld geschickt angelegt. Das war einfach Glück!“

„Nein, du hast es dir wirklich verdient“, gab Rosita zurück. „Darling, es tut mir schrecklich leid, aber ich muss noch heute Abend nach Pollensa zurück. Morgen versuche ich, eine Vertretung für die Galerie zu finden, und dann …“

„Juanita ist doch in den Ferien, da musst du selbst morgens in der Galerie arbeiten“, schnitt Beth ihr das Wort ab. „Es bleibt dabei, was wir entschieden haben. Wenn es geht, kommst du nachmittags hierher.“

„Aber …“

„Kein aber“, erklärte Beth lächelnd. „Es wäre natürlich etwas anderes, wenn Jacey ernsthaft krank wäre. Aber es handelt sich ja nur um eine Routineoperation. Und für mich brauchst du deine Pläne nicht zu ändern.“

„Das würde ich aber sofort tun!“, rief Rosita aus und warf Beth einen schnellen Blick zu. „Du weißt, was du zu tun hast … Aber ich bin nicht sicher, ob du dich immer daran halten wirst.“

„Mach dir keine Sorgen“, entgegnete Beth. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie daran dachte, wie es wäre, Jaime die Wahrheit zu erzählen. „Versprochen, Rosita!“

„Dann gibt es nichts mehr dazu zu sagen“, bemerkte die ältere Dame ruhig. „Jetzt geht es vor allem darum, dass …“ Sie brach ab, als die Tür geöffnet wurde. Jaime trat ein.

„Ich habe mit dem Ärzteteam gesprochen“, kündigte er an. „Jacey schläft schon.“ Er schaute von einer Frau zur anderen. „Ich habe gehört, dass die Kinderabteilung des Krankenhauses im Norden zurzeit geschlossen ist. Das hätte nur noch zusätzliche Probleme bereitet. Was werdet ihr tun, solange ihr hier seid?“

„Ich fahre nach Pollensa zurück und komme, soweit möglich, am Nachmittag wieder her. Beth möchte natürlich hierbleiben“, erklärte Rosita. „Ich wollte gerade vorschlagen, ein Hotel für sie zu suchen.“

„Es ist wirklich nicht nötig, dass Sie die ganze Insel abfahren, um ein Zimmer zu finden“, betonte Jaime. „Mein Haus steht Beth und Ihnen jederzeit zur Verfügung.“

„Ich danke für das freundliche Angebot“, antwortete Rosita ruhig, „aber ich muss mich um meine Galerie kümmern.“

„Das ist verständlich … Aber wie sieht es mit Beth aus?“

Er warf ihr einen Blick zu, um zu sehen, wie sie reagierte. Doch schien sie gar nicht gehört zu haben, was er gesagt hatte. Jaime runzelte die Stirn und wandte sich wieder an Rosita.

„Es gibt keine festen Besuchszeiten hier“,

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