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Hanna lebt

Ins Leben

Beim Kochen eines Rübeneintopfes in der Küche ihrer bescheidenen Wohnung, sank Ella-Marie Mauchert plötzlich in die Knie. Ein Schmerz durchzog ihren Unterleib. Es begann mit einem Stechen, schwoll weiter an, alle Muskeln verkrampften sich. Von außen nach innen verhärtete sich ihr Bauch zu einer festen runden Kugel. Ihre Atmung stockte, ihr blieb die Luft weg. Dann beschleunigte sich plötzlich ihr Herzschlag. Sie hielt sich mit beiden Händen am Küchentisch fest. Ihre Finger krallten sich in die abgenutzte Holzoberfläche.

Die Wehen hatten eingesetzt. Sie versuchte zu atmen, japste nach Luft und krümmte ihren Oberkörper. Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn. Dann war es vorbei. So schnell der Schmerz begann, verschwand er wieder, zumindest für zehn Minuten. Dann setzte er erneut ein. Sie hielt sich erneut an der Kante des Tisches fest, versuchte ruhig zu bleiben, ein- und auszuatmen. Die Schmerzwelle zog vorbei, schneller als beim ersten Mal.

Ella-Marie stellte den Herd aus, rührte das Essen noch einmal um und setzte sich auf den Küchenstuhl. Sie wartete ab und war sich sicher, dass gleich eine nächste Wehe einsetzen würde. Nichts passierte. Nach einer Viertelstunde erhob sie sich. Der Wäschekorb stand im Flur an der Tür. Die Wäsche hing noch auf dem Dachboden zum Trocknen.

„Die hole ich noch schnell runter“, dachte sie, stand auf, ging zur Tür und bückte sich zum Wäschekorb hinunter. Als sie sich aufrichtete, hielt sie kurz inne. Ihr dicker Bauch wölbte sich unter ihrer Schürze hervor. Sie strich über die Rundung, als wolle sie den Stoff glatt streichen.

Mit behäbigen Schritten ging sie die Treppen hinauf. Stufe für Stufe, langsam, gleichmäßig atmend. Oben ließ sie den Korb auf den Fußboden gleiten und begann Hemden, Socken und Bettwäsche abzuhängen. Als sie sich zum letzten Laken an der Leine reckte, spürte sie einen dumpfen Stich im Unterleib. Gleich darauf merkte sie, wie sich ein warmer Schwall zwischen ihren Beinen ergoss. Sie blickte erschrocken nach unten. Die Flüssigkeit lief ihr die Beine hinunter und unter dem Rock hervor. Langsam kroch das milchige Fruchtwasser über den Dielenboden, breitete sich um ihre Füße herum aus. Eilig nahm Ella-Marie die Wäsche, raffte den Rock und machte sich auf den Rückweg in ihre Wohnung, eine nasse Spur hinter sich herziehend. Bereits im Treppenhaus überkam sie die nächste Wehe. Heftiger und länger als die vorherigen beiden. Ella-Marie musste sich am Treppengeländer festhalten. Ihre Beine zitterten, Schweiß trat ihr, trotz der Kälte im Hausflur, auf die Stirn. Als die Welle des Schmerzes vorüber war, ging sie weiter. Noch langsamer als auf dem Weg hinauf, schlich sie nun behutsam die Treppe hinunter. Noch nicht ganz im ersten Stock angekommen, kam bereits die nächste Wehe. Mit einer Hand tastete sie nach ihrem Bauch. Er war fest, wie Stein.

„Ich muss atmen“, dachte Ella-Marie.

„Einatmen, ausatmen“, diese beiden Anweisungen sagte sie sich mantraähnlich im Geiste immer wieder auf. Nach dem siebten Ausatmen ließ die Kontraktion nach.

Mühsam schleppte sie sich zur Haustür, ließ den Korb fallen und umfasste mit beiden Händen den Türrahmen. Schon wieder setzte der Krampf im Unterleib ein. Sie fühlte, wie sich ein festes Band um ihren Leib zog und sich immer stärker zusammenschnürte. Ihr Bauch wurde erneut steinhart, alle Muskeln ihres Körpers schienen sich zusammen-zuziehen. Das Fruchtwasser klebte an ihren Beinen. Sie griff nach dem Türknauf und fühlte eine Spur von Panik aufkommen.

Ihr Mann Robert war nicht zu Hause und auch sonst nicht erreichbar. Er würde auch morgen und übermorgen nicht nach Hause kommen. Als Soldat musste er seinem Land dienen. Es war Krieg.

Robert Mauchert war irgendwo mit seiner Kompanie in Richtung Frankreich unterwegs, verbachte Wochen und Monate im Schützengraben. Ella-Marie erhielt nur wenig Post und wenn ihr Mann ihr schrieb, dann nur ein paar kurze Sätze. Sie wusste nicht, wie es ihm erging, was er durchmachte, welchen Gefahren er wirklich ausgesetzt war. Sie wusste auch nicht, wie groß seine Angst jeden Tag war, wenn ein neues Feuergefecht einsetzte. Und sie wusste auch nicht, ob er sie vermisste wie sie ihn. Sie hoffte es, aber wenige Post, die sie von ihm erhielt, gab ihr keine Gewissheit.

Robert war weit weg und konnte seiner Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes nicht zur Seite stehen. Ella-Marie blieb nichts anderes übrig, als bei der Nachbarin zu klopfen und um Hilfe zu bitten.

Doch das war gar nicht mehr nötig. Ihre Nachbarin Frau Peters hatte schon das Poltern gehört, als Ella-Marie den Wäschekorb fallengelassen hatte. Sie war bereits an der Tür, um nachzusehen, was passiert war. Ella-Marie stand gekrümmt vor ihrer Wohnungstür und hielt sich den Bauch, als könne er jeden Moment vom Körper fallen. Frau Peters begriff die Situation sofort. Für den Weg ins Krankenhaus war es längst zu spät. Auch eine Droschke würde nicht so schnell kommen. Die Wehen folgten schnell und heftig aufeinander. Mit Unterstützung der Nachbarin gelangte Ella-Marie auf ihr Bett. Frau Peters holte eiligst ein paar Handtücher und Bettlaken und setzte in der Küche Wasser im Kessel auf. Mit hoch-geschobenem Rock lag Ella-Marie auf der Matratze und atmete schwer. Plötzlich begann sie zu hecheln, dann immer lauter zu stöhnen und zu schreien. Schon nach wenigen Minuten guckte das Köpfchen heraus. Auch Frau Peters standen die Schweißperlen auf der Stirn, doch sie meisterte die Geburtshilfe, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan.

Fast ein ganzes Leben später

Den Bewohnern im Pflegeheim in Hamburgs-Schnelsen stieg an diesem ungemütlichen Tag im November die Kälte in die Glieder und ließ jeden unwillkürlich schaudern. Auch mir fröstelte. Seit dem Wochenende tobte das Tief William über Norddeutschland und bescherte nasskaltes Herbstwetter mit Sturm, Regen und morgendlichen Nebelschwaden, die über die Wiesen und Felder krochen, aber auch in Straßen und Höfen gespenstische Atmosphäre verbreiteten. Die Temperaturen bewegten sich zwischen vier und sieben Grad, fühlten sich aber eher wie ein eiskalter Hauch an, der an sibirische Winter erinnerte.

Dabei waren die ersten Tage im November noch mild und mit einzelnen Sonnenstrahlen freundlich und fast frühlingshaft gewesen. An diesem 15. November aber war es draußen besonders grässlich. Der Nebel hing bleiern in der Luft und schien Mensch und Landschaft in einen grauen Schleier zu hüllen. Ich saß in dem braunen Cordsessel am Fenster meiner kleinen, düsteren Wohnung, die gerade mal die Größe eines durchschnittlichen Hotelzimmers hatte. Neben mir ragte die Eichenvitrine wuchtig in den Raum. Von meiner Wohnzimmereinrichtung aus der Beethovenstraße hatte ich nur ein paar wenige Möbelstücke mitnehmen können, für mehr reichte der Platz in meinem neuen Heim nicht. Außer dem Sessel und der Vitrine waren das kleine Zweisitzersofa und die Kommode vom alten Inventar geblieben. Die Kommode passte nur knapp in die Nische zwischen Schrank und Regal, die ich beide von meiner Vorgängerin übernommen hatte.

Auf dem Regal stand der Fernseher. Vor dem Sofa gab es einen kleinen Tisch, der mit TV-Zeitschriften und Kreuzworträtseln überladen war. Zwei Kugelschreiber lagen auf dem Boden. Ich würde die Schwester bitten, diese aufzuheben, wenn sie wieder einmal vorbeikäme. Ich konnte mich selbst nicht mehr bücken, mein Rücken war steif und schmerzte. Meine ursprüngliche Körpergröße war in den letzten Jahren um mindestens zehn Zentimeter geschrumpft, weil meine Wirbelsäule um die Brustwirbel herum so stark gekrümmt war, dass ich nur mit viel Mühe nach oben schauen konnte. Überhaupt konnte ich mich kaum noch bewegen. Morgens wurde ich vom Hauspersonal geweckt, aus dem Bett gehoben und angezogen. Abends das gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Fast den ganzen Tag saß ich in meinem Sessel, dessen Cordstoff an der Sitzfläche und der Armlehne schon die Spuren der Zeit trug. Bald würde der Stoff durchgewetzt sein und die Schaumstoffpolsterung würde hervorquellen.

Von dem Platz im Sessel aus konnte ich fernsehen oder aus dem Fenster schauen. Nur zu den Mahlzeiten machte ich mich auf den Weg in den Speiseraum, der eine Etage tiefer und einen Gang weiter links lag. An schlechten Tagen brauchte ich eine halbe Stunde, um von meinem Zimmer aus mit dem Gehwagen dort anzukommen. Aber die Zeit hatte ich.

Der Überfluss an Zeit machte mir an einigen Tagen schwer zu schaffen. Die Tage zogen sich endlos hin. Ich saß nur da, vertrieb mir Stunde für Stunde und wartete insgeheim sehnsüchtig darauf, dass jemand mich anrief. Vielleicht mein Enkelkind, meine Tochter oder mein Sohn. Aber meistens rief keiner an. Alle hatten zu tun, waren beschäftigt oder hatten andere Dinge im Kopf.

Ich hatte viel Zeit, meinen Gedanken nachzugehen. Erinnerungen kamen und gingen. Plötzlich schoben sich Szenen aus meinem Leben in mein Gedächtnis.

Erschienen vor meinem inneren Auge, klar und deutlich, als wären sie gerade erst geschehen.

So sah ich mich plötzlich in diesen Saal wieder. Nur wenig Gäste hatten sich versammelt. Es war sehr still. Doch ich fühlte ein Knistern in der Luft. Oder war es das Knistern meines steifen Unterocks?

Auch dieser Tag war besonders kalt. Ich fror in meinem Kleid. Aber das wollte ich mir nicht anmerken lassen. Es war mein Tag, mein ganz besonderer Tag, der einer der wichtigsten in meinem Leben sein sollte. Ich hob den Kopf und sprach mit leiser Stimme: „Ja, ich will. In guten, wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod uns scheidet.“ Meine Stimme war leise, fast zaghaft.

Diese Szene war mehr als sechzig Jahre her und ging mir an diesem ungemütlichen und stürmischen Herbsttag durch den Kopf, als wäre es nur ein paar Tage her. Ich wusste nicht, warum, aber das süße Versprechen längst vergangener Tage klang in meinem Kopf wider, waberte hin und her. Der Satz wiederholte sich, ließ sich nicht aufhalten. Fetzen klangen nach, Worte hallten wider. Gesichter tauchten dazu auf. Undeutliche, verschwommene Züge, dann wieder kurze klare Fragmente.

Warum musste ich gerade jetzt daran denken, an den Moment vor vielen, vielen Jahren, als das Versprechen ausgesprochen wurde, ohne zu wissen, wie lange es Gültigkeit haben würde. Es stimmte mich wehmütig und passte genau zum Wetter, das eine immer größere Bedeutung für mein Wohl-befinden einnahm, je älter ich wurde.

Ich blickte in den grauen Innenhof. Ein älterer Herr mit Gehstock quälte sich über die Waschbetonplatten voran. Den Kragen seines Mantels hatte er hochgeschlagen, den Schal fest um den Hals gebunden. Unter seiner wollenen Mütze war sein Gesicht nicht zu erkennen. Er schlich leicht vorgebeugt mit schleppenden Schritten quer über die Anlage. Später am Vormittag wurde eine Frau in einem Rollstuhl vom Hauptgebäude zum Nebeneingang ihres Wohnblocks durch den Hof geschoben. Auch sie war warm eingehüllt in einen dicken Mantel mit Mütze und Decke über den Knien.

Der heutige Tag war frostig und ungemütlich. Die kriechende Kälte ließ sich nicht abschütteln. Sie fraß sich in den Körper hinein, sodass keiner freiwillig nach draußen ging.

Auch die Bäume waren kahl, trugen keine Blätter mehr. Der Wind hatte schon vor einigen Tagen die übrig gebliebenen fort geweht und damit den letzten Farbtupfer verschwinden lassen. Ein dumpfer Grauton umhüllte das Gesamtbild. Der November zeigte sich in seiner ganzen Trostlosigkeit und in einer Tristesse, die kaum zu überbieten war.

Im Altenpflegeheim im Kettlerweg in Hamburg-Schnelsen blieb es an diesem Tag ungewöhnlich still. Ich hörte keine Geräusche vom Fernseher von nebenan, wie es sonst oft der Fall war. Meine Nachbarin, die 97jährige Frau Petersen, stellte den Apparat oft so laut, dass ich die Volksmusik oder die Quizshows direkt von der benachbarten Wohnung, die genauso winzig und düster war wie meine, bei mir mitverfolgen konnte, obwohl ich selbst auch nicht mehr gut hörte.

Auch vom Flur drangen kaum Geräusche zu mir herein. Drinnen und draußen war es ruhig. Kein Wind, kein Sturm, kein Regen. Die Äste bewegten sich nicht, die Landschaft wirkte wie eingefroren. Alles erschien kalt und leblos. Im Innenhof trat eine Pflegerin aus einer Seitentür, drückte sich an die Hauswand, zog die Jacke noch enger um den grünen Kittel, der unter dem Jackensaum hervor lugte. Aus der Jackentasche holte sie eine Zigarettenschachtel, fischte eine Zigarette heraus und zündete sie mit einem Feuerzeug an. Als sie einen tiefen Zug genommen hatte, blies sie den Rauch in die kühle Luft. Anders als ihr Atem, bildete die ausgeatmete Zigarettenluft eine waagerechte Linie und verfiel an ihrem Ende zu einer diffusen Wolke.

Kurz schloss die Pflegerin die Augen und lehnte sich mit den Rücken an die marode Wand, die deutliche Verwitterungsspuren zeigte. Der rote Backstein hatte einen sichtbar grünen Schatten vom Moosbefall und auch die Fensterrahmen daneben zeigten dunkle Verfärbungen und waren kaum noch als Weiß erkennbar. Die Farbe war mit der Zeit an einigen Stellen abgeblättert und an den anderen nach-gedunkelt. Das Altenheim war insgesamt in einem erbärmlichen Zustand. Man konnte deutlich sehen, dass an allen Ecken und Enden das Geld fehlte. Das Heim bot denjenigen eine letzte Bleibe, die nicht viel besaßen und mit einer kleinen Rente auskommen mussten. Ich brauchte nicht lange über eine Altenresidenz nachdenken. Natürlich wäre es schön gewesen, in einer gepflegten, schicken Wohnanlage meinen Altersruhesitz zu beziehen. Mit lächelnden Damen an der Rezeption, regelmäßigen Bridgeabenden, Opernausflügen und Literaturrunden. Vielleicht sogar einem Schwimmbad, zweimal in der Woche Tanz und einem Restaurant mit Speiseauswahl. All das gab es in der Hansestadt Hamburg und ich hatte von derartigen, luxuriösen Angeboten schon gehört, hatte Prospekte gesehen und mir Erzählungen vom angenehmen Lebensabend im exklusiven Ambiente angehört. Aber für mich kam das nicht in Frage. In keinerlei Hinsicht.

Das Heim im Kettlerweg war mein Los für meinen Lebensabend. Die Unterkunft war sozial gefördert, sonst hätte ich mir nicht einmal das leisten können. Im Speisesaal gab es Neonbeleuchtung, praktische Esstische mit Metallkanten und Holzstühle mit abgewetzten Sitzflächen. Das Essen schmeckte meist fade und nach Großküche. Aber ich wurde satt. Dafür musste ich dankbar sein. Ich aß sowieso nur wenig und hatte in den letzten Jahren stark an Gewicht verloren. Dabei war ich schon immer schlank gewesen und hatte als junge Frau eine sehr gute Figur, die meine Weiblichkeit dezent betonte. Ein altes Foto von mir auf der Kommode war ein Beweis dafür. Es zeigte mich, Hanna, mit meinem Mann Alwin, kurz nach unserer Hochzeit. Wir standen etwas steif unter einem Kastanienbaum. Alwin hatte einen Arm um meine Schulter gelegt, während ich versuchte, kerzengerade auszuharren, bis der Fotograf sein Foto geschossen hatte.

Meine Kinder hätten mir sicher bei der Finanzierung eines Altersheimes, das etwas mehr Komfort bot, unter die Arme greifen können und ihren Teil dazu beigetragen, dass ich eine etwas angenehmere Unterkunft bekommen hätte und bessere Pflege. Aber ich wollte ihnen auf keinen Fall auf der Tasche liegen. Das hatte ich mir mein Leben lang geschworen und zur Maxime gemacht. Ich wollte weder auf Almosen, noch auf Geschenke angewiesen sein.

„Ja, meine Kinder.“

Geistesabwesend schaute ich aus dem Fenster. Die rauchende Pflegerin war verschwunden. Mein Blick ging über das Beet, das im Sommer vom Hausmeister bepflanzt wurde. Jetzt sah man nur noch Laub, verklumpte Erde, die teilweise darunter hervorguckte und Reste von Unkraut. Mir liefen unwillkürlich ein paar Tränen herunter. Das passierte mir in letzter Zeit immer öfter. Ich wurde im Alter sentimental. Ich schloss die Augen. Die Erinnerungen kamen immer wieder, flackerten wie ein kleiner Lichtstrahl auf und verschwanden. Wie Nebelschwaden über dem Seeufer, die plötzlich den Blick freigaben, dann aber wieder die Umgebung in dichten Dunst tauchten.

Manchmal waren die Bilder aber auch ganz klar, verschwammen nicht und spielten Szenen, wie in einem Film ab. Es waren meist die selben Handlungen von dem Mann, der mir alles bedeutet hatte. Wie in einem Traum wollte ich nach ihm greifen, ihn festhalten, doch ich verlor ihn immer wieder. Und dann löste er sich auf.

Das Leben beginnt

Nach der vierten Presswehe war ich auf der Welt. Meine Mutter gab mir den Namen Hanna Elisabeth. Eingewickelt in ein frisches Tuch nahm sie mich am 20. Januar 1916 glücklich und erschöpft in ihre Arme. Auch Frau Peters war stolz. Sie schob, wie eine Siegerin nach einem gewonnenen Kampf, die gekrempelten Ärmel des Kittels noch ein bisschen höher. Ihre Wangen waren rot und unter dem Kopftuch schauten zerzauste Haarsträhnen hervor, die sie sich flüchtig mit den Handrücken aus den Augen schob, während sie meine Mutter und mich anlächelte. Ihr Gesichtsausdruck verriet, was sie dachte: „So, das hätten wir geschafft.“

Noch viele Jahre später erzählte meine Mutter gerne, wie leicht die Geburt gewesen war, ein Kinderspiel. Die Schmerzen waren längst vergessen.

„Bei solchen Geburten kann ich noch zehn weitere Kinder bekommen,“ hat sie damals oft zu meinem Vater gesagt. Doch dazu kam es nicht.

Nach dem Krieg kehrte mein Vater heim. Den Feldzug hatte er ohne schlimme Verwundungen überstanden. Das grenzte fast an ein Wunder. Viele seiner Freunde und Kameraden waren bei den Gefechten und Angriffen schwer verletzt worden oder gestorben. Im Familien- und Freundeskreis gab es unzählige Tragödien. Junge Familien, die plötzlich keinen Vater mehr hatten, Ehefrauen, die viel zu früh junge Witwen wurden und Kinder, die als Halbwaisen groß werden mussten. Meine Mutter war unendlich erleichtert, als er zurückkam. An dem Tag, als er heimkehrte und sie ihn nach bangen Monaten wieder sah, schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte laut und hemmungslos.

Kurz davor, ich war bereits zwei Jahre alt, hatte meine Mutter erfahren, dass ihr Bruder nicht aus dem Krieg zurückkehren würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie auch noch kein Lebenszeichen von meinem Vater erhalten und war sehr in Sorge. Nach der Todesnachricht ihres Bruders weinte meine Mutter nicht. Doch die Trauer saß tief, das war deutlich zu spüren. Mehrere Tage sprach sie kaum ein Wort. Das war ihre Art, mit dem Verlust ihres Bruders und der Sorge um den eigenen Mann umzugehen.

Ihr Bruder Karl war an der Westfront bei einen der letzten Offensivangriffe, der „Operation Michael“, gestorben. Die „Operation Michael“, auch als Kaiserschlacht bekannt, wurde einen Tag nach meinem zweiten Geburtstag von der obersten Heeresleitung Hindenburg beschlossen.

Karls Kamerad Hermann berichtete von grauenhaften Zuständen an der Front. Mehrere Tage habe er selbst schwer verwundet im Schützengraben gelegen, ein Bein angeschossen, die fleischige Wunde stark blutend. Diese hatte sich unter den schlechten hygienischen Zuständen schnell infiziert. Immer wieder verlor er das Bewusstsein. Als er in dem dreckigen Erdloch wieder zu sich kam, spürte er, wie Tiere sich an ihm zu schaffen machten. Es waren Ratten. Sie waren überall, auf der Suche nach Essbarem.

Hermann hatte Karl als letzter gesehen. Verlaust, mit notdürftiger Uniform bekleidet. Schmutzig und stinkend lag er im schlammigen Bombenkrater, in den er geschleudert worden war, nachdem ihn eine Granate an der linken Schulter getroffen hatte.

„Es sei ihm zu wünschen, dass er sofort tot war“, sagte Hermann später mit aschfahlem Gesicht. Die Erlebnisse des Krieges sollten noch lange bei ihm und seinen Kameraden nachwirken. Viele kamen ihr Leben lang nicht über die Erinnerungen an die schrecklichen Szenen der Schlacht und die schlimmsten Stunden ihres Lebens hinweg. Einige nahmen sich das Leben oder ertranken ihre Erinnerungen im Alkohol. Andere wurden wahnsinnig oder vegetierten dahin, blickten teilnahmslos ins Leere, wurden sonderbar oder aggressiv. Hunderttausend Soldaten fielen zusammen mit Karl allein an der Westfront. Die wenigsten wurden auf Soldatenfriedhöfen begraben, viele von Ihnen lagen unentdeckt in den Kraterlandschaften. So auch Karl.

Aber mein Vater lebte und meine Mutter war erleichtert und glücklich.

Während des Krieges musste meine Mutter dafür sorgen, dass sie und ich über die Runden kamen. Ihr blieb keine andere Wahl, sie musste arbeiten gehen und das schon unmittelbar nach meiner Geburt. Durch einen glücklichen Zufall fand sie schnell eine Anstellung in einer Großnäherei, die auch für die Armee Aufträge annahm. Mich brachte sie zunächst in einer Krippe der Kirche unter. Dort konnte ich aber nur kurze Zeit bleiben. Später fand sie eine private Betreuung für mich und so landete ich, mit gerade mal elf Monaten, bei dem Ehepaar Hansen, die eine Gastwirtschaft im Hamburger Stadtteil Fuhlsbüttel besaßen. Hier brachte sie mich morgens früh hin und holte mich abends wieder ab.

Im Gasthof Kupferkrug wurde ich von den Angestellten und Gästen sehr verwöhnt. Ich war die meiste Zeit mit in der Wirtschaft, da Herr und Frau Hansen beide dort arbeiten. Nur wenn ich mittags schlief, legten sie mich in eine Kammer, in der ein altes Kinderbett von ihrer Tochter stand. Die Tochter war inzwischen vierundzwanzig und längst verheiratet und aus dem Hause. Die Hansens konnten sich nur wenig Personal leisten. Die Wirtschaft lief aufgrund der schlechten Zeiten schleppend und so blieb nicht viel zum Leben. Über den Zusatzverdienst als Babysitter waren sie äußerst dankbar.

Die nach vielen Entlassungen übrig gebliebene Belegschaft der Wirtschaft mochte mich.

„Ist die Kleine nicht süß?“ hieß es immer wieder. Die dicke Lore nahm mich auf den Arm, wiegte mich hin und her und sang mir Kinderlieder vor. Immer wieder wurde mir vom Koch oder der Bedienung etwas zum Essen oder zum Trinken gegeben. Als ich laufen konnte, boten mir viele Gäste an, bei Ihnen Platz zu nehmen und dann bekam ich auch von ihnen eine Kleinigkeit. Frau Hansen musste aufpassen, dass ich auch nur das aß, was für mein Alter angemessen war. Als ich einige Jahre älter war und längst nicht mehr unter der Obhut der Hansens, ging ich immer noch gerne in Gastwirtschaften, stets in der Annahme, dort bekäme ich etwas Leckeres. Meinen Vater ärgerte das sehr. Jedes Mal wenn er mich dabei erwischte, schimpfte er und manchmal bekam ich eine Ohrfeige. Ich erinnere mich noch, ich war wohl sechs Jahre alt, da bin ich beim Spaziergang ins Landhaus Wagner hineinspaziert. Die Wirtin winkte mir lustig vom Tresen und ich fühlte mich willkommen. Als sie gerade fragen wollte, ob ich meine Eltern suche, kam mein Vater hinter mir her gestürmt, griff mit seinem Arm um meinen Bauch, hob mich wie einen Kartoffelsack hoch und eilte mit mir hinaus. Draußen setzte er mich unsanft auf den Boden und gab mir eine Ohrfeige.

„Da hast Du nichts drin zu suchen!“, mahnte er mit erhobenem Finger. „Was denkst Du Dir nur, einfach in eine Wirtschaft zu spazieren und zu betteln wie arme Leute?“

Meine Wange brannte und ich weinte. Doch ich lernte nicht dazu und beging diesen Fehler immer wieder. Gasthäuser hatten eine magische Anziehungskraft auf mich und ich war zu klein, um die Reaktion meines Vaters verstehen zu können.

Bruderherz

Als ich drei Jahre alt war, wurde mein Bruder Gerd geboren. Ich hatte mich sehr auf ein Geschwisterchen gefreut. Natürlich wusste ich nicht, was mich erwartete. Als ich meinen so heiß ersehnten Bruder sah, war die Enttäuschung entsprechend groß. Mit dem konnte ich nicht spielen, der war viel zu klein und zerbrechlich. Er hatte ein knallrotes Gesicht, schwarze, ölige Haare und einen dünnen, zerbrechlichen Körper. Er sah aus wie ein Vogel-junges, das aus dem Nest gefallen war, verklebte Flügel, schleimig, fragil, aber mit einem dicken Kopf. Er kam etwas früher als erwartet zur Welt. Dieses Mal verlief die Geburt für meine Mutter alles andere als leicht. Die Wehen setzten zu früh ein und sie kam ins Krankenhaus. Dort kämpfte sie viele Stunden mit starken Schmerzen, doch die Geburt wollte nicht richtig voranschreiten. Die Wehen kamen und gingen. Nach drei Tagen war meine Mutter mit den Kräften am Ende. Eigentlich sollte der Geburtstermin erst drei Wochen später sein. Sie bekam von der Hebamme am dritten Tag einen Becher mit einem fürchterlich schmeckendem Getränk, wie sie später erzählte und dann kam mein Bruder doch endlich auf die Welt. Es muss ein Zaubertrank gewesen sein. Mein Bruder war gesund und munter und mein Vater war sehr stolz auf seinen Sohn. Endlich hatte er den heiß ersehnten „Thronfolger“ bekommen, auf den er schon bei meiner Geburt gehofft hatte. Er lief freudestrahlend durch unser Haus und posaunte herum, dass er endlich einen männlichen Nachkommen habe. Man hätte meinen können, es sei sein erstes Kind. Fortan wurde mein Bruder umsorgt, getätschelt und mit Aufmerksamkeit überschüttet. Mir war das fremd.

Als mein Bruder kein halbes Jahr alt war, bekam meine Mutter Scharlach. Sie musste sofort ins Krankenhaus. Das hatte auch für den Rest der Familie Folgen. Meinen Bruder nahm sie mit ins Krankenhaus, da er noch so klein war und dort von Schwestern betreut werden konnte. Ich dagegen wurde ins Waisenhaus gebracht. Vorübergehend natürlich. Mein Vater hatte keine Zeit, sich um mich zu kümmern, er musste arbeiten. Also konnte er nicht für mich sorgen. Auch die Nachbarn hatten keine Zeit. Verwandtschaft, die hätte einspringen können, stand nicht zur Verfügung. Schließlich wurde ich mit meinem kleinen Köfferchen fortgeschickt.

Die Zeit im Waisenhaus war schrecklich. Die Räumlichkeiten waren ärmlich und karg, die Einrichtung schlicht. Aber das war nicht das Schlimmste. Keiner hatte für uns Kinder Zeit. Mir kamen die Tage ewig lang vor. Außerdem fror ich immerzu. Es zog durch die Fenster und nachts hätte ich mir eine dicke Decke gewünscht, noch lieber jemanden, an den mich ankuscheln konnte.

Immer sonntags gab es für mich dann doch einen kleinen Lichtblick, ich durfte zu meiner Tante Frida, der älteren Schwester meiner Mutter, und den Tag dort verbringen. Wenn ich zu ihr kam, trug ich immer noch meine Kleidung aus dem Waisenhaus: blaugestreifte Uniform und dicke schwarze Wollstrümpfe, die bis zum Knie hochgezogen wurden und an den Beinen kratzten.

„Du siehst aus wie ein kleiner süßer Sträfling“, sagte Tante Frida zu mir, hob mich hoch und dann nahm sie mich in den Arm und drückte mich.

„Aber ich bin nicht im Gefängnis, ich habe nichts getan“, erwiderte ich dann und musste jedes Mal lachen.

Ich kuschelte mich noch tiefer in ihre Arme, schloss die Augen und schmiegte meinen Kopf an ihre Schulter. Tante Frida roch nach Seife, das gefiel mir. Sie war so nett zu mir. In der Zeit hatte ich das Gefühl, sie war der einzige Mensch auf der Welt, der für mich da war. Ich wollte am liebsten bei ihr bleiben. Aber das war nicht möglich. Tante Frida musste die ganze Woche über in einer kleinen Fabrik in Stellingen arbeiten. Sie ging früh morgens aus dem Haus und kam erst abends wieder.

Dann kam Weihnachten und ich war immer noch im Waisenhaus. Ich hatte mir gewünscht, das Weihnachtsfest zu Hause verbringen zu dürfen, doch meine Mutter blieb noch im Krankenhaus und meinem Vater war es zu Hause mit mir zu anstrengend. Es schien ihm unmöglich, mir ein Weihnachtsfest zu bescheren, mit Essen, einem Tannenbaum, Kerzen und womöglich noch einem Geschenk. Ich wollte aber gar kein Geschenk, ich wollte einfach nur zu Hause sein. Oder zumindest bei Tante Frida. Doch ich blieb im Waisenhaus. Ich habe später oft darüber nachgedacht, warum Tante Frida mich Weihnachten nicht zu sich geholt hatte. Sie hatte keine eigenen Kinder. Ihr Mann, Onkel Eckhard, war schon älter. Vielleicht wollte er auch lieber alleine mit Tante Frieda Weihnachten feiern, ohne ein Kind, das Nähe suchte, Wärme und Zuneigung brauchte, immer Geschichten hören wollte oder auf Socken über den Flur rutschte. Vielleicht hatte mein Vater es auch einfach nicht erlaubt, dass sie mich Weihnachten einluden.

Ich fand es nie heraus.

Weihnachten im Waisenhaus war anders als ich erwartet hatte. Natürlich trugen wir unsere gestreifte Kleidung. Aber auf dem Tisch stand eine Kerze. Und wir bekamen Geschenke. Es gab für alle Kinder Spielsachen. Die Überraschung für mich war groß. Ich erinnere mich an Reifen, die wir im kalten Flur des Heimes von einem Ende zum anderen rollten. Wir bekamen Puppen, die wir im Arm halten konnten, Bälle, die durch die Zimmer sprangen. An diesen Festtagen hatten wir Kinder großen Spaß. Wir spielten, wir lachten und waren ausgelassen wie an keinem anderen Tag zuvor. Am Abend sangen wir gemeinsam Lieder und die Klänge erfüllten das Haus. An diesem Heiligen Abend ging ich seit vielen Tagen zum ersten Mal mit einem wohligen Gefühl ins Bett. Ich glaubte den anderen Kindern ging es ähnlich, denn wir waren die Feiertage über in einer besonderen Stimmung. Lachen erfüllte die Räume.

Doch kaum waren die Festtage vorbei, wurde unsere Freude jäh zerstört. Alle Spielsachen wurden wieder eingesammelt und auf dem Dachboden verstaut. Ich konnte es kaum glauben. Die Enttäuschung bei uns Kindern war riesengroß. Doch nicht bei allen Heimbewohnern. Einige Kinder, die schon Jahre dort wohnten und das Prozedere und die weihnachtlichen Spielsachen aus den letzten Jahren kannten, maßen dem Verlust nur eine kurzfristige Bedeutung bei. Sie kannten es nicht anders, hatten uns anderen aber kein Sterbenswörtchen davon erzählt. Ich weinte, konnte mich kaum beruhigen und sehnte mich noch mehr nach meinem Zuhause, als je zuvor.

Noch viele Jahre später, als ich selbst Mutter war und später Großmutter, hatte ich an Weihnachten immer das Bedürfnis nach einem glücklichen und erfüllten Fest. Die ganze Familie musste zusammen kommen, es sollte für jeden Geschenke geben und waren sie noch so klein, wichtig war, dass jeder seine Geschenke behalten durfte.

Vier Tage vor meinem vierten Geburtstag kam meine Mutter, für mich völlig unerwartet, ins Waisenhaus. Ich freute mich so sehr und fiel ihr stürmisch um den Hals.

„Vorsicht“, sagte sie und schob mich etwas unbeholfen von sich, „ich bin noch nicht ganz gesund und noch ganz schwach.“

Behutsam setzte sie mich wieder zurück auf den Boden und blickte mir in die Augen.

„Hanna, bald kannst Du nach Hause kommen.“

Ich schaute sie an und verstand nicht ganz, was sie mir sagen wollte. Ich wollte doch sofort mit ihr mitgehen.

„Ich will aber jetzt nach Hause!“, rief ich, für meine Verhältnisse ungewöhnlich laut.

„Jetzt! Jetzt! Jetzt“, klang es in meinem Kopf immer wieder.

Mein Mutter strich mir über den Kopf und ließ ihre Hand bei mir im Nacken ruhen. Gedankenverloren kraulte sie mir den Haaransatz, so dass sich Strähnen aus meinen Zöpfen lösten. Ich wünschte, sie würde damit nie aufhören.

„Ich darf Dich heute noch nicht mitnehmen. Der Arzt hat gesagt, ich soll mich noch schonen. In vier Tagen komme ich aber wieder und hole Dich heim, bis dahin kannst Du noch mit den anderen Kindern spielen.“

„Ich will aber nicht mit den anderen Kindern spielen, ich bleibe hier nicht, ich will mit Dir mit“, jetzt schrie ich regelrecht und klammerte mich an das Bein meiner Mutter.

Das angenehme Kraulen im Nacken war längst beendet. Meine Mutter schaute sich hilfesuchend um und schob mich dann unsanft von sich. Doch ich drängte mich wieder und wieder an sie heran. Ich weinte und schrie. Die Heimleiterin kam schließlich, zog mich fort und meine Mutter verschwand.

Die restlichen Tage im Heim kamen mir endlos vor. Einen Tag, bevor ich endlich abgeholt werden sollte, erkrankten auch im Waisenhaus zwei Kinder an Scharlach. Für das Heim bedeutete dies, dass keines der Kinder das Haus verlassen durfte. Wir alle standen unter Quarantäne. Auch ich. Diese Regel musste streng eingehalten werden, so wollte es die Heimordnung.

„Wer weiß, wer uns das eingeschleppt hat“, hörte ich eine Pflegerin sagen.

„Fehlt nur noch, das wir alle Scharlach bekommen“, erwiderte ihre Gesprächspartnerin.

„Wir sitzen doch sowieso schon mit den Kindern hier fest. Dann müssen wir uns gegenseitig pflegen. Raus können wir jedenfalls erst einmal nicht. Ich möchte wissen, wem wir das zu verdanken haben.“

Mir wurde ganz anders. Hatte meine Mutter die Krankheit etwa ins Waisenhaus gebracht? Plötzlich wurde mir übel. Schnell lief ich in mein Zimmer zurück. Kurz darauf musste ich mich übergeben. Die Aufregung war zu viel für mich. Den Abend verbrachte ich im Bett, man brachte mir eine warme Grützsuppe. Aber ich fühlte mich krank und wurde die Sorge nicht los, dass ich irgendwie schuld am Krankheitsausbruch war und jetzt zur Bestrafung auch noch Scharlach bekam.

Diese Befürchtung bestätigte sich nicht, aber ich konnte trotzdem nicht nach Hause. Es war eine Katastrophe. Das Schlimmste war, dass ich meinen Geburtstag im Waisenhaus feiern musste. Es gab keine Geschenke, es gab auch keinen Geburts-tagskuchen. Meine Mutter durfte nicht kommen, da sie sich erneut anstecken könnte. Das einzige, was an diesem Tag ungewöhnliches geschah, war, dass die Leiterin des Waisenhauses mir die Hand gab und mir zum Geburtstag gratulierte.

Anfang Februar, an einem trüben und kalten Tag, war es dann endlich soweit. Ich durfte heim. Meine Mutter holte mich ab, trug mein Köfferchen und wir kehrten dem Waisenhaus den Rücken.

Als wir zu Hause waren, hing ich den ganzen Tag am Rockzipfel meiner Mutter. Ich folgte ihr auf Schritt und Tritt. Keinen Raum konnte sie ohne mich betreten, keinen Handschlag ausführen, ohne mich an ihrer Seite zu haben. Ich folgte ihr durch den Flur in die Küche, von der Küche ins Wohnzimmer und ins Treppenhaus. Zunächst strich sie mir noch ein paar Mal liebevoll über das Haar. Aber nach einer Weile war sie sehr genervt. Ich erschwerte ihr jede Tätigkeit. Wenn sie meinen Bruder auf den Arm nahm, wurde ich noch anhänglicher.

Abends schimpfte mich mein Vater als ungezogen und rücksichtslos aus. Als er vor mir stand und mich maßregelte, hatte ich Angst, er würde mich schlagen. Unwillkürlich duckte ich mich und wollte mich unauffällig zur Seite drehen, um schnell verschwinden zu können. Doch er hatte bemerkt, dass ich entwischen wollte.

„Dein Verhalten…“, seine Stimme zitterte, doch mitten im Satz stockte er. Er sah, dass ich Angst bekam. Abrupt drehte er sich um und ging. In dem Moment fing mein Bruder in seinem Körbchen an zu schreien. Meine Mutter war sofort zur Stelle.

Meine Mutter brauchte immer noch viel Ruhe. Sie war nicht belastbar, schnell erschöpft und schwach. Sie sah sehr blass im Gesicht aus. Sie erinnerte mich an ein Mädchen im Waisenhaus. Sie war viel älter als ich, ganz dünn und hellhäutig. Ihre Haut im Gesicht wirkte fast durchsichtig. Manchmal kam sie mir wie ein Gespenst vor und ich machte einen großen Bogen um sie. Das taten die anderen auch. Sie hatte kaum Freunde. Oft musste sie tagelang im Bett liegen und sich ausruhen. Ich wusste nicht, was mit ihr los war, aber jetzt kam wieder die Erinnerung an das Mädchen.

„Sie ist eine Fee, aber sie ist sehr krank“, sagte die Heimleiterin eines Tages und ließ uns Kinder mit dieser Aussage einfach stehen.

Ich fragte mich, ob sie wirklich eine Fee war. Eine Fee darf sich immer etwas wünschen, dann hätte sie sich sicher gewünscht, dass sie wieder gesund werden würde.

Um meine Mutter zu unterstützen, bat ich sie, mir das Kochen beizubringen, damit ich das übernehmen könne, wenn sie wieder krank würde. So hoffte ich, nie wieder ins Waisenhaus zu müssen. Für die Arbeiten im Haushalt und vor allem fürs Kochen war ich natürlich noch viel zu klein.

„Das kannst Du nicht, Hanna“, sagte meine Mutter und schüttelte über meine Idee, den Haushalt zu übernehmen nur den Kopf.

„Aber ich will Dir helfen“, beharrte ich.

„Später, Hanna. Jetzt wasch Dir die Hände, damit wir essen können.“

In dem Haus, in dem wir wohnten, lebten noch andere Kinder. Die Nachbarin über uns, Frau Heil, hatte zwei Töchter, Anni, die so alt war wie ich, und Ilse, knapp zwei Jahre jünger. Unter uns im Erdgeschoss lebte die Familie Warneck. Der Sohn Heino war deutlich älter. Mir kam er immer wie ein Erwachsener vor, obwohl er das noch längst nicht sein konnte, er ging noch zur Schule und war noch nicht einmal im Stimmbruch. Heinos Schwester Irmgard war auch so alt wie ich, nur drei Tage jünger. Manchmal spielten wir zusammen. Jedoch betraten wir nie die Wohnung von ihnen, um Irmgards und Heinos Vater aus dem Weg zu gehen. Er trank oft zu viel und wurde dann sehr laut und manchmal auch gewalttätig. Von unserem Vater kannten wir das gar nicht. Er trank nur selten Alkohol. Höchstens mal ein Bier. Heino und Irmgard suchten gelegentlich Zuflucht bei uns, wenn ihr Vater wieder mal zu tief ins Glas geschaut hatte. Einmal kam Irmgard ganz aufgeregt zu uns und erzählte, dass ihr Vater Heino geschlagen hätte. Am nächsten Tag sahen wir Heino, er hatte seine Mütze tief in sein Gesicht gezogen, damit man die blauen Flecken nicht sah. Seine linke Gesichtshälfte war rot und unter dem Auge hatte sich ein großer Bluterguss gebildet. Das Auge war zugeschwollen. Er sah übel aus. Als ich sein Gesicht sah, erschrak ich. Heino sah aus, als hätte er im Boxring gestanden. Von diesem Moment an habe ich immer einen großen Bogen um seinen Vater gemacht und wenn ich durchs Treppenhaus lief und im Erdgeschoss allein durch die geschlossene Tür die Stimme von Herr Warneck hörte, beschleunigte ich meinen Schritt.

Später ist Heino weggezogen, gleich nachdem er die Schule beendet hatte. Er konnte es gar nicht abwarten, von seinen Eltern, insbesondere von seinem Vater, fortzukommen. Seine Mutter machte das sehr traurig. Sie wirkte von da an noch niedergeschlagener als sonst. Ich sah sie einmal im Treppenhaus weinen. Frau Heil stand bei ihr und hatte den Arm um Frau Warneck gelegt, um sie zu trösten.

„Das wird schon wieder…“, hörte ich unsere Nachbarin sagen. Frau Warneck konnte aber nichts erwidern, ihr Körper schüttelte sich vor Schluchzen. Mir war die Situation so unangenehm, dass ich schnell in unsere Wohnung verschwand.

Ich habe Heino danach nie wieder gesehen. Von Ilse hörte ich mal, dass sich Heino später in einem Sozialverband engagiert hat, der sich um Frauen kümmert, die von ihren Männern unter Alkoholeinfluss misshandelt wurden. Als sie mir das erzählte, begriff ich plötzlich, was in der Wohnung unter uns vorgefallen sein musste.

Kaffeeklatsch

Anfang der 20er Jahre gab es in Hamburg, besonders in unserem Stadtteil Barmbek, einem klassischen Arbeiterviertel von Hamburg, viele Krawalle. Die Inflation machte den Menschen zu schaffen. Die Geldentwertung hatte insbesondere für die Arbeiterschicht und die sogenannten „Normalverdiener“ verheerende Auswirkungen. Kleine Ersparnisse waren schnell aufgebraucht. Die Sicherheit, ein paar Notgroschen in der Tasche zu haben, gab es für viele nicht mehr. Im Februar 1920 hatte die Mark, gemessen am Dollar, nur noch vier Prozent des Vorkriegswertes. Die hohe Arbeitslosigkeit und der weitere rapide Absturz der Mark sorgten in den kommenden Jahren bei der Bevölkerung nicht nur für Unmut, sondern ließen Existenzängste aufkommen, ja sogar Panik entstehen. Seit August 1922 verlor die Mark beinahe täglich an Wert. Die Banken konnten den Zahlungsverkehr technisch kaum noch bewältigen. Die Reichsbank kam mit dem Druck der Geldnoten nicht mehr hinterher und Unternehmen konnten die fälligen Löhne nicht auszahlen. Zahlreiche Firmen gingen pleite.

Es war eine schlimme Zeit, und durch die wachsenden Aufstände der Bevölkerung bedrohlich und gefährlich. Mein Vater musste zu Fuß zu seiner Arbeitsstelle ins Hansa Drogenhaus, das an der Sternschanze lag. Wir waren immer froh, wenn er heil abends wieder nach Hause kam. Wenn es dunkel war, wurde es in der Stadt besonders brenzlich. Von den Dächern wurde sogar geschossen, sodass wir uns nicht an den Fenstern sehen lassen durften. Wir zogen die Gardinen zu und machten in der Wohnung so wenig Licht wie möglich. In dieser Zeit blieb jeder lieber zu Hause und vermied es, auf die Straße zu gehen. Meine Eltern waren in großer Angst, dass uns etwas passieren könnte, versuchten aber, uns ihre Sorgen so gut es ging nicht spüren zu lassen. Wir Kinder kamen in dieser Zeit kaum nach draußen und blieben mehrere Wochen in unserer Wohnung verschanzt. Für uns alle gab es in dieser Zeit kaum Freizeitbeschäftigungen.

Als es wieder etwas ruhiger in der Stadt wurde, besuchten meine Eltern eines Tages eine Tanzschule. Das kam uns Kindern ganz ungewöhnlich vor. Freizeitvergnügen waren bei uns in der Familie bis dahin selten. In der Tanzschule lernten meine Eltern das Ehepaar Heinrich kennen. Die vier schienen sich gut zu verstehen, sodass die Heinrichs meine Eltern schon nach ein paar Wochen zu sich nach Hause einluden.

Meine Eltern, insbesondere mein Vater, hatten schon viel von meinem Bruder gesprochen, so dass die Heinrichs bei der Einladung zu meinen Eltern sagten: „Bringen Sie doch ihren Sohn mit, wir freuen uns.“

„Gerne,“ erwiderte mein Vater und erwähnte nicht mit einem Wort, dass er noch ein zweites Kind hatte. Als sie dann mich als Tochter auch noch zum verabredeten Nachmittagskaffee mitbrachten, machten Herr und Frau Heinrich große Augen.

„Wir wussten gar nicht, dass Sie auch eine Tochter haben“, sagten sie ganz überrascht, aber durchaus freundlich und lächelten mich an.

„Wie heißt du denn?“, fragte Frau Heinrich mich.

Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Mein Vater befahl mir: „Los Hanna, sage Herrn und Frau Heinrich guten Tag und mach einen Knicks.“

Ich tat, wie er es wünschte und nannte leise noch mal meinen Namen.

„Und wie alt bist Du?“, wollte Frau Heinrich wissen.

„Ich bin acht Jahre alt“, antwortete ich artig und schaute hoch, in ihr freundliches Gesicht.

Einzig und allein die Tatsache, dass Herr und Frau Heinrich im Laufe des Nachmittags sehr lieb und freundlich zu mir waren, ließen meine Kränkung, dass meine Eltern mich verschwiegen hatten, etwas verblassen.

„Möchtest Du noch ein Stück Kuchen, Hanna?“, fragte mich Frau Heinrich beim Kaffeetrinken und zwinkerte mir aufmunternd zu. Außerdem lobte sie mein artiges Verhalten und meine hübschen Zöpfe. Sie strich mir zum Abschied übers Haar.

„Hübsch siehst Du aus, wie ein kleines Engelchen!“

Als die Heinrichs ein paar Wochen später bei uns zu Besuch waren, boten sie mir an, ich könne sie am Samstagnachmittag mal alleine besuchen kommen. Meine Eltern stutzten verwundert, aber nach anfänglichem Zögern waren sie schließlich einverstanden. Ich freute mich sehr.

Da das Ehepaar Heinrich keine Kinder hatte, wurde ich von ihnen verwöhnt und zu weiteren Besuchen eingeladen. Ich bekam Kekse und heiße Milch, sie machten mit mir Spaziergänge und Frau Heinrich schenkte mir eine Puppe, die ich viele Jahre hütete wie einen Schatz. Aus dem einen Samstagsbesuch wurde ein regelmäßiges Treffen, das über ein paar Jahre anhielt. Noch viele Jahre später hatte ich diese Tage als einige der schönsten in meinem Leben in Erinnerung. Ich verglich diese Zeit für mich mit den Sonntagen bei Tante Frida, in der Zeit, als ich im Waisenhaus war.

Einige Zeit, nachdem meine Eltern die Heinrichs kennengelernt hatten, kam ich in die Schule. Schon bei der Einschulung war ich aufgeregt, aber voller freudiger Erwartungen und ich war mir sicher, dass mir die Schule gefallen würde. Und so war es auch. Ich ging wirklich gerne dort hin, was nicht alle meine Mitschüler von sich behaupten konnten. Für mich war unverständlich, dass einige meiner Klassenkameradinnen die Schule nicht mochten, sie sogar hassten.

Das Lernen machte mir großen Spaß. Und es fiel mir leicht. Die Lehrer lobten mich für meine schnelle Auffassungsgabe und für mein sorgfältiges Arbeiten. Endlich konnte ich glänzen.

„Hanna, Deine Eltern sind sicher sehr stolz auf Dich“, sagte meine Lehrerin Frau Pieper eines Tages zu mir. Ich schaute sie verwundert an. Was sie da vermutete, konnte ich nicht bestätigen. Ich konnte mich nicht erinnern, dass jemals irgendjemand aus meiner Familie stolz auf mich gewesen war. Obwohl ich auch zu Hause sehr fleißig war, erhielt ich von meinen Eltern keine erwähnenswerte Anerkennung. Weder mein Vater, noch meine Mutter schienen sich überhaupt für meine Schulnoten zu interessieren. Vielleicht mochte ich auch gerade deshalb die Schule so sehr. Dort beachtete man mich, dort wurde meine Leistung geschätzt.

Also lernte ich fleißig weiter. An einigen Tagen musste meine Mutter mich nach draußen auf die Straße zum Spielen schicken, damit ich nicht den ganzen Nachmittag am Tisch über meinen Büchern verbrachte.

War ich erst einmal draußen bei den anderen Kindern, merkte ich schnell, dass wir zusammen viel Spaß miteinander hatten und ich meine Schulhefte auch mal alleine lassen konnte.

Ich zog mit den Nachbarskindern um die Häuser. Sie waren ausgelassen, übermütig und ich ließ mich gerne von ihnen anstecken. Uns gehörte dann die Straße. Wir spielten auf der Fahrbahn und auf den Grünflächen. Gleich um die Ecke in unserer Straße gab es einen großen Platz, wo sich die Jungs und Mädchen der Gegend trafen. Eines Tages hatte mein Bruder unseren Schlagball aus Übermut in ein Siel gestopft und er plumpste in den Schacht. Er wollte ihn wieder herausholen, doch der Sieldeckel war sehr schwer. Er rief nach uns und wir liefen herbei, um ihm zu helfen. Mit viel Mühe und mit Hilfe eines dicken Stockes bekamen wir den Deckel nach einer Weile hoch. Da mein Bruder etwas dicklicher war - von seiner hageren Gebrechlichkeit nach der Geburt war nichts mehr zu sehen - sollte ich hinuntersteigen und den Ball herausfischen. Erst zierte ich mich, doch alle anderen riefen: „Los Hanna, das schaffst Du!“

Angetrieben von ihren Ermutigungen nahm ich all meinen Mut zusammen und stieg vorsichtig in den engen und dunklen Schacht. Stäbe, wie eine Leiter, waren am Rand des Schachts befestigt und ich konnte mich nach unten tasten. Mir war mulmig zumute. Ich hatte Angst, doch ich wollte das auf keinen Fall zeigen. Immer noch feuerten sie mich an und sprachen mir gut zu. Schließlich war ich komplett im Schacht verschwunden und konnte die Stimmen nur noch gedämpft wahrnehmen. Immer wieder hörte ich meinen Namen und aufmunternde Zurufe. Doch plötzlich änderte sich der Tonfall. Ich hörte die Jungs kichern und scherzen. Irgendjemand schien einen Witz gemacht zu haben. Mein Bruder lachte am lautesten.

Ich tastete mich noch etwas tiefer in den Schacht. Es roch modrig und die Wände waren glitschig. Vorsichtig berührte ich den Boden.

„Hoffentlich sind hier keine Ratten oder Mäuse“, dachte ich bei mir und bekam eine Gänsehaut. Langsam tastete ich mich vor. Dann verharrte ich still. Hatte ich die Jungs oben flüstern hören? Und lachten sie jetzt leise? Von dem anfänglichen Anfeuern zu meiner heldenhaften Rettungsaktion war nichts mehr zu hören. Plötzlich sah ich ihre Gesichter vor mir, wie sie mich anschauten mit verkniffenen Augen und fies dabei lachten.

Dann vernahm ich erschrocken, wie oben der Deckel über den Boden geschoben wurde. Es war ein ganz eindeutiges Geräusch, das Schaben des schweren Eisendeckels über die Pflastersteine. Sie wollten mich hier unten doch wohl nicht einsperren? In Panik griff ich mit schnellen Bewegungen über den Boden und war fast selber überrascht, dass ich tatsächlich den Ball zu fassen bekam. Ich berührte die runde Lederkugel mit den Fingern und schloss sie schnell in meine Handfläche. Der Ball fühlte sich feucht und glitschig an. Blitzschnell machte ich mich wieder auf den Weg an die Oberfläche. Tatsächlich hatten die Jungs den schweren Deckel schon ein Stückchen in Richtung Öffnung gewuchtet. Ich hörte, wie das schwere Eisen erneut über den Straßenbelag schabte. In Windeseile kletterte ich die letzten Leitersprossen des Schachtes hoch und erreichte die Öffnung. Ich stützte mich mit den Händen am Schachtrand ab und schob meine Beine über den Gullirand. Mein Herz klopfte wild. Die Jungs schoben den Deckel immer noch in meine Richtung und grinsten schadenfreudig übers ganze Gesicht. Die wenigen Mädchen, die sich mit uns zum Spielen getroffen hatten, standen weit abseits und schauten betreten weg. Schnell richtete ich mich auf, verlor aber das Gleichgewicht, kam ins Straucheln, fiel um und konnte mich mit den Händen gerade noch am Schachtrand halten, um nicht in die Öffnung zu fallen. In dem Moment hatte einer der Jungs dem Gullideckel einen heftigen Schub verpasst und bevor ich meine Hand in Sicherheit bringen konnte, schob sich der Deckel über die Öffnung. Meine Hand klemmte dazwischen. Ich war so mit mir beschäftigt, dass ich nicht gesehen hatte, wer den Gullideckel in Bewegung gesetzt hatte.

„Au!“, schrie ich vor Schmerzen auf.

Die Jungs liefen weg. Auch mein Bruder. Meine Hand lag unter dem schweren Eisen und ich spürte meine Finger kaum noch. Schmerz, Wut und Verzweiflung ließen mir die Tränen in die Augen schießen. Was sollte ich jetzt tun?

Doch nicht alle waren weggelaufen. Plötzlich war Heino da.

„Warte, ich helfe Dir“, sagte er und hebelte gemeinsam mit zwei anderen Jungs, die er schnell zu sich pfiff, behutsam den Eisendeckel mit einem Stock von meiner Hand herunter, so dass meine Finger wieder frei waren. Die Verletzung sah nicht gut aus. Vor allem der Mittelfinger und der Zeigefinger waren gequetscht und blutig. Ich hatte das Gefühl, dass alle Knochen gebrochen waren. Heino bot mir sein Taschentuch an, das ich mir zitternd um den Finger wickelte. Sprechen konnte ich nicht. Der Schreck saß tief. Weinend lief ich nach Hause.

„Was hast Du nur gemacht?“, fragte meine Mutter. Ich überlegte, ob ich ihr die Geschichte erzählen sollte. Doch da mischte sich mein Bruder schon ein, der bereits zu Hause angekommen war und ein unschuldiges Gesicht machte.

„Hanna hat einen großen Stein auf die Finger bekommen“, sagte er und schmiegte sich an Mutters Seite.

„Wer hat denn mit Steinen geworfen?“, wollte meine Mutter wissen.

„Die großen Jungs haben angefangen, die wollten uns aus dem Sandkasten vertreiben, aber wir wollten weiterspielen“, erklärte mein Bruder.

„Ich habe noch gesagt, Hanna soll aufpassen!“, ergänzte er.

Ich wollte protestieren, sah aber im gleichen Moment, wie meine Mutter sich mit einem liebevollen Blick meinem Bruder zuwandte und den Arm um ihn legte. Diese Geste ließ mich erstarren. Ich schaute zu Boden. Dann betrachtete ich meine Finger. Der Zeigefinger war bis zum zweiten Gelenk dunkelrot und die Haut aufgeschürft, die Wunde noch blutverschmiert, etwas Kruste hatte sich schon gebildet. Der Finger daneben war deutlich geschwollen und ebenfalls rot. Mir traten erneut Tränen in die Augen. Meine ganze Hand pochte und brannte.

„Warum lasst Ihr Euch auch auf einen Streit mit den Jungs ein. Hanna, Du musst doch als Ältere wissen, dass das Ärger gibt“, so die Reaktion meiner Mutter. Ich hätte Trost gebraucht, keine Vorwürfe.

„Und Dein Rock ist auch ganz schmutzig.“

Als wäre mein Rock jetzt wichtig. Ich schaute zu Gerd hinüber
„Du Miststück“, dachte ich bei mir, als ich sein unschuldiges Gesicht sah und genau wusste, dass er alles daran setzte die Situation für sich zu nutzen. Warum gelang ihm das nur immer wieder? Ich hatte in dieser Hinsicht kein gutes Händchen. Mir fehlten in diesen Situationen einfach die Worte. Nicht einmal zu meiner Verteidigung fiel mir etwas passendes ein. Dabei hätte ich doch einfach die Situation schildern können. Einfach erzählen, wie es sich ereignet hat. Aber nicht einmal dazu war ich fähig. Irgendwie beschlich mich mal wieder das Gefühl, ich hätte etwas falsch gemacht. Mein Selbstbewusstsein war so schwach ausgeprägt, dass ich sogar die Vorwürfe meiner Eltern insgeheim überdachte und mich fragte, ob ich mich falsch verhalten hatte.

Dabei trug mein Bruder einen großen Teil der Schuld. Hätte er nicht die anderen angestiftet oder sich mit ihnen verbündet, und hätte er mir geholfen oder wäre sogar selber in den Schacht gestiegen, wäre alles ganz anders gekommen.

Noch viele Jahre später konnte man die Spuren des Unfalls am Nagel meines Mittelfingers erkennen. Der Fingernagel hatte eine tief Kerbe und sah wie abgebrochen aus. Er ist nie vernünftig nachgewachsen. Was aber noch viel schlimmer war, seit dem Unfall konnte ich den Zeigefinger im ersten Gelenk nicht mehr beugen. Dieser Finger sah dadurch immer aus wie eine Kralle.

Ein paar Tage später erkundigte Heino sich nach mir und fragte meine Mutter, wie es mir ging. Bei dieser Gelegenheit erfuhr sie auch von dem Gullideckel und Heino berichtete ebenfalls, dass mein Bruder weggelaufen sei, als ich Hilfe benötigte. Meine Mutter muss sehr überrascht gewesen sein, als sie diese Version der Geschichte erfuhr.

Abends, als mein Vater nach Hause kam, sprach meine Mutter mit ihm. Mein Vater rief sofort meinen Bruder zu sich. Ich hörte hinter der Tür, wie mein Vater mit meinem Bruder schimpfte. Um nicht weiter zu lauschen, ging ich ins Kinderzimmer. Es freute mich, dass mein Bruder jetzt endlich eine Strafe bekam und meine Eltern die Wahrheit erfuhren.

Nach einer Weile hörte ich, wie die Wohnzimmertür sich öffnete. Mein Vater kam über den Flur auf mein Zimmer zu. Ich konnte seine Schritte hören. Jetzt würde er gleich hereinkommen und sich bei mir entschuldigen. Vielleicht erkundigte er sich noch nach meinem Finger und ich könnte ihm die verletzte Hand zeigen. Mein Nagel hatte sich schon fast abgelöst, doch die Wunde war immer noch geschwollen und rot.

Die Türklinke wurde nach unten gedrückt. Ich setzte mit auf der Bettkante aufrecht hin. Vielleicht würde mein Vater sich zu mir setzten und diesmal den Arm um mich legen, so wie er es bei Gerd gelegentlich tat. Er beugte sich dabei immer etwas steif herunter und legte seine Hand um die Schultern meines Bruders und zog ihn kurz an sich ran.

Mein Vater betrat das Zimmer und stand etwas steif einen Meter vom Türrahmen entfernt. Sein Gesichtsausdruck wirkte allerdings alles andere als mitfühlend.

„Tja Hanna, das hast Du jetzt davon. Deine Verletzung soll Dir eine Lehre sein. Kannst Du Dich als Mädchen nicht gefälligst so benehmen, wie andere auch. Mische Dich nicht in die Angelegenheiten der Jungs ein. Und ich möchte schon gar nicht, dass Du Dich als Mädchen so aufspielst! Du kannst froh sein, dass dein Bruder sofort losgelaufen ist, um Hilfe zu holen“, zischte er hervor und verließ den Raum, indem er die Tür mit Nachdruck hinter sich zuzog.

Ich warf mich auf meine Kissen und konnte die Ungerechtigkeit nicht fassen. Vor Erstaunen und Wut hatte ich wieder kein Wort herausgebracht. Ich war fassungslos, unendlich enttäuscht und wütend. In diesem Moment hasste ich meinen Vater. Und meinen Bruder ebenso. Beide spielten ein Spiel mit mir, das ich immer verlor, egal, was ich tat. Ich konnte mir Mühe geben, nett, fleißig und ehrlich sein. Aber alles wurde immer gegen mich ausgelegt oder die Tatsachen so verdreht, dass ich als Schuldige und Dumme daraus hervorging. Ich verstand die Welt nicht mehr und die Geschichte, die mein Bruder meinem Vater aufgetischt hatte schon gar nicht.

Mein Finger schmerzte immer mehr und ich konnte kaum noch etwas mit der Hand greifen. Als ich meine Mutter erneut darauf ansprach, ging sie schließlich mit mir zum Arzt. Doktor Wermke untersuchte den Finger und bat mich, ihn zu beugen. Es gelang mir nicht, stattdessen setzte ein stechender Schmerz ein. Nachdem der Arzt den Finger noch mal ausführlich betastet hatte stand fest, der Finger war gebrochen.

„Sie hätten früher zu mir kommen müssen, dann hätten wir den Finger besser richten können.“

Ich bekam einen dicken Verband.

„Sag deinem Vater besser nichts davon“, schlug meine Mutter vor. Aber wie sollte ich die verbundene Hand vor den Augen meines Vaters verbergen? Ich versuchte bei Tisch die Hand auf meinem Schoß zu lassen, aber das war keine gute Idee.

„Hände auf den Tisch“, schallte es sofort von seiner Seite. Ich tat, was er sagte.

Schon hatte er den Verband gesehen.

Meine Mutter erklärte ihm kurz, was der Arzt gesagt hatte. Anschließend bekam ich von meinem Vater die nächste Moralpredigt zu hören:

Ich solle der Familie nicht so viel Kummer machen…

Ich habe mich wie ein Mädchen zu benehmen…

Und ich sei viel zu zimperlich.

Dunkle Momente

Mein Vater war im Hansa Drogenhaus als Hauptbuchhalter beschäftigt. Das Drogenhaus war eine Einkaufsvereinigung Deutscher Drogisten. Er hatte mit den Abrechnungen der Drogeriewaren zu tun, die für kleine Drogeriemärkte und andere Läden geordert wurden. Als Verantwortlicher der Rech-nungen und Zahlungen arbeitete mein Vater sehr gewissenhaft und nahm seine verantwortungsvolle Tätigkeit ernst und genau. Pünktlichkeit gehörte zu seinen wichtigsten Regeln. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals zu spät gekommen wäre oder einen Termin vergessen hätte. Gleiche Eigenschaften erwartete er auch von seiner Frau und seinen Kindern. Wehe, wenn wir nicht zur verabredeten Zeit nach Hause kamen. Nicht auszudenken, was mein Vater unternommen hätte, wenn ich mal verspätet zur Schule gekommen und womöglich eine Klassenarbeit verpasst hätte. Schon das verspätete Erscheinen zum Essen erboste ihn.

Außer seiner Lebensregel Pünktlichkeit dominierten in Vaters Alltag Ordnung und Strenge. Er kleidete sich stets korrekt, hatte eine aufrechte Körperhaltung und akkurat gekämmte Haare. Mit einem Kamm zog der sich den Scheitel rechts, knapp über dem Ohr nach hinten. Die oberen Haare wurden mit Pomade sorgfältig über die Mitte des Kopfes gestrichen. Später auch über die Stellen, die schon etwas kahl waren. Meist sah man Vater mit eher starrem, reglosem Gesichtsausdruck, die Mundwinkel immer leicht nach unten gezogen. Humor hatte er keinen. Lächeln kam selten vor.

Meine Mutter war da etwas anders, zwar auch sehr ernst und manchmal streng, aber mit uns Kindern machte sie manchmal Späße. Natürlich nur, wenn mein Vater es nicht mitbekam.

Ich erinnere mich noch an eine Luftballonfigur, die meine Mutter gebastelt hatte. Sie sollte einen Schutzmann darstellen. Meine Mutter malte den Luftballon an und setzte ihm eine aus Papier gebastelte Polizistenmütze auf. Dann spielten meine Mutter, mein Bruder und ich damit. Wir ließen den Schutzmann an der Fensterscheibe tanzen. Da wir im ersten Stock wohnten, konnte man von der Straße aus die Figur gut sehen, uns jedoch nicht, da wir uns unter dem Fensterbrett versteckten. Ein paar Menschen blieben stehen und sahen sich das Spiel an. Nach einer Weile kam ein Polizist vorbei. Auch er blieb stehen und schaute zu unserem Fenster hoch. Da holte meine Mutter eine Nadel aus ihrem Nähkasten und stach in den Luftballonschutzmann, der sofort mit einem lauten Knall zusammenfiel. Wir bogen uns vor Lachen. Leider konnten wir nicht sehen, wie die Leute auf der Straße reagierten, da wir uns nicht blicken lassen wollten. Aber wir lachten alle drei aus ganzem Herzen. Meine Mutter blieb an diesem Nachmittag so ausgelassen und fröhlich, dass ich mir wünschte, es könnte immer so sein. Aber es sollte leider eine Ausnahme bleiben.

Eines Abends beim Essen musste ich an unseren platzenden Luftballonschutzmann denken und fing an zu kichern.

„Was ist denn hier so komisch?“, wollte mein Vater wissen. Ich konnte nicht antworten und musste immer weiter lachen. Mir liefen die Tränen herunter und ich konnte mich kaum beruhigen.

„Hanna, Du hörst sofort damit auf“, herrschte er mich an.

Aber ich konnte nicht aufhören. Ich musste immer weiter lachen, obwohl mir längst klar war, dass das sicher keine gute Idee war. Wie recht ich hatte. Mein Vater wurde sehr wütend. Er dachte wohl, ich würde über ihn lachen. Als er das dritte Mal fragte, warum ich so lachte und keine Antwort bekam, schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, dass es laut knallte und die Teller klirrten.

„Jetzt reicht es mir aber.“

Dann schickte er mich aus dem Zimmer.

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