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Hand in Hand mit dir

1. KAPITEL

Nebelschwaden hingen über dem kleinen See am Fuß des Blue Mountain. An diesem Septembermorgen wollte Ethan Red Wolf sich endlich seiner Vergangenheit stellen. Die Erinnerungen daran hatte er jahrelang verdrängt.

Diesmal kommst du mir nicht so einfach davon, Meggie.

Über den verletzten jungen Adler, der sich am Ufer an einen Felsen kauerte, würde er einen ausführlichen Bericht abgeben müssen. Und das bedeutete, dass er sich mit ihr unterhalten müsste.

„Ganz ruhig“, sagte er zu dem zitternden Raubvogel. Ethan verstaute die Kamera im Rucksack und ging in die Hocke, um sich das Tier mit dem verwundeten Bein und dem lahmen Flügel genauer anzusehen.

Dann stieß er einen leisen Fluch aus: Jemand hatte dem Vogel außerdem sämtliche Schwanzfedern ausgerupft.

Zum Glück war es die letzten beiden Tage lang kühl und regnerisch gewesen. Unter diesen Bedingungen hatten die Wölfe und Kojoten nicht so leicht die Spur des verletzten Tieres aufnehmen können.

Vorsichtig nahm er den Vogel hoch. „Keine Angst, meine Süße“, raunte er der Adlerdame zu. „Alles wird gut.“ Beim Aufstehen drückte er das Tier sachte an die Brust, dann kletterte er über die Felsen zu seinem Haus. Es lag auf der anderen Seite des winzigen Sees, der im Nebel der Abenddämmerung vor ihm lag.

Ach Meggie, dachte er. Jetzt sprechen wir also doch wieder miteinander!

Es wäre das erste Gespräch, seit sie vor sechs Jahren von der Westküste nach Montana zurückgekehrt war. Genau genommen hatten sie schon seit neunzehn Jahren kaum mehr als zehn Worte miteinander gewechselt.

Natürlich hatten sie sich gegrüßt, wenn sie sich in der Stadt begegnet waren. Und als Ethan als Vorarbeiter auf der Ranch ihres Bruders gearbeitet hatte, hatten sie sich sogar ein kurzes „Wie geht’s?“ zugerufen. Aber einer von ihnen hatte immer so schnell wie möglich Reißaus genommen. Er, weil sie eine verheiratete Frau gewesen war. Das war aber nicht der einzige Grund gewesen.

Ja, und sie? Sie hatte ihm ihren Grund ins Gesicht geschleudert – damals, als sie beide zusammen zum Schulabschlussball gegangen waren. „Du bist nicht der richtige Mann für mich“, hatte sie gesagt.

Heute sorgte das Schicksal in Gestalt eines jungen Adlerweibchens dafür, dass er und Meggie wieder miteinander reden müssten. Nachdenklich betrachtete Ethan den Vogel. „Wenn du wüsstest“, murmelte er.

Statt sich auf der Polizeiwache mit Meggies Stellvertreter Gilby Pierce zufriedenzugeben, würde er die Chefin höchstpersönlich verlangen – und wenn es nur deswegen war, weil er ihr einmal länger als nur ein paar Sekunden ins Gesicht sehen wollte.

Er überquerte eine kleine Wiese. Etwa zweihundert Meter vom See entfernt stand das kleine Wohnhaus, das sein Großvater Davis O’Conner vor einem halben Jahrhundert errichtet hatte. Es war umgeben von Kiefern und Laubbäumen, deren Blätter in herbstlichen Goldtönen leuchteten.

Hier war Ethan seit gut einem Jahr zu Hause.

Ob Meggie seitdem je zu dem Gebäude herübergesehen und dabei an ihn gedacht hatte? Immerhin wohnte sie mit ihrem sechzehnjährigen Sohn nur wenige Hundert Meter entfernt.

Bild dir bloß nichts ein, ermahnte Ethan sich. Sicher war Meggie längst nicht mehr der Teenager von damals. Inzwischen musste eine knallharte Frau aus ihr geworden sein – das verlangte allein schon ihr Beruf. Vor mittlerweile sechs Jahren hatten der Bürgermeister Hudson Leland und der Stadtrat sie zur Polizeichefin von Sweet Creek ernannt.

Ethan ließ den Blick über das Seeufer schweifen, bis er den großen Steinblock fand, neben dem er das junge Adlerweibchen gefunden hatte. Genau auf diesem Felsen hatte ihm die achtzehnjährige Meggie McKee damals ewige Liebe geschworen.

Seufzend zog er den Raubvogel enger an sich und ging auf das Haus zu.

Umrahmt von Pappeln mit herbstlich gelben Blättern, lag die Tierklinik am Stadtrand von Sweet Creek. Ethan blinzelte. Die aufgehende Sonne spiegelte sich in der Windschutzscheibe des Tierarztwagens, der vor dem Gebäude parkte, und blendete ihn.

Nachdem er das verletzte Tier eingeliefert hatte, versprach Ethans alter Schulfreund, der Tierarzt Kell Tanner, sein Bestes zu tun. Die Adlerdame befand sich zwar in einem kritischen Zustand, aber hatte eine reelle Überlebenschance.

Als Ethan wieder nach draußen trat, wärmte die Morgensonne sanft sein Gesicht. Er blickte über die Straße in Richtung Stadt und sah in einiger Entfernung Meggies Kleintransporter vor der Polizeiwache stehen. Offenbar war sie immer noch Frühaufsteherin. Genau wie damals.

Ethan zog eine Baseballkappe aus der Tasche und setzte sie auf. Er war bereit.

Schwungvoll stieg er in den Wagen und fuhr rückwärts vom Kiesparkplatz der Tierklinik. Wie Meggie wohl darauf reagieren würde, was er ihr gleich erzählen wollte? Wahrscheinlich würde es die Situation zwischen ihnen nur noch verschlimmern, wenn er sämtliche Hobbyschützen von Sweet Creek auf die Verdächtigenliste setzte. Und damit auch ihren Sohn. Aber der Adlerdame zuliebe musste er das riskieren.

Meggie führte sowieso schon lange ihr eigenes Leben, das mit Ethan rein gar nichts zu tun hatte. Trotzdem hatte er sie immer im Auge behalten, hatte mitverfolgt, wie sie die Leitung der Polizeiwache übernommen hatte. Im Stillen hatte er beobachtet, wie ihr Sohn Beau von einem sommersprossigen kleinen Jungen zu einem halbstarken Teenager herangewachsen war. Einem Teenager, der Ethan auf unheimliche Weise an seine eigene Jugend erinnerte.

Und Meggie nannte sich inzwischen Meg. Meg, die starke Frau, die wusste, was sie wollte. Egal, für Ethan würde sie immer Meggie bleiben – das warmherzige, liebevolle Mädchen von damals.

Sein Puls raste, als er vor dem flachen, rechteckigen Holzhaus hielt, in dem seit rund zwei Jahrzehnten die Polizeiwache untergebracht war. Wenig später betrat er das Gebäude und fand sich in einem Raum wieder, der fast die gesamte Frontseite einnahm. Tageslichtstrahler sorgten dafür, dass es drinnen so hell war wie an einem sonnigen Julitag.

Meggie stand mit ihrem Stellvertreter Gilby Pierce und der Sekretärin Sally Dunn an der rechten Wand. Offenbar studierten sie eine Landkarte. Als Ethan hereinkam, drehten sich alle drei wie auf Kommando um und musterten ihn.

Erschrocken wich Meggie zurück. Schnell fing sie sich wieder und lächelte ihn an – aber Ethan wusste, dass sie das nur tat, um ihren Kollegen gegenüber den Schein zu wahren. Dann kam sie auf ihn zu.

Fünf lange Sekunden fiel es ihm schwer zu atmen. Meggie.

„Guten Tag, Mr. Red Wolf“, begrüßte sie ihn.

Aha, Mr. Red Wolf also. Wollte sie ihren Kollegen zuliebe ein bisschen Theater spielen? Auch gut. „Guten Tag, Chief McKee“, gab er zurück.

Ihre blaue Uniform sah tipptopp aus, und mit der Waffe am Gürtel wirkte sie ganz wie die vorbildliche Polizeichefin. „Können wir irgendetwas für Sie tun?“

Tief sah er ihr in die betörend blauen Augen. Na, Meggie, wie fühlt es sich an, mir nach so vielen Jahren ins Gesicht zu schauen? „Auf jeden Fall“, antwortete er. „Ich habe einen angeschossenen Adler auf meinem Land gefunden und frage mich, ob da vielleicht ein Wilderer zugeschlagen hat.“

Sie hob die sanft geschwungenen Augenbrauen. „Würden Sie das bitte genauer erklären?“

„Der Vogel hat viele Federn an Schwanz und Flügeln verloren. Kell näht gerade die Wunde am Bein und schient den gebrochenen Flügel.“

„Dann lebt der Adler also noch?“

„So gerade eben.“

Sie musterte ihn kritisch, und er erwiderte den Blick. Ihr dunkelbraunes Haar war ein ganzes Stück kürzer als seins. Sie trug keinen Lippenstift, hatte bloß etwas Rouge aufgelegt. Und so direkt hatte sie ihn früher als junges Mädchen nie angesehen. Ihm fielen die feinen Linien um ihre Augen auf. Auf einmal empfand er Mitgefühl mit ihr: Wahrscheinlich hatte sie in den letzten Jahren auch viel Trauriges erlebt. Zwar waren sechs Jahre seit der Trennung vergangen. Aber vielleicht trauerte sie ja noch ihrem Exmann hinterher, dem renommierten Dr. Doug Sutcliffe? Die Vorstellung, dass Meggie in Gedanken bei einem anderen Mann war, gefiel ihm gar nicht – warum, das wollte er lieber nicht genauer ergründen. Jetzt erst recht nicht, denn schließlich gehörten sie schon längst nicht mehr zusammen.

Eigentlich haben wir nie zusammengehört, dachte er.

„Kommen Sie am besten mit in mein Büro“, schlug Meggie vor und ging einen kurzen Flur entlang. Sie führte Ethan in ein kleines Zimmer, in dem ein länglicher Holzschreibtisch mit einem Computer darauf stand. An der rechten Wand türmten sich in einem Regal die Akten, und an der linken hingen eine Landkarte der näheren Umgebung und mehrere Fahndungsbilder.

„Bitte, nimm Platz“, forderte sie ihn auf. Sie spielte kein Theater mehr für ihre Kollegen, gab sich aber immer noch betont sachlich.

Ethan setzte sich auf den einzigen Stuhl, auf dem sich keine Akten stapelten. Ihm gegenüber lehnte Meggie sich an die Schreibtischkante und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wo hast du den Vogel denn gefunden?“

„Am anderen Seeufer, auf meiner Seite“, erklärte er und beobachtete sie aufmerksam. Bestimmt musste sie jetzt auch daran denken, dass sie sich als Teenager genau dort geküsst hatten.

„Kann es sein, dass jemand heimlich die Übungsanlage auf deinem Grundstück benutzt hat?“, erkundigte sie sich.

„Du weißt doch, dass es den Schießplatz inzwischen nicht mehr gibt“, erwiderte er. Im letzten Frühjahr war der Pachtvertrag mit der Stadt ausgelaufen. Danach hatte Ethan alle Zielscheiben entfernt, die Schießstände abgerissen und außerdem die Hindernisstrecke abgebaut, auf der jährlich das Wettschießen zu Pferd stattgefunden hatte. Kein einziges Detail sollte mehr an den Übungsplatz erinnern, den Ethans Großvater vor dreißig Jahren errichtet hatte. An dessen Stelle wollte Ethan einen Reiterhof für Kinder mit Problemen aufbauen – Kinder, wie er eines gewesen war.

„Mir ist völlig klar, dass die Schießstände weg sind“, sagte Meggie. „Das heißt aber noch lange nicht, dass die Leute nicht trotzdem ihren alten Übungsplatz nutzen.“ Sie lächelte schief. „Reine Gewohnheit. Manche denken vielleicht, es sei noch erlaubt.“

„Na ja, ich habe immerhin ein paar Verbotsschilder aufgestellt.“ Ethan rückte ein Stück vom Schreibtisch ab, als er bemerkte, dass seine Stiefel fast ihre Schuhe berührten. „Aber wahrscheinlich hast du recht. Die Schießkameraden vom Bürgermeister denken möglicherweise, dass das Verbot nicht für alle gilt.“

Sie hielt seinem Blick stand und zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Was willst du damit sagen, Ethan?“

Ein heißkalter Schauer durchfuhr ihn. Wann hatte sie ihn zum letzten Mal bei seinem Namen genannt? Daran konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern.

„Damit will ich sagen, dass ich Leute mit Gewehren auf dem Blue Mountain gesehen habe.“ Und dein Sohn war mit von der Partie, fügte er in Gedanken hinzu.

Meggie stieß sich von der Tischkante ab und setzte sich an den Computer. „Wen denn?“, hakte sie geschäftsmäßig nach und kehrte die Polizeichefin hervor.

„Ach, ein paar Jugendliche.“

Sie warf ihm einen ernsten Blick zu. „Und die hatten Gewehre dabei?“

„Ja.“

„Ich will wissen, wen genau du gesehen hast, Ethan.“

Ethan. Schon wieder. Zum zweiten Mal innerhalb von sechzig Sekunden hatte sie seinen Namen ausgesprochen. Er räusperte sich. „Randy, Linc Lelands Sohn und damit der Enkel des Bürgermeisters …“

„Ja, die Lelands kenne ich“, gab sie scharf zurück. Dann fing sie sich wieder und fuhr mit ruhiger Stimme fort: „Entschuldige, ich wollte dich nicht so anfahren. Ich bin bloß … Na ja, es überrascht mich jedenfalls nicht.“

Natürlich nicht. Als Ethan zur Highschool gegangen war, hatten Linc Leland und Jock Ralston – und manchmal auch Meggies Stellvertreter Gilby Pierce – ihm das Leben zur Hölle gemacht. Und immer wieder hatte seine wunderbare, mutige Meggie sich schützend vor ihn gestellt.

Er wartete noch einen Augenblick. „Dein Sohn war übrigens auch dabei“, fuhr er fort.

„Beau?“ Entsetzt starrte sie ihn an. „Beau war mit Randy zusammen? Wann war das?“

„Am letzten Sonntag. Die beiden haben auf meinem Land auf abgestorbene Äste geschossen.“

Meggie tippte seine Antwort in den Computer ein. „Hast du mit ihnen gesprochen?“

Ethan zögerte. „Ja, ich habe ihnen gesagt, dass sie sich einen anderen Übungsplatz suchen sollen. Den in Livingston zum Beispiel oder in Bozeman. Und ich habe ihnen klargemacht, dass sie sich auf Privatgelände befinden.“ Meggies Sohn hatte darauf bloß mit den Schultern gezuckt und gefragt, warum Ethan so einen Aufstand wegen etwas mache, das den alten O’Conner früher einen Dreck interessiert habe.

Ethan hatte geantwortet, dass Beau gefälligst seinen Hintern von seinem Grundstück bewegen solle, weil er ihn sonst höchstpersönlich zur Polizeiwache schleifen würde – direkt zu seiner Mutter, der Polizeichefin. Doch Beau hatte nur gelacht.

„Sind die Jungs dann verschwunden?“, wollte Meggie wissen.

„Ja, sind sie.“ Um sicherzugehen, war Ethan ihnen noch bis zu Beaus Pick-up gefolgt, mit dem sie schließlich zurück nach Sweet Creek gebraust waren.

„Hast du sie am Sonntag zum ersten Mal auf deinem Land erwischt?“

„Soweit ich weiß, ist Beau vorher schon mal da gewesen.“

Ihre Miene blieb ausdruckslos. „Und wann?“

„Ende Juli. Da habe ich ihn um halb acht Uhr abends am Seeufer entlanggehen sehen.“

„Hatte er da auch ein Gewehr dabei?“

„Das trug er über der Schulter.“

„Und hast du ihn damals auch angesprochen?“, fragte Meggie.

„Nein. Er hat nur eine Abkürzung über mein Grundstück genommen: Er war auf dem Weg in die Berge.“ Eigentlich handelte es sich eher um bewaldete Hügel. Mit seinen sanften Erhebungen zählte Blue Mountain jedoch schon zu den Ausläufern der Absaroka-Gebirgskette im Osten.

Meggie stand auf und ging zum Fenster, durch das warmes Sonnenlicht ins Zimmer fiel.

„Das heißt aber noch lange nicht, dass die Jungs den Adler angeschossen haben“, meinte Ethan.

„Stimmt“, sagte sie.

Vielleicht war es irgendein Wilderer gewesen – oder sogar eine ganze Gruppe. Davon hörte man ja oft in den Nachrichten und las es in der Zeitung. Die Leute verkauften die erbeuteten Wildtiere und ihre Körperteile dann für viel Geld: von Bären die Klauen, Zähne und Gallenblasen, von Elchen und Rentieren die Geweihe und Hufe. Oder eben Raubvogelfedern und – klauen.

Meggie setzte sich wieder an den Schreibtisch. „Ich bräuchte noch deine schriftliche Aussage. Bitte“, fügte sie hinzu, und ihr Blick wirkte viel sanfter als vorhin. „Wenn Beau nachher von der Schule nach Hause kommt, knöpfe ich ihn mir mal vor.“

Darum beneidete Ethan sie nicht. Er kannte die Klatsch- und Tratschgeschichten, die in Sweet Creek herumgingen. Mittlerweile hatte Meg McKees Sohn sich zu einem typischen jungen Rowdy entwickelt. Genau wie er selbst einer gewesen war.

Aber die Zeiten sind vorbei, dachte er.

„Du kannst dich in das kleine Zimmer auf der anderen Seite des Flurs setzen. Da hast du mehr Ruhe“, schlug sie vor, und er sah, wie etwas in ihren Augen aufleuchtete. Am liebsten hätte er die Hand nach ihr ausgestreckt und ihr glattes Haar berührt, das gerade bis zum Kinn reichte. Als sie Teenager gewesen waren, hatte sie es ganz anders getragen. Damals hatten sie sich ständig berührt – weil sie einfach verrückt nacheinander gewesen waren.

Ethan schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Auch sie erhob sich. Für einen Moment begegneten sich wieder ihre Blicke, und Ethan bemerkte, wie wenig sie sich in den letzten zwanzig Jahren äußerlich verändert hatte. Noch immer war sie so groß und schlank wie damals und reichte ihm trotzdem gerade bis zum Kinn.

Schließlich wandte er ihr den Rücken zu und verließ das Zimmer. Im Flur knipste er das Licht an.

„Ethan“, rief sie ihm hinterher. „Ich finde heraus, wer dahintersteckt!“

„Das weiß ich.“

Sie lehnte im Türrahmen und sah ihm nach. Irgendetwas ging ihr gerade durch den Kopf, das spürte er. Früher hätte sie es ihm einfach gesagt, ohne zu zögern.

„Weißt du“, begann sie. „Es ist schon so lange her, dass …“

Dass wir uns so nah gegenübergestanden haben? Dass wir richtig miteinander geredet haben? Ethan fielen gleich mehrere Möglichkeiten ein, den Satz zu Ende zu bringen.

Was willst du jetzt hören, Meggie? Dass ich noch ganz genau weiß, wie es damals war? Dass ich wünschte, deine beste Freundin wäre nicht in der Woche vor dem Schulabschlussball gestorben? Wie gern ich es damals ein kleines bisschen leichter für dich gemacht hätte?

„Wie geht es dir denn?“, erkundigte sie sich leise. Sie interessierte sich wirklich dafür, das konnte er sehen.

„Ach, ziemlich gut, danke.“ Und er gab ihr eine blöde, abgegriffene Standardantwort.

Ethan schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und sah auf das Formular, das sie ihm gegeben hatte. Wenn er sich nicht sofort darauf konzentrierte, warum er eigentlich hier war, würde er sich völlig vergessen und sie einfach an sich reißen. „Ich schreibe lieber schnell meine Aussage auf.“

Meggie stieß sich vom Türrahmen ab. „Alles klar. Gib den ausgefüllten Bogen nachher Sally. Und … Ethan? Vielen Dank noch mal.“

Im Büro setzte Meggie sich sofort wieder an den Schreibtisch, stützte die Ellbogen auf und vergrub das Gesicht in den Händen. Ethan.

Er hatte sich in den vergangenen zwanzig Jahren nicht verändert. Schon damals hatte er sich um schwache und verletzte Tiere gekümmert und sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Die Erinnerungen überfielen sie: Ethan mit einem verwundeten Eichhörnchen auf dem Arm oder einem jungen Rotkehlchen mit verkrüppeltem Fuß. Ethan, der ein Reh rettete, das vom Auto angefahren worden war.

Das war alles schon so lange her!

Er sah noch so aus wie damals. Andererseits hatte er sich aber auch verändert: Seine warmen braunen Augen, in die sie schon so viele Male gesehen hatte, waren von feinen Linien umgeben.

Sein Haar trug Ethan mittlerweile viel länger als mit achtzehn. Damals hatte er noch verzweifelt versucht, sich in eine Gesellschaft einzufügen, die ihn immer als Außenseiter betrachtet hatte. Inzwischen führte er sein eigenes selbstbestimmtes Leben, und sein zotteliges Haar fiel bis auf den Kragen seiner Jeansjacke. Am liebsten wäre Meggie mit den Fingern durch seine schwarzen glänzenden Strähnen gefahren. Dann könnte sie herausfinden, ob sie sich noch genauso seidig anfühlten wie früher.

Aber natürlich besaß sie nicht das Recht, ihn zu berühren – nicht mehr. Dieses Recht hatte sie vor zwanzig Jahren verloren.

Meg hatte sehr wohl bemerkt, dass er die ganze Zeit vermieden hatte, ihren Namen auszusprechen. Wahrscheinlich war sie für ihn inzwischen eine völlig Fremde. Als wären sie sich nie nah gewesen …

Doch hatte sie sich nicht genau das gewünscht, als sie vor sechs Jahren nach Sweet Creek zurückgekehrt war? Dass sie sich möglichst aus dem Weg gehen würden?

Dabei war er damals ihr allerbester Freund gewesen. Sie hatte ihm Dinge anvertraut, die sie sonst niemandem erzählt hatte. Weder ihrer besten Freundin Farrah noch ihrem Bruder Ash. Noch nicht einmal ihrem Exmann Doug.

Es klopfte. War Ethan zurückgekommen? „Herein!“

Stattdessen steckte die Sekretärin und Rezeptionistin Sally Dunn den Kopf herein. „Chief, ich wollte Ihnen das hier nur kurz zeigen, bevor ich es einscanne.“ Sie hielt Meg ein Papier hin.

„Was ist das?“

„Das ist Ethan Red Wolfs Aussage.“

Meg unterdrückte ein Seufzen. „Willst du damit sagen, dass er keine gemacht hat?“

„Doch, hat er schon. Nur anders als üblich.“ Sally legte den Bogen auf den Schreibtisch ihrer Chefin.

Es war eine Zeichnung – eine ausgesprochen detaillierte noch dazu. Einige Sekunden lang schloss Meg die Augen. Typisch Ethan! Wie stellte er sich das bloß vor? Sie könnte solch einen Bericht unmöglich vor Gericht einsetzen, falls es zu einer Verhandlung kommen sollte.

„Was soll ich damit machen, Chief?“ Sally schob den Anhänger an ihrem Goldkettchen hin und her.

Mit Schwung beförderte Meg das Formular auf ihren Ablagestapel. „Nichts, Sal“, sagte sie. „Ich kümmere mich nachher in Ruhe darum.“ Und um Ethan würde sie sich auch später kümmern.

„Er hat mir seine Handynummer gegeben. Soll ich ihn kurz anrufen und bitten, noch mal vorbeizukommen?“

Meg schüttelte den Kopf. „Ich wollte sowieso vorbeifahren, um ein paar Fotos von der Umgebung zu machen und mir den Adler in der Tierklinik anzusehen. Danke, Sally.“

Kaum war die Sekretärin draußen, griff Meg nach Ethans „schriftlicher Aussage“: Am unteren Seitenrand hatte er einen Zeitstrahl mit verschiedenen Skizzen darüber eingezeichnet. Jede einzelne davon war sorgfältig ausgearbeitet und mit Anmerkungen versehen. Rechts unten in der Ecke prangten seine Initialen in seiner typischen Schrift: spitz und zur Seite geneigt.

In einer der Zeichnungen erkannte sie deutlich ihren Sohn und Randy Leland: Beau hatte die Mundwinkel herabgezogen, und Randy guckte ihr bockig entgegen. Genau so begegnete Randy ihr immer, wenn er bei ihr zu Hause aufkreuzte, um Beau zu besuchen.

Meg wohnte außerhalb von Sweet Creek. Bis zur Stadtgrenze waren es etwa zwei Meilen. Und bis zu Ethans Grundstück bloß eine Viertelmeile.

Wenn die Sonne auf- oder unterging, wenn sie aß, wenn sie im Bett lag oder wenn sie sich mit ihrem Sohn stritt – immer musste sie daran denken, dass Ethan bloß einen Katzensprung entfernt war. Ethan. Der Mann, den sie einmal so sehr geliebt hatte. Der Mann, in dem sie einen Seelenverwandten gesehen hatte.

Vor einem Jahr hatte sie erfahren, dass er das Anwesen seines Großvaters geerbt hatte und dort einziehen wollte. Wochenlang hatte ihr die Angst davor im Nacken gesessen, dass er bald ihr Nachbar sein würde – ihr einziger.

Sie blinzelte und betrachtete wieder Ethans Zeichnung. Ihr Blick fiel auf eine gezeichnete Frauenfigur, die mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Felsblock saß. Dort, wo Ethan nach eigener Aussage das Adlerweibchen gefunden hatte.

Meg fuhr zusammen.

Das bin ja ich! Das bin ich mit siebzehn!

Damals hatte ihr das Haar bis zur Taille gereicht, und ihre Zukunft hatte noch rosig ausgesehen.

Aber warum hatte er die junge, unbedarfte Meg, die es schon so lange nicht mehr gab, eingefügt? Schließlich sollte er auf seinem Aussagebogen doch die Ereignisse festhalten, die gerade erst passiert waren.

Auf einmal war ihr alles klar: Mit dieser Skizze hatte Ethan den Tatort ganz genau kennzeichnen wollen. Er hatte gewusst, dass sie den Felsblock sofort wiedererkennen würde. Stundenlang hatten sie dort zusammen gesessen, als sie Teenager gewesen waren. Tausendmal hatte er sie dort geküsst und sie dabei sanft gestreichelt.

Auf diesem Felsblock hatten sie und Ethan von einer gemeinsamen Zukunft geträumt: von dem Haus, in dem sie später leben wollten, und von den Kindern, die sie bekommen würden. Immer neue wunderschöne Pläne hatten sie sich ausgedacht.

Offenbar hatte Ethan das nicht vergessen.

Aber Meg auch nicht. Sie hatte bloß versucht, es zu verdrängen, ihr Herz vor diesem Teil der Vergangenheit zu verschließen. Doch während sie nun Ethans Zeichnung von sich als jungem Mädchen betrachtete, erinnerte sie sich wieder an alles. Beinahe kam es ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass er sie so unendlich zärtlich angesehen hatte … Aus denselben Augen hatte er ihr heute unergründliche Blicke zugeworfen.

Was würde er nur dazu sagen, wenn er ihr Geheimnis entdeckte? Ihre Bluse verbarg die dünne Narbe, die von der Krebsoperation vor sieben Jahren zeugte. Seitdem war sie von der Krankheit verschont geblieben.

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Viel Spaß!



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