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Titel

Inhalt

  1. Vorwort
  2. I Einleitung in das Handbuch missionarische Jugendarbeit
  3. II Grundlagen
    1. Florian Karcher, Germo ZimmermannWas ist missionarische Jugendarbeit? Ziele, Leitlinien und Dimensionen
    2. Rüdiger GebhardtWas ist „Mission“? Grundzüge einer Theologie der Mission für die Jugendarbeit
    3. Nils NeumannGesandt durch den auferstandenen Christus – Neutestamentliche Leitlinien für missionarische Jugendarbeit
    4. Ulrike TreuschVom Handeln zum Begriff? – Ein Beitrag zur Geschichte missionarischer Jugendarbeit
    5. Andreas GetfertDie Geschichte des CVJM als Beispiel der Geschichte missionarischer Jugendarbeit
    6. Germo ZimmermannMissionarische Jugendarbeit in Kirchen und Jugendverbänden: Grundlagen – Strukturen – Arbeitsformen
    7. Patrik C. HöringKatholische Perspektiven einer missionarischen Jugendarbeit
    8. Ingmar WendlandAnschauen – Auswerten – Erneuern: Wie missionarische Jugendarbeit von Theoriebildung profitiert
    9. Martina WalterEntwicklungspsychologische Entdeckungen zur missionarischen Jugendarbeit
  4. III Herausforderungen
    1. Michael FreitagZum gegenwärtigen Verhältnis von Mission und Jugendarbeit
    2. Karin WehmeyerMissionarische Kinder- und Jugendarbeit im Takt einer beschleunigten Gesellschaft
    3. Wolfgang Ilg, Michael Pohlers, Stephanie SchwarzSchulbezogene Jugendarbeit und die Frage nach Mission
    4. Heinzpeter HempelmannMilieusensible Jugendarbeit und missionarisches Handeln
    5. Ernst-Ulrich HusterArmut als Herausforderung christlicher Jugendverbände
    6. Sarah KoyyuruJugendliche zwischen den Welten – Herausforderungen migrationssensiblen Handelns für die missionarische Jugendarbeit
    7. Karsten JungInterreligiöse Jugendarbeit als missionarische Gelegenheit
    8. Cordula LindörferMissionarische Entdeckungstour Ostdeutschland – Situationsanalyse und Vorschläge zur Strategie missionarischen Handelns
    9. Friedrich SchweitzerKonfirmandenarbeit und Mission
    10. Daniela MailänderWie geht´s weiter? Übergänge ins Erwachsenenalter
    11. Nathanael VolkeMissionarische Jugendarbeit in der digitalen Lebenswirklichkeit
  5. IV Praxis
    1. Andrea KarcherMissionarische Gruppenarbeit
    2. Andrea Bolte, Germo ZimmermannOffene Kinder- und Jugendarbeit und Mission – (k)ein Widerspruch!?
    3. Steffen KauppJugendgottesdienste mit missionarischer Kraft
    4. Wolfgang IlgJugendfreizeiten als Orte gelebten Glaubens
    5. Karsten HüttmannJugendevangelisation
    6. Jörg KresseGlaubenskurse für junge Menschen
    7. Franz Röber, Jürgen SchmidtSchülerbibelkreise – Chancen für missionarisches Christsein an der Schule
    8. Heike Breitenstein, Julia GarschagenMissionarische Studierendenarbeit
    9. Florian KarcherJugendkirchen und -gemeinden
    10. Robert Erkenberg, Vassili KonstantinidisMusisch-kulturelle missionarische Jugendarbeit am Beispiel TEN SING
    11. Carolin MünchSportmissionarische Jugendarbeit
    12. Florian KarcherZwischen Begeisterung und Ernüchterung – Was leisten Events für die missionarische Jugendarbeit?
    13. Germo ZimmermannErlebnispädagogik im christlichen Kontext – Chancen und Herausforderungen für eine missionarische Jugend
  6. Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Vorwort

Ein Grundwort kirchlichen Lebens kehrt zurück: Mission. Lange Zeit verdrängt, vielleicht sogar verdächtigt, oftmals verschwiegen, gewinnt es neu an Bedeutung.

Wer dächte da nicht zurück an Leipzig 1999, jene EKD-Synode, die mehr Wirkung gezeigt hat, als wahrscheinlich die Synodalen damals selbst erwartet haben. Mit dieser Synode ist eine Erneuerung des missionarischen Bewusstseins verbunden: das neue Bewusstsein, wie dringend und wichtig die werbende Verkündigung und der Wille zum Wachstum für die Kirche im 21. Jahrhundert sind. Leipzig 1999 hält fest, dass eine Kirche, die nicht missioniert, krank, und zwar „herzkrank“ ist.

In der Kundgebung der Leipziger Synode werden inhaltliche Bestimmungen vorgenommen, die für Mission und Evangelisation als Sache der ganzen Kirche gelten sollen:

Mission ist zuerst durch das Evangelium bestimmt: „Gott hat uns eine Botschaft anvertraut, die die Mühseligen und Beladenen erquickt und die Starken davor bewahrt, sich von Leistung und Erfolg ein erfülltes Leben zu versprechen. Diese Botschaft wollen wir weitersagen, mit dieser Botschaft werden wir gebraucht.“

Mission hat ein von Gott gesetztes Ziel: Sie will Menschen gewinnen, sie sucht ohne Druck nach freier Zustimmung von Menschen, damit sie getauft werden, zum Glauben finden und Glieder der christlichen Kirche werden. Von dieser Konversion spricht die zweite inhaltliche Bestimmung: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Wir müssen die Ziele, die wir uns bei unserem missionarischen Handeln setzen, am Willen Gottes messen.“

Kurzum: „Weitergabe des Glaubens und Wachstum der Gemeinden sind unsere vordringliche Aufgabe, an dieser Stelle müssen die Kräfte konzentriert werden.“ In Leipzig 1999 bekannte sich die evangelische Kirche in Deutschland zu ihrem missionarischen Mandat in unserem Land. Und: Dieses Mandat wird durch die Botschaft gekennzeichnet, die uns anvertraut ist, durch das von Gott gesetzte Ziel, Menschen liebevoll zu gewinnen.

Seither sind Themen wie wachsende Kirche, missionarische Gemeindeentwicklung, missionarische Bildungsangebote, klares Zeugnis evangelischer Identität oder Mission im eigenen Land nicht mehr von der kirchlichen Tagesordnung wegzudenken. Die missionarischen Herausforderungen prägen die kirchlichen Reformbemühungen. Und das ist nicht nur in der evangelischen Kirche zu beobachten, sondern in ähnlicher Weise auch in der römisch-katholischen Kirche, in einigen Freikirchen und in der Gemeinschaftsbewegung.

In besonderer Weise hat auch evangelische Jugendarbeit an diesem missionarischen Grundauftrag der Kirche teil. Mit Kindern und Jugendlichen den christlichen Glauben zu erfahren, zu leben und mit ihnen an einer tragfähigen persönlichen Glaubenspraxis zu arbeiten, ist Auftrag evangelischer Jugendarbeit. Das spezifische Setting evangelischer Kinder- und Jugendarbeit von freiwilligem, selbstbestimmtem Engagement, selbstentdeckendem Lernen, den Möglichkeiten, existenziellen Lebensfragen im Kreis der Gleichaltrigen vertrauensvoll und von Mitarbeitenden unterstützt nachgehen zu können, ermöglicht die Vermittlung von Glaubensinhalten in Anknüpfung an die Lebens- und Sprachwelt junger Menschen. Ihnen bietet sich ein vertrauter Raum, in dem sie sich mit der Bedeutung christlichen Glaubens für das persönliche Leben auseinandersetzen können.

Dass sich die missionarischen Herausforderungen im Bereich der Jugendarbeit wie in einem Brennglas konzentrieren, ist offenkundig. Alle soziologischen Studien weisen auf einen dramatischen Abbruch religiöser Sozialisation in der jüngeren Generation hin. Evangelische Bildung und Erfahrungsdimensionen des Glaubens herkömmlicher kirchlicher Arbeit erreichen vielerorts Jugendliche nicht mehr. Dringend müssen innovative und vielfältige Formen der Jugendarbeit entwickelt werden.

Diese Herausforderungen stehen allerdings nicht nur als große Aufgabe vor Gemeinde, Kirche und Jugendarbeit. Bei genauerer Beobachtung kann man wahrnehmen, wie viel Neues schon aufbricht, ausprobiert wird und sich bewährt. In Jugendkirchen, bei sportmissionarischer Jugendarbeit, bei musikalischen Aktionen und bei christlichen Projekten in der Schule werden neue Wege erprobt. In mancher Hinsicht ist missionarische Jugendarbeit Vorreiter für neue Entwicklungen missionarischer Formate.

In dem vorliegenden Handbuch finden sich sowohl missionstheologische und pädagogische Grundsatzüberlegungen als auch viele Hinweise für die Praxis missionarischer Jugendarbeit. Gründliche Reflexion der Praxis verbinden sich mit Allgemeinverständlichkeit, von der sowohl der hauptamtliche als auch der ehrenamtlich Tätige in der christlichen Jugendarbeit Gewinn haben wird.

Mit diesem Handbuch ist ein beachtlicher Auftakt zur neuen Buchreihe „Beiträge zur missionarischen Jugendarbeit“ gemacht. Man darf auf die folgenden Arbeiten in der Reihe gespannt sein.

Oberkirchenrat Dr. Erhard Berneburg,

Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste

Einleitung in das Handbuch missionarische Jugendarbeit

Florian Karcher, Germo Zimmermann

Der Anlass – Missionarische Jugendarbeit im Aufbruch

Missionarische Jugendarbeit befindet sich im Aufbruch. In den vergangenen Jahrhunderten ist die Praxis der missionarischen Jugendarbeit immer wieder herausgefordert gewesen, die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse ernst zu nehmen und zu prüfen, wie sie ihrem Sendungsauftrag hin zu jungen Menschen nachkommen kann. Dennoch scheinen die gegenwärtigen Herausforderungen der postmodernen Multioptionsgesellschaft, die durch Individualisierung, Globalisierung und Pluralisierung gekennzeichnet ist, größer bzw. weitreichender als alle anderen zuvor. Für die Praxis vor Ort bedeutet das, neue Antworten auf veränderte Lebenslagen zu finden. Junge Menschen dort zu erreichen, wo sie im 21. Jahrhundert anzutreffen sind – mit ihren Problem, Sorgen und Nöten, aber auch mit ihren Fragen, Hoffnungen und Sehnsüchten.

Auch im wissenschaftlichen Diskurs ist dieser Aufbruch zu beobachten: Nachdem missionarische Jugendarbeit hier lange Zeit nur am Rande bearbeitet wurde, und es zu Konzepten, Theorien und Praxis des missionarischen Handelns so gut wie keine wissenschaftliche Reflexion gab, entstehen derzeit punktuell Promotionen, Habilitationen und kleinere Forschungsarbeiten zu Themen und Fragen missionarischer Jugendarbeit. Ebenso bieten Hochschulen in (privater) Trägerschaft von missionarischen Jugendverbänden und Werken Studiengänge in der Schnittmenge von Sozialer Arbeit und Religionspädagogik bzw. Theologie an und bringen sich mit ihrem Deutungshorizont in den wissenschaftlichen Diskurs ein.

Dabei ist die Frage des missionarischen Handelns nicht unumstritten. In gesellschaftlichen und innerkirchlichen Diskussionen wurde und wird deutlich, dass Mission einerseits zwar zum Kernauftrag der Kirchen gehört, andererseits der Begriff an sich jedoch historisch und gesellschaftlich kritisch betrachtet wurde, ja kritisch betrachtet werden muss: Denn wenn mit „Mission“ Imperialismus, Intoleranz und Vereinnahmung assoziiert werden, ist ein obsoletes Missionsverständnis im Blick. In diesem Handbuch plädieren wir für ein umfassendes, mehrdimensionales Missionsverständnis, das neben dem missionarischen auch den sozial-diakonischen Auftrag ins Zentrum des Handelns rückt. Insofern muss immer inhaltlich bestimmt werden, was gemeint ist, wenn von Mission die Rede ist (vgl. Karcher/Zimmermann „Was ist missionarische Jugendarbeit?“ in diesem Band).

Ziel und Zielgruppe

Das Ziel dieses ersten Bandes in der Reihe „Beiträge zur missionarischen Jugendarbeit“ (BMJ) im Neukirchener Verlag besteht darin, eine erste theoretische und gleichzeitig praxisnahe Aufarbeitung der Grundfragen und Herausforderungen missionarischer Jugendarbeit – aber auch ihrer Formen und Konzepte – zu liefern. Unser Anspruch ist es, den aktuellen Diskussions- und Erkenntnisstand dieses Ansatzes von Jugendarbeit widerzuspiegeln und in entsprechende Konzepte einzuführen. Gleichzeitig wollen wir ebenfalls die aktuellen Herausforderungen missionarischer Jugendarbeit aufzeigen. Durch diese doppelte Perspektive haben wir gleichermaßen die Praxis als auch die Wissenschaft im Fokus:

  • Der Praxis möchten wir die Möglichkeit bieten, das eigene (missionarische) Handeln fachlich und methodisch adäquat zu begründen, damit eine Weiterentwicklung ihrer selbst auf Basis der religions- und sozialpädagogischen Theorien im ersten Teil dieses Handbuchs ermöglicht werden kann.
  • Ebenso möchten wir uns in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen und das Konzept der missionarischen Jugendarbeit auf theoretischer Ebene reflektieren und für die Wissenschaft anschlussfähig machen. In dieser Perspektive suchen wir den fruchtbaren Dialog mit angrenzenden Themengebieten und anderen Ansätzen bzw. Konzepten der Jugendarbeit.

Deshalb richtet sich unser Handbuch sowohl an haupt- als auch ehrenamtliche Praktiker/-innen der Kinder- und Jugendarbeit, die die eigene Arbeit fachlich reflektieren wollen und Formen und Konzepte für die missionarische Jugendarbeit entwickeln. Darüber hinaus sind Wissenschaftler/-innen im Blick, die im Feld oder angrenzenden Disziplinen wissenschaftlich arbeiten, forschen und lehren. Überdies zählen auch Studierende an missionarischen Ausbildungsstätten und (Fach-)Hochschulen sowie Personen in Fort- und Weiterbildungen zur Zielgruppe dieses Handbuchs. Um diesem Spagat gerecht zu werden, haben wir uns bemüht, ein fachlich hohes Niveau und gleichzeitig eine allgemeine Verständlichkeit in den Beiträgen zu gewährleisten.

Dabei verfolgen wir mit diesem Handbuch einen interdisziplinären Ansatz. So werden Autor/-innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen, wie etwa der Theologie, Psychologie, Geschichtswissenschaften, Medienpädagogik, Erziehungswissenschaften, Sozialen Arbeit usw., vereint und bringen ihre jeweiligen Deutungsperspektiven ein. Überdies sind die Beiträge – neben den Autor/-innen aus der Wissenschaft – auch von Praktiker/-innen der Jugendarbeit geschrieben und allein schon deshalb unterschiedlich in Vorgehensweise, Stil und Sprache. Mit dieser bewusst sehr heterogenen Autor/-innenenschaft hoffen wir beiden Zielgruppen gleichermaßen gerecht werden zu können und einen Beitrag für das Gros der missionarischen Jugendarbeit zu liefern.

Die Fragen der missionarischen Jugendarbeit kennen keine konfessionellen Grenzen – was eint, ist der gemeinsame Auftrag, die Botschaft des Evangeliums jungen Menschen zu vermitteln und vorzuleben. Daher vereint dieses Handbuch ebenso Autor/-innen aus der katholischen und evangelischen Kirche wie auch solche aus den evangelischen Freikirchen. Mit diesem überkonfessionellen Ansatz wollen wir bewusst unterschiedliche theologische Standpunkte in den Diskurs einbringen und innerkirchlich eine kritische Auseinandersetzung fördern.

Gliederung des vorliegenden Bandes

Das Handbuch gliedert sich in drei Teile:

  • Im ersten Teil setzen sich die Autor/-innen mit den zentralen Grundlagen missionarischer Jugendarbeit auseinander. Dabei geht es um Begriffsklärungen, eine historische Einordnung sowie um eine theologische bzw. sozialwissenschaftliche Grundlegung des Themas.
  • Im zweiten Teil werden aktuelle Herausforderungen missionarischer Jugendarbeit präsentiert und diskutiert. Hier explizieren die Autor/ -innen die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die eben auch die missionarische Jugendarbeit betreffen, und entwickeln Perspektiven zum Umgang und zur Gestaltung in der Praxis.
  • Der dritte Teil zeigt dann verschiedene Konzepte und Formen als „good practice“ der missionarischen Jugendarbeit auf, sodass unterschiedliche Arbeitsbereiche und deren Ansätze und Methoden aufgezeigt und kritisch reflektiert werden.

Auch wenn mit diesem Handbuch der Versuch unternommen wurde, einen möglichst breiten Überblick zur Theorie und Praxis der missionarischen Jugendarbeit zu geben, können wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Über die Themen dieses ersten Bandes hinaus ergeben sich zahlreiche Grundfragen und Herausforderungen – wie etwa die Fragen um Inklusion in der Jugendarbeit, um das Thema Flüchtlinge etc. –, die hier aus Platzgründen nicht bearbeitet werden konnten. Dennoch hoffen wir mit diesem Handbuch einen ersten Beitrag zur Bearbeitung des Themas zu leisten und sind gespannt auf kritische Rückmeldungen aus Wissenschaft und Praxis.

Dank der Herausgeber

Mit der Begründung der Reihe „Beträge zur missionarischen Jugendarbeit“ (BMJ) im Neukirchener Verlag haben wir als Herausgeber des ersten Bandes auf vielfältige Weise Unterstützung erfahren, für die wir an dieser Stelle einzelnen Personen namentlich danken möchten.

Zunächst sind wir Lena Carstens (studentische Mitarbeiterin am Institut für missionarische Jugendarbeit der CVJM-Hochschule Kassel) zum Dank verpflichtet. Sie hat das gesamte Projekt von Beginn an als Publikationsassistentin begleitet. Durch ihr außerordentliches Engagement und ihre Unterstützung in organisatorischer, formaler und auch inhaltlicher Hinsicht ist diese Publikation erst möglich geworden.

Darüber hinaus danken wir allen Autor/-innen, die – meist neben vielen anderen Aufgaben ihres Dienstes in Wissenschaft und Praxis – ihre Kompetenz und vor allem auch Zeit in die vielfältigen Beiträge investiert haben. Danke, für alles fristgerechte Einreichen der Beiträge, für jedes kreative Mitdenken, für inhaltliche Diskussionen und das Ringen um eine für die heterogene Zielgruppe angemessene Wortwahl.

Einen wesentlichen Beitrag zur Qualität des Handbuchs haben auch die Lektor/-innen geleistet, denen wir für die inhaltlichen Rückmeldungen und Überarbeitungen herzlich danken: Dieter Braun, Andreas Getfert, Karsten Hüttmann, Ursel Luh-Maier und Prof. Dr. Ulrike Treusch. Dr. Dr. Roland Werner gilt hier ein besonderer Dank, da er in der „heißen“ Endphase des Lektorats nochmals inhaltliches wie auch stilistisches Feedback gegeben hat.

Wir danken der Neukirchener Verlagsgesellschaft für die Bereitschaft, eine Reihe zur missionarischen Jugendarbeit in das Programm aufzunehmen. Ebenso danken wir für die Begleitung bei der Konzeption und Umsetzung dieses Handbuchs (hervorzuheben sei an dieser Stelle Ruth Atkinson).

Unser Dank gilt darüber hinaus auch unseren Familien, die uns bei diesem zeit- und arbeitsaufwendigen Projekt unterstützt und motiviert haben.

Zuletzt bedanken wir uns bei allen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter/-innen in der missionarischen Jugendarbeit: Danke, dass ihr mit viel Engagement die Sache des Evangeliums vorantreibt und euch für junge Menschen einsetzt! Euch sei dieses Buch gewidmet, in der Hoffnung, dass die theologische, pädagogische, theoretische und konzeptionelle Diskussion als auch Praxis der missionarischen Jugendarbeit durch dieses Handbuch nachhaltig bereichert wird.

Kassel, im September 2015

Florian Karcher und Germo Zimmermann

II Grundlagen

Was ist missionarische Jugendarbeit? Ziele, Leitlinien und Dimensionen

Florian Karcher, Germo Zimmermann

Für die Arbeit konfessioneller Träger von Jugendarbeit gibt es viele (Selbst-)Bezeichnungen. So wird bspw. von evangelischer Jugend, katholischer Jugendpastoral, (frei-)kirchlicher Jugendarbeit oder christlicher Jugendverbandsarbeit gesprochen, um nur einige zu nennen. Allen Bezeichnungen ist eins gemeinsam: sie definieren Jugendarbeit über Zugehörigkeit. Auch wenn einige der Bezeichnungen mit bestimmten Inhalten verknüpft sind, sagen sie zu allererst etwas darüber aus, welcher Kirche, Konfession oder geistlichen Strömung Jugendarbeit zugehörig ist. Auch wenn offensichtlich ist, dass z. B. katholische Jugendpastoral und christliche Jugendverbandsarbeit inhaltlich-konzeptionell sehr unterschiedlich sind, lassen diese Bezeichnungen in der Regel keine Rückschlüsse auf das konkrete Konzept der Jugendarbeit zu, welches sich hinter dem „Label“ verbirgt.

An den Begriff der „missionarischen Jugendarbeit“ muss jedoch anders herangegangen werden. Hinter ihm verbirgt sich keine Beschreibung von Zugehörigkeit, auch wenn das in manchen Köpfen anders ist. Missionarische Jugendarbeit ist eben nicht die Jugendarbeit der besonders frommen, der christlich-konservativen oder evangelikalen Gemeinden und Werke, sondern der Begriff beschreibt ein Konzept und eine Ausrichtung von Jugendarbeit, ganz gleich, ob diese dabei von einem freikirchlichen Werk, einem christlichen Jugendverband oder einer evangelischen oder katholischen Kirchengemeinde verantwortet wird. Missionarische Jugendarbeit muss inhaltlich gefüllt werden und ist als Begriff zunächst überkonfessionell zu verstehen. Gleichzeitig kann missionarische Jugendarbeit durchaus konfessionell geprägt sein und als konzeptionelle Beschreibung zusammen mit den auf Zugehörigkeit ausgerichteten Selbstbezeichnungen stehen: Die evangelische Jugend einer Kirchengemeinde kann missionarische Jugendarbeit sein. Daher ist oft missionarische Jugendarbeit „mit-gemeint“, wenn z. B. von kirchlicher Jugendarbeit die Rede ist. Die beiden Ebenen Zugehörigkeit und Konzept führen so immer wieder zu Unschärfen, Schnittmengen und begrifflichen Vereinnahmungen.1 Alternativ kann vom missionarischen Handeln in der Jugendarbeit gesprochen werden. Insofern besteht für missionarische Jugendarbeit ein doppelter Vergewisserungsbedarf, denn sie steht im Spannungsfeld zwischen theologischer Herkunft bzw. Begründung einerseits und sozialpädagogischen Ansprüchen als Jugendarbeit andererseits (vgl. Domsgen 2013: 285).

Wenn also in diesem Beitrag2 von missionarischer Jugendarbeit die Rede ist, dann geht es darum, ein Konzept zu beschreiben und dessen Ziele, Leitlinien und Dimensionen zu beleuchten. Wir möchten damit den Versuch wagen, das, was seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten in verschiedenen Kirchen und Werken in Deutschland bereits praktiziert wird, auf theoretischer und praktischer Ebene zu reflektieren, um damit den Begriff, aber vor allem auch das Konzept der missionarischen Jugendarbeit zu schärfen. Wind unter den Segel bekommt dieser Versuch durch die Tatsache, dass der Missionsbegriff zumindest innerhalb der Kirchen und teilweise auch in der Gesellschaft wieder salonfähig geworden ist und nicht (mehr) sofort mit Imperialismus, Intoleranz und Vereinnahmung assoziiert wird und auf diese Weise einem modernen Missionsverständnis entspricht (vgl. Stettner 1999: 11).

1. Ziele oder: Wozu missionarische Jugendarbeit?

In dem viel zitierten Impulspapier „Kirche der Freiheit“ (EKD 2006) heißt es: „Mission [wird] als glaubenweckendes Ansprechen der Menschen in der eigenen Gesellschaft als Aufgabe der ganzen Kirche anerkannt, die in allen kirchlichen Handlungsfeldern zur Geltung kommen muss“ (EKD 2006: 17). Mission wird hier als Querschnittsaufgabe allen kirchlichen Handelns verstanden. Um es noch pointierter zu sagen: Kirche sein heißt, missionarisch zu sein. Bezogen auf ein umfassendes Verständnis von Kirche im Sinne von ekklesia3 stellt missionarische Jugendarbeit diesen zentralen Aspekt in den Vordergrund und hat daher die Intention, junge Menschen zum Glauben einzuladen. Sie leistet damit einen Beitrag dazu, diesen wichtigen Auftrag der Kirche für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen.

1.1 Missionarische Jugendarbeit verwirklicht den Sendungsauftrag der Kirche(n)

Theologisch begründet sich dieser Sendungsauftrag in einer Vielzahl von biblischen Texten, besonders zentral ist dabei der sog. Missionsbefehl in Mt 28. Dieser Auftrag ist in den unterschiedlichen Kirchen, Werken und Verbänden in den Bekenntnisschriften, Grundtexten und Leitbildern über die Jahrhunderte und Konfessionen hinweg immer wieder neu formuliert und interpretiert worden. So heißt es z. B. in der „Pariser Basis“, der Grundlage der weltweiten CVJM-Arbeit, dass es Ziel der CVJM-Bewegung ist, „das Reich ihres Meisters [Jesus Christus] unter jungen Menschen auszubreiten“ (Roll 2008: 263; www.cvjm.de). Dieses Sendungsbewusstsein kann unterschiedlich ausgeprägt sein, ohne dass sich etwas am generellen Sendungsauftrag der Kirche(n) ändert. Gesandt zu sein beinhaltet zwei wesentliche Bewegungen, die besonders für die missionarische Jugendarbeit relevant sind. Sendung geschieht immer von jemandem. Sendung ist nicht aus sich selbst heraus, sondern hat stets einen Ursprung. Im christlichen Sinne ist dieser Urspung Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Mission ist daher zuallererst Gottes Mission (missio Dei) und er selbst das Subjekt dieser. Kirche, und mit ihr die missionarische Jugendarbeit, ist mit in diese Mission hineingenommen und in diesem Sinne Gesandte. Gott ist der Sendende und damit auch Urheber der Sendungsbotschaft. Die Botschaft der umfassenden und versöhnenden Liebe Gottes, das Evangelium, ist Inhalt der Sendung und daher auch zentrale Richtschnur für den Sendungsauftrag der Kirche(n).

Wenn missionarische Jugendarbeit also ernst macht mit diesem Auftrag, dann wird sie genau diese Botschaft in den Vordergrund stellen müssen. Es ist ihre Aufgabe das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen. Dieses Bezeugen ist jedoch nicht nur im Bezug zum Ursprung der Sendung, sondern hat gleichzeitig und gleichrangig den Adressaten der Sendung im Blick. Sendung ist als zweite Bewegung eine Sendung hin zu jemandem. Sie bezieht sich auf die Lebenswelt, die Lebensumstände und die Kultur derer, zu denen die Kirchen im Sinne der ekklesia gesandt ist. Im Zusammenhang mit den kirchlichen Veränderungsprozessen im angelsächsischen Raum und der auch in Deutschland Fuß fassenden Fresh Expressions-Bewegung („Fresh X“), wird in diesem Zusammenhang von „missional church“ gesprochen. „Gemeint ist: Im Bemühen darum, dem Evangelium von Jesus Christus in Wort und Werk glaubhaft Ausdruck zu geben, müssen Kultur und Evangelium in jeder Generation und Kultur miteinander in Beziehung gebracht werden“ (Härtner 2014: 4). Im Blick auf missionarische Jugendarbeit bedeutet dies, dass stets die Lebenswirklichkeit und die Kultur junger Menschen von zentraler Bedeutung für das missionarische Handeln sind. Für das Verständnis von missionarischer Jugendarbeit muss unbedingt betont werden, dass diese Hinwendung zu jungen Menschen nicht Mittel zum Zweck oder Methode sein darf, sondern sich theologisch vom Sendungsauftrag herleitet und in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sendungsbotschaft steht. Die Botschaft von der umfassenden Liebe Gottes verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie nicht die ernst nimmt, an die sie adressiert ist. Denn eine „Wortverkündigung, die die Augen vor sozialer Not, vor Gewalt und Ungerechtigkeit [insbesondere junger Menschen] verschließt, wäre auf dem Hintergrund des Neuen Testamentes eine Karikatur“ (Berneburg 2007: 6). Die meisten Missionskonzepte – so auch die Autoren dieses Beitrags – folgen heute diesem umfassenden Missionsverständnis.

1.2 Missionarische Jugendarbeit übernimmt sozialpädagogische Verantwortung

Die Hinwendung zum jungen Menschen als Adressaten der missionarischen Jugendarbeit ist neben der theologischen Fundierung auch aus einer sozialpädagogischen Perspektive begründet. Als Jugendarbeit in Vereinen, Jugendverbänden und Kirchengemeinden ist missionarische Jugendarbeit aus sozialpädagogischer Perspektive ein Angebot, das junge Menschen in der Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten fördernd unterstützen will, um auf diese Weise zu einem gelingenden Leben beizutragen. Dabei ist eine Orientierung an den Jugendlichen als Subjekte, mit ihren Fragen, Ideen, Interessen und Problemlagen in deren Lebenswirklichkeit und Kultur unumgänglich. Insofern begründet sich missionarische Jugendarbeit eben auch aus den Strukturprinzipen, Zielen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe im SGB VIII (vgl. Zimmermann „Missionarische Jugendarbeit in Kirchen und Jugendverbänden“ in diesem Band). Thole (2013: 229) definiert Kinder- und Jugendarbeit „als sozialpädagogisches Handlungsfeld, das

  1. 1) bildungs-, nicht unterrichtsbezogene und nicht ausschließlich berufsbildende, freizeit- und erholungsbezogene, soziale, kulturelle und sportliche,
  2. 2) mehr oder weniger pädagogisch gerahmte
  3. 3) und von freien und öffentlichen Trägern, Initiativen und Arbeitsgemeinschaften
  4. 4) an Kinder und Jugendliche adressierte Angebote der nicht schulischen Pädagogik umfasst.“

Dieses sozialpädagogische Handlungsfeld der Kinder- und Jugendarbeit ist im SGB VIII in den §§11 Jugendarbeit und 12 Jugendverbände geregelt. Innerhalb der Jugendhilfe in Deutschland ist die Jugendarbeit traditionell der Bereich, „in dem anknüpfend an den Interessen von Kindern und Jugendlichen Aktivitäten verwirklicht werden, die von ihnen selbst mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zu einer eben solchen Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme sowie zu sozialem Engagement anregen und hinführen“, wie Jordan/Maykus/Stuckstätte (2012: 127) verdeutlichen. Im vorliegenden Beitrag – wie auch im gesamten Handbuch – wird Jugendarbeit im engeren Sinne, also ohne die Felder der Jugendsozialarbeit und die Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes, betrachtet. Kennzeichnend für die Jugendarbeit sind verschiedene Strukturprinzipien. Sturzenhecker nennt als Charakteristika der Jugendarbeit eine systematische Fokussierung auf Freiwilligkeit der Teilnahme, Offenheit für alle jungen Menschen, das Fehlen formaler Machtmittel und Chancen auf demokratische Partizipation, Diskursivität und das Beziehungsangebot sowie eine bestimmte institutionelle Rahmung im Verein, Jugendverband oder der Kirchengemeinde (vgl. Sturzenhecker 2007: 20). Darüber hinaus werden häufig ebenfalls Gruppen-, Lebenswelt-, Sozialraum- und Werteorientierung sowie als weiteres Prinzip die bereits erwähnte Subjektorientierung, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, genannt (vgl. Ilg, 2013: 7 ff.).

Seit jeher gelten die zwei großen institutionellen Typen der Jugendverbandsarbeit (Böhnisch/Gängler/Rauschenbach 1991) und der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (Deinet/Sturzenhecker 2013) mit ihren Aktivitäten und Angeboten sowie den Freizeitmaßnahmen der Kinder- und Jugenderholung oder den internationalen Jugendbegegnungen als das zentrale Einstiegsfeld für jugendliches Engagement:

„Die Jugendarbeit setzt ihrer Konzeption nach mit ihren freiwilligen, niedrigschwelligen Angeboten an den alltäglichen Bedürfnissen, den Freizeitinteressen sowie den selbst gewählten Bildungswünschen der Heranwachsenden an. Sie will ihnen mit unterschiedlichen Möglichkeiten der aktiven Teilnahme, der Mitgestaltung und Verantwortungsübernahme eine breite Palette von Gelegenheiten für Entwicklungs-, Sozialisations- und Bildungsprozesse eröffnen, die sich von anderen gesellschaftlichen Institutionen, vor allem der Schule, grundlegend unterscheiden“ (Düx 2011: 332).

Damit ist die Kinder- und Jugendarbeit neben Eltern und Peers sowie der Schule eine der drei großen Sozialisationsinstanzen, die zur gesellschaftlichen Partizipation, sozialen Integration und einer erfolgreichen Entwicklung von Jugendlichen beitragen kann. Aus dieser Perspektive gilt: Wer missionarische Jugendarbeit betreibt, muss sich notwendigerweise auch diesen übergeordneten sozialpädagogischen Zusammenhang bewusst machen und erkennen, dass das missionarische Handeln untrennbar mit dem sozialpädagogischen Handeln verbunden ist.

1.3 Missionarische Jugendarbeit nimmt den christlichen Bildungsauftrag wahr

Neben dieser Sozialisationsfunktion wird der Jugendarbeit aber auch eine weitere für die Gesellschaft relevante Bildungsfunktion zugesprochen (vgl. Voigts 2015: 23). Bereits in den ersten theoretischen und konzeptionellen Überlegungen Ende der 1920er-Jahre wurde Kinder- und Jugendarbeit als Bildungsort verstanden (vgl. Thole 2013: 232). Dies gilt auch für die konfessionelle Jugendarbeit, die von ihrem Selbstverständnis, ihrer Tradition und der Praxis her ihr Handeln als Bildungsprogramm versteht, bei dem Bedingungen geschaffen werden, in denen selbstbestimmte Bildungsprozesse – auf freiwilliger Basis – angestoßen werden.

In der aktuellen theoretischen Diskussion hat sich weitgehend die Unterscheidung zwischen formalen, non-formalen und informellen Feldern des Lernens und des Erwerbs von Bildung durchgesetzt (vgl. BMFSFJ 2005: 94 ff.). Die Kinder- und Jugendarbeit setzt mit ihren Angeboten überwiegend im Feld der non-formalen und informellen Bildung an (Schulz/Cloos 2010). Dabei liegen ihre Schwerpunkte auf der religiösen, sozialen, emotionalen, politischen, physischen und kognitiven Bildung. Im Unterschied zu Lern- und Bildungsorten wie der Schule stehen bei den Lernangeboten der Kinder- und Jugendarbeit überwiegend das erfahrungs- und handlungsbezogene Lernen in der Praxis im Vordergrund. Mit den vielfältigen Schulungs-, Seminar- und Fortbildungsangeboten stehen Ehrenamtlichen überdies wichtige Bildungsveranstaltungen zu Verfügung, die spezifisches Wissen und Fertigkeiten vermitteln (vgl. Corsa 2013: 15). Diese Bildungsofferten realisieren sich in der Kinder- und Jugendarbeit als kulturelle, soziale, identitätsbezogene und religiöse Bildung und ermöglichen die Aneignung von sozialem, kulturellem und religiösem, auch aber symbolischem Kapital, wie sie „andernorts in dieser Spezifität nicht ausgebildet werden können“ (Thole 2013: 233; vgl. Bourdieu 1992; Höss 2007: 176). Diese Bildungsprozesse, die in den Alltag der Kinder- und Jugendarbeit genuin eingewoben sind, stehen auch im Interesse der missionarischen Jugendarbeit (s. u.).

Im Kontext der evangelischen Kirche wird Bildung umfassend „als Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein, Haltungen (Einstellungen) und Handlungsfähigkeit im Horizont sinnstiftender Deutungen des Lebens“ zu verstehen gesucht (EKD 2005: 66; Herv. i. O.). Corsa hat acht Dimensionen des Bildungshandelns in der evangelischen Jugend herausgearbeitet, die ebenfalls für die missionarische Jugendarbeit fruchtbar gemacht werden können. Er markiert: „Den nachfolgenden acht Dimensionen liegt ein christliches Bildungsverständnis zugrunde, das den Menschen in seiner biblischen Ganzheitlichkeit wahrnimmt“ (Corsa 2004: Abs. 2).

  1. 1) Entfaltung und Entwicklung eigener Fähigkeiten („Leben als Gabe“)
  2. 2) Experimentieren („Leben als Werden“)
  3. 3) Erproben und Herausbilden sozial konstruktiven Verhaltens („Unvollkommenes und gebrochenes Leben“)
  4. 4) Aneignung von Welt („Freiheit zur Individualität“)
  5. 5) Erwerb ethischer Kompetenzen („Leben braucht Orientierung“)
  6. 6) Erwerb von Alltags- und politischen Kompetenzen („lebenspraktische Kompetenzen in der Zivilgesellschaft“)
  7. 7) Erwerb sozialer Kompetenzen („Leben in Beziehungen“)
  8. 8) Religiöse Bildung („Leben in Beziehung zu Gott“)

Ein solches mehrdimensionales Bildungsverständnis ist stets „orientiert an biblischen Grundlagen und einer demokratischen Gesellschaft“ und stellt eine Herausforderung in fachlicher und persönlicher Hinsicht für die Mitarbeitenden missionarischer Jugendarbeit dar (Corsa 2004: Abs. 2). Bildung ist deshalb, auch theologisch betrachtet, keine Nebensache, sondern ist untrennbar mit dem Anliegen missionarischer Jugendarbeit und der ihr inneliegenden Spannung zwischen missionarischem und sozialpädagogischem Handeln begründet (vgl. Schweitzer 2006: 31). Bildung trägt entscheidend dazu bei, dass junge Menschen verantwortete Entscheidungen treffen können. Nicht zuletzt deshalb, weil missionarische Jugendarbeit auch zu verantworteten Entscheidungen einladen will, muss Bildung ihr ein hohes Anliegen sein.

1.4 Resümee: Was ist missionarische Jugendarbeit?

Das Konzept der missionarischen Jugendarbeit ist, wie oben dargestellt, sowohl theologisch als auch pädagogisch begründet: Mission geschieht hier in enger Verbindung mit verantwortetem pädagogischem Handeln. Das Ziel missionarischer Jugendarbeit besteht insofern nicht allein darin, junge Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, sondern sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und ihnen zu helfen, in allen Lebensbereichen (eben auch in Fragen der Religion) selbstständige und mündige Personen zu werden. Für diese Mündigkeit ist Bildung unabdingbar.

Wenn missionarisches Handeln den ganzen (jungen) Menschen in den Blick nimmt, dann ergibt sich daraus die Notwendigkeit, ihm nicht nur bei Glaubens- und Sinnfragen, sondern auch in allen anderen Lebensfragen zu begleiten. Andersrum gilt: Gerade weil das Evangelium im Kontext missionarischer Jugendarbeit als befreiend und förderlich erfahren wird, darf eine solche Jugendarbeit diese Perspektive nicht aus dem Blick verlieren und Jugendlichen die frohe Botschaft nicht vorenthalten. Es geht darum, dass die Erfahrung von Einzigartigkeit, von Versöhnung und Freiheit, die in der Begegnung mit dem Jesus Christus gemacht werden kann, sich positiv auf das Leben junger Menschen auswirkt und dann auch in die Gesellschaft hineinwirken kann, denn in dieser Gottesbegegnung „entstehen Durchblicke, ungewöhnliche Durchblicke, Durchblicke, die Orientierung gewähren: Orientierung von oben her für das Leben ganz unten“ (Jüngel 2003: 126).

In der missionarischen Jugendarbeit gehören also Bildung und Evangelium genauso zusammen wie Offenheit und Glaubenseinladung; sind missionarisches Handeln und sozialpädagogisches Handeln untrennbar miteinander verbunden und dienen sich gegenseitig auch als Korrektiv. Diese Verbindung ist dabei nicht nur zweckorientiert, etwa, weil das eine das andere braucht bzw. ergänzt, sondern jeweils inhaltlich begründet. Unter missionarischer Jugendarbeit werden in diesem Handbuch Formen von Jugendarbeit verstanden, die auf der Basis freiheitlich-demokratischer Werte, sozialpädagogischer Verantwortung und auf der Grundlage des Evangeliums Jugendliche zum christlichen Glauben einladen wollen und darin sowohl eine positiv lebensverändernde Wirkung für junge Menschen und für die Gesellschaft als auch einen biblischen Auftrag sehen.

Das Missionarische an der missionarischen Jugendarbeit ist folglich das glaubenweckende Ansprechen von jungen Menschen und demnach Mission kein Containerbegriff für alle möglichen christlichen Programmatiken. Der Fokus liegt eindeutig auf der Einladung zum Glauben (vgl. Berneburg 2007: 6). So formuliert Corsa: „Begründung und Grundthema kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit ist, mit jungen Menschen den christlichen Glauben zu erfahren, zu leben und mit ihnen an einer tragfähigen persönlichen Glaubenspraxis zu arbeiten“ (Corsa 2013: 14).

2. Leitlinien oder: Was macht missionarische Jugendarbeit aus?

Das Zusammenspiel aus Offenheit, Freiwilligkeit, Selbstorganisation, Gruppen- sowie Subjektorientierung kennzeichnet die Eigenheit der Jugendarbeit (s. o.). Diese Prinzipien gelten uneingeschränkt auch für die missionarische Jugendarbeit. Die konzeptionelle Verschränkung von Jugendarbeit und missionarischem Handeln stellt missionarische Jugendarbeit vor besondere Herausforderungen und machen klare (weitere) Leitlinien notwendig, an denen sich die Angebote orientieren können.

2.1 Missionarische Jugendarbeit ist von einer respektvollen Haltung gekennzeichnet

Missionarisches Handeln in der Kinder- und Jugendarbeit ist herausgefordert, sich den Bedingungen einer pluralistischen und multireligiösen Gesellschaft zu stellen. Daraus folgt die Notwendigkeit, eine Haltung zu entwickeln, die der Tatsache gerecht wird, dass junge Menschen die Möglichkeit, aber auch das Recht haben, aus verschiedenen Weltanschauungen, Ideologien und Religionen wählen zu können. Eine solche respektvolle Haltung ist nicht nur Sachzwang, sondern entspricht der Botschaft des Evangeliums selbst. Missionarisches Handeln soll „im Einklang mit den Prinzipien des Evangeliums [...], in uneingeschränktem Respekt vor und Liebe zu allen Menschen“ geschehen (Mission:Respekt 2011: 1). Wie dieser Respekt konkret werden kann, macht das Dokument „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ (Mission:Respekt 2011), das gemeinsam vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog und der weltweiten Evangelischen Allianz verantwortet wird, deutlich. Die hier genannten Grundlagen und Prinzipien sind gerade für Mission unter jungen Menschen von Bedeutung. Besonders hervorzuheben sind dabei der Verzicht auf Täuschung, Zwangsmittel und Gewalt jeglicher Art. Jugendliche befinden sich in einer herausfordernden Lebensphase und sind daher für Formen der Manipulation besonders anfällig und gleichzeitig in ihrer Persönlichkeitsentwicklung verwundbar. In diese Unsicherheit junger Menschen hinein darf missionarische Jugendarbeit die Botschaft des Evangeliums bezeugen, gerade auch aus dem Verständnis heraus, dass diesem eine stärkende und verändernde positive Kraft innewohnt, ohne dabei die Unsicherheit der Jugendlichen auszunutzen. Missionarische Jugendarbeit hat sich also von jeglichen Formen der Manipulation, wie Gruppenzwängen, Massenphänomenen oder Indoktrinationen, zu distanzieren und sich von allen fundamentalistischen Tendenzen abzugrenzen. Sie befähigt Jugendliche vielmehr, die Inhalte der christlichen Verkündigung kritisch zu reflektieren und hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und individuellen Relevanz zu prüfen (Karcher 2015: 176). Dazu gehört dann auch das Akzeptieren von Ablehnung oder einer Entscheidung für eine andere Religion oder Weltanschauung. Theologisch korrespondiert diese respektvolle Haltung mit dem Wissen darum, dass eine echte Glaubensentscheidung, im Sinne einer Bekehrung, niemals von Menschen herbeigeführt werden kann, sondern stets Wirken Gottes durch den Heiligen Geist ist (vgl. Mission:Respekt 2011: 2; vgl. Gebhardt in diesem Band). Aus diesem Grund gilt auch für die missionarische Jugendarbeit: „Religionspädagogisches Arbeiten muss daher heute damit rechnen, dass die Teilnehmenden sich als Subjekte begreifen, die sich mit den religionspädagogischen Inhalten kritisch auseinandersetzen. Es kann nicht erwartet werden, dass die Lernenden fertige Inhalte akzeptieren oder für sich übernehmen. Diese müssen ihre Plausibilität und Relevanz für das Leben der Subjekte jeweils erweisen“ (Pohl-Patalong 2013: 14). Missionarische Jugendarbeit muss also die Spannung aushalten zwischen dem Wahrheitsanspruch des Evangeliums einerseits und der subjektiven Entscheidung junger Menschen über dessen Relevanz für ihr Leben. In dieser Spannung darf sie mit dem Wirken Gottes rechnen und sich nicht zu Methoden der Beeinflussung verleiten lassen.

2.2 Lebenswelten und Milieus junger Menschen

Spätestens seit dem achten Jugendbericht der Bundesregierung (BMfJFG 1990) gehört die Lebensweltorientierung zu den zentralen Paradigmen der Jugendhilfe, also auch der Jugendarbeit. Nach Grunwald und Thiersch betont die „Lebensweltorientierung [...] die Vielfalt der im Alltag zu bewältigenden Aufgaben und Probleme“ (Grunwald/Thiersch 2001: 1137), macht also deutlich, dass – im Kontext der Jugendarbeit – Jugendliche in höchst unterschiedlichen Lebenssituationen stecken. Dies betrifft ihre sozio-kulturelle Einbindung ebenso wie ihr Alltagserleben und ihre individuellen Problemlagen. Auf diese unterschiedlichen Wirklichkeiten weist auch die neue Milieuforschung hin. Die aktuelle Sinus-Milieu-Studie im Bereich der Jugendlichen identifiziert sieben unterschiedliche Milieus, in denen Jugendliche heute leben (Calmbach et al. 2012). Der Milieuansatz ist der Versuch, verschiedene Lebenswelten anhand demografischer Eigenschaften zusammenzufassen und so auch erfassbarer zu machen. Sowohl das Konzept der Lebensweltorientierung als auch der Blick auf die Milieus machen vor allem deutlich: Die Jugend gibt es nicht. Wir haben „es heute klassen-, schicht- und milieuspezifisch übergreifend mit einer Vielzahl und Vielfalt [...] globaler Jugendkulturen zu tun“ (Ferchhoff 2007: 61). Dieser Ausdifferenzierung jugendlicher Lebenswelten muss sich auch missionarische Jugendarbeit stellen. Missionarische Jugendarbeit ist dabei herausgefordert, nicht nur Jugendliche in ihrer Lebenswelt zu erreichen oder für konkrete Milieus attraktiv zu sein, vielmehr muss sie darum bemüht sein, die Botschaft, die sie vermitteln möchte, nicht allgemein zu verkündigen, sondern in den Lebenswelten und Milieus junger Menschen zu plausibilisieren. Sie muss in der Lage sein, auf konkrete Alltagsfragen junger Menschen Antworten zu geben und die Relevanz des Evangeliums in deren Lebenssituationen zu verdeutlichen. Allgemeingültige Phrasen oder vorgefertigte Antworten gehen an der Wirklichkeit junger Menschen vorbei. Konkret: Der Kernsatz mancher evangelistischer Verkündigung „Jesus Christus ist für dich am Kreuz gestorben“ geht am Verständnis- und Lebenshorizont der allermeisten Jugendlichen vorbei, wenn er nicht im Lebenskontext junger Menschen verortet wird. Eine solche „losgelöste“ Botschaft hat für sie sonst meist keine Relevanz und ist im Grunde nicht verstehbar. Vielmehr ist missionarische Jugendarbeit herausgefordert, gemeinsam mit Jugendlichen zu erarbeiten, welche Bedeutung Jesus Christus und dessen Kreuzestod in ihrer Lebenswelt hat, und muss, um relevant zu sein, Anknüpfungspunkte in dieser finden. Daraus ergibt sich, dass missionarische Jugendarbeit sich auf den Weg zu jungen Menschen machen muss (Geh-Struktur), um ihren Alltag und ihre Lebenswelt adäquat ernst zu nehmen. Dies ist auch theologisch zu begründen. „missio Dei“ bedeutet, dass Gott sich zuerst auf die Welt und die Menschen zubewegt hat, und ist damit auch die Begründung der Geh-Struktur einer missionarischen Jugendarbeit. Das bedeutet für die missionarische Jugendarbeit ein Aufsuchen junger Menschen in ihren Lebenswelten, um ihre Fragen und Sorgen zu teilen, ihnen ohne Vorurteile zu begegnen und offen zu sein auch für neue, vielleicht fremde, Lebensentwürfe, ohne diese unkritisch bejahen zu müssen.

Darüber hinaus betonen Thiersch und Grunwald, dass Lebenswelt stets erfahrene Wirklichkeit ist, also in Gänze nur subjektiv erfassbar ist (vgl. Grunwald/Thiersch 2004: 20). Um diese zu rekonstruieren, ist daher das Gespräch mit und der Einbezug von Jugendlichen in der missionarischen Jugendarbeit unerlässlich. Sie sind die Experten ihrer eigenen Lebenswelt und ihrer Milieus (vgl. Karcher 2013: 119) und nur mit ihnen gemeinsam können relevante Formen von missionarischer Jugendarbeit entwickelt werden.

2.3 Missionarische Jugendarbeit ermöglicht demokratische Partizipation und Mitgestaltung

Missionarische Jugendarbeit ist daher grundlegend verbunden mit dem Anspruch der Partizipation im Sinne einer Mitgestaltung und -bestimmung an den Inhalten, Formaten und Rahmenbedingungen der jeweiligen Jugendarbeit vor Ort und verfolgt damit einen Beitrag zu demokratischer Bildung und Erziehung. Dabei zeigen Studien, dass Beteiligungsstrukturen für die Jugendlichen eine relevante Grundlage ihres Engagements in der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung bieten (vgl. Düx et al. 2008). Denn ohne wirkungsvolle und demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten oder das Vorhandensein von selbstbestimmten Freiräumen zur Realisierung eigener Ideen und Vorstellungen bleibt die Idee der Partizipation eine Farce. Damit ist das Prinzip der Partizipation eng verbunden mit dem der Subjektorientierung und dem des Engagements. Denn ehrenamtliches Engagement „ermöglicht nicht nur entscheidende Mitbestimmung, sondern auch den Erwerb von Organisations- und Leitungskompetenz sowie von Kenntnissen demokratischer Spielregeln und Verfahrensweisen“ (Corsa 2013: 17).

Daher ist missionarische Jugendarbeit in konzeptioneller Hinsicht in ihren Strukturen und Angeboten von einer starken Ehrenamtlichkeit gekennzeichnet. Das Engagement von jungen Menschen für junge Menschen ist ein zentrales Merkmal von Partizipation. Insbesondere die Organisationsform des Vereins setzt demokratische Beteiligung voraus, insofern bestehen vielfältige Optionen auf Partizipation, Mitbestimmung und Engagement innerhalb der Jugendarbeit – und das nicht nur lokal und national, sondern eben auch international. Dennoch ist das freiwillige Engagement in der Praxis sozial ungleich verteilt. So prägt bspw. die Jugendverbandsarbeit – auch aufgrund ihrer Geschichte – insbesondere junge Menschen aus bildungsnahen Schichten oder bürgerlichen, meist bildungsbürgerlichen Kreisen. Neben dieser Bildungs- und Beteiligungsherausforderung unterliegt das Ehrenamt gegenwärtig einem Wandel, der als Strukturwandel des Ehrenamtes vom „alten Ehrenamt“ (geprägt durch dauerhafte und verbindliche Bindung an die Organisation und altruistische Motive der Engagierten) zum „neuen Ehrenamt“ (gekennzeichnet durch eine „biografische Passung“) diskutiert wird (vgl. Zimmermann 2014: 16 ff., 24 ff.).

Für die Akteure missionarischer Jugendarbeit bedeuten diese inhärenten Beteiligungsstrukturen bzw. die Entscheidung, unter den Bedingungen solcher Beteiligungsstrukturen zu arbeiten, die Abgabe von Gestaltungsmacht an Kinder und Jugendliche – auch in religiösen Fragen –, wenn Partizipation als „echte Beteiligung“ und nicht als Alibi-Teilnahme oder Dekoration realisiert werden soll (vgl. Sünker/Swiderek 1997: 23 f.). Dabei ist der Begriff der Teilhabe grundlegend für die Bestimmung dessen, was Partizipation kennzeichnet, denn „Teilhabe an Entscheidungen führt zum Teilhaben an und zum Teil werden von Gesellschaft. Wer Kinder und Jugendliche zum integralen Bestandteil der Gesellschaft machen will und sie nicht als Randgruppe sieht, muss ihnen Gestaltungsmacht zubilligen, muss sie beteiligen“ (Grein/Piotta 2008: 7). Dies gilt dann auch für die Kirche in doppelter Perspektive (i. S. d. Institution als auch der ekklesia): Wenn Jugendliche Teil der Kirche sein sollen, muss ihnen auch hier Teilhabe und echte Mitgestaltung ermöglicht werden.

2.4 Missionarische Jugendarbeit arbeitet ressourcenorientiert und ermöglicht „Youth Empowerment“

Teil der biblischen Botschaft ist es, dass Gott Menschen mit Gaben ausgestattet hat (vgl. Mt 25,14-30; Röm 12; 1Kor 12). So nimmt missionarische Jugendarbeit das in den Blick, was Kinder und Jugendliche an Gaben, Talenten und Fähigkeiten „mitbringen“, und schaut weniger auf das, was sie (noch) nicht können. Auch diese Ausrichtung ist wieder aus ihrem Anliegen selbst heraus begründet: Wenn missionarische Jugendarbeit sich als Mitwirken am Reich Gottes versteht, dann hat sie die Aufgabe, jungen Menschen zu helfen, ihre Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten, weil diese Geschenk des Schöpfergottes sind, in dessen Namen sie zum Glauben einlädt. Sie fokussiert daher die Ressourcen und Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen – in ihrer Verkündigung, aber eben auch in ihren Formen. Ressourcenorientierung ist dabei mehr als Gabenorientierung. Während Gabenorientierung meint, dass vorhandene Stärken aktiv eingebracht werden sollen, richtet sich ein ressourcenorientierter Blick auf jene Potenziale und Möglichkeiten von Jugendlichen, die noch nicht ausgeschöpft werden, sowie auf Fähigkeiten, die sie noch nicht entdeckt haben. Jugendarbeit hat nun die Aufgabe, Jugendliche dabei zu begleiten, diese Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Sie stellt dabei zuallererst sichere soziale und physische Räume zur Verfügung, in denen Jugendliche dieses Entdecken und Ausschöpfen selbstbestimmt tun können, und gibt dabei punktuell Hilfestellung. Sie hat nicht selbst die Verantwortung für das Entdecken der Potenziale, sondern sie schafft zuallererst Möglichkeiten dafür und traut jungen Menschen etwas zu. Das Prinzip der Ressourcenorientierung geht davon aus, dass junge Menschen normalerweise und unter den richtigen äußeren Bedingungen in der Lage sind, sich selbst in ihrer Persönlichkeits- und Glaubensentwicklung zu entfalten (vgl. Meier 2010: 41).

Als christliche Jugendarbeit darf sie damit rechnen, dass in der Begegnung mit dem dreieinigen Gott kreative Kraft freigesetzt wird. Konkret: Dort, wo Jugendlichen sichere Entfaltungsmöglichkeiten gegeben werden und eine Gottesbegegnung ermöglicht wird, entsteht eine besondere Dynamik zur Aktivierung ihrer eigenen Ressourcen.

In diesem Zusammenhang ist der Begriff des „Youth Empowerment“ zu nennen, der im internationalen Kontext der Jugendarbeit verwendet wird und zum Ausdruck bringt, dass junge Menschen befähigt werden sollen, ihre Gaben und Fähigkeiten zu entdecken und dann für sich selbst, aber auch zum Wohle anderer selbstbestimmt einzusetzen, um sich so persönlich weiterzuentwickeln und Veränderungen – auch in Kirche und Gesellschaft – zu gestalten (Cooper et al. 2011).

Ressourcenorientierung fordert missionarische Jugendarbeit zugleich heraus, ihre Angebote unabhängig von sozialer Herkunft, Bildungsbiografie und körperlichen oder geistigen Fähigkeiten zu gestalten.

2.5 Missionarische Jugendarbeit ermöglicht und handelt in Beziehungen

Missionarische Jugendarbeit handelt überdies zutiefst beziehungsorientiert, wie Ilg am Beispiel von Jugendfreizeiten herausarbeitet: „Die besondere Qualität der Jugendarbeit zeigt sich an der pädagogischen Ausrichtung und der Beziehungsorientierung gemeinnütziger Angebote“ (Ilg 2013: 14). Diese Beziehungsorientierung meint in der Praxis sämtliche Bemühungen und Aktivitäten, die zur Herstellung und Weiterführung eines persönlichen Kontakts zu den jungen Menschen eingebracht werden. Sie ist gleichermaßen Voraussetzung und Begleiterscheinung der Jugendarbeit und schafft Räume, damit autonome Individuen sich in Gruppen und Freundschaftsbeziehungen erleben können und Gemeinschaft erfahren (vgl. Schröder 2013: 427). Dabei ist der Begriff der „Beziehungsarbeit“ nicht unumstritten, steht er häufig doch unter dem Verdacht einer „Kuschelpädagogik“, die eine inhaltliche Auseinandersetzung mit pädagogischen Zielen zu vermeiden sucht. Für die missionarische Kinder- und Jugendarbeit ist dieser Vorwurf aus konzeptioneller Perspektive jedoch nicht haltbar, da ein Handeln in Beziehungen und die Reflexion darüber, wie mit den Jugendlichen in Kontakt getreten wird, grundlegend für die Qualität der Arbeit in der Praxis sind. Darüber hinaus ist die Beziehungsorientierung zentral, um jungen Menschen in herausfordernderen Lebenssituationen (Pubertät, Armut etc.) durch die Beziehungen „Halt“ zu geben, denn „[d]iese Funktion können die Eltern für Jugendliche in der Ablösephase nicht mehr so ausfüllen wie zu Zeiten der Kindheit. Von den Gleichaltrigen kann die Funktion nur bedingt übernommen werden, denn die gleich Gesinnten und ähnlich Fühlenden sind von eigenen Verunsicherungen erfasst und deswegen nur begrenzt in der Lage, Halt und Rückhalt zu bieten“ (Schröder 2013: 428). Damit dies aber gelingt, gilt es, tragfähige Beziehungen herzustellen, die durch Verlässlichkeit und Authentizität geprägt sind und auf diese Weise kontinuierliche Begleitung, Förderung und Unterstützung bieten (vgl. Zimmermann 2014: 262). Neben der Perspektive einer Ermöglichung von Gemeinschaftserfahrungen, Freundschaften und Beziehungen der Teilnehmenden untereinander ist die Perspektive der Hauptamtlichen zu unterscheiden: Sie gestalten Beziehungen zunächst im Kontext ihres professionellen pädagogischen Handelns und nehmen dazu eine eher unpersönliche Rolle ein (hier: die des/der hauptamtlichen Jugendleiters/Jugendleiterin), ist in gewisser Weise austauschbar und „hat auch dann noch Bestand, wenn die Rollen mit verschiedenen Personen besetzt werden“, etwa bei einem Stellenwechsel (Böhle et al. 2012: 187). Darüber hinaus sind Hauptberufliche in der missionarischen Jugendarbeit aber auch darauf angewiesen, dass sie von jungen Menschen als authentisch und nahbar empfunden werden, sodass sie in spezifischer Weise als Person gefordert sind. Nicht zuletzt ist das missionarische Anliegen zuallererst eine persönliche Motivation und intendiert daher auch eine persönliche Haltung. Daher enthält eine professionelle Beziehung in der missionarischen Jugendarbeit neben der austauschbaren Rollenbeziehung unweigerlich Elemente einer persönlichen Beziehung. Das gilt insbesondere für Jugendliche, die aus instabilen Lebenskontexten stammen oder die in ihrem Leben keine guten Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben (Delmas 2009; Zimmermann 2014). Insofern sind Hauptberufliche herausgefordert, eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen, die durch ein ernsthaftes und glaubwürdiges Interesse an der Lebenssituation und den Fragen der Jugendlichen geprägt ist, indem sie sich mit ihren Fragen, Antworten, Werten und Erfahrungen in die Beziehung einbringen. „Erfahrungen zeigen, dass vor allem persönliche Beziehungen und das Gemeinschaftsgefüge einer Gruppe sowie die Lebensweltbezogenheit und die biografische Relevanz der Glaubensinhalte bedeutsam im Sinne des missionarischen Anliegens sind“ (Kißkalt 2013: 418).

3. Dimensionen oder: Wie arbeitet missionarische Jugendarbeit?

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, das Handeln missionarischer Jugendarbeit in der Praxis in einem mehrdimensionalen Ansatz zu erfassen. Diese Dimensionen beschreiben verschiedene Schwerpunkte, die die missionarische Jugendarbeit kennzeichnen. Sie orientieren sich an den Aufgaben der Kirche, die in der Praktischen Theologie bzw. Kirchentheorie klassischerweise in vier Grunddimensionen erfasst werden: martyria (Zeugnis), koinonia (Gemeinschaft), leiturgia (Gottesdienst) und diakonia (Dienst). Bubmann hat der klassischen Vierteilung die Dimension der paideia (Erziehung/Bildung) hinzugefügt und dafür plädiert, dieses Quintett weniger sektoral als vielmehr dimensional zu verstehen (vgl. Fermor 2014: 7). In diesem Sinne beschreiben die fünf Begriffe nicht einzelne Handlungsfelder oder Methoden, sondern weisen vielmehr darauf hin, dass Kirche in ihrem gesamten Handeln jede Dimension, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, berücksichtigen sollte (vgl. Bubmann 2004: 110 ff.). Er sieht darin einen „Perspektivwechsel weg vom Handlungsfeld (sektorales Denken) hin zum dimensionalen [...] Denken: Alle zentralen Berufsgruppen in der Kirche (TheologIn, PädagogIn, MusikerIn, DiakonIn, Verwaltungskräfte) haben alle Dimensionen der Kommunikation des Evangeliums bzw. der kirchlichen Aufgaben im Blick. Sie tragen also alle Verantwortung für leiturgia, martyria, paideia, koinonia und diakonia, allerdings in unterschiedlicher Weise und Intensität sowie mit verschiedenen Schwerpunkten“ (Bubmann 2006: 61). Die so für die Gemeindepädagogik fruchtbar gemachten Grunddimensionen sollen in diesem Beitrag auf die missionarische Jugendarbeit bezogen werden. Für das Verständnis dieses mehrdimensionalen Ansatzes der Praxis missionarischer Jugendarbeit ist zu betonen, dass die Dimensionen eine gleichwertige Bedeutung haben und zueinander im Verhältnis stehen bzw. sich aufeinander beziehen und deshalb auch nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. In dieser Interdependenz beschreibt jede Dimension das konkrete Handeln missionarischer Jugendarbeit unter einem besonderen Gesichtspunkt (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Grunddimensionen missionarischer Jugendarbeit

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bubmann 2006

3.1 martyria: Missionarische Jugendarbeit bezeugt das Evangelium von Jesus Christus

Die erste Dimension missionarischer Jugendarbeit martyria (μαρτυρία) meint die umfassende Verkündung und Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus. Als zentrale, aber keineswegs einzige Form der Kommunikation des Evangeliums gehört die Verkündigung, im Sinne einer Wortverkündigung (vgl. Engemann 2014: 18), fest zur Praxis der missionarischen Jugendarbeit. Ob als Predigten in Jugendgottesdiensten, Andachten in Gruppenstunden oder evangelistischen Ansprachen im Rahmen von Jugendevangelisationen, spielt die mündliche Verkündigung in vielen Angeboten missionarischer Jugendarbeit nach wie vor eine große Rolle.

Verkündigung in der Jugendarbeit zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie in den allermeisten Fällen Laienverkündigung ist und so eine ganz besondere Rolle für die reformatorische Forderung nach dem Priestertum aller Glaubenden innerhalb der Kirche einnimmt. Auch wenn theologisch ausgebildetes Personal im Rahmen von Jugendarbeit gelegentlich zu Wort kommt, so sind es doch oftmals die jungen Ehrenamtlichen oder die Adressaten der Jugendarbeit selbst, die hier verkündigen. Es ist kaum gewagt, die These aufzustellen, dass in keinem anderen Bereich des kirchlichen Handelns der Anteil der ehrenamtlichen Verkündigung so hoch ist wie in der Kinder- und Jugendarbeit. Die Gefahr einer theologischen Unschärfe, ja sogar Missinterpretation der biblischen Botschaft, ist hier grundsätzlich gegeben. Gerade deshalb ist die theologische Ausbildung und Qualifikation der Ehrenamtlichen von großer Relevanz (vgl. paideia). Im Unterschied zu hauptberuflichen Fachkräften kann die ehrenamtliche Verkündigung Jugendliche aufgrund der hohen Nähe zu deren Lebenswelt besser erreichen und ist daher in vielen Fällen für die Jugendlichen verständlicher. Aus diesem Grund ist die Laienverkündigung innerhalb der missionarischen Jugendarbeit zu stärken und der Wert dieser lebensnahen Verkündigung dem theologischen Anspruch voranzustellen, ohne diesen prinzipiell nicht aufzugeben.4 Dieser Ansatz schlägt sich bspw. in dem religionspädagogischen Konzept der Jugendtheologie wieder (Schlag/Schweitzer 2012). Auch kann auf die konzeptionelle Weiterentwicklung des Jugendevangelisationsformats JesusHouse (www.jesushouse.de) verwiesen werden: Hier wurde das Konzept von einer Zentralveranstaltung hin zu zusätzlichen lokalen Veranstaltungen unter Einbeziehung örtlicher Jugendarbeiten und Gemeinden weiterentwickelt, um einerseits einen höheren Lebensweltbezug und andererseits mehr Einbeziehungsmöglichkeiten für die Jugendlichen zu erreichen.

Die Formen der Wortverkündigung in der missionarischen Jugendarbeit sind vielfältig und reichen vom Erzählen biblischer Geschichten über Lied- oder Gegenstandsandachten hin zu exegetischen Auslegungen (Bibelarbeiten) oder evangelistischen Zuspitzungen (sog. Aufrufen). Ihre inhaltliche Ausrichtung ist in vielen Fällen dem und der Verkündiger/-in überlassen und richtet sich nur in manchen Fällen an Vorgaben (z. B. Pläne für den Kindergottesdienst). In anderen Fällen sind die Jugendlichen in die Themenwahl einbezogen. Die subjektive Themenwahl birgt die Gefahr einer eklektischen Auswahl und führt, wie in der Praxis beobachtet werden kann, manchmal zu einer thematischen Einseitigkeit. Das Bezeugen des Evangeliums kann aber auch unabhängig von Themen und biblischen Texten in Form von Lebenszeugnissen und Erfahrungsberichten geschehen. Zudem finden viele kreative Methoden der Auseinandersetzung mit dem biblischen Zeugnis in der missionarischen Jugendarbeit ihren Platz.5

Punktuell ist eine Überbetonung dieser Praxisform missionarischer Jugendarbeit zu beobachten. Nicht nur deshalb ist an dieser Stelle auch auf die Grenzen hinzuweisen: Auch wenn es partizipative Formen gibt, ist Wortverkündigung didaktisch sehr einseitig und hebt sich so von vielen anderen Aktivitäten innerhalb der Jugendarbeit, die stärker auf Interaktion ausgerichtet sind, ab. Wortverkündigung steht somit in der Gefahr, von Jugendlichen als langweilig oder aufgesetzt empfunden zu werden. Sie muss daher gut in das Gesamtsetting der entsprechenden Angebote eingebunden werden. Nur so können ihr hoher Wert und ihre Stärke zum Tragen kommen. Sie bietet die Möglichkeit, Jugendlichen in kurzer Zeit kompakt das Evangelium zu bezeugen und die christliche Botschaft zu vermitteln. Ansprechend gestaltet können junge Menschen so zum Nachdenken oder dazu gebracht werden, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln bzw. eine Entscheidung für den christlichen Glauben zu finden. Entscheidend dürfte dabei sein, ob junge Menschen den Inhalt und die Form der Verkündigung als passend zu den anderen Aspekten missionarischer Jugendarbeit in Haltung und Praxis erleben.

3.2 koinonia: Missionarische Jugendarbeit schafft Räume für Beziehung und Gemeinschaft

Die zweite Dimension missionarischer Jugendarbeit koinonia (κοινωνία) bedeutet soviel wie Gemeinschaft durch Teilhabe und fokussiert all jene Bestrebungen, die Räume und Settings schaffen, in denen Beziehung gestaltet und Gemeinschaft erfahrbar werden. Die Gemeinschaft einer Gruppe bzw. das Beziehungsnetzwerk innerhalb einer solchen stellt für viele Jugendlichen den zentralen Wert von Jugendarbeit dar. Zu diesem Ergebnis kam die Studie „Jugendliche als Akteure im Verband“ der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Jugend (aej) für den Bereich der dort organisierten Verbände (vgl. Fauser/Fischer/Münchmeier 2006). Dies entspricht zutiefst den entwicklungspsychologischen Bedürfnissen Jugendlicher.

Auch wenn vielerorts ein Rückgang der „klassischen Jugendgruppe“ empfunden wird, suchen Jugendliche Gemeinschafts- und Beziehungserfahrungen und kommen nach wie vor zu den Angeboten missionarischer Jugendarbeit, denen es gelingen muss, diesem Bedürfnis mit attraktiven Formen der Vergemeinschaftung zu begegnen (vgl. Fauser 2008). Und auch hier korrespondiert ein pädagogisches Interesse mit der Intention des Evangeliums. Auch wenn die frohe Botschaft sich zunächst an den Einzelnen richtet, vollzieht sie sich immer in Gemeinschaft bzw. zielt auf diese ab. Der Glaube an Jesus Christus macht aus vormals Fremden eine Gemeinschaft der Glaubenden, also Kirche, die sich dann, neben der globalen Dimension, in örtlichen Gemeinden und Gruppen manifestiert. Kommunikation des Evangeliums geschieht eben auch durch Zugehörigkeit, Annahme und Beziehung (Zimmermann 2014: 152 ff.). Dabei sind folgende Aspekte für die Praxis missionarischer Jugendarbeit zentral:

  1. 1) Erleben von Offenheit und Anerkennung

    Die Angebote missionarischer Jugendarbeit sollten sich dadurch auszeichnen, dass sie generell offen sind und junge Menschen, die sich dafür interessieren, dort Anerkennung in unterschiedlicher Weise erfahren (Zimmermannn, 2014). Die Spannung liegt darin, einerseits Gemeinschaftserfahrungen zu ermöglichen, die einen geschützten Raum bieten, andererseits auf Barrieren und Exklusion zu verzichten, indem u. a. niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten eröffnet werden. Denn die Erfahrung, ausgeschlossen zu sein, lässt sich mit der Botschaft des Evangeliums nicht vereinbaren.

  2. 2) Verbindlichkeit ohne Enge

    Über Jahrzehnte war missionarische Jugendarbeit von langfristigen, teilweise jahrelangen verbindlichen Gruppenstrukturen gekennzeichnet. Der Teen- oder Jugendkreis war für viele Gemeinden und Gemeinschaften die Keimzelle und das Zentrum der Jugendarbeit. Die Stärke dieser Gruppen lag und liegt vor allem in der Verlässlichkeit und der Verbindlichkeit der Gruppenbeziehung. Jugendliche erfahren in solchen Strukturen, dass konkrete Werte (hier sei auf die Stimmigkeit zum Inhalt der Verkündigung hingewiesen) gelebt werden, und erfahren so Halt und Orientierung. Missionarische Jugendarbeit muss darauf hinwirken, dass die durch sie gebildeten Gemeinschaften nicht nur Zweckgemeinschaften sind, sondern für Jugendliche einen geschützten Raum zur Persönlichkeits- und Glaubensentwicklung bieten. Diese Erfahrungen können auch in kurzfristigen, aber intensiven Gruppenerfahrungen (z. B. auf Freizeiten und in Projekten) oder in loseren Zusammenhängen etabliert werden.

  3. 3) Leben verbindlicher (seelsorgerlicher) Beziehungen

    Wie in Kap. 2.5 entfaltet, gehört die Beziehungsarbeit zum Wesen missionarischer Jugendarbeit. In der festen Überzeugung, dass Glaube und Persönlichkeit sich dialogisch entwickeln, brauchen junge Menschen Gegenüber, mit denen sie an ihren Lebensfragen arbeiten können. Diese Gegenüber können sowohl Peers, aber auch Ehren- und Hauptamtliche sein, die sich als Gesprächspartner zur Verfügung stellen. Seelsorge im weitesten Sinne spielt für missionarische Jugendarbeit eine große Rolle. So bietet der Jugendverband „Entschieden für Christus“ (EC) zahlreiche seelsorgerliche Angebote an und bildet Ehrenamtliche für diesen Bereich aus (www.ec-seelsorge.de).

Zentral ist in allen Fällen die Authentizität der Beziehung. Auch wenn Beziehung ein Medium der Evangeliumsverkündigung sein kann, darf sie nicht als Zweck für diese vereinnahmt werden. Beziehung ist in allererster Linie Beziehung und kann als solche Evangelium bezeugen und zur Sprache bringen. „Dazu gehören Konzepte der Freundschaftsevangelisation, die auf absichtslose Freundschaftsbeziehungen setzt und dabei den eigenen Glauben ins Spiel bringt“ (Corsa/Freitag 2008: 201).

Eine besonders intensive Gemeinschaftserfahrung bieten Angebote des gemeinschaftlichen Lebens, die zunehmend in missionarischer Jugendarbeit gemacht werden. Beispielsweise können Jugendlichen in sog. „Wochen des gemeinsamen Lebens“ mitten in ihrem Alltag verbindliche Gemeinschaft und geistliches Leben erfahren, indem sie für einen begrenzten Zeitraum gemeinsam z. B. im Gemeindehaus oder einer Privatwohnung leben. Aber auch für langfristige Formen solcher Gemeinschaft gibt es Angebote. Viele Träger bieten jungen Menschen in sog. Jahresteams eine, meist über ein Jahr, langfristigere Möglichkeit, christliche (Lebens-)Gemeinschaft zu erfahren. Beispiele dafür sind das JUMP-Team des CVJM-Baden, bei dem ein Jahresteam sportmissionarische Akzente in Gemeinden und Jugendarbeiten setzen soll,6 oder das Konzept von dem Jahresteam des Wörnesberger Anker, welches inhaltliche und organisatorische Aufgaben des christlichen Lebens- und Schulungszentrums übernimmt.7 Besonders sei auf das Konzept „Y-Home“ des CVJM Nürnberg hingewiesen: Hier können bis zu elf minderjährige Flüchtlinge gemeinsam mit ehrenamtlich Mitarbeitenden im CVJM-Haus wohnen und neben der im Vordergrund stehenden Hilfe zur Stabilisierung und Förderung zu einem selbstständigen Leben christliche Gemeinschaft erfahren.8

3.3 leiturgia: Missionarische Jugendarbeit bietet Räume für geistliche Erfahrungen

Die dritte Dimension missionarischer Jugendarbeit leiturgia (λειτουργία) bedeutet öffentlicher Dienst im Sinne von Gottesdienst und liturgischem Handeln und meint solche Angebote und Formen, die spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Missionarische Jugendarbeit zeichnet sich heute dadurch aus, dass bei der Begleitung von jungen Menschen und der Vermittlung des Evangeliums individuelle und kollektive Erfahrungen im Vordergrund stehen. Zentrale Glaubensaspekte oder lebensbewältigende Kompetenzen sollen nicht vermittelt, sondern durch „zweckfreie Feier, Rituale, Kultur und Gottesdienste“ (Fermor 2014: 11) erfahrbar und angeeignet werden.

Die Dimension der leiturgia bezieht sich auch auf das missionarische Handeln: Gott soll in der missionarischen Jugendarbeit nicht nur gepredigt, also kognitiv erklärt werden, sondern er soll vor allem erfahrbar sein. „Christliche Jugendarbeit hat Räume, eben auch Erfahrungsräume für die Begegnung mit dem Gott Israels und der Christenheit zu öffnen, auf dem Weg in diese Räume hilfreich zu begleiten und darin einzuführen“ (Freitag 2004: 8). Unter dem Stichwort Spiritualität sollen junge Menschen die Möglichkeit bekommen, den christlichen Glauben auf unterschiedliche Weise zu erfahren und anhand konkreter Erfahrungen zu reflektieren. Die Ausprägungen und Formen der Spiritualität können dabei sehr unterschiedlich sein und sind eng verknüpft mit der jeweiligen geistlichen Prägung der Verbände und Gemeinden.

Theologisch reflektiert muss hier auf die Rolle des Heiligen Geistes hingewiesen werden. In der Folge des Sendungsauftrags (s. o.) darf missionarische Jugendarbeit damit rechnen, dass Gott sich nicht nur in der Begegnung mit seinem Wort, sondern auch im Wirken des Heiligen Geistes im Rahmen ihrer Angebote und der Gemeinschaft erfahrbar macht und heilsam Jugendlichen begegnet. Spirituelle Erfahrungen in der missionarischen Jugendarbeit lassen sich also weder erzwingen noch inhaltlich, z. B. in Sinne von Lernzielen, planen (vgl. Pohl-Patalong 2013: 15 f.).

Missionarische Jugendarbeit greift deshalb auf Methoden und Formen zurück, die es jungen Menschen ermöglichen, solche Erfahrungen zu machen, und sinnlich-erlebbare Elemente enthalten. So spielen erlebnispädagogische Elemente ebenso eine Rolle wie musisch-kulturelle Ausdrucksformen. Auch traditionelle liturgische Praktiken, wie z. B. die Taizé-Gesänge, haben hier ihren Ort. Zudem kann missionarische Jugendarbeit auf neuere religionspädagogische Konzepte zurückgreifen, die ein stärker erfahrungsbezogenes religiöses Lernen in den Vordergrund stellen. Als Entwicklung der letzten Jahre muss zudem auch auf die Lobpreiskultur hingewiesen werden, die in vielen Bereichen der missionarischen Jugendarbeit eine Rolle spielt. Im hingebungsvollen Singen (Anbetung) eingängiger Lieder mit einfachen Texten und vielen Wiederholungen soll eine Begegnungsmöglichkeit mit dem dreieinigen Gott geschaffen werden und dieser besonders im Wirken des Heiligen Geistes erfahren werden.

Als Bereich, in dem sich die Dimension der leiturgia deutlich entfaltet, sind die in der missionarischen Jugendarbeit häufig stattfindenden Jugendgottesdienste, besonders aber auch die Jugendkirchen und -gemeinden,9 zu nennen. Hier werden Jugendlichen inhaltliche und auch physische Räume zur Verfügung gestellt, um eigene Formen der Spiritualität, auch in Gottesdiensten, zu entwickeln.

3.4 diakonia: Missionarische Jugendarbeit stellt sich selbstlos in den Dienst der Welt

Als vierte Dimension ist die diakonia (διακονία) als Dienst am Menschen jene Perspektive, in der die praktizierte Nächstenliebe und der selbstlose Dienst für die Welt im Vordergrund stehen (Braune-Krickau/Ellinger 2010). Das sozial-diakonische bzw. diakonisch-missionarische Handeln verweist in unserem mehrdimensionalen Ansatz auf die enge Verbindung von Wort und Tat, die in der missionarischen Jugendarbeit konzeptionell untrennbar sind, in der Praxis jedoch nicht immer gemeinsam verwirklicht werden. „Mission und Diakonie sind von der Botschaft Jesu her untrennbar miteinander verbunden. Dabei ist Mission nicht dasselbe wie Diakonie, umgekehrt lässt sich missionarisches Handeln ohne diakonische Existenz nicht denken“ (Lausanner Verpflichtung §5; Berneburg 2007: 9). Die beiden Begriffspaare sind in der Vergangenheit häufig als Gegensatz verstanden worden und auf Grundlage unterschiedlicher theologischer Überzeugungen mit einem Schwerpunkt auf dem einen (diakonisch) oder anderen (missionarisch) verwirklicht worden. In der Gegenwart werden sie „aber nicht mehr alternativ, sondern einander ergänzend verstanden“ (Cares/Schalla 2013: 309). diakonia beschreibt „diejenige Praxis, die dem integrierenden und inkludierenden Aspekt der koinonia dient“ (Fermor 2014: 8). Deutlich wird der Anspruch eines solchen diakonischen Handelns in der Jugendarbeit bspw. in dem „Beschluss zu den Zielen und Aufgaben der kirchlichen Jugendarbeit“ der Würzburger Synode der katholischen Kirche von 1975, in der es u. a. heißt:

„Maßstab für christliches Handeln ist die selbstlose Hinwendung Jesu zu den Menschen, in der die Hinwendung Gottes zum Menschen endgültig sichtbar geworden ist. Darum muss Jugendarbeit der Christen selbstloser Dienst an den jungen Menschen und an der Gestaltung einer Gesellschaft sein, die von den Heranwachsenden als sinnvoll und menschenwürdig erfahren werden kann. Ihr Ziel ist nicht Rekrutierung, sondern Motivation und Befähigung, das Leben am Weg Jesu zu orientieren. (…) Deshalb gehört der Dienst an der Welt zu ihrem Wesen, denn darin vollzieht sie ihren Auftrag und beglaubigt ihn. Wo die Kirche selbstlos der Welt und den Menschen dient, dient sie zugleich Gott“ (Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland 1976: 293 f., 297).

Dieser Auftrag vollzieht sich in der missionarischen Jugendarbeit in unterschiedlicher Weise. Als ein Beispiel kann die diakonische „pack’s“-Initiative des CVJM genannt werden, bei der sich Ortsvereine und -gruppen in fünfzehn unterschiedlichen Projekten und Kooperationen für sozial benachteiligte Jugendliche in Deutschland engagieren (www.cvjm-packs.de). So verfolgt etwa die Ausbildungs-Initiative im CVJM-Kreisverband Siegerland das Ziel, sozial benachteiligte Jugendliche in einem Mentoring-Programm durch ehrenamtliche Coaches im Übergang von der Berufsfindung bis zum erfolgreichen Abschluss der Ausbildung zu begleiten. „Damit möchte der CVJM erreichen, dass die Jugendlichen (...) auch in den Höhen und Tiefen der gesamten Ausbildungszeit“ begleitet werden (Schreiber, 2012: 93). Für die ausbildenden Betriebe und Unternehmen ermöglicht die Initiative eine konsequente Stärkung der Jugendlichen, die im Alltagsgeschäft oftmals nicht möglich wäre (vgl. Huster/Zimmermann 2013: 103).

Ein weiteres Beispiel diakonischer Jugendarbeit ist das Jumpers-Netzwerk (www.jumpersnetz.de). Die Abkürzung steht für „Jugend mit Perspektive“ und hat es sich zur Aufgabe gemacht, christlich-soziale Projekte in sozialen Brennpunkt-Stadtteilen zu gründen, um den Selbstwert und die Lebensperspektiven von Kindern und Jugendlichen aus prekären Lebenslagen zu fördern. Darüber hinaus bietet das Netzwerk die Chance zum fachlichen Austausch und zur Weiterbildung. Derzeit werden 62 christlich-soziale Werke und Projekte miteinander vernetzt, damit das gemeinsame Anliegen in Politik und Gesellschaft zur Sprache kommt und Impulse aus der Praxis geteilt werden.

3.5 paideia: Missionarische Jugendarbeit fördert non-formale Bildungsprozesse

Die Dimension paideia (παιδεία) fokussiert die Bildungsangebote und -prozesse der missionarischen Jugendarbeit und ist als Querschnittsdimension zu verstehen, die allen anderen Dimensionen innewohnt, denn es gilt: „Spiritualität braucht für ihre Entfaltung immer auch Bildung“ (Fermor 2014: 13). Als non-formaler Bildungsort sind die Angebote zur Aus-, Fort- und Weiterbildung innerhalb der christlichen Kinder- und Jugendarbeit äußerst vielfältig. Neben Schulungsprogrammen zum Erwerb der Jugendleiter-Card (Juleica)10 sind dies Tagesseminare und Fachtagungen zu spezifischen Angeboten und Formaten der missionarischen Jugendarbeit. Hier werden jugendarbeitsspezifisches Fachwissen, Fertigkeiten und Kompetenzen erworben, die für die Praxis der missionarischen Kinder- und Jugendarbeit grundlegend sind. So gilt die Jugendleiter-Ausbildung vielerorts als Grundlage für ein Engagement. In Grund-, Aufbau- und Leiterkursen werden Ehrenamtliche für ihre Aufgabe qualifiziert und erhalten die Chance, sich kontinuierlich weiterzubilden. Dabei stehen neben rechtlichen und z. T. technischen Lehrinhalten insbesondere die theologischen und pädagogischen Themen im Mittelpunkt. Auf diese Weise erhalten Ehrenamtliche für ihre Aufgaben in der Praxis ein grundlegendes theologisches Basiswissen im Blick auf die Entstehung der Bibel, die geschichtliche Entwicklung der Kirchen und eine christliche Glaubenspraxis in Liedern, Gebeten und Liturgie. Gemäß dem Anspruch, das „Priestertum aller Glaubenden“ (vgl. 1Petr 2,9f.) verwirklichen zu wollen, werden überdies grundlegende homiletische Kompetenzen vermittelt. Darüber hinaus ist die Angebotspalette breit gefächert und reicht von musischen Angeboten über kulturelle Seminare bis hin zu Kursen zur politischen oder theologischen Weiterbildung im In- und Ausland. Seit Einführung der Jugendleiter-Card (Juleica) im Jahr 1998 wurden insgesamt etwa 300.000 Juleicas ausgegeben, aktuell sind etwas mehr als 100.000 Ehrenamtliche Inhaber einer gültigen Juleica. Ein Großteil davon ist in den Kirchen und konfessionellen Jugendverbänden tätig (vgl. Pothmann/Sass 2011: 5).

Dezidiert missionarische Bildungsangebote werden von den Kirchen sowie freien Werken und Verbänden in Ergänzung zur Juleica-Schulung angeboten. Ein Blick in einschlägige Bildungsportale dieser Anbieter zeigt Seminare wie „Biblische Geschichten kreativ erzählen“, „Verkündigungsseminar – Die gute Botschaft weitergeben, aber wie?“, „Fresh X – Kurs“, „Theologische Fortbildung: Christsein in einer multireligiösen Welt“, „Stille suchen im Kloster“, „Verkündigung ToGo“, „Erlebnispädagogik in 45 Minuten“ oder „Lobpreisseminar“.11 Im evangelischen Studienzentrum Josefstal gibt es seit mehreren Jahren eine Ausbildung zum „Spirituellen Begleiter von Jugendlichen“, die den Teilnehmenden „Methodenkompetenz für Frömmigkeitsformen und spirituelle Erfahrungsräume in der gruppen- und projektbezogenen Arbeit mit jungen Menschen“ vermittelt.12 Neben diesen non-formalen Bildungsofferten haben die Ehrenamtlichen die Chance, in der Praxis der missionarischen Jugendarbeit auf informellem Wege verschiedene Kompetenzen zu erwerben.

Auch in dieser Dimension stehen Erfahrungen im Vordergrund der Bildungsprozesse. Dabei möchte missionarische Jugendarbeit Erfahrungen ermöglichen, bei denen Jugendliche sich selbst und ihre Potenziale entdecken, sich als selbstwirksam erleben und soziale Anerkennung erfahren. Dazu schafft sie kreative Experimentierräume in einem geschützten Rahmen. Neben einzelnen Formen der missionarischen Jugendarbeit, die solche Erfahrungen besonders ermöglichen, wie etwa die TEN SING-Arbeit, die durch ihren musisch-kulturellen Ansatz besondere Möglichkeiten zur Entfaltung und Erprobung von Gaben und Fähigkeiten gibt (vgl. Erkenberg/Konstantinidis in diesem Band), vollzieht sich diese Dimension vor allem in der niedrigschwelligen Möglichkeit zur ehrenamtlichen Mitarbeit. In den allermeisten Fällen ist die ehrenamtliche Mitarbeit – teilweise auch noch sehr junger Jugendlichen – wichtiger Bestandteil des Konzepts und bietet eine passende Möglichkeit für solche Erfahrungen.

Eine besondere Verbindung von Bildung und missionarischem Handeln weisen sog. Glaubenskurse auf, die es auch zahlreich für den Jugendbereich gibt. Hier sollen junge Menschen in die Grundlagen des Glaubens eingeführt werden, aber eben nicht nur auch der Sachebene, sondern mit einer zum Glauben einladenden Grundhaltung. Besonders an dieser Stelle muss missionarische Jugendarbeit sich vor Augen führen, dass Glaube grundsätzlich nicht gelernt werden kann, Bildung aber einen Beitrag dazu leisten kann, dass Glaube geweckt wird (vgl. Schweitzer 2006: 32).

3.6 Die fünf Dimensionen missionarischer Jugendarbeit als Analyseinstrument

In diesem Handbuch vereinen wir unterschiedliche Perspektiven auf die missionarische Jugendarbeit in Deutschland. Innerhalb dieser Vielfalt ist den spezifischen Angeboten und Konzepten gemein, dass sie sich anhand des oben vorgestellten mehrdimensionalen Ansatzes verorten lassen. Unschärfen lassen sich gewiss nicht vermeiden und je nach Angebot vor Ort fällt die eine oder andere Dimension mehr oder weniger ins Gewicht. Dennoch vermag dieser multiperspektivische Ansatz missionarischer Jugendarbeit, die verschiedenen Arbeitsformen und Angebote der Praxis13 anhand der jeweiligen Dimensionen zu analysieren, um im Sinne einer Standortbestimmung für sich zu überprüfen, welche der genannten Dimensionen nicht oder nur marginal erfasst werden. Am Beispiel einer missionarischen Freizeitarbeit ließe sich diese Analyse idealtypisch und bei allen Unterschiedlichkeiten in der Praxis wie folgt in einem Netzdiagramm darstellen (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: Analyse zur missionarischen Freizeitarbeit

Quelle: Eigene Darstellung

  • martyria: Innerhalb einer missionarischen Freizeitarbeit ist der Anteil der verkündigenden Elemente in Andachten, Bibelarbeiten, Predigten oder dem gemeinsamen Bibellesen vergleichsweise hoch. Meist begleiten biblische Erzählungen oder Leitfiguren thematisch-inhaltlich das Freizeitgeschehen.
  • koinonia: Das Erleben einer intensiven, teils herausfordernden, Gemeinschaft in Freizeiten ist kennzeichnend für dieses Angebot missionarischer Jugendarbeit. Dementsprechend wird die Freizeit für viele Teilnehmende und Jugendgruppen als das „Highlight des Jahres“ empfunden.
  • leiturgia: Das Feiern von Festen, Ritualen und Gottesdiensten, der gemeinsame Lobpreis, die Gebetsgemeinschaft oder die Feier des Abendmahls stellen neben kulturellen Angeboten den besonderen Wert von Angeboten dar, die Räume für spirituelle Erfahrungen innerhalb der missionarischen Jugendarbeit eröffnen.
  • diakonia: Die diakonische Dimension ist innerhalb der Freizeitarbeit häufig – wenngleich dies von Freizeit zu Freizeit unterschiedlich sein mag – nur marginal ausgeprägt. Diakonisches Handeln kann am ehesten noch in der Ermöglichung von kostengünstigen oder -freien Teilnahmemöglichkeiten für ökonomisch benachteiligte Jugendliche oder in spezifischen, im Programm verankerten Aktionen der Freizeitgruppe am jeweiligen Freizeitort gesehen werden.
  • paideia: Die Bildungsdimension bezieht sich innerhalb der missionarischen Freizeitarbeit im Wesentlichen auf das informelle Lernen im Miteinander und geschieht sozusagen „nebenbei“. Dabei bieten die kulturellen, sozialen, sportlichen, technischen und verkündigenden Programmangebote vielfältige Möglichkeiten des informellen Bildungserwerbs.

4. Fazit: Missionarische Jugendarbeit zwischen Leidenschaft und Professionalität

Bei der Auseinandersetzung mit missionarischer Jugendarbeit wird vor allem deutlich, wie heterogen und unterschiedlich dieses gemeindepädagogische Handlungsfeld ist. Es ist kaum möglich, all dass, was in zahlreichen Gemeinden, Werken, Verbänden und Vereinen in der Praxis geschieht, adäquat zu erfassen.

Erkennbar wird jedoch, dass an den meisten Stellen die verschiedenen Angebote das Ringen um theologische Verantwortung einerseits und sozialpädagogische Verantwortung andererseits eint. Vor dem Hintergrund des mehrdimensionalen Ansatzes kann nun die Unterschiedlichkeit der Angebote missionarischer Jugendarbeit mit den je verschiedenen Schwerpunktsetzungen innerhalb des Quintetts erklärt werden. Insofern ist diese Heterogenität als Ergänzung zu verstehen. Cares und Schalla betonen, dass Jugendarbeit als Handlungsfeld in einer Spannung steht: „Missionarische und sozialdiakonisch-politische Konzepte der Jugendarbeit sind in den vergangenen Jahrzehnten oft als Gegensätze verstanden worden und waren immer wieder Ausgangspunkt erheblicher Konflikte [...]. Auf der einen Seite wird Jugendarbeit als christliche Lebensäußerung der Kirche verstanden, die Anteil am Verkündigungsauftrag der Kirche hat und darin auch ihre wichtigste Aufgabe sieht. Demgegenüber steht die sozialdiakonische Ausrichtung von Gemeinde und Jugendarbeit, die den gesellschaftspolitischen Auftrag der Kirche stärker betont. Die Grundpositionen haben sich bis heute nicht geändert, werden aber nicht mehr alternativ, sondern einander ergänzend verstanden“ (Cares/Schalla 2013: 309).

Missionarische Jugendarbeit ist daher herausgefordert, immer wieder selbstkritisch die eigene konzeptionelle Ausrichtung zu analysieren und dort, wo innerhalb der Grunddimensionen Defizite erkannt werden, den Schulterschluss mit anderen Akteuren in diesem Bereich zu suchen oder selbst darauf hinzuwirken, dass bspw. die diakonische Dimension stärker integriert wird (vgl. das Beispiel der missionarischen Freizeitarbeit). Andererseits muss sie aber auch die eigene Begrenzung akzeptieren. Darin besteht eine Chance für Kooperationen.

Betrachtet man missionarische Jugendarbeit jedoch als Ganzes, so ergibt sich für dieses Handlungsfeld vor dem Hintergrund der hier ausgeführten Darstellungen zudem der Bedarf von Weitentwicklung in konzeptioneller, theoretischer als auch praktischer Sicht.

  1. 1) Mit Blick auf die fünf Grunddimensionen lässt sich feststellen, dass missionarische Jugendarbeit einen klaren Nachholbedarf im Bereich der diakonia, des Dienstes für die Welt hat. Missionarisches Handeln vollzieht sich nicht nur im Wort oder einer christlichen Binnengemeinschaft, sondern auch in der Tat und den Hinwendungen zu denen, die das Evangelium sogar zuallererst im Blick hat, nämlich die Armen, Schwachen, Marginalisierten und Hilfsbedürftigen unserer Gesellschaft. Angesichts sozialer Not in Deutschland und den Flüchtlingsströmen aus Armuts- und Kriegsgebieten ist missionarische Jugendarbeit gefordert, Konzepte zu entwickeln, die Kindern und Jugendlichen in diesen prekären Situationen eine (Lebens-)Hilfe sind (vgl. Huster in diesem Band).
  2. 2) Um Kindern und Jugendlichen wirksame Angebote unterbreiten zu können und den Sinn und Zweck bestehender Arbeitsformen zu aktualisieren, ist es zwingend notwendig, dass missionarische Jugendarbeit stärker in den Fokus religionspädagogischer und sozialwissenschaftlicher Forschung rückt. Missionarische Jugendarbeit muss sich professioneller Konzeptentwicklung und wissenschaftlicher Überprüfbarkeit stellen, um zum einen ihrem Auftrag gerecht zu werden und zum anderen transparent zu machen, was sie zu leisten vermag. Dieses Handbuch möchte einen ersten Beitrag dazu leisten. Nur so kann missionarische Jugendarbeit auch diskurs- und anschlussfähig zu anderen Formen der Jugendarbeit sein, von deren Erkenntnissen profitieren und eigene Defizite minimieren.
  3. 3) Auch wenn missionarische Jugendarbeit an manchen Orten mit Partnerorganisationen im Ausland vernetzt ist, ist derzeit die internationale Perspektive an vielen Stellen noch nicht ausreichend ausgeprägt. Insofern gilt es, die internationale Perspektive und das globale Lernen zukünftig (wieder) zu stärken. So könnte missionarische Jugendarbeit in Theorie wie Praxis von den Entwicklungen anderer Länder profitieren und ein wechselseitiger Austausch entstehen. Zudem ist das Eingebunden-Sein in eine weltweite Gemeinschaft auch aus theologischer Perspektive relevant.

Abschließend muss darauf hingewiesen werden, dass missionarische Jugendarbeit immer abhängig ist von der Begeisterung und Leidenschaft für die Sache des Evangeliums und für junge Menschen. Sie ist kein Konzept, das rein methodisch umgesetzt werden kann, sondern zuerst eine Frage der persönlichen Haltung. Wer von der Liebe Gottes selbst nicht grundsätzlich angesprochen ist, wird mit dieser Form von Jugendarbeit nichts anfangen können und sollte auch nicht in solche Formate gedrängt werden. Dort jedoch, wo aus Freiheit und persönlicher Überzeugung der Sendungsauftrag von Einzelnen und Gruppen glaubhaft gelebt wird, kann das Konzept der missionarischen Jugendarbeit ihr fruchtbares Wirken entfalten. Daher gilt für missionarische Jugendarbeit das, was Berneburg für Mission an sich konstatiert:

„Mission ist eine Frage der Begeisterung. Nötig sind begeisterte Menschen. Begeistert für das Evangelium, begeistert für Jesus Christus, begeistert für die Sache der Mission. Wir haben Anteil an der Missio Dei. Wir erwarten das Handeln Gottes. Der in diese Welt gekommen ist, um seine Menschen zu suchen und zu erretten. Wenn wir Anteil haben an der Sendung Gottes, kann unsere Mission klar und ernsthaft sein und zur Nachfolge einladen und zugleich frei von jedem Krampf und jedem Druck. Im Vertrauen auf Gottes Vollmacht und Sendung lassen wir uns in seine Mission hineinnehmen“ (Berneburg 2007: 10).

Diese Grundhaltung ist dann die Voraussetzung für die Entwicklung einer professionellen Perspektive, die in verschiedenen fachspezifischen Ausbildungen, Studiengängen und Weiterbildungen erworben werden kann14 und für Fachkräfte in diesem Bereich absolut notwendig ist. Auch wenn missionarische Jugendarbeit zunächst aus Überzeugung geschieht, darf sie keinesfalls auf gesicherte Methoden und Konzepte und Professionalität verzichten.

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1 Auch im vorliegenden Handbuch tauchen unterschiedliche Begrifflichkeiten auf. Dies ist unvermeidbar, wenn z. B. von Studien oder Konzepten aus dem Bereich kirchlicher Jugendarbeit Rückschlüsse auf das Konzept missionarischer Jugendarbeit gezogen werden sollen. Die Begriffe sind daher bei der Lektüre zwar nicht synonym, aber eng verwandt zu verstehen.

2 Wir danken Dr. Wolfgang Ilg und Dr. Dr. Roland Werner für ihre konstruktiven Rückmeldungen zu diesem Beitrag

3 Der griechische Begriff ekklesia (ἐκκλησία) meint wörtlich „die Herausgerufene“ und wird häufig mit Kirche oder Gemeinde übersetzt, meint aber vor allem auch die weltweite, konfessionsübergreifende Gemeinschaft der Christen als Gottesvolk.

4 Hier sei aber auch auf die Gefahren mangelnder theologischer Reflexion hingewiesen, wodurch es auch zu manipulierenden Falschaussagen und Missbrauch kommen kann. Deswegen muss schon hier auf Bildungsauftrag der missionarischen Jugendarbeit und die entsprechenden Praxisformen hingewiesen werden. Sie zielen auch auf eine theologische Grundbildung und grundlegende homiletische Kompetenzen Ehrenamtlicher ab.

5 Z. B. die Bibelleseinitative „Liest du mich?“, www.liest-du-mich.de

9 Eine Übersicht zahlreicher Jugendkirchen und -gemeinden verschiedener christlicher Konfessionen findet sich auf www.jugendkirchen.org

10 Die Jugendleiter/-in-Card (Juleica) ist der bundesweit einheitliche Ausweis für ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen in der Jugendarbeit. Sie dient zur Legitimation und als Qualifikationsnachweis der Inhaber/-innen. Zusätzlich soll die Juleica auch die gesellschaftliche Anerkennung für das ehrenamtliche Engagement zum Ausdruck bringen, vgl. www.juleica.de/uploads/media/juleica_infos_02.pdf (Abruf: 28.08.2015). Weitere Informationen: www.juleica.de

13 Eine Übersicht zu den Arbeitsformen missionarischer Jugendarbeit findet sich bei Zimmermann in diesem Band.

14 Neben anderen, für theologische und sozialpädagogische Handlungsfelder qualifizierenden, Bildungseinrichtungen haben sich einige Ausbildungsstätten und (Fach-) Hochschulen in der Konferenz missionarischer Ausbildungsstätten (KMA) organisiert, die eine fachlich fundierte und zugleich geistlich motivierte Ausbildung für diesen Bereich anbieten. Weitere Informationen dazu und auch eine Liste der dort organisierten Einrichtungen findet man unter www.ekd.de/studium_bildung/studium/gemeindepaedagogik/missionarische_ausbildungsstaetten.html (Abruf 27.08.2015)

Was ist „Mission“? Grundzüge einer Theologie der Mission für die Jugendarbeit

Rüdiger Gebhardt

Wer gegenwärtig das Wort „Mission“ in den Mund nimmt, macht sich verdächtig: Soll hier jemandem etwas übergestülpt werden, womöglich gegen seinen oder ihren Willen? Geht es gar um die Wiederbelebung einer längst überwundenen Tradition von Kolonialisierung und Zwangschristianisierung? Können von „Mission“ nicht nur Fundamentalisten sprechen, die sich im Besitz einer allein selig machenden Wahrheit wähnen, und ist eine solche Haltung im Zeitalter von Pluralismus und Postmoderne nicht gänzlich obsolet? Schließlich: Gilt dies alles nicht sogar in besonderer und zugespitzter Weise im Kontext von Jugendarbeit, wenn die Jugendzeit als eine Phase der Orientierung und der ergebnisoffenen Suche nach Identität verstanden wird?

Diesen Fragen muss sich stellen, wer heute „missionarische Jugendarbeit“ betreiben und verantworten will. Im Folgenden soll dies geschehen, indem 1. Erträge der Missionstheologie bis heute in den Blick genommen und vor diesem Hintergrund 2. Grundzüge einer biblisch fundierten Missionstheologie entfaltet werden, indem 3. die Rahmenbedingungen für einen zeitgemäßen Missionsbegriff einbezogen und 4. zusammenfassend ein tragfähiger Begriff von „Mission“ für die Jugendarbeit vorgeschlagen wird.

1. Erträge der Missionstheologie

Henning Wrogemann hat „Missionstheologien der Gegenwart“ in einem umfassenden Lehrbuch dargestellt (Wrogemann 2013). Das Werk trägt der Einsicht Rechnung, dass „Mission“ in jüngerer Zeit vor allem in ökumenischem und interkulturellem Kontext thematisiert wird. Wrogemann spricht von „Missionstheologien“ programmatisch im Plural, da von der Missionstheologie gegenwärtig nicht mehr die Rede sein könne. Gleichwohl lassen sich in der Geschichte der Disziplin wesentliche Stationen und Meilensteine identifizieren, von denen einige im Folgenden kurz skizziert werden:

  1. a) Nachdem im angelsächsischen Raum bereits Mitte des 19. Jahrhunderts „Missionstheologie“ betrieben wurde (z. B. bei der „Union Missionary Convention in New York 1854), gilt in Deutschland Gustav Warneck (1834–1910) als Vater der Missionswissenschaft im Sinne einer eigenen theologischen Disziplin. Seiner Zeit entsprechend verstand er unter „Mission“ schwerpunktmäßig die weltweite Bekehrung von Nichtchristen. „Mission“ definiert er wie folgt: „Unter christlicher Mission verstehen wir die gesamte auf die Pflanzung und Organisation der christlichen Kirche unter Nichtchristen gerichtete Thätigkeit der Christenheit“ (Warneck 1892: VIII). Obwohl Warneck Mission in diesem Sinne asymmetrisch als Verkündigung des Evangeliums an „die Heidenvölker“ versteht, enthält seine Missionstheologie bereits dialogische Elemente: „Der Missionar muss die Heiden verstehen, bevor sie ihn verstehen“ (Warneck 1892: 120). Dabei habe er an „die Funken des Lichts und der Wahrheit“ anzuknüpfen (Warneck 1892: 124), die er in der fremden Religiosität vorfinde. Auch soziale Missstände wie Sklaverei und Unterdrückung von Frauen seien im Kontext der Mission anzuprangern. Vor allem diese letzteren Aspekte – das dialogische und das soziale Anliegen – haben für das Missionsverständnis bleibende Bedeutung.
  2. b) Als Pendant zu diesem Verständnis von „Äußerer Mission“ entstand ebenfalls im 19. Jahrhundert der Begriff der „Inneren Mission“, den insbesondere Johann Hinrich Wichern (ebenfalls nach angelsächsischen Vorbildern) entwickelt und in diakonische Praxis umgesetzt hat. Dabei halfen christlich motivierte Fürsorge und Liebestätigkeit, soziale Probleme der durch die Industrialisierung verarmten Bevölkerung zu bekämpfen. Zugleich sollte den entkirchlichten Menschen in ganzheitlicher Weise das Evangelium vermittelt werden. Auch dieses Anliegen aus der Entstehungsgeschichte der Diakonie in Deutschland hat bis heute nichts von seiner Relevanz verloren, nötigt es doch zu bedenken, dass Mission nicht nur durch Worte, sondern ebenso durch Taten und Strukturen geschieht und dass sich die missionarische Aufgabe auch in einem Land mit hohem christlichen Bevölkerungsanteil bzw. in einem volkskirchlichen Kontext stellt.
  3. c) Nachdem – spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg – die problematische Verquickung von Mission mit Kolonialismus und Imperialismus ins allgemeine Bewusstsein getreten war, rückten die dialogischen Elemente ins Zentrum der missionstheologischen Reflexion. Insbesondere der Ökumenischen Bewegung war an einer Öffnung der Mission zum Dialog gelegen, zu einer Form der Kommunikation also, die auf gegenseitige Verständigung zielt. Dieser Ansatz wurde unter anderem von dem Heidelberger Religions- und Missionswissenschaftler Theo Sundermeier weiterentwickelt. Für ihn ist der Respekt gegenüber allem Fremden die Voraussetzung für Mission. Daraus leitet er sein Konzept der Konvivenz ab: „Unsere gemeinsame Geschöpflichkeit, unser aller Gegründetsein im Schöpferwillen Gottes, ist die Basis für die Suche nach der Konvivenz, die sich als Bereitschaft zur wechselseitigen Hilfe konkretisiert“ (Sundermeier 1999: 22). Die ideale Gelegenheit zur Begegnung sei dementsprechend das gemeinsame Feiern (vgl. Sundermeier 1999: 24).
  4. d) Seit der Weltmissionskonferenz in Willingen 1952 vorherrschend ist das Verständnis von Mission als „Missio Dei“: Nicht die Kirche ist das Subjekt der Mission, sondern Gott selbst. Wie Gott der Vater Jesus Christus in die Welt sendet, so sendet dieser seine Jüngerinnen und Jünger zum Zeugnis und Dienst am Nächsten. Dementsprechend ist auch das Wesen der Mission aus dem Wesen Gottes und seiner liebevollen Selbsthingabe für andere abzuleiten. Daraus folgt „dienende Mission“, wie John Stott, einer der bekannten Theologen der Lausanner Bewegung, dies nennt, also die Verbindung von Evangelisation als Ausbreitung der Botschaft von Jesus Christus, mit dem Einsatz für Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Der Missionsauftrag sei, so Stott, „eine neue und dringliche Dimension“ des Liebesgebots (Stott 1974: 64). Um sich diesem Missionsverständnis explizit anzuschließen und es von dem in der Öffentlichkeit weitgehend negativ konnotierten Begriff „missionarisch“ abzugrenzen, verwenden seit den 1990er-Jahren nicht wenige Missionswissenschaftler und Praktiker, die der Lausanner Bewegung nahestehen, stattdessen das Adjektiv „missional“. In jüngerer Zeit hat vor allem David J. Bosch dieses Missionsverständnis aufgenommen und weitergeführt. Er beschreibt Mission als Teilhabe von Christen an der Sendung Jesu Christi und Fortsetzung der Inkarnation im Zeugnis der Gemeinde. Sie umfasse Diakonie ebenso wie Evangelisation (Bosch 2012).
  5. e) „Das Thema Mission wird en vogue“ (Wrogemann 2013: 383) – so überschreibt Wrogemann in seiner Überblicksdarstellung der missionsgeschichtlichen Entwicklung in Deutschland die Epoche seit 1999 – ausgelöst durch jene EKD-Synode, bei der Eberhard Jüngel die Mission als „Herzschlag und Atem der Kirche“ bezeichnet hat (Jüngel 1999: 15). Dass „Mission“ seitdem in aller Munde ist, ändert freilich nichts daran, dass Stellenwert und Bedeutung von Mission theologisch kontrovers diskutiert werden. Als exemplarisch kann hier eine Debatte in den Jahrgängen 2002/03 der Zeitschrift „Pastoraltheologie“ gelten, die Eberhard Hauschildt in seinem Grundsatzbeitrag „Praktische Theologie und Mission“ dokumentiert hat (Hauschildt 2007: 499–502). Auslöser war ein Aufsatz von Hans-Jürgen Abromeit (2002: 126–136), in dem er die These vertrat, die Themen Mission, Evangelisation und Gemeindeaufbau sollten in der theologischen Ausbildung stärkere Berücksichtigung finden. Dem widersprachen im Folgenden mehrere Praktische Theologen, vor allem, indem sie dem Begriff „Mission“ die Begriffe „Kommunikation“ und „Wahrnehmung“ gegenüberstellten: So sei die missionarische Kompetenz der kommunikativen Kompetenz unterzuordnen (vgl. Kähler 2002: 144). Weiterhin wird „statt Mission und Evangelisation die genaue empirische Wahrnehmung von Religion und Kirche in der Moderne“ (Kretzschmar 2002: 328) gefordert. Reiner Knieling hat in dieser Kontroverse zu Recht vor den falschen Alternativen gewarnt (vgl. Knieling 2003: 287–299): Genaue Wahrnehmung gehe allen missionarischen Aktivitäten voraus. Und ebenso gelte: Mission ist ihrem Wesen nach (wechselseitige) Kommunikation.
  6. f) Henning Wrogemann selbst entwirft in Band 2 des „Lehrbuchs Interkulturelle Theologie/Missionswissenschaft“ nach seiner gründlichen Darstellung zahlreicher „Missionstheologien“ sein eigenes Verständnis von Mission als „oikomenischer Doxologie“. Dabei geht es ihm um „geistliche Grundlagen christlicher Mission“ (Wrogemann 2013: 405): Das Lob Gottes soll als Kraftquelle der Mission wiederentdeckt werden. Mission sei dann „das Geschehen der Verherrlichung Gottes durch das Lebenszeugnis der von Gott versöhnten, erlösten und befreiten Kreaturen“ (Wrogemann 2013: 424). Dass nicht zuletzt Martin Reppenhagen – bis vor Kurzem Stellvertreter von Michael Herbst am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald (IEEG) – sich dieses Verständnis zu eigen macht (vgl. Reppenhagen 2015: 49), mag als Beleg für dessen integrative Kraft gelten.
  7. g) Die gegenwärtige missionstheologische Debatte ist insgesamt von der Überwindung früherer Konfliktlinien gekennzeichnet. Dazu haben nicht zuletzt Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland beigetragen. Beide haben wiederholt für Mission als unverzichtbare Dimension von Kirche plädiert. Mission, so Bedford-Strohm jüngst in einer Predigt über Mt. 28,16-20, bedeute schlicht, von Gott „zu erzählen, in der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen zu leben, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Und deswegen ist Mission eine völlig unverzichtbare Dimension der Kirche und des Christseins“ (Bedford-Strohm 2015: 3). Dies wird auch in offiziellen Verlautbarungen der Evangelischen Kirche in Deutschland immer wieder bekräftigt, zuletzt im Grundlagentext des Rates der EKD mit dem Titel „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“. Mission, so heißt es hier, sei der „Ausdruck dafür, dass sich die Christenheit nicht selbst genügt, sondern ihrem Gott entspricht, indem sie sich den Menschen zuwendet […]. Ob Mission gelingt, entscheidet sich nicht allein am guten Willen derer, die sich für sie in besonderer Weise berufen fühlen. Sie ist Sache der ganzen Kirche“ (EKD 2015: 54).
  8. h) Bei allen Bemühungen um einen missionstheologischen Konsens sollte jedoch nicht verschleiert werden, dass es nach wie vor unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, welches Ziel Mission in volkskirchlichem Kontext hat. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, betont in seiner Interpretation der V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V) unter dem Titel „Mission für die Vielen“: „Eine evangelische Volkskirche muss […] in ihrer missionarischen Ausrichtung auch und gerade die Menschen in ihrer Halbdistanz, ihrer Unbestimmtheit, in ihrer Institutionsskepsis ansprechen und stabilisieren können“ (Gundlach 2015: 4). Bei Michael Herbst heißt es hingegen: „Wir sollten uns […] endlich von der Illusion verabschieden, Kirchenmitgliedschaft in freundlicher Distanz sei auf Dauer eine tragfähige, gleichberechtigte christliche Existenzweise. […] Ziel von Mission ist Konversion. Anders gesagt: Es ist unser Ziel, dass Menschen das Evangelium als ‚Lebensmacht‘ (Max Weber) ergreifen und sich der Gemeinschaft der Christen verbindlich anschließen“ (Herbst 2006: 181). Was gilt nun? Sollen die (Halb-)Distanzierten in ihrer Distanz stabilisiert oder durch Konversion aus ihr herausgelockt werden? Sollen distanzierte Kirchenmitglieder so bleiben, wie sie sind – oder sollen sie sich verändern? Tobias Faix entscheidet sich in dieser Frage von seinem transformatorischen Ansatz her so, dass er sagt: Beide müssen sich verändern und ihre Distanz verlassen – die Person, die das Evangelium hört, in all ihren Bezügen, aber auch die Verkündigenden, die Gemeinde vor Ort und die Kirche, indem sie zur „missionalen Kirche“ oder zur „Emerging church“ wird (Faix 2014: 445 f.).
  9. i) Unter dem Titel „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ haben im Jahr 2011 der Ökumenische Rat der Kirchen, der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog und die weltweite Evangelische Allianz ein missionstheologisches Grundsatzpapier verabschiedet, das einen weitgehenden ökumenischen Konsens formuliert. In der Präambel heißt es: „Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche. Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen. Es ist jedoch wichtig, dass dies im Einklang mit den Prinzipien des Evangeliums geschieht, in uneingeschränktem Respekt vor und Liebe zu allen Menschen“ (Mission:Respekt 2011: 1). Diese Prinzipien werden im Folgenden näher bestimmt: Es geht u. a. um das Handeln in Gottes Liebe, um Taten des Dienens und der Gerechtigkeit, Ablehnung von Gewalt, um den Schutz von positiver und negativer Religionsfreiheit und um gegenseitigen Respekt und Solidarität (vgl. Mission:Respekt 2011: 2–4). Dieser Konsens bildet eine solide Grundlage für ein – auch ökumenisch belastbares – Missionsverständnis. Schließlich:
  10. k) eine terminologische Beobachtung: In einigen neueren missionstheologischen Veröffentlichungen ist der Begriff „Mission“ durch den biblischen Begriff der „Sendung“ ersetzt worden. Der Sendungsbegriff eignet sich zumindest als Ergänzung zum Missionsbegriff. Er ist zum einen unbelasteter, zum anderen kann er sowohl einen Vorgang bezeichnen, durch den jemand einen Auftrag erfüllt, als auch den Inhalt des Auftrags bzw. der Botschaft. In diesem Zusammenhang wird auch in säkularen, etwa wirtschaftlichen Zusammenhängen zunehmend von „Sendung“ (und dann sogar wiederum von „Mission“) gesprochen, die jemand als Individuum oder Körperschaft bzw. Unternehmen hat.

2. Biblische Grundzüge einer Missionstheologie

In der Geschichte der Missionstheologie ließen sich einige Stationen identifizieren, an denen Erkenntnisse gewonnen wurden, hinter die eine Missionstheologie in Zukunft nicht mehr zurückfallen sollte. Dazu gehört die Einsicht, dass alle denkbaren missionarischen Aktivitäten ihren Ursprung im Handeln Gottes, genauer: in seiner Sendung, haben. Wie diese Sendung näher zu beschreiben ist, kann nach evangelischem Verständnis nur aus der biblischen Überlieferung erhoben werden. Dies soll im Folgenden geschehen.

  1. a) Als den Aposteln Petrus und Johannes vom Hohen Rat verboten wird, das Evangelium zu verkündigen, antworten sie gemäß der Überlieferung von Apg. 4,20: „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ Dies besagt zweierlei im Blick auf das hier vorausgesetzte Verständnis von Verkündigung: Zum einen geht es um die Bezeugung von etwas persönlich Erlebtem und Erfahrenem. Zum anderen können diejenigen, denen die Erfahrung zuteil geworden ist, nicht anders, als davon zu erzählen, weil sie davon so erfüllt sind. Das Motiv dafür besteht offenbar darin, dass das Erlebte als derartig wichtig, faszinierend oder großartig empfunden wird, dass auch andere daran teilhaben sollen. Paulus fasst dies in 2Kor 5,14 in die Worte: „Denn die Liebe Christi drängt uns“. Diesen Geist sollten alle Formen christlicher Mission atmen.
  2. b) Ebenfalls im 2. Korintherbrief erinnert Paulus daran, dass Sendung sich in gewissem Sinne immer ereignet, nicht nur dort, wo sie ausdrücklich intendiert wird. In 2Kor 3,2f. schreibt er an die Gemeinde: „Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen! Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unseren Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.“ Paulus erinnert die Gemeindeglieder mit der Brief-Metapher daran, dass sie faktisch für andere Menschen immer eine Botschaft sind, auch wenn sie dies nicht beabsichtigen oder wenn es ihnen nicht bewusst ist. Dies kann zur Folge haben, dass das Verhalten eines Menschen seine intendierte Botschaft konterkariert, oder – im besseren Falle – dass bereits sein Verhalten eine deutliche, zumindest aber eine die Botschaft unterstützende Sprache spricht. Das damit berührte Thema der Glaubwürdigkeit dürfte gerade für die Jugendarbeit von ausschlaggebender Bedeutung sein. Denn Jugendliche brauchen zur Orientierung nicht nur Botschaften, sondern Botschafter, mit denen sie sich identifizieren oder auseinandersetzen können.
  3. c) Sendungsaufträge an die Jüngerinnen und Jünger Jesu finden sich vor allem im Umfeld der Ostererzählungen. Hier kommt einer Aussage des auferstandenen Christus aus Joh 20,21 besondere Bedeutung zu: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Verbunden mit dieser Sendung ist auch die Vollmacht, Sünden zu vergeben oder zu behalten (V. 22). Bemerkenswert ist an diesem Sendungsauftrag vor allem seine Zuordnung zur Sendung Jesu Christi durch den Vater. Der Vergleich („Wie...so“) ist dabei sowohl im Sinne einer Zu- und Unterordnung als auch im Sinne einer inhaltlichen Charakterisierung der Sendung zu verstehen: Die Jüngerinnen und Jünger (und dementsprechend die Kirche) sind nicht die Selbsterschließung Gottes in der Welt, sondern sie sind gesandt, um die Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus zu bezeugen. Zugleich ist die Selbstoffenbarung Gottes in Christus – in inhaltlicher und methodischer Hinsicht – Orientierungsrahmen und Maßstab für die Sendung seiner Jüngerinnen und Jünger: Unsere Mission ist demnach aus der Mission Jesu abzuleiten.
  4. d) Worin besteht diese Mission? Dies ist dem Neuen Testament als Ganzem zu entnehmen, aber auch verdichteten Zusammenfassungen wie der Antrittspredigt Jesu in Nazareth (Lk 4,18f.): Ihr zufolge ist Jesus gesandt „zu verkündigen das Evangelium den Armen; zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein wollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn“. Die Mission Jesu besteht folglich darin, an die Ränder zu gehen, den Armen, Gefangenen, Kranken und Verlorenen nahe zu sein, neues Leben zu bezeugen, zu befreien, zu heilen, zu transformieren, Glauben zu wecken, Liebe zu üben, Hoffnung zu schenken (ähnlich: Mt 11,4-6 par. Lk 7f., 22f.). Oder kürzer: Die Mission Jesu – und mithin die Mission seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger – ist es, Leben von Menschen zu verwandeln. Wie kommt es aber zu dieser Verwandlung?
  5. e) Im 2. Korintherbrief beschreibt der Apostel Paulus seine „Mission“ als ein Versöhnungsgeschehen zwischen Gott und Mensch. Ausgangspunkt für dieses Geschehen ist die Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst“ (V. 19). Das Entscheidende an der Versöhnung ist also (in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi) bereits geschehen. Zugleich wird deutlich: Zu einer echten Versöhnung gehören immer zwei: einer, der vergibt, und einer, der sich vergeben lässt. Einer, der die Hand zur Versöhnung ausstreckt, und einer, der in die ausgestreckte Hand einschlägt. Die Sendung der „Missionare“ besteht nun darin, dass sie zu „Botschaftern an Christi Statt“ werden, indem sie bitten: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (V. 20). Das Evangelium wird demnach so kommuniziert, dass zum einen bezeugt wird, was von Gott her bereits geschehen ist, und zum anderen so, dass Menschen eingeladen bzw. gebeten werden, dies an sich geschehen zu lassen. Beides – sowohl der Modus der Bitte, die dem Gebetenen ein Anliegen vorträgt, ihm aber zugleich Freiraum lässt, als auch der passivische Charakter des Zulassens bzw. Geschehen-Lassens – gehört zu einem christlichen Verständnis von Mission wesenhaft dazu. Damit sind zugleich die Voraussetzungen benannt, die gegeben sein müssen, damit es zu einer Verwandlung bzw. Neukonstituierung der Person kommen kann: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (V. 17).
  6. f) Die Sendung Jesu und die Einladung, sich versöhnen zu lassen, ist freilich nicht nur auf Jesu irdisches Wirken, sondern – in einem theologisch umfassenderen Sinn – auf seinen Weg der Entäußerung (Kenosis) und Inkarnation zu beziehen. Der Christus-Hymnus (Phil 2,5-11) fasst diesen Weg brennpunktartig zusammen und betont, dass die Mission Dienst („nahm Knechtsgestalt an“), Angleichung („ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt“), Erniedrigung („erniedrigte sich selbst“) und Gehorsam („ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“) einschließt. Dementsprechend geht es auch für die Gesandten Jesu darum, mit den Menschen zu leben, zu denen sie sich gesandt wissen, an ihren Orten und in ihren Lebenszusammenhängen. Es geht darum, ihnen im Geist Jesu zu dienen und ihnen – in Wort und Tat – die Liebe Gottes zu bezeugen. Gerade im Jugendbereich geht es darum, „den Jugendlichen ein Jugendlicher zu werden“, jugendgerechte Formen für die Bezeugung des Evangeliums zu finden. Bei dieser Form der Angleichung die Grenze zur Anbiederung nicht zu überschreiten, gehört zu den besonderen Herausforderungen missionarischer Jugendarbeit. In den Zusammenhang des Gehorsams und der Kreuzesnachfolge gehört auch der Vergleich, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger sendet „wie Lämmer mitten unter die Wölfe“ (Lk 10,3). Hier wird nicht nur deutlich, was Mission nach christlichem Verständnis ist, sondern auch, was sie nicht ist: Sie ist in der Regel keine Erfolgsgeschichte und auch keine Strategie zur Erhaltung und Entwicklung der Kirche oder überkommener Formate.
  7. g) Das Sich-versöhnen-Lassen mit Gott bzw. das Neue-Kreatur-Werden wird im Neuen Testament und in der ganzen christlichen Tradition als „Glauben“ bzw. „Vertrauen“ gekennzeichnet. Wie kommt es aber zum „Glauben“? Aufschlussreich für diese Frage ist das sog. „Petrusbekenntnis“. Auf die Frage, für wen seine Jünger Jesus halten, antwortet Simon Petrus: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“. Daraufhin betont Jesus: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel“ (Mt 16, 16f.). Das bedeutet: Die entscheidende Glaubenserkenntnis, dass Jesus der Christus und Gottes Sohn ist, kann ein Mensch nicht von sich aus gewinnen; vielmehr muss ihm diese durch das offenbarende Wirken Gottes zuteilwerden. Dieses erleuchtende und Glauben weckende Handeln Gottes in einem Menschen wird im weiteren Verlauf des Neuen Testaments (so etwa Joh 3,8; 16,7-9; Apg 10,44-47) und in großen Teilen der theologischen Tradition dem Heiligen Geist zugeschrieben. Dabei handelt es sich um eine für das Missionsverständnis grundlegende Einsicht, weil sie menschliches und göttliches Handeln in das angemessene Verhältnis setzt: Aufgabe der Christen ist es, das Evangelium möglichst einladend zu bezeugen und appetitlich zu präsentieren. Dass es im menschlichen Herzen aber Glauben weckt, liegt hingegen allein im Verfügungsbereich des Heiligen Geistes, kann also vom Bezeugenden nicht bewirkt, sondern nur erhofft und von Gott erbeten werden. Jeder Versuch, das menschliche Herz durch Anwendung von manipulativen Mitteln oder die Ausübung von Druck zu beeinflussen, scheidet deshalb im missionarischen Kontext aus. Angemessen und zulässig ist allein liebevolles und werbendes Einladen, das dem Gegenüber alle Freiheit lässt, die Einladung anzunehmen oder abzuschlagen.
  8. h) Für ein biblisches Verständnis von „Mission“ ist schließlich die Sendung der Jüngerinnen und Jünger durch Jesus einzubeziehen, wie sie im sog. „Missionsbefehl“ (Mt 28, 19f.) zusammengefasst ist: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ In dieser Formulierung verbinden sich fünf Dimensionen des Auftrags von Christinnen und Christen miteinander:
    • Es geht darum, Jüngerinnen und Jünger Jesu zu ...

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