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Happy End am Mittelmeer

Raye Morgan

Happy End am Mittelmeer

1. KAPITEL

Darius Constantijn, Prinz aus dem Königshaus von Ambria, lebte inkognito unter dem Namen David Dykstra in London. Nach dem Putsch, bei dem seine Eltern ums Leben gekommen waren, war er als kleiner Junge gerettet und außer Landes gebracht worden.

David hatte keinen tiefen Schlaf, normalerweise hätte ihn das kleinste Geräusch dazu gebracht, leise, mit einer Waffe in der Hand, sein luxuriöses Penthouse zu durchsuchen. Er war bereit, sein Leben zu verteidigen.

Dass er glaubte, in Gefahr zu sein, war keine abwegige Idee. Der Sohn der gestürzten Monarchenfamilie stellte durch seine bloße Existenz eine ständige Provokation für die neuen Machthaber seines Landes dar.

Aber heute Nacht waren seine Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft geschwächt. Er hatte eine Cocktailparty für fünfzehn Londoner Prominente gegeben, sie waren alle in Feierlaune gewesen und viel zu lang geblieben. Es kam nicht mehr oft vor, dass er zu viel trank, doch heute spürte er die Wirkung des Alkohols.

Als er nun ein Baby weinen hörte, glaubte er zunächst an eine Halluzination.

„Babys“, murmelte er vor sich hin und verharrte einen Moment, um sicher zu sein, dass der Raum sich nicht mehr drehte, ehe er es wagte, die Augen zu öffnen. „Warum können sie ihre Probleme nicht für sich behalten?“

Das Schreien hörte jäh auf, nur war er inzwischen wach. Er horchte angestrengt. Es musste ein Traum gewesen sein. Hier gab es kein Baby. Hier konnte keines sein. Dies war ein Haus für Erwachsene. Das wusste er genau.

„Babys nicht erlaubt. Verboten“, murmelte er und schloss die Augen.

Aber er öffnete sie sofort wieder, als er den kleinen Störenfried von Neuem hörte. Diesmal erklang nur ein Wimmern, doch es war echt. Nicht geträumt.

Aber es ergab alles keinen Sinn. Unmöglich, es konnte kein Baby in seinem Apartment sein. Hätte einer seiner Gäste ein Kind mitgebracht haben, hätte er dies gewiss bemerkt. Und sollte dieselbe unmanierliche Person das Baby in der Garderobe vergessen, wäre sie nicht unterdessen zurückgekommen, um das Kind abzuholen?

Er versuchte, die Störung mit einem Achselzucken abzutun und wieder einzuschlummern, aber das ging nun nicht mehr. Die Beunruhigung war da. Er würde erst weiterschlafen, wenn er sicher war, dass er sich in einer babyfreien Wohnung befand.

Seufzend wälzte er sich schließlich aus dem Bett, zog eine Jeans an, die er in einem Stapel Kleidung auf einem Stuhl fand, und begann, leise durch die Räume zu pirschen, wobei er einen nach dem anderen inspizierte und sich verdrossen fragte, warum er überhaupt ein Apartment mit derart vielen Zimmern gemietet hatte. Im Wohnzimmer standen überall kristallene Weingläser herum, und zerknüllte Papierservietten lagen auf Tischen und Stühlen. Um Mitternacht hatte er das Catering-Team nach Hause geschickt – ein Fehler, wie er jetzt erkannte. Aber wer hätte ahnen können, dass seine Gäste bis fast drei Uhr morgens bleiben würden? Egal, die Zugehfrau würde morgen früh kommen und alles wieder blitzblank putzen.

„Keine Partys mehr“, schwor er sich laut, als er auf eine lange Federboa trat, die jemand hatte liegen lassen. „Ich lasse mich einfach auf die Feste der anderen einladen. Meine Informationsquellen kann ich behalten und den Ärger anderen überlassen.“

Einstweilen aber musste er seine Wohnung durchsuchen, ehe er zurück ins Bett gehen konnte. Er schlich weiter.

Und dann fand er das Baby.

Es schlief. Er öffnete die Tür seines kaum genutzten Fernsehzimmers, und da lag es in einer ausgezogenen Schublade, die als improvisiertes Babybettchen diente. Sein Mündchen war geöffnet, und die runden Bäckchen plusterten sich mit jedem Atemzug ein wenig auf. Es schien ein süßes Kind zu sein, aber er hatte es noch nie vorher gesehen.

Während er schaute, zuckte das Baby unwillkürlich zusammen, reckte die Ärmchen in die Höhe und ließ sie langsam wieder sinken. Aber es wachte nicht auf. Eingekuschelt in seinen pinkfarbenen Strampelanzug, schien sich das Kind ganz wohlzufühlen. Schlafende Babys waren gar nicht so schlimm. Aber er wusste genau, was passierte, wenn sie aufwachten, und vor dem Gedanken grauste ihm.

Es war ausgesprochen ärgerlich, ein ungeladenes Baby in den eigenen vier Wänden vorzufinden, und es war offensichtlich, wer schuld daran war – die langbeinige Blondine, die schlafend auf seinem Freischwinger-Sofa lag. Auch sie hatte er noch nie vorher gesehen.

„Was zum Teufel geht hier vor?“, fragte er leise.

Keiner von beiden rührte sich, und er wollte sie auch nicht wecken. Er brauchte noch ein, zwei Momente, um die Situation einzuschätzen und einige nüchterne Entscheidungen zu treffen. All seine Überlebensinstinkte waren alarmiert. Er war sich sicher, dass er es hier nicht mit gewöhnlichen Übernachtungsgästen zu tun hatte. Sie mussten etwas mit seiner Herkunft, der fürchterlichen Putschgeschichte und seiner ungewissen Zukunft zu tun haben.

Er war sich sogar sehr sicher, die beiden würden sich als Gefahr entpuppen – vielleicht sogar als die Gefahr, mit der er all die letzten Jahre gerechnet hatte.

David war jetzt hellwach. Er musste schnell denken und klar urteilen. Sein Blick fiel auf die Frau, und ungeachtet seines Argwohns fühlte er sich sofort zu ihr hingezogen. Obwohl ihre Beine irgendwie seltsam hingestreckt waren und ihn an ein noch unbeholfenes Fohlen erinnerten, waren sie wohlgeformt, und ihr kurzer Rock, der verführerisch hochgerutscht war, während sie schlief, offenbarte selbige nun auf eine ganz bezaubernde Art. Das gefiel ihm, trotz allem.

Ihr Gesicht war fast vollständig von einer wilden Lockenmähne verdeckt, aber ein zartes, kleines Ohr schaute heraus. Sie war nicht blutjung, aber ihre ungezwungene Haltung ließ sie unbekümmert und unschuldig wirken, und sie hatte etwas an sich, dass sie auf den ersten Blick liebenswert machte. Die Frau übte einen Reiz aus, der ihn unter anderen Umständen hätte lächeln lassen.

Aber jetzt runzelte er doch die Stirn und konzentrierte seinen Blick auf das hinreißende kleine Ohr. Es war mit einem auffälligen Ohrring geschmückt, der ihm vertraut erschien. Bei genauerem Hinsehen erinnerte ihn die Form an das einstige Wappen Ambrias – das Wappen der Königsfamilie.

Adrenalin schoss in sein Blut, sein Herz begann zu rasen, und er wünschte, er hätte die Waffe mitgenommen, die er normalerweise nachts trug. Nur eine kleine Gruppe von vertrauten Menschen wusste von seiner Verbindung zu Ambria, und sein Leben hing davon ab, dass dies geheim blieb.

Wer zum Teufel war diese Frau?

Er würde es herausfinden.

„Hallo, aufwachen!“

Ayme Negri Sommers kuschelte sich tiefer in ihre Sofaecke und versuchte, die Hand zu ignorieren, die sie an der Schulter schüttelte. Jedes Molekül ihres Körpers widersetzte sich dem Weckruf. Nach den beiden Tagen, die hinter ihr lagen, war Schlaf ihre einzige Rettung.

„Wachen Sie auf“, setzte der Mann barsch nach. „Ich habe einige Fragen, die nach Antworten verlangen.“

„Später“, murmelte sie in der Hoffnung, er würde weggehen. „Bitte, später.“

„Jetzt.“ Er schüttelte sie wieder an der Schulter. „Hören Sie mich?“

Ayme hörte ihn, aber ihre Augen wollten sich nicht öffnen. Sie verzog das Gesicht und stöhnte. „Ist es schon Morgen?“

„Wer sind Sie?“, fragte der Mann, ihre Frage ignorierend. „Was machen Sie hier?“

Er ging nicht weg. Sie würde mit ihm sprechen müssen, fürchtete sie. Ihre Augenlider fühlten sich an wie Sandpapier, und sie war nicht einmal sicher, ob sie aufgehen würden, wenn sie sie eindringlich darum bat. Aber irgendwie schaffte sie es doch. Geblendet von dem Lichtstrahl, der durch die geöffnete Tür fiel, blinzelte sie den ärgerlich blickenden Mann an, der sie genau beobachtete.

„Wenn Sie mich nur noch eine Stunde schlafen ließen, könnten wir das vielleicht vernünftig besprechen“, schlug sie leicht lallend vor. „Ich bin so müde und fühle mich gerade wenig menschlich.“

Das war natürlich gelogen. Menschlich war sie in Ordnung, aber so schlecht sie sich auch fühlte, reagierte sie auf diesen Mann nicht nur typisch menschlich, sondern auch eindeutig weiblich. Er war unglaublich attraktiv. Sie sah sich das dichte, dunkle Haar an, das ihm verwegen-charmant in die Stirn fiel, die leuchtend blauen Augen, die breiten Schultern und den entblößten Oberkörper mit den trainierten Muskeln.

Wow.

Sie hatte ihn vorhin gesehen, aber von Weitem und entschieden dezenter bekleidet. Von Nahem und halb nackt war viel besser. Das konnte sie nur jedem empfehlen, und unter anderen Umständen hätte sie jetzt gelächelt.

Aber die Situation war nicht zum Lachen. Sie würde ihm erklären müssen, was sie hier tat, und das würde nicht einfach werden. Sie versuchte, sich aufzurichten und gleichzeitig – mit wenig Erfolg – ihr widerspenstiges Haar mit beiden Händen in Form zu bringen. Und die ganze Zeit dachte sie darüber nach, wie sie am besten auf den Grund ihres Kommens zu sprechen kommen konnte. Sie hatte das deutliche Gefühl, dass es kein willkommenes Thema war.

„Sie können so viel schlafen, wie Sie wollen, sobald wir Sie dahin gebracht haben, wo Sie hingehören, wo immer das auch ist“, meinte er eisig. „Und das ist garantiert nicht hier.“

„Da irren Sie sich“, antwortete sie. „Ich bin nicht ohne Grund hier. Leider.“

Klein Cici brabbelte im Schlaf, und beide erstarrten. Aber die Kleine schlief wieder tief ein, und Ayme seufzte erleichtert auf.

„Wenn Sie sie aufwecken, werden Sie sich um sie kümmern müssen“, flüsterte sie mahnend. „Ich bin momentan nicht zurechnungsfähig.“

Er zischte. Zumindest klang es für sie so, aber sie war gerade nicht in der Verfassung, etwas klar zu beurteilen. Vielleicht hatte er auch unterdrückt geflucht. Ja, wahrscheinlich war es so. Auf jeden Fall schien er nicht erfreut.

Seufzend ließ sie die Schultern hängen. „Hören Sie, ich weiß, Sie sind auch nicht in Bestform. Ich habe Sie vorhin schon gesehen, als wir hier ankamen. Sie haben Ihre Party sichtlich etwas zu viel genossen. Deshalb habe ich erst gar nicht versucht, mit Ihnen zu sprechen. Wir beide könnten etwas Schlaf vertragen.“ Sie schaute ihn hoffnungsvoll an. „Lassen Sie uns fürs Erste Waffenstillstand schließen und …“

„Nein.“

Seufzend ließ sie den Kopf wieder sinken. „Nein?“

„Nein.“

„Okay, also gut. Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich warne Sie, ich kann kaum einen zusammenhängenden Satz bilden, nachdem ich tagelang nicht richtig geschlafen habe.“

Er blieb hart und stellte sich vor sie, mit den Händen an den Hüften. Seine Jeans saß tief, gab den Blick frei auf einen flachen, muskulösen Bauch und den verführerischsten Bauchnabel, den sie je gesehen hatte. Ayme starrte darauf und hoffte, auf diese Weise seine Aufmerksamkeit abzulenken.

Es funktionierte nicht.

„Ihre Schlafgewohnheiten kümmern mich nicht“, sagte er kalt. „Ich will nur, dass Sie gehen und dorthin verschwinden, wo immer Sie auch hergekommen sind.“

„Tut mir leid.“ Immer noch benommen schüttelte Ayme den Kopf. „Das ist unmöglich. Der Flieger, in dem wir saßen, ist schon längst weg.“ Sie schaute zu der friedlich im Schubkasten schlummernden Cici. „Die Kleine hat fast den ganzen Flug über geschrien. Von Texas bis hier“, ergänzte sie, in der Hoffnung, wenigstens sein Mitleid zu erwecken. „Verstehen Sie, was das bedeutet?“

Statt eines Zeichens von Anteilnahme runzelte er die Stirn wie jemand, der an einer komplizierten Frage herumrätselte. „Sie sind mit einem Direktflug aus Texas gekommen?“

„Nun ja, nicht ganz. In New York mussten wir umsteigen.“

„Texas?“, wiederholte er leise, als könne er es nicht glauben.

„Texas“, wiederholte sie langsam, falls er Probleme mit dem Wort haben sollte. „Sie wissen schon, der Staat mit dem einen Stern in der Flagge. Der große, im Süden, neben Mexiko.“

„Ich weiß, wo Texas liegt.“

„Gut. Wir sind da nämlich sehr empfindlich bei uns zu Hause.“

„Sie hören sich auch an wie eine Amerikanerin.“

Ayme blickte ihn unschuldig an. „Klar doch. Wie sollte ich mich sonst anhören?“

Wie gebannt sah er auf ihre Ohrringe. Verunsichert berührte sie einen davon mit den Fingerspitzen. Was interessierte ihn so daran? Der Schmuck war das Einzige, was ihr noch von ihrer leiblichen Mutter geblieben war, und sie trug ihn immer. Sie wusste, dass ihre Eltern aus dem kleinen Inselstaat Ambria stammten und dort gelebt hatten. Genau wie ihre Adoptivfamilie, aber das war lange her.

Aber schließlich stand ihre Anwesenheit hier in unmittelbarem Zusammenhang mit Ambria. Das würde er natürlich rasch erfahren. Dennoch machte sie sein starkes Interesse irgendwie nervös. Wahrscheinlich war es besser, zum Thema Cici zurückzukehren.

„Wie ich schon sagte, der Flug war kein Vergnügen für Cici, und das ließ sie jedermann während der gesamten Atlantiküberquerung wissen.“ Seufzend erinnerte Ayme sich an die langen Stunden. „Alle an Bord hassten mich. Es war schrecklich. Wieso bekommen Menschen überhaupt Babys?“

Er riss die Augen auf und hob demonstrativ eine Braue. „Keine Ahnung. Verraten Sie es mir.“

Ayme schluckte. Das war ein Fehler gewesen. Einen solchen Schnitzer konnte sie sich nicht leisten. Er hielt Cici für ihr Baby, und das sollte er auch weiterhin glauben, zumindest vorerst. Sie musste mehr aufpassen.

Wenn sie doch besser schauspielern könnte! Ach, wahrscheinlich hätte selbst ein Profi bei diesem Auftritt Probleme gehabt. Schließlich hatte sie während der letzten Woche viel durchgemacht. Vor wenigen Tagen war sie noch eine ganz normale, frisch gebackene Rechtsanwältin gewesen, die in einer auf ambrisches Einwanderungsrecht spezialisierten Kanzlei gearbeitet hatte. Und plötzlich war ihre Welt eingestürzt. Unglaubliche Dinge passierten, Dinge, die sie nicht einmal zu denken gewagt hätte. Dinge, mit denen sie sich wohl befassen musste, aber nicht jetzt. Jetzt noch nicht.

Nach wie vor hatte sie Angst, dass nichts je wieder normal würde. Ihr Leben hatte eine solch enorme Wendung genommen, dass sie sich wie in einem Albtraum fühlte. Sie konnte resignieren, sich ins Bett legen und bis auf Weiteres die Decke über den Kopf ziehen – oder sie versuchte, sich darum zu kümmern, was von ihrer Familie noch übrig war, und die kleine Cici dorthin zu bringen, wo sie hingehörte.

Die Entscheidung erübrigte sich natürlich. Sie war daran gewöhnt, das zu tun, was man von ihr erwartete, und verantwortungsbewusst zu handeln. Und jetzt war sie eben hier und würde zielstrebig das zu Ende bringen, was sie sich vorgenommen hatte.

Sowie ihre Aufgabe erfüllt war, würde sie mit einem Seufzer der Erleichterung nach Texas zurückkehren und versuchen, die Scherben ihres Lebens wieder zu kitten. Bis dahin aber musste sie – dem kleinen Leben in ihrer Obhut zuliebe – stark bleiben, ganz egal, wie schwer es auch werden würde.

Und so lange, das wusste sie, musste sie auch lügen. Obwohl es gegen ihre Natur war. Normalerweise gehörte sie zu jenen Menschen, die jedem offenherzig ihre Lebensgeschichte erzählten. Aber diesen Impuls musste sie jetzt unterdrücken.

Aber es war eine schmerzliche Lüge. Die Welt um sie herum musste glauben, dass Cici ihr Baby war. Sie war zwar noch nicht lange Rechtsanwältin, aber sie kannte sich gut genug aus, um zu wissen, dass es ihren ganzen Plan gefährdete, wenn jemand herausfand, dass Cici nicht zu ihr gehörte, darüber hinaus war ihr klar, dass sie nicht befugt war, einfach so mit dem Kind durch die Welt zu reisen. Wenn sie aufflöge, würde man Sozialarbeiter hinzuziehen. Bürokraten würden sich einmischen und Cici ihr weggenommen werden, und wer wusste schon, was noch Furchtbares passieren würde.

Zudem war ihr die Kleine schon ans Herz gewachsen. Und selbst wenn es nicht so wäre, würde sie alles für Samanthas Baby tun.

„Nun, Sie wissen, was ich meine“, ergänzte sie.

„Es ist mir eigentlich ziemlich egal, was Sie meinen. Ich will wissen, wie Sie hierhergekommen sind. Ich will wissen, was Sie hier machen.“ Seine blauen Augen verdunkelten sich. „Vor allem will ich, dass Sie woandershin gehen.“

Ayme zuckte zusammen. Aber konnte sie es ihm verdenken? „Okay“, sagte sie und riss sich zusammen. „Lassen Sie es mich versuchen zu erklären.“

Hatte er spöttisch gelächelt?

„Ich bin ganz Ohr.“

Sie wusste genau, dass er das ironisch meinte. Er schien sie nicht sonderlich zu mögen. Die meisten Menschen mochten sie auf den ersten Blick. Feindseligkeit war sie nicht gewohnt.

Dabei war alles an diesem Mann unglaublich attraktiv, das musste sie zugeben. Wirklich zu schade, dass sie sich neben Männern wie ihm immer noch wie ein ungelenker Teenager fühlte. Sie war fast ein Meter achtzig groß, und das schon seit ihrer Pubertät. Bis zur Abschlussklasse der High School hatte sie alle Jungen überragt, was ihr sehr unangenehm gewesen war. Jetzt sei sie gertenschlank und wunderschön, sagten ihr die Leute, aber sie fühlte sich immer noch wie dieses unbeholfene, zu groß geratene Kind.

„Also gut.“

Sie stand auf und begann, unruhig hin und her zu laufen. Womit sollte sie anfangen? Sie hatte gedacht, mit diesem Besuch alles schnell klären zu können, doch seit sie hier war, schien die Situation weitaus komplizierter. Das Problem war, sie wusste nicht, was ein Mann wie er alles wissen wollte. Sie hatte rein instinktiv gehandelt, als sie sich Cici schnappte und fast fluchtartig mit ihr nach London aufbrach. Vermutlich hatte sie Panik. Was aber unter den Umständen nur verständlich war.

Sie atmete tief durch. Sie hatte diesen Mann nicht ohne Grund aufgesucht. Welcher war es noch gewesen? Ach ja. Jemand hatte ihr gesagt, er könne ihr helfen, den Vater der kleinen Cici zu finden.

„Können Sie sich an eine junge Frau namens Samantha erinnern?“, fragte Ayme aufgeregt. „Klein, blond, hübsch, mit vielen klimpernden Armreifen?“

Er sah aus, als verlöre er endgültig die Geduld. Etwas erschrocken bemerkte sie, dass er seine herabhängenden Hände zu Fäusten geballt hatte. Ein paar Augenblicke später fing er an, sich frustriert die Haare zu raufen. Sie wich einen Schritt zurück – für alle Fälle.

„Nein“, antwortete er leise, fast zornig. „Nie von ihr gehört.“ Er musterte sie scharf. „Von Ihnen habe ich auch noch nie gehört. Obwohl Sie mir Ihren Namen noch nicht genannt haben.“

„Oh.“ Sie zuckte kurz. Wie hatte sie das vergessen können? „Tut mir leid.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin Ayme Sommers aus Dallas.“

Er ließ sie einen Takt zu lang mit ihrer ausgestreckten Hand stehen und wirkte nach wie vor, als könne er das alles nicht glauben. Im ersten Moment dachte sie, er würde sich weigern, ihr die Hand zu reichen, und siedend heiß fragte sie sich, was sie dann machen würde. Aber schließlich lenkte er doch ein und ergriff ihre Hand, hielt sie fest und ließ sie nicht mehr los.

„Interessanter Name“, bemerkte er trocken, während er ihr unerbittlich in die Augen sah. „Jetzt verraten Sie mir den Rest.“

Ayme blinzelte ihn an und versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen. Sie wurde sich plötzlich seiner warmen Haut auf eine Weise bewusst, die sie sehr irritierte. Angestrengt versuchte sie, nicht auf seinen Brustkorb zu schauen.

„Was meinen Sie damit?“, stieß sie hervor. „Welchen Rest?“

Er zog sie näher heran, und sie starrte ihn verunsichert an. Wollte er sie einschüchtern? Und wenn ja, warum?

„Was verbindet Sie mit Ambria?“

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Wie kommen Sie darauf?“

Er neigte ihr den Kopf zu. „Das Wappen Ambrias auf Ihrem Ohrring ist nicht zu übersehen.“

„Oh.“ Jetzt konnte sie überhaupt nicht mehr klar denken. Es war erstaunlich, dass sie noch wusste, wer sie war. Sie fasste sich mit ihrer freien Hand ans Ohr. „Die meisten kennen es nicht.“

Er kniff die Augen zusammen. „Aber Sie.“

„Oh ja.“

Ayme lächelte ihn an, er wich beinahe selbst einen Schritt zurück. Ihr Lächeln schien den Raum zu erhellen. Es war angesichts der Umstände unangebracht. Er musste wegschauen, aber er ließ ihre Hand nicht los.

„Meine Eltern stammten aus Ambria. Auch ich wurde dort geboren. Mein Geburtsname ist Ayme Negri.“

Soweit er wusste, klang das wie ein typisch ambrischer Name. Aber er wusste eigentlich zu wenig. Dieses Mädchen mit dem Wappen als Ohrschmuck kannte sich womöglich weitaus besser in seinem Land aus als er.

Er starrte sie an und erkannte fassungslos, dass er tatsächlich nur unzureichende Kenntnisse über das Land besaß, in dem seine Familie jahrtausendelang geherrscht hatte. Er wusste nicht, was er Ayme fragen sollte. Er wusste nicht einmal genug, um sich ein paar Testfragen auszudenken, mit denen er ihre Glaubwürdigkeit prüfen konnte. Die ganzen Jahre hatte er inkognito leben müssen und während dieser Zeit nicht wirklich viel über die Kultur und Traditionen gelernt. Er hatte Bücher gelesen, mit Leuten gesprochen, sich an Dinge aus seiner Kindheit erinnert. Und er hatte einen sehr guten Lehrer gehabt. Aber das reichte nicht. Er wusste im Grunde kaum etwas über sich und über die Familie, der er entstammte.

Und quasi wie ein unangekündigter Test war jetzt Ayme gekommen. Und er hatte nicht gelernt.

Ihre Hand in seiner fühlte sich warm an. Er suchte ihren Blick. Ihre Augen leuchteten fragend, ihr Mund war leicht geöffnet, als wartete sie aufgeregt darauf, was als Nächstes passierte. Sie wirkte wie ein junges Mädchen in Erwartung des ersten Kusses. Allmählich hatte er das Gefühl, als wäre der Alarm, der wie eine Trillerpfeife in seinem Kopf geschrillt hatte, ein falscher gewesen.

Aber wer war sie wirklich, und warum war sie hier? Sie wirkte so aufrichtig, so ungezwungen. Er konnte nichts Arglistiges an ihr entdecken. Kein Attentäter konnte so friedlich und unschuldig aussehen.

Es war schwer zu glauben, dass man sie geschickt hatte, um ihn zu töten.

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