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Hanseschwestern - Historical Romance Sammelband 6020: 3 Romane

Hanseschwestern - Historical Romance Sammelband 6020: 3 Romane

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2020.

Inhaltsverzeichnis

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Hanseschwestern - Historical Romance Sammelband 6020: 3 Romane

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Die Gildenfrau

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Die Tochter der Gildenfrau

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Die Kaufmannstochter von Lübeck

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Erstes Kapitel: Eine süße Medizin

Zweites Kapitel: Gespräch unter Schwestern

Drittes Kapitel: Die Versammlung der Schonenfahrer

Viertes Kapitel: Eine schicksalhafte Begegnung

Fünftes Kapitel: Eine wichtige Nachricht trifft ein

Sechstes Kapitel: Auf dem Hansetag

Siebtes Kapitel: Hochzeitsvorbereitungen und eine Versuchung

Achtes Kapitel: Der falsche Venezianer

Neuntes Kapitel: Eine Sünde im Dom

Zehntes Kapitel: Ein Treffen in der Hurengasse

Elftes Kapitel: Ein Blutbad in den Auen

Zwölftes Kapitel: Herwards Rückkehr

Dreizehntes Kapitel: Eine Nacht im Stall

Vierzehntes Kapitel: Eine Verschwörung

Fünfzehntes Kapitel: Träume sind Zeichen

Sechzehntes Kapitel: Tumult im Langen Saal

Siebzehntes Kapitel: Verwirrung

Achtzehntes Kapitel: Eine unvermeidliche Beichte

Neunzehntes Kapitel: Schuld und Lüge

Zwanzigstes Kapitel: Vom Kerker zum Totenacker

Einundzwanzigstes Kapitel: Der Moment der Entscheidung

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Abschied aus Köln

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Sicherer Hafen

Vierundzwanzigstes Kapitel: Rückkehr nach Lübeck

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Schwarzer Tod und dunkle Tage

Sechsundzwanzigstes Kapitel: Pläne und Absichten

Siebenundzwanzigstes Kapitel: Ein Augenblick der Schwäche

Achtundzwanzigstes Kapitel: Ein Sturm braut sich zusammen

Neunundzwanzigstes Kapitel: Bei Nacht und Nebel

Dreißigstes Kapitel: Ein Dach über dem Kopf

Einunddreißigstes Kapitel: Ein Wiedersehen

Zweiunddreißigstes Kapitel: Dem Herzen folgen

Dreiunddreißigstes Kapitel: Eine Nacht des Glücks

Vierunddreißigstes Kapitel: Helsingborg soll fallen

Fünfunddreißigstes Kapitel: Das Blatt hat sich gewendet

Epilog

Further Reading: Die Bernsteinhändlerin

About the Author

About the Publisher

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Hanseschwestern - Historical Romance Sammelband 6020: 3 Romane

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Von Alfred Bekker, W.A.Hary, Silke Bekker

Dieses Buch enthält folgende Romane:

W.A.Hary: Die Gildenfrau

W.A,Hary: Die Tochter der Gildenfrau

Alfred Bekker/Silke Bekker: Die Kaufmannstochter von Lübeck

Im Jahre des Herrn 1602, im Kreise der Obrigkeit der Hansestadt Hamburg, spinnt Margarethe Brinkmann ihr Netz aus Intrigen und Verschwörungen, um ihre in der Gilde vereinigten Hansekaufleute ganz oben zu halten, in Konkurrenz zur noch einflussreicheren Wetken-Gilde.

Völlig unmöglich ist in ihren Augen die verbotene Liebe ihrer Enkelin Adele ausgerechnet zum künftigen Gildenführer Johann Wetken. Der Sohn ihres größten Feindes soll eher sterben, als ihre Enkelin zu bekommen!

Gelingt es ihr wirklich, Adele und Johann für immer auseinander zu bringen, trotz der unsterblichen Liebe beider zueinander?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Gildenfrau

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Verbotene Liebe Anno 1602

Historischer Roman von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

Im Jahre des Herrn 1602, im Kreise der Obrigkeit der Hansestadt Hamburg, spinnt Margarethe Brinkmann ihr Netz aus Intrigen und Verschwörungen, um ihre in der Gilde vereinigten Hansekaufleute ganz oben zu halten, in Konkurrenz zur noch einflussreicheren Wetken-Gilde.

Völlig unmöglich ist in ihren Augen die verbotene Liebe ihrer Enkelin Adele ausgerechnet zum künftigen Gildenführer Johann Wetken. Der Sohn ihres größten Feindes soll eher sterben, als ihre Enkelin zu bekommen!

Gelingt es ihr wirklich, Adele und Johann für immer auseinander zu bringen, trotz der unsterblichen Liebe beider zueinander?

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Adele Brinkmann war zwar erst achtzehn Jahre alt, doch sie wusste bereits, was man meinte, wenn die Rede war vom „blutenden Herzen“.

Weil ihr Herz im wahrsten Sinne des Wortes eben... blutete.

Sie wünschte sich nur noch, auf der Stelle zu sterben. Dass sie es überhaupt schaffte, auch nur in den Spiegel zu schauen, war ihr selber ein völliges Rätsel. Was sollte sie denn mit diesem Anblick von einer jungen Frau, die es normalerweise gern hörte, wenn man sie wunderschön nannte, mit ihrer gottgewollt wohlgeformten Gestalt und den strahlendblauen Augen, die dem Himmel persönlich entliehen schienen? Denn aus ihrer schneeweißen, langhaarigen, dunkelblonden Schönheit war buchstäblich ein verheultes Elend geworden, mit roten, geschwollenen Augen, aus denen keine Tränen mehr flossen, weil da einfach keine Tränen mehr vorhanden sein konnten.

„Johann!“, schluchzte sie herzzerreißend.

Das hätte sie nicht tun sollen. Sie hätte nicht diesen Namen aussprechen dürfen. Das sollte sie lieber nie mehr in diesem Leben tun.

Wenn sie aber sowieso im nächsten Moment schon tot umfallen würde...

Doch sie fiel nicht tot um. Nicht jetzt, nicht später, überhaupt nicht. Sie musste ihr verheultes Antlitz weiterhin ertragen und den Gedanken, dass es aus war mit ihrem über alles geliebten Johann. Für immer. Nicht weil sie das wollte. Auch Johann wollte es nicht. Ganz im Gegenteil...

Wie ging es denn ihm jetzt in diesem Moment? So wie ihr? Saß er ebenfalls vor einer Spiegelkommode, die eigentlich für das Schminken und Pudern gedacht war, nicht um sich selbst zuzusehen beim Weinen?

Hatte er denn überhaupt eine Spiegelkommode in seinem Zimmer?

Wie hätte sie das wissen sollen: Sie hatte sein Zimmer noch nie gesehen. Ja, sie war noch nicht einmal in der Nähe gewesen des Hansehauses Wetken. Es wäre ihr völlig unmöglich gewesen, auch nur in diese Nähe zu gelangen. Schließlich war die Gilde der Wetken der erklärte Erzfeind der Brinkmann-Gilde.

Zwei Hansehäuser, die sich bis auf das sprichwörtliche Messer bekriegten. Wobei die Brinkmanns als die „elenden Emporkömmlinge“ galten und die Wetkens immerhin sich altehrwürdig nennen durften, auf Grund ihrer jahrhundertelangen Tradition als Zugehörige der Hamburger Obrigkeit.

Johann Wetken, den Adele niemals mehr in ihrem Leben sehen sollte, wenn es nach ihrer Großmutter Margarethe ging – und deren Wort war unverbrüchliches Gildengesetz, wie jeder Brinkmann wusste! - trug den Namen eines berühmten Vorfahren, der um Fünfzehnhundert herum immerhin Bürgermeister von Hamburg gewesen war. Er war vor vierundsechzig Jahren gestorben, genauer im Jahre des Herrn 1538, und doch hallte sein Name immer noch gewissermaßen wie Donnerhall, wenn man ihn aussprach.

Außer in den Ohren von Adele. Da klang er süß und verführerisch. Sie konnte sich niemals dagegen wehren, dass sogleich sein Ebenbild vor ihrem geistigen Auge entstand - normalerweise um ihr Herz zu erwärmen.

Dieser hochgewachsene junge Mann mit den blonden, unbezähmbaren Haaren, dem stets verschmitzt wirkenden Lächeln, den offenen Augen, dem gütigen Blick...

Sie hatte das Gefühl, jetzt wirklich sterben zu müssen. So sehr bohrte sich der unerträgliche Schmerz in ihr bereits blutendes Herz. Nein, sein Anblick erwärmte es nicht mehr, sondern er versuchte, es zu töten.

Dabei war es gar nicht seine Schuld, sondern ausschließlich die Schuld ihrer Großmutter Margarethe!

Sie hatte es schon geahnt, als die heimliche Monarchin der Gilde sie zu sich gerufen hatte. Wer Margarethe zum ersten Mal sah und nichts über sie wusste, der hielt sie für eine gemütliche Oma, die keinerlei Wert auf Kleidung legte, wobei sie allein damit schon sich erheblich unterschied von anderen Hansefrauen innerhalb der Obrigkeit der Hansekaufleute von Hamburg.

Margarethe hätte sich niemals herausgeputzt wie jene. Sie hielt sich nicht an das Gebot der Demut gegenüber allem Männlichen, dem ständigen Gefallen wollen, das die Hansefrauen ihrer Zeit beseelte. Ganz im Gegenteil: Sie spielte nur die Demütige, Gutmütige, um nicht zu sagen Grundgütige, die stets im Hausgewand auftrat, beinahe wie eine der ärmeren Frauen, die sich keine prunkvollen Kleider leisten konnten.

Dazu, zu ihrer Andersartigkeit, gehörte auch ihre Liebe zur Spinnerei. Wann immer jedoch sie sich in das Zimmer zurückzog mit dem großen Spinnrad, wo sie ja etwas tat, was für jede andere Hansefrau weit unterhalb ihrer Würde gewesen wäre, konnte man allerdings davon ausgehen, dass am Ende etwas dabei herauskam, was Opfer forderte.

Wie das Opfer, zu dem jetzt Adele sich gezwungen sah: Margarethe hatte ihr in ihrem typisch gespielt sanftmütigen Tonfall erklärt, dass ein Johann Wetken nicht nur einen unverzeihlich verabscheuungswürdigen Namen trüge, sondern eben zu jenem „kranken Geschmeiß“ zählte – so wörtlich! -, das man tunlichst zertreten sollte.

Auf keinen Fall, unter keinen Umständen, jedoch sollte sich eine echte Brinkmann mit diesem hansischen Abschaum abgeben. Allein die Nähe zu jenen würde einer porentiefen Selbstbeschmutzung gleich kommen.

Solch drastische Äußerungen bekamen nur die Opfer ihrer Entscheidungen zu hören. Margarethe Brinkmann konnte ja auch anders. Eben wenn sie als die grundgütige Oma auftrat mit dem Hang zu einem Hobby wie das Bedienen eines Spinnrades. Aber doch nur, um ihre Gegner und künftigen Opfer zu täuschen.

Das wusste jeder im engeren Kreis der Gilde, nicht nur jeder Brinkmann, ob nun männlich oder weiblich. Weil sowieso jeder Brinkmann und alle, die sich ihrem Hause zur gemeinsamen Gilde angeschlossen hatten, es längst schon und oft genug am eigenen Leibe hatte erfahren müssen. Egal eben ob männlich oder weiblich.

Dabei war offiziell Hermann Brinkmann der Hansekaufmann und Gildenführer, der es geschafft hatte, aus der Gosse aufzusteigen – wie die Wetkens es wohl formuliert hätten, obwohl es natürlich nicht wirklich zutraf – und zum Licht der Obrigkeit empor zu kriechen, um - abermals nach Meinung wohl der Wetkens -  das Gildenwesen der Hansekaufleute von Hamburg nachhaltig zu beschmutzen und zu entehren.

Adele indessen war das völlig egal gewesen. Alles dies! Vor allem natürlich seit sie Johann Wetken zum ersten Mal gesehen hatte.

Eine eher zufällige Begegnung. In gewisser Hinsicht zumindest. Denn Adele hatte es doch tatsächlich gewagt, außerhalb der Gilde an einem für sie strikt verbotenen Fest teilzunehmen.

Oh, sie war eigentlich wohlerzogen, hatte alles gelernt, was eine echte Brinkmann ausmachte, wenn sie nicht gerade Margarethe hieß und mit eiserner Faust aus der Deckung hinter ihrem Gemahl heraus über alles herrschte. Sie hatte nicht nur gelernt, an einem Ball teilzunehmen, ohne sich zu blamieren, sondern sogar, sich dabei angenehm hervorzutun. Also bestand sie auch ihren Auftritt bei einem für sie verbotenen Fest im Hansehaus Schopenbrink.

Verboten allein schon deshalb, weil es kein Fest war innerhalb der Gilde, sondern in einem neutralen Hansehaus, weil sich die Schopenbrinks weder den Brinkmanns noch den Wetkens angeschlossen hatten.

Ja, das gab es noch, denn die Obrigkeit von Hamburg im Jahre des Herrn 1602 bestand natürlich nicht allein aus Brinkmanns und Wetkens. Obwohl Margarethe genau dies aktiv anstrebte, um nach der Vernichtung der Wetkens dann endgültig die Obrigkeit in Hamburg ganz allein zu bestimmen.

Aber bis dahin war noch ein weiter Weg, wie sie zähneknirschend zugeben musste. Vor allem waren ihr dabei ausgerechnet eben die Wetkens im Weg, und das jetzt schon seit Jahrzehnten, seit dem unaufhaltsamen Aufstieg der hansischen Brinkmanns.

Ja, die Wetkens hatten es bislang geschafft, sich den Brinkmanns zu widersetzen, sich nach wie vor zu behaupten.

Dabei war die Brinkmann-Gilde zwar zur zweitmächtigsten Gilde in Hamburg aufgestiegen, aber eben noch immer nicht zur mächtigsten!

Und da ausgerechnet lernte Adele auf einem für sie verbotenen Fest im Hansehaus Schopenbrink ausgerechnet Johann Wetken kennen, der in einigen Jahren das neue Oberhaupt der Wetken-Gilde werden sollte, falls es nach den Plänen des gegenwärtigen Gildenoberhauptes Georg Wetken ging?

Aber auch Johann war verbotenerweise vor Ort gewesen. Und er hatte dabei zum ersten Mal in seinem Leben „seine“ Adele gesehen, um auf der Stelle für sie zu entflammen.

Sie hatten sich einfach nur ansehen müssen, um zu wissen, dass sie füreinander bestimmt waren. Allen Gewalten zum Trotz.

Eine Liebe, wie sie größer gar nicht mehr hätte sein können. Aber eine Liebe, wie sie gleichzeitig gar nicht verbotener hätte sein können!

Zwei Gilden, die sich gegenseitig dermaßen hassten, dass sie sich gegenseitig den Tod oder noch Schlimmeres wünschten... Und dann dies: Die Enkelin von Margarethe und Hermann Brinkmann, verliebt in den heimlichen „Thronfolger“ der Wetken-Gilde – und umgekehrt!

Adele wusste nicht, ob auch Johann inzwischen von seinen Leuten ertappt worden war. Sie wusste noch nicht einmal, wie ihre Oma Margarethe es überhaupt hatte erfahren können. Sie und Johann waren doch so überaus vorsichtig gewesen. Sie hatten sich seit ihrem Kennenlernen vor gut drei Monaten nur ganze fünf Mal gesehen, immer nur viel zu kurz und beinahe nur flüchtig. Da war noch nicht einmal Zeit gewesen für einen innigen Kuss!

Während sie sich in der übrigen Zeit vor Sehnsucht füreinander regelrecht verzehrt hatten wohlgemerkt.

Aber war sie gerade deswegen aufgefallen? Weil man ihr die grenzenlose Verliebtheit regelrecht angesehen hatte? War es denn wirklich zu offensichtlich geworden, trotz aller Bemühungen, es nicht deutlich werden zu lassen?

Aber wem war es aufgefallen, also wer hatte sie letztlich an Margarethe verraten?

Die Warnung ihrer Großmutter war eindeutig gewesen. Sie hatte zwar nicht wörtlich ausgesprochen, dass jegliches weitere Treffen mit Johann einem Todesurteil gleich kommen würde, zumindest für Johann, aber dies stand eben unausgesprochen und nach wie vor als grausame Drohung im Raum.

Einmal abgesehen davon, dass alle ihrer Großmutter Margarethe gehorchenden Kräfte darauf gebündelt waren, genau ein solches Treffen nachhaltig zu verhindern.

Und Adele wusste aus bitterer Erfahrung, wie effektiv diese Kräfte sein konnten, denen sie sich unterwerfen musste, ob sie nun wollte oder nicht. Allein schon, um das Leben ihres über alles Geliebten nicht zu gefährden.

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Nach Einbruch der Nacht war Johann Wetken immer noch unterwegs. Offiziell weilte er daheim in seinen Privatgemächern und wollte nicht gestört werden. Hier draußen befand er sich höchst inoffiziell, denn er war unterwegs, um sich mit Adele zu treffen, mit seiner über alles geliebten Adele. Noch wusste er ja nichts von dem Verbot der innerhalb der Brinkmann-Gilde wahrhaft allgewaltigen Großmutter Margarethe.

Und so war er viel zu früh am verabredeten Treffpunkt. Einerseits eben zu früh, weil sie unmöglich schon um diese Zeit vor Ort sein konnte, auch wenn sie hätte kommen können. Andererseits jedoch zu spät, weil die Entscheidung der Margarethe Brinkmann längst in die Tat umgesetzt wurde: Adele würde ohne Einwilligung ihrer Oma keinen Schritt mehr allein tun können, weder innerhalb noch außerhalb des Hansehauses Brinkmann, und eine solche Einwilligung war inzwischen unwahrscheinlicher noch als die Rückkehr des Adelstums nach Hamburg zu jener Zeit.

Wie immer verbrachte Johann die Warterei einerseits voller Vorfreude, andererseits jedoch mit durchaus sorgenvollen Gedanken um seine Geliebte. Es erfüllte ihn nämlich nicht mit Freude, es immerhin riskieren zu müssen, dass sie sich allein nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg machen musste zu ihm.

Zwar wurde die Gegend, in der sich die herrschaftlichen Villen der Obrigkeit befanden, verstärkt bewacht und jeder festgenommen, der nicht hierher gehörte, außerdem gab es überall hier Straßenbeleuchtung in der Form von Petroleumlampen, die regelmäßig gewartet wurden, doch ein unangenehmes Gefühl blieb dabei stets. Umso mehr natürlich würde sich Johann freuen, wenn seine Angebetete endlich auftauchen würde.

Doch genau darauf wartete er diesmal vergebens.

Er ließ noch viel mehr Zeit verstreichen, in der nicht enden wollenden Hoffnung, sie möge doch noch den Weg zu ihm finden, obwohl es ihm längst dämmerte, dass etwas Schlimmes dazwischen gekommen sein musste.

Blieb noch die Frage: Was konnte denn so schlimm sein?

War es vielleicht doch ein zu großes Risiko gewesen für eine so ansehnliche junge Hansefrau, nächtens sich allein auf die Straße zu wagen, ganz ohne jeglichen zusätzlichen Schutz? Viel zu weit weg möglicherweise von ihrem Haus, weil ihr Geliebter es nicht wagen konnte, näher heran zu kommen? Oder war sie nur unterwegs aufgehalten worden von übereifrigen Beschützern der Obrigkeit, die hier ständig patrouillierten?

Aber das konnte doch nicht so lange dauern, denn Adele war doch jedem von ihnen bekannt?

Was bliebe sonst noch zu bedenken, was ihr widerfahren sein könnte?

Auf die einzig richtige Lösung kam er in dieser Nacht leider nie, solange diese noch andauerte, dass nämlich Margarethe Brinkmann ihre Hände im Spiel hatte. Er war nach wie vor überzeugt davon, vorsichtig genug gewesen zu sein, und nicht nur er allein, sondern auch seine überaus geliebte Adele.

Adele!

Er sah sie so leibhaftig vor seinem inneren Auge, wann immer er in Gedanken ihren Namen aussprach, dass er beinahe glauben mochte, sie wäre doch noch zu ihm gekommen, hätte doch noch den Weg gefunden.

Ihr herzliches Lachen, das glückliche Strahlen ihrer Augen, wenn sie seiner ansichtig wurde... Doch er brauchte nur zu blinzeln, um diesen wunderschönen Traum platzen zu lassen wie eine Seifenblase und erneut der Tristheit anheim zu fallen, die mehr und mehr sein Gemüt eroberte.

Adele, was ist dir widerfahren? Adele, ich liebe dich so sehr, aber ich weiß, dass auch du mich genauso sehr liebst. Wenn du nicht kommst, dann nicht aus eigenem Willen. Aber sage mir doch, was geschehen ist! Ich bitte dich darum! Was, Geliebte, hat dich aufgehalten?

Erst als der Morgen bereits graute, um das Ende dieser langen Nacht anzukündigen, die eine gefühlte Ewigkeit angedauert hatte, wurde ihm allmählich klar, dass er umsonst gewartet hatte. Sein Herz war schwer wie Blei und seine Glieder nicht minder. Er hatte das Gefühl, eine schwere Last drücke ihn nieder, dass er es kaum schaffen würde, den Weg zurück nach Hause zu finden. Und doch musste er jetzt dorthin.

Es war der Zeitpunkt, an dem ihm selbst zu dämmern begann, dass ihre Heimlichtuerei nicht mehr länger heimlich geblieben war. Irgendwie war es heraus gekommen. Er wusste zwar noch nicht wie, aber es war zu befürchten:

Adele war aufgehalten worden, ja, sie hatte noch nicht einmal mehr Gelegenheit gehabt, ihm irgendwie noch eine Nachricht zukommen zu lassen, um ihn zu warnen.

Und wie sah es bei ihm aus? Wurde er bereits von seinem erzürnten Vater bei der Heimkehr erwartet?

Und Georg Wetken konnte überaus zornig sein. Er war für seinen Zorn sogar berüchtigt.

Normalerweise bekam Johann als sein Lieblingssohn das kaum jemals zu spüren, doch wenn Georg Wetken erfahren haben sollte, dass sich sein Sohn heimlich mit einer waschechten Brinkmann verabredet hatte, würde sein Zorn grenzenlos sein und diesmal auch Johann mit aller Härte treffen.

Davon jedenfalls musste der Spätheimkehrer zwingend ausgehen.

Es war ihm dennoch egal in diesem Moment. Er hatte nur noch Sorge um Adele, seine geliebte Adele. Würde er sie jemals wiedersehen können? Jemals in diesem Leben?

Doch niemand erwartete ihn bei seiner Heimkehr. Auch kein zorniger Vater. Er schlich sich daher ungesehen zurück in seine Gemächer und verharrte dort in vor Sorgen getriebener Rastlosigkeit bis zum Mittag, ehe etwas geschah.

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Margarethe erschien an diesem Morgen im Schlafgemach ihres Ehegatten Hermann wie der Fleisch gewordene weibliche Rachegott. Aber so war sie immer, wenn sie überraschend bei ihm auftauchte. Und kein einziges Mal in den vergangenen letzten Jahren war dabei etwas Gutes herausgekommen.

Es erschreckte ihn wie jedes Mal sehr, obwohl er um diese Zeit bereits wach war und nicht mehr im Bett lag.

Was war denn dieses Mal ihr Anliegen – und das in aller Herrgotts Frühe?

Auf die Beantwortung dieser Frage, die er sich insgeheim stellte, brauchte er allerdings nicht lange zu warten:

„Es geht um Adele!“, sagte sie im sanften Ton, der absolut gar nicht zu ihrem herrischen Auftreten passte.

Doch dann änderte sich auch dieses. Sie wurde wieder ganz zu der herzensguten Oma, die sie so gern spielte, um jeden zu täuschen, der ihr wahres Gesicht noch nicht kannte.

Hermann kannte es. Er war schließlich lange genug mit Margarethe verheiratet, und er wusste schon sehr lange, dass sie das nur deshalb getan hatte, nämlich ihn zu ehelichen, um genau dorthin zu gelangen, wo sie heute war, nämlich ganz nah an der absoluten Spitze der Obrigkeit von Hamburg. Gleichsam wie eine nichtadelige Königin, die anstrebte, ihren Herrschaftsbereich immer weiter zu vergrößern, weil sie all diese Macht, die sie jetzt schon in Händen hielt, immer noch nicht für ausreichend empfand.

Hermann war genauso lange schon müde geworden, irgendetwas zu tun oder auch nur zu sagen, was ihr nicht passte. Das hatte er in all den Jahren zwar durchaus schon versucht, aber an die unmittelbaren Folgen erinnerte er sich lieber nicht mehr.

Er erhob sich halb aus seinem Lieblingssessel hinter dem wuchtigen Schreibtisch, der eigentlich gar nicht zum übrigen Ambiente seines ganz persönlichen Bereiches passte, aber den er halt dermaßen liebte, dass er ihn hier hatte aufstellen dürfen. Sogleich ließ er sich wieder zurücksinken und legte die Schreibfeder beiseite, mit der er gerade ein wichtiges Schreiben aufgesetzt hatte.

Offiziell war er ja der Hansekaufmann und darüber hinaus sogar der Gildenführer. Und er nahm dies durchaus ernst, so lange Margarethe ihn ließ, und auch nur im Rahmen dessen, was sie ihm vorschrieb natürlich.

Die Gilde hatte er selbst sogar gemeinsam mit anderen Hansehäusern gegründet. So die offizielle Version zumindest. In Wahrheit jedoch war dies alles das alleinige Verdienst seiner Frau Margarethe gewesen.

Damals war er noch viel jünger gewesen und das, was man noch als schneidig hätte bezeichnen können. Inzwischen war aus dem schneidigen Kavalier von einst ein ziemlich alter und vor allem müder Mann geworden, der neben den Routinearbeiten, die Margarethe eher verschmähte, eigentlich nur noch tätig wurde, wenn Margarethe es gezielt von ihm verlangte.

So wie dieses Mal wohl.

„Adele?“, wunderte er sich.

„Sie  hat eine Liaison ausgerechnet mit diesem Johann Wetken. Wusstest du das?“, fragte sie so betont sanft, dass es schon eher bedrohlich in seinen Ohren klang.

„Aber nein!“, beeilte er sich zu versichern. „Mit Johann Wetken? Aber woher weiß du das überhaupt?“

„Nun, mir fiel in den letzten Wochen auf, dass sie mehrmals sich aus dem Haus geschlichen hat. Heimlich wohlgemerkt, und allein! Deshalb habe ich Anordnung gegeben, sie lückenlos zu beobachten. Natürlich so, dass sie es nicht merkte.“

„Und jetzt ist es wirklich bewiesen?“

„Oh, schon seit ihrem letzten Treffen mit diesem Johann Wetken, aber angesprochen darauf habe ich sie erst gestern, denn da hatte sie wohl wieder eine Verabredung mit ihm. Ich dachte mir, es ist viel wirkungsvoller, wenn ich sie mir so kurzfristig vornehme, dass sie keinerlei Möglichkeiten mehr hat, ihn noch rechtzeitig zu warnen.

Und von einem meiner Spione bei den Wetkens habe ich erfahren, dass Johann Wetken tatsächlich heimlich das Haus verlassen hat gestern Abend, zu Einbruch der Dunkelheit, und erst nach dem Morgengrauen nach Hause zurückkehrte. Es war wohl eine sehr lange und vor allem sehr einsame Nacht gewesen für ihn.“

„Du scheinst das sogar auch noch zu genießen!“, warf ihr Hermann erschüttert vor.

„Sollte ich denn nicht? Schon vergessen, dass es sich um Johann Wetken handelt?“

„Und – und was verlangst du jetzt von mir? Soll ich ebenfalls noch mit Adele reden?“

„Als würde das etwas nutzen. Jeder hier weiß doch, dass du nur der Hanswurst bist. Du tust, was ich dir sage. Sonst nichts. Dafür gewähre ich dir deine billigen Vergnügungen, solange sie nicht unser Haus zu sehr beschmutzen.“

„Das ist wohl schon eine ganze Weile her, das mit den billigen Vergnügungen, wie du sie zu nennen beliebst. Ich bin inzwischen ein alter Mann, der daran kaum noch Interesse haben kann. Schon vergessen?“, versuchte er sarkastisch zu werden, obwohl er genau wusste, dass er damit nicht gegen seine bedeutend stärkere Frau ankam.

Ohne weitere Umschweife kam sie daraufhin auf den Kern dessen zu sprechen, was sie von ihm erwartete:

„Du wirst unserem ärgsten Gegenspieler Georg Wetken zukommen lassen, dass sein Sohn sich mit unserer Adele eingelassen hat. Dann wird sich das Problem von allein lösen, schätze ich. Georg Wetken wird alles tun, um ein weiteres Treffen nachhaltig zu verhindern. Sind wir uns darin einig?“

Nur widerstrebend stimmte Hermann ihr zu. Nicht nur, weil er selber wusste, dass sie damit wohl recht hatte: Georg Wetken hasste nichts mehr auf dieser Welt als alles, was Brinkmann hieß, Adele Brinkmann garantiert mit eingeschlossen.

Andererseits jedoch empfand Hermann eine solche Vorgehensweise als regelrecht infam. So etwas hätte er aus eigenem Antrieb niemals tun können.

Wenn aber Margarethe das von ihm forderte...

„Und was geschieht dann mit Adele?“, erkundigte er sich noch vorsichtig.

„Das lass mal ganz meine Sorge sein, mein Lieber. Und hopp, hopp, an die Arbeit. Ich will, dass dieser Georg Wetken spätestens heute Mittag weiß, was sein Herr Sohn da hinter seinem Rücken treibt!“

Sie wandte sich ab, um seinen persönlichen Bereich wieder zu verlassen. Doch in der Tür wandte sie sich ihm noch einmal kurz zu:

„Und sei ein guter Junge und funktioniere wunschgemäß! Denn wenn nicht... Du weißt sicherlich noch, was dann geschieht?“

Klar wusste er das, obwohl er sich standhaft weigerte, daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden.

Eine Entgegnung wartete sie nicht mehr ab. Sie verschwand, wie sie gekommen war. Hinter ihr fiel die Tür laut ins Schloss.

Sekundenlang starrte er noch darauf, ehe er sich dazu aufraffen konnte, tatsächlich mit der Arbeit zu beginnen, wie seine herrschsüchtige Gemahlin es formuliert hatte.

Als Erstes rief er dazu nach seinem getreuen Kammerdiener, der einzige, dem er in diesem Hause wirklich vertrauen konnte und wollte.

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Georg Wetken war nicht der Mann kleiner Gesten. Ganz im Gegenteil: Man kannte und fürchtete ihn als jähzornigen Verteidiger von allem, was er für richtig hielt – und eine fremde Meinung hatte gegen ihn sowieso niemals eine Chance. Wenn er jemanden zu sich kommen ließ, war das immer mit sehr bedenklichen Gründen verbunden.

Diesmal rief er niemanden zu sich, sondern kam sogar selbst. Unangemeldet, wie es bei ihm normal war. Immerhin handelte es sich um seinen Sohn, sein eigenes Fleisch und Blut. Seinen Lieblingssohn obendrein, obwohl er nicht der Mann war, der jemals so etwas wie väterliche Gefühle gezeigt hätte.

Auch dieses Mal nicht. Ganz im Gegenteil. Immerhin aus aktuellem Anlass, und welcher das war, erfuhr Johann Wetken recht lautstark auf der Stelle, ohne jegliche Umschweife.

Sein Vater, gerade erst herein gebraust wie der sprichwörtliche Sturmwind, der alle Fenster und Türen eindrückte, brüllte mit hochrotem Kopf:

„Wie konntest du es wagen?“

Noch bevor Johann Gelegenheit bekam, etwas zu sagen, etwa sich zu erkundigen, worum es sich eigentlich handelte, fuhr sein Vater in seiner übertrieben jähzornigen, alles übertönenden Art fort:

„Du bist nicht mehr mein Sohn! In meinen Augen bist du schlimmer noch als der schlimmste Bastard. Wie konntest du mir das antun, dich mit einer Brinkmann einzulassen? Ausgerechnet!“

Johann blinzelte verwirrt. Er hatte ja schon befürchtet, sein Vater könnte ihn vielleicht bei seiner Heimlichtuerei irgendwann einmal ertappen, und jetzt war er definitiv bereits über alles informiert?

Aber wieso eigentlich?

Den ganzen Morgen über war doch noch alles in Ordnung gewesen. Was war geschehen?

Während er das fürchterliche Donnerwetter geduldig über sich ergehen ließ, beschäftigten sich seine Gedanken genau mit dieser Frage. Adele war aufgehalten worden. Soviel stand jetzt für ihn fest. Von wem? Das war eigentlich von zweitrangiger Bedeutung. Zunächst. Jedenfalls war sie nicht freiwillig fern geblieben. Davon konnte er ausgehen. Und jetzt, erst am Mittag, tauchte sein Vater auf, um seiner grenzenlosen Empörung dermaßen lautstark Luft zu machen?

Er wartete eine winzige Atempause ab, was sehr viel Geduld und Aufmerksamkeit von ihm abverlangte, trotz der lautstarken Beschimpfung, die er gleichzeitig über sich ergehen lassen musste, und flocht rasch ein:

„Wer behauptet denn so etwas?“

Georg Wetken vergaß, zu atmen. Aus geweiteten Augen starrte er seinen Sohn an, als würde er ihn jetzt erst erkennen. Es klappte ihm regelrecht die Kinnlade herunter.

„Willst du etwa leugnen?“, schnappte er, nachdem er sich von dem ersten Schock ob dieser in seinen Augen hanebüchenen Unverschämtheit halbwegs erholt hatte.

„Ich möchte bloß wissen, wer so etwas behauptet – und wieso!“, beharrte Johann und gab sich alle Mühe, zumindest nach außen hin ruhig und besonnen zu wirken.

Das war seine große Stärke: Ihm konnte man nicht ansehen, wie es in Wahrheit in ihm rumorte. Da war die grenzenlose Enttäuschung darüber, dass er letzte Nacht vergeblich gewartet hatte, gepaart mit der mindestens genauso grenzenlosen Sorge um seine geliebte Adele. Da konnte ihm auch das mächtigste Donnerwetter seines Vaters wahrlich nichts mehr anhaben, denn schlimmer konnte es seiner Meinung nach sowieso nicht mehr werden.

Blieb also die durchaus berechtigte Frage, wer da seinen Vater entsprechend aufgehetzt hatte und warum. Die nächste Frage würde dann gleich lauten, wieso sein Vater darauf dermaßen reagierte, ohne vorher zumindest seinen Sohn zu fragen, ob es sich überhaupt um die Wahrheit handelte.

Ja, wie war das denn eigentlich zu verstehen? Wem vertraute er denn mehr als seinem eigenen Sohn, dem er immer wieder zu versichern pflegte, in ihm seinen einzig würdigen Nachfolger zu sehen?

Und genau das fragte sich Johann jetzt nicht mehr nur insgeheim, sondern sprach es aus, weil er anscheinend auf die Frage hin, wer denn solches behauptet hatte, gar keine Antwort bekommen sollte:

„Du hast also einen Informanten, dem du dermaßen vorbehaltlos vertraust, dass du sogleich auf mich los gehst, ohne überhaupt sicher sein zu können, ob es stimmt? Ich bin schließlich dein Sohn, dein eigenes Fleisch und Blut. Ja, was macht dich da so sicher? Und um welche der Brinkmanns soll es sich deiner Meinung nach überhaupt handeln?“

Georg Wetken schnappte nach Luft wie der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen. Ihm fehlten ausnahmsweise einmal die Worte. Anscheinend hätte er dermaßen viel Unverfrorenheit von seinem eigenen Sohn niemals erwartet.

Dann blies er dick die Wangen auf und ließ anschließend die Luft zischend entweichen.

Die typische Handbewegung zu seinem wallenden Vollbart folgte, ehe er, immer noch vor kaum verhaltenem Zorn bebend, antwortete:

„Es geht nicht um die Quelle allein, von der ich diese Information habe, sondern es geht darum, dass ich definitiv weiß, wann du heute Morgen zurückgekommen bist. Glaubst du denn im Ernst, ich kümmere mich nicht darum, was mein künftiger Nachfolger so treibt?

Hast du denn überhaupt eine Ahnung davon, wie wichtig du für das Hansehaus Wetken und darüber hinaus für alle Hansekaufleute bist, die sich unserer Gilde angeschlossen haben, und was du in dieser ganz besonderen Stellung, in der du dich nun einmal befindest, mit einem solchen Fehlverhalten für Schaden anrichtest?“

„Und du bist also völlig sicher, dass ich mich auf eine Brinkmann eingelassen habe?“, beharrte jetzt Johann stur.

„Ich kenne die Umstände, weiß, dass du dich heimlich mit jemandem triffst...“, begann Georg Wetken und hatte dabei alle Mühe, nicht wieder regelrecht zu explodieren.

Ungewohnt respektlos fiel ihm sein Sohn ins Wort:

„Und wieso muss es ausgerechnet eine Brinkmann gewesen sein, mit der ich mich traf?“

„Mit wem denn sonst? Du bist erst in der Frühe zurückgekommen, weil diese Adele nicht zu eurer Verabredung gekommen ist, nicht wahr? Sie hat dich versetzt.

Aus gutem Grund, wie ich meine. Aus demselben Grund, aus dem ich gewillt bin, dich als meinen Sohn für immer zu verstoßen. Was du damit nämlich dem Hansehaus Wetken und darüber hinaus angetan hast, bleibt für alle Zeiten unverzeihlich.“

„Ja, du hast völlig recht, Vater!“, sagte Johann auf einmal zu dessen größten Überraschung.

In vielen Häusern der Hanse war es üblich, dass Kinder ihre Eltern ehrenvoll anredeten, nämlich mit einem Ihr. Umgekehrt war häufig die Anrede für die Kinder ein distanziertes Er oder Sie, je nach Geschlecht eben. Wann immer Johann jedoch mit seinem Vater allein war, taten sie das schon lange nicht mehr. Von daher gesehen wurde Georg Wetken die vertrauliche Anrede gar nicht bewusst in dieser Situation, im der er natürlich eher bemüht war, auf möglichst großen Abstand zu seinem Sohn zu gehen, zumindest gefühlsmäßig, um nur ja keine väterliche Schwäche zeigen zu müssen, wie er es sah.

Bevor Georg noch seine Sprache wiederfinden konnte, fuhr Johann unbeirrt fort:

„Würde es sich in der Tat um eine Brinkmann handeln, beispielsweise eben um Adele, wäre dies absolut unverzeihlich und würde jegliche Strafe rechtfertigen, die dir in den Sinn kommt, mein Vater. So aber...“

In Gedanken indessen tat er flehentlich Abbitte bei Adele:

Verzeih mir bitte, dass ich dich solchermaßen verleugne, aber es ist einzig und allein der besonderen Situation geschuldet. Ich kann jetzt einfach nicht anders. Wie soll ich es ansonsten schaffen, dich jemals wiederzusehen, wenn ich am Ende verstoßen bin oder mir noch Schlimmeres widerfährt?

Ich werde dir eines Tages meine wahre Liebe beweisen können, das verspreche ich dir hiermit hoch und heilig, aber bis dahin, leider Gottes...

Sein Vater unterbrach diesen reumütigen Gedankengang brüsk:

„Und wieso erreichte mich dann der Hinweis ausgerechnet aus dem Hansehaus Brinkmann selbst, dass es sich eben genau um jene Adele Brinkmann handelt, auf die du dich eingelassen hast? Ich weiß sogar, wo du sie kennengelernt hast, nämlich im Hansehaus Schopenbrink!

Und das willst du jetzt noch leugnen? Für wie dämlich hältst du deinen Vater denn überhaupt?“

„Ich halte dich keineswegs für dämlich, mein Vater! Verzeih mir, aber ich erlaube mir zumindest darauf hinzuweisen, dass alles, was aus dem Hansehaus Brinkmann kommt, sowieso von vornherein mit aller gebührenden Vorsicht zu genießen ist. Vor allem solche Behauptungen!“

„Dann leugnest du tatsächlich, diese Adele Brinkmann auf dem Fest im Hansehaus Schopenbrink kennengelernt zu haben? Wo du dich übrigens ohne meine Billigung befunden hast?“

„Würde es auch deine Missbilligung finden, wenn ich dir sagen würde, dass ich dorthin eingeladen war von der Tochter des Hansehauses Gordula Schopenbrink? Sie ist eine wunderschöne, wahrlich gut genährte und sehr auf ihr Äußeres bedachte junge Frau, deren Anblick allein schon das Herz eines jeden aufrechten Mannes berührt.“

„Du behauptest doch nicht etwa, eine Liaison mit dieser Gordula Schopenbrink zu haben?“, rief Georg Wetken verdattert. „Ja, zugegeben, sie ist das, was man eine dralle Schönheit nennt, und scheint sich sogar alle Mühe zu geben, dem modernen Idealbild einer jungen Frau aus wohlsituiertem Hansehaus zu entsprechen, aber immerhin ist sie eben nur eine Schopenbrink, und du weißt selbst, dass dieses Haus nicht zu unserer Gilde gehört.“

„Also, wenn das wirklich das Einzige ist, was gegen sie spricht: Zumindest ist sie dann ja keine Brinkmann, nicht wahr?“

Das konnte sein Vater nicht leugnen, trotzdem wackelte er bedenklich mit dem Kopf.

„Aber nein, trotzdem, nicht doch ausgerechnet so eine Gordula Schopenbrink...“

„Wieso eigentlich nicht? Und selbst wenn es so etwas wie eine Liaison wäre: Was wäre denn grundsätzlich gegen eine solche Verbindung vorzubringen? Gordula Schopenbrink ist eine rechtschaffene junge Frau, die in der Tat nicht nur mit ihrem verführerischen Anblick das Herz eines jeden wohl erzogenen und rechtschaffenen Mannes erfreut. Weil sie ebenso wohlerzogen und rechtschaffen ist und zudem genau weiß, was für einen rechten Mann das Beste ist.“

„Moment einmal!“, rief jetzt Georg Wetken dazwischen, dem diese Schwärmerei offensichtlich zu viel wurde: „Du behauptest also, Gordular Schopenbrink habe dich zu jenem Fest eingeladen? Und wieso hast du mich davon niemals in Kenntnis gesetzt, bis heute nicht?“

„Weil ich genau diese Reaktion von dir vermeiden wollte, die du jetzt an den Tag legst. Bei allem Respekt, mein über alles verehrter Vater, ich kann es leider nicht anders sagen. Wie hätte ich dir denn erklären sollen, dass Gordular Schopenbrink geradezu ideal als Frau für deinen Sohn wäre?

Falls ich wirklich einmal in deine Fußstapfen treten sollte, könnte ich wohl kaum jemals eine Frau finden, die passender wäre. Sie stammt zwar nicht aus einem Hause, das sich unserer Gilde angeschlossen hat, aber nichtsdestotrotz aus einem besonders guten Hause, wie ich finde, zumal einem Hause, mit dem wir dennoch Geschäfte machen.

Gordula Schopenbrink, da kannst du versichert sein, würde mich auf Lebzeiten in geradezu idealer Weise unterstützen bei all meinen Bemühungen geschäftlicher Art – und gleichzeitig würde eine solche Verbindung das Hansehaus Wetken eindeutig stärken.“

„Und inwiefern solches?“, erkundigte sich jetzt Georg Wetken alarmiert.

Aber sein Zorn war weitgehend verraucht, wie Johann erleichtert feststellte. Konnte es sein, dass seine Ablenkungsstrategie bereits dermaßen fruchtete? Oder würde da noch etwas kommen, was bis jetzt noch unerwartet blieb?

„Nun, dazu musst du wissen, dass tatsächlich auch Adele Brinkmann eingeladen war“, gestand Johann Wetken vorsichtig. „Ich habe sie dort zum ersten Mal gesehen.“

„Um dich danach mehrfach mit ihr heimlich zu treffen!“, fuhr Georg seinen Sohn sogleich wieder an.

„Nein!“, wies Johann dies jetzt entschieden zurück, während er in Gedanken erneut Abbitte leistete bei seiner armen Adele für diese eigentlich unverzeihliche Verleumdung und damit der Verleugnung ihrer gemeinsamen Liebe.

Und er fuhr nach außen hin ungerührt fort:

„Gerade diese Begegnung hat mir doch bewiesen, dass eben das Hansehaus Schopenbrink nicht wirklich auf unserer Seite ist. Die machen eben auch Geschäfte mit dem Hause Brinkmann, was mich zutiefst entrüstete und dies immer noch tut.“

„Tatsächlich?“ So richtig glauben wollte es Georg immer noch nicht.

„Ich habe Gordular darauf angesprochen.“

„Aha, jetzt nennst du sie sogar auch noch mit ihrem Vornamen?“

„Natürlich tu ich das, und ich will es auch nicht mehr länger leugnen, dass wir uns nahe stehen. Zwar nur in inniger Freundschaft, aber wir wissen beide, Gordular und ich, dass daraus durchaus mehr werden könnte. Dass dies noch nicht hat geschehen können, liegt ja nicht zuletzt daran, dass ich natürlich erst noch dein Einverständnis bekommen müsste.“

„Nie und nimmer!“, brüllte jetzt Georg Wetken, wurde jedoch sogleich wieder ruhiger.

Misstrauisch legte er den Kopf schief.

„Dann hast du dich wirklich heimlich mit dieser Gordular Schopenbrink getroffen?“

„Natürlich, Vater! Soll ich sie denn hierher bitten, damit sie das persönlich dir gegenüber bestätigt?“

„Und ihr Vater, Hieronymus Schopenbrink? Weiß der denn überhaupt davon?“

„Nein, natürlich nicht! Wir haben uns nur heimlich treffen können – und wie gesagt, dies taten wir beide in zutiefst empfundener Freundschaft. Wir sind in sehr vielen Dingen seelenverwandt. Als wir dies festgestellt haben, vertiefte das unser Freundschaft und machte sie wahrlich zu etwas ganz Besonderem!“

Johann sagte das mit fester Stimme, um seinen Vater endgültig zu überzeugen.

Doch der hatte noch immer nicht vergessen, dass man ihm gesteckt hatte, sein Sohn habe sich keineswegs mit Gordula Schopenbrink getroffen, sondern vielmehr mit der erst achtzehnjährigen Adele Brinkmann.

„Nein!“, verkündete Georg Wetken entschieden. „Ich glaube dir nicht. Du hast nicht nur unser Haus in einem erheblichen Maße beschmutzt und unseren Ruf regelrecht pervertiert, sondern jetzt lügst du mich auch noch dermaßen unverschämt an.“

Er schüttelte fassungslos den Kopf.

„Und du fällst tatsächlich auf das Intrigenspiel von dieser Margarethe Brinkmann herein?“, erkundigte sich Johann jetzt mit gespielter Traurigkeit. „Die alles tut, um uns zu vernichten, aus reiner Machtgier heraus?

Es fällt dir überhaupt nicht auf, dass dies alles nur einem einzigen Zweck dienen soll, nämlich uns beide auseinander zu bringen, als Vater und Sohn für immer zu entzweien und alles zu zerstören, was wir gemeinsam aufgebaut haben?“

„Gemeinsam aufgebaut? Du hast mich belogen und betrogen! Sieht das danach aus, als wärst du mein loyaler Sohn?“

„Das bin ich nach wie vor, mein Vater. Auch durch die Tatsache untermauert, dass ich mich in Wahrheit mit Gordular traf: Sie könnte meine zukünftige Frau sein, in meinen Augen einzig würdig, dies zu werden.

Was nicht nur dem Glück von mir und unseren späteren gemeinsamen Kindern dienen würde, sondern in erheblichem Maße auch unserem Hause und der ganzen Gilde. Was spräche denn dann noch dagegen, dass sich das Hansehaus Schopenbrink endgültig unserer Gilde anschließen würde?

Das würde im erheblichen Maße unsere Stellung stärken in unserem ewigen Kampf gegen unseren Erzfeind namens Brinkmann.“

Es war eigentlich ein ziemlich langer Vortrag, den Georg Wetken da zuließ, was gleichzeitig für seinen Sohn ein Hinweis darauf zu sein schien, dass er in seiner rigorosen Meinung bereits wankend geworden war.

Die Information, die er erhalten hatte, sollte ein Schachzug seiner Erzfeindin Margarethe Brinkmann sein?

Er schien die Zeit während dieses Vortrages tatsächlich genutzt zu haben, um genau darüber intensiv nachzudenken.

Schließlich kannte man Margarethe Brinkmann, die wie eine Spinne ihr Netz aus Intrigen und Verleumdungen wob, um ihre nicht immer gleich erkennbaren Ziele zu erreichen.

Andererseits...

Nachdenklich schürzte Georg Wetken die Lippen. Sein Kopf war immer noch hochrot, was sicherlich nicht mehr allein nur an seinem kaum gezügelten Zorn lag. Etwas anderes brachte ihn jetzt auch noch in Wallung:

„Es ging damals das Gerücht um“, erzählte er zum Erstaunen Johanns, „dass Margarethe, als sie noch lange nicht Brinkmann hieß, zunächst meinen Großvater hatte für sich gewinnen wollen. Allerdings ohne Erfolg. Er hat zu Lebzeiten zwar nie darüber gesprochen, aber meine Großmutter, Gott habe sie selig, hat es einmal erwähnt, obwohl sie selber nichts Genaues wusste, denn zu diesem Zeitpunkt war sie ja noch nicht mit ihm zusammen gewesen.“

„Du meinst, dein Opa hat diese Margarethe Brinkmann einst regelrecht abblitzen lassen, was ihren Hass auf uns bis heute zusätzlich beflügelt?“

„Ja, denn sie war zwar eine wirklich ansehnliche junge Frau gewesen damals, aber für einen Wetken noch viel zu jung und vor allem absolut nicht standesgemäß. Der Altersunterschied hat dabei wohl weniger den Ausschlag gegeben. Immerhin war mein Großvater seinem Vater wiederum verpflichtet, dem berühmten damaligen Bürgermeister von Hamburg Johann Wetken, dessen Namen du in Ehren tragen solltest.

Das muss Margarethe jedenfalls zutiefst verletzt haben, und es könnte sein, dass ihr Hass allein schon aus diesem Grund eben nicht allein dem rigorosen Konkurrenzdenken geschuldet ist.“

„Und trotzdem glaubst du dieser Person mehr als deinem eigenen Sohn, deinem eigenen Fleisch und Blut?“, stellte Johann daraufhin ganz geschickt die entscheidende Frage.

Eine steile Falte erschien prompt auf der Stirn seines Vaters.

„Natürlich nicht!“, regte er sich auf. „Von ihr stammt die Information ja auch gar nicht.“

„Von wem denn sonst?“

„Aus einer absolut verlässlichen Quelle“, wich Georg prompt aus.

„Verlässlicher also als ich, dein Sohn, dein eigenes Fleisch und Blut? Dann frage ich mich ernsthaft, bei allem Respekt, den ich dir gegenüber empfinde, wieso du mich überhaupt hast als dein Nachfolger aufbauen lassen, wenn du sowieso einem anderen so unübersehbar deutlich mehr vertraust?“

„Das verstehst du nicht.“

„Nein, in der Tat, mein Vater, aber ich würde es tatsächlich eben gern verstehen!“, beharrte Johann, und dann wechselte er geschickt die Strategie – so geschickt, dass seinem Vater das gar nicht auffallen würde, wie er hoffte:

„Und selbst wenn deine Quelle zu hundert Prozent glaubwürdig ist, kann es ja trotzdem sein, dass eben diese Quelle selber belogen wurde. Ich weiß ja nicht, was dort im Hansehaus Brinkmann tatsächlich vorgeht, aber möglicherweise steckt ja Margarethe Brinkmann doch dahinter?

Wir wissen doch beide um ihre Kunst der geschickten Intrige, die natürlich als solche nicht gleich erkennbar wird, sonst könnte man ja rechtzeitig dagegen wirken und ihren Erfolg schließlich verhindern.“

Johann wandte diese Argumentation nicht nur aus reiner Strategie an, um sich damit aus dieser Situation zu retten, sondern ahnte zugleich, dass er damit der Wahrheit möglicherweise empfindlich nahe kam.

Natürlich würde Margarethe Brinkmann dahinter stecken. Wer sonst? Sie würde erfahrungsgemäß alles tun, um ein weiteres Treffen zwischen ihrer Enkelin Adele und ihm, Johann Wetken, nachhaltig zu verhindern. Nur aus diesem Grund hatte sie seinem Vater diese Information zukommen lassen, wie auch immer sie das geschafft hatte.

Es war ja tatsächlich die Wahrheit und nicht nur die reine Intrige ohne Bezug zur Wirklichkeit, aber die Möglichkeit, dass zwar Georg Wetkens geheime Informationsquelle nach wie vor integer war, jedoch selber hereingelegt wurde von Margarethe Brinkmann, war dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Man kannte ja die Methoden einer Margarethe Brinkmann aus überaus bitteren Erfahrungen.

Und genau das machte indessen Georg Wetken deutlich sichtbar zu schaffen.

Ohne ein weiteres Wort noch von sich zu geben, anscheinend weil ihm sowieso kein weiteres Gegenargument mehr einfallen wollte, machte er brüsk auf dem Absatz kehrt und stürmte hinaus wie der sprichwörtliche Sturmwind. So verschwand er genauso plötzlich wie er aufgetaucht war.

Johann sah der kräftigen Gestalt seines Vaters noch lange hinterher, einerseits erleichtert, weil es wirklich hätte weitaus schlimmer werden können für ihn, aber dennoch nicht erleichtert genug, um tatsächlich aufatmen zu können.

Vor allem dachte er wieder an seine arme Adele und entschuldigte sich erneut und voller Inbrunst bei ihr für seine verleumderische Vorgehensweise, wovon sie wohl niemals erfahren würde, genauso wenig wie von seiner aus vollem ehrlichen Herzen so gemeinten Entschuldigung.

Und dann dachte er an Gordula Schopenbrink.

Natürlich kannte er sie heimlich näher. Das war nicht gelogen gewesen. Und sie hatte ihn auch persönlich zu diesem Fest eingeladen. Als Freundin wohlgemerkt, nicht etwa als seine Geliebte.

Er musste sich unbedingt mit ihr wieder treffen, um sie darüber in Kenntnis zu setzen, was abgelaufen war. Wie würde sie denn darauf reagieren? Würde sie sich wie missbraucht vorkommen? Würde sie es als Verrat an ihrer Freundschaft werten?

Jetzt wurde er auf einmal erst recht nachdenklich. Seine eigenen Worte hallten in ihm nach. Er hatte immerhin sogar behauptet, Gordula Schopenbrink möglicherweise heiraten zu wollen.

Was würde sie denn wohl dazu sagen? War er damit nicht schon wesentlich zu weit gegangen?

Es hätte ihn sehr geschmerzt, wenn sie ihm daraufhin für immer die Freundschaft aufgekündigt hätte, aber hatte er denn überhaupt eine Alternative gehabt gegenüber der Allgewaltigkeit seines zürnenden Vaters?

Er hätte dies alles gern verschwiegen Gordular gegenüber, aber das war natürlich jetzt sowieso und endgültig nicht mehr möglich, denn er musste ja damit rechnen, dass sein Herr Vater in dieser Hinsicht so bald wie möglich nachhaken würde. Eher früher als später, wie zu befürchten blieb.

Und es würde sicherlich besser sein, wenn Gordula es vorher von ihm selbst, Johann, erfuhr, bevor es ihr von anderer Seite her zugetragen wurde und sie vielleicht sogar peinliche Befragungen über sich ergehen lassen musste, ohne vorher überhaupt auch nur zu ahnen, worum es eigentlich ging für Johann.

Und dann fragte er sich noch etwas insgeheim:

Wer hatte denn damals eigentlich Adele Brinkmann zu jenem denkwürdigen Fest eingeladen, auf dem er die unbeschreibliche Adele kennengelernt hatte?

Gordula war es jedenfalls nicht gewesen. Da war er sich völlig sicher, denn das hätte er längst gewusst.

Und wer sonst?

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Adele benötigte viele Stunden in tiefster Traurigkeit, ohne Schlaf und ohne jegliches Zeitgefühl, bis sie in der Lage war, endlich wieder einen klareren Gedanken zu fassen.

Es war wie in einem bösen Traum, der einfach nicht mehr enden wollte: Die ganze Zeit über hatte sich alles in ihrem Kopf um Johann gedreht, ihren geliebten Johann, und es war ihr gewesen, als wäre er auf einmal bei ihr. Doch sobald sie nach ihm hatte sehen wollen, war er wieder weg gewesen und hatte Platz gemacht dem zornigen Antlitz ihrer Großmutter. Sie hatte sie strafend angesehen ob ihrer Sehnsucht nach Johann.

Sie war doch erst achtzehn Jahre alt, Johann ihre erste große Liebe. Vorher hatten Jungs sie nie wirklich interessiert. Zumal sie als angehende Frau in einem hohen Stand sowieso keinerlei Kontakte zum männlichen Geschlecht hat pflegen dürfen. Von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, außer in der eigenen Familie zum Beispiel in Situationen, in denen Begegnungen dieser Art unvermeidbar wurden.

Sie hatte sowieso kaum jemals das Haus verlassen und wenn dann doch, dann in der Regel unter Aufsicht von Älteren. Zum Beispiel beim Gang in die Kirche.

Ja, klar, dort hatte es natürlich auch Jungens und Männer gegeben, doch die hatten sie eben nicht wirklich interessiert. Ganz im Gegenteil: Sie fand sie irgendwie erheiternd, obwohl sie durchaus wusste, dass zu ihrer Zeit Männern im wahrsten Sinne des Wortes die Welt gehörte.

Hatte man denn schon davon gehört, dass in ihrer Zeit Frauen Macht hatten? Einmal abgesehen von Königinnen und Fürstinnen. Und abgesehen von ihrer Oma Margarethe. Aber deren Macht war nicht offensichtlich. Sie gefiel sich in der Rolle der biederen Hausfrau und Oma, war in der Regel entsprechend gekleidet und bediente sogar in ihrer knapp bemessenen Freizeit das Spinnrad wie eine Gewöhnliche.

Adele wusste, warum Margarethe dies so gern tat, denn während sie am Spinnrad saß, kamen ihr stets die besten Ideen, um ihr Netz noch weiter auszuweiten und noch stabiler zu machen. Das Spinnen am Spinnrad beflügelte sozusagen ihr Spinnen des Netzes aus Intrigen und Verschwörungen.

Dass sie hier und jetzt genau daran denken musste, nach all den Stunden des sehnsuchtsvollen Leidens, geschah nicht zufällig, denn ein bestimmter Gedanke war plötzlich in ihr aufgetaucht, der sie regelrecht ängstigte.

Oma Margarethe hatte ja schon indirekt angedeutet, dass es einem Todesurteil für Johann gleich kommen würde, falls er es jemals wieder wagte, auch nur in die Nähe von Adele zu gelangen. Nach dieser eher vagen Andeutung war Adele endlich aufgegangen, was Oma Margarethe tatsächlich unternehmen konnte gegen Johann. Was war zum Beispiel, wenn es ihr gelingen sollte, Georg Wetken, den Vater Johanns, entsprechend aufzuhetzen?

Würde ihr das denn überhaupt gelingen können?

Nun, hätte es sich nicht um Oma Brinkmann gehandelt, hätte man daran vielleicht noch zweifeln können. So aber...

Adele spürte es wie einen tiefen Stich mitten in ihr bebendes Herz. Ihre Hand presste sich gegen ihre Brust und krampfte sich zusammen zu einer Faust.

„Und wenn Oma Brinkmann es bereits getan hat? Wenn der arme Johann jetzt schon von seinem Vater zur Rede gestellt wird? Wie wird das für ihn enden?“

Ihr wurde auf einmal klar, dass dies nur ein sehr böses Ende für ihren Johann haben konnte. Ja, gewiss, das würde einem Todesurteil in der Tat gleich kommen. Insofern hatte Margarethe Brinkmann, die nur scheinbar grundgütige Hansen-Oma tatsächlich bereits Wort gehalten.

Auf jeden Fall würde Johann es niemals wieder schaffen können, sich ihr auch nur zu nähern, seiner geliebten Adele, geschweige denn sie jemals wieder persönlich zu treffen!

Und was sollte sie jetzt tun? Was blieb ihr denn anderes übrig, als alles zu akzeptieren, was durch die Allmacht ihrer Oma geschah?

Denn definitiv hatte kein männlicher Brinkmann in diesem Hause das Sagen, sondern einzig und allein eben Margarethe Brinkmann. Die Männer dieses Namens waren lediglich nach außen hin die Entscheidungsträger. In jeglicher Hinsicht wie Marionetten, deren Fäden allesamt bei einer Person zusammenliefen, eben bei Margarethe Brinkmann.

Dies war eine Tatsache, die man nicht oft genug und nicht eindringlich genug bedenken musste.

Hinzu kam die traurige Tatsache, dass andere Frauen, neben der Margarethe, innerhalb der ganzen Gilde, lediglich Staffage blieben, nicht nur im Hansehaus Brinkmann. Wie überhaupt in der ganzen Obrigkeit der Hansekaufleute, die eindeutig in Hamburg die Macht hatten.

Zwar versuchten Adelige, denen sogar die Einreise grundsätzlich untersagt war, trotzdem in Hamburg Fuß zu fassen, indem sie beispielsweise über Strohmänner Immobilien erwarben, doch das würde ihnen auch auf lange Sicht gesehen nicht wirklich etwas nutzen. Ganz im Gegenteil, wie Adele genau wusste, weil sie zumindest diesen Teil der zwielichtigen Machenschaften ihrer Oma bestens kannte.

Es war zwar eher Zufall gewesen, dass sie dahinter gekommen war, weil sie entsprechende Gespräche zufälligerweise hatte belauschen können, aber seitdem stand für sie fest:

Ausgerechnet Oma Margarethe Brinkmann verdiente an solchen höchst verbotenen Geschäften kräftig mit. Sie vermittelte nämlich an genannte Strohmänner diverse Immobilien, meist jene, die niemand mehr haben wollte, weil sie marode und abbruchverdächtig waren, zu wahren Wucherpreisen.

Den Adeligen war es ziemlich egal, wie es schien. Sie wollten anscheinend einfach nur in Hamburg Fuß fassen, zu jedem Preis. Und sie ließen ihren neuen Besitztum wieder völlig auf Vordermann bringen, natürlich ebenfalls mit sehr viel Geld, ohne jedoch jemals die echte Chance zu bekommen, diese Besitztümer irgendwann auch persönlich nutzen zu können.

Es sei denn inkognito, unter falschem Namen, unter falscher Identität hieß das.

Oh, da gab es einige Adelige, die das taten. Sie stolzierten auf Hamburgs Straßen herum und wähnten sich bereits halbwegs als die hohen Herren von Hamburg. In Wahrheit ließ sich Oma Margarethe Brinkmann auch das noch bezahlen. Sie sorgte nämlich über entsprechende Mittelsmänner für die entsprechenden Papiere beispielsweise und natürlich für die entsprechenden Kontakte zu den betroffenen Adeligen, die von außerhalb kommen wollten.

Mit dieser Vorgehensweise war sie beinahe konkurrenzlos. Zwar waren heimlich auch noch weitere Häuser beteiligt, aber dominant bei diesen höchst illegalen Geschäften war und blieb Oma Margarethe Brinkmann, natürlich ohne jemals namentlich in Erscheinung zu treten. Das hieß, die betroffenen Adeligen hatten gar keine Ahnung davon, wer letztlich bei dieser Vorgehensweise die Strippen zog aus dem Hintergrund und dadurch das eigentliche Geld verdiente.

Dabei ging sie tatsächlich nicht das geringste Risiko für sich und die Brinkmann-Gilde ein. Denn sobald ein solcher Schwindel auffliegen würde, verlor der betreffende Adelige einfach nur alles, wofür er dermaßen viel bezahlt hatte. Er wurde ja nicht hingerichtet für sein Vergehen, sondern zur Strafe einfach komplett enteignet und wieder aus Hamburg verbannt.

Dann war es vorbei mit seinem Dünkel, bereits halbwegs zur Herrschaft zu gehören. Dann war er wieder draußen. Und falls er jemals wieder zurückkehren wollte, musste erst genügend Gras über die Sache gewachsen sein, ehe er wieder das Wagnis eingehen konnte, erneut über Strohmänner Immobilien in Hamburg zu erwerben. Und das perfide Spiel begann wieder von Neuem.

Und natürlich verdiente Oma Margarethe Brinkmann erneut daran kräftig.

Einmal hatte sie Adele beim Lauschen erwischt. Doch es gab keineswegs das erwartete Donnerwetter für Adele daraufhin. Oma Margarethe hatte ihr nur mit einem pfiffigen Gesichtsausdruck erklärt, dass sie ja schließlich alles täte, den Reichtum Hamburgs in dieser wirklich schweren Zeit zu mehren. Eben mit Geldern von außerhalb, und halt dabei auch noch ohne jegliches Risiko für die Hamburger.

Das stimmte ja nicht ganz, denn die Adeligen waren inzwischen sicherlich schon ganz schön böse über diese windige Beutelschneiderei der Hamburger. Ohne natürlich auch nur zu ahnen, wer wirklich hinter alledem maßgeblich steckte.

Doch selbst wenn Adele ihre eigene Oma hätte verraten wollen: Niemand hätte ihr dabei jemals Gehör geschenkt. Allein schon deshalb nicht, weil das niemand jemals gewagt hätte. Dafür war ihre Oma längst viel zu mächtig.

Und egal, was auch passieren würde, wie viele Adelige noch geprellt werden würden auf diese Weise: Margarethe Brinkmann war dabei selber stets fein raus. Denn halt niemand konnte ihr etwas nachweisen. Nicht persönlich jedenfalls.

Und sogar wenn die inzwischen schon böse geprellten Adeligen von ihr gewusst hätten und deshalb ihre Truppen vor den Mauern Hamburgs hätten aufmarschieren lassen, um Oma Margarethe Brinkmann zur Rechenschaft zu ziehen, hätte sie sich bequem zurücklehnen und die Hamburger Miliz diese Angelegenheit für sich erledigen lassen können. Völlig kostenlos für sie, denn war die Miliz nicht dafür da, die Stadt und ihre Bürger zu schützen gegen Gefahren sowohl von innen als auch gegen solche, die von außen kamen, egal aus welchem Motiv heraus?

Adele war schon länger der Meinung, dass ihre Oma einfach genial war. Eben auf ziemlich perfide Weise zwar, aber dennoch unbestreitbar genial. Sie hatte das ein Stück weit durchaus im Stillen bewundern können. Bis jetzt jedenfalls, bis sie nun selbst in den Fokus geraten und zu einer Art Opfer der Machenschaften ihrer Oma geworden war.

Dabei war es eigentlich gar nicht einmal so wichtig, wie die Oma vorgegangen war, um das Leben von Johann Wetken zur Strafe dafür, dass er es wagte, ihre Enkelin Adele zu lieben, nachhaltig zu zerstören. Wichtig war letztlich nur, dass es ihr gelungen war. Einfach nur, indem sie es angestrebt hatte. Das genügte bereits. Weil Oma Margarethe Brinkmann sowieso alles gelang.

„Beinahe alles!“, berichtigte sich Adele jedoch halblaut. Denn ihr war noch etwas ganz anderes eingefallen:

Wäre Oma Brinkmann nämlich wirklich alles gelungen, hätte sie längst in aller Heimlichkeit die absolute Macht über die Stadt erreicht. Dies war aber eindeutig noch immer nicht der Fall. Sie war höchstens die Nummer zwei unter den Hansekaufleuten, die gemeinsam die Obrigkeit von Hamburg bildeten. Die Nummer eins war nach wie vor und mindestens genauso eindeutig Georg Wetken.

Und war ihm Johann nicht bislang ein würdiger Sohn und möglicher Nachfolger gewesen? Sicherlich nicht nur allein deshalb, weil Johann sein Lieblingssohn war, sondern vor allem auch, weil Johann Wetken ein entsprechendes Durchsetzungsvermögen und einen besonders scharfen Verstand besaß, gepaart mit einem diplomatischen Geschick, das niemand unterschätzen sollte, auch Oma Margarethe Brinkmann nicht.

Genau das war es, was so etwas wie einen winzigen Hoffnungsschimmer in Adele zu erzeugen wagte. Und sie dachte weiter im Stillen:

Somit hat Oma Margarethe Brinkmann nun nicht mehr nur Georg Wetken als wahren Todfeind, sondern auch seinen Sohn, der ihr diese infame Intrige gegen seine Person wohl niemals verzeihen wird.

Nicht nur, weil er Adele so sehr liebte.

Zwar hatte Adele keine Ahnung, wie Johann es überhaupt hätte schaffen können, dieser für ihn ziemlich ausweglosen Situation zu entrinnen und daraus vielleicht sogar auch noch irgendeinen Vorteil zu erringen, aber irgendwie schaffte es die Zuversicht halt wirklich, wenn auch nur ganz leise, tief in ihrem Innern Fuß zu fassen. Und mit dieser erst einmal nur winzigen Glut von Zuversicht würde vielleicht auch die Hoffnung entflammen können, Johann möglicherweise doch einmal wiederzusehen, irgendwann, irgendwie.

Dann zwar mit Sicherheit unter völlig veränderten Voraussetzungen als bislang, aber immerhin: Sie würden sich wiedersehen! Allein schon deshalb, weil sie eindeutig füreinander bestimmt waren. Allen Gewalten zum Trotz.

Obwohl es dabei zwangsläufig auch gegen die scheinbar allmächtige Oma Margarethe Brinkmann gehen musste. Ja, in der Tat zwangsläufig.

Durfte sie denn unter diesen wenig erfreulichen Voraussetzungen dennoch der Hoffnung eine Chance einräumen, dass ihr geliebter Johann Mittel und Wege fand, um sie irgendwann wieder einmal in die Arme schließen zu können?

Ihr selbst waren eindeutig beide Hände gebunden. Sie sah für sich ganz klar keinerlei Chance, dem Käfig zu entkommen, den Margarethe Brinkmann für sie vorgesehen hatte.

Das war in Adeles Augen derzeit schlimmer als das schlimmste Gefängnis, das als absolut ausbruchssicher galt.

Obwohl ihr dabei an nichts fehlen würde, außer am Wichtigsten, nämlich Johann Wetken!

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Zu dieser Zeit wuchsen Kinder der Hanse durchaus wohlbehütet und wohlerzogen auf, während sich ihre Erwachsenen allerlei Ausschweifungen hingaben. Es wurde geprotzt und geprasst. Dabei war von guter Erziehung in der Regel kaum noch etwas zu spüren, weil es kaum eine Ausschweifung zu geben schien, denen sich die Hansekaufleute nicht hingaben.

Ohne starke Persönlichkeiten wie eben Margarethe Brinkmann hätte das übel geendet. Eine Pleitewelle ohnegleichen hätte die Obrigkeit von Hamburg nachhaltig entmachtet und ein Chaos beschworen, das sich niemand wirklich vorstellen wollte.

Aber auch eine Persönlichkeit wie Georg Wetken war ein wesentlicher Regulator, um das Schlimmste zu verhindern und die Ordnung trotz alledem noch aufrecht zu erhalten.

Andererseits waren die Kinder der Hanse trotz ihrer guten Erziehung nicht dumm genug, um nicht mit zu bekommen, was ihre Erwachsenen so trieben, die ja angeblich ihre besten Vorbilder hätten sein wollen. Und von daher gesehen war es weiter nicht verwunderlich, wenn beispielsweise im Hansehaus Schopenbrink heimlich ein Fest gefeiert wurde, an dem nur Jugendliche teilnahmen, die es zwar wesentlich harmloser angingen als ihre erwachsenen Vorbilder, aber es fand natürlich vollkommen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vor allem kein Erwachsener durfte davon erfahren, um das Trugbild der vollkommenen jugendlichen Unschuld aufrecht zu erhalten.

So war es gekommen, dass Johann Wetken verbotenerweise nicht nur Gordula Schopenbrink gekannt hatte, sondern mit ihr sogar befreundet gewesen war. Etwas, was ganz offiziell völlig unmöglich erschien.

Eine garantiert platonische Freundschaft sowieso. Wie auch die Feste der heranwachsenden Jugend in der Regel absolut gut situiert abliefen, ohne auch nur annähernd so ausschweifend werden zu können wie die Feste der Erwachsenen, die sich als wahre Herren von Hamburg sahen, weil sie hier unangefochten die Obrigkeit bildeten.

Es war Gordula während des kleinen und eher bescheidenen Festes gar nicht so recht aufgefallen, dass sich Johann in Adele verliebt hatte, die ausnahmsweise ebenfalls an diesem Fest teilgenommen hatte. Überhaupt war Adele Gordula mit ihrer Anwesenheit völlig entgangen. Hätte sie jemand gefragt, ob unter den Teilnehmern dieses verbotenen Festes eine Adele Brinkmann anwesend gewesen war, hätte sie es womöglich sogar verneint. Weil sie es ganz einfach gar nicht wusste.

Sie hatte sich eher darum bemüht, dass alles so ablief, dass sie halt nicht auffallen konnten. Das war die wichtigste Maßgabe überhaupt. Und genau deshalb lief das ja auch alles so gut situiert - um nicht zu sagen anständig - ab.

Der eine oder andere sprach vielleicht einmal zu viel dem Alkohol zu, ungeübt darin, das Risiko richtig abzuschätzen. Doch alle anderen kümmerten sich dann um diese Einzelfälle, immer eben mit der Maßgabe, nur ja nicht bei diesem verbotenen Spiel erwischt zu werden.

So hatte Gordula wahrlich ganz anderes zu tun gehabt als sich auch nur darüber zu wundern, wie wenig Zeit ihr Freund Johann für sie erübrigen konnte, weil er ganz und gar damit beschäftigt gewesen war, Adele Brinkmann näher kennenzulernen.

Immerhin waren beide so wohl erzogen, dass es dabei noch nicht einmal zum Händchenhalten gekommen war. Sie hatten sich einfach nur ganz tief in die Augen gesehen, dabei feststellend, dass es da etwas gab wie eine höhere Magie, die sie miteinander verband.

Und sie hatten sehr viel miteinander geredet. Wobei ihre Hansehäuser ganz und gar kein Thema geworden waren. Das hätte ja nur unnötig die romantische Stimmung verdorben.

Es war jedenfalls eine Begegnung, die Johann niemals in seinem ganzen Leben wieder vergessen würde. Und er war sich ganz sicher, dass es Adele genauso erging.

Nicht nur, dass er in dieser Erinnerung besonders gern schwelgte: Er war sich vollkommen sicher, dass er es niemals ertragen und somit auch niemals zulassen konnte, Adele auf Dauer nicht mehr sehen zu können. Koste es, was es wolle.

Obwohl er sie dermaßen schändlich hatte verleugnen müssen im Angesicht seines Vaters. Aber dazu hatte es ganz einfach keine Alternative gegeben, wie er sich immer wieder selbst einredete. Wenn er es schaffen wollte, Adele jemals wieder zu sehen und ihr vielleicht eines Tages sogar richtig näher zu kommen, dann ging das eben nur auf diesem Wege. Es war die hohe Zeit der Hanse. Da hatte man keine Freiheiten, konnte man nicht selbst bestimmen. Da bestimmten die Oberhäupter der Hansehäuser und über diese wiederum die Gildenführer. Jeder andere musste sich dem uneingeschränkt beugen, ob er nun wollte oder nicht. Wenn nicht, musste er mit Sanktionen rechnen, die er sich besser nicht vorstellen wollte.

Und wie sollte Johann es unter solchen Umständen jemals  schaffen, auch nur Gordula wieder zu treffen, um sie endlich in Kenntnis zu setzen über alles? Denn das musste er dringend, ehe seine ganze Geschichte als strategischer Schwindel aufflog, die er nur deshalb ersonnen hatte, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Sein Vater kannte da keine Gnade. Das wusste er. Andererseits konnte er keinen Schritt mehr ohne Beobachtung machen. Gar das Haus zu verlassen war so unmöglich wie zu Fuß auf dem Mond zu landen. Da wäre vielleicht sogar ein Gefängnisausbruch leichter gefallen.

Nun, er wäre nicht seines Vaters Sohn gewesen, der Sohn des berühmten und nicht minder gefürchteten Hansekaufmannes Georg Wetken, hätte er nicht den Verstand aufgebracht, sich dahingehend erneut eine passende Strategie einfallen zu lassen.

Und weil das besonders schnell gehen musste, hatte er dabei noch nicht einmal die Zeit mehr, sich seiner Sehnsucht nach Adele hinzugeben, ihrem für ihn unendlich lieblichen Anblick, ihrer Stimme, die in seinen Ohren wie Engelsgeläut klang. So kam es, dass er noch vor dem Abend es schaffte, endlich von seinem Vater vorgelassen zu werden. In einer äußerst dringlichen Angelegenheit, wie er hatte ausrichten lassen.

Ein sehr missmutiger Georg Wetken erwartete ihn. So missmutig, wie Johann ihn selten erlebt hatte. Und bevor noch Johann auch nur einen Ton von sich geben konnte, bellte er seinen Sohn ärgerlich an:

„Dringende Angelegenheit, wie? Was, zum Donnerwetter, kann denn da so dringend sein?“

„Es geht darum, möglichen Schaden rechtzeitig abzuwenden!“, behauptete Johann und gab sich dabei alle erdenkliche Mühe, seiner Stimme jenen festen Klang zu verleihen, den sein Vater von einem möglichen Nachfolger erwartete.

„Schaden für wen? Für dich?“

Oh, das sah sein Herr Vater durchaus richtig, obschon es nun an Johann lag, ihn schleunigst von diesem Standpunkt wieder herunter zu bringen und ihn in die gewünschte Richtung zu bugsieren, ohne dass es diesem natürlich bewusst werden konnte.

Eine Aufgabe, die alles andere als leicht war. Obwohl er als Sohn natürlich einen gewissen Bonus hatte im Umgang mit seinem Vater, trotz alledem, was es derzeit für Missstimmung zwischen ihnen gab.

Georg Wetken musterte seinen Sohn von Kopf bis Fuß, doch es war erkennbar, dass sich in sein Misstrauen bereits so etwas wie Neugierde eingeschlichen hatte.

Das sah Johann als besonders positives Zeichen. Jetzt musste er es nur noch schaffen, keinen Fehler zu begehen. Noch nicht einmal den geringsten wohlgemerkt!

Er spürte, dass seine innere Nervosität, die er eigentlich bereits auf dem Höhepunkt gewähnt hatte, jetzt sogar noch anstieg, allen Befürchtungen zum Trotz. Es schien sich eine unsichtbare Hand um seine Kehle zu klammern, um ihn zu ersticken.

Wie sollte er unter diesen Umständen überhaupt auch nur ein einziges vernünftiges Wort noch hervorbringen können?

Und dann hörte er jemanden sprechen. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Das war auch nicht verwunderlich, weil es sich nämlich um seine eigene Stimme handelte. Er sprach trotz dieser Nervosität, die ihm schier das Bewusstsein rauben wollte, und seine Stimme klang dabei überhaupt nicht nervös. Ganz im Gegenteil: Fest, stark, überzeugend. Wie es sich gehörte für einen jungen Mann in seiner Position als künftiger Nachfolger des mächtigsten Gildenführers der Stadt.

Das nahm ihm einen Großteil der Nervosität, weil er erkannte, dass er es tatsächlich beherrschte. Nein, er war nicht umsonst in diese Position geraten. Sein Vater hatte durchaus sein Potenzial erkannt und hatte ihn nur deshalb entsprechend gefördert. Nicht nur, weil er sein Sohn war. Ganz im Gegenteil: Diese Tatsache, dass er sein eigenes Fleisch und Blut war, erschwerte es sogar noch für ihn, weil er sich ständig aufs neue beweisen musste, denn niemand war natürlich dermaßen unter der Aufsicht von Georg Wetken im Verlauf dieser mehr als harten Schulung, als ausgerechnet sein eigener Sohn und künftiger Nachfolger. Und das nun schon seit so vielen Jahren.

Das gnadenlose Training, um sich dabei behaupten zu können, zahlte sich jedenfalls in diesen Sekunden enorm aus, wenngleich nicht so im Sinne von Georg Wetken, dem er das überhaupt verdankte, sondern tatsächlich in erster Linie für dessen Sohn Johann Wetken.

Dieser sagte nämlich:

„Mir ist es gelungen, Gordula Wetken auf unsere Seite zu ziehen, wie du weißt, mein Vater. Eine zugegebenermaßen zunächst nur eher kleine Hürde, die ich genommen habe, ja, zugegeben, aber es ist ja erst der Beginn von etwas wirklich Großem. Und wenn ich jetzt plötzlich überhaupt nicht mehr bei ihr auftauche, kann das nur zu unserem Schaden sein. Alles dies, was ich angestrebt habe, wird mit einem Schlag zunichte gemacht.“

Georg Wetken legte leicht den Kopf schief und betrachtete seinen Sohn mit schrägem Blick.

„Aha, das schon wieder: Gordula Wetken als Eingangspforte zum Hansehaus Schopenbrink?“, vergewisserte er sich mit grollender Stimme, die jedem, der Angesicht zu Angesicht Georg Wetken gegenüber stand, nicht selten eiskalte Schauer über den Rücken rieseln ließ. Dieser Mann strahlte eine Autorität aus, die praktisch jeden in die Knie zwang, außer natürlich einer einzigen Person: Margarethe Brinkmann! Dafür war ihr Hass auf ihn viel zu groß. Einmal abgesehen davon, dass eine persönliche Begegnung dieser beiden hohen Persönlichkeiten innerhalb der Obrigkeit von Hamburg völlig unmöglich erschien.

Aber auch Johann hatte es im Laufe der Zeit gelernt, nicht schon beim bloßen Klang der Stimme seines Vaters in Demutshaltung zu versinken. Genau das gehörte ja zu den Dingen, die Georg Wetken so besonders an seinem Sohn schätzte.

Nein, Johann Wetken blieb aufrecht und stolz stehen und ohne dem sengenden Blick aus den Augen seines Vaters auszuweichen. Er hielt ihm stand. Seine Stimme blieb ruhig und unbeirrt:

„Genau das ist sie! Wir verstehen uns prächtig. Das ist eine Freundschaft, die mir sehr teuer ist – und nützlich zugleich. Teuer und damit wichtig für mich selbst, aber auch für unser Hansehaus, ja, für unsere ganze Gilde.

Ich will nicht versprechen, dass ich auf diesem Wege wirklich erreichen kann, das Hansehaus Schopenbrink am Ende dazu zu bewegen, Mitglied in unserer Gilde zu werden, aber auch uneingeschränktes Wohlwollen uns gegenüber wäre doch sehr erstrebenswert. Auch und vor allem im ewigen Kampf gegen die schändliche Brinkmann-Gilde.“

Georg Wetken ließ seinen Sohn ausreden. Für ihn alles andere als selbstverständlich, zumal ihm bisher aus seinem Munde nichts wirklich Neues zu Ohren gekommen war, sondern nur bereits Bekanntes eindringlich wiederholt wurde. Aber es war klar, dass sein erster Zorn trotzdem einigermaßen verflogen war und er sich natürlich bemühen wollte, ausreichende Rechtfertigungsgründe für seinen Lieblingssohn zu finden. Insofern hatte Johann tatsächlich eine Art Bonus bei seinem Vater, den man nicht unterschätzen durfte.

Nach dieser Ansprache überlegte Georg Wetken erst noch. Er wog anscheinend sorgfältig das Gehörte ab, bevor er sich zu einer Entgegnung herab ließ.

Und die fiel leider immer noch nicht im beabsichtigten Sinne aus:

„Und was soll ich jetzt deiner Meinung nach tun in dieser Situation?“

„Du hast mich festgesetzt, hast mir untersagt, das Haus zu verlassen. Mit Verlaub, mein Vater, ich will jetzt keineswegs respektlos erscheinen, und es liegt mir auch völlig fern, deine Entscheidungen auch nur im Geringsten in Frage zu stellen, aber dadurch kann ich mich jetzt natürlich nicht mehr Gordula treffen.

Sie hat sich ja ebenfalls nur heimlich mit mir treffen können. Das heißt, ihr eigenes Haus weiß darüber überhaupt nicht Bescheid. Das ist auch gut so, einerseits, denn es wäre ja viel zu früh noch, die Verbindung zwischen Gordula und mir offiziell zu machen. Und es würde ja offiziell werden, sobald ihr Haus dies erführe.

Ich will mir gar nicht ausmalen, wie ihr Vater, Hieronymus Schopenbrink, auf diese Erkenntnis reagieren würde zu diesem noch viel zu frühen Zeitpunkt.“

„Und andererseits?“

„Es müsste natürlich noch der Weg dazu bereitet werden, um sozusagen die offizielle Verlautbarung überzeugend vorbereiten zu können.“

„Ach, und du meinst in diesem Zusammenhang natürlich, wenn du jetzt die Verbindung abbrichst, könnte niemals mehr gelingen, was du dir vorgenommen hast?“, vergewisserte sich sein Vater ungerührt.

„Ich bin wahrlich meines Vaters Sohn!“, versprach Johann großspurig. „Ich muss ja nicht warten, bis ich eines Tages in deine Fußstapfen treten darf. Was spricht denn dagegen, wenn ich vorher schon ganz zum Wohle unseres Hauses aktiv werden will? Natürlich dort, wo ich deutlich genug die entsprechende Chance sehe? Es wäre doch schade, würde meine ganze Vorarbeit letztlich umsonst gewesen sein.“

„Immerhin eine Vorarbeit, die dir zudem sehr zupass kam, wie ich vermute?“

„Selbstverständlich kam sie mir sehr zupass! Das ist nicht zu leugnen. Ja, ich genieße es tatsächlich, mit Gordula Schopenbrink zusammen zu sein. Wir sind schließlich so etwas wie Seelenverwandte, um dies noch einmal zu betonen.“

„Aber sie ist nur eine junge Frau. Ist dir das denn wirklich klar? Also, wie groß kann denn schon ihr Einfluss sein im Hause Schopenbrink – eben als junge Frau?“

„Ja, gewiss, mein Vater, sie ist nur eine junge Frau, oberflächlich betrachtet, aber wer Gordula Schopenbrink wirklich kennt, so wie ich, der weiß, dass dies keinesfalls zu ihrer Charakterisierung ausreicht. Nicht bei ihr, wie ich versichern darf!

Du weißt ja schon, dass ausgerechnet sie mich zu jenem verbotenen Fest eingeladen hat, an dem nur Jugendliche aus verschiedenen Hansehäusern teilnehmen durften. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit natürlich.“

„Eine Verschwiegenheit, die du hiermit erneut brichst?“

„Nun, es ist ja sowieso nichts Neues mehr für dich, mein Vater, mit Verlaub. Ich verrate ja kein Geheimnis mehr. Du weißt ja schon, dass ich auf diesem einen Fest Adele zum ersten Mal gesehen habe. Allerdings weiß ich bis heute nicht, wer sie dahin eingeladen hat. Ich bin mir nur sicher, dass Gordula das nicht gewesen sein kann.“

„Und was macht dich da so sicher?“

„Gordula hätte es mir vorher schon gesagt, und sie hätte von mir erfahren, dass dies ganz und gar nicht in meinem Sinne gewesen wäre.“

„Ach, du setzt also tatsächlich voraus, dass diese Gordula Schopenbrink Adele Brinkmann niemals eingeladen hätte, allein schon aus Rücksicht auf dich, weil du ein Wetken bist?“

„So ist es!“, antwortete Johann überzeugt.

Georg Wetken schürzte nachdenklich die Lippen. Oh, das kam besonders selten bei ihm vor. Er schien tatsächlich hin und her zu wanken zwischen Zustimmung und Ablehnung. Bis er die nächste Frage abschoss, von deren Beantwortung möglicherweise jetzt alles abhing:

„Und wie sollte es deiner Meinung nach überhaupt gelingen, über Gordula Schopenbrink auf die Geschäftspolitik ihres Vaters Einfluss zu nehmen?“

„Allein schon deshalb, weil Gordula die Lieblingstochter ist von Hieronymus Schopenbrink. Das ist ja durchaus bekannt, und ich nehme an auch dir?“

„Willst du damit etwa andeuten, es könnte Dinge von entscheidender Bedeutung geben, die mir nicht bekannt sind?“

„Nein, nein!“ Johann winkte mit beiden Händen ab. „Das war damit keineswegs gemeint. Ich wollte lediglich an deine Erinnerung appellieren, was dies betrifft. Also, wenn Gordula ihrem Vater in entsprechender Weise beibringt, dass sie in mir den möglichen Vater ihrer zukünftigen Kinder sieht, wird er höchstwahrscheinlich nicht völlig abgeneigt sein.“

„Eine Vermutung, mehr nicht!“, trumpfte sein Vater auf. „Deine Vermutung vor allem, weil es dir gerade mal wieder in den Kram passen würde.“

„Andererseits“, beeilte sich Johann noch zu ergänzen: „Der Lieblingssohn von Hieronymus Schopenbrink ist ja Christian Schopenbrink. Es heißt, sein Vater würde ihn schon seit Jahren auf die Nachfolgeschaft vorbereiten, gerade so wie du es mit mir getan hast.“

„Und was soll das jetzt mit deiner Rolle als möglicher Ehegatte seiner Schwester zu tun haben?“

„Ziemlich viel, wie ich meine, denn Gordula und ihr Bruder sind das, was man gern ein Herz und eine Seele nennt. Es ist Gordulas unnachahmliches, um nicht zu sagen einmaliges Gemüt. Sie ist wahrlich eine junge Frau, die man einfach gern haben muss. Auch als Bruder.“

„Du bist also überzeugt davon, dass nicht nur ihr Vater, sondern auch ihr Bruder dich als ihren künftigen Ehemann akzeptieren würde?“

„Nicht auf Anhieb“, schränkte Johann jetzt geschickt ein. „Dazu ist noch einiges an Arbeit nötig, wie ich zugeben muss. Ich stehe ja, wie schon erwähnt, erst am Anfang. Nun habe ich an diesem Fest teilgenommen, ihrer Einladung folgend, und habe mich mehrmals mit ihr in der Zwischenzeit heimlich getroffen. Weiter ging das leider noch nicht.“

„Ja, das ist in der Tat als eher zaghafter Anfang zu werten“, gab jetzt Georg Wetken für seinen Sohn sehr überraschend zu. „Andererseits sehe ich da auch eine Art Testlauf für dich. Soll heißen: Falls es dir wirklich gelingen sollte, gewissermaßen das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, auch und vor allem zum Wohle der Gilde, würde dir das durchaus Pluspunkte verschaffen. Nicht nur bei mir, sondern bei allen Hansekaufleuten, die sich innerhalb unserer Gilde zusammengeschlossen haben.

Doch was mache ich mit dir, wenn du versagst?“

„Würde ich versagen“, antwortete Johann überzeugt und nach außen hin völlig ruhig und beherrscht, obwohl es nach wie vor in seinem Innern mächtig brodelte, „wäre ich eindeutig nicht ausreichend geeignet, dein würdiger Nachfolger zu werden!“

Jetzt lachte Georg Wetken sogar. Ebenfalls eine absolute Seltenheit bei ihm. Er trat sogar vor und hieb mit seiner fleischigen Hand kräftig auf Johanns Schulter.

Der junge Mann war gottlob stabil genug gebaut, um dabei nicht in die Knie zu gehen wie es mach anderem wohl widerfahren wäre.

„Also gut, überredet, aber noch längst nicht völlig überzeugt: Nimm wieder Kontakt auf mit dieser Gordula Schopenbrink. Ich werde das allerdings stets und ständig im Auge behalten: Ich werden DICH stets und ständig im Auge behalten. Du wirst keinen Schritt ohne mich gehen. Betrachte mich als Schatten, der dir auf Schritt und Tritt folgt.“

Nun, das war nicht ganz so neu für Johann, obwohl die Überwachung, die Georg Wetken seinem Sohn anheim fallen ließ, durchaus verschärft worden war seit dem Mittag. Aber er war damit jahrelang zurecht gekommen, also würde er sich auch in Zukunft damit arrangieren können.

Zwar würde es vorerst unmöglich bleiben, auch noch zusätzlich wieder Kontakt zu Adele aufzunehmen, aber dies würde ja dennoch das eigentliche Fernziel bleiben.

Obwohl Johann selbst noch nicht wusste, wie er über Gordula und einer Vertiefung seiner Freundschaft mit dieser jungen Frau aus dem Hansehaus Schopenbrink letztlich seinen Weg zu Adele zurück finden konnte. Aber darüber durfte er sich sowieso erst zu einem späteren Zeitpunkt Gedanken machen. Er musste umsichtig und gezielt Schritt für Schritt vorgehen und durfte es niemals wagen, einen Schritt schon vor dem nächsten zu tun. Selbst wenn die brennende Sehnsucht nach seiner Adele ihn noch so sehr dazu drängen wollte, den Vorgang leichtsinnigerweise zu beschleunigen.

Denn wenn er dabei wirklich versagte, war es für alle Zeiten aus. Das war es, was er sich stets und ständig vor Augen führen musste, sobald der Leichtsinn versuchte, in ihm die Oberhand zu gewinnen.

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Gordula staunte nicht schlecht, als ihr berichtet wurde von ihrer Zofe, dass vor dem Haus, auch noch am Dienstboteneingang, Johann Wetken nach ihr gefragt hätte.

Sie musterte das hübsche Gesicht ihrer Zofe, um sicher zu gehen, ob sie dies nur ihr persönlich mitgeteilt hatte.

Ja, sie hatte ganz offensichtlich. Wie immer war auf sie Verlass.

Sie nickte ihr wohlwollend lächelnd zu und beeilte sich, das Haus durch diesen Dienstboteneingang zu verlassen. Wobei sie natürlich nicht jegliche Vorsicht außer Acht lassen durfte, um dabei nicht aufzufallen. Eine junge Dame ihres Standes, die nach Einbruch der Dunkelheit das Haus verließ? Das war offiziell völlig undenkbar, wenngleich nicht für die geschickt und umsichtig vorgehende Gordula Schopenbrink...

Sie hatte sich ja schon vor dem kleinen Fest mit Johann mehrmals nach Einbruch der Dunkelheit heimlich getroffen, gewissermaßen auf neutralem Boden. Ins Haus hätte sie ihn nie zu lassen gewagt. Sie wusste ja, wie ihr Vater darauf reagieren würde.

Ihr Bruder Christian würde das zwar eher gelassen sehen, denn er war ja auch beteiligt gewesen an dem kleinen Fest, aber Hieronymus Schopenbrink durfte das niemals erfahren. Er hasste zwar die Wetkens nicht, weil er niemanden hasste, aber er wollte auch nicht offiziell mit ihnen verkehren. Genauso wenig wie mit den Brinkmanns.

Wenn er sich auf ein Treffen mit irgendjemandem einließ, dann nur auf höchster Ebene. Und dann musste es dafür auch einen triftigen Grund geben. Zum Beispiel, wenn ihre trotz aller Gegensätze gemeinsam betriebenen Geschäfte in Gefahr zu geraten drohten.

Denn sie waren ja in erster Linie Hansekaufleute und keine Streithanseln, die über alle Zwistigkeiten hinaus vergaßen, was gut war für die gemeinsamen Geschäfte.

Johann Wetken war die Erleichterung jedenfalls deutlich anzusehen, als Gordula wie hoffnungsvoll erwartet bei ihm auftauchte.

Sie verließen den Bereich des Dienstboteneingangs und drückten sich beide tief in eine dunklere Ecke in der Nähe, wo kaum Licht von den vorhin erst angezündeten Petroleumlampen fiel, die sowieso die Straße nicht besonders gut erhellten. Sie gaben zwar ein wenig das Gefühl von Sicherheit, aber für viel mehr taugten sie eben nicht. Sowieso sollte eine junge Dame aus vornehmem Hansehaus um diese Zeit möglichst nicht mehr auf offener Straße erscheinen.

Und Johann unterstrich auch noch seine Erleichterung mit den Worten:

„Ach, Gott sei es gedankt, dass du doch noch die Zeit hattest zu kommen!“

„Seltsame Worte zur Begrüßung“, wunderte sich Gordula indessen. „Ich dachte eigentlich, wir wären Freunde?“

Ihr spitzbübisches Lächeln nahm diesen Worten dabei die Wirkung.

Er versuchte ebenfalls zu lächeln, doch es misslang kläglich. Gordula konnte es trotz des wenigen Lichtes sehen.

Was bedrückte ihn denn dermaßen?

„Gordula, ich muss ganz offen zu dir sein.“

„Oh, ich bitte sogar darum!“, entgegnete sie reflexartig.

Die Worte waren ihr über die Lippen geflossen, ohne dass sie wirklich darüber nachgedacht hatte. Sie wusste ja immer noch nicht, worum es hier eigentlich ging, und deshalb fügte sie noch rasch hinzu:

„Schon seltsam, dass du dich so lange nicht mehr hast blicken lassen...“

„Ja, gewiss, so muss es dir wohl vorkommen, aber es gab Gründe dafür.“

„Worauf ich sogar wetten würde! Na, da bin ich aber mal ganz besonders gespannt. Gründe mithin, die letztlich für diese miese Laune sorgten, die du zu diesem unerwarteten Treffen mitgebracht hast? Ich meine, das letzte Mal warst du noch wesentlich fröhlicher erschienen.“

„Ich weiß. Das war ja auch auf deinem kleinen Fest. Da gab es allen Anlass zur Fröhlichkeit.“

„Das ist ja auch der Sinn meiner kleinen aber feinen Festlichkeiten, nicht wahr? Aber danke, dass du mich daran erinnerst: Was ist denn danach so Schlimmes vorgefallen, dass du keine Zeit mehr hattest für deine beste Freundin und jetzt so tust, als würde es glatt um Leben und Tod gehen?“

„Das geht es ja auch tatsächlich, genau genommen!“, betonte er ernst. „Nicht die ganze Zeit über schon, sondern eigentlich erst seit heute.“

„Die Neugierde steigt!“, vermeldete sie ungerührt.

Er schluckte schwer, ehe er hervorstieß:

„Ich – ich habe auf deinem kleinen Fest – äh - jemanden kennengelernt.“

„Aha? Und das sorgt jetzt für diese miese Stimmung bei dir oder was?“

„In Grunde genommen schon, denn dieser Jemand...“

Er machte eine Pause, während der er anscheinend erst nach Worten suchen musste, ehe er fortfahren konnte.

Und dann brachte er ziemlich mühsam und ein wenig stockend hervor:

„Ich – ich habe nämlich – äh - auf deinem Fest Adele Brinkmann kennengelernt!“

„Nicht wahr!“, rief sie entsetzt aus und schlug sogleich erschrocken die Hand vor den Mund. Hoffentlich war das jetzt nicht zu laut gewesen. Nicht dass sie dadurch bei ihrer Heimlichtuerei erwischt wurden. Zwei beinahe schon erwachsene Kinder aus bestem Hause, die sich nächtens in eine dunkle Ecke drückten? Das würde ordentlich für Ärger sorgen. Und dabei würde es sicherlich nicht bleiben.

Verstohlen sahen sich beide um, doch da war anscheinend niemand außer ihnen. Noch nicht einmal einer der Nachtwächter, die hier in der Gegend patrouillierten, um nicht nur als Rufer der Stunde zu fungieren, sondern vor allem die Obrigkeit von Hamburg vor Übergriffen zu schützen.

Überhaupt war die Einbruchsrate hier äußerst niedrig. Nicht nur dank der Nachtwächter, sondern auch deshalb, weil sich die Hansekaufleute durchaus auch selber zu schützen wussten. Da war kein Herrschaftshaus ohne entsprechendes Personal. Und so war die Rolle der Nachtwächter meist eben doch auf die Kontrolle der Petroleumlampen und die Ansage der jeweils vollen Stunde beschränkt.

Obwohl sie durchaus bereit waren, einzugreifen, sobald es erforderlich erschien. Und sei es auch nur, Hansekinder einzufangen, die um diese Zeit außerhalb der Häuser nichts mehr verloren hatten.

Dinge, die Gordula kurz durch den Kopf gingen, ehe sie sich auf die nächsten Worte Johanns konzentrierte.

Es war für sie schon ziemlich erstaunlich, dass er überhaupt Adele Brinkmann im Zusammenhang mit ihrem Fest erwähnte. Sie war ihr ja überhaupt nicht aufgefallen. Und ausgerechnet Johann Wetken, sozusagen der Thronerbe der Wetken-Gilde, ließ sich auf eine echte Brinkmann ein?

Das klang zu schlimm in ihren Ohren, um wirklich wahr zu sein. Eigentlich. Und doch schien es tatsächlich so zu sein, wie Johann auch noch sich zu bekräftigen bemühte:

„Ich habe mich sehr gut mit ihr unterhalten“, beschrieb er es in verdächtig schwärmerischem Tonfall. „Und daher haben wir uns in der Folgezeit eben – äh - mehrmals heimlich getroffen.“

Jetzt war es heraus. Endgültig.

Gordula riss schreckensweit ihre Augen auf und konnte nicht verhindern, dass ihr außerdem auch noch regelrecht die Kinnlade herunterklappte.

Also, wenn sie gedacht hätte, nichts könnte sie mehr überraschen oder gar noch mehr erschüttern, war sie soeben drastisch eines Besseren belehrt worden.

Wer die Zusammenhänge kannte – und Gordula gehörte eindeutig zu den Eingeweihten -, hätte genau dieses halt niemals für möglich gehalten. Dass überhaupt Adele Brinkmann mit dabei gewesen war, erstaunte sie schon im höchsten Maße, aber dass sie dann ausgerechnet mit Johann Wetken angebandelt hatte? Das hatte sie tatsächlich gewagt?

Und dann Johann Wetken, der doch eigentlich noch vor dem Fest so getan hatte, als würden sie beide, er und Gordula nämlich, sich besonders gut verstehen, dass sie sich regelrecht in Freundschaft verbunden fühlten, was an sich schon in den Augen der Erwachsenen ein schlimmes Vergehen darstellte, weil sie das niemals hätten verstehen können... Und genau dieser Johann Wetken ließ sich seinerseits auf eine echte Brinkmann ein?

Nicht wahr!

Gordula fehlten ausnahmsweise die Worte. Sie hatte sichtlich Mühe, das alles erst einmal zu verarbeiten. In ihrem hübschen Kopf herrschte das reinste Chaos.

Wenn sie allein nur die ungeheuerliche Tragweite von all dessen in Betracht zog...

Johann ließ ihr die Zeit, die sie benötigte. Nicht jedoch ohne noch zu beteuern:

„Ich wollte das alles nicht. Adele sicherlich genauso wenig. Es ist halt einfach passiert. Wir konnten uns nicht dagegen wehren. Es ist unabwendbar gewesen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben uns gesehen und... haben uns unsterblich ineinander verliebt!“

Das hätte er jetzt wirklich nicht mehr extra betonen müssen. Es war Gordula sowieso schon klar gewesen.

Und dann fiel ihr etwas ein, das sie selber regelrecht wie ein Blitz traf:

„Moment mal, und wieso tauchst du jetzt ausgerechnet bei mir auf? Nur um mir dies mitzuteilen oder was? Gut, auch noch herzlichen Dank für die schockierende Meldung, aber was willst du jetzt tatsächlich von mir?“

Natürlich hatte sie ihn durchschaut: Er war nicht etwa gekommen, nur um ihr mal wieder zu zeigen, dass er ihre Freundschaft immer noch hoch hielt, sondern er hatte ein Anliegen.

Und was konnte dieses sein?

Johann Wetken wagte es nicht, mit der Tür ins Haus zu fallen. Er glaubte zwar, Gordula gut genug zu kennen, aber er hatte trotzdem keine Ahnung, wie sie auf die Eröffnung reagieren würde, dass er sie sozusagen für sein Strategiespiel missbraucht hatte, um vor seinem überaus strengen Vater bestehen zu können. Immerhin in einer Art und Weise, wie es nicht ohne Folgen bleiben konnte. Egal, ob er dies nun wollte oder nicht – und auch egal, ob Gordula dies noch wollte oder nicht.

Er druckste zunächst nur herum, wobei Gordula zusehends misstrauisch wurde. Sie beobachtete ihn ganz genau, soweit dies bei diesen schlechten Lichtverhältnissen überhaupt möglich war. Zwar hatten sich ihre Augen daran gewöhnt, doch es reichte natürlich nicht wirklich dazu aus, Einzelheiten erkennen zu können.

„Ich – ich bin irgendwie erwischt worden“, gab Johann zu.

„Erwischt, als du dich mit dieser Adele getroffen hast oder was?“, hakte Gordula sogleich unbeirrbar nach.

„Nein, nicht ganz“, berichtigte Johann verdattert: „Wir waren gestern Abend das letzte Mal verabredet gewesen, doch sie konnte nicht kommen. Ich habe die ganze Nacht lang auf sie gewartet. Vergeblich. Erst am Morgen ging ich wieder heim, und das war durchaus aufgefallen.“

„Aha? Und das hat dann zu einem entsprechenden Donnerwetter deines alten Herrn geführt oder wie?“

„Schlimmer noch!“, meinte Johann bitter. „Zunächst war ja alles ruhig. Ich habe mir natürlich schreckliche Sorgen um Adele gemacht, weil ich nicht wusste, was passiert war. Und dann stürmte Vater am Mittag bei mir herein. Er - er hatte erfahren, dass ich mich mit Adele hatte treffen wollen.“

„Im Ernst? Aber wer hat ihm das denn verraten?“, fragte Gordula erschüttert.

„Er hat es mir nicht gesagt, doch ich bin überzeugt davon, dass Adeles Großmutter dahinter steckt!“

„Oh Gott, doch nicht etwa diese Margarethe Brinkmann, diese alte Hexe?“

„Sage nicht Hexe“, murmelte er warnend und warf einen ängstlichen Blick in die Runde. „Du weißt, was das für Folgen haben kann.“

„Das sagst ausgerechnet du, der du dich bereits in der schlimmsten Situation befindest, die ich mir denken kann? Und was die Bezeichnung als Hexe betrifft: Das hätte doch keine schlimmen Folgen für sie, doch nicht für Margarethe Brinkmann!

Außerdem gibt es derzeit keine aktiven Hexenverfolgungen, und um es zu betonen: Selbst wenn man Margarethe Brinkmann der Hexerei beschuldigen würde, was ich persönlich sogar nicht so ganz unrichtig finden würde, hätte sie genügend Macht, um alle Beschuldigungen wirkungsvoll von sich abzuwenden. Jede andere würde unter der Folter, am Galgen oder gar auf dem Scheiterhaufen enden, aber doch nicht sie!“

„Trotzdem!“, beharrte Johann.

Er hätte jetzt Gordula erklären können, dass er persönlich sowieso völlig gegen jegliche Hexenverfolgung war, weil er die Meinung derer teilte, dass es sich dabei in der Regel um Unschuldige handelte, die irgendwer aus möglicherweise niederen Gründen aus dem Weg haben wollte, aber das hätte jetzt zu weit geführt. Er war ja aus einem ganz anderen Grund hier.

„Wie auch immer“, wechselte Gordula kopfschüttelnd das Thema: „Deren Aufmerksamkeit sollte man trotzdem lieber nicht erregen, die Aufmerksamkeit von Margarethe Brinkmann!“

„Habe ich aber, ungewollt, allein nur, indem ich mich auf ihre Enkeltochter eingelassen habe. Dafür hat sie sich gerächt, indem sie es irgendwie meinem Vater zugespielt hat. Du kannst dir vorstellen, wie der reagierte.“

„Ja, lebhaft! Und jetzt? Was ist danach passiert?“

Sie legte wie lauernd ihren hübschen Kopf schief und betrachtete ihn aus verengten Augen.

„Was hast du sonst noch alles angestellt, mein Lieber? Gib es zu!“

„Äh, ja, dir kann man wirklich nichts vormachen, Gordula. Es – es gibt nicht viele junge Frauen heutzutage, die so klug sind wie du.“

„Überhaupt sonst keine!“, unterbrach sie ihn mit einem flüchtigen Lächeln.

„Äh“, fuhr er verdattert fort, „ich musste mich ja irgendwie herausreden. Du weißt ja, ich soll ja irgendwann in die Fußstapfen meines Vaters treten. Und in diesen Plan passt natürlich eine Verbindung zur Enkelin von Margarethe Brinkmann nun wirklich nicht hinein. Er wollte mich sogar enterben und weiß nicht was sonst noch mit mir anstellen. Ich habe ihn jedenfalls noch niemals in meinem Leben dermaßen wütend gesehen, und du kennst ihn ja und weißt, wie jähzornig er sowieso schon ist.“

„Ich habe es zwar noch nicht persönlich erlebt, aber es wird darüber geredet“, relativierte sie seine Aussage. „Aber erzähle weiter: Was war denn deine Strategie? Könnte es denn sein, dass sie irgendwie... mit mir zu tun hat?“

Jetzt hatte sie es bereits vorweg genommen. In der Tat, Gordula konnte man nichts vormachen. Ihr nicht! Sie hatte ihn durchschaut.

Aber so einfach gab Johann nicht auf. Er musste es ihr so verpackt klar machen, dass sie nicht allzu böse darüber reagierte. Bloß, wie sollte er das jetzt noch schaffen?

Er musste es zumindest versuchen:

„Also, es ging ja darum, dass ich Adele auf deinem kleinen Fest kennengelernt habe, und das wusste er bereits.“

„Du meinst, diese Margarethe hat es ihm irgendwie gesteckt, nicht nur, dass du dich mit Adele getroffen hast, sondern auch das mit meinem Fest...?“

Gordula brach erschrocken ab.

„Ja, so ist es. Keine Ahnung, wie es herauskommen konnte. Ich weiß ja auch nicht, wie Adele und ich danach irgendwann aufgefallen waren. Immerhin nach einigen Wochen erst. Niemand außer uns wusste davon, wirklich niemand.“

„Noch nicht einmal ich!“, zeigte sich Gordula durchaus ein wenig enttäuscht.

„Ja, tut mir leid, Gordula, aber ich wollte dich da wirklich nicht mit hineinziehen.“

„Hast du jetzt aber doch!“, warf sie ihm vor.

„Ich weiß, und es tut mir unendlich leid. Das kannst du mir wirklich glauben. Aber nun, da mein Vater sowieso alles schon wusste...“

„Noch einmal: Was hast du angestellt! Gestehe, Bursche! Ich will..., ja, ich muss es wissen!“

Ihre Freundlichkeit war wie weggewischt. Gordula konnte auch ganz anders. Sie würde zwar niemals so schlimm werden wie Margarethe Brinkmann, aber niemand sollte sie unterschätzen, auch Johann nicht.

Johann wusste das längst, deshalb fiel es ihm ja so besonders schwer, mit der Wahrheit herauszurücken, obwohl Gordula ihn sowieso schon durchschaut hatte. Aber sie wollte es jetzt aus seinem eigenen Mund hören. Sie wollte Einzelheiten erfahren: Was hatte Johann seinem Vater gegenüber behauptet?

„Er hätte mich niemals mehr aus dem Haus gelassen, zumindest nicht die nächsten Wochen oder gar Monate. Deshalb habe ich ihm klar machen müssen, dass es besonders wichtig ist, mich mit dir zu treffen.“

„Moment mal, willst du damit sagen, dass dein Vater von unserem heimlichen Treffen hier weiß? Dann ist es am Ende überhaupt nicht so heimlich?“

„Es – es ging nicht anders. Ehrlich. Du musst mir das glauben. Aber keine Bange: Er mischt sich nicht ein.“

„Ach? Und das soll mich jetzt beruhigen oder was? Ja, bist du denn jetzt völlig von allen guten Geistern verlassen? Wie kannst du dich denn dermaßen hinreißen lassen? Oder soll ich jetzt gar für dich die Suppe auslöffeln, die du dir selber eingebrockt hast?

Lässt sich doch tatsächlich als Wetken mit einer Brinkmann ein. Nicht zu fassen!“

„Bitte, Gordula, höre mir doch zu. Ich musste doch etwas sagen, was meinen Vater von seinen schlimmen Plänen mich betreffend abbringt. Wie soll ich denn jemals wieder Adele treffen können, wenn nicht...?“

„Wie bitte? Du hast anscheinend immer noch nicht begriffen, in welche Lage du nicht nur dich selber, diese Adele und auch mich gebracht hast, sondern in welche Lage du deine eigene Gilde noch bringst? Glaubst du denn, du könntest dich ungestraft nicht nur gegen deinen eigenen Vater wenden, der für seine Strenge weithin gefürchtet ist, sondern sogar auch noch gegen diese Margarethe Brinkmann? Und dann auch noch unter Umständen, bei denen dir wirklich jeder, der auch nur halbwegs klar ist im Kopf, jegliche Hilfe untersagen muss?“

Sehr betroffen starrte Johann zu Boden. Er brauchte eine Weile, um wieder sprechen zu können.

Er hatte diese Standpauke seiner besten Freundin wahrlich verdient. Das wusste er selber. Aber was sollte er denn machen? Konnte er denn etwas dafür, dass er Adele so sehr liebe – und sie auch ihn?

Dafür konnte niemand etwas.

Und was war denn an dieser reinen Liebe so dermaßen schlimm, dass sich alle Welt jetzt gegen sie beide wandte? Nicht nur die Familie von Adele und seine eigene Familie, sondern nun auch Gordula Schopenbrink, auf die er sozusagen seine letzte Hoffnung gesetzt hatte?

„Ich würde dich jetzt am liebsten einmal ordentlich durchprügeln“, murmelte Gordula leise. „Vielleicht würde dich das dann wieder zu Verstand bringen? Begreifst du zumindest das, Johann? Aber ich tu es nicht. Ich will nur selber endlich begreifen, was hier wirklich vorgeht.“

Er hob den Blick.

„Na, was denn wohl? Kannst du dir denn so gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn du jemand dermaßen liebst, dass du wirklich alles tun musst für diese Liebe?“

„Wirklich alles?“

„Na, wieso glaubst du, bin ich wohl hier? Du brauchst mir nicht zu helfen, wenn du nicht willst. Natürlich nicht. Das verlange ich auch gar nicht von dir. Ich will nur, dass du mich verstehst. Das ist schon alles.“

„Aha? Und was, bitte, soll ich verstehen? Ja, ich kann mir vorstellen, wie du fühlst. Deshalb prügele ich dich ja auch nicht, obwohl ich es andererseits gern tun würde. Aber was gibt es dann da noch mehr zu verstehen? Na?“

Diesmal hielt er ihrem fragenden Blick stand.

„Ich habe Vater gegenüber behauptet, mich nicht mit Adele, sondern mit dir getroffen zu haben!“

„Mit mir?“ Ihr fehlten mal wieder die Worte. Das zweite Mal nun schon innerhalb so kurzer Zeit. Das war wahrlich ein neuer Rekord bei ihr.

Ihre Lippen malten zwar, um Worte zu bilden, doch vergeblich: Kein Laut kam mehr darüber.

Johann beeilte sich zu versichern:

„Vater wusste doch sowieso, dass ich auf deinem kleinen Fest war. Ihm ist doch klar, dass mich irgendwer dorthin eingeladen haben muss.“

„Und da hast du ihm ja nur noch zu sagen brauchen, dass ich das war?“

„Was hätte ich denn sonst sagen sollen?“

„Gut, einverstanden. Das hat die Lage für mich sicherlich nicht verschlimmert, aber für dich wohl verbessert, weil du dir dabei gedacht hast: Ach, wenn mich Gordula schon zu ihrem Fest eingeladen hat und das sowieso schon herausgekommen ist, kommt es auf den Rest auch nicht mehr an. Schlimmer kann es sowieso nicht mehr werden für sie. Ist es nicht so?“

„Äh, ja, so ungefähr...“, meinte Johann reichlich kleinlaut.

„Und was noch?“, fragte sie gerade heraus.

„Wie gesagt: Ich habe behauptet, wir hätten uns anschließend mehrmals getroffen, anstelle von Adele und mir. Weil wir richtig gute Freunde sind.“

„Und das hat dir dein Vater tatsächlich abgenommen? Einfach so?“

Es war deutlich, dass Gordula dies nun ganz und gar nicht glauben mochte.

„Auch wenn es in seinen Ohren vielleicht ungewöhnlich geklungen hat, weil er sowieso niemals an eine Freundschaft zwischen Mann und Frau glauben könnte: Ja, er hat es wohl geglaubt, sonst wäre ich jetzt nicht hier.“

„Um mich erneut zu treffen mit mir? Zu welchem Zweck wohl?“

„Äh, ja, zu welchem Zweck...?“

„Nun, das frage ich natürlich dich!“

Sie sah ihn ziemlich böse an bei diesen Worten.

Es blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als nun auch noch den möglicherweise ganz besonders peinlichen Rest der Geschichte zu gestehen:

„Ich habe behauptet, dass zwischen uns das durchaus auch mehr werden könnte“, platzte es regelrecht aus ihm heraus.

Überrascht sah sie ihn an.

Und dann reagierte sie in einer Art und Weise, wie Johann dies wahrhaftig niemals mehr erwartet hätte, nicht angesichts ihrer bisherigen Reaktion auf dies alles:

Sie begann nämlich zu lachen. Es schien sie köstlich zu amüsieren sogar.

Oder war das jetzt so eine Art Galgenhumor?

„Ja, na, dann...“, meinte sie schließlich, immer noch glucksend vor Heiterkeit. „Da schalten wir doch einfach mal die naive Gordula ein, um uns ein prima Alibi zu verschaffen, und dann nehmen wir sie auch gleich noch zur Braut. Bei einer dermaßen guten Partie kann sie ja wohl kaum etwas dagegen haben, nicht wahr?“

Bei den folgenden Worten war jegliche Fröhlichkeit wieder aus ihrer Stimme verschwunden. Ihre Stimme klang auf einmal dermaßen unterkühlt sogar, wie Johann sie von Gordula noch niemals zuvor gehört hatte:

„Dann halten wir nun einmal fest: Du hast mich vorgeschoben, um nicht zugeben zu müssen, dass du mit Adele Brinkmann angebandelt hast. Was für beide Häuser einem verabscheuungswürdigen  Verbrechen gleich kommt. Zumindest werten diese das so.

Doch weiter: Und nun willst du mich darum bitten, dass wir gemeinsam so tun, als würden wir uns näher kommen?

Wie weit soll das dann eigentlich noch gehen? Bis zur Traumhochzeit, gefolgt von vielen kleinen gemeinsamen Kinderlein oder was?

Mein Liebster, du magst vielleicht für die meisten Frauen, außerhalb der Brinkmann-Gilde natürlich, eine gute Partie sein, wenn nicht sogar die beste, aber leider nicht für mich. Denn ich bin eine waschechte Schopenbrink. Unser Hansehaus pflegt traditionell eine gewisse Neutralität. Wir wollen Geschäfte machen mit allen, nicht nur mit der Wetken-Gilde. Wir wollen offen bleiben für alle. Und mit einer Eheschließung würden wir beide diese Erfolgsstrategie leider komplett untergraben.

Schon mal daran gedacht?“

„Ja, habe ich!“, gestand Johann jetzt zu ihrem eigenen Erstaunen. „Und noch weiß ja niemand etwas davon. Nur mein Vater und wir beide. Also muss es ja nicht zwangsläufig so weit kommen.“

„Und wie hast du dir das stattdessen gedacht?“

„Waren wir nicht tatsächlich beste Freunde? Genau das können wir bleiben.“

„Und wenn ich mich stattdessen auf einen anderen Mann einlasse? Was dann? Wie würde dann dein werter Herr Vater reagieren? Du hättest in seinen Augen total versagt.“

„Ja, gewiss, aber erstens wäre das etwas, das jetzt noch keine Rolle spielt, sondern eben erst dann, wenn es so weit kommen sollte...“

„Und zweitens?“

„Zweitens wissen wir beide ja, dass ich in Wahrheit Adele will - und Adele will mich!“

„Obwohl ihr beide nicht die geringste Chance habt, jemals zusammen zu kommen? Du bist ein Wetken und sie eine Brinkmann. Schon vergessen?“

„Wie sollte ich das jemals vergessen?“

„Wenn du jemals der Nachfolger deines Vaters werden willst, bleibt dies völlig unmöglich!“

„Auch das weiß ich doch. Aber kannst du denn gar nicht verstehen, dass ich es zumindest meinem Vater gegenüber erst einmal so erklären musste, das mit dir und mir?“

Jetzt lachte sie abermals.

„Oh, klar, natürlich habe ich das verstanden. Ganz ehrlich: Ich hätte an deiner Stelle wohl nicht anders gehandelt. Es blieb dir ja eigentlich gar nichts anderes übrig.“

Johann sah sie an und fragte sich, ob sie das jetzt wirklich ernst meinte oder ob es lediglich ihrem für gewöhnlich gern gepflegten Sarkasmus entsprang.

Und sie meinte es diesmal trotzdem ernst. Ja, Gordula klopfte ihm sogar auch noch beruhigend auf die Schulter wie einem alten, vertrauten Kumpan.

„Noch habe ich keinen künftigen Ehemann. Allein schon deshalb, weil ich den richtigen noch nicht gefunden habe. Auch du bist es nicht, wie ich dir versichern darf. Und das nicht erst, seit du dich auf diese Adele eingelassen hast. Und du weißt ja, wie sehr ich Spielchen liebe. Sonst würde ich ja auch keine kleinen Festlichkeiten organisieren, obwohl sie verboten sind - oder gerade weil sie verboten sind.“

„Was – was willst du denn damit jetzt sagen?“, erkundigte sich Johann bang.

Sie lachte ihn an. Oder aus?

„Na, beruhige dich wieder, Bursche. Ich weiß natürlich, was Liebe ist, obwohl ich sie noch nicht selbst erfahren habe. Ich finde das Ganze einerseits ehrlich gesagt total romantisch, obwohl es andererseits ziemlich wahnsinnig erscheint. Aber gegen seine Gefühle kommt man halt nicht an. Vor allem nicht, wenn sie so stark sind wie offensichtlich bei euch beiden Turteltäubchen.

Ich wäre ja ein wahrer Unmensch, wenn ich da nicht mitspielen würde.

Allerdings unter meinen eigenen Bedingungen, nicht unter deinen oder gar denen deines Vaters!“

Der letzte Satz würde lange noch in seinen Ohren nachhallen. Zumal er tatsächlich der abschließende Satz war, denn Gordula wandte sich grußlos ab und eilte davon, ehe Johann noch etwas sagen konnte.

Welche Bedingungen sie überhaupt zu stellen beabsichtigte, blieb damit unausgesprochen. Darüber würde er tatsächlich noch zu grübeln haben.

Er sah ihr verdattert hinterher, bis sie seinen Blicken entschwunden war.

Ja, in der Tat: Wie hatte sie das eigentlich gemeint, das mit den eigenen Bedingungen?

Und dann fiel ihm noch etwas ein, was er völlig vergessen hatte zu fragen:

Wer hatte eigentlich Adele Brinkmann zu jenem Fest eingeladen, wenn nicht sie?

Irgendwie erschien ihm diese Frage sogar von fundamentaler Bedeutung, obwohl er nicht wusste wieso. Noch nicht! Aber es war leider zu spät, Gordula danach zu fragen, denn sie war ja jetzt wieder weg.

Johann musste das auf das nächste Treffen vertagen. Falls es ihm erneut gelingen würde, Vater dazu zu überreden – und falls Gordula dann tatsächlich auch kommen würde. Ganz so sicher erschien ihm das zu diesem Zeitpunkt keineswegs.

Aber jetzt musste er erst einmal zurückkehren ins Haus seines Vaters.

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Es war klar, dass Johanns Vater bereits auf seine Rückkehr wartete. Deswegen war Johann keineswegs überrascht darüber, dass er schon an der Haustür abgefangen wurde mit der Nachricht, sofort vor Georg Wetken zu erscheinen, ohne jegliche Umschweife.

Also ging er zu ihm. Dabei war er halbwegs zuversichtlich, was das Gespräch mit seinem Vater erbringen würde. Er konnte zwar nicht wirklich so etwas wie einen Fortschritt verkünden, zumal Gordula ihm unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie niemals ein echtes Paar werden konnten, allein schon deshalb nicht, weil ihr Vater das verhindert hätte, aber ansonsten war es zumindest nicht negativ verlaufen. Ganz im Gegenteil: Er hatte immerhin damit reichlich Zeit gewonnen, um weitere Strategien zu überdenken.

Georg Wetken gab sich überraschend gelassen, wie er da hinter seinem wuchtigen Schreibtisch thronte. Der überbreite Durchgang von seinem Arbeitszimmer zum Nachbarzimmer war offen. Für gewöhnlich musste man dieses Nebenzimmer betreten und durfte sich erst dem Schreibtisch von Georg Wetken nähern, wenn dieser dazu unmissverständlich aufforderte. Das galt auch für seinen Sohn Johann.

Und zu reden hatte man sowieso nur, wenn man unmittelbar angesprochen wurde!

Als Johann eintrat, sah er seinen Vater zwar über den Schreibtisch gebeugt, weil er mit irgendwelchen Papieren beschäftigt war, aber Georg Wetken blickte sofort auf und lehnte sich langsam zurück, dabei seinen Sohn musternd.

Eben mit dieser überraschenden, weil ungewohnten, Gelassenheit, wie Johann fand.

Er blieb natürlich artig im Nachbarraum stehen und wartete auf das nötige Zeichen.

Georg Wetken hob nur die Hand. Das genügte. Johann trat langsam, wie vorsichtig, näher, bis vor den Schreibtisch hin.

„Na, wie ist das Gespräch mit Gordula Schopenbrink gelaufen?“, wurde er ruhig gefragt, anstelle irgendeiner Begrüßung, die sich der überaus mächtige Hansekaufmann Georg Wetken auch diesmal ersparte.

Johann wich dem sengenden Blick seines Vaters auch dieses Mal nicht aus. Er doch nicht!

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