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Happy End am Strand der Liebe?

Raye Morgan

Happy End am Strand der Liebe?

1. KAPITEL

Er wurde beobachtet. Leise fluchend hielt Joe Tanner das Gesicht in die Sonne und schloss die Lider. Ein Stalker. Er spürte dessen Blick förmlich im Rücken.

Er hatte lange genug als Ranger der Army in Südostasien gelebt, um zu wissen, wann jemand ihn im Visier hatte. Dieser sechste Sinn hatte ihm damals geholfen zu überleben.

„Es ist genauso wie Fahrradfahren – man verlernt es nicht mehr“, murmelte Joe leise, bevor er die Augen wieder öffnete und sich umwandte.

Schon am Vortag hatte er gespürt, dass sich jemand, der ihm durchaus feindlich gesonnen sein konnte, für ihn interessierte. Allerdings hatte er nicht weiter darüber nachgedacht. Ihm war bewusst, dass er als großer tief gebräunter Mann mit dichtem braunen Haar, zwar passabel aussah, aber auch Blicke auf sich zog. Zumal er den halben Tag nur in Shorts herumlief und viele Narben auf dem Oberkörper hatte.

Außerdem war er momentan mit ganz anderen Dingen beschäftigt. An diesem Abend würde er Besuch von einem weiblichen Wesen aus seinem früheren Leben bekommen, dem er allerdings nie begegnet war. Und da er sich mit den bevorstehenden Veränderungen auseinandergesetzt hatte und ziemlich nervös war, hatte Joe keinen weiteren Gedanken an den Stalker verschwendet.

Nun hatte er jedoch ein ungutes Gefühl, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er es nicht mehr verdrängen konnte. Schließlich war Vorsicht besser als Nachsicht.

Joe ließ den Blick über den Strand von San Diego schweifen. Obwohl sich eine Nebelbank vom Meer her näherte, war es ein warmer Tag und dieser Abschnitt gut besucht – von Wellenreitern, Müttern mit kleinen Kindern und Strandschönheiten auf der Suche nach einem Flirt. Drei gut gebaute junge Frauen standen in seiner Nähe, kicherten miteinander und lächelten ihn hoffnungsvoll an. Früher hätte er ihr Lächeln erwidert, aber diese Zeiten waren längst vorbei.

Deshalb nickte er ihnen nur kurz zu, bevor er den Blick weiterschweifen ließ – zu den kleinen Geschäften an der Promenade, dem Imbissstand und dem Parkplatz, auf dem ein Pärchen eng umschlungen dastand. Beide trugen Badesachen, sie küssten einander selbstvergessen vor einem Sportwagen.

Junge Liebe. Plötzlich verspürte er den Drang, die beiden zu warnen und ihnen zu sagen, dass sie sich auf nichts im Leben verlassen konnten. Jeder musste seinen Weg allein gehen. Es gab keine Versprechen und keine Richtlinien, an denen man sich festhalten konnte, nur Murphys Gesetz: Alles, was schiefgehen konnte, würde auch schiefgehen. Wenigstens darauf konnte man sich verlassen.

Er verzichtete darauf, den beiden von seinen schlechten Erfahrungen zu erzählen. Dabei hörte ihm ohnehin niemand zu. Anscheinend musste jeder erst Fehler machen, um daraus zu lernen.

Aber wer beobachtete ihn, sodass ihm ein Schauer über den Rücken jagte? Der Bettler in dem ausgeblichenen Hawaiihemd, der auf einem kleinen Holzstuhl neben seinem alten Collie in der Sonne saß? Unwahrscheinlich. Der Cop, der mit dem Fahrrad auf der Promenade langsam auf und ab fuhr? Nein, der hatte alle Gäste im Blick. Die Stadtstreicherin, die die Möwen mit altem Brot fütterte? Der Teenager, der auf seinem Skateboard akrobatische Kunststücke vollbrachte?

Nein. Er war niemand von diesen Leuten.

Nach einer Weile lenkte Joe seine Aufmerksamkeit auf eine einsame Gestalt, die an der Mauer lehnte, die die Promenade vom Strand trennte. Sofort stieg sein Puls. Joe nahm seine Sonnenbrille aus dem Hosenbund und setzte sie auf, um seinen Beobachter unauffällig zu betrachten. Er sah ein weites Sweatshirt, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen war, und eine Baggyjeans. Dennoch brauchte Joe nur wenige Sekunden, um zu erkennen, dass es sich um eine Frau handelte, die sich als Mann verkleidet hatte.

Dadurch spürte er die Gefahr allerdings nur deutlicher. Denn aus Erfahrung wusste er, dass gerade harmlos wirkende Menschen oft besonders gefährlich waren. Hübschen Frauen oder niedlichen Kindern durfte man grundsätzlich nicht trauen.

Joe wandte sich um und tat so, als würde er das Treiben im nahe gelegenen Yachthafen verfolgen, während er aus dem Augenwinkel beobachtete, wie die Frau sich auf die Mauer setzte, ein kleines Notizbuch aus der Bauchtasche ihres Sweatshirts nahm und etwas aufschrieb, bevor sie das Buch wieder hineinsteckte.

Ja. Es war diese Frau. Und sie machte sich Notizen. Also, was sollte er jetzt unternehmen?

Er wog die Möglichkeiten ab. Direkte Konfrontation brachte normalerweise nichts. Die Frau würde jegliches Interesse an ihm leugnen und sich davonschleichen.

Und was dann? Vermutlich würde derjenige, der sie beauftragt hatte, dann jemand anders schicken.

Joes Neugier war geweckt. Er wollte wissen, was dahintersteckte.

Und das würde er nur erreichen, indem er die Frau zum Reden brachte und sich ihr Vertrauen erschlich.

Ja, warum nicht? In den nächsten Stunden hatte er ohnehin nichts zu tun.

Schulterzuckend bückte er sich, um sein Surfbrett hochzuheben, und ging zur nächsten Brücke. Da sie gerade repariert wurde und abgesperrt war, wäre sie perfekt.

Joe ging durch den Sand. Obwohl sein Bein nach über einem Jahr erst jetzt richtig zu heilen begann, humpelte er für gewöhnlich nur leicht, doch diesmal übertrieb er ein wenig.

Er drehte sich nicht einmal um, um sich zu vergewissern, dass die Fremde ihm folgte. Normalerweise hielten sich Menschen, die sich in sein Leben schleichen wollten, genau ans Drehbuch. Und diese Frau würde es zweifellos auch tun.

Kelly Vrosis biss sich auf die Lippe, als sie beobachtete, wie der Mann, der sich Joe Tanner nannte, losging. Er steuerte auf einen verlassenen Strandabschnitt zu.

Sofort schlug ihr Herz schneller. Sollte sie ihm folgen? Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, wenn sie ihre Sache gut machen wollte.

Ihr blieb nur eine Woche Zeit. Und Kelly hatte schon anderthalb Tage vergeudet, weil sie sich nicht in seine Nähe getraut hatte. Entweder lernte sie seinen Alltag kennen und fand heraus, ob Joe Tanner derjenige war, für den sie ihn hielt – oder eben nicht. Dann hätte sie für nichts und wieder nichts viel Zeit geopfert und verlor ihre Glaubwürdigkeit.

Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, nahm sie die kleine Digitalkamera aus ihrer Bauchtasche und stand langsam auf.

„Also los“, sagte sie leise, bevor sie dem großen muskulösen Mann folgte. Dabei hielt sie sich dicht an der Mauer, ließ ihn jedoch nicht aus den Augen.

Sie war ziemlich sicher, dass er sie nicht bemerkt hatte. Normalerweise fiel sie in der Menge nicht auf, und sie hatte sich bewusst unauffällig gekleidet.

Nachdem sie am Vortag am Flughafen angekommen war und in einem Motel in der Nähe seines kleinen Strandhauses eingecheckt hatte, war Kelly zweimal dorthin gegangen. Als sie am Gartentor vorbeigekommen war, hatte sie vor Nervosität kaum atmen können. Jetzt hatte Kelly auch noch keine Ahnung, was sie tun sollte, wenn sie dem Mann, dem sie jetzt schon seit Monaten nachspürte, endlich gegenüberstand. Ihre Gefühle gingen mit ihr durch. Was wenn sie in Ohnmacht fiel?

Das würde wohl nicht passieren, aber sie konnte nicht leugnen, dass er eine starke Wirkung auf sie ausübte. Ihren Kollegen gegenüber, die versucht hatten, ihr das Ganze auszureden, hätte Kelly das allerdings nie zugegeben.

Sie arbeitete als Analystin in der Ambrischen Nachrichtenagentur in Cleveland, Ohio und hatte sich inzwischen zu einer Expertin für alles entwickelt, was Ambria betraf. Das Land ihrer Vorfahren, ein kleiner Inselstaat, war wenig bekannt, zumal das derzeitige Regime sich völlig nach außen abschottete. Kellys Fachgebiet waren die Kinder der vor fünfundzwanzig Jahren gestürzten Monarchen.

Angeblich waren in der Nacht des Staatsstreichs sowohl das Königspaar als auch dessen Kinder getötet worden. Nun stellte sich jedoch die Frage, ob womöglich einige von ihnen überlebt hatten. Als Kelly vor über einem Jahr die Zeitschrift aufgeschlagen und das Foto von Joe Turner gesehen hatte, war sie erschrocken zusammengezuckt.

„Oh mein Gott! Er sieht genauso aus wie … Nein, das kann nicht sein! Aber er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten …“

Sie hatte von Anfang an gewusst, dass die Annahme verrückt war. Darin waren alle Kollegen ihrer Meinung gewesen.

Deswegen hatte Kelly alle Informationsquellen der Agentur genutzt und Nachforschungen über Joe Tanner angestellt. Inzwischen gehörte sie zu den Topexperten für die Kinder der Königsfamilie. Sie wusste alles über sie und kannte auch einige Geheimnisse. Man konnte fast sagen, dass sie von dem Thema besessen war.

Jetzt war sie kurz davor, ihre Theorie dem Prüfstand auszusetzen – und hatte große Angst davor, mit dem Mann zu reden.

Dies war völlig untypisch für sie, denn sie war mit zwei Brüdern aufgewachsen und kam normalerweise sehr gut mit Männern zurecht. Nach allem, was sie über Joe Tanner gelesen hatte, wusste sie allerdings, dass er ein außergewöhnlicher Mann war. Er hatte die gefährlichsten Aufträge erfüllt und die kritischsten Situationen überlebt. Wie würde er reagieren, wenn er merkte, dass sie hinter ihm herspionierte?

„Das kannst du nicht machen, Kelly“, hatte ihr Vorgesetzter Jim Hawker gesagt, nachdem sie ihm von ihrem Vorhaben erzählt hatte. „Das Ganze ist ein Hirngespinst. Du hast das Foto gesehen und siehst gleich eine Verschwörung.“

„Und was ist, wenn ich recht habe?“, hatte sie entgegnet. „Ich muss nach Kalifornien fliegen und sehen, was ich herausfinde. Schließlich habe ich zwei Wochen Urlaub. Ich muss es unbedingt wissen.“

Er hatte das Gesicht verzogen. „Kelly, du wirst einen Mann gegen dich aufbringen, der einen Feind mit seinen bloßen Händen unschädlich machen kann. Wenn er wirklich der ist, für den du ihn hältst, wird er über deinen Erfolg womöglich nicht gerade erfreut sein. Lass die Finger davon! Es ist sowieso eine verrückte Idee.“

„Nein, ist es nicht. Stell dir nur vor, wenn ich richtigliege, was das für die Ambrische Nation bedeutet!“

„Selbst wenn es so wäre, könntest du ein großes Risiko eingehen. Und ohne dass die Agentur dir den Rücken stärkt, stehst du allein auf weiter Flur.“ Energisch hatte er den Kopf geschüttelt. „Nein, Kelly. Flieg auf die Bermudas. Mach eine Kreuzfahrt. Flieg nur nicht nach Kalifornien.“

Sie hatte sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen lassen und versprochen, gut auf sich aufzupassen. Genau das hatte Kelly auch vor. Deshalb wollte sie erst an Joe Tanner herantreten, wenn sie sich seiner Reaktion sicher wäre.

Allerdings hatte sie es sich alles viel einfacher vorgestellt. Zwar hatte sie ihn nun ausfindig gemacht, aber ihr war klar geworden, dass sie nicht viel über ihn in Erfahrung bringen konnte, wenn sie ihn nur beschattete. Sie brauchte mehr Informationen – und die Zeit war knapp. An diesem Morgen hatte sie ihm eine Stunde beim Wellenreiten beobachtet und versucht, eine Strategie zu entwickeln. Schlussendlich hatte Kelly beschlossen, die Leute zu befragen, die ihn kannten.

Sie hatte schon eine Liste seiner möglichen Kontakte aufgestellt, zu denen auch der Inhaber des kleinen Obst- und Gemüseladens in seiner Straße gehörte. Joe hatte sich kurz mit ihm unterhalten, als er dort am Vorabend auf dem Nachhauseweg Obst eingekauft hatte. Dann gab es noch die hübsche junge Frau, die in dem kleinen Haus neben ihm wohnte und wie ein Model aussah. Sie war ihm schon zweimal „zufällig“ begegnet und hatte ihn gegrüßt. Er hatte sie immerhin angelächelt, auch wenn er nicht allzu begeistert gewirkt hatte. Er schien nicht oft zu lächeln. Aber vielleicht wusste seine Nachbarin trotzdem mehr über ihn.

Allein bei der Erinnerung an sein Lächeln erschauerte Kelly. Dabei hatte das Lächeln nicht einmal ihr gegolten.

Außerdem gab es noch zwei Studenten, die in der anderen Hälfte seines Hauses eine Wohngemeinschaft bildeten. Am Morgen war Kelly die Straße auf und ab gejoggt und hatte ihn im Gespräch mit den beiden gesehen. Als er danach mit dem Wellenbrett unter dem Arm zum Strand gegangen war, hatte sie sich schnell umgezogen und war ihm gefolgt.

Bisher hatte ihre Arbeit also kaum Früchte getragen, was Kelly frustrierte.

In sicherem Abstand folgte sie Joe jetzt weiter. Dabei fiel ihr auf, dass die meisten Geschäfte an diesem Strandabschnitt leer standen. Türen und Fenster waren mit Brettern vernagelt. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie menschenleer es hier war.

Als sie wieder in Joes Richtung blickte, war sie wie erstarrt. Sie hatte ihn verloren.

Kurz zuvor war er hinter einem alten Fischerboot verschwunden, das im Sand lag. Sie war einen Moment abgelenkt gewesen und hatte erst aufs Meer und dann auf die Gebäudereihe geblickt.

Also, wo steckte er? Er konnte nicht einfach stehen geblieben sein.

War er unter der abgesperrten Brücke verschwunden? Kelly wartete einen Augenblick darauf, dass er auf der anderen Seite wieder herauskommen würde, doch er tat es nicht.

Dort war keine Menschenseele zu sehen, denn der Strand wurde ziemlich steinig, und außerdem zog Nebel auf – keine guten Voraussetzungen, wenn man Wellenreiten wollte. Warum trug Joe also sein Brett unterm Arm, wenn er nicht vorhatte, ins Wasser zu gehen? Vermutlich, damit es nicht gestohlen wurde. Und wohin wollte er überhaupt?

Sie sah zu der Stelle, an der sie noch vor wenigen Augenblicken gewartet hatte, und runzelte die Stirn. Die anderen Menschen schienen inzwischen weit weg zu sein. Und der Anblick, der sich ihr in der anderen Richtung bot, war unheimlich.

Was sollte sie bloß machen?

Kelly presste die Lippen aufeinander. Sie wollte nicht noch mehr Zeit vergeuden, indem sie sein Haus beobachtete und hoffte, dass er endlich erschien. Jetzt musste sie ihm auf den Fersen bleiben.

Seufzend setzte sie ihren Weg fort. Der feuchte Sand fühlte sich kalt an den Füßen an. Schon wenige Minuten später war es so neblig, dass man die Sonne nicht mehr sehen konnte. Schnell ging Kelly um das alte Boot herum, aber von Joe keine Spur. Also musste sie unter die Brücke gehen.

Sie verzog die Nase, denn dort roch es unangenehm, und sie konnte kaum etwas erkennen. Einige Krebse liefen hin und her, und selbst das Wasser war trüb.

Kelly blieb stehen und sah zum Strand, während sie sich fragte, wohin Joe verschwunden sein konnte. Inzwischen betrug die Sichtweite nur noch knapp zehn Meter. Sie würde auf die andere Seite gehen müssen, um etwas erkennen zu können. Plötzlich hörte sie ein Nebelhorn und erschauerte. Das Wetter war so schnell umgeschlagen, und die Atmosphäre war unheimlich.

Begannen so nicht viele Thriller?

Kelly zögerte immer noch. Musste sie das hier wirklich tun? Konnte sie nicht einfach nach Ohio zurückkehren? Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte sich längst auf den Heimweg gemacht.

Seufzend trat sie zwischen die morschen Pfeiler und beschleunigte ihre Schritte, um schnell auf die andere Seite zu gelangen. Da es immer dunkler und unheimlicher wurde, konzentrierte sie sich darauf, nach vorn zu blicken. Nur noch wenige Meter, und sie wäre …

Als plötzlich eine Hand aus dem Nichts auf sie zuschoss und ihr die Kapuze hinunterzog, stieß Kelly einen schockierten Laut aus und wäre fast gestolpert.

„Sie sind also eine Frau“, hörte sie eine raue Männerstimme sagen. „Was, zum Teufel, wollen Sie von mir?“

Vor Angst war sie wie gelähmt. Sie konnte nicht schreien, und die Beine gehorchten ihr plötzlich nicht mehr. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, als sie sich langsam umdrehte, um zu sehen, wer ihr aufgelauert hatte.

War es Joe Tanner, der Mann, den sie verfolgt hatte? Oder jemand anders … jemand, der nichts Gutes im Sinn hatte?

In dem schummrigen Licht konnte sie ihn nicht richtig erkennen. Wer er auch sein mochte, er war zu groß und zu furchteinflößend. In einem Anflug von Panik wirbelte Kelly herum und rannte unter der Brücke heraus.

Obwohl sie das Gefühl hatte, dass sie schrie, hörte sie keinen Laut. Nur das Knirschen von Sand unter ihren Füßen, ihre Atemzüge und schließlich das Stöhnen, als der Mann sie von hinten packte, zu Boden warf und sich auf sie legte.

Sie war außer sich vor Wut. Wie konnte er es wagen?

Noch größer war allerdings ihre Angst. Wegen des dichten Nebels konnte niemand gesehen haben, was geschehen war. Auf Hilfe konnte Kelly nicht hoffen. Plötzlich gingen ihr Jims warnende Worte durch den Kopf. „Wenn dieser Typ herausfindet, dass du ihn beobachtest, möchtest du sicher nicht mit ihm allein sein.“

Fieberhaft versuchte sie, sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie in dem Selbstverteidigungskurs gelernt hatte, den sie vor drei Jahren belegt hatte. Wo sollten Frauen hintreten, wenn sie von einem Mann angegriffen wurden?

„Wer sind Sie?“ Der Fremde hielt sie am Sweatshirt fest. „Warum beschatten Sie mich?“

Sie seufzte und schloss für einen Moment die Augen, während sie tief durchatmete. Wenigstens hatte er sie nicht verletzt. Als sie angestrengt den Kopf drehte und hinter sich blickte, stellte sie fest, dass es sich tatsächlich um Joe Tanner handelte.

Erleichterung überkam sie, und Kelly entspannte sich ein wenig. Bis sie wieder an Jims Warnung denken musste.

„Kann ich aufstehen?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Erst wenn ich weiß, warum Sie mich überwachen.“

„Das tue ich nicht“, widersprach sie, spürte aber, dass ihr das Blut ins Gesicht stieg.

„Sie lügen.“

Da sie instinktiv spürte, dass er ihr nicht wehtun würde, wich ihre Angst Verlegenheit. Kelly war bewusst, dass sie sich alles andere als professionell verhalten hatte. Sie lag im Sand, und ihre Zielperson drückte sie zu Boden. Hoffentlich erfuhren Jim und ihre anderen Kollegen nie davon!

„Ich habe dir doch gesagt, dass du solche Dinge besser den Leuten überlässt, die etwas davon verstehen.“ Genau das würde Jim wieder sagen. Ein paar Mal hatte sie auf diesen Satz entgegnet, dass sie ihr Handwerk schlecht lernen konnte, wenn man sie es nicht ausprobieren ließ. Doch niemand hatte den Einwand ernst genommen. Deshalb hatte sie nun den Sprung ins kalte Wasser gewagt, ohne sich vorher lange mit Jim zu besprechen – und prompt den ersten Fehler gemacht. Aber sie würde besser werden, ganz bestimmt!

Allerdings musste Kelly zugeben, dass es schwierig war, sich auf ihren Job zu konzentrieren, wenn ein Mann wie Joe Tanner auf ihr lag und ihren Puls zum Rasen brachte. Er hatte den Körper eines Prinzen – muskulös, samtweiche sanft gebräunte Haut. Zum Glück trug sie ein Sweatshirt und Jeans, denn er war halb nackt.

„Los, sagen Sie, wer Sie auf mich angesetzt hat!“ Sein eisiger Tonfall ließ ihre erotischen Tagträume wie eine Seifenblase platzen. „Für wen arbeiten Sie?“

„Für … niemanden.“ In gewisser Weise stimmte das auch. Sie stellte ihre Nachforschungen schließlich auf eigene Faust an.

„Sie lügen“, wiederholte er.

Als Joe die Kapuze ganz hinunterzog, sah er, dass seine Verfolgerin blonde Locken hatte. Aus ihren großen dunklen Augen blickte sie ihn an.

„Verdammt!“, fluchte er leise.

Diese junge Frau war eine blutige Anfängerin, daran bestand kein Zweifel. Kein vernünftiger Mensch hätte sie auf ihn angesetzt.

Natürlich durfte man hübschen Frauen und niedlichen Kindern am wenigsten trauen, aber diese Devise half ihm jetzt nicht weiter. Denn dieses Wesen war zu hilflos, zu süß, zu … amateurhaft. Als er sie zu Fall gebracht hatte, war ihm aufgefallen, dass sie keine Waffe bei sich trug, nur einige kleine Gegenstände in ihrer Bauchtasche.

Er hatte zu oft in gefährlichen Situationen gesteckt, um zu erkennen, dass diese Frau keine Bedrohung darstellte. Also, was, zum Teufel, machte sie hier?

„Ich ‚beschatte‘ Sie nicht, und ich ‚überwache‘ Sie auch nicht“, erwiderte sie atemlos.

Mit hochgezogenen Brauen musterte er sie. „Dann muss es wohl Liebe sein“, bemerkte er sarkastisch. „Warum sollten Sie mir sonst tagelang wie ein Schatten folgen?“

Obwohl ihr klar war, dass Joe Tanner sich nur über sie lustig machte, schockierten seine Worte Kelly und verschlugen ihr die Sprache.

„Egal“, meinte er mit spöttischem Unterton. „Wir bleiben einfach hier, bis Ihnen die Antwort einfällt.“

„Die Antwort worauf?“, brachte sie mühsam hervor.

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, merkte jedoch schnell, dass es ein Fehler war. Jetzt konnte sie ihn zwar besser erkennen, aber es machte sie noch nervöser.

Noch immer hielt er ihr Sweatshirt fest und hatte ein Bein über ihre gelegt. Zweifellos wurde er nicht gern verfolgt. Er war wütend und wollte die Wahrheit wissen.

Warum musste er nur so attraktiv sein? Normalerweise war sie nicht um Worte verlegen, doch in seiner Nähe konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Mit seinen blauen Augen schien er bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. Fasziniert sah Kelly ihn an, unfähig, sich zu bewegen.

Allmählich schien er ungeduldig zu werden.

„Lassen Sie uns auf den Punkt kommen“, erklärte er. „Ich habe Sie vor die Wahl gestellt. Also?“

Nervös befeuchtete Kelly sich die Lippen. „Ich … kann nicht.“

„Warum nicht?“, hakte er nach. „Ich will die Wahrheit wissen.“

Sie schüttelte den Kopf. Um es ihm zu erklären, hätte sie viel zu weit ausholen müssen. Verzweiflung überkam sie. „Ich muss aufstehen“, sagte sie. „Wenn Sie mich nicht loslassen, werde ich hysterisch.“

„Sehr witzig“, kommentierte er spöttisch. Dann betrachtete er sie jedoch eingehender und merkte offenbar, dass sie es ernst meinte. Widerstrebend zog er sein Bein zurück und stand auf. „Frauen …“

Nachdem sie sich ebenfalls erhoben hatte, atmete sie tief durch. Wenigstens befand sie sich nicht mehr unter der schrecklichen Brücke! Es war immer noch neblig, aber der Sand war warm, was ein wenig tröstlich wirkte.

Sie betrachtete Joe Tanner. Er war tief gebräunt und durchtrainiert – und ganz sandig, sogar im Gesicht … Schnell riss sie sich zusammen. Sie musste sich auf ihren Job konzentrieren …

„Wie heißen Sie?“, fragte Joe.

„Kelly Vrosis“, antwortete sie prompt, was ihm beinah ein Lächeln entlockt hätte.

Offenbar hieß sie tatsächlich so. Wusste sie denn nicht, dass man nie seinen richtigen Namen nennen durfte? „Okay“, meinte er. „Ich war nett zu Ihnen. Jetzt sind Sie dran.“

Aus großen Augen sah sie ihn an. „Was?“ Dann schüttelte sie den Kopf, als hätte sie keine Ahnung, was er von ihr wollte.

Er warf ihr einen frustrierten Blick zu. „Okay, Kelly Vrosis. Reden Sie Klartext. Es gibt nur drei Gründe, warum man mich verfolgt.

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