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Inhalt

Vorwort

Einleitung
Von Stephan Dettmers und Jeannette Bischkopf

I     Theoretische und methodische Aspekte

1Spezifische Kompetenzen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit
Von Stephan Dettmers

Gesundheit und Soziale Arbeit

Kompetenzorientierung in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Praxis- und Forschungsimplikationen

Ausblick

2Integration und Lebensführung – Theorie gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit
Von Peter Sommerfeld

Zur allgemeinen Theorie der Sozialen Arbeit

Zur Theorie einer gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Auf dem Weg zu einer „konsolidierten Wissensbasis“ gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

3Gesundheitswissenschaften/Public Health
Von Tobias Knoop und Thorsten Meyer

Definition und Einführung

Gesundheitsmodelle

Trends und Perspektiven

4Die Perspektive der soziologischen Bildungsforschung auf Gesundheit
Von Johann Carstensen und Monika Jungbauer-Gans

Bildung und Gesundheit

Effekte des Schulkontextes

Bildungssysteme und ihre Bedeutung für Gesundheit

Fazit

5Gesundheit und Migration
Von Juliane Köchling-Farahwaran

Spezielle Gesundheitsprobleme von MigrantInnen

Zugangsbarrieren zur gesundheitlichen Versorgung

Nutzung von Präventions- und Vorsorgeangeboten

Beispiele für verschiedene Angebote im Bereich der Gesundheitsversorgung für MigrantInnen

Aufgabenbereiche für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit

6Handlungswissen und Methodenkompetenz gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit
Von Christian Schütte-Bäumner

Herausforderungen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

Handlungswissen jenseits therapeutisierender Erklärungsmodelle

Handlungswissen, das als Situation gedacht wird

Methodenkompetenz gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

Methodeneinsatz im Kontext gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

Methoden gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit: ein Fazit

7Analyse sozialer Ressourcen in der Klinischen Sozialarbeit
Von Günther Wüsten

Analyse sozialer Ressourcen

Fazit

8Case Management
Von Peter Löcherbach

Rahmenkonzept und Verfahren

Modelle im Case Management

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit und Case Management

9Forschungsperspektiven in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit
Von Elisabeth Steiner

Allgemeine Vorbemerkungen

Bekannte Herausforderungen fokussieren und sich ihnen sozialarbeitswissenschaftlich stellen

Besonderheiten, Eigentümlichkeiten und spezifische Merkmale der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Wirkung und Wirkungsorientierung in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Herausforderungen, Optionen und Visionen in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

10Evidenzbasierte Klinische Sozialarbeit
Von Daniel Deimel

Einführung

Ausgangslage

Konzept der Evidenzbasierung

Studiendesigns

Cochrane und Campbell Collaboration

Evidenzbasierte Praxis: Evidenzgenerierung und deren Anwendung

Evidenzbasierung und Klinische Sozialarbeit

11Soziale Arbeit und evidenzbasierte Leitlinien
Von David Klemperer, Corinna Schaefer, Monika Nothacker und Ina Kopp

Entstehungsgeschichte und Bedeutung von Leitlinien

Evidenzbasierte berufliche Praxis

Die Leitlinien der AWMF

Fazit

II     Rechtliche und politische Aspekte

12Vielfalt leben – mit einer Stimme sprechen
Von Michael Leinenbach

Zugang über die Internationale Definition

Zugang über die Berufsethik (Code of Ethics und Prinzipien)

Zugang über Reglementierungen

Zugang über Entlohnung und Tarif

Persönliche Zugänge zur Sozialen Arbeit

Was kann, was muss getan werden?

Fazit: Internationalität – die Ressource der Sozialen Arbeit

13Rechtlicher Rahmen: Leistungsrecht
Von Felix Welti

Recht auf bestmögliche Gesundheit und Diskriminierungsschutz

Gesundheitsversorgung im Sozialrecht

Prävention

Krankenbehandlung

Leistungen zur Teilhabe

Langzeitpflege

Palliation

Leistungen zum Lebensunterhalt

14Teilhabeorientierung in der Sozialen Arbeit
Von Alexander Thomas und Johannes Schweizer

Einführung

Selbstvertretung der Menschen mit Teilhabeeinschränkungen

Selbstverständnis Sozialer Arbeit und Teilhabe

Teilhabe im sozialen Raum

Organisation sozialer Dienste

Teilhabe und Rehabilitation

Beispiel neurologische Rehabilitation

15Die gesundheitsökonomische Perspektive am Beispiel der Kliniksozialdienste
Von Andreas Beivers und Ulrike Kramer

Ausgangslage: Sektorenspezifische Trennung des deutschen Gesundheitssystems

Zukünftige Herausforderungen für die Kliniksozialdienste im Hinblick auf PatientInnen und ihr Umfeld

Der Kliniksozialdienst im Wandel

Veränderte Rahmenbedingungen und neue Herausforderungen für Kliniksozialdienste

Die Vision einer ganzheitlichen Patientenversorgung der Zukunft: Der Sozialdienst als Lotse und Gatekeeper

Fazit und Ausblick

III    Handlungsfelder

16Gesellschaftliche Trends und Beschäftigtenzahlen in Praxisfeldern gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit
Von Katrin Blankenburg und Elke Cosanne

Beschäftigtenzahlen

Soziale Arbeit in Krankenhäusern als typisches Praxisfeld für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen

Typische Praxisfelder, in denen gesundheitsbezogene Soziale Arbeit etabliert ist

Fazit

17Gesundheitsförderung und Prävention in der Sozialen Arbeit
Von Anna Lena Rademaker und Thomas Altenhöner

Gesundheit und Krankheit

Prävention und Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung und Prävention in der Sozialen Arbeit

Gesundheit in der Lebenswelt

Lebensweltorientierte Gesundheitsförderung

Anforderungen an die Qualifikation von SozialarbeiterInnen

18Familiäre Gesundheitsförderung
Von Raimund Geene

Das Konzept der Familiären Gesundheitsförderung

Familiäre Gesundheitsförderung im Regelungsrahmen SGB V und SGB VIII

Lebensphasenspezifische Präventionsbedarfe und -potenziale

Lebenslagenspezifische Präventionsbedarfe und -potenziale

Typen und Arten der Familiären Gesundheitsförderung

Familiäre Gesundheitsförderung im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle

19Soziale Arbeit im Krankenhaus
Von Ingo Müller-Baron und Ulrich Kurlemann

Rechtliche und strukturelle Verankerung

Leistungsspektrum der Sozialen Arbeit in Krankenhäusern

Entlassmanagement – nahtlose Versorgung in einem komplizierten und oft unübersichtlichen System

Dokumentation und Qualitätssicherung

Fazit

20Praxisfeld Rehabilitation
Von Stephan Dettmers

Rehabilitationsformen

Soziale Arbeit und medizinische Rehabilitation am Beispiel beruflicher Orientierung

Perspektiven und Strategien

Fazit

21Soziale Arbeit in der Suchthilfe
Von Rita Hansjürgens

Sozialadministrativer Rahmen

Inhaltlich fachlicher Rahmen

Unterstützungsbedarf von NutzerInnen der Suchthilfe

Potenziale einer inhaltlichen Zuständigkeit Sozialer Arbeit in der Suchthilfe

Anforderungen an eine Tätigkeit im Feld Sozialer Arbeit in der Suchthilfe

Fazit

22Der öffentliche Gesundheitsdienst – Public Health Agentur vor Ort
Von Sylvia Seider

Dienstaufgabe „Gesundheitshilfen“

Dienstaufgabe „Gesundheitsförderung und Prävention“

23Soziale Arbeit in der Sozialpsychiatrie
Von Christoph Walther

Überblick und Rahmen

Theoretische Fundierung

Zentrale Aufgaben und die Berufspraxis

Kompetenzen

Forschung

Aktuelle und zukünftige Herausforderungen

24Soziale Arbeit in der Onkologie
Von Sabine Schneider und Jürgen Walther

Hintergrund – aktuelle Befunde zu Krebserkrankungen

Auftrag Sozialer Arbeit in der Onkologie

Zur spezifischen Situation von TumorpatientInnen – notwendiges Wissen für professionelles Fallverstehen

Spezifische Handlungsansätze Sozialer Arbeit in der Onkologie

Forschungsaufgaben für die Soziale Arbeit in der Onkologie

Fazit und Ausblick

25Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit – Kinder und Jugendliche
Von Hans Günther Homfeldt

Grundannahmen

Gesundheitsbezogene Entwicklungsthemen

Kindheit

Jugend

Facetten entwicklungsbezogener Themen mit Blick auf Jugend

Kooperation mit anderen sozialen Diensten als wichtige Grundlage für eine gesundheitsbezogene Jugendhilfe in der Praxis

26Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit: Soziale Arbeit mit alten Menschen
Von Juliane Köchling-Farahwaran und Sonja Börm

Gesellschaftliche Strukturierungs- und Differenzierungsprozesse des Alters

Alter und Gesundheit

Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit

Aufgabenkatalog für spezifische Handlungsfelder der Sozialen Arbeit

27Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit in der Eingliederungshilfe
Von Dieter Röh

Einführung (Rahmendaten, Berufsfelddarstellung)

Lebenslage behinderter Menschen und Möglichkeiten der rehabilitativ wirkenden Sozialen Arbeit

Bezug zur Gesundheit unter besonderer Berücksichtigung des Qualifikationskonzepts ‚Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit‘ und des ‚Kerncurriculum Soziale Arbeit‘

Zentrale Aufgaben und (zukünftige) Praxis

28Soziale Arbeit als Gesundheitsarbeit im Sozialwesen
Von Karlheinz Ortmann

Einführung

Leitziele im Gesundheits- und Sozialwesen

Teilhabeförderung und -sicherung als Aufgabe der Sozialen Arbeit im Sozialwesen

Zusammenhänge zwischen Teilhabe und Gesundheit/Krankheit

Praxis

29Selbsthilfe und Soziale Arbeit
Von Antje Liesener

Die Selbsthilfegruppe als Ort zur Erweiterung der Selbstwirksamkeit

Formen der Selbsthilfe

Selbsthilfekontaktstellen

Selbsthilfe fördert die Gesundheitskompetenz

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit und Selbsthilfe

Aktivierung von Selbsthilfepotenzialen und Empowerment von PatientInnen

Selbsthilfefreundliche Strukturen für mehr Patientenorientierung

Patientenorientierung durch Patientenbeteiligung

Selbsthilfefreundliches Gesundheitswesen: Kooperationsförderung als Aufgabe der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Berufsethische Legitimation und rechtlicher Auftrag

30Die Gesundheit von SozialarbeiterInnen – zwischen Selbstfürsorge und gesunden Organisationen
Von Katrin Liel

Ausgangslage

Soziale Arbeit als Burnoutrisiko?

Berufsbezogene Belastungen in der Sozialen Arbeit

Gesundheitsförderung und Prävention bei SozialarbeiterInnen

Fazit und Ausblick

Fazit und Ausblick
Von Jeannette Bischkopf und Stephan Dettmers

Kompetenzen

Wissensbasis

Forschung

Autorinnen und Autoren

Sachregister

Vorwort

Man kann mit kleinen Schritten große Entfernungen zurücklegen – auch in der Sozialen Arbeit. Dabei kommt es wesentlich auf die Richtung des eingeschlagenen Weges an. Was ist nötig für den „Fortschritt“? Methodisch saubere, durch empirische Studien und gute Praxis gestützte Theorien, wirksame Methoden. Überzeugende sozial- und gesundheitspolitische Argumente gegenüber Politik und Kostenträgern. Belege dafür, dass Soziale Arbeit mit ethisch, rechtlich und ökonomisch vertretbaren sozialen Mitteln einen Unterschied macht, weil sie Besserungen für gesundheitlich gefährdete und erkrankte Menschen erreicht, die ohne sie von anderen Gesundheitsberufen nicht erreicht würden.

Die lange, aber im deutschsprachigen Raum historisch gewachsene, prekäre Beziehung zwischen Sozialer Arbeit und Gesundheit hat sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren positiv entwickelt. Es wurde innerhalb der Disziplin ein stetiges Vorankommen mit einem gesundheitsbezogenen bzw. klinischen Profil erreicht. Aber es gibt durchaus weiterhin Schwächen: Der empirische Wissenskorpus der Sozialen Arbeit in Deutschland ist vergleichsweise klein, der theoretische und methodische Wissenskorpus ist nach wie vor entwicklungsfähig, die klinische „Fachsozialarbeit“ wird innerhalb der Sozialen Arbeit immer wieder intern angefeindet. Im Gesundheitswesen sind viele bisherige Bemühungen eher erfolglos geblieben und es drohen auch Rückschritte: Die Profession Soziale Arbeit zählt auch mit ihrem klinischen Profil immer noch nicht zu den Gesundheitsberufen. Es gibt nach wie vor keine spezifische Regelung zur Frage der Heilkundezulassung, der Zugang zur Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie wird wohl verloren gehen, die Pflegeprofession übernimmt im Gesundheitswesen verstärkt auch soziale Funktionen (z. B. im Rahmen der „Soziotherapie“ mit psychisch Kranken). Die Soziale Arbeit als Profession und als wissenschaftliche Disziplin mit einem Gesundheitsprofil steht vor großen Herausforderungen, auch wenn sie in vielen Praxisfeldern eine fachlich bedeutende und zahlenmäßig große Berufsgruppe stellt und Fortschritte der Disziplin erkennbar sind.

Das vorliegende Handbuch ist vor diesem Hintergrund ein wichtiger Beitrag auf dem Weg der Stärkung, Erweiterung und Vertiefung des gesundheitsbezogenen bzw. klinischen Profils der Sozialen Arbeit. Es ist den Herausgebern Stephan Dettmers und Jeannette Bischkopf gelungen, eine große Zahl von Autorinnen und Autoren zu Beiträgen zu gewinnen, die eine beachtliche Breite und Heterogenität des Faches im Hinblick auf den Gesundheitsbezug repräsentieren. Die durchaus diskutable begriffliche Wendung „gesundheitsbezogene Soziale Arbeit“ ermöglicht die Inklusion von Fachvertreterinnen und -vertretern, die mit der offensiven Benennung des Profils als „Klinische Sozialarbeit“ nicht mitgehen mögen. Sie verankern den Gesundheitsbezug eher gesellschaftspolitisch und soziologisch bzw. sozialstrukturell oder pädagogisch und fokussieren genau darin das spezifisch Soziale. Zum anderen versammeln sich in diesem Handbuch ebenfalls diejenigen, die explizit ihren Beitrag der Klinischen Sozialarbeit zuordnen. So haben auch der sozialarbeiterische Interventions- und (Be-) Handlungsbezug und die sozialklinische Kompetenz in der Fallarbeit bei bedeutenden Problemstellungen, Störungsbildern und Erkrankungen (sowohl schweren körperlichen als auch psychischen) bei unterschiedlichsten Klientengruppen in verschiedenen Praxisfeldern Platz gefunden.

Die Beiträge bieten eine fundierte Orientierung über die theoretischen, forschungsmethodischen, rechtlichen, ethischen, politischen und praktischen Grundlagen, Ansätze und Perspektiven der Sozialen Arbeit in gesundheitsbezogenen Frage-und Aufgabenstellungen. Auch aktuelle empirische Daten werden immer wieder einbezogen und die Frage der notwendigen Forschung und Forschungsmethodik wird differenziert behandelt. Es wird zu Recht die dringend notwendige Intensivierung der quantitativen Wirksamkeitsforschung zu sozialarbeiterischen Interventionen betont, ohne die Vielfalt qualitativer Forschung und von Forschungsansätzen zu sozialstrukturellen und gesundheitswissenschaftlichen Aspekten zu vernachlässigen. Interessant ist das Spektrum der in den Blick genommenen unterschiedlichen Tätigkeitsfelder im Gesundheitswesen, wie Sozialpsychiatrie, öffentlicher Gesundheitsdienst, Eingliederungshilfe, Suchthilfe, Onkologie oder Krankenhaus. Es werden aber auch über das Gesundheitssystem und die direkte Fallarbeit hinausgehende Anwendungsbereiche wie sozialräumliche Konzepte und Kontexte des Sozialwesens behandelt (beispielsweise „die gesunde Stadt“, „die gesunde Schule“, Jugendhilfe). Dass das Handbuch sich auf aktuelle Qualifikationsbeschreibungen Sozialer Arbeit wie bspw. den Qualifikationsrahmen des Fachbereichstages, das Qualifikationskonzept der DVSG oder das Kerncurriculum der DGSA bezieht, unterstreicht seine Eignung für Zwecke der Lehre und Weiterbildung.

So leistet dieses Werk einen bemerkenswerten Beitrag zu einem Zusammenkommen differenter Perspektiven des Faches auf den wichtigen Gegenstandsbereich „Gesundheit“, was der Disziplin guttun dürfte. Denn Differenz und der konstruktiv-kontroverse Diskurs sind die Voraussetzung für wissenschaftlichen Fortschritt und Professionalisierung. Das macht Mut und stärkt die Möglichkeit, dass in ihrer Qualität und Wirkung immer besser begründete, wissenschaftlich fundierte, gesundheitsbezogene sozialarbeiterische Handlungsansätze (trotz ihrer Kostenträchtigkeit) argumentativ gut vertreten werden können – sowohl innerhalb der scientific community und der Profession als auch im interdisziplinären Kontext und in der Gesellschaft, besonders gegenüber Politik und Kostenträgern.

Coburg, im Juli 2019,

Helmut Pauls

Einleitung

Von Stephan Dettmers und Jeannette Bischkopf

Es gibt eine lange Erfahrung Sozialer Arbeit in und außerhalb Europas im fachlichen Umgang mit gesundheitlichen Themen in den verschiedensten Praxisfeldern, auch wenn einige nicht unmittelbar dem Gesundheitssystem zugerechnet werden. Die Entstehung von Gesundheitsfürsorge mit dem besonderen Fokus auf sozialen Entstehungsbedingungen und Folgen von Erkrankungen lässt sich historisch mit der Entwicklung der modernen Sozialen Arbeit ab Anfang des 20. Jahrhunderts koppeln (Franzkowiak et al. 2011). Kompetenzbeschreibungen Sozialer Arbeit im Krankenhaus finden sich bereits in dem amerikanischen Standardwerk aus dem Jahre 1913, Social Work in Hospitals – A Contribution to Progressive Medicine (Cannon übersetzt durch Keel 2018). Dokumentiert ist, dass in den USA bereits 1929 zehn Universitäten formal und inhaltlich Studiengänge zur gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit entwickelt und angeboten haben (Gehlert / Browne 2012).

Die Verbreitung Sozialer Arbeit in der Praxis in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist einerseits aufgrund der stetig wachsenden Stellenanteile eine Erfolgsgeschichte. Andererseits sehen wir eine problematische Entwicklung, da die Ausdifferenzierung bisher eine gemeinsame professionelle Identitätsbildung in der Sozialen Arbeit erschwert hat. Der Zuwachs an sozialen Dienstleitungen hat darüber hinaus zu einer Einbindung weiterer Professionen geführt. In vielen Praxisfeldern im Gesundheitssystem sind unterschiedliche Berufsgruppen, z. B. aus der Sozialen Arbeit, Psychologie, Pflege oder Pädagogik mit ähnlichen Aufgaben betraut, ohne die originären Kompetenzzugänge konzeptionell geklärt und damit die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und gegenseitige Ergänzung gelegt zu haben. Trotz der Geschichte gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit mit substanziellen Beiträgen in sozialer Beratung und Begleitung bei gesundheitlichen Einschränkungen wird sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Gegensatz zu den USA und Kanada nicht als Gesundheitsfach- und Heilberuf wahrgenommen. In den USA und Kanada ist der Regelabschluss Master gesetzt, in Europa überwiegend der Bachelorabschluss. Tarifliche angemessene Vergütungen und Anreize sind daher für den Einzelfall nicht unbedingt mit einer Höherqualifizierung zum Masterabschluss verbunden. Hinzu kommt eine große Anzahl von Befristungen und Teilzeitstellen. Die Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem spiegeln unseres Erachtens daher kaum die Bedeutung, Tradition und Kompetenzen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit in der Praxis wider. In der Praxis gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit werden Kompetenzbestimmungen in den drei deutschsprachigen Ländern über die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen in den Gesundheits- und Sozialsystemen konstruiert. Daneben werden PraktikerInnen durch die Organisations- und Institutionsinteressen und Bedarfe in den Arbeitsfeldern fachlich erheblich beeinflusst. Eine postgraduale Identitätsbildung findet statt durch feldspezifische Fort- und Weiterbildungen, die reflektierte und wissenschaftlich begründete Praxis jedoch nach wie vor zu wenig thematisieren (Dettmers 2015). Sie dienen häufig vor allem der primären Prägung auf das Arbeitsfeld. Das Zusammenspiel von spezifischen Kulturen in Organisationen und Institutionen, dortigen Machteinflüssen und praxisfeldorientierter Identitätsbildung lässt sich mit Hilfe der Cultural Studies analysieren (Marchard 2008, 33ff.). Diese Konstruktion einer auf das jeweilige Praxisfeld zugeschnittenen Sozialen Arbeit ist möglicherweise ein zentraler Grund für die Unverbundenheit der PraktikerInnen aus den verschiedenen Bereichen. Staub-Bernasconi (2007) hat das Spannungsfeld zwischen Berufs- und Professionsdefinition mit dem Tripelmandat beschrieben. Ohne handlungswissenschaftliche und ethische Fundierung bei der Berücksichtigung von unterschiedlichen Interessen des Klientel, der Angehörigen und der Leistungs- und Kostenträger erfolgt keine professionell selbstbestimmte Tätigkeit und daraus resultierend auch keine kollektive Identitätsbildung der Profession.

Die bezugswissenschaftliche Dominanz in den Studiengängen Sozialer Arbeit an den Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz führt zu Studienstrukturen, in denen sich Studierende Sozialer Arbeit vielfältige Wissensbestände und Kompetenzen eigenverantwortlich aneignen und transdisziplinär in die Praxis integrieren müssen. Das ist eine schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, an der die Hochschulen nach Beendigung des Studiums kaum noch beteiligt sind. Insuffiziente professionelle Selbstbilder und ein geringer Organisationsgrad in Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Gewerkschaften Sozialer Arbeit sind mögliche Folgen. Flankiert durch die mangelnde rechtliche Kodifizierung von Leistungen Sozialer Arbeit und verbindliche Zuordnung (Igl 2017) ergibt sich eine weitere Dimension negativer Selbsteinschätzung, die dann durch zum Teil prekäre Arbeitsbedingungen und unzureichende Gratifikationen verstärkt wird.

Bei der Betrachtung der vielfältigen Praxiserfolge, anspruchsvollen Theorieentwicklungen und dem stetigen Zuwachs an Konzeptionsentwicklungen und empirischer Forschung in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit passt der genannte (Selbst) Befund nicht zur gesellschaftlich hohen Bedeutung der Profession. Soziale Arbeit ist auch eine wissenschaftliche Disziplin mit einer international anerkannten Reputation und Etablierung. Die International Federation of Social Work (IFSW) und die International Association of Schools of Social Work (IASSW) definieren normativ die zentralen Ausrichtungen Sozialer Arbeit. Diese Dimensionen werden in diesem Handbuch dargestellt.

Damit hat das Handbuch zum Ziel, die notwendige Mitwirkung Sozialer Arbeit in der Prävention und Gesundheitsförderung, Kuration und Palliation im Zusammenhang mit dem gesamten Krankheitsund Gesundheitsbezug zu begründen. Es ist weniger als ein „Rezeptbuch“ zur unmittelbaren Verwertung z. B. in der Fallarbeit zu verstehen, sondern soll vielmehr Möglichkeiten bieten, eigene Praxisbezüge fachlich zu reflektieren und konzeptionell im eigenen Praxisfeld zu nutzen. Neben wesentlichen Wissensbeständen geht es um die Diskussion über zentrale Kompetenzen und Haltungen, die in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit notwendig sind, um letztlich die bestmögliche fachliche Unterstützung für Menschen mit gesundheitlichen Risiken und Einschränkungen und ihre Angehörigen in Verbindung zu ihrer sozialen und natürlichen Umwelt zu bieten. Die Konzeption des Handbuchs unterteilt sich in drei Teile:

Teil 1 umfasst theoretische und methodische Aspekte, die für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit relevant sind. Dies wird anhand spezifischer Qualifikations- und Kompetenzbeschreibungen aus Berufs-, Fach- und Hochschulverbänden erläutert. Thematisch werden aus sozialarbeitswissenschaftlicher sowie soziologischer und gesundheitswissenschaftlicher Perspektive Aspekte zum Verhältnis zwischen sozialen und gesundheitlichen Faktoren im Kontext von Bildungsprozessen vorgestellt. Der Gegenstand gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit wird sozialarbeitstheoretisch abgeleitet. Methodenkompetenz mit der exemplarischen Darstellung von Case Management wird in diesem Kapitel ebenso thematisiert wie Evidenzstärkung und Forschungsoptionen Sozialer Arbeit am Beispiel der Klinischen Sozialarbeit. Mit dem Fokus auf Migration und Gesundheit werden komplexe Herausforderungen vorgestellt.

Im zweiten Teil werden die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen behandelt unter Darstellung einer berufsverbandlichen Positionierung und der rechtlichen Regulierung sowie Leistungsrechtsaspekten am Beispiel Deutschlands. Die Zugänge in Österreich und der Schweiz sind z. T. später in den Praxisbezügen benannt. Daneben findet eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Teilhabedimension statt, um dann die gesundheitsökonomische Rahmung für gesundheitsbezogene Sozialer Arbeit exemplarisch zu setzen.

Die Betrachtung von wesentlichen Praxisfeldern hinsichtlich der Feldbeschreibung und wichtigsten fachlichen Aufgaben und Zugänge erfolgt im dritten Teil. Beginnend mit einer Darstellung gegenwärtiger Entwicklungen und Trends in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit werden die Bereiche Gesundheitsförderung und Prävention, Soziale Arbeit in Krankenhäusern, medizinische Rehabilitation, Suchthilfe, öffentlicher Gesundheitsdienst, Sozialpsychiatrie, Onkologie sowie Soziale Arbeit mit den Zielgruppen Kindern und Jugendlichen und alten Menschen konkretisiert. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit in der Eingliederungshilfe, im Sozialwesen und im Zusammenhang mit Selbsthilfeoptionen des Klientel sowie die notwendige Selbstsorge Sozialer Arbeit werden thematisiert.

Wir möchten als Herausgeberteam gemeinsam mit den renommierten deutschen, schweizerischen und österreichischen AutorInnen aus Praxis und Forschung mit diesem Handbuch folgende Perspektiven fundieren:

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ist als ein Zweig Sozialer Arbeit zu verstehen. Somit dient sie als professionelle Konkretisierung bei Krankheit und Gesundheit im Kontext einer generalistischen Ausrichtung.

Die autonome Identitätsbildung der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit über die Einbindung von Erkenntnissen aus Praxis und Forschung Sozialer Arbeit ist der Bestimmung über die Praxisfelder vorzuziehen.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit bietet fachlich gemeinsame Merkmale für alle Praxisfelder mit konnotierten Gesundheitsthemen.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit schätzt neben eigenen sozialarbeitswissenschaftlichen Entwicklungen die relevanten Bezugswissenschaften als unverzichtbar zum Verstehen und Erklären komplexer Lebenswelten bei Krankheit und Gesundheit ohne sich allerdings von ihnen fremdbestimmen zu lassen.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit umfasst weitere Spezialisierungen über Praxisfeldorientierungen, beachtet soziale und medizinische Indikationen und verfügt über eigene Handlungskompetenzen.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit gestaltet über Hochschulen und die Berufs- und Fachverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz professionsfokussierte Fort- und Weiterbildungen und Weiterqualifikationen über Masterstudiengänge wie z. B. Klinische Sozialarbeit als Fachsozialarbeit.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit kann durch eigene fachliche Forschungs- und Praxisbeiträge Handlungsfelder aktiv mitgestalten und dabei autonom handeln. Sie ist prädestiniert für multiprofessionelle Zusammenarbeit.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit hat einen eigenen Gegenstand und kann fachliche Alleinstellungsmerkmale vorweisen, die sich über Kompetenzbeschreibungen plausibilisieren lassen. Neben normativen Setzungen begründet sie ihre Interventionen mit theoretischen und empirischen Erkenntnissen sowie elaborierten Methoden.

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit entwickelt und akzeptiert grundsätzlich konsensual entwickelte Definitionen, Qualifikationsbeschreibungen und (empirisch gesicherte) Kompetenzbestimmungen, die durch die internationale Scientific Community Sozialer Arbeit, internationale und nationale Berufs- und Fachverbände sowie Hochschulverbünde publiziert werden. Ziel ist es, kollektive Außenwirkung zu entfalten.

Wir möchten uns bei allen AutorInnen herzlich für die Zusammenarbeit und beim Lektorat des Verlages für die Unterstützung bedanken. Wir haben es den AutorInnen überlassen, in der von ihnen bevorzugten gendergerechten Form zu schreiben und somit finden sich neben der Nutzung des Binnen-I auch Artikel in grammatikalisch männlicher Form, wobei alle Geschlechter gemeint und inhaltlich eingebunden sind.

Wir hoffen, mit diesem Handbuch zur fachlichen Weiterentwicklung der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit beizutragen und Orientierung, aber auch kritische Impulse für Theoriebildung, Praxisentwicklung und Forschungsperspektiven zu geben.

Literatur

Cannon, I. M. (1913): Social Work in Hospitals: A Contribution to Progressive Medicine. New York, Russel Sage. In: Keel, B. (deutsche Übersetzung) (2018): Soziale Arbeit im Krankenhaus. Medizin und Soziales verbinden. SAGES, Bern

Dettmers, S. (2015): Kompetenzen in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit. Zur Notwendigkeit eines spezifischen Qualifikationskonzeptes. Sozialmagazin 08, 92–97

Franzkowiak, P., Homfeldt, H. G., Mühlum, A. (2011): Lehrbuch Gesundheit. Studienmodule Soziale Arbeit. Beltz Juventa, Weinheim

Gehlert, S., Browne, T. (2012): Handbook of Health Social Work. Wiley, New Jersey

Igl, G. (2017): Rechtliche Verankerung der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen. In: Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e. V. (DVSG) (Hrsg.): Schriftenreihe zur Klinischen Sozialarbeit. Bd. 4, LIT Verlag, Berlin

Marchard, O. (2008): Cultural Studies. UVK, Konstanz

Staub-Bernasconi, S. (2007): Vom beruflichen Doppel-zum professionellen Tripelmandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Sozialer Arbeit. In: Zeitschrift für Sozialarbeit in Österreich (SIÖ) 2, 8–17

I Theoretische und
methodische Aspekte

1Spezifische Kompetenzen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

Von Stephan Dettmers

Gesundheit und Soziale Arbeit

Soziale Arbeit hat sich als Profession und Disziplin international etabliert und ist gebunden mit einer hochschulisch erworbenen akademischen Qualifikation. Die wechselhafte historische und internationale Entwicklung lässt sich kulturell kaum einheitlich beurteilen, da Soziale Arbeit immer auch geprägt war durch die jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Das erklärt auch die längeren Prozesse der konsensualen Bildung von Definitionen der Sozialen Arbeit über die International Federation of Social Work (IFSW). Die letzte Definition aus dem Jahre 2014 beschreibt die normative Zielsetzung im Hinblick auf die Einflussnahme Sozialer Arbeit zur Verbesserung sozialer Rahmenbedingungen und individueller Entwicklungschancen:

„Soziale Arbeit ist eine praxisorientierte Profession und eine wissenschaftliche Disziplin, dessen bzw. deren Ziel die Förderung des sozialen Wandels, der sozialen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts sowie die Stärkung und Befreiung der Menschen ist. Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit“ (Fachbereichstag Soziale Arbeit / Deutscher Berufsverband Soziale Arbeit 2016).

Die Abstraktion dieser Definition ist den vielfältigen internationalen Ausprägungen Sozialer Arbeit geschuldet, eine Konkretisierung muss somit in den teilnehmenden Ländern mit ihren jeweiligen Rahmenbedingungen erfolgen. Gleichwohl lassen sich daraus Ausrichtungen zur Reduzierung sozialer Ungleichheit, Chancengleichheit zur Autonomieentwicklung und eine Stärkung des sozialen Zusammenhalts ableiten. Soziale Arbeit ist demnach auch aufgefordert, fachpolitisch Einfluss zu nehmen zur Verbesserung von Lebenslagen. Der aktuelle Status Sozialer Arbeit ist in den deutschsprachigen Ländern ohne eine Konvergenz von Sozialarbeit und Sozialpädagogik kaum zu verstehen, zwei unterschiedliche Entwicklungslinien aus klassischer Fürsorge sowie Kinder- und Jugendhilfe haben sich verwoben, auch wenn es immer noch Positionierungen zugunsten der einen oder anderen Richtung gibt, je nach disziplinärer Herkunft (Hering / Münchmeier 2014). Diese Diskussion erfolgt hauptsächlich im europäischen Raum und in der deutschsprachigen Literatur. Die Studienstruktur Sozialer Arbeit ist geprägt durch den erheblichen Einfluss von Bezugswissenschaften auf Inhalte und Ausrichtungen Sozialer Arbeit (Borrmann / Thiessen 2016).

Hier gibt es seitens von Berufs- und Fachverbänden vermehrt Bestrebungen, die originären Eigenanteile deutlicher zu benennen und künftig zentrale Stellen in der Lehre, Forschung und in Leitungsfunktionen durch AbsolventInnen Sozialer Arbeit stärker zu besetzen (Dettmers 2018). Eine mögliche Option zur Schärfung des Profils der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession besteht in der Weiterführung des Diskurses über die handlungswissenschaftlichen Beiträge Sozialer Arbeit zur Aufarbeitung ihrer Handlungsfelder (Birgmeier 2014).

Soziale Arbeit hat sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern im Sozial- und Gesundheitswesen ausdifferenziert (Deller / Brake 2014). Für die Profession bietet sich eine fast unübersichtliche Anzahl von Praxisfeldern mit jeweils eigenen fachlichen Anforderungen, gesetzlichen Grundlagen, Organisationsformen und -interessen. Gleichzeitig finden sich inhaltliche Querschnittsthemen wie z. B. Gesundheit, Diversität, Migration oder Geschlechterdimensionen in der Sozialen Arbeit, die in vielen Praxisfeldern bedeutsam sind.

Praxistätigkeiten sind in den unterschiedlichen Handlungsfeldern verbunden mit spezialisierten fachlichen Ergänzungen zu der generalistischen Ausrichtung grundständiger Studiengänge Sozialer Arbeit. Die Berufs-, Hochschul- und Fachverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind sich einig über die Notwendigkeit eines generalistisch geprägten primär qualifizierenden Studiums Sozialer Arbeit (DBSH 2012, FBTS 2016, DVSG 2015, Kraus et al. 2011). Damit ist die Grundlage zum Einstieg in die Praxis mit einem Bachelorabschluss gelegt, weitere Qualifizierungen erfolgen postgradual über Fort- und Weiterbildungen.

Hierbei ist davon auszugehen, dass die Fortbildungsinhalte in den Praxisfeldern sich überwiegend an den Bedarfen der Leistungsträger ausrichten (Dettmers 2018). Es ist naheliegend, für die unterschiedlichen Qualifikationslevel Bachelor und Master in der Sozialen Arbeit bestimmte Kompetenzen zuzuordnen, die über alle Anwendungsfelder hinweg notwendig für eine qualifizierte Praxis sind. Die Orientierung Sozialer Arbeit an Gesundheit ist einerseits als Handlungsfeld im Zusammenhang mit den Anforderungen und Bedingungen im Gesundheitssystem und andererseits als Querschnittsthema über alle Praxisfelder hinweg zu verstehen. Die folgenden Bereiche sind aus Sicht der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit (DVSG) besonders relevant für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit (DVSG 2015):

medizinische Akutversorgung (Psychiatrie, Psychosomatik und Somatik)

öffentlicher Gesundheitsdienst

Gesundheitsförderung und Prävention

medizinische und soziale Rehabilitation

Sozial- und Gemeindepsychiatrie

Suchthilfe

Geriatrie

Onkologie

Pflegeeinrichtungen

Soziotherapie, Sozialtherapie

Kinder- und Jugendpsychotherapie (mit vorherigem Abschluss Soziale Arbeit)

gesundheitsbezogene Soziale Arbeit im Sozialwesen (Jugendhilfe etc.)

Selbsthilfegruppen und -organisationen

staatliche und nichtstaatliche Organisationen und Institutionen

Hochschulen und Forschungsinstitute

Allen genannten Feldern ist der konzeptionelle Zugang zu den Themen Krankheit und Gesundheit gemein. Es lässt sich festhalten, dass sich die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit als bedeutsamer Zweig der Sozialen Arbeit an Menschen und ihrer umgebenden sozialen und natürlichen Umwelt orientiert, die aufgrund faktischer oder potenzieller gesundheitlicher Einschränkungen in ihrer autonomen Alltagsgestaltung gefährdet sind und reduzierte Chancen auf eine autonome soziale Teilhabe erhalten. Gesundheitliche Störungen als Folge sozialer Probleme und sozialer Ungleichheit sind aus einer bio-psycho-sozialen Gesamtperspektive relevant für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit (Pauls 2013). Sie nimmt für sich in Anspruch, ihre eigene generalistisch fundierte Profession mit eigens definierten fachlichen Kompetenzen, plausiblen theoretischen Wissensbeständen und empirischen Erkenntnissen weiterzuentwickeln (Birgmeier 2014). Für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit lässt sich daraus der Anspruch ableiten, eine Einbindung einer holistischen Gesamtperspektive Sozialer Arbeit mit dem Anspruch bestmöglicher Interventionen zur sozialen Sicherung, sozialen Unterstützung und persönlichen Entwicklung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen und ihren Angehörigen (Dettmers 2018; Ansen 2010) theoretisch zu begründen und empirisch zu sichern. Soziale Arbeit ist mit ihren gesundheitsrelevanten fachlichen Angeboten in einem multiprofessionell gestalteten Gesundheitssystem mit medizinischer Dominanz bisher kaum rechtlich kodifiziert. Ein Rechtsgutachten in Deutschland ergab hinsichtlich der möglichen Einbettung als Gesundheitsfachberuf die geringe rechtliche Zuordnung Sozialer Arbeit bei psychosozialen Leistungen im Gesundheitssystem. Im Gegensatz zu ihr sind andere akademisierte Gesundheitsfachberufe und Heilberufe rechtlich eindeutiger vorgeprägt (Igl 2017). Ein ähnlicher Status ist für die Schweiz und Österreich zu verzeichnen. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ist formal nicht staatlich reglementiert. Die staatliche Anerkennung ist allerdings als ein landesrechtlich geschütztes Qualitätsinstrument nicht zu unterschätzen.

Kompetenzorientierung in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Aufgrund der beschriebenen Heterogenität der Praxisfelder ist eine übergreifende Kompetenzbestimmung von SozialarbeiterInnen unverzichtbar, damit verlässliche Leistungsangebote beschrieben werden können. Die normative Ausrichtung Sozialer Arbeit hat bisher den „Stellenwert persönlicher Eigenschaften“ im Zusammenhang mit professioneller Kompetenz betont, und Dimensionen wie z. B. Kommunikationsfähigkeit, berufspraktische Erfahrungen oder „Teamfähigkeit“ und „persönliche Reife“ sind immer noch in der Praxis hochrelevant (von Spiegel 2018, 72). Diese Aspekte sind allerdings stark abhängig von subjektiven Einschätzungen und gelten nicht spezifisch für eine Profession. Die qualifikationsorientierte Kompetenzbestimmung ist hingegen nicht nur sinnvoll in der fachlichen Binnensicht Sozialer Arbeit zur Identitätsbildung, sie fördert auch die Transparenz gegenüber gesundheitseingeschränkten Menschen und Angehörigen, anderen Professionen sowie Leistungs- und Kostenträgern. Tätige in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit müssen trotz einer prioritären Subjektorientierung in der Praxis überprüfbare Kompetenzen erwerben, um mögliche Interventionsrisiken auszuschließen. Kompetenz lässt sich verstehen als „Bewältigung von Handlungsanforderungen“ unter Nutzung der Verknüpfung von erworbenem Wissen und Können. „Kompetent sind die Personen, die auf der Grundlage von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten aktuell gefordertes Handeln neu generieren können“ (BIBB 2019).

Im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) wird Kompetenz als Handlungskompetenz verstanden und in die Dimensionen „Fachkompetenz“ mit den Aspekten Wissen und Fertigkeiten, „personale Kompetenz“ (Sozialkompetenz und Selbständigkeit) und „Methodenkompetenz“ unterteilt. Dazu erfolgt dann eine Zuordnung von Kompetenzniveaus hinsichtlich „Tiefe und Breite“ mit 8 Niveaustufen. Die Soziale Arbeit mit ihren Qualifikationsabschlüssen lässt sich den Stufen 6 bis 8 zuordnen, wobei hier sehr allgemeine Zuordnungen getroffen wurden (BMBF 2019).

Niveau 6 (Bachelor): Planung, Bearbeitung und Auswertung von umfassenden fachlichen Aufgaben- und Problemstellungen sowie zur eigenverantwortlichen Steuerung von Prozessen in Teilbereichen eines wissenschaftlichen Faches oder in einem beruflichen Tätigkeitsfeld. Die Anforderungsstruktur ist durch Komplexität und häufige Veränderungen gekennzeichnet.

Niveau 7 (Master): Bearbeitung von neuen komplexen Aufgaben- und Problemstellungen sowie zur eigenverantwortlichen Steuerung von Prozessen in einem wissenschaftlichen Fach oder in einem strategieorientierten beruflichen Tätigkeitsfeld. Die Anforderungsstruktur ist durch häufige und unvorhersehbare Veränderungen gekennzeichnet.

Niveau 8 (Doktor): Gewinnung von Forschungserkenntnissen in einem wissenschaftlichen Fach oder zur Entwicklung innovativer Lösungen und Verfahren in einem beruflichen Tätigkeitsfeld. Die Anforderungsstruktur ist durch neuartige und unklare Problemlagen gekennzeichnet.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Kompetenzziele über konsensuale Qualifikationsbeschreibungen oder auch empirisch zu entwickeln. Aktuell sind Kompetenzbestimmungen wie der durch den Fachbereichstag Soziale Arbeit (FBTS) gebildete Qualifikationsrahmen (QR SozArb 6.0), das Qualifikationskonzept (QGSA) der DVSG sowie das Kerncurriculum der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) die wesentlichen Veröffentlichungen, die auch untereinander kompatibel sind. Grundsätzlich lassen sich aber auch Dimensionen beschreiben, die Einfluss auf die Kompetenzbestimmung unabhängig vom jeweiligen Praxisfeld nehmen und sich über Theoriebezüge und den Gegenstand gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit ableiten lassen. Der im QGSA definierte Gegenstand gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit umfasst die „Förderung sozialer Teilhabe von erkrankten oder Erkrankung bedrohten und behinderten Menschen und ihren Angehörigen in ihrer Lebenswelt“ (DVSG 2015, 6). So sind die „Verhinderung und Bewältigung sozialer Probleme, die aus gesundheitlichen Beeinträchtigungen entstehen“ zentrale Zugänge Sozialer Arbeit (DVSG 2015, 6). Hierbei sind unterschiedliche Qualifikationslevel Bachelor, Master und Promotion zu beachten, die in der Praxis bisher kaum gewichtet werden.

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Abb. 1: Levelbeschreibung nach dem QR SozArb 6.0 (FBTS 2016)

Eine weitergehende Fachlichkeit bei besonders komplexen und anspruchsvollen Fällen wird durch die Einführung der Klinischen Sozialarbeit (i. d. R. Masterabschluss oder Weiterbildung) gewährleistet.

Neben Wissensbeständen für methodisches Handeln (von Spiegel 2018) sind in den Levelbeschreibungen auch konkrete Kompetenzen zur Durchführung von Interventionen mit anschließender Evaluation beschrieben. Insofern wird professionelles Handeln als ein regelgeleiteter Prozess verstanden. Dieser methodische Zugang bezieht sich auf die Analyse und soziale Diagnostik, Interventionsebene einschließlich Zieldefinition, Planung und Handlung sowie Evaluation von Maßnahmen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit (von Spiegel 2018). Folgende ausgewählte Aspekte sind bei der Entwicklung von Kompetenzbeschreibungen für die Praxis in allen Praxisfeldern relevant, um Alleinstellungsmerkmale gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit beispielhaft deutlich zu machen:

Person-in-Environment: Fallorientierte Soziale Arbeit orientiert sich schon seit den 1910er Jahren an diagnostischen Kriterien zur Darstellung der Bezüge von Menschen in ihre Umwelt. Insbesondere Mary Richmond (1917) und Alice Salomon (1926) haben mit ihren Veröffentlichungen zur sozialen Diagnose systematische Schritte beschrieben (Salomon 1927). Bereits im Jahre 1913 gab es eine Veröffentlichung von Ida Cannon zur Verbindung von Sozialer Arbeit und Medizin mit Kompetenzforderungen, die teilweise auch heute noch Gültigkeit besitzen. „Obwohl Soziale Arbeit keineswegs eine grössere oder edlere Berufung ist, so verfolgt sie doch ziemlich andere Ziele […] wenn sie bewusst die Unabhängigkeit des Leistungsempfängers anstrebt“ (Cannon 1913 übersetzt durch Keel 2018, 222). Klinische Sozialarbeit als Fachsozialarbeit nimmt sehr bewusst Bezug auf das besondere Verständnis der Person-in-ihrer-Welt (Pauls 2013) und thematisiert somit die Interaktion zwischen gesundheitlich beeinträchtigten Menschen und der sie umgebenden sozialen und natürlichen Netzwerke. Es müssen somit Kompetenzen erworben werden, die diese ökosozialen Interaktionen mittels sozialer Diagnostik und Interventionen offenlegen und Teilhabe ermöglichen. Ausdrücklich wird diese Perspektive im Qualifikationsrahmen und -konzept eingebunden (FBTS 2016; DVSG 2015).

Transdisziplinäres Grundverständnis: Soziale Arbeit bindet neben sozialarbeitswissenschaftlichen Theorien und empirischen Erkenntnissen verschiedene Impulse gesellschafts-, natur- und humanwissenschaftlicher Disziplinen ein, um sich damit der Komplexität des Alltags und der Lebensführung zu nähern (Sommerfeld et al. 2011). Es müssen relevante Wissensbestände aus den anderen Disziplinen in einen Erklärungsansatz Sozialer Arbeit transformiert werden. Für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ergibt sich im Vergleich zu anderen Zweigen (z. B. Kinder- und Jugendhilfe, Soziale Hilfen, Bewährungshilfe, Allgemeine Soziale Dienste) eine stärkere Einbindung von Erkenntnissen der benachbarten Disziplinen (Sozial-) Medizin, Psychologie, Medizinsoziologie, Politikwissenschaft, Sozialwirtschaft, Rechtswissenschaften und Gesundheitswissenschaften (DVSG 2015). Das ist begründet mit der Notwendigkeit, ätiologische Modelle, epidemiologische Daten, Klassifikationen, morphologische Dimensionen und rechtliche Rahmungen integrieren zu können. Es ist nicht ausreichend, diese Erkenntnisse unverbunden zu nutzen, sondern sie müssen bezogen auf den Gegenstand gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit kontextualisiert werden (Dettmers 2015). Transdisziplinarität ist somit ein „Forschungs- und Wissenschaftsprinzip“ mit Wirksamkeit in Bereichen, wo monodisziplinäre Problemlösungen nicht möglich sind und es zu Konstruktionen aus unterschiedlichen Wissensbereichen kommen muss (Mittelstraß 2007). Hier sind Kompetenzen erforderlich, über plausible Einbindung von theoretischen und empirischen Wissensbeständen geeignete diagnostische und methodische Zugänge bei Themen von Gesundheit und Krankheit in der Fallarbeit, Gruppenarbeit oder im Sozialraum einzusetzen.

Bio-psycho-soziales Grundverständnis von Gesundheit und Krankheit: In der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit ist der fachliche Zugang zu gesundheitlich beeinträchtigten und gefährdeten Menschen verbunden mit der Fragestellung, welche Faktoren Einfluss auf die Entstehung von gesundheitlichen Störungen und Krankheiten nehmen und welche psychosozialen Folgen für die Person bezogen auf ihre Umwelt zu erwarten sind. Die vielfältigen Einflussfaktoren sind sehr übersichtlich in dem Regenbogenmodell von Dalgren und Whitehead (1991) zusammengestellt worden, das mit dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit der IFSW kompatibel ist.

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Abb. 2: Übersicht über Gesundheitsdeterminanten nach Dalgren und Whitehead

In der Kompetenzbildung muss berücksichtigt werden, dass es komplexe Wechselwirkungen und Verschränkungen zwischen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren sowie natürlicher Umwelt gibt, die zur Beurteilung der Stabilität von Gesundheit unerlässlich sind (Pauls 2013). Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit muss sich trotz der Orientierung am „Sozialen“ den psychischen und physischen Folgen von gesundheitlichen Störungen widmen (Ortmann 2018). Schon die Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO 1986) liefert ein Bekenntnis zur Orientierung an physischem, psychischem und sozialem Wohlbefinden als eine ganzheitliche Perspektive auf Gesundheit. Durch die Nutzung der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) wird es möglich, in multiprofessionellen Settings die bio-psycho-soziale Perspektive in Diagnostik und Intervention abzubilden und aus Krankheitsfolgen begründete Schlüsse für die Soziale Arbeit zu ziehen (Dettmers 2017). Klassifikatorische Zugänge ergänzen das klassische (hermeneutische) Fallverstehen (Gahleitner 2016). Die ICF ist dabei als „Mehrzweck-klassifikation“ für diverse disziplinäre und praxisorientierte Bereiche zur besseren Kommunikation zwischen den verschiedenen Professionen nützlich und nicht als originäres Diagnoseinstrument zu verstehen (DIMDI 2005).

Kompetenzen zur sozialen Sicherung: Ein zentrales Ziel ist es in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sozial insoweit abzusichern, dass eine Einbindung in rechtlich kodifizierte Systeme gelingen kann. Hier geht es um die professionelle Fähigkeit, Inklusion als Teilhabeprozess und -ziel zu verstehen und die Teilhabe z. B. in Erwerbsarbeit, Wohnen, Sozialversicherungen, Studium, Schule, etc. zu ermöglichen. Soziale Sicherung erfordert besondere Kenntnisse über die systemischen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen sowie Beratungskompetenzen, die die Anspruchsvoraussetzungen für eine erfolgreiche Inklusion klären und Zugänge ermöglichen (Lambers 2016; Ansen 2010).

Kompetenzen zur sozialen Unterstützung: Die zweite Teilhabedimension der Integration bedeutet die Einbindung in soziale Netzwerke mit Orientierung an der subjektiven Lebenswelt. Dazu gehört es, soziale Unterstützung in Familien, Verwandtschaft, Freundeskreis, Nachbarschaft oder bspw. durch ArbeitskollegInnen, MitschülerInnen, KommilitonInnen mit Zustimmung der beteiligten Personen zu aktivieren (Ortmann 2018; Dettmers 2016). Ziel ist es, die Chancen für eine reale dauerhafte Vernetzung zu erhöhen, da der Zusammenhang zwischen sozialem Wohlbefinden und besserem Gesundheitsstatus wissenschaftlich belegt ist (Sichelschmidt / Cramer 2015). Nur mit Kompetenzen zur Netzwerkanalyse und sozialen Beratung bei vorhandenen sozialen Problemen kann es über vertrauensbildende Beziehungsarbeit gelingen, Integration zu ermöglichen (Ortmann 2018).

Persönliche Förderung: Die Vermittlung von Skills zur Entwicklung neuer Fähigkeiten und Copingstrategien mit dem Ziel einer autonomeren Gestaltung des eigenen Lebens ist Voraussetzung für die Bewältigung von krankheitsbedingten Folgen. Aber auch persönliche Bildungsprozesse zur Umsetzung gesundheitsfördernder und präventiver Strategien sind durch die Soziale Arbeit zu fördern. Es kann notwendig sein, das gesamte Potenzial sozialarbeiterischer Leistungen zu nutzen, um in der konkreten Interaktion mit Betroffenen und Angehörigen, im Sozialraum oder auch bei Zugängen über Prävention und Gesundheitsförderung Wirksamkeit zu entfalten. Pauls und Hahn (2015) begründen den personenbezogenen Zugang über eine sozialtherapeutische Perspektive und benennen folgende Interventionsebenen:

konstruktiver Umgang mit gesundheitlich bedingten Belastungen, Konflikten und Symptomen (kognitiv und emotional)

Erschließung personaler und sozialer Ressourcen; Aktivierung und Kompetenzförderung

die „Fähigkeit der Community (z. B. Nachbarschaft, Arbeitsumgebung, Schule)“ (Pauls / Hahn 2015, 37) erhöhen, Menschen besser zu unterstützen und einzubinden; das beinhaltet auch die Gestaltung sozialer Netzwerke in der Lebenswelt von KlientInnen

Diese Aspekte beziehen stark die Person-in-Environment-Perspektive ein. Gleichzeitig sind aber auch weitere zentrale Beratungs- und Edukations-angebote gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit bei der persönlichen Entwicklung von Menschen in prekären Lebenssituationen notwendig, d. h. auch klassische methodische Zugänge wie z. B. über Case Work und Case Management bleiben unverzichtbar (Dettmers 2017).

Navigationskompetenz: SozialarbeiterInnen fungieren oft in einer Navigationsfunktion, um Zugänge zu einer passgenauen psychosozialen Versorgung bei chronischen Erkrankungen und Behinderungen, stationär aber auch in ambulanten Settings, zu ermöglichen und bedürfnisorientiert eine möglichst autonome Lebensgestaltung zu fördern. Da eine Sozialberatung nicht nur als reine Informationsvermittlung dient, sondern häufig durch hochkomplexe Interventionen wie z. B. Case Management oder Kriseninterventionen flankiert wird, sind Kompetenzen zur Herstellung einer besseren Orientierung und Entscheidungsmöglichkeit von Betroffenen unabdingbar. Die positive Wirkung Sozialer Arbeit mit Navigationskompetenz am Beispiel onkologischer Erkrankungen ist belegt und über eine fachlich generalistische Ausrichtung wirkungsvoll im Zusammenhang mit Empowerment von gesundheitlich eingeschränkten Menschen (Browne et al. 2015).

Praxis- und Forschungsimplikationen

Die Beschäftigung mit dem Thema Kompetenz im Kontext der dargestellten Qualifikationsbeschreibungen, theoretischen Fundierungen und Bedarfen in der Praxis gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit führt zur Erkenntnis, dass es Alleinstellungsmerkmale und besondere fachliche Anforderungen in der Praxis gibt, die im Spannungsfeld zwischen den Interessen von Klientel, Angehörigen, Leistungs- und Kostenträgern transparenter und fachlich fundierter dargestellt werden müssen. Konsensuale und literaturgestützte Kompetenzbeschreibungen über die kooperative Entstehung durch Hochschulen, Praxis sowie Berufs- und Fachverbänden, also in der engeren Verzahnung zwischen Forschung und Praxis, ist die erfolgversprechendste Möglichkeit, die vielfältigen Angebote gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit für die jeweiligen Praxisfelder aufzubereiten. Dabei sind die entwickelten QR SozArb 6.0, QGSA und das Kerncurriculum die zurzeit bedeutsamsten Orientierungspunkte bei der Kompetenzbestimmung (FBTS 2016; DVSG 2015; DGSA 2016). Die Profession kann ihre eindeutig identifizierbaren Leistungen im Gesundheitssystem durch einheitlichere Nutzung von Kompetenzbeschreibungen und Einbindung von praxisfeldspezifizierten und möglichst empirisch gestützten Handlungsempfehlungen und Standards besser schützen. Klare sowie verbindliche Regelungen mit Leistungs- und Kostenträgern sowie Leistungserbringern im Gesundheitssystem sind zu verschriftlichen. Diese angewandten Kompetenzen lassen sich dann wirkungsorientiert wissenschaftlich fundieren. Fallverstehende und experimentelle Zugänge in der komplexen Fallarbeit werden keineswegs entwertet, sondern müssen zum besseren Verständnis fachlich rekonstruiert und ethisch begründet werden (Staub-Bernasconi 2004). Ziel ist es, die „rechtliche Verankerung“ der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit mit ihren vielfältigen Interventionsformen bis hin zur Klinischen Sozialarbeit und sozialtherapeutischen Angeboten durch klare Kompetenzabbildungen zu beschleunigen (Igl 2017).

Es gilt, durch gute Praxis mit überprüfbaren Kompetenzen, plausiblen Argumentationen, theoretischen Fundierungen und empirischen Befunden zu überzeugen. Die Realisierung von drittmittelgeförderter empirischer Forschung zu subjektiven Lebenslagen von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sowie zu Wirkungen Sozialer Arbeit sind zentrale Ausrichtungen. Trotz einer noch strukturellen Benachteiligung von Fachhochschulen im Drittmittelzugang mit hohen Lehrdeputaten von ProfessorInnen und einer medizinbegünstigten Mittelverteilung gibt es doch gute Perspektiven, gesundheitsbezogene Soziale Arbeit als Disziplin und Profession in Deutschland, Österreich und der Schweiz weiter zu etablieren, internationale Projekte bieten sich an. Die Erosionszustände in einigen Praxisfeldern und Verdrängung durch weniger qualifizierte Abschlüsse ist auch Folge einer defensiven Haltung in der Praxis, einer Argumentationsschwäche und mangelndem Organisationsgrad der Beschäftigten (Dettmers 2018). Hier bieten sich die nationalen Berufsverbände Sozialer Arbeit an, für die fachliche Einbindung sind es die Fachverbände gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit. Der fachliche Anspruch besteht darin, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen die bestmöglichen Leistungsangebote zur Erlangung sozialer Teilhabe einschließlich sozialer Sicherung und sozialer Unterstützung, Reduzierung sozialer Probleme und zur selbstbestimmten Lebensführung zu bieten.

Die Sichtbarkeit der fachlichen Angebote Sozialer Arbeit wird über die Einbindung in Zertifizierungs- und Akkreditierungsverfahren im Gesundheitssystem erhöht. Als Beispiel lässt sich der Expertenstandard „Psychosoziale Erstberatung onkologischer Patient*innen durch Soziale Arbeit in der stationären Versorgung“(PEOPSA) benennen, der im Auftrag der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) in Kooperation von der Arbeitsgemeinschaft für Soziale Arbeit in Onkologie (ASO) und DVSG entstanden ist (DVSG 2018). Ein weiterer Baustein ist die Erweiterung und Verbesserung von Fort- und Weiterbildungen von PraktikerInnen in gesundheitsorientierter Sozialer Arbeit durch Einbindung von internationalen Praxis- und Forschungserkenntnissen. Es zeigen sich generationsabhängige Unterschiede in der Kompetenzentwicklung aufgrund der starken Veränderungen der Studiengänge Sozialer Arbeit seit den 1990er Jahren (Dettmers 2018). Gute Praxis muss Bewährtes begründet fortführen und offen sein für Innovationen. Damit sollten die Qualifikationsebenen wie Diplom, Bachelor, Master und Promotion vermehrt in der Praxis berücksichtigt werden, um Potenziale künftig ausreichend auszuschöpfen (DVSG 2015).

Ausblick

In der Praxis Sozialer Arbeit lassen sich abhängig von den genannten Bereichen sechs Dimensionen ableiten, die künftig mit entwickelten Kompetenzbeschreibungen verknüpft werden können (Dettmers / Kramer 2016). Relevante ätiologische Aspekte bei der Entstehung von gesundheitlichen Störungen sind ebenso bedeutsam wie mögliche Folgen für betroffene Menschen sowie professions- und gesundheitspolitische Perspektiven.

1.Soziale Determinanten bei der Entstehung von Erkrankungen und gesundheitlichen Störungen: Soziale Arbeit kann fachlich und fachpolitisch zur Gesundheitsförderung und Prävention beitragen. Dabei identifiziert sie insbesondere soziale Faktoren, die Einfluss nehmen bei der Entstehung gesundheitlicher Einschränkungen. Die Berücksichtigung sozialer Einflussfaktoren ergänzt den überwiegend personenzentrierten Behandlungszugang in der Gesundheitsversorgung.

2.Psychosoziale Folgen von gesundheitlichen Einschränkungen: Soziale Arbeit kann den problematischen Konsequenzen für betroffene Menschen aus gesundheitlichen Störungen fachlich begründet begegnen. Von Interesse sind Bewältigungsoptionen, soziale Netzwerke und darüber hinaus die Relevanz für den jeweiligen Sozialraum, die sich aufgrund von Erkrankungen und Behinderungen ergeben kann.

3.Soziale Teilhabe im Kontext Inklusion und Integration: Ein Schwerpunkt Sozialer Arbeit ist es, gleichermaßen die Bedingungen für eine möglichst umfassende soziale Teilhabe in Sozial- und Gesundheitssystemen sowie Lebenswelten wissenschaftlich zu ergründen und praxisorientiert Diagnose- und Interventionsmöglichkeiten transparent zu nutzen. Die fachlichen Beiträge gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit werden weiterhin systematisch beschrieben und beispielsweise über Artikel und Fachtagungen sowie Kongresse veröffentlicht.

4.Fallbezogene und gesellschaftliche Folgen sozialer Ungleichheit für den Gesundheitsstatus: Die Zunahme sozialer Ungleichheit führt dazu, dass sich die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit zunehmend mit Ursachen und konkreten gesundheitliche Folgen für betroffene Menschen beschäftigen muss. Es geht um die Verbesserung der sozialen und gesundheitlichen Situation von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und um die Offenlegung der Wirkungen Sozialer Arbeit.

5.Sicherung der psychosozialen Versorgung: Soziale Arbeit sollte weiterhin Beratungs- und Interventionsformen, Leistungsbeschreibungen, Standards und Veröffentlichungen sammeln und entwickeln, die die soziale Sicherung, soziale Unterstützung und persönliche Förderung und Unterstützung von gesundheitlich eingeschränkten Menschen und ihrer nächsten Angehörigen ermöglichen. Dabei kann die gesundheitsorientierte Soziale Arbeit davon profitieren, was in weiteren Handlungsfeldern und -zweigen national und international an Neuerungen stattfindet und umgekehrt.

6.Offensive Professionalisierung und gemeinsame Zugänge in allen gesundheitsbezogenen Arbeitsfeldern: Die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit bindet über ihre Fachverbände und Hochschulen die fachlichen Innovationen ein und kooperiert mit relevanten Organisationen und Institutionen zur Förderung einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit. Die aktive Beteiligung an S3-Leitlinien, Angeboten von spezifischen Fortbildungen für die Soziale Arbeit, Bildung von Forschungskooperationen und die aktive Auseinandersetzung mit dem niedrigen Organisationsgrad von Professionellen in der Sozialen Arbeit (Seithe 2011) kann nur über stärkere Kooperation aller Berufs- und Fachverbände gelingen, um die gemeinsam entwickelten Kompetenzbeschreibungen wirksam in die Praxis zu integrieren.

Eine bewusste und reflektierte Nutzung der vielfältigen Kompetenzen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit ist somit Voraussetzung zur Bildung eines gemeinsamen kollektiven Selbstverständnisses, ohne sich länger alleine über die Praxisfelder und Bezugswissenschaften definieren zu lassen.

Literatur

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, 24.02.2019

2Integration und Lebensführung – Theorie gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

Von Peter Sommerfeld

Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ist immer und zuerst Soziale Arbeit. Das ist die leitende, alles Weitere strukturierende Prämisse. Diese Aussage impliziert, dass die Soziale Arbeit im Gesundheitssystem eine eigene Position hat, die einen Unterschied macht. Dieser Unterschied muss zugleich komplementär und funktional für das Gesundheitssystem sein, sonst würde keine interprofessionelle Zusammenarbeit zustande kommen. Mit Abbildung 1 kann dieses Verhältnis vorweg bereits dargestellt werden. Zwei Punkte sind dabei hervorzuheben. Es gibt einen Unterschied in der Leitorientierung (hier Heilen, dort Hilfen zur Lebensbewältigung) und es gibt einen gemeinsamen Bezugspunkt, nämlich die bio-psycho-soziale Dynamik, die sozusagen die Schnittstelle bildet, an der die beiden differenten Professionen sinnvoll aufeinander bezogen werden können.

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Abb. 1: Das Konzept der interprofessionellen Zusammenarbeit

Das sind natürlich ein paar steile Thesen zum Einstieg. Sie sollen Interesse an den folgenden theoretischen Ausführungen wecken. Denn, diese einfache Grafik ebenso wie eine professionelle gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ebenso wie die interprofessionelle Zusammenarbeit haben voraussetzungsvolle Hintergründe. Um das mit der Grafik dargestellte Konzept der interprofessionellen Zusammenarbeit nachvollziehbar zu machen und es zu begründen, ist es notwendig zu bestimmen, was Soziale Arbeit genau ist, und davon ausgehend, was dann spezifischer gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ist und was es mit dieser Schnittstelle der bio-psycho-sozialen Dynamik auf sich hat. Das Ziel, das damit verfolgt wird, ist eine mögliche Orientierung für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit und ihre weitere Entwicklung zu liefern, und damit auch einen theoretischen Rahmen für dieses Handbuch.

Zur allgemeinen Theorie der Sozialen Arbeit

Die Entwicklung der Sozialen Arbeit als Wissenschaft hat in den letzten Jahren eine Vielzahl theoretischer Angebote hervorgebracht (z. B. Lambers 2018). Auf der allgemeinsten Ebene sind sich alle einig, nämlich dass sich die Soziale Arbeit mit der Schnittstelle von Individuen und Gesellschaft beschäftigt. Böhnisch (1994), fasst dieses Verhältnis mit dem Begriff der „Lebensbewältigung“ im Kontext moderner Gesellschaft und erodierender „Normalität“. Thiersch (2014) entwickelt seinen Zugang über die Begriffe des Alltags und der Lebenswelt, um damit fassen zu können, wie sich der Lebensvollzug von Individuen sozial und gesellschaftlich vermittelt ausprägt und strukturiert. Staub-Bernasconi (1994) fasst das Verhältnis zugeschnitten über „soziale Probleme“ systemisch. Der „person in environment Ansatz“ (Karls/Wandrei 1994) trägt das Verhältnis bereits im Titel. Heiner bezeichnet die Soziale Arbeit als auf die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft hin angelegt (Heiner 2010, 110f.).

Prinzipiell könnten alle, also nicht nur die genannten „alten“ allgemeinen Theorien der Sozialen Arbeit für die Beantwortung der Frage, was genau Soziale Arbeit ist, herangezogen werden. Es ist hier nicht möglich, eine breite Diskussion der verschiedenen Ansätze zu führen, noch wäre es sinnvoll im Hinblick auf das oben genannte Ziel, Orientierung zu schaffen. Stattdessen wird der Bestimmungsversuch mit einem theoretischen Ansatz vorgenommen, nämlich unserem eigenen, der mit dem Doppelbegriff „Integration und Lebensführung“ bezeichnet werden kann (Sommerfeld et al. 2011). Diese Auswahl rechtfertigt sich damit, dass dieser allgemeine theoretische Ansatz bereits weit für die Soziale Arbeit im Gesundheitssystem ausgearbeitet wurde. In „Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie“ (Sommerfeld et al. 2016) wurden die Konturen einer „konsolidierten Wissensbasis“ einer gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit am Beispiel der Psychiatrie entwickelt und präsentiert. Der entscheidende Punkt ist aber, dass diese Theorie unmittelbar anschlussfähig an das bio-psycho-soziale Modell ist, das einleitend ja bereits als bedeutsam für die Gestaltung der interprofessionellen Kooperation ausgewiesen wurde, und das von der WHO nach wie vor vertreten wird, und das daher mindestens als grobe Leitorientierung für das Gesundheitswesen weltweit gelten kann und auch überall in seinen Grundzügen bekannt ist. Dies ist für die Beschreibung der Funktion einer gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit ebenso von hohem Wert, wie für deren professionspolitische Durchsetzungschancen. Es werden im Folgenden also einige zentrale Komponenten der allgemeinen Theorie „Integration und Lebensführung“ in extrem gekürzter und vereinfachter Fassung, und ohne die wichtigen theoretischen Bezüge auszuweisen, dargestellt (ausführlich in Sommerfeld et al 2011 und 2016).

Grundlagen und Modelle der Theorie

Man kann den Ansatz von „Integration und Lebensführung“ mit den nachfolgend präsentierten, aus der Forschung gewonnenen Modellen in seiner Grundstruktur verstehen. Auf diesen liegt daher auch das Hauptgewicht. Es erscheint mir gleichwohl wichtig, hier sozusagen hinführend den Versuch zu unternehmen, das zugrundeliegende Menschenbild, also die zugrundliegende Theorie des Menschen als soziales Lebewesen mindestens so weit zu explizieren, dass unsere Modellierungen und Begrifflichkeiten auf diesen Rahmen bezogen werden können. Mit diesen Grundlagen wird zugleich die Passung zum bio-psycho-sozialen Modell hergestellt.

Den Ausgangs- und Endpunkt bildet eine Vorstellung des Menschen, in der dieser radikal und gleichzeitig sowohl als eigenständiges Subjekt (Akteur), als auch als soziales und somit sozial bestimmtes Wesen gedacht wird. Das zusammengehörende Begriffspaar Integration und Lebensführung bringt diesen untrennbaren Zusammenhang begrifflich bereits zum Ausdruck. Der Mensch ist also ein zutiefst soziales Lebewesen (ein Organismus) mit einer besonderen Ausstattung. Er / sie verfügt nämlich über ein Organ (das Gehirn), das aufgrund seiner biologischen Beschaffenheit im tätigen Lebensvollzug in der Auseinandersetzung mit der Welt psychische Qualitäten und Eigenschaften hervorbringt (Ausführungen zur Funktionsweise des Gehirns bei Fuchs 2009). Diese Welt ist als Lebenswelt immer schon sozial überformt, weil dieses so ausgestattete bio-soziale Wesen mit anderen seiner Gattung sozio-kulturelle Systeme bildet, um sein Überleben als Individuum und als Gattung zu sichern, und zwar in der Form der Lebensführung innerhalb dieser von ihm selbst geschaffenen sozio-kulturellen Systeme (Integration).

Weil Menschen mit dem Gehirn und somit mit dieser spezifischen Form der Erkenntnisfähigkeit ausgestattet sind, müssen sie ihr Leben führen. Das heißt, dass sie nicht einfach nur in der Welt sind – das sind sie aber auch – sondern dass sie ein Verhältnis zu dieser Welt, die man mit Plessner in die materielle „Umwelt“, die soziale „Mitwelt“ und die eigene „Innenwelt“ unterteilen kann, herstellen müssen (Plessner 1976). Die aktive Auseinandersetzung mit diesen „Welten“ und die damit verbundenen Lernprozesse bilden den Modus des menschlichen Lebensvollzugs. Damit gewinnt das menschliche Dasein erheblich an Freiheitsgraden, und somit an Komplexität und Dynamik. In Kurzfassung kann man sagen, dass die Erkenntnisfähigkeit die Instinktsteuerung (weitgehend) ersetzt, ohne aber die materiellen biologischen Grundlagen des Organismus Mensch außer Kraft zu setzen. Wenn man also die menschliche Lebensführung verstehen will, dann sind offenbar mindestens Ordnungsbildungsprozesse auf zwei getrennten „Daseins-Ebenen“, nämlich der Ebene des Individuums sowie der „sozialen Konfigurationen“ zu berücksichtigen (Elias 1995). Diese beiden Ebenen sind zwar getrennt, aber sie sind doch zugleich gegenseitig Voraussetzung füreinander. Sie sind in diesem Sinn „strukturell gekoppelt“, ohne sich aber gegenseitig zu determinieren. Sie verhalten sich „zirkulär kausal“ zueinander, das heißt sie schaffen die Voraussetzungen füreinander gegenseitig und in zirkulären Prozessen, wie sie typisch für komplexe, dynamische, sich selbst organisierende Systeme sind (Haken / Schiepek 2010).

Modell des Lebensführungssystems

Die menschliche Lebensführung hat also eine innere bio-psychische und eine äußere soziale und sozio-kulturelle Seite, die miteinander durch Prozesse zirkulärer Kausalität gekoppelt sind. Von da aus kann man den unmittelbaren Gegenstand der Sozialen Arbeit bestimmen. Das Lebensführungssystem ist nicht nur die zentrale analytische Kategorie von „Integration und Lebensführung“, sondern der unmittelbare, also handlungsbezogene Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser Theorie. Die in Abbildung 2 ersichtliche gestrichelte Linie umreißt das Lebensführungssystem eines Menschen. Es setzt sich aus dem als Akteur gedachten Individuum mit seiner Ausstattung (seinem „Vermögen“, also seinen Ressourcen, Kompetenzen, aber auch Beeinträchtigungen und Problematiken, die sich in Mustern organisieren) und der spezifischen Form seiner Integration in diverse konkrete Handlungssysteme zusammen. Integration heißt in der einfachst möglichen Beschreibung zunächst einmal, dass dieses Individuum eine soziale Position in einem oder mehreren konkreten Handlungssystemen hat und von da aus mit anderen in diesen sozialen Systemen interagiert und auf diese Weise sein Leben führt.

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Abb. 2: Das Lebensführungssystem und zirkuläre Kausalität

Die Soziale Arbeit befasst sich also nicht mit einem Individuum, das irgendwie mit einer Umwelt zusammenhängt, die dann oft genug aus dem Blick gerät (Stichwort: Individualisierung von sozialen Problemen durch die Soziale Arbeit). Vielmehr arbeitet sie an und mit dem gesamten Lebensführungssystem, als dem systemisch beschreibbaren dynamischen Zusammenhang des Individuums mit seiner unmittelbaren sozialen und sozio-kulturell strukturierten Lebenswelt. Im Vorgriff auf die später erfolgende Funktionsbestimmung der Sozialen Arbeit kann an dieser Stelle schon einmal die Aussage gemacht werden, dass die Soziale Arbeit also sowohl am individuellen Vermögen (Bildung im weitesten Sinne), als auch am aktualisierten individuellen Verhalten und somit an der aktualisierten Form der Integration (soziale Interventionen), als auch soweit möglich an den Integrationsbedingungen (sozial-strukturelle und sozio-kulturellen Interventionen) in dem Sinn arbeiten wird, dass Potenziale im Hinblick auf die Lebensführung und deren Konsequenzen für dieses Individuum und andere ausgelotet und erschlossen werden. In grundsätzlicher Übereinstimmung mit Thiersch „gelingenderem Alltag“ (Thiersch 2009) und gleichwohl in Abwandlung von ihm kann an dieser Stelle die Zieldimension grob als „gelingendere“ Lebensführung bezeichnet werden.

Mit dem Verweis auf den Menschen als Organismus und auf das Gehirn als Organ haben wir die dritte Ebene, die relevant für das Verständnis des Menschen ist, nämlich die biologische Ebene, bereits gestreift. Im Modell des Lebensführungssystems sind auf dieser Ebene vor allem noch die menschlichen Bedürfnisse von Bedeutung und daher hier zu erwähnen. Da wir uns ja für die Dynamik des sich selbst organisierenden Lebensführungssystems von Menschen interessieren, stellt sich die Frage, woher die Energie oder der Antrieb des Ganzen kommt. Die Bedürfnisse bzw. die Bedürfnisspannungen des Organismus Mensch, die bei Nicht-Befriedigung auftreten, sind sozusagen der Energielieferant und Motivator für die Aktivitäten der Lebensführung und damit auch für die Bildung der konkreten Formen der Handlungssysteme, in die ein Mensch integriert ist und mit denen er sein Leben führt; also für ein individuelles Lebensführungssystem (zur Bedürfnistheorie Obrecht 2005). Damit wird an dieser Stelle ersichtlich, dass Integration und Lebensführung auch eine spezifische theoretische Ausformulierung des bio-psycho-sozialen Modells ist, mit der dieses theoretisch erheblich weiterentwickelt wurde, weil unser Ansatz die drei Ebenen nicht additiv denkt, sondern systemisch, und das heißt insbesondere theoretisches Licht auf die dynamische Kopplung der Ebenen und somit auf ihr Zusammenspiel wirft.

Damit das Verständnis des Lebensführungssystems und darin die zirkuläre Kausalität vertiefter verstanden werden kann, und weil Integration in der Sozialen Arbeit ein problematischer Begriff ist, der völlig zu Unrecht mit Anpassung in einem normativen Sinn gleichgesetzt wird, sind nun noch einige Hinweise dazu notwendig.

Zum Integrationsbegriff

Mit den folgenden Aussagen soll zunächst noch einmal unterstrichen werden, dass sich das Individuum durch seine aktive Auseinandersetzung mit der Welt, die über seine Integration in soziale Systeme vermittelt ist, bildet. Die „psychische Potenziallandschaft“ wie letztlich das gesamte Vermögen eines Individuums bildet sich in der tätigen Auseinandersetzung der Lebensführung in dem diesem Individuum unmittelbar zugänglichen sozialen Raum (den zugänglichen sozialen Systemen, deren Subsystem das Individuum ist) in Abhängigkeit seiner u. a. auch genetischen Dispositionen und der zu einem bestimmten Zeitpunkt im Lebensverlauf erworbenen Ausstattung. Der Begriff der „psychischen Potenziallandschaft“ (Beirle / Schiepek 2002) bringt diesen individuellen Entwicklungsprozess zum Ausdruck und beinhaltet außerdem zwei für die Soziale Arbeit wichtige Bedeutungen. Zum einen weist der Begriff darauf hin, dass möglicherweise Potenziale vorhanden sind, die im gegebenen Integrationsarrangement des aktuellen Lebensführungssystems nicht realisiert werden können. Zum anderen weist er darauf hin, dass durch eine Variation in der Lebensführung auch neue Potenziale gebildet werden können, neues Vermögen erworben werden kann.

Daran schließt die doppelte Bedeutung unseres Integrationsbegriffs an. Zum einen beschreibt Integration in das System die Einbindung des Individuums in einer bestimmten Position in die Struktur und die interaktive Dynamik eines sozialen Systems. Zum anderen beschreibt Integration des Systems den Ordnungsbildungsprozess auf der Ebene der sozialen Systeme, die wir als konkrete Handlungssysteme bezeichnen, und zwar aus folgendem Grund: Es geht um die konkrete Lebensführung in einer konkreten Lebenswelt, die wir mit den konkreten Handlungssystemen differenziert und damit spezifisch beschreibbar machen, ohne das Gesamt der Lebenswelt, das Integrationsarrangement aus dem Blick zu lassen. Die Soziale Arbeit interessiert dabei nicht, wie die sozialen Systeme Schule, Familie etc. im Allgemeinen funktionieren, auch wenn dieses soziologische Wissen ein wichtiges Bezugswissen bildet. Sondern es interessiert, wie das Lebensführungssystem von Frau Indrissi oder Herrn Künzli funktioniert. Wenn das Lebensführungssystem der unmittelbare Gegenstand der Sozialen Arbeit ist, dann muss sie verstehen, wie die Klientin Indrissi ihr oder der Klient Künzli sein Leben führt, und das heißt wo und wie die beiden integriert sind und wo sie ausgeschlossen sind, welche Möglichkeiten und welche Behinderungen in ihr Lebensführungssystem eingebaut und welche Potenziale unerschlossen bzw. nicht realisiert sind, und wo neue Möglichkeitsräume erschlossen werden können.

Unser Integrationsbegriff ist kein Schaltermodell (man gehört dazu oder nicht), sondern mit ihm wird die Frage gestellt, wie genau gestaltet sich die Integration und welche Folgen hat das für die Lebensführung. Schon gleich gar nicht ist deshalb unser Integrationsmodell mit einer normativen Vorstellung verbunden, etwa in dem Sinn, dass Integration immer gut ist. Ganz im Gegenteil, spezifische Formen der Integration und spezifische Ordnungsmuster in sozialen Systemen können extrem schädlich für ein Individuum sein (z. B.: häusliche Gewalt als Ordnungsmuster im konkreten Handlungssystem Familie).

Neben den unmittelbaren Verhältnissen und Prozessen der Lebensführung, die den unmittelbaren Gegenstand der praktischen Sozialen Arbeit bilden, ist der größere Kontext der Gesellschaft für die Soziale Arbeit natürlich auch bedeutsam. Das Lebensführungssystem kann als das Gesamt des Einschlusses in und des Ausschlusses aus diversen konkreten Handlungssystemen betrachtet werden, mit dem ein Individuum sein Leben in der Gesellschaft führt. Dieses unmittelbare Integrationsarrangement ist selbstverständlich keine isolierte Insel, sondern ist in die weitere Gesellschaft eingebettet bzw. mit dieser verschachtelt. Genauso wie man einen Menschen und sein aktuelles Verhalten nicht verstehen kann, ohne sein Lebensführungssystem zu verstehen, kann man die Dynamik in diesem Lebensführungssystem nicht unabhängig von dessen Einbettung in die Felder und Strukturen der Gesellschaft verstehen. Und erst mit diesem gesellschaftlichen Bezug wird die Funktion der Sozialen Arbeit darstellbar.

Der gesellschaftstheoretische Bezug und die Funktion der Sozialen Arbeit

Die Funktion der Sozialen Arbeit kann folgendermaßen definiert werden: Die Soziale Arbeit bearbeitet das für moderne, demokratische, funktional differenzierte und kapitalistische Gesellschaften konstitutive Integrationsproblem, das sich in gesellschaftlich randständigen, psycho-sozial problembeladenen, im Hinblick auf Teilhabe und Ressourcenausstattung unterprivilegierten Lebenslagen und Formen der Lebensführung materialisiert (Sommerfeld et al. 2011). Dementsprechend ist die Soziale Arbeit in ihren diversen Arbeitsfeldern überall dort anzutreffen, wo sich dieses gesellschaftliche Integrationsproblem in Probleme der Lebensführung von Menschen transformiert, traditionell entlang vor allem der Themen abweichendes Verhalten, Behinderung/Beeinträchtigung und Armut, aber auch Migration und Gesundheit respektive Krankheit.

Es sind diverse gesellschaftliche Entwicklungen (z. B. Aufklärung und Modernisierung, damit einhergehend Enttraditionalisierung und Individualisierung, demokratische Revolution, Umstellung auf kapitalistische Produktionsweise), die in ihrem Zusammenspiel die Struktur der Gesellschaft hin zu ihrer heutigen Form verändert haben und in ihrer Konsequenz das strukturelle Integrationsproblem hervorbringen. Im Kern besteht dieses Problem darin, dass die Individuen „freigesetzt“ werden. Alle Menschen sind frei heißt konkret, dass jedes Individuum nicht mehr einfach eine durch die Geburt gegebene Position hat, sondern die Position im Lebensverlauf (in der Regel durch Arbeit) erwerben muss, d. h. die Form der Integration selbst herstellen muss. Diese dynamische Form der Vergesellschaftung stellt anspruchsvolle Entwicklungsaufgaben und kann aus unterschiedlichsten Gründen, z. B. wegen Krankheit scheitern. Zudem sind die Chancen bzw. die Ressourcen zur Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben von Geburt an ungleich verteilt. Trotz der Freisetzung und damit der prinzipiellen Gleichheit aller Individuen wird im Rahmen einer kapitalistischen Ökonomie systematisch soziale Ungleichheit erzeugt, die sich in der vertikalen Differenzierung der Gesellschaft strukturell verfestigt, also benachteiligte Teilpopulationen hervorbringt. Das ist an sich noch kein gesellschaftliches Problem, wohl aber in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Denn die Verfestigung und das jeweilige Ausmaß der Benachteiligung bilden einen grundlegenden Widerspruch zur demokratischen Semantik, die mit den Grundwerten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder dem demokratischen Universalprinzip der „Teilhabe aller“ auf den Punkt gebracht werden kann. Dieser Widerspruch erzeugt die „soziale Frage“ respektive die Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit muss in einer Demokratie aufgrund der u. a. in den demokratischen Verfassungen verankerten demokratischen Semantik politisch bearbeitet werden. Historisch sind zwei Formen des Politischen für die Entwicklung der Sozialen Arbeit bedeutsam: Zum einen die Entstehung staatlicher „Fürsorge“, letztlich des Sozialwesens und des Wohlfahrtstaates. Zum anderen soziale Bewegungen, die den grundlegenden Widerspruch nutzen, um die mit diesem strukturellen Integrationsproblem zusammenhängenden Probleme als soziale Probleme zu thematisieren und sie somit in die politischen Arenen der Öffentlichkeit und der Gesetzgebung zu bringen. Mit dem Fortschreiten dieser politischen Prozesse und im Modus der modernen Gesellschaft, die auf rationale Problemlösung angelegt ist, entsteht die Profession und in deren Gefolge die Wissenschaft der Sozialen Arbeit.

Zur Theorie einer gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit

Was ist nun spezifischer die Funktion gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit und wie ist das mit der Anschlussstelle im Gesundheitswesen zu verstehen? Wenn wir davon ausgehen, dass gesundheitsbezogene Soziale Arbeit immer und zuerst Soziale Arbeit ist, dann stellt sich die Frage, welche Funktionalität sie dem Gesundheitssystem und den dort angesiedelten Professionen bieten kann?

Der Schlüssel dazu ist das mehrfach bereits erwähnte bio-psycho-soziale Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Es beinhaltet sowohl das Verständnis von Gesundheit als bio-psycho-soziales Wohlbefinden, als auch das Verständnis von der Verursachung von Krankheit und Heilung als durch alle diese Ebenen beeinflusst. Für die soziale Dimension, die für die Soziale Arbeit von besonderer Relevanz ist, liefert die Sozialepidemiologie mittlerweile unumstößliche Evidenz, dass deren Einfluss sowohl bei der Entstehung von Krankheit, als auch bei der Entstehung von Gesundheit eine sehr große Rolle spielt (Berkman et al. 2014; Marmot 2013; Obsan 2015). Die Wirkmächtigkeit der sozialen Dimension bei der Entstehung von Krankheit ist also ein erwiesenes Faktum. Hinzu kommt, und für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, dass Krankheit, insbesondere schwere oder chronische Krankheit wie z. B. Sucht oder psychische Erkrankungen, aber z. B. auch schmerzhafte rheumatische Erkrankungen oder Krebs, nicht nur körperliche und psychische Folgeprobleme erzeugen, sondern in erheblichem Ausmaß auch soziale.

Mit Bezug auf die vorgestellte Theorie der Sozialen Arbeit kann man das so zusammenfassen: Eine (schwere / chronische) Erkrankung erschüttert das Lebensführungssystem eines Menschen, und zwar rundherum, das heißt sowohl die eigenen Muster der Lebensführung und Lebensbewältigung greifen unter Umständen nicht mehr, als auch die Interaktion mit anderen (z. B. Angehörige) und letztlich die Form der Integration in diverse Handlungssysteme werden davon betroffen. Bei ungünstigen Verläufen kann dies zu desintegrativen Prozessen führen (Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung, Überforderung von Angehörigen etc.), die dann wiederum zu Determinanten für den weiteren Krankheitsverlauf werden. Und umgekehrt wird der Verlauf der Krankheit positiv beeinflusst, wenn im Lebensführungssystem z. B. soziale Unterstützung, sozialer Einfluss, soziales Engagement und Zugang zu wichtigen Ressourcen erhalten oder aktiviert werden können.

Die Funktion der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit besteht also darin, einen Beitrag zur möglichst vollständigen Teilhabe von kranken Menschen an der Gesellschaft zu leisten, indem sie diese Menschen in deren Lebenswelt und bei deren durch die Krankheit herausgeforderten Lebensbewältigung unterstützt und begleitet. Diese Funktion führt die Soziale Arbeit dazu, dafür zu sorgen, dass sich eine Krankheit nicht im Sinne des Integrationsproblems der Gesellschaft auswirkt und daher nicht in Formen der Lebensführung transformiert wird, die zusätzlich zur körperlichen oder psychischen Erkrankung durch eine starke soziale Problematik belastet werden. Es geht hier um die möglichst weitgehende Erhaltung der Funktionalität eines Lebensführungssystems trotz (schwerer) Erkrankung. Andererseits und umgekehrt sorgt die Soziale Arbeit dafür, dass die Potenziale des Lebensführungssystems aktiviert und ggf. neue erschlossen werden, um die Krankheit möglichst gut zu bewältigen und gleichzeitig möglichst vollständig am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dieser letzte Punkt gilt insbesondere dann, wenn das Lebensführungssystem von erkrankten Menschen bereits vor deren Erkrankung durch Mangel oder ungünstige Formen der Integration gekennzeichnet war, so dass die soziale Dimension als ein ursächlicher Faktor für das Auftreten der Krankheit angesehen werden muss. In diesem Sinn ist Soziale Arbeit eine „behandelnde Profession“ im Krankheits- und Gesundheitsgeschehen.

Es geht in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit darum, Integrationsoptionen zu erhalten, also Ausschlüsse zu vermeiden, eventuell neue oder alternative Integrationsoptionen zu eröffnen und ggf. die bisherigen Formen der Integration sowie die damit zusammenhängende Lebensführung zu verändern. Es geht um die Lebensbewältigung unter den Bedingungen einer gravierenden Erkrankung, und das heißt ganz im Sinne von Böhnisch, es geht um die (Wieder-)Herstellung der subjektiven, biographisch und sozial rückgebundenen „Handlungsfähigkeit“ (Böhnisch 2005). Es geht in diesem Sinn um die Schaffung von Capabilities, also um die Schaffung von „Verwirklichungschancen“ und um die damit zusammenhängende Bildung von „Befähigungen“ (Nussbaum 2011). Mit anderen Worten und unter Bezug auf das Konzept der funktionalen Gesundheit (die konzeptuelle Grundlage des ICF) besteht das Ziel darin, eine Form der Lebensführung zu ermöglichen, die im Hinblick auf die gesellschaftliche Integration bzw. die Teilhabe an der Gesellschaft und ihrer Subsysteme als „funktional gesund“ (Oberholzer 2013) gelten kann und dem körperlichen, psychischen und sozialen Wohlergehen dient, und zwar in einer Weise, die subjektiv als „gutes Leben“ kodiert werden kann und objektiv ein Mindestmaß an Lebensqualität gewährleistet. In diesem nunmehr beschriebenen Sinn und auf der Grundlage ihrer gesellschaftlichen Funktion reklamiert die Soziale Arbeit in der gesundheitsbezogenen interprofessionellen Zusammenarbeit ihre Zuständigkeit für die spezialisierte Bearbeitung der sozialen Dimension von Krankheit und Gesundheit.

Auf dem Weg zu einer „konsolidierten Wissensbasis“ gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit

Im Qualifikationsprofil gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit halten die Autoren fest, dass die Soziale Arbeit in allen gesundheitsorientierten Handlungsfeldern verbreitet ist, aber mit einer zum Teil diffusen Aufgabenbeschreibung (Dettmers et al. 2015, 5). Die Bemühungen ein Qualifikationsprofil wie das soeben genannte zu erstellen, versuchen der Diffusität auf pragmatische Weise über Kompetenzbildung entgegenzuwirken. Das ist ein wichtiges Vorhaben. Mit einer Theorie, wie der hier kurz vorgestellten, kann ein anders geschnittener Versuch unternommen werden, ein Versuch, der gleichwohl demselben Ziel dienen soll, nämlich die Professionalisierung der Sozialen Arbeit im Gesundheitssystem weiterzubringen und das heißt in meinem Verständnis u. a. eine eigenständige Position im Konzert der interprofessionellen Zusammenarbeit einnehmen zu können. Mit der Bezugnahme auf das bio-psycho-soziale Modell, mit dem Verweis auf das große Wirkungspotenzial der sozialen Dimension sowie mit dem Anspruch auf Zuständigkeit für die Bearbeitung ebendieser sozialen Dimension, geht der Anspruch bzw. die Vision einer im Gesundheitssystem anerkannten Profession einer gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit einher.

Um sich dieser Vision anzunähern und auch um zu konkretisieren, wie eine gesundheitsbezogene Soziale Arbeit theoretisch konzipiert und daran anschließend gestaltet werden kann, bedarf es einer handlungswissenschaftlichen Ausformulierung der allgemeinen theoretischen Aussagen. Längerfristig wäre das Ziel, einen „konsolidierten Wissenskorpus“ zu erstellen, mit dem die professionelle gesundheitsbezogene Soziale Arbeit umfassend dargestellt werden kann, der überprüfte und erklärte Verfahren beinhaltet und somit Grundlagen sowohl für die Aus- und Weiterbildung, als auch für die interprofessionelle Kommunikation bieten würde. Wir haben die Konturen eines solchen Wissenskorpus in „Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie“ (Sommerfeld et al. 2016) herausgearbeitet. Hier kann den Beitrag abschließend nur eine sehr grobe Skizze der theoretischen, handlungswissenschaftlichen Gestalt und einiger ihrer wichtigsten Komponenten geliefert werden.

Das Modell des idealtypischen Prozessverlaufs in Abbildung 4 beinhaltet folgendes: Wir verstehen Soziale Arbeit grundsätzlich als auf den Lebensverlauf von Menschen bezogen. Der Gegenstand ist das Lebensführungssystem eines Menschen, das durch eine Erkrankung beeinträchtigt wird. Dieses Lebensführungssystem hat zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewordene Gestalt, Struktur und Dynamik. Es beinhaltet spezifische Formen der Integration und das Individuum verfügt über ein spezifisches Vermögen, das in der Grafik noch mit dem Begriff der Ressourcen (Kapitalien und Kognitions-Emotions-Verhaltensmuster – KEV-Muster) bezeichnet ist. Durch die Erkrankung wird das Lebensführungssystem herausgefordert, es stellen sich Bewältigungsaufgaben.

Je nach Schwere der Erkrankung und nach Verfassung des Lebensführungssystems stellen sich mehr oder weniger weitreichende Herausforderungen, deren Bewältigung einen mehr oder weniger weitreichenden Wandel des Lebensführungssystems bedingen. Diesen Wandel zu begleiten und den betroffenen Menschen mit seinen / ihren Bewältigungsaufgaben zu unterstützen, ist die Aufgabe der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit. Es hat sich in unserer Forschung gezeigt und ist ein methodischer Konsens, dass zur Strukturierung eines solchen Prozesses Zieldefinitionen hilfreich sind. Bei weitreichenden Wandelprozessen, wie z. B. bei der Überwindung einer schweren Sucht und ihrer sozialen Folgen, oder aber auch bei durch Unfall bedingter Querschnittlähmung, sind solche Zieldefinitionen in einem umfassenden Sinn als subjektiv bedeutsame Zukunftsvisionen zu verstehen. Die Zieldefinitionen oder Zukunftsvisionen modellieren in spezifischer Weise die Gestalt des Lebensführungssystems in der Zukunft ebenso wie die kurz-, mittel- und langfristigen Bewältigungsaufgaben, die der ...

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