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Handstreich

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In den letzten drei Monaten, von September bis Dezember,

sind aufgrund der Unsicherheit im Distrito Federal achtzehn Prozent

der Hauptstädter Opfer eines Verbrechens geworden …

TAGESZEITUNG »REFORMA«, 7. 12. 1998

Alles fließt, hatte irgendein alter Philosoph mal behauptet. Das war Quatsch. Alles stockte, stand still. Wenigstens galt das für den Verkehr, der sich in der Calle Donceles Richtung Osten staute. Und ähnlich sah es in Tacuba, 5 de Mayo oder in jeder anderen Calle des Centro Histórico von México-Stadt aus. Zu viele Autos, zu viele Menschen. Da floß nichts mehr. Zumindest nicht der Verkehr.

Dem Vengador war das egal. Er sah durch die schmierige Scheibe des Microbusses nach draußen. Rot und zum Greifen nah glühte der Grill eines Imbißstands durch die Nacht. Mit einer Machete säbelte eine dicke Frau Fleischstücke für Tacos al pastor ab. Ein Junge in schmutziger Schürze hackte daneben Kutteln. Am Seitentresen lehnte ein Kunde, beide Hände um eine dick gefüllte Tortilla gekrallt, aus der rote Soße tropfte. Rauch stieg von irgendwo unter dem Straßenmüll auf. Die Passanten schoben einander durch den Trampelpfad, den die am Gehwegrand ausgebreiteten Waren der ambulanten Händler frei ließen. Taschenlampenbatterien, Feuerzeuge, Kunstlederramsch, Stoffpuppen. Eigentlich hatte die neue Regierung des Distrito Federal versprochen, mit den illegalen Verkäufern aufzuräumen, die improvisierten Märkte im Zentrum so zu reduzieren, daß man sich wenigstens einigermaßen bewegen konnte. Damit der Verkehr floß. Damit alles seine Ordnung hatte.

Von hinten hupte es langgezogen. Krachend warf der Fahrer den ersten Gang ein und ließ den Microbus ein paar Meter weiterrumpeln. Dann war wieder Schluß. Stillstand, Leerlauf. Der Sitz unter dem Vengador zitterte im Gleichtakt mit dem Tuckern des Motors. Eine sanfte Massage für das Sitzfleisch. Das konnte er nach dem langen Tag gebrauchen.

Die junge Frau neben ihm rückte das Bündel auf ihrem Arm zurecht. Ein schlafendes Kind, dessen Kopf permanent von ihrer Schulter an den Oberarm des Vengadors rutschte, sich auch jetzt wieder an ihn zu schmiegen schien. Die sanfte Berührung ließ den Vengador unwillkürlich die Muskeln anspannen, doch dann sah er, daß das blasse Gesicht des Kleinen wie das eines Toten aussah. Zugekniffene Augen. Wie bei einem totgeborenen Kind, das rechtzeitig eingesehen hatte, daß es zuviel war für diese Welt, für diese Stadt. Für diese Mutter, deren Bauch sich schon über dem nächsten Balg wölbte.

Der Vengador entspannte sich. Durch den Stoff seiner Jacke drang die Körperwärme des kleinen Rotzlöffels. Er schien noch am Leben zu sein. Der Vengador rückte die Ledertasche auf seinen Knien zurecht und schob den kleinen Kopf zur Seite. Dorthin, wo er hingehörte. Der Kleine wachte nicht einmal auf. Er war es wohl gewohnt, herumgeschubst zu werden. War sicher auch besser, sich möglichst schnell daran zu gewöhnen.

Der Vengador lehnte den Kopf an die vibrierende Fensterscheibe und sah nach draußen. Passanten drängten sich an abblätterndem Putz vorbei durchs fleckige Grau, stiegen über Feuerzeuge, Kunstlederramsch, Stoffpuppen und geflochtene Körbe, die aus dem Boden wuchsen. An der Hausmauer kauerte eine bettelnde Indiomutter mit ihrem Säugling an der Brust und griff nach vorüberstreichenden Rocksäumen und Hosenbeinen.

Der Microbus stand wie festgemauert. Der Fahrer stützte sich mit dem Arm auf das Lenkrad. Wie zufällig kam der Ellbogen auf der Hupe zu liegen. In die Kreuzung zur República de Argentina schienen Autos, Busse und Fahrradrikschas gleichzeitig von allen Seiten und mit dem einzigen Ziel eingefahren zu sein, die über die Kreuzung springenden Fußgänger fertigzumachen. Die Ampel sprang auf Grün, alles stand verkeilt, nichts ging mehr.

Der Vengador zupfte am losen Ende des Informationszettels an der Scheibe des Busses. Er las:

Verehrte Benutzer der öffentlichen Verkehrsmittel!

Wie Sie sind wir an einem schnellen, sicheren und effizienten Service …

et cetera, bla bla! Draußen hupte es von überallher. Die Ampel an der Venezuela zeigte Rot. Der Vengador drehte die Augen wieder nach oben und las:

  • Zahlen Sie den Fahrpreis mit abgezähltem Geld!
  • Geben Sie Ihr Ausstiegssignal rechtzeitig!
  • Steigen Sie hinten aus!
  • Verlangen Sie nicht, außerhalb der ausgewiesenen Haltestellen ein- oder auszusteigen!
  • Rauchen Sie nicht!
  • Steigen Sie nicht aus, solange der Wagen sich in Bewegung befindet!
  • Behandeln Sie den Wagen mit Sorgfalt! Beschädigen Sie ihn nicht!
  • Behandeln Sie den Fahrer mit Höflichkeit und Respekt!
  • Lächeln Sie Ihrem Mitpassagier zu! Seien Sie glücklich!

Der Fahrer des Microbusses hupte, aber wohl nur, um seinen Fahrgästen das Gefühl zu geben, um ihr Fortkommen besorgt zu sein. Er war in Ehren ergraut, regte sich nicht auf, nur weil alles stockte. Er wandte den Kopf nach rechts und drückte auf den Knopf neben dem Lenkrad. Zischend und klappernd sprang die Tür auf.

Steigen Sie nicht aus, solange der Wagen sich in Bewegung befindet!

Der Wagen befand sich nicht in Bewegung. Er stand im Stau. Es stieg auch niemand aus. Zwei junge Burschen stiegen zu. Der erste hatte verstrubbeltes Haar, trug ein falsches Tommy-Hilfiger-T-Shirt und eine schmutzig-braune Hose. Seine nackten Füße steckten in schief abgelatschten schwarzen Halbschuhen. Der zweite hatte eine Plastiktasche mit dem Stierkopflogo des Fußballvereins Toros Neza umhängen. Ein dünner Bart zierte seine Visage, aber sonst sah er aus wie einer der dreizehnjährigen Jungs, die in der Colonia Guerrero den geparkten Autos Rückspiegel und Scheibenwischer abmontieren. Der Vengador würde die beiden Juan und Rodolfo nennen. Er hatte die Anonymität satt. Juan und Rodolfo waren schließlich schöne Namen, so gut wie irgendwelche anderen. Der mit dem Bart sollte Rodolfo sein.

Der Kopf des kleinen Hosenscheißers auf dem Arm der Frau nebenan sank wieder zur Schulter des Vengadors herüber. Ein schnelles Achselzucken schleuderte ihn zurück. Der Kleine riß die Augen auf und begann zu heulen. Idiot!

Rodolfo stand neben dem Fahrer und wühlte in seiner Sporttasche.

Zahlen Sie den Fahrpreis mit abgezähltem Geld!

Irgend etwas blitzte in der Tasche auf, und während die Mutter neben dem Vengador ihren Schreihals hin- und herzuwiegen begann, ging vorne alles ganz schnell. Viel zu schnell, um in Ordnung zu sein, doch der Vengador sah jedes Detail wie in Zeitlupe, sah eine Faust sich um einen Machetengriff krallen, eine zweite, sah zwei Klingen aus der Tasche hervorzüngeln, zwei Macheten in der Luft tanzen, und schon griff Juan in den grauen Haarschopf des Fahrers, riß ihm den Kopf in den Nacken und setzte die Schneide an seine Kehle. Rodolfo reckte sich mit erhobenem Messer am Anfang des Gangs und brüllte:

»Keiner rührt sich! Wer sich rührt, ist erledigt!«

Die Passagiere fielen in ihren Sitzen zusammen, schienen sich durch das Blech der Seitenwände des Busses drücken zu wollen. Niemand schrie, nur das Kleinkind quengelte weiter, und der Fahrer gurgelte unter der Machete Juans Unverständliches hervor.

Behandeln Sie den Fahrer mit Höflichkeit und Respekt!

Der Vengador kannte die Hinweise schon auswendig.

»Geldbörsen, Uhren, Schmuck!« brüllte Rodolfo, während er hastig die Münzen aus dem Rahmen neben dem Schalthebel klaubte und sie rasch in die Tasche einsackte. Ein paar Pesos klimperten zu Boden.

»Und zwar ein bißchen fix!« zischte Juan. Die Klinge der Machete schabte an der Kehle des Fahrers auf und ab, als ob er rasiert werden sollte. Mit beiden Händen hielt er sich am Lenkrad fest. Von hinten hupte es wild.

Rodolfo fing auf der linken Seite an. In der ersten Reihe saß einer, der mit Zopf und Anzug auf Karl Lagerfeld machte. Er hatte die Uhr schon abgestreift und ließ sie in die Sporttasche fallen.

»Dein Geld!« sagte Rodolfo.

»Ich …« sagte der Fahrgast.

Die Machete stieß herunter, versank in seinem linken Oberarm und zuckte wieder zurück.

»Das ist ein Überfall, ihr Scheißer!« brüllte Rodolfo. Seine Stimme überschlug sich. Mit aufgerissenen Augen sah der Lagerfeldverschnitt auf das Rot, das aus dem Stoff seines Anzugs quoll.

Die Machete tätschelte seine Wange.

»Muß ihn mein Kumpel wirklich umlegen?« Vorn beugte sich Juan über den Fahrer und kitzelte ihn mit der Spitze der Machete im Nasenloch. Juan schüttelte den Kopf.

»Wegen ein paar Pesos? Weil ein kleines Arschloch den Helden spielen will?«

Der Fahrer antwortete nicht, sagte nichts, rührte sich nicht. Das kleine Arschloch in der ersten Reihe verzichtete auf den Heldentod für sich und andere, fingerte lieber mit der Rechten seine Brieftasche aus der Anzugjacke. Rodolfo riß sie ihm aus der Hand. Blut tropfte auf das Plastikpolster.

Behandeln Sie den Wagen mit Sorgfalt! Beschädigen Sie ihn nicht!

Der Vengador saß in der vierten Reihe, neben einer Frau, die eineinhalb Kinder mit sich herumtrug und sich an ihn preßte, als wäre er der Vater der Brut. Das war er aber nicht. Er war der Vengador. Er richtete sich auf, drückte die Frau von sich weg und öffnete den Reißverschluß seiner Ledertasche.

Vor ihm ging nun alles glatt. Rodolfo kam langsam den Gang nach hinten, schnitt ab und zu mit der Machete Stücke aus der Luft und hielt den Fahrgästen die Sporttasche entgegen, in die wie bei der Kollekte in der Kirche die Opfergaben plumpsten.

»Na also!« lachte Juan von vorn. Er fuhr dem Fahrer mit der linken Hand über den Scheitel, strich eine störrische Strähne glatt. Die Spitze der Machete lag auf dem Schulterblatt auf. Der Fahrer machte keinen Mucks, keine Bewegung. Er saß da wie eine aztekische Steinfigur und schien mindestens genauso tot. Wahrscheinlich war er so oft überfallen worden, daß er inzwischen schon aus Routine alles richtig machte.

Rodolfo war nun auf der Höhe des Vengadors angelangt. Die Schwangere versuchte verzweifelt, ihren Ehering abzustreifen. Er ging nicht übers Fingergelenk. Der Ring sah eh nach Modeschmuck für zwei Pesos fünfzig aus. Der Vengador griff in seine Tasche, fühlte Metall und fuhr an dessen klarer, schlanker Form entlang. Ertastete die kühle Schönheit.

»Nein«, sagte die Frau schwach, als Rodolfo die Machete ihrem prallen Bauch entgegensenkte.

Der Vengador faßte die 38er Special am Lauf, zog sie hervor und streckte sie Rodolfo entgegen. Dessen Hand fuhr zurück, als fürchte sie, sich am Griff der Pistole zu verbrennen. Die Machete klirrte gegen irgend etwas. Der Vengador hob die rechte Hand, ließ die leere Handfläche aufscheinen. Die 38er hielt er mit der Linken, mit drei Fingern, am Ende des Laufs. Der Griff, der Abzug boten sich Rodolfo an. Er mußte nur zugreifen. Er griff zu. Mit einer schnellen, gierigen Bewegung. Er sagte:

»Der Kerl hat einen Revolver.«

Es war kein Revolver, es war eine Pistole, ein halbautomatischer Selbstlader. Der Vengador lächelte.

»Was?« fragte Juan von vorne.

»Ich habe so ‘nem Scheißer einen Revolver abgenommen«, rief Rodolfo über die Schulter. Links hielt er die 38er, rechts die Machete.

Der Vengador tippte mit der Daumenkuppe auf den Zettel an der Scheibe. Er zitierte auswendig:

»Lächeln Sie Ihrem Mitpassagier zu! Seien Sie glücklich!«

»Einen Revolver?« fragte Juan von vorn.

»Ich hab ihn«, schrie Rodolfo, »ich hab ihn ihm abgenommen, dem Wichser, und …«

Der Vengador stand auf, lächelte freundlich. Versuchte, glücklich zu sein.

»Einen … Scheiße!« rief Juan.

»Sechs Schuß neun Millimeter Kaliber », sagte der Vengador. »Das haut dir glatt den Bauch weg.«

Aus dem Schulterhalfter unter seiner Jacke zog er seine zweite 38er hervor. Er war glücklich.

»Der Wichser hat …« schrie Rodolfo, und bevor er sich noch zwischen Machete und Pistole entscheiden konnte, bevor er das winzige Zögern überwunden hatte, das die zusätzliche Option verursacht hatte, bevor er auch nur hätte realisieren können, daß der Spaß gleich vorbei sein würde, wenn er sich nicht wehrte, hatte der Vengador schon abgedrückt. Zweimal den Finger krumm gemacht. Zwei Kugeln losgeschickt, peng, peng, und Rodolfo zwei Schläge versetzt, die ihn nach hinten warfen, zwei Löcher in seine Brust gerissen, aus denen das Leben floß und langsam stockte.

»… hat dich weggepustet, Jungchen.« Der Vengador nickte dem Etwas zu, das im Gang in sich zusammensackte, die eine Hand um eine Machete, die andere um den Griff einer ungeladenen 38er krallte und ungläubig mit zu verfolgen schien, wie das Hin und Her in Venen und Arterien, wie der ganze verdammte Verkehr in ihm zum Stillstand kam.

Der Vengador mischte sich nicht weiter in sein Sterben ein. Er schob sich an der Schwangeren und dem heulenden Kind vorbei auf den Gang. Vorn war noch der andere. Juan. Er quetschte seinen Arsch gegen das Lenkrad und hielt sich an der Machete fest, die er dem Fahrer an den Hals drückte.

Behandeln Sie den Fahrer mit Höflichkeit und Respekt!

Der Vengador lud zwei Kugeln ins Magazin der Pistole nach und sagte:

»Wenn du ihn auch nur anritzt, Kleiner, leg ich dich um.«

Juans Hände zitterten, und sein ganzer Körper zitterte mit den Händen. Juan schien zu überlegen, wie er aus der Sache herauskommen konnte. Der Vengador hätte ihm sagen können, daß er damit etwas zu spät dran war. Juan zerrte den Fahrer am Hemdkragen nach oben. Er schien fertig überlegt zu haben. Er sagte:

»Der kommt mit und …«

»Nein!« Der Vengador schnitt ihm ins Wort. »Laß das Messer fallen!«

»Wir zwei steigen jetzt aus, und wenn ihr schön brav sitzen bleibt, passiert ihm überhaupt nichts.«

»Nein«, sagte der Vengador und streckte den Arm mit der Pistole durch. Mit der Machete an der Gurgel tat der Busfahrer einen vorsichtigen Schritt zur Vordertür hin. Juan versteckte sich hinter ihm. Man hätte einen Kunstschützen gebraucht, um …

»Steigen Sie hinten aus!« sagte der Vengador. Er zielte nach unten und schoß. Der Fahrer bekam die Kugel in den Unterschenkel. Er sackte lautlos zusammen, fiel schwer in den Arm Juans, der dabei fast das Gleichgewicht verlor. Die Machete baumelte unschlüssig vor den beiden Körpern umher. Der Fahrer stöhnte. Juan fiepte:

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

»Laß das Messer fallen!«

Juan keuchte unter der Last des Fahrers, den er unter beiden Achseln gefaßt hatte und wie einen Sandsack vor sich aufzubauen versuchte. Der Sandsack kippte, Juan fragte:

»Wir steigen nicht aus?«

»Nein«, sagte der Vengador.

»Nein?« fragte Juan.

Er brauchte noch einen Moment, dann ließ er den Körper des Fahrers nach unten gleiten. Die Machete warf er nach vorn in den Gang, als ob sie ihm plötzlich zu heiß in der Hand geworden wäre. Dann hob er beide Hände auf Höhe seines Stiernackens, schnaubte aus. Er lächelte. Schien glücklich. Dachte wahrscheinlich daran, daß er in spätestens drei Monaten aus dem Knast entlassen würde.

»Geben Sie Ihr Ausstiegssignal rechtzeitig!« sagte der Vengador. Er hob die 38er, zielte ausnahmsweise mal genau und schoß Juan durch die linke Handfläche. Blut spritzte auf die Frontscheibe des Busses. Der Kerl warf die Hände vor die Brust und schrie.

»Olé!« murmelte der Vengador. Der zweite Schuß traf Juan in den rechten Oberschenkel und warf ihn auf die Knie. Zu spät, mein Lieber! Zu spät, um zu bitten und zu betteln. Das hättest du dir früher überlegen müssen.

»Olé!« stöhnte der verwundete Karl Lagerfeld in der ersten Sitzbank. Den dritten Schuß setzte der Vengador in den rechten Oberarm Juans.

»Olé!« murmelten die Passagiere des Microbusses.

»Olé!« riefen sie zögernd, unsicher. Sie wußten wohl nicht, ob es angebracht war, »olé« zu rufen. Sie würden auch nicht mehr »olé« rufen, wenn alles vorbei war. Sie würden betreten herumsitzen, und erst nach ein paar Minuten würde es der erste wagen, die blutverschmierte Sporttasche mit dem Stierkopf unter der Leiche von Rodolfo hervorzuziehen und nach seinen Wertsachen zu kramen.

Doch jetzt riefen sie »olé«, während sie nach dem nächsten Schuß lechzten, und aus Juans Visage war das schiefe Lächeln verschwunden. Da waren nur noch Panik und die Grimasse der verzweifelten Anstrengung, mit der er sich zur offenen Tür des Microbusses hinschob und übers Trittbrett hinausplumpsen ließ. Er würde nicht weit kommen.

Der Vengador beugte sich über den Toten im Gang. Er mußte die Finger einzeln aufbiegen, um die zweite, ungeladene 38er aus der verkrampften Hand lösen zu können. Er steckte die Pistole ins Schulterhalfter. Dann klaubte er Juans Machete aus dem Staub. Er richtete sich auf, spannte seinen Körper, stand mit der Machete in der Hand da wie El Zotoluco, wie der Inbegriff aller Toreros, die je die Plaza México, die größte Stierkampfarena der Welt, in »Olé«-Stürmen hatten tosen lassen.

»Ich bin El Vengador«, sagte der Vengador. »Sie werden von mir gehört haben. Ich sorge für Sicherheit und Gerechtigkeit. Ich erledige den Job, bei dem unsere Polizei versagt. Wenn Sie wollen, daß man in México-Stadt irgendwann wieder sicher und ruhig leben kann, dann lassen Sie nachher beim Verhör Ihre Phantasie ein wenig spielen, wenn es darum geht, mein Aussehen zu beschreiben. Ich denke, das sind Sie mir und sich selbst schuldig.«

»Olé!« sagte der Schnösel. Er nickte.

»Olé!« sagte der Vengador. Er drückte sich am verletzten Fahrer vorbei und stieg aufs Trittbrett hinab. Draußen schlängelten sich die Autos um den stehenden Microbus, an dessen Scheiben sich die Nasen der Insassen platt drückten. Der Verkehr floß zäh, die Luft war klebrig. Es roch nach Dreck und Blei. Wie von selbst teilte sich der Strom der Passanten vor der Machete des Vengadors. Er überquerte die Calle de Argentina, strich am Gitter entlang bis zu dem hüfthohen Mäuerchen, unter dem das Ausgrabungsgelände des Templo Mayor lag.

»Juan?« rief der Vengador leise hinab.

Die Mondgöttin goß fahles Licht durch den Dunst. Wie felsschwarze Schatten ragten die Pyramidenstümpfe in die Nacht. Links unter dem grauen Dach lag das Oratorium der Adlerkrieger begraben. Rechts kroch etwas auf den steinernen Kopf einer gefiederten Schlange zu. Das Mäuerchen fühlte sich noch warm an. Der Vengador schwang sich darüber.

Die Nacht drückte blau auf die Stadt herunter. Schwer keuchte die Metro der Linie 2 in die Station Portales ein. Die ersten Waggons ratterten halbleer an Dolores vorbei. In der Mitte war der Zug dichter besetzt. Es würde Gedränge geben, wenn sich die Menge vom Bahnsteig hinzustopfte. Hauptsächlich Männer standen um Dolores herum. Auf anderen Linien gab es zu Stoßzeiten Extraabteile für Frauen und Kinder. Aus Sicherheitsgründen. In der Linie 2 schien die Sicherheit noch ausreichend gewährleistet zu sein.

Zu Stoßzeiten, dachte Dolores.

Sie zupfte ihren schwarzen Minirock nach unten. Er war kurz, vielleicht ein bißchen zu kurz. José hatte ihn ihr gekauft. Sie hatte sich vom ersten Moment an unwohl darin gefühlt, aber sie hatte nichts gesagt. Wozu auch? Gekauft war gekauft, und sie konnten es sich wirklich nicht leisten, einen neuen Rock wegen ein paar fehlender Zentimeter einzumotten. Außerdem meinte José, daß sie ihre Beine wirklich nicht zu verstecken brauche. Sie habe sowieso die schönsten Beine der Welt, behauptete er. So ein Quatsch, antwortete sie dann, aber ein bißchen freute es sie doch.

Dolores spürte, wie sie lächelte, wie ihre Augen unversehens nach José griffen, der sich vor ihr durch die aufzischende Tür in die Metro drängte. Sie hätte ihn jetzt gern neben sich gespürt, sich im rumpelnden Zug an ihn geschmiegt, aber das ging nun mal nicht.

Dolores warf die schwarzen Locken zurück und schob sich ebenfalls in den Waggon. Die gestaute Hitze des Tages schlug ihr entgegen, der schwüle Schweiß von Menschen, die den Dampf und Dreck der Straße eingesaugt hatten. Eine Luft, die ihr binnen kurzem die Poren verkleben würde.

José hatte sich rechts neben der Tür an die vertikale Metallstrebe gelehnt, die die obere Haltestange trug. Er hielt sich »La Jornada« vor die Augen und tat, als interessiere er sich für die neuesten Sauereien der Regierung in Chiapas. Dolores zögerte einen Moment und ließ sich, im Strom der Hereindrängenden unmerklich steuernd, an José vorbei zur gegenüberliegenden Wand schieben. Dort lehnte einer, der harmlos genug wirkte: eine Handbreit kleiner als Dolores, selbst mit aufgebügeltem Haar. Schweißperlen rannen ihm die Schläfe hinab und stauten sich am Brillengestell. Irgendwer, der ihm übelwollte, hatte ihn in einen einst modischen Einreiher gesteckt, für den er inzwischen ein wenig zu fett war. Er sah aus wie ein Bankangestellter, der seine Karrierehoffnungen schon vor ein paar Jahren begraben hatte.

Einen Moment lang dachte Dolores daran, alles abzublasen, sich zu José durchzuboxen, sich in seine Arme zu werfen und ihm ins Ohr zu flüstern: Heute nicht! Bitte! Nicht heute! Und José würde sie festhalten und würde nicken und sagen: Heute nicht.

Und was wäre morgen? Und was war mit ihren Eltern, die ohne sie betteln müßten? Mit der Medizin für die Großeltern? Mit dem Zuschuß für das Begräbnis von Fernando Ayala, den sie der Witwe versprochen hatte? Dolores blieb, wo sie war. Sie warf dem Bankangestellten ein scheues Lächeln zu, als sie sich an der Waggonwand über seiner Schulter abstützte.

Die Metro fuhr langsam an, ruckte, beschleunigte, bremste scharf, und Dolores verlor das Gleichgewicht, tapste verzweifelt nach einem Halt, taumelte gegen den Bankangestellten. Ihr Busen rieb an seinem Oberarm entlang, quetschte sich gegen seinen wabbeligen Bauch, ihr Körper versteifte sich vor Schreck und Scham, und dann rappelte sie sich hoch, entschuldigte sich nicht, sondern drehte sich schnellstmöglich um 180 Grad, zum Waggeninneren hin. Es war wichtig, Angst zu zeigen, einen Anflug von Panik. Das fiel Dolores nicht schwer. Dazu brauchte sie nicht zu schauspielern.

Sie konnte sich nun mit einer Hand an der Haltestange festklammern. Mit der anderen hielt sie sich die im Rhythmus der Zugbewegungen hin- und herwankenden schwitzenden Körper vom Leib. Direkt hinter ihr stand der Bankangestellte. Dolores wahrte Abstand, so gut es ging, doch sie spürte seinen Blick auf ihrem Hals und ihren Schultern brennen. Sie wartete. Nativitás, Villa de Cortés, immer mehr Fahrgäste drückten herein, immer stickiger wurde die Luft, und Dolores wartete, versuchte, nicht zu José hinüberzusehen, dachte, daß sie den Chef des Bautrupps der Comisión de Aguas nur noch ein klein wenig schmieren mußte, damit die Wasserleitung bis zu ihrer Hütte hinauf verlängert würde.

Kurz nach Xola spürte Dolores die Hand an ihrem Hintern. Es war nur kurz und flüchtig, man hätte es für eine zufällige Berührung halten können, bewirkt durch einen Schlenker des Waggons, eine unvermutete Kurve, die einen völlig in dienstliche Obliegenheiten versunkenen Sparkassenmitarbeiter überrascht hatte, seine Hand absolut unbeabsichtigt hatte ausschwingen lassen. Wenn sich Dolores jetzt empört umdrehte, sähe sie sich einem Ausdruck verfolgter Unschuld und peinlich berührter Überraschung gegenüber.

Verfolgte Unschuld.

Peinlich berührt!

Das war der Moment, den Dolores am meisten haßte, diesen vorsichtigen Testgriff, dieses Getatsche mit Rückversicherung, diese Als-ob-nichts-wäre-Handgreiflichkeit, diese kurze, flüchtige, eklige Berührung. Sie fürchtete diesen Moment, jede einzelne Faser ihres Körpers fürchtete ihn, wollte fliehen, fort, nichts wie weg.

Ein Schauer lief Dolores’ Rücken hinab. Sie drehte sich nicht um, sie rührte sich nicht. Sie tat, als habe sie nichts bemerkt. Es war nichts. Es war rein geschäftlich. Ein Job. Nichts anderes. Jeder Job hatte seine Nachteile. Andere Leute hatten auch ihre Sorgen.

In Chabacano kämpften sich die Umsteiger aus den Linien 8 und 9 herein. Wie Sardinen standen sie in der Mitte der Plattform aneinandergepreßt, ohne sich irgendwo festhalten zu können, quetschten sich feucht ineinander und reckten die Köpfe nach oben, um nach Luft zu schnappen. Mit festverkeilten Flossen schwankten sie bei den Brems- und Beschleunigungsmanövern mit, fielen nach vorn, nach hinten. Da war keine Ritze mehr, anhand derer man zwischen dem eigenen und dem fremden Körper hätte unterscheiden können, man schwappte mit, war unwillig eins mit irgendwem, und nur die starren Fischgesichter sprachen vom Bedauern, nicht als stachliger Igel geboren zu sein.

Dolores dachte, daß sie vielleicht schon in zwei Wochen fließendes Wasser hätten, und vielleicht könnten sie sich dann eine gebrauchte Waschmaschine leisten, und dann …

Dann spürte Dolores etwas. Hinter ihr. An ihr. Letztlich war es egal, ob sie gegen den Bankangestellten gedrückt wurde oder ob der sich ihr entgegenstemmte. Auf jeden Fall spürte sie, wie sein Ding steif wurde und an ihrem Hintern emporwuchs. Geschwollenes Fleisch, pochendes Blut, schmutzige Gedanken. Eine Waschmaschine wäre schön. Würde jede Menge Zeit sparen. Wenn sie und José aus der Dreckluft der Stadt nach Hause kämen, könnten sie sich ausziehen und das ganze Zeug einfach in die Maschine werfen. Dolores könnte mal ausruhen, und dennoch wäre eine Stunde später alles sauber. Sie müßte nicht ihren Korb zum Wassertank hinabschleppen, müßte die Schmutz-wäsche nicht einweichen, nicht Stück für Stück auf dem Waschbrett rubbeln, wenden, kneten, spülen und noch einmal walken.

Der Mann hinter Dolores begann, langsam auf und ab zu reiben.

Dolores schüttelte sich. Sie sollte kühl und professionell bleiben. Sie sollte sich nicht vom Ekel fortspülen lassen. Der Kerl rieb sich an ihr. Und? Sie kam nicht einmal mit seiner Haut in Berührung, da waren ein paar Lagen mehr oder weniger sauberen Stoffs dazwischen. Er rieb sich an ihr, und Dolores versuchte sich vorzustellen, daß es etwas ganz anderes wäre. Irgendeine harmlose Berührung. Etwas wie Wäsche waschen. Nasse Lumpen auf einem Stein. Ihr fiel nichts Rechtes ein.

Die Metro fuhr in Pino Suarez ein.

Dolores spürte das Keuchen im Nacken. Nein, es war kein Keuchen, sein Atem war nur ein wenig schneller geworden, und jetzt legte sich seine Hand auf ihre Hüfte, glitt nach oben und versuchte, sich zwischen ihrem Körper und dem angepreßten Arm hindurchzuwühlen. Zu ihrem Busen. Seine andere Hand tappte an ihrem Oberschenkel herum. Eine feuchtwarme, eklige Patschhand. Gott sei Dank hatte er nur zwei Hände. Zwei waren genug.

Die Türen der Metro öffneten sich, und endlich stiegen ein paar Leute aus, gab es ein wenig Luft zur Seite hin. Die Hand des Kerls grub sich gierig in Dolores’ Achselhöhle. Es war mehr als genug. Es reichte. Einen Moment nur klappte Dolores ihren rechten Ellbogen nach außen, die wühlende, stoßende Grabschhand fand keinen Widerstand mehr, schoß zu weit nach vorn, und als Dolores den Ellbogen wieder schloß, hatte sie seinen Unterarm unter ihrer Achsel eingeklemmt. Sie sah nach unten auf die Uhr an seinem Handgelenk. Die Ziffern zeigten 20.14 Uhr an, und Dolores rief:

»José, das Schwein hier …«

Dann schnappte sie nach unten, erwischte den Daumenballen und schlug ihre Zähne durch Haut und Fleisch bis auf den Knochen hinab. Das Schwein schrie auf, und Dolores drehte sich nach links weg, drückte sich in eine alte Frau hinein, um den Platz für Josés Faust freizumachen, die aus der Menschenmasse hervorschoß und im Bauch des Sparkassenschweins versank, das jetzt wirklich keuchte, japste, daß ihm die Zunge fast aus dem Rüssel fiel.

Das Dreckschwein. Die Schmutzwäsche.

Nie mehr auf und ab rubbeln, dachte Dolores und krallte ihre Fingernägel in das Handgelenk mit der Uhr, hielt fest, biß erneut zu und versuchte, den Handwurzelknochen mit ihren Eckzähnen zu knacken. Tatsächlich knackste etwas, aber vielleicht waren es auch die Rippen, auf die José mit einer kurzen Serie von linken und rechten Haken eintrommelte, bevor er den Kerl am Hosenbund nach oben riß, daß die Nähte platzten.

»Du Schwein!« spuckte José hervor. Er packte ihn an den Aufschlägen der Jacke und beutelte ihn hin und her. Dann umkrallte er sein Kinn und drückte den Kopf nach hinten an den Türrahmen. Er nickte Dolores zu. Sie löste die Zähne aus der Hand und sah zu, wie sich die Eindrücke mit Blut füllten. Rot anschwollen.

Auf und ab.

Es war schwer, Geschäftliches und Persönliches immer sauber zu trennen. Es kam auch darauf an, in welchem Maß einer ein Schwein war. Es gab besonders schweinische Schweine. Bei dem hier hatte Dolores das Gefühl, daß sie noch nicht ganz quitt waren. Sie zeigte auf seine Hose:

»Er hat immer noch einen Steifen!«

»Das Schwein«, sagte José.

Er ließ das Kinn in dem Moment los, als Dolores dem Kerl in den Schritt trat. Der Schweinekerl stöhnte auf und rutschte am Türrahmen hinab, klappte in sich zusammen.

Die Tür der Metro sprang zischend auf. Zócalo. Der Kerl lag wie ein nasser Sack zwischen den Beinen der Passagiere, die alles schweigend beobachtet hatten. Sich weggedrückt hatten, um nicht selbst etwas abzubekommen. Die sich um Gottes willen die Finger nicht schmutzig machen wollten. Und die Kleidung schon gar nicht.

»Komm!« sagte José. Er faßte Dolores an der Hand. Er war ihr Mann. Zusammen stiegen sie aus.

»José …«, sagte Dolores. Er könnte sie ruhig mal in die Arme nehmen.

José lehnte an der dem Zócalo abgewandten Seite des Kassenhäuschens. Auf der anderen Straßenseite lag die Kathedrale schwarz in der Nacht. Ein gedrungener Felshügel mit seltsam geformten Auswüchsen, die mit dem dunklen Himmel verschwammen. Gerade waren die Strahler erloschen, deren Licht die Kirchensilhouette aus dem Himmel geschnitten hatte. Auch die Straßenlaternen in der Calle Seminario brannten nicht mehr. Stromausfall. Es war deswegen nicht völlig finster. Die Petroleumfunzeln der Straßenhändler blinkten längs der Calle, ein paar offene Feuer flackerten dazwischen, und von den Autos, die um die Nordostecke des Zócalo kurvten, wischte Scheinwerferlicht suchend bis zum Eingang des Templo-Mayor-Geländes.

José hielt den abgeschabten Geldbeutel, den er dem Schwein in der Metro abgenommen hatte, schräg ins Licht und ließ die Scheine durch die Finger gleiten. Da war nicht viel, was durch die Finger hätte gleiten können. José zählte ein zweites Mal. Drei Scheine. Mondlicht lag in der Luft, auch wenn der Mond selbst nicht zu sehen war. Er mußte irgendwo hinter dem Templo-Mayor-Museum stehen.

»Sechzig«, sagte José. Drei Zwanzig-Peso-Scheine.

Dolores schlug die Arme übereinander. Es war ein warmer Abend, und ihr war auch nicht kalt, doch José hätte sie ruhig mal in die Arme nehmen können.

»Sechzig Pesos, eine Telefonkarte und ein paar Münzen«, sagte José, »das ist alles.«

»Und die Uhr«, sagte Dolores. Sie massierte ihren linken Ellbogen.

José steckte den Geldbeutel in die Hosentasche. Dolores blickte auf das Lichterfeld, das sich am Ausgrabungsgelände entlang Richtung Norden erstreckte. Es hätte ein Heerlager sein können. Eine Armee von Männern, die nach einem harten Tag des Mordens und Brandschatzens an einem schwarzen Flußufer ausruhten, sich von den Strapazen erholten, um am nächsten Tag mit frischen Kräften weitermorden zu können.

»Schon der Anzug«, sagte José. »Du hättest schon an seinem Anzug erkennen müssen, daß bei dem Typ nichts zu holen sein würde. Ein schlechtsitzender, altmodischer, muffeliger Anzug!«

»Ich soll doch auf Geschäftsleute …«

»Ja, auf Geschäftsleute«, zischte José. »Aber nicht jeder, der einen Einreiher trägt, ist ein Geschäftsmann. Schon gar nicht, wenn er in solch einem schäbigen Fetzen steckt. Das kann doch nur ein Versager sein. So etwas mußt du doch sofort spüren!«

»Ich mag nicht mehr«, sagte Dolores.

»Sechzig Pesos!« sagte José.

»Und die Uhr«, sagte Dolores. Sie dachte an das haarige Handgelenk und an den schweißigen, fetten Daumenballen, in den sie gebissen hatte.

José kramte die Armbanduhr hervor. Es war nicht dunkel genug, um sich über die Uhr täuschen zu können. Die Uhr war billig und häßlich und sah haargenau wie eine von denen aus, die fünfzig Meter weiter an der Ecke zur Calle República de Guatemala von den Straßenhändlern zu vierzig Pesos das Stück verschleudert wurden.

»Die Uhr ist Schund«, sagte José. Er klopfte mit dem Fingerknöchel auf das Glas des Zifferblatts. »Die Uhr ist absoluter Ramsch. So etwas kannst du nicht einmal verschenken. Dafür würde sich kein Bettler bei dir bedanken. Selbst das Armband ist billiger Mist. So eine Uhr …«

»Du könntest mich ruhig mal in den Arm nehmen«, sagte Dolores.

»So eine Uhr ist …« José brach erneut ab. Dolores spürte ein Jucken am Hals. Als ob sie gestochen worden wäre. Vom Zócalo her hupte es. Ein vielstimmiges Hupkonzert. Irgend etwas mußte im Weg stehen.

»Komm her!« sagte José. Er lehnte nur zwei Schritt entfernt an der Mauer des Kassenhäuschens. Dolores schüttelte den Kopf.

»Na, komm schon!« sagte José. Er streckte ihr die Hand entgegen. Dolores machte einen Schritt auf ihn zu. Er griff sie am Unterarm und zog sie an sich heran.

»Laß!« sagte Dolores. Josés Arm legte sich um ihre Schulter, packte ruhig und fest zu. Dolores schmiegte sich an Josés Brust.

José sagte: »Wenn wir jeden Centavo zusammenkratzen, würde es vielleicht reichen, um in der Lagunilla eine Knarre zu kaufen. Ich könnte dann versuchen, eine Bank zu überfallen. Mit etwas Glück springen dabei dreißig-, vierzigtausend Pesos heraus. Auf einen Schlag.«

»Sie würden dich abknallen, José. Das weißt du genau.«

»Eine Knarre bräuchte ich auf jeden Fall. Ohne eine Knarre …«

»Wenn dich die Wachleute nicht gleich abknallen, jagt dich garantiert eine der Gangs, in deren Revier du gewildert hast. Der du in die Quere gekommen bist. Wenn du Glück hast, nehmen sie dir nur das Geld und die Knarre ab. Wenn du Pech hast …«

»So sicher wie das jetzige Geschäft wäre es nicht«, sagte José.

Dolores schwieg. Sie rieb ihre Wange an seiner Schulter.

»So sicher wie das hier ist überhaupt kein Geschäft«, sagte José. »Wir prügeln sie und nehmen sie aus, und trotzdem fühlen sie sich nicht als Opfer, sondern als Täter. Täter, die sich vor Überraschung, Scham und schlechtem Gewissen nicht einmal wehren, die nicht zur Polizei gehen, die sich zusammenschlagen lassen und dabei die Klappe halten, die stumm nach Hause wanken und für ihre Frauen irgendwelche Geschichten von einer Bande maskierter Unbekannter erfinden. Selbst vor Gericht würden sie sich nicht trauen, uns zu identifizieren.«

Der Stoff der Jacke kratzte an Dolores’ Wange. Sie hob den Kopf ein wenig an und sah über Josés Schulter auf die glimmenden Lagerfeuer, an denen wer weiß wer hockte. Männer, stillende Frauen, barfüßige, schmutzstarrende Kinder, alte Indios mit noch älteren Lederhautgesichtern. Keine Geschäftsleute mit behaarten Händen.

»Ich kann nicht mehr«, sagte Dolores.

»Du mußt dir nur die richtigen Typen heraussuchen. Solche, bei denen wirklich etwas zu holen ist. Je mehr wir bei einem abkassieren, desto länger können wir Pause machen. Sechzig Pesos sind natürlich so gut wie gar nichts. Das lohnt den ganzen Aufwand kaum. Da müssen wir morgen wieder ran. Du mußt morgen wieder ran.«

»Ich …«, sagte Dolores. Sie machte sich von José los, drückte sich mit beiden Händen von seinen Schultern ab. Er nahm seinen Arm weg.

»Ich verstehe es einfach nicht«, sagte José. »In solch einem Anzug! Und das war ja nicht das erste Mal. Als ob du dir mit Absicht die verkehrtesten Typen heraussuchen würdest. Kleine, dicke, verschwitzte, stinkende Bürohelfer mit einer verschwitzten, stinkenden Drecksphantasie …«

»Du …!« sagte Dolores. Sie machte einen Schritt nach hinten.

»Als ob es dir Spaß machen würde, dich von den schmierigsten Versagern betatschen zu lassen …«

Dolores holte mit der rechten Hand aus.

»… für sechzig Pesos …«

Schlug zu. Traf nur seinen erhobenen Arm.

»… und eine Ramschuhr, die genauso billig ist …«

Zog die schmerzende Hand zurück. Wußte nicht, wohin mit ihrer Wut.

»… wie es die Nutte wäre, die sich die schmierigen Typen leisten müßten …«

Krallte in hilflosem Schmerz.

»… wenn sie nicht schon dich …«

Bekam die Uhr zu fassen, entriß ihm die billige Ramschuhr.

»… wenn sie nicht schon an dir …«

Und warf die beschissene Uhr in die beschissene Nacht hinaus, irgendwohin, ins Dunkel, und hätte mitsamt der Uhr gern ihr beschissenes Leben weggeworfen, aber das war nicht möglich, ihr Leben würde immer so weitergehen, in dieser Zeit, die verrann, ohne daß sich etwas änderte. In dieser Stadt, in der man die Wahl hatte, zu verhungern oder erschossen zu werden oder sich für sechzig Pesos und eine Ramschuhr betatschen zu lassen. Dolores fröstelte jetzt doch.

»Entschuldige!« sagte José.

Dolores schüttelte sich.

»Bitte entschuldige!« José packte sie an den Handgelenken. Sie wand sich und zog und zerrte und kam doch nicht frei.

»Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist«, sagte José. »Natürlich nehme ich alles zurück. Es liegt nur an mir. Ich kann einfach nicht zusehen, wie sie an dir … Wahrscheinlich bin ich eifersüchtig.«

Mit Gewalt zog er sie zu sich.

»Du bist meine Frau«, sagte er.

»Ich liebe dich«, sagte er.

Sein Griff schmerzte an ihrem Handgelenk. Sie schluchzte.

»Ich liebe dich doch«, sagte José.

Dolores warf sich an seinen Körper.

»Das war heute das letzte Mal«, sagte sie. »Ich schaffe es nicht mehr. Diese ekligen Hände. Nie mehr will ich sie auf meiner Haut spüren. Nie, nie mehr.«

»Zum Teufel mit der Uhr!« sagte José, aber auch er kletterte über die Gittertür, die den Zugang zum Ausgrabungsgelände versperrte. Die Uhr mochte Ramsch sein, das Glas war wahrscheinlich beim Aufprall zersprungen, vielleicht war sogar die Mechanik beschädigt. Vielleicht auch nicht. Dolores und José konnten es sich jedenfalls nicht leisten, eine Uhr wegzuwerfen, und sei sie nur zwanzig oder dreißig Pesos wert. Schon gleich gar nicht, wenn sie sonst nur sechzig Pesos eingenommen hatten.

Die Uhr mußte irgendwo dort unten liegen. Das Scheinwerferlicht der Autos strich über das Ausgrabungsgelände hinweg. Es ließ den abgesunkenen Boden im Dunklen ruhen, reichte nicht die paar Meter, die paar Jahrhunderte hinab auf die Oberfläche der untergegangenen Aztekenwelt.

Dolores stieg hinter José die Treppenstufen nach unten. Die Gangway, auf der die Besucher tagsüber durch das Gelände geleitet wurden, verlor sich links in der Nacht. José ließ sich auf die Knie sinken und begann, ein paar Quadratmeter Sandsteinplatten abzutasten. Dolores stieg zwischen den Streben des Geländers auf die Steine des heiligen Bezirks der Azteken hinab. Sie wußte nicht viel von der Geschichte der alten Kulturen, und das, was sie wußte, ließ sie auf mehr nicht neugierig sein. Diese Geschichten von Gefangenen, die auf der großen Pyramide abgeschlachtet worden waren. Auf steilen Stufen waren sie nach oben gezerrt, über den Opferstein gespannt worden, und dann hatte man ihnen die Herzen herausgeschnitten, nach denen die Götter verlangten.

Es mußte eine elende, unmenschliche Welt gewesen sein. Viel zu sehr ähnelte sie der jetzigen, auch wenn Menschen heute anders geopfert wurden. Langsamer, weniger blutig und weniger feierlich.

Die Opfer hatten sowieso nichts genutzt, die Welt der blutgierigen Götter war verschwunden, war von den Spaniern in noch mehr Blut erstickt worden, begraben, verschüttet, bis ihre Trümmer von den Archäologen Handbreit um Handbreit freigelegt worden waren. Dolores erfühlte behauene Stufen und durch Gußbeton gesicherte Grundmauern neben breiten, glatten Steinflächen, auf denen man eine Armbanduhr durchaus finden konnte.

Dolores krabbelte auf nackten Knien voran. Sie konnte den Boden unter ihren Augen nicht sehen. Mit den Handflächen strich sie über rauhes Vulkangestein und behauene Kanten, erfühlte Vertiefungen, die sich in Stufen eingetreten hatten, und winzige Fugen, in denen sich Unkraut festkrallte. Sie versuchte, mit vier gleichförmigen Wischbewegungen immer ungefähr die gleiche Fläche vor sich abzutasten, ein imaginäres Planquadrat, auf das sie dann weiterrutschte. Langsam bewegte sie sich so an der untersten Stufe der äußeren Tempelmauer entlang.

José war irgendwo hinter ihr. Auch wenn Dolores sich umgedreht hätte, hätte sie ihn nicht sehen können. Egal. Es war genug, daß er da war. Für sie erreichbar war. Daß sie sich umarmt, geküßt, versöhnt hatten. Vielleicht könnte ihn Dolores doch sehen. Es schien heller geworden zu sein, oder ihre Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt. Unterschiedliche Schwarztöne ließen sich erkennen, schwärzeres Schwarz, das aus dem gewohnten Nachtschwarz wie Pyramidenkanten nach oben strebte und wieder andersartige schwarze Schatten ins Schwarz warf. Dazwischen schienen noch schwärzere Klumpen aus den Stufen zu quellen. Das mußten Nachbildungen der Götterstatuen sein, die hier ausgegraben worden waren und nun im Museum aufbewahrt wurden.

Wo war nur die Uhr? Bis zur ersten Statue wollte Dolores noch suchen. Dann war Schluß. So weit konnte sie die Uhr doch nicht geworfen haben! Dolores ließ ihre rechte Hand über den Boden gleiten, erfühlte Ziegelstaub, Steinchen, Stuckreste. Keine Spur von einer Uhr.

»José?« fragte Dolores leise ins Dunkel zurück. Sie wußte nicht, warum sie so leise sprach. José antwortete nicht. Vielleicht hatte er sie nicht gehört, vielleicht hatte er die Uhr gefunden und war schon wieder die Stufen zur Straße hinaufgestiegen. Aber dann hätte er Dolores doch Bescheid gegeben, oder?

Bis zur ersten Statue, das hatte Dolores sich vorgenommen. Einen Meter ungefähr. So weit würde sie sich noch vortasten. Bis zur vordersten der drei etwa lebensgroßen Figuren, die an den Tempelstufen lehnten. Bis zum ersten dieser schwarzen Klumpen, der gar nicht aus Stein gehauen schien, der eher wirkte, als sei er aus einer Wunde der Nacht wie schwarzes, vergiftetes Blut hervorgequollen und wäre geronnen und hätte sich verdickt zu …

Dolores strich an der Kante der Treppenstufe entlang. Rauh, abgesprengte Ecken. Da war nirgends eine Uhr.

Als hätte er sich zu etwas Organischem, zu einem menschlichen Körper verdickt.

»José«, rief Dolores nach hinten.

Ihre Fingerspitzen tippten gegen die Statue, tippten gegen Weiches, Nachgiebiges, erspürten Stoff, Baumwolle, irgendeinen Kleidungsstoff.

Da lag ein Mensch und …

»Sind Sie …?« fragte Dolores, doch sie ahnte, daß sie keine Antwort bekommen würde. Ihre Finger umspannten eine stoffbedeckte Rundung, die ein Oberschenkel sein konnte. Ein kräftiger männlicher Oberschenkel, doch Dolores hatte kaum Angst, denn sie glaubte zu wissen, daß der Mann, der da lag, tot war.

»Tot?« fragte sie, und der Mann sagte nichts, lag nur da wie ein unförmiger schwarzer Klumpen. Vielleicht war er gar nicht tot, sondern verletzt und bewußtlos. Vielleicht brauchte er dringend Hilfe. Dolores’ Hand faßte weiter oben ins Schwarz, griff wieder Stoff, strich nach unten, da kam der Saum eines T-Shirt-Ärmels, und dann Haut, flaumige Haare, behaarte Männerarme, die Ellenbeuge, Haut, kalte Haut. Dolores fröstelte. Wahrscheinlich war er tot.

Sie sollte den Puls fühlen. Sie mußte erfühlen, ob der Mann noch einen Pulsschlag besaß. Ihre Hand glitt langsam den Arm hinab, über Schorf und verklebte, pappige Härchen. Der Unterarm war schlaff und naß, Blut, es mußte Blut sein, und wo war der Puls?

Dolores tastete nach dem Handgelenk, um den Puls …

Sie tastete nach dem Gelenk …

Sie tastete …

Sie …

… ließ den Unterarm fallen.

Sie schrie.

»José!« schrie sie.

Da war keine Hand. Da war kein Handgelenk, an dem man nach einem Pulsschlag hätte fühlen können. Da war ein Stumpf, der in einer bluttriefenden Wunde endete. Durchtrennte Knochen und Sehnen und Adern und Fleisch. Dem Toten war die Hand …

Und Dolores schrie.

Sie sprang auf und schrie und lief los ins Dunkel hinein, weg von dem Toten, dem jemand die Hand abgehackt hatte, dem jemand ausgerechnet das Handgelenk durchschlagen hatte, an dem Dolores den Puls fühlen, ein Lebenszeichen spüren wollte, ein schwaches, leises Pochen in den Adern, die aber keine Adern mehr waren, sondern durchschnittene, offene, inzwischen versiegte, ausgeblutete Blutspeier, und Dolores schrie und lief und stolperte und stürzte. Sie fiel über Stufen nach unten, brachte die Arme irgendwie vor ihren Körper, schürfte über harten Stein, Schmerz stach in ihrem rechten Ellbogen, und dann lag sie bäuchlings im Staub und schrie weiter.

Sie dachte, daß sie sich aufrappeln mußte, daß sie abhauen mußte. Nur fort, verschwinden. Die Handflächen brannten, die Knie brannten, und irgend etwas piekste in Dolores’ linken Oberschenkel. Sie drehte sich auf die Seite, schrie nach Hilfe, nach José, nach irgendwem, der ihr aufhelfen konnte, und sie griff nach dem Etwas, das sie gepiekst hatte. Es war weich, es fühlte sich an wie Haut, es konnte eigentlich gar nicht pieksen. Dolores schrie und griff mit der anderen Hand zu und spürte ganz deutlich, wie etwas in ihre Handfläche piekste. Ein Pieksen wie von schlecht geschnittenen Fingernägeln.

Dolores tastete nach.

Fingernägel, Finger, ein Handteller, herausstehende Knochen, Blut, Fleischfetzen. Dolores hielt eine abgeschlagene Hand in ihren Händen.

Noch einmal schrie Dolores, und dann spürte sie, wie der Schrecken nach ihrer Seele griff. Mit fünf kalten Fingern packte er zu, quetschte ihre arme, kleine, hilflose Seele zu einem blutigen Klumpen zusammen, und Dolores schrie nicht mehr.

Sie saß auf einer Stufe der Templo-Mayor-Ruine. Um sie war Nacht und in ihr der Schrecken. Ihre Hände krallten sich um eine Hand. Fingerknochen knackten.

»Meine Theorie ist ja, daß der Mörder gestört worden ist«, sagte der Museumswächter. Kommissar Lopez García fühlte sich auch gestört. Von dem Museumswächter, der aus der Tatsache, am Morgen die Leiche entdeckt zu haben, offensichtlich das Recht ableitete, Lopez García auf die Pelle rücken zu dürfen. Kein Abstand, und ein dauerndes, nervendes Herumgetappe an Lopez Garcías Arm und Schulter. Vielleicht suchte der Mann nach dem Schock körperliche Nähe. Lopez García dagegen pochte auf die Körperdistanz, die er auch sonst gegenüber Museumswächtern wahrte. »Ah, ja?« sagte Lopez García. Er flüchtete auf der Treppe, die vom Ausgrabungsgelände auf Straßenniveau führte, eine Stufe nach oben und sah zu, wie die uniformierten Kollegen unten eine Kette bildeten, um die verdammte fehlende Hand zu finden. Mit dem Rest schien der Mediziner vorläufig fertig zu sein. De Soto hatte irgendwoher eine Plane organisiert, die er über die Leiche breitete. Über die Leichenteile. Die Plane war durchsichtig. So eine Art Transparenzfolie, die zum Einbinden von Schulbüchern gut geeignet wäre. Lopez García schüttelte den Kopf.

Der Museumswächter zog an Lopez Garcías Hemdsärmel und wies mit der anderen Hand irgendwo nach unten.

»Da liegt die Leiche, und dort drüben ist der Coyolxauhqui-Stein. Zehn Meter weiter. Auf dem Stein hätte der Mörder die Leiche zerstückeln müssen, und ich bin sicher, dort hätte er sie auch zerstückelt, wenn er nicht gestört worden wäre.«

Hinter der Brüstung zur Calle Seminario tauchte der Rücken von Oberkommissar Ruiz auf. Von dort oben hatte man den besten Blick auf die ausgegrabenen Steinhaufen, und deshalb hatte das Fernsehteam Ruiz auch da plaziert. Damit wenigstens der Hintergrund stimmt, dachte Lopez García. Eigentlich war er zuerst hier gewesen, es war sein Fall, und die Drecksarbeit mußten sowieso De Soto und er erledigen. Aber was konnte man schon tun, wenn der Morddezernatsleiter bekanntermaßen fernsehgeil war? Nichts als still leiden und beten.

De Soto hüpfte die Treppe herauf. In der Hand trug er eine graue Plastiktüte. Die Machete. Der Mörder hatte es nicht der Mühe wert gefunden, sie zu beseitigen. Wenigstens war so klar, daß er keine Kettensäge benutzt hatte, wie es die Wunden vermuten ließen.

»Abgeschlagene Hände und Füße, tiefe Einschnitte im Brustkorb. Zusätzlich Schußwunden. Eine Riesensauerei!« sagte De Soto.

»Sauerei?« fragte der Museumswächter. »Man muß das im symbolisch-mythischen Zusammenhang sehen. Die Schlacht zwischen Huitzilopochtli und seiner Schwester Coyolxauhqui spiegelt den ewigen Kampf zwischen Sonne und Mond wider, letztlich also den Kreislauf des Lebens. Professor Echeverria glaubt darüber hinaus, daß in dem Mythos der historische Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zum Ausdruck komme. Das ist nicht unumstritten, aber …«

»Eine mythische Sauerei, die den Übergang von der Frauenherrschaft …?« fragte De Soto interessiert. Er war dünn, schmächtig und verfehlte deutlich die Mindestgröße von eins siebzig, die Kriminalpolizisten zu Repräsentationszwecken vorzuweisen hatten. Für De Soto war der Machismo lebenswichtig. So konnte er wenigstens der Hälfte der Bevölkerung auf den Kopf spucken. Zumindest im übertragenen Sinn.

Der Museumswächter wandte sich begeistert seinem neuen Opfer zu.

»Die Tötung Coyolxauhquis bedeutete ja gleichzeitig die Rettung der Erdgöttin Coatlicue vor deren Nachstellungen. Sonne und Erde im siegreichen Krieg gegen Mond und Nacht! Für die Azteken war das so wichtig, daß sie den Mythos in ihren Opferritualen nachgespielt haben.«

»Nachgespielt?« fragte De Soto. Lopez García sah den Uniformierten zu, die im Gleichschritt Tempelstufen erkletterten. Auf der Suche nach einer abgeschlagenen Hand, die in dem ganzen verdammten Haufen von mythisch-symbolisch bedeutsamen Leichenteilen abhanden gekommen war. Was war das nur für eine Welt?

»Nachvollzogen«, sagte der Museumswächter. »Nachvollzogen ist der bessere Ausdruck. Den Kriegsgefangenen wurden die Herzen oben auf der Pyramide herausgeschnitten. Die Körper wurden dann über die Stufen nach unten gestürzt und kamen auf dem Coyolxauhqui-Stein am Fuß der Pyramide zu liegen. Erst dort wurden sie zerstückelt, und deshalb glaube ich, daß der Mörder die Leiche zum Stein der Mondgöttin schleppen wollte. Doch dabei wurde er gestört …«

Der Museumswächter sprach mit dem gebotenen Maß an Empörung darüber, daß dem armen Mörder der Nachvollzug der Leichenverstümmelungen, mit denen die Azteken eine mythische Göttinnenverstümmelung nachvollzogen hatten, so schwer gemacht worden war. Für Lopez García war das alles heidnischer Quatsch. Er glaubte an Gottvater, Sohn und Heiligen Geist. Sowie an die Jungfrau Maria, deren besonderen Schutz México bitter nötig hatte. Dort unten war ein junger Kerl ermordet und zerstückelt worden. So etwas kam dauernd vor. Dazu brauchte man keinen vorchristlichen Schnickschnack zu bemühen. Andererseits, wenn die Leiche tatsächlich Richtung Coyolxauhqui-Stein geschleppt worden war …

»… und deshalb konnte er der Leiche nur Hände und Füße abtrennen …«

»Nur?« fragte De Soto.

Lopez García sollte vielleicht noch mal nach Spuren suchen.

»Wenn man vom Aztekenmythos ausgeht, gehört der Kopf auch abgeschlagen. Und natürlich Arme und Beine. Das geht aber nicht so fix wie bei Händen und Füßen, außer man besitzt eine Feuerschlange als Waffe wie Huitzilopochtli, der Herr der Kriege.«

»Mit einer Machete ist das eine Heidenarbeit«, sagte De Soto.

Er und der Museumswächter unterhielten sich so nett, daß sie Lopez García sicher entbehren konnten. Er stieg zur Leiche hinab. Sie pappte unterm Cellophan wie ein Haufen halb aufgetauter Tiefkühlkoteletts. Lopez García schritt einen Halbkreis von ungefähr zwei Metern um sie ab, bis er an der Pyramidenstufe anlangte. So nah an der Leiche war der Boden übersät mit Blutspritzern und Fußspuren von Polizistenstiefeln, die in noch klebrige Blutlachen getappt waren. Dabei konnte nichts herauskommen.

Lopez García wiederholte seine Suche im Abstand von fünf Metern. In nordwestlicher Richtung wurde er fündig. Da waren drei dunkle Blutstropfen, die sich vom helleren Stein deutlich abhoben. Lopez García tippte mit dem Finger daran. Trocken. Drei eingetrocknete, schöne, runde Tropfen, die aus einer nicht bestimmbaren Höhe heruntergetropft waren. Keine Schmierspuren. Entweder hatte der Mörder die Leiche getragen, oder die Leiche war noch gar keine Leiche gewesen, sondern ein Verletzter auf der Flucht vor dem Mörder, der ihn ein paar Meter weiter eingeholt hatte.

Gebückt suchte Lopez García weiter. Nach nicht einmal einem Meter fand er den nächsten Tropfen. Es war überhaupt kein Problem. Lopez García ging nur der Blutspur nach, die in leichten Schlangenlinien lief, als habe der Verletzte Schwierigkeiten gehabt, die Richtung zu halten.

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