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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Von oben betrachtet sah die Landschaft mit ihren tiefgrünen Wäldern, Wiesen und Feldern wie ein Flickenteppich aus. Und dazwischen blaue Tupfen, die im strahlenden Sonnenschein glitzerten: die zahllosen Seen Dalarnas.

Sofort erschienen Bilder von früher vor Sabrinas innerem Auge. Bilder von endlosen Weiden, lichten Birkenwäldern und hübschen, in leuchtendem Falunröd getünchten Holzhäusern. Von Bädern in sprudelnden Bächen, herrlichen Nachmittagen beim Beerensammeln im Wald und …

Sabrina seufzte. Unter gewöhnlichen Umständen hätte sie gerne in diesen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Schweden geschwelgt. Doch dies waren keine gewöhnlichen Umstände, denn sie saß zusammen mit fünf weiteren Passagieren in einer kleinen zweimotorigen Propellermaschine, mehrere Tausend Meter über dem Erdboden. Und es war eindeutig ein Fehler gewesen, aus dem Seitenfenster zu blicken – jedenfalls für einen Menschen, der sich schon in hohen Gebäuden unwohl fühlte.

Ihre Finger klammerten sich um die Armstützen des Sitzplatzes. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und sie konnte kaum atmen. Um Himmels willen! Sie schloss die Augen. Drei … Zwei … Eins …

Diesen Trick, sich selbst zu beruhigen, hatte sie von ihrem Adoptivvater gelernt, und für gewöhnlich half er ihr, in Stresssituationen einen klaren Kopf zu behalten. Heute jedoch nicht. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Aufschrei, als die kleine Maschine in ein Luftloch absackte. Noch heute Morgen hatte sie es für eine gute Idee gehalten, durch den Flug nach Falun ihre Anreise zu verkürzen. Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie oft sie diese Entscheidung seitdem bereut hatte.

Die Stimme des Piloten drang aus den Lautsprechern im Passagierraum, und Sabrina zuckte unwillkürlich zusammen.

„Meine Damen und Herren, wir durchfliegen augenblicklich einen Luftraum mit leichten Turbulenzen. Wir möchten uns im Voraus bei Ihnen entschuldigen, sollte es …“

Weiter hörte Sabrina gar nicht mehr zu. Bitte, nicht auch das noch!

„Wie viele Menschen kennen Sie, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind?“

Die etwas merkwürdige Frage ihres Sitznachbarn ließ Sabrina stutzen. „Was?“

„Sie haben mich schon verstanden.“ Er lächelte. „Nun?“

Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie attraktiv er war. Die ganze Zeit über hatte sie ihn kaum eines Blickes gewürdigt, weil sie viel zu sehr mit sich selbst und ihrer Angst beschäftigt gewesen war. Jetzt aber musste sie doch zweimal hinschauen. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er hatte die Statur eines Mannes, der regelmäßig Sport trieb, und trug legere, aber elegante Kleidung: Khakihosen, dazu ein hellblaues Hemd, dessen oberster Knopf offen stand. Sein glattes schwarzes Haar wirkte sehr gepflegt, sein Gesicht war kantig und ausdrucksvoll. Und dass ihr Herz wieder anfing, schneller zu klopfen, lag diesmal ganz eindeutig nicht an den Turbulenzen. Nein, daran waren einzig und allein die grünen Augen dieses unverschämt gut aussehenden Fremden schuld!

Sie räusperte sich. „Keinen einzigen, nehme ich an“, beantwortete sie seine Frage.

„Aber Sie kennen doch sicher Leute, die schon einmal in einen Verkehrsunfall verwickelt waren? Vielleicht hatten Sie selbst auch schon mal das Pech?“

Sie hob die Schultern. „Sicher, aber …“

„Sehen Sie? Es ist heutzutage viel gefährlicher, sich im Straßenverkehr einer Großstadt zu bewegen, als in ein Flugzeug zu steigen.“ Er lächelte wissend. „Aber ich gestehe, dass es mir früher genauso gegangen ist. In Flugzeugen fühlte ich mich hilflos und ausgeliefert, und mir trat schon der kalte Schweiß auf die Stirn, wenn ich nur daran dachte, eins zu betreten.“

„Und wie haben Sie es geschafft, Ihre Angst in den Griff zu be…?“, begann Sabrina, doch da ging plötzlich ein Ruck durch die Maschine. Dieses Mal konnte sie einen leisen Aufschrei nicht mehr unterdrücken. Doch als sich plötzlich eine Hand in ihre schob und sie sanft drückte, gelang es ihr, die Panik zurückzudrängen.

Sobald die Maschine wieder ruhig durch die Luft glitt, atmete Sabrina tief durch. Es war ihr ein wenig peinlich, dass sie so die Kontrolle verloren hatte. Verlegen zog sie ihre Hand zurück. „Danke …“

Lächelnd winkte er ab. „Keine Ursache. Es ist mir stets eine Freude, hübschen jungen Damen in Not behilflich zu sein.“

Sabrina lächelte ebenfalls. „Das klingt, als käme es häufiger vor.“

„Nicht so häufig, wie ich es mir wünschen würde“, erwiderte er schlagfertig. „Mein Name ist übrigens Jonas.“

„Ich heiße Sabrina. Sie sind Schwede?“

Er nickte. „Ich war geschäftlich für ein paar Tage in Deutschland und bin nun auf dem Weg zu einem neuen Auftrag in Dalarna.“

Zum ersten Mal seit dem Start vergaß Sabrina, dass sie sich weit über dem Erdboden befand. Sie lächelte. „Dorthin bin ich auch unterwegs. Ich bin zwar gebürtige Deutsche, aber in Dalarna aufgewachsen, im Haus meines Adoptivvaters. Dann bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, um zu studieren.“

„Und nun wollen Sie Ihrem Adoptivvater einen Besuch abstatten?“

Ein Schatten legte sich auf ihr Gesicht. „Nicht ganz. Er ist vor Kurzem schwer erkrankt, deshalb habe ich mein Studium unterbrochen, um für ihn zu sorgen, bis es ihm wieder bessergeht.“

„Er kann wirklich froh sein, Sie zu haben. Ich kenne nicht viele Menschen, die kurzerhand alles stehen und liegen lassen würden, um jemand anderem zu Hilfe zu eilen.“

„Für mich ist das ganz selbstverständlich. Er war immer da, wenn ich Hilfe brauchte. Da ist es nur recht und billig, dass ich mich jetzt um ihn kümmere.“

Das Flugzeug schüttelte sich leicht, doch diesmal war es für Sabrina nicht halb so schlimm. Zu ihrer Überraschung musste sie feststellen, dass die Unterhaltung mit Jonas ihre Furcht vollkommen in den Hintergrund hatte rücken lassen. Fast wünschte sie sich, ihn ein wenig besser kennenzulernen, doch dann rief sie sich zur Ordnung. Sie war hier, um sich um Sigmund und seine Firma zu kümmern, und damit würde sie vermutlich mehr als genug zu tun haben.

Davon abgesehen hielt sie sich seit der Katastrophe mit Daniel von Männern lieber fern …

Sabrina verzog das Gesicht. Vielleicht war es tatsächlich besser, wenn sich Jonas’ und ihre Wege gleich wieder trennten. Dennoch verspürte sie einen Hauch von Bedauern, als das Anschnallzeichen aufleuchtete und der Pilot verkündete, dass sie in wenigen Minuten landen würden.

Sanft setzte der Flieger auf der Landebahn auf und rollte weiter zum endgültigen Haltepunkt. Sobald das Anschnallzeichen erlosch, kam Bewegung in die wenigen Passagiere. Niemand schien es abwarten zu können, der Enge der kleinen Propellermaschine zu entkommen.

Auch Jonas erhob sich von seinem Platz und zog seinen Aktenkoffer aus dem Gepäckfach über den Sitzen. Dabei betrachtete er noch einmal verstohlen die junge Deutsche, die während des Fluges neben ihm gesessen hatte. Sie war ausgesprochen hübsch, keine Frage. Selbst in den schlichten dunkelblauen Jeans und dem Rollkragenpullover sahen ihre weiblichen Rundungen aufregend aus. Schulterlanges rotblondes Haar umrahmte ein herzförmiges Gesicht mit verführerisch geschwungenen Lippen und den herrlichsten blauen Augen, die Jonas je gesehen hatte.

Die männlichen Passagiere betrachteten sie mit unverhohlener Bewunderung, doch sie schien sich ihrer umwerfenden Wirkung auf das andere Geschlecht gar nicht bewusst zu sein.

Vielleicht versteht sie es auch nur besonders gut, sich zu verstellen …

Jonas schüttelte den Kopf. Es spielte keine Rolle, denn er würde sie ohnehin nicht wiedersehen – und das war auch besser so. Irgendwie wurde er nämlich das Gefühl nicht los, dass er nicht so leicht wieder von ihr loskommen würde, wenn er sie erst einmal näher kennenlernte. Und eine Frau, die sein Leben zusätzlich verkomplizierte, konnte er im Augenblick wirklich nicht gebrauchen. Eigentlich hatte er sie ja nicht einmal ansprechen wollen, doch als er ihre Furcht bemerkte, waren ihm die Worte einfach so herausgerutscht.

„Ich hoffe, dass es Ihrem Adoptivvater bald wieder bessergeht“, sagte er zum Abschied.

„Ja, das hoffe ich ebenfalls – und haben Sie vielen Dank.“

„Wofür?“

Eine leichte Röte überzog ihre Wangen. „Für Ihren Beistand. Ich glaube, ohne Sie wäre ich verrückt geworden vor Angst.“

„Keine Ursache.“ Er zwinkerte ihr zu. „Wann fliegen Sie zurück? Ich frage nur, damit ich rechtzeitig den Platz gleich neben Ihnen reservieren kann.“

Zum ersten Mal hörte er sie lachen, und es war, als würde nach einer Nacht voller Dunkelheit die Sonne aufgehen. Ihre Augen blitzten vor Vergnügen, und Jonas widerstand mit knapper Not der Versuchung, sie einfach so, gleich hier an Ort und Stelle, in seine Arme zu ziehen.

Nichts wie weg!

Er nickte ihr noch einmal kurz zu, dann verließ er beinahe fluchtartig die Maschine. Selbst als er als erster Passagier an der Gepäckausgabe stand, glaubte er noch immer, ihr leicht kehliges Lachen zu hören. Er war froh, dass seine Reisetasche eine der ersten war, die über das Band rollten, denn so konnte er verschwinden, bevor er Sabrina noch einmal über den Weg lief.

Ob es ihm noch einmal gelingen würde, sich zurückzuhalten, konnte er nämlich nicht mit Sicherheit sagen.

Da sie nicht gleich einen Mietwagen bekam, musste Sabrina die Nacht im Flughafenhotel verbringen. Doch Schlaf fand sie nur wenig. Die ganze Zeit musste sie immer wieder an Jonas denken, und als es ihr schließlich doch gelang, einzuschlummern, schlich er sich sogar in ihre Träume. Es irritierte sie, dass eine flüchtige Begegnung gereicht hatte, sie derart zu beeindrucken.

Am Morgen stand dann endlich ein Wagen für sie bereit, und sie fuhr die knapp einhundert Kilometer nach Mora, um ihren Adoptivvater im Krankenhaus zu besuchen.

Als sie schließlich, nach etwa zweistündiger Fahrt, den Gang zu seinem Zimmer hinaufging, empfand sie ein leichtes Ziehen in der Magengegend, Zeichen ihrer inneren Anspannung. Sie hatte den ganzen Weg auf sich genommen, um Sigmund zu sehen, doch jetzt verspürte sie einen Anflug von Furcht. Der Moment der Wahrheit nahte. Sie erreichte sein Zimmer, blieb einen Moment vor der Tür stehen und atmete noch einmal tief durch. Dann klopfte sie an und trat ein.

Sigmunds Anblick versetzte ihr einen Stich. Der Mann, der für sie immer ein Fels in der Brandung gewesen war, lag mit geschlossenen Augen in seinem Krankenbett. Seine Haut war aschfahl, das Gesicht eingefallen. Als er ihre Anwesenheit bemerkte, öffnete er die Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen.

„Sabrina, was tust du denn hier?“

Sie schluchzte leise auf, als sie zu seinem Bett eilte, um ihn vorsichtig – er wirkte so zerbrechlich – in die Arme zu schließen. „Das fragst du noch, Pappa? Hast du wirklich geglaubt, ich könnte einfach zu Hause rumsitzen und die Hände in den Schoß legen, nach so einer schrecklichen Nachricht?“ Sie warf ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick zu. „Dass ich von deinem Zusammenbruch erst von Tante Pernilla erfahren musste, nehme ich dir übrigens übel, Pappa. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du Hilfe brauchst?“

Sanft strich er ihr übers Haar. „Ach, min älskling, ich wollte nicht, dass du dir meinetwegen Sorgen machst. Mein altes Herz spielt manchmal ein wenig verrückt. Aber du kennst mich doch, ich komme schon wieder auf die Beine. Unkraut vergeht nicht.“

Sabrina rang sich ein Lächeln ab, während sie mit den Tränen kämpfte. Typisch Sigmund Ahlström! Sein Optimismus war einfach unerschütterlich. In den vergangenen zwanzig Jahren war er für sie zum besten Freund und engsten Vertrauten geworden. Ihre Mutter hatte Sigmund nach dem frühen Tod ihres ersten Ehemannes, Sabrinas leiblichem Vater, geheiratet, und nachdem sie einfach fortgegangen war, hatte er sich um seine Adoptivtochter, die achtjährige Sabrina, wie ein Vater gekümmert, hatte ihr bei allen Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens zur Seite gestanden.

Außer ihm hatte Sabrina niemanden mehr auf der Welt. Auch nach der Sache mit Daniel hatte er ihr geholfen und sie wieder aufgerichtet. Was sollte sie nur tun, wenn er …

Nein! Sie blinzelte die Tränen fort und rang sich ein Lächeln ab. Sie war nicht nach Dalarna gereist, um sich von Sigmund zu verabschieden, sondern um ihm zu helfen! Sie verdankte ihm so viel, da war dies das Mindeste, das sie für ihn tun konnte. Am besten fing sie gleich damit an.

Entschlossen sah sie ihn an. „Hast du schon darüber nachgedacht, wer die Firma leiten soll, bis du wieder gesund bist, Pappa?“

Zwei Tage später legte Sabrina seufzend den Stapel mit den überfälligen Rechnungen zur Seite und nahm sich die Mahnschreiben vor. Dann schüttelte sie den Kopf, stützte die Ellbogen auf die Schreibtischplatte und barg das Gesicht in den Händen.

Nach dem Besuch im Krankenhaus war Sabrina gleich zum Anwesen ihres Vaters gefahren, das ein wenig außerhalb der kleinen Ortschaft Storfjället am Waldrand lag. Der ehemalige Bauernhof war Wohn- und Arbeitsstätte zugleich, Stallungen und Scheunen hatte Sigmund schon vor vielen Jahren zu Lager- und Fertigungshallen umbauen lassen. Außerdem wurde ein Seitenflügel des Haupthauses als Werkstatt genutzt.

Doch seit ihrer Ankunft hatte Sabrina bislang kaum etwas anderes gesehen als Sigmunds Arbeitszimmer, wo sie die Papiere und Unterlagen der Firma durchgegangen war.

Sigmund hatte wahrlich nicht übertrieben, als er die finanzielle Situation seines Betriebs als katastrophal bezeichnete. Und dabei hatte Sabrina all die Jahre in dem Glauben gelebt, dass es sich bei Ahlström Hemslöjdforening um ein gut laufendes und gewinnbringendes Unternehmen handelte! Ein Irrtum, wie sich nun herausstellte. Sigmunds Kunsthandwerksbetrieb, der vornehmlich die berühmten Dalahästen herstellte – leuchtend rote, mit farbenfrohen Dekorationen bemalte Holzpferdchen –, stand vor dem Aus. Und der Grund hierfür lag, soweit Sabrina das feststellen konnte, nicht an Sigmunds kaufmännischen Fähigkeiten – er hatte in der letzten Zeit einfach sehr viel Pech gehabt.

Traditionell produzierte Ahlström Hemslöjdforening die Dala-Pferdchen aus dem Holz der dichten Wälder rund um das Firmengelände. In den vergangenen zwei Jahren war jedoch ein großer Teil der Baumbestände von einem heimtückischen Pilz befallen worden, sodass der Nachschub teuer von außerhalb bezogen werden musste. Hinzu kam, dass kostspielige Modernisierungsmaßnahmen notwendig gewesen waren. Um diese zu finanzieren, hatte Sigmund Kredite aufgenommen, die er nun nicht mehr abzahlen konnte – ein wahrer Teufelskreis also.

Sabrina hatte das Gefühl, dass auch sie selbst an den finanziellen Problemen von Ahlström Hemslöjdforening mitschuldig war. Sigmund lag im Krankenhaus, weil er sich bei dem Versuch, seine Firma vor dem Ruin zu bewahren, körperlich zu viel zugemutet hatte. Sein behandelnder Arzt hatte von einem leichten Herzanfall gesprochen – ein Warnsignal, das unbedingt ernst genommen werden musste.

Während Sigmund also um die Existenz von Ahlström Hemslöjdforening kämpfte, hatte sie Monat für Monat seinen Scheck eingelöst – nicht ahnend, dass er es sich gar nicht mehr leisten konnte, sie während ihres Studiums finanziell zu unterstützen. Der Gedanke machte sie ganz krank. Und dann … Betroffen senkte sie den Blick. Womöglich war er überhaupt erst ihretwegen in diese missliche Situation geraten.

Ihretwegen und wegen Daniel, ihrem ehemaligen Verlobten. Er hatte ihr die große Liebe vorgespielt, sie ausgenutzt und dann, als ihm das Wasser bis zum Hals stand, mit einem Berg von Schulden zurückgelassen.

Als sich herausstellte, dass von ihm nichts mehr zu holen war, wendete sich die Bank an Sabrina, die für ihn gebürgt hatte. Doch das Erbe ihrer Mutter, mit dem sie ihre Verpflichtungen hätte erfüllen können, existierte nicht mehr.

Daniel hatte vor seinem Verschwinden sämtliche Konten leer geräumt.

Doch trotz aller Verzweiflung hätte Sabrina ihren Adoptivvater niemals um Hilfe gebeten, wäre sie sich über die finanzielle Lage seiner Firma im Klaren gewesen!

Vorgestern hatte sie zumindest noch die Hoffnung gehabt, einen Ausweg aus dieser katastrophalen Situation zu finden, doch diese Hoffnung schwand mit jeder Minute. Wie es aussah, blieb Sigmund tatsächlich nichts anderes übrig, als Ahlström Hemslöjdforening zu verkaufen. Zu diesem Schluss schien er ebenfalls gekommen zu sein, denn er hatte einem Verhandlungstermin mit dem Anwalt seines schärfsten Konkurrenten, der Firma Dalahästen Fabriket, zugestimmt, die typisch schwedisches Kunsthandwerk maschinell in einer großen Fabrik herstellte.

In knapp einer Stunde sollte der Anwalt, ein gewisser J. Lavander, eintreffen. Sabrina hatte Sigmund versprechen müssen, sich das Angebot unvoreingenommen anzuhören und erst danach zu entscheiden. Darüber hinaus hatte er ihr aber freie Hand gelassen. Die Vorstellung, die Firma zu verkaufen, gefiel ihr gar nicht. Auch wenn Sigmund ihr weismachen wollte, dass Ahlström Hemslöjdforening ihm nichts mehr bedeutete, so wusste sie doch, dass es ihm das Herz brechen würde, die Firma zu verlieren.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Überlegungen. Es war Inga, die Haushälterin, Bürohilfe und Köchin, so etwas wie die gute Seele von Ahlström Hemslöjdforening. „Förlåt, Sabrina, aber dein Besuch ist gerade eingetroffen. Soll ich den Herrn hereinschicken?“

„Der Anwalt ist schon da?“ Sabrina warf einen Blick auf die Uhr und runzelte missbilligend die Stirn. „Er ist viel zu früh dran – aber sei's drum. Je eher ich dieses Gespräch hinter mir habe, desto besser!“

Obwohl es Sabrina im Grunde gleichgültig war, ob sie jetzt oder in einer Stunde mit dem Anwalt sprach, ärgerte sie sich doch über seine überfallartige Taktik. Damit wollte er sie vermutlich aus dem Konzept bringen. Diese berechnende Vorgehensweise machte ihr diesen Lavander schon unsympathisch, ehe sie ihn überhaupt kennengelernt hatte. Sie beschloss, seiner Unhöflichkeit mit Desinteresse zu begegnen. Als sie hörte, wie Inga sich mit dem Anwalt näherte, nahm sie hastig eine Akte zur Hand und gab vor, diese aufmerksam zu studieren.

Sie brauchte den Blick nicht von dem Dokument zu heben, um zu merken, dass sie nicht mehr allein im Raum war. „Sabrina Ahlström“, sagte sie. „Setzen Sie sich, ich brauche noch einen Moment. So früh habe ich Sie nicht erwartet.“

Hej, Sabrina, was für eine Überraschung!“, erklang plötzlich eine entsetzlich vertraut klingende Stimme.

Sabrina fiel vor Schreck die Akte aus der Hand. O nein, bitte nicht. Alles, nur das nicht!

Langsam blickte sie auf, und ihre Augen weiteten sich, als sie den Mann sah, den sie zwei Tage zuvor auf dem Flug nach Falun kennengelernt hatte.

„Jonas?“

2. KAPITEL

Oförståeligt – unbegreiflich!

Jonas war sprachlos. In den vergangenen beiden Tagen hatte er immer wieder an Sabrina denken müssen, während er die Dokumente für den Kauf von Ahlström Hemslöjdforening vorbereiten sollte – aber er hatte nicht damit gerechnet, sie jemals wiederzusehen. Und so traute er seinen Augen kaum, als sie anstelle von Sigmund Ahlström plötzlich vor ihm saß. Unwillkürlich beschleunigte sich sein Puls, aber er zwang sich, wenigstens nach außen hin Ruhe und Gelassenheit zur Schau zu stellen.

„Ich glaube, ich habe mich neulich im Flugzeug gar nicht richtig vorgestellt“, sagte er. „Mein Name ist Jonas Lavander, und ich hatte eigentlich einen Termin mit Sigmund Ahlström. Ich nehme an, er kommt gleich?“

Sabrina wirkte ebenfalls kurz überrascht, doch sie hatte sich schnell wieder im Griff und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber Sie werden mir mit vorliebnehmen müssen.“

Jonas runzelte die Stirn. Diese Entwicklung war sowohl unerwartet als auch unerfreulich. „Um ehrlich zu sein, ich halte das für keine besonders gute Idee“, sagte er. „Herr Ahlström und ich hatten uns bereits bei einem früheren Termin über die Eckpunkte des Vertrags mit meinem Auftraggeber geeinigt, daher wäre es sicher besser, wenn …“

Sabrina schüttelte den Kopf. „Sie haben mich offenbar nicht richtig verstanden: Ein Gespräch mit meinem Vater steht augenblicklich nicht zur Debatte. Wie ich Ihnen bereits im Flugzeug erklärt habe, ist er schwer krank. Darum hat er mich gebeten, die Verhandlungen in seinem Namen zu führen. Und genau das gedenke ich zu tun. Wenn Sie damit ein Problem haben, steht es Ihnen jederzeit frei zu gehen.“

„Sigmund Ahlström ist Ihr Vater?“

„Mein Adoptivvater, um genau zu sein, ja.“

Jonas fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Das waren alles andere als gute Nachrichten. Nicht allein deswegen, weil er bereits wichtige Vorabsprachen mit Sigmund Ahlström getroffen hatte, die Sabrina jetzt vermutlich neu verhandeln wollte. Nej, Sabrina selbst war das Problem. Er fühlte sich weit stärker zu der attraktiven Deutschen hingezogen, als für eine geschäftliche Beziehung angemessen war. Bereits im Flugzeug hatte er der Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, kaum widerstehen können. Doch da war sie eine Fremde für ihn gewesen, bezaubernd und verlockend zwar, aber er hatte geglaubt, er würde sie niemals wiedersehen. Nun aber sah die Sache vollkommen anders aus, und Sabrina sollte seine neue Verhandlungspartnerin sein.

Dass sie es beinahe mühelos schaffte, ihn aus dem Konzept zu bringen, würde es ihm nicht gerade leicht machen, die Interessen seines Klienten zu vertreten. Jonas wusste nur zu gut, was geschehen konnte, wenn man Geschäftliches und Privates nicht strikt voneinander trennte. Um ein Haar hätte er auf diese Weise die Kanzlei Lavander – das Lebenswerk seines Vaters – in den Ruin getrieben.

„Was soll nur aus dir werden, Junge?“, hatte Vilmar Lavander einmal zu ihm gesagt. „Das Leben besteht doch nicht nur aus Frauen und Feiern!“

Vielleicht hätte Jonas damals auf ihn hören sollen. Heute wünschte er sich, er wäre nicht so verbohrt und engstirnig gewesen. Doch was geschehen war, war geschehen – und die Fehler der Vergangenheit konnten nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Das Einzige, das er noch tun konnte, war die Kanzlei im Sinne seines Vaters weiterzuführen. Doch ausgerechnet deren Zukunft stand nun auf Messers Schneide. Schon allein deshalb würde er den Fehler, den er mit Johanna begangen hatte, nicht wiederholen …

Er atmete tief durch. Am liebsten wäre er einfach aufgestanden und gegangen, aber das kam natürlich nicht infrage. Er hatte einen Auftrag, und den würde er auch ausführen – nichts und niemand konnte ihn davon abhalten. Schon gar nicht Sabrina Ahlström!

„Also gut, wenn Sie darauf bestehen“, entgegnete er kühl und setzte sich unaufgefordert auf einen der beiden Besucherstühle.

„Schön, können wir dann endlich beginnen?“ Sabrina wirkte ungeduldig.

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