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Hannahs Briefe

RONALDO WROBEL

Hannahs Briefe

Roman

Aus dem brasilianischen Portugiesisch
von Nicolai von Schweder-Schreiner

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Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Max erzählt

Kapitel 1

Rio de Janeiro, 1936

Präsident Vargas hing eingerahmt an der Wand der Polizeiwache und ließ Max nicht aus den Augen.

»Was wollen Sie von mir?«, jammerte der Arme. Gab es Probleme mit den Papieren, den Stempeln, den Siegeln? Gerade er, wo er doch so ordentlich und so vorsichtig war. »Dringende Vorladung«, war die Erklärung des Polizisten gewesen, als er ihn zu Hause abgeholt hatte. Vorladung von wem, warum? Vor mehr als einer Stunde hatten sie ihn in diesen schrecklichen Raum gesperrt und ihm nicht mal ein Glas Wasser angeboten.

Tausende von Einwanderern, die vor Kriegen, Diktaturen und Armut geflüchtet waren, lebten in der Angst, zurückgeschickt zu werden, falls sie sich nicht linientreu verhielten. Und das Paradoxe war: Jedes Jahr kamen massenweise Neue an der Praça Mauá an, teilweise ohne die geringste Vorstellung von diesem Ort, von dem andere noch nicht einmal gehört hatten. Für die meisten war Brasilien ein Sumpf, in dem Bananen wuchsen und einem, wenn man nicht aufpasste, Schlangen um die Füße krochen.

Hinter der Tür waren Schritte und undeutliche Stimmen zu hören. Auf der Wache herrschte die übliche Routine: Festnahmen, Inhaftierungen, Verhöre. 1935 hatte ein Umsturzversuch der Kommunisten das Land in beispielloses Unheil gestürzt. Schlagstöcke verwüsteten Wohnungen, Betriebe, Geschäfte und alles, was für die Bluthunde von Polizeichef Major Filinto Müller nach Subversion roch. Ein Sondergericht erledigte den Rest und verurteilte kurzerhand die halbe Welt, ohne sich mit den gängigen Verzögerungen durch die Justiz aufzuhalten. Von Norden bis Süden waren die Gefängnisse überfüllt. Selbst Schiffe trieben, beladen mit Gefangenen, ziellos im Atlantik. Max sah sich bereits auf hoher See als Gringo beschimpft und kalten Reis essen. Aber was hatte er denn eigentlich getan?

In der Rua Visconde de Itaúna fiel der kleine Laden kaum auf, den er jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr öffnete, um mit der gleichen Hingabe wie seine Vorfahren die Schuhe der Bewohner der Praça Onze zu reparieren. Für den Großvater erklärte sich der Beruf aus dem Los der Familie als ewig umherirrender Juden: Gute Schuhe bezwangen Kälte und Entfernungen. Und was anderes hatten die Juden denn in den letzten Jahrtausenden gemacht, als durch die Weltgeschichte zu irren und der nächsten Vertreibung zuvorzukommen? Wie viele »dringende Vorladungen« hatten seine Vorfahren in Russland, Spanien oder auch hier, im Lande Vargas’, nicht schon über sich ergehen lassen?

Nein, Max machte ihn nicht für die Spannungen im Land verantwortlich. Wie sollte er Ursachen aufzeigen, wo alles Konsequenz war? Die Welt hatte den falschen Weg eingeschlagen und Brasilien mit hineingezogen. Für den Schuhmacher war Vargas nicht mehr als ein Diener, kein Führer, sondern ein Geführter, Futter für eine Kanone, die im Laufe der Jahrhunderte geschmiedet worden war. Man konnte von keinem Einzelnen erwarten, einen Schlamassel zu lösen, der lange angefangen hatte, bevor Hitler seinen Irrsinn proklamierte und Stalin die eigenen Verbündeten auslöschte. Weniger entschuldbar waren die städtebaulichen Vorhaben des Präsidenten. Gerade erst war die Rede vom Bau einer breiten Avenida zwischen der Marine und Cidade Nova gewesen, was das Ende seiner geliebten Praça Onze bedeutete. Oj wej, das fehlte gerade noch: Das ganze Viertel würde dem Erdboden gleichgemacht.

Ein Ventilator surrte nervös, die Uhr zeigte halb fünf. Zum ersten Mal hatte Max den Laden früher geschlossen. Was würden die Kunden sagen, die Klatschmäuler, die Verkäufer, die von Tür zu Tür zogen, die Nachbarinnen, die ihm guten Tag sagen kamen, oder die Eiferer mit ihren verrückten Ideen? Wer hätte sich vorstellen können, dass der Schuhmacher aufgrund einer »dringenden Vorladung« auf der Polizeiwache saß? Jeder wusste, dass es für Max nichts anderes gab als seine Schuhe und er den Kontroversen innerhalb der Gemeinde nie etwas hatte abgewinnen können. Kommunismus oder Kapitalismus? Israel oder Diaspora? Jiddisch oder Hebräisch? Das alles kümmerte ihn nicht. Erst vor ein paar Tagen hatte er einen Kommunisten mit Mütze und Overall beschimpft, der vor seinem Ladentisch gestanden und ihn hatte anwerben wollen. Mit erhobenem Zeigefinger hatte er erwidert:

»Wenn Sie die Welt verbessern wollen, lernen Sie erst mal, Ihre Schuhe zuzubinden!« Und dann war ihm das Gleichnis von Rabbi Sussja eingefallen, der ebenfalls als junger Mann die Welt hatte verändern wollen, doch als er merkte, wie groß und kompliziert sie war, beschloss, sich erst mal auf sein Land zu beschränken. Aber auch das Land war groß und kompliziert, also dachte Sussja, vielleicht könnte er es wenigstens mit seiner Stadt versuchen. Auch das schien ihm irgendwann unmöglich, woraufhin sein nächstes Ziel die Familie war, bis er schließlich auf dem Totenbett einem Freund gestand: »Inzwischen habe ich eingesehen, dass ich mich auf mich selbst hätte konzentrieren sollen.«

»Eine traurige Geschichte«, bemerkte der Kommunist verächtlich. »Der Rabbi ist also ein Egoist geworden.«

»Irrtum! Er wollte immer noch die Welt verbessern, nur hatte er seine Taktik geändert.«

Fünf Uhr nachmittags, die Sonnenstrahlen, die durch das Kippfenster fielen, warfen ihr Licht nicht länger auf den Präsidenten Vargas. Max betete einen Psalm herunter, als ein Beamter eintrat. Der dunkelhäutige, korpulente Mann reichte ihm die Hand.

»Wie geht es, Kutner?«

Es war Hauptmann Avelar, ein sporadischer, aber stets freundlicher Kunde des Schuhmachers. Er trug ein rotes Käppi, eine khakifarbene Uniform und schwarze Stiefel. Mit kräftigen Schritten ging er um den Tisch herum und zog einen Zettel aus der Hosentasche.

»Haben wir an der Praça Onze gefunden. Was ist das?«

Max las einen kurzen Text auf Hebräisch.

»Juden«, brummte der Hauptmann. »Was hecken sie jetzt wieder aus?«

Der Schuhmacher hielt eine harmlose Liste mit Zutaten in der Hand.

»Was für Zutaten?« Avelar zündete sich eine Zigarette an.

Mit kehligem Akzent las Max vor: »Viere rotte Rieben, zawei Kartoffelen, eine Kilo Fleisch …«

»Rote Rüben?«

»… Schlagsahne. Das ist ein Rezept für Borschtsch, Herr Hauptmann. Eine rote Suppe.«

»Rot? Kommunistisch?«

»Wegen der Roten Rüben.«

Avelar nahm sein Käppi ab und strich sich langsam übers Haar. Er war kurz davor, die Fassung zu verlieren und dem unverschämten kleinen Juden den Hals umzudrehen. War er, der mutigste Hauptmann bei der Polizei, ein vorbildhafter Patriot, der für unzählige Heldentaten ausgezeichnet worden war und sämtliche Hymnen und Flaggen kannte, vielleicht ein Rübenjäger?

Um die Situation zu entschärfen, improvisierte der Schuhmacher: »Schmeckt sehr gut. Man kann sie salzig oder süß essen, warm oder kalt …«

Ein Schlag auf den Tisch beendete das Thema.

»Scheißsuppe! Warm, kalt, süß, salzig …«

Der Schuhmacher riskierte bereits einen erleichterten Seufzer, da verkündete der Hauptmann: »Ich habe Sie aus einem anderen Grund kommen lassen, Max Kutner.« Einleitendes Räuspern. »Nichts Schlimmes, Sie sind ein guter Jude. Und genau deswegen brauchen wir Sie auch. Sehen Sie den Mann da?«

Er zeigte auf Getúlio Vargas.

* * *

Es war kurz vor Mitternacht, als Max nach Hause kam. Er war ziellos durch die Straßen um die Praça Onze gewandert und hatte über den Auftrag des Hauptmanns nachgedacht.

»Haben Sie schon mal von Briefzensur gehört? Wir haben Übersetzer, die die Post in sämtlichen Sprachen und Dialekten der Welt überprüfen. Unermüdlich arbeiten sie zum Wohle Brasiliens. Sie sprechen doch fließend den jüdischen Jargon, nicht wahr? Sind Sie bereit für einen Dienst am Vaterland?«

Avelar meinte Jiddisch. Es wurde von den Juden in Osteuropa gesprochen, war aus dem Deutschen hervorgegangen und wurde mit hebräischen Schriftzeichen, von rechts nach links, geschrieben. Über tausend Jahre hinweg entstand dieser »Dialekt« an der Peripherie der Geschichte, fernab von Bildung und Macht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hatte das Jiddische die Bühnen und Regale der ganzen Welt erobert, zum Entsetzen derer, die darin eine Verschwörung des Bösen sahen, ein hinterlistig gesponnenes Netz der Semiten zur Erlangung der Weltherrschaft. Kein Kommunismus, kein Faschismus, keine Demokratie war gegen die »mosaische Gefahr« gefeit. Bücher wie Die Protokolle der Weisen von Zion warnten davor, dass Moskau, Washington und Berlin eines Tages dem Glauben und der Lebensweise dieser bärtigen Männer unterworfen sein würden, die Jiddisch sprachen und keinen Schinken aßen.

Der Schuhmacher hatte keine andere Wahl gehabt, er musste den »Dienst am Vaterland« antreten – was im Übrigen ein Trost war. Welche Schuld traf ihn, wo man ihn doch dazu zwang? Hätte er abgelehnt, wäre er sofort deportiert worden, und ein anderer wäre an seine Stelle getreten. Aber es war doch schmerzhaft, als Marionette der Mächtigen in den Kessel der Geschichte geworfen zu werden. Für die Polizei zu arbeiten bedeutete das Ende eines unbefangenen, freundschaftlichen Miteinanders ohne Ambitionen und Auseinandersetzungen. Seit er 1928 nach Brasilien gekommen war, führte Max ein Dasein wie ein Bodengewächs: unterhalb der Schusslinie, wenn auch vom Leben mit Füßen getreten. Zudem vermied er es, allzu viel Güte zu zeigen, im Wissen, dass selbst die besten Absichten direkt in die Hölle führen konnten. Wie zum Beispiel bei der Geschichte mit dem Spiegel. Eines Morgens erschien der ehrenwerte Roberto Z. in seiner Werkstatt und bat Max, den Riemen eines Koffers zu reparieren, in dem er seine von Tür zu Tür verkauften Produkte transportierte: Stoffe, Kosmetikartikel, Stifte. Einer dieser Klientelschiks, wie sie massenweise durch die Straßen der Stadt zogen. Max verlangte nichts für seine Reparatur und erhielt zum Dank einen Taschenspiegel mit einer emaillierten Rose auf der Rückseite.

»Ein Erbstück von der Schwiegermutter, Gold wert!«

Als Max Tage später in jenen Spiegel blickte, fasste er einen Entschluss. Er wusste nicht nur, wo Roberto Z. wohnte, sondern auch mit wem. Wahrscheinlich hatte Frida, seine Frau, ihm die Hölle heißgemacht, als sie feststellte, dass der Spiegel weg war. Er musste ihn zurückgeben und den armen Mann erlösen.

In Lapa angekommen, klingelte er mit engelhaftem Lächeln an der Tür.

»Na, so was«, wunderte sich Frida. »Wie kommen Sie denn zu dem Spiegel?«

»Ihr Mann hat ihn mir gegeben …«

Ihr Gesichtsausdruck machte Max stutzig: von wegen Erbstück! Ihn schauderte.

»Ach, entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe mich geirrt … Frohes neues Jahr, Dona Frida!«

»Neues Jahr? Wir haben März, Senhor Kutner!« Dann kniff sie die Augen zusammen und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich weiß, was hier gespielt wird!«

Max warf ihr einen erleichterten Blick zu, da riss ihm Frida den Spiegel aus der Hand und trommelte mit der Faust gegen die Tür der Nachbarin.

»Mach sofort auf, du Flittchen! Komm raus!«

Als eine rothaarige Frau öffnete, warf Frida ihr den Spiegel vor die Füße.

»Lass gefälligst die Finger von meinem Mann, du hinterhältiges Luder! Hure!«

Die Rothaarige sammelte die Scherben auf und rief: »Also hat er ihn gestohlen! Dieser elende Dieb! Mein geliebter Spiegel aus Limoges!«

Ende der Geschichte: Frida und das Luder im Krankenhaus. Von Roberto Z. hörte man nie wieder etwas.

Zwei Uhr morgens, Hauptmann Avelars Auftrag bereitete dem Schuhmacher schlaflose Stunden. Ein einziges Schmuckstück zierte das kleine Zimmer: das Bild seines verstorbenen Großvaters Shlomo, der ihm immer ein wichtiger Ratgeber gewesen war. Was meinst du, Sejde, Großvater, darf ich meine eigenen Landsleute ausspionieren? Was sagen die Weisen dazu? Mit erhobenem Finger erinnerte Shlomo ihn an die drei Arten von Fehlern, die er in der Schule gelernt hatte: die bewussten, die unabsichtlichen und die aus Trotz. Max hielt das Bild hoch: Und was ist mit Fehlern, zu denen man gezwungen wird, Sejde?

»Die zählen nicht«, klärte der Großvater ihn auf. »Wenn etwas nicht aus Böswilligkeit oder Unachtsamkeit geschieht, warum sollte man sich dann die Schuld daran geben? Sie sind es, die sich schuldig machen, indem sie dich benutzen.«

Max entgegnete: »Na, hör mal! Wer hat denn stets die ›Befehlsvollstrecker‹ verurteilt, die im Namen des Zaren mordeten und raubten? Wer hat immer gesagt, das Bewusstsein unterscheide die Menschen von den Tieren? Wie viele Helden haben ihr Leben gelassen, weil sie sich nicht von anderen benutzen lassen wollten?« Er schüttelte das Bild. »Soll das heißen, du hast dem russischen Soldaten vergeben?«

Shlomo schwieg, er dachte zurück an den Winter 1915. Europa war vom Krieg zerstört, und die Polen waren in Richtung Westen geflohen. Die Russen würden jeden Moment in ihr Dorf einfallen, aber der sture Shlomo wollte partout nicht von der Stelle weichen. Hier war er geboren, hier hatte er achtzig Jahre lang gebetet, und hier wollte er seinen Enkel verheiraten. Er irrte durch die menschenleeren Straßen, ignorierte das Donnern der Kanonen und schimpfte über seine Landsleute. »Wären die Makkabäer genauso feige gewesen, wäre das Judentum schon vor Jahrtausenden ausgestorben!« Eines Tages hielt Shlomo ein Nickerchen, da klingelte es an der Tür. Als er öffnete, stand vor ihm ein rothaariger, sommersprossiger Soldat, ein russischer Jude, den er gleich in die Arme schloss.

»Schalom!«, grüßte er ihn und erging sich in Höflichkeiten, bis ihn ein Schlag niederriss. Am Boden liegend, musste er ungläubig mit ansehen, wie der Mann das halbe Haus plünderte. Essen, Metalle, Kleidung, sogar Aschenbecher warf er in seinen Leinensack.

»Oj, Gwalt!«, brachte Shlomo hervor. »Wie kannst du das einem Bruder antun?«

Noch an Ort und Stelle machte er Rebekka zur Witwe.

* * *

Mit ihren drei Stockwerken und den großen Eisentoren nahm die Hauptwache einen ganzen Block der Rua da Relação ein. Hier residierte auch Major Filinto Müller mit seiner Elitetruppe, die in Nazideutschland ausgebildet worden war, um gegen die »rote Subversion« vorzugehen.

Das aufgeregte Hin und Her in den Korridoren übertönte das Geschrei aus dem Untergeschoss, während Max in Begleitung zweier Uniformierter eine Treppe hinaufstieg. Nachdem sie diverse Male abgebogen und weiß der Himmel wo durchgelaufen waren, landeten sie schließlich in einem kleinen Raum mit einem Tisch, einem Stuhl und dem unerbittlichen Porträt von Getúlio Vargas.

»Ich heiße Onofre«, sagte ein blasser junger Mann mit dunklem Schnurrbart. Er hatte ein Päckchen dabei, auf dem stand: Argentinien.

Onofre holte einen Stapel Briefe hervor, einen Bleistift und ein liniertes Notizbuch, das es auf Portugiesisch zu füllen galt. Die Briefe waren bereits aus dem Umschlag genommen und auseinandergefaltet worden und mussten extrem vorsichtig behandelt werden.

Max begann seinen »Dienst am Vaterland« mit einem Brief aus der Pampa. In knappen, einfachen Worten bat ein Schlachter um Nachricht von seinem Sohn. In einem anderen Brief ging es um Einzelheiten einer Hochzeit in Patagonien: Süßspeisen, Musik, Spitzendecken. Im nächsten bat jemand um Geld. Max trat der Schweiß auf die Schläfen: Was hatte all das mit einer Bedrohung Brasiliens zu tun? Wozu um Himmels willen Unschuldige ausspionieren?

»Sie wirken nervös«, sagte Onofre. »Das ist immer so am Anfang, man gewöhnt sich aber daran.«

Max betrachtete den Jungen leicht verächtlich. Brasilianer waren für den Polizeidienst nicht geeignet: Es fehlte ihnen an Haltung, an Substanz, an Kaltblütigkeit. Nicht, dass ihn das beruhigte. Im Gegenteil, unfähige Soldaten konnten genauso gefährlich sein wie die schlimmsten Kosaken. Max wischte sich über die Schläfen und sann nach, auf der Suche nach dem Frieden, den er nie finden würde, obwohl seine Schuldgefühle mit der Zeit nachließen – so wie auch der Widerwille, mit dem er den Umschlag mit seinem Lohn entgegennahm.

Die Arbeit auf der Wache nahm zwei Nachmittage pro Woche in Anspruch. In Hut und Mantel gehüllt, kam und ging Max und überließ seinen Laden so lange dem jungen Mann, den er rasch eingestellt hatte, um die Kundschaft zu beruhigen – nein, der Schuhmacher war nicht krank! Des Nachts nutzte er seine Schlaflosigkeit und reparierte Schuhe und dachte an früher.

Als er ein Kind war, hatte sein Großvater zu ihm gesagt, »wenn Reden Silber ist, dann ist Schweigen Gold«. Erst mit zwölf verstand Max, was er damit gemeint hatte. Mit vierzehn wagte er es, ihm zu widersprechen, indem er erklärte, Reden sei weder Silber noch Gold, denn »Schweigen bewahrt zwar vor dummem Gerede, aber auch vor klugen Worten«. Sein jugendliches Ungestüm war jedoch von kurzer Dauer. Mit zwanzig beschloss Max, nur noch das Nötigste zu sagen und zu hören, mied schmeichlerische Blicke und achtete nicht auf die Geschichten, die man ihm über den Ladentisch zuflüsterte. Wozu sich um den neuesten Klatsch kümmern, wenn ihn schon der von gestern nicht interessierte? Er lebte gern allein, und so sollte es auch bleiben. Frauen, nur ohne Verbindlichkeiten. Er war kein Freund von Schmeicheleien. Wozu lächeln, wenn es nicht ernst gemeint war? Das überließ er den Klientelschiks mit ihren Koffern voller Tand, die für Geld, das kaum jemand hatte, Dinge verkauften, die niemand brauchte. Oder den Verfechtern verrückter Ideen wie eines jüdischen Staates, den die Zionisten im Mittleren Orient errichten wollten.

»Das ist für die Keren Kajemet LeJisrael«, hatte das Mädchen am Tag zuvor lächelnd gesagt und ihm eine bläuliche Metallbüchse hingehalten. »Helfen Sie mit bei der Gründung des jüdischen Staates!«

»Ein jüdischer Staat?« Max hämmerte auf einer Sohle herum. »Was für ein idiotischer Traum!«

»Idiotischer Traum? So sprechen Sie von Israel? Ben Yehuda hat das Hebräische wiederbelebt, Tel Aviv wird immer größer, Jerusalem hat eine hebräische Universität, und Millionen von Brüdern kehren zurück ins Gelobte Land. Das nennen Sie einen idiotischen Traum?«

Max antwortete nicht.

Eher neugierig als verärgert fragte das Mädchen: »Kutner, haben Sie einen Traum im Leben?«

Und er, ohne sie anzusehen: »Schuhe reparieren.«

Max war weder schön noch hässlich. Er trug weiße Hemden und schwarze Hosen – das musste reichen. Auch wenn er seine Kahlköpfigkeit und sein blasses Äußeres bedauerte, kamen sie ihm doch gelegen, denn so geriet er gar nicht erst in Versuchung, jemanden verführen zu wollen. Liebe, nicht im Traum. Liebesgeschichten waren nichts weiter als die Zündschnur zum Pulverfass. Erst führten sie auf die Parkbank, dann in die Gotteshäuser, auf die Entbindungsstation und am Ende ins Bordell. Das Junggesellendasein war noch der schnellste Weg zu den Huren. Nachdem Max bei ihnen war, ging er oft am Meer spazieren, mit Blick auf den Horizont, einem Ich zugewandt, das erst in der Stille zum Vorschein kam.

Jetzt, und erst jetzt, mit 37 Jahren, kam ihm der Verdacht, dass Reden weder Silber noch Gold war, sondern eine große Mine voller bunter Steine.

Ob romantisch oder trivial, episch oder belanglos, in den Briefen ging es um alles Mögliche: Gesundheit, Entbehrungen, Religion, Geld. Die eine hatte ein Kind bekommen, der andere zugenommen, und die Nazis marschierten durch Buenos Aires. Ein Mann beschwerte sich bei seinem Bruder über die Ehefrau, in einem anderen Brief schrieb ihm das Miststück selbst. Junge Menschen zitierten Baudelaire, alte aus dem Talmud. Der eine hatte viel, der andere wenig, nie jedoch war es genug. Dem Reichen fehlte es an Liebe, dem Geliebten an Reichtum. Keiner war zufrieden. Genau genommen waren die, die mehr hatten, als sie brauchten, auch die, die mehr brauchten, als sie hatten. Jede Seele war eine eigene Welt. Hier der stille See, dort das tobende Meer, hier der Berggipfel, dort die Ebene. Nicht selten war den Zeilen eine Haarsträhne oder eine Kinderzeichnung beigefügt. Hin und wieder stieß Max auf unverständliche Abkürzungen – ASBIB, LJ, HPS –, die er umgehend in sein Notizbuch übertrug. Ebenso verfuhr er mit komplizierten oder unzusammenhängenden Sätzen. Seine Aufgabe war es, zu übersetzen, und nicht, auszuwerten oder zu zensieren. Am frühen Abend verließ er die Wache angenehm ermüdet. Bevor er in die Straßenbahn stieg, ging er zu einem Imbiss an der Praça Tiradentes und aß mit zweifelhaftem Fleisch gefüllte Pasteten, seine heimliche Leidenschaft.

Die Briefwechsel mit Argentinien ließen ihm keine Ruhe (allein in Buenos Aires lebten mehr Juden als in ganz Brasilien). Manchmal versuchte Max auszurechnen, wie viele andere wohl noch damit beschäftigt waren, den Rest der Welt zu übersetzen. Womöglich waren einige sogar seine Kunden? Hauptmann Avelar zufolge unterlagen Nordamerika und Europa einer »Kommission«, in die er befördert würde, wenn er seine Sache gut machte. Für den Schuhmacher jedoch war die einzig erstrebenswerte Form von Beförderung die Freiheit.

Oder etwa doch nicht?

* * *

Das Theatro Municipal eröffnete die Spielzeit mit Aida. Max betrachtete die großen Fenster und den opulenten Eingang zur Cinelândia, dem Broadway Rios. Er lief durch die Straßen, spähte in die vollen Bars, wo die Kellner mit akrobatischem Geschick ihre Biertabletts hin und her trugen. Die Eleganz stand Schlange vor den Kinos, aus denen Pärchen Arm in Arm herausströmten, sich auf die Parkbänke setzten und gurrten wie die Tauben. Um sie herum Theater, Billardhallen und Cafés, in denen die Stars sich unters Publikum mischten und die Politiker den Journalisten ihre Intrigen quasi in den Block diktierten.

Max blieb vor dem Odeon stehen, vor einem Plakat von Charlie Chaplin. Der legendäre Vagabund saß im Räderwerk einer Maschine gefangen. Darüber stand in großen Buchstaben Moderne Zeiten. Erst kürzlich hatte jemand den Film als »kommunistisches Pamphlet« bezeichnet, weil er sich über den Kapitalismus lustig machte. Wer und wann war das gewesen?

Sechs Uhr, das Licht wanderte vom Himmel hinunter in die Leuchtschriften, Straßenlaternen und Fenster. Hoch oben auf dem Corcovado verbarg die Christusstatue die ersten Sterne und segnete die Pracht zu ihren Füßen. Die Hauptstadt Brasiliens erstrahlte zur nächsten Vorstellung und begeisterte Menschen aus aller Herren Länder. Aber es gab nicht nur Glitzer und Gastfreundschaft. Wer sich dem Rummel nicht anpasste, hatte es durchaus nicht leicht. Das alles erinnerte in keiner Weise an die trüben Tage in Polen, die zurückgezogen lebenden Menschen und den Schnee an den Fersen. Nostalgische Landsleute versuchten, in den Clubs und Bars an der Praça Onze Europa aufleben zu lassen, indem sie ihre Musik hörten und Borschtsch aßen. Triste Schützengräben, in denen sie sich vor dem Getöse verschanzten. Andere waren fasziniert von den Tropen und wollten die Alte Welt vergessen. Die Gläubigen betrachteten Rio mit einigen Vorbehalten, wohl wissend, dass die größte Gefahr in den einsamen Gassen steckte, in der allgemeinen Zügellosigkeit, die jeden Februar den Karneval befeuerte. Schon die iberischen Eroberer hatten erkannt: Es gibt keine Sünde unterhalb des Äquators. Wahrscheinlich war es der Herdentrieb der Brasilianer, der das Auserwählte Volk auseinandertreiben und sein jahrtausendealtes Vermächtnis auslöschen würde. Weder Kriege noch Massaker hatten geschafft, was ein halbes Dutzend Mulattinnen mit Freude vollbrachten: 18 Scheidungen allein im letzten Herbst! Und so lehrte der Heiratsvermittler Adam S.: »Nicht die Diskriminierung ist der Feind unseres Glaubens. Im Gegenteil, sie ist immer unsere Verbündete gewesen.«

In Lapa ging Max zu einer Bahianerin, die die beste Cocada von ganz Rio machte. Gleich in der Nähe konnte man im Clube dos Democráticos sehr gut Fleisch essen. Wer Stockfisch bevorzugte, musste in eine der Kneipen in der Rua dos Inválidos und dort einen hausgemachten Schnaps trinken. Kurz, Max hatte sich zum Kenner von Bars, Restaurants und Ständen entwickelt, nicht, weil er selbst dort verkehrte, sondern dank Carlos, einem Koch aus Nilópolis, der sein eigenes Brot backte und den Verwandten in Argentinien Rezepte schickte.

Es war übrigens eine gewisse Amália W. gewesen, die Charlie Chaplin kritisiert hatte und auch sonst alle neuen Hollywoodproduktionen verfolgte, die Stars katalogisierte und schauspielerische Leistung, Ausstattung und Musik verglich. Amália W.s Kommentare gingen bis in technische Details wie Beleuchtung und Schnitt und brachten den Schuhmacher auf die Idee, zum ersten Mal ein Kino zu betreten.

Irgendwann machte Max sich Gedanken, wie er mit seinem unrechtmäßig erworbenen Wissen umgehen sollte. Er wusste um die Geheimnisse von Dona Berta, seiner ehemaligen Kundin, und auch um den schlechten Gesundheitszustand des Mohels, der die Kinder der Praça Onze beschnitt. Erschrocken hatte er zur Kenntnis genommen, dass die forsche Rosa F. ihren Schwiegersohn verabscheute, einen abergläubischen Tischler, der ihr eines Tages den Sarg zimmern würde. Isaac P. hingegen prahlte mit einem Reichtum, den er in Wirklichkeit gar nicht besaß. Und die arme Helena, die an allem sparte, nur nicht an Problemen? War rundum glücklich. Brief um Brief deckte Max Geheimnisse auf, den Segen der Verfluchten wie den Fluch der Gesegneten. Ein und dieselbe Tatsache stellte sich auf unterschiedlichste Weise dar, mit Hilfe nicht immer haltbarer Behauptungen. Nicht jeder Grund war auch begründet. Die Rose, die bei Rachel duftete, war Samuel ein Dorn. Und die Liebe, so oft besungen und beschrieben, bedeutete selten mehr als zwei einsame Seelen, die halbwegs zueinanderpassten, vereint durch den heiligen Bund der Unterdrückung.

Das sah der Heiratsvermittler Adam S., ein häufiger Gast in Max’ Werkstatt, natürlich anders. Er führte ein Album mit geeigneten Kandidatinnen.

»Die hier hat schon das Brautkleid, fehlt nur noch der Bräutigam. Die hier ist zum dritten Mal verwitwet und steinreich.« Dann fuhr er Max an: »Willst du vielleicht für immer Junggeselle bleiben? Willst du, dass das jüdische Volk ausstirbt, Kutner? Lautet nicht das erste Gebot: ›Seid fruchtbar und mehret euch‹?«

Max jagte ihn meistens zum Teufel. Die Szene wiederholte sich gegen Abend, nachdem Adam S. den anderen Junggesellen in der Nachbarschaft zugesetzt hatte. Aber dann geschah eines Tages etwas Ungewöhnliches. Als Adam S. in die Rua Visconde de Itaúna kam, erwarteten ihn ein freundliches Lächeln und ein Becher Kaffee. Er wurde misstrauisch. Sie tauschten ein paar Nettigkeiten aus, und Max begutachtete die Mädchen. Schließlich schloss er das Album und fragte: »Heißt eine von ihnen zufällig … Hannah?«

Adam S. kratzte sich am Kinn.

»Nicht, dass ich wüsste … ledig oder verheiratet?«

»Ich weiß nicht.«

»Hannahs gibt es viele. Wie sieht sie denn aus, deine Hannah?«

»Ich weiß nicht.«

»Wie, du weißt es nicht?«

Max wich aus.

Nach einer Pause erklärte der Heiratsvermittler: »Halte mich nicht für dumm, Max Kutner! Vierzig Jahre auf Erden haben mich einiges gelehrt. Wer hier nicht drinsteht, steht auch nicht zur Wahl!« Er steckte das Album ein. »Denk an das siebte Gebot: ›Zerstöre nicht das Leben deiner Mitmenschen!‹«

Wunderschön, intelligent, gebildet, mutig, Guita hörte nicht auf, die Schwester in ihren Briefen in den höchsten Tönen zu loben. »Niemand lernt dich zufällig kennen, Hannah. Und wer dich kennenlernt, vergisst dich nie. Wie kann es sein, dass du so wunderbar bist?« Im nächsten Brief dann: »Die Welt ist besser, seitdem du geboren wurdest. Ein Schauspieler hier aus Buenos Aires sagt, es sei ratsamer, eine Frau zu heiraten, die von außen annehmbar und von innen schön ist, als umgekehrt. Aber wer dich kennt, Hannah, der muss sich nicht entscheiden. Du bist in jeder Hinsicht grandios.«

Hannah reagierte in aller Bescheidenheit. »Danke für deine lieben Worte, geliebte Schwester, aber ich habe nicht das Gefühl, deinem Lob gerecht zu werden. Wie heißt es doch so schön? Der Wert entsteht im Auge des Betrachters.« Zwei Wochen später schrieb Guita: »Sei nicht so bescheiden, Hannah! Du schlägst jeden in deinen Bann. Dein erster Mann war völlig verrückt nach dir. Nun gut, das ist Vergangenheit. Jetzt erzähl mir von José. Wo hast du ihn kennengelernt, wie ist er, was macht er?« Hannah beschrieb ihren Verlobten als »arm, aber anständig« und erklärte, sie würden nur standesamtlich heiraten, mit ihren 34 Jahren könne sie schließlich weder Blumenkranz noch Schleifen tragen. Außerdem sei es ihr nach dem jüdischen Gesetz verboten, ein zweites Mal zu heiraten.

Dem jüdischen Gesetz?, wunderte sich der Schuhmacher. Warum konnte Hannah nicht in der Synagoge heiraten?

Wäre Max in Polen gewesen, hätte man ihn aufklären können. Auf dem Land war das Leben von Geboten bestimmt, und wenn es Streit gab, wurden die Rabbiner gerufen. Jede Gemeinde hatte ihre Gelehrten, die stets in pergamentene Bücher versunken waren. In Brasilien war alles anders. Die Religion schien mehr eine Marotte zu sein, eine Zierde, eine gelegentliche Besinnung. Gesetze wurden im Parlament beschlossen, weiß der Himmel wie und warum, sie wurden in Amtsräumen oder in der Snackbar eines Hotels konspirativ erdacht und abgeändert. Wer sich nicht daran hielt, beging keine Sünde, sondern musste mit bürokratischen Unannehmlichkeiten, Strafen, Gerichtsverhandlungen und Gefängnis rechnen.

Max wanderte an der Bucht von Flamengo entlang und dachte über den Irrsinn modernen Lebens nach, während die Brise ihm die Lippen mit Salz benetzte und Niterói am anderen Ufer der Baía de Guanabara funkelte. Hier und da sah man Fischerboote auf dem ruhigen Meer, demselben, über das er eines Tages gekommen war.

1928. Ein Schiff nähert sich von Übersee dem Zuckerhut. Eine Kulisse, bunter als das Fenster in der Synagoge von Kattowitz. »Polizei!«, wurde an Bord gebrüllt. Mit dem Pass in der Hand stellten sich die Passagiere auf. Max wäre am liebsten ins Wasser gesprungen. Beamte blätterten in Papieren, verglichen Fotos, diskutierten in einer seltsamen Sprache. Hin und wieder nahmen sie jemanden zur Seite und stellten ihm Fragen. Max biss die Zähne zusammen, als er unerwartet in tadellosem Jiddisch angesprochen wurde.

»Jude?«

»Ja.«

»Pass.«

Nach einem Blick in den Ausweis: »Schalom, Senhor Kutner. Familie, Freunde in Brasilien?«

Niemanden.

»Geld, Pläne?«

Nichts. Der Mann reichte ihm eine Karte, auf der »Relief« stand.

Bevor sie anlegten, wurden sie auf die Ilha das Flores gebracht und dort von der Gesundheitsbehörde untersucht. Gewissenhafte Männer in weißen Kitteln ließen sie den Mund aufreißen und Arme und Beine heben. Zwei Familien wurden unter Quarantäne gestellt. Gott wollte es, dass Max keine Probleme bekam und kurze Zeit später, benommen vor Bewunderung, das Festland betrat, wo er aus der Menge am Kai der Praça Mauá schließlich das Schild mit dem Aufdruck »Relief« erblickte. Mit dem Wagen brachte man ihn in ein Haus an der Praça da Bandeira, voller Akten, Tresore und Schreibmaschinen. Es handelte sich um eine jüdische Organisation für Neuankömmlinge, die Grünen genannt. Man fragte ihn nach Beruf, Alter, Familienstand. In weniger als einer Stunde hatte man ihm ein Hotel in Estácio besorgt, Geld ausgehändigt und dazu eine kleine Fibel mit portugiesischen Wörtern, die er dort im »Relief« lernen sollte. Nach einem Monat nahm Max eine Stelle in der Schuhmacherei eines Landsmanns an, und drei Jahre später kaufte er den Laden in der Rua Visconde de Itaúna.

Trotz aller Widrigkeiten gab es in der Gemeinde Clubs, Bars, Bibliotheken und sogar rivalisierende Gruppen, mit Synagogen, in die die einen nicht gingen, und Zeitungen, die die anderen nicht lasen. In den Bars wurde nächtelang diskutiert, jeder wollte die Welt auf seine Weise retten. Auf den Straßen sah man Rabbiner, Matronen, Klientelschiks, Heiratsvermittler und sogar die verhassten – »Polackinnen« genannten – Prostituierten. Zum ersten Mal begegnete Max sephardischen Juden mit ihren Bräuchen und Synagogen, die einen spanisch klingenden Dialekt namens Ladino sprachen. Erfahrene Kaufleute halfen den aschkenasischen fliegenden Händlern, indem sie ihnen die Stoffe in Kommission gaben, die diese von Tür zu Tür verkauften. Auch am äußersten Stadtrand lebten Juden, auf engstem Raum zusammengepfercht. Die Wohlhabenderen wohnten in gut gelegenen Apartments und verbrachten den Sommer in Strandhäusern in Ipanema und Leblon.

Man kann sagen, dass die Praça Onze das Herz der Gemeinde bildete, aber sie »jüdisches Ghetto« zu nennen wäre gelogen. Es lebten Italiener dort, Portugiesen, Libanesen und sogar Brasilianer. Ganz in der Nähe lag der Bahnhof Central do Brasil, wo ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Dahinter erstreckten sich auf dem Morro da Providência Baracken und Macumba-Stellen, zwischen denen illegaler Handel betrieben wurde. Kinder unterschiedlichster Hautfarben liefen umher, spielten mit Hula-Hoop-Reifen oder Fußball und brüllten in ihrem Esperanto durcheinander. Auf dem Platz, nach dem das Viertel benannt war – in Gedenken an die Schlacht auf dem Riachuelo am 11. Juni 1865, während des Krieges gegen Paraguay –, gab es Bäume, Grünanlagen, einen Musikpavillon und einen Brunnen. Die Häuser ringsum waren in Pastelltönen gehalten. Grüne Berge schlängelten sich am Horizont und warfen Schatten auf Täler und Flüsse, umgeben von Wolken, die sich an den Hängen verfingen und die Landschaft neu gestalteten, so dass man hier und da eine Kontur entdecken konnte, eine Schattierung, einen kurzen Moment voller Schönheit.

Manchmal musste Max in schimmeligen Amtsstuben erscheinen, um seine Einwanderungspapiere zu erneuern, Fingerabdrücke zu geben, Formulare zu unterschreiben. Reine Formalitäten. Das Paradies hatte schließlich auch seine Regeln.

* * *

Buenos Aires, 3. Januar 1937

Hannah,

womit verdient Dein Verlobter seinen Lebensunterhalt? Das habe ich Dich schon mehrmals gefragt! Und komm mir nicht mit Ausflüchten wie »Das ist doch nicht wichtig« oder »Ich will nur meinen Frieden«. Und ob es wichtig ist! Falls Du es nicht weißt, der Frieden liegt nicht in der Armut. Du bist wunderschön, intelligent. Du hast einen Hollywoodstar verdient!

Mag Josef ihn?

Deine Dich liebende Guita

*

Rio de Janeiro, 21. Januar 1937

Meine liebe Guita,

warum soll ich von meinem Verlobten sprechen? Zwing mich nicht zu erklären, was ich mir selbst nicht erklären kann. José ist ein guter Mann, Punkt.

Ich habe viel gearbeitet. Das Weihnachtsgeschäft lief phantastisch, und mein Chef überlegt, eine Filiale zu eröffnen. (…)

Josef war eine Zeitlang deprimiert, aber jetzt geht es ihm besser.

Küsse, Hannah

*

Buenos Aires, 15. Februar 1937

Ach, Hannah, wenn ich Dich bloß besuchen könnte! Aber ich muss hier in Argentinien bei meinem Mann bleiben. Morgen fahren wir auf unsere Hazienda in der Nähe von Rosario. Die Mais- und Weizenernte waren schlechter als erwartet. Jayme spielt mit dem Gedanken, Land in São Paulo zu kaufen, er will in Kaffee und Orangen investieren.

(…)

Ich schwöre, dass ich versuche, Dich zu verstehen! Verwechsle nicht Anstand mit Armut, Hannah! Es gibt genauso anständige Reiche wie es unanständige Arme gibt! Ich weiß, dass Anstand für Dich unverzichtbar ist. Aber das Unverzichtbare ist nicht immer genug. Deswegen beantworte mir ein für alle Mal, was José macht, und hör auf mit diesem Versteckspiel!

Deine Guita

*

Es ist leicht, zu urteilen, ohne zu verstehen, Guita.

Schwer ist es, zu verstehen, ohne zu urteilen.

Hannah

* * *

»Was wünschen Sie?«, fragte die Frau mit einem künstlichen Lächeln.

Max hatte sämtliche Stoffe im Laden befühlt.

»Könnte ich … Hannah sprechen?«

»Einen Moment.« Die Frau war beruhigt und ging sie holen.

Max wischte sich über die Stirn und rieb sich die Hände. Kurz darauf erschien ein altes Mütterchen mit krausem Haar, schmutziger Schürze und portugiesischem Akzent.

»Ja, bitte? Ich bin Ana.«

Wieder ein Reinfall. Der Schuhmacher streunte zur Mittagszeit durch das Zentrum auf der Suche nach Läden, deren Weihnachtsgeschäft »phantastisch« gelaufen sein könnte. Aber in keinem von ihnen traf er Guitas Schwester an. Er hatte fast die gesamte Rua da Alfândega abgegrast, ganz zu schweigen von den Geschäften am Largo de São Francisco und in der Rua do Ouvidor. War er verrückt geworden? Bisher hatte er weder zu Obsessionen geneigt noch sich übermäßig für etwas engagiert, das nichts mit seiner Werkstatt zu tun hatte. Was war nur los mit ihm? Wo sollte das enden?

Niedergeschlagen erschien er zur Arbeit.

»Guten Tag, Senhor Kutner.« Dona Beth rieb sich die verweinten Augen. »Sehen Sie sich das an.«

Sie hielt ein paar Stiefel in der Hand, in der Sohle steckten Nägel und Splitter.

»Die sind von meinem Sohn. Sie wissen ja sicher schon …«

»Was weiß ich?«

Die Polizei war während einer zionistischen Veranstaltung mit Schlagstöcken in die Israelitische Bibliothek eingedrungen. Ergebnis: 15 Verhaftungen, Trümmer, verbrannte Bücher und Möbel. Ein Heer von Müttern kampierte im Hof der Wache, die anderen beteten in den Synagogen. Dona Beth holte eine angesengte Mesusa aus der Tasche.

»Die lag auf dem Boden.« Und dann, in Tränen aufgelöst: »Warum behandelt man uns so? Was haben wir ihnen getan?«

Max musste schlucken. Er erinnerte sich gut, dass ein Mann die Bibliothek erwähnt hatte, in der sein Cousin »seltsame« Bekannte traf. Es war ein langatmiger Brief gewesen, und so albern, dass sein Verfasser ihm meschugge vorgekommen war, aber was hatte Max damit zu tun? War es denn seine Aufgabe, einzelne Ausdrücke herauszufiltern und über ihre Bedeutung zu spekulieren, war er nicht einfach nur ein Übersetzer?

Vielleicht enthielt die Mesusa die Antwort.

Max ließ Dona Beth stehen, lief in sein Zimmer und riss das Bild von Shlomo vom Nachtisch. »Was soll ich tun, Sejde? Sag es mir! Mich mit denen da oben anlegen? Mich den Generälen widersetzen, Sejde? Um Himmels willen, antworte!«

Der Alte strich sich über den Bart.

»Überstürze nichts, mein Junge. Handle mit Bedacht. Man muss den Schlamm aufwühlen, statt ihn festzuklopfen.«

Als Max am nächsten Tag auf die Wache kam, erwartete ihn Hauptmann Avelar.

»Kommen Sie mit.« Sie betraten einen fensterlosen Raum. »Entlocken Sie diesem Wurm, der offenbar kein Wort Portugiesisch spricht, ein Geständnis.«

Auf dem Boden erblickte er ein »israelitisches Subjekt«, der Mann wurde beschuldigt, Orangen gestohlen zu haben.

»Ja, das stimmt«, gestand er auf Jiddisch. »Und nicht eine oder zwei, sondern drei. Ich habe sie mit Schale und allem hinuntergeschlungen.«

Nervöses Räuspern.

»Und finden Sie das … richtig?«

»Nein! Sie waren viel zu sauer!«

Avelar stieß den Schuhmacher an.

»Was hat er gesagt?«

Max dachte an die Mesusa.

»Dass er keine Orangen gestohlen hat.« Wochen später saß Max an seinem Tagewerk und entdeckte in einem Brief das Bild eines Mädchens.

»Auf der Rückseite«, machte ihn Onofre aufmerksam. »Da steht etwas auf der Rückseite.«

»Sehen Sie sich das Kind genau an«, stand da mit Schreibmaschine geschrieben. »Verräterischer Jude, Faschistenschwein! Ihretwegen sitzen seine Eltern im Gefängnis!«

Max wich die Farbe aus dem Gesicht, ihm blieb der Atem weg, und der Schweiß brach ihm aus.

»Ich müsste mal zur Toilette.«

Er blickte in den gesprungenen Spiegel und sah keinen untertänigen Feigling, sondern einen Helden, der die feindlichen Reihen unterwanderte. Er hatte keine Wahl, zumal er erst vor kurzem die Worte eines Philosophen übersetzt hatte: »Damit das Böse regiert, reicht es, wenn die Guten schweigen.« Abgesehen davon bekäme die Spionageabwehr sowieso bald heraus, falls sie es nicht schon wusste, dass Max Kutner Briefe für die Polizei übersetzte. Und dann würden sie auch alles andere erfahren.

Max musste sich die bittere Wahrheit eingestehen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sein größtes Geheimnis entdeckten. Er malte sich aus, wie man ihn erpresste, die Briefchen, die flüchtigen Blicke. Er hörte die Leute rufen: »Hast du schon gehört? Max Kutner ist gar nicht Max Kutner!«

* * *

Polen, Januar 1928

In Kattowitz herrschte eisiger Winter. Vor den Toren des Friedhofs, auf dem Max Goldman seinen Vater beerdigte, wurden Kartoffeln und Brennholz gehandelt. Er weinte nicht, und er würde es auch im Laufe der siebentägigen Trauerzeit nicht tun. Am achten dann verschenkte er Leons Sachen und suchte einen Reiseagenten auf. Er wollte Polen verlassen, vielleicht sogar Europa. Schluss mit dem Elend! Der Mann schlug eine dicke Mappe auf und breitete die Welt vor ihm aus. Die USA hatten nach einem Antieinwanderungsgesetz die Grenzen dichtgemacht. Australien war zu teuer und zu weit weg. Sowohl in Südamerika als auch in Palästina gab es Landwirtschaftskolonien. Max wollte es sich überlegen.

Im Februar klopfte der Agent an seine Tür, mit einem Angebot, das er unmöglich ablehnen konnte.

Ein reicher Unternehmer aus Pinsk – mit Vornamen Max, wie der Schuhmacher – wollte im März nach Brasilien reisen. Nur dass ein paar Tage zuvor sein Wagen in einen reißenden Fluss gestürzt und er selbst verschwunden war. Da der Reiseagent im Besitz seines Passes war, war dies die Gelegenheit für Goldman, den Platz des Verstorbenen einzunehmen.

»Sie gehen nicht das geringste Risiko ein. Der Mann gilt ja nicht einmal als tot.«

Max fasste sich ein Herz. »Wie viel wollen Sie?«

Er verkaufte alles, beglich seine Schulden, nahm den Zug in Richtung Norden und ging in Danzig an Bord, ohne sich auch nur einmal umzusehen. Lebe wohl, Polen!

Während er in der Kabine den Koffer auspackte, brachte der Zimmerservice die Handtücher.

»Die sind für Frau Kutner.«

Er erschrak. »Frau Kutner?«

Der Mann sah in der Liste nach.

»Herr und Frau Kutner.«

»Also …« Max räusperte sich. »Sie ist nicht mitgekommen.«

Er hätte den Reiseagenten am liebsten umgebracht. Das fehlte ihm gerade noch: an der Seite einer Witwe reisen zu müssen oder, noch schlimmer, mit einer Betrügerin. Der Schreck saß ihm noch eine Weile in den Gliedern, bis sie am zweiten Tag die Ostsee hinter sich ließen und sich vor ihnen die Nordsee in nicht enden wollender Pracht auftat. Da war die Vergangenheit endlich Vergangenheit, und Polen verlor an Schärfe, so wie die Zwiebeln, die seine Großmutter zu Hause gekocht hatte.

»Max Kutner«, sprach der Schuhmacher feierlich.

Auf Deck im Liegestuhl genoss er das Mondlicht, den immer sanfteren Wind und hörte die Menschen in fremden Sprachen sprechen. Das Schiff war ein schwimmendes Babel mit drei Klassen, Spielkasino und dazu einer Band von Albinozwergen, die Charleston spielten.

Unglaublich. Bisher hatten sich seine Reisen auf die Kutschbockfahrten von Kattowitz ins Dorf seiner Großeltern beschränkt. Unterwegs gab es neben den

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