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Der Spion ohne Vaterland

Der Roman „Hamburg – Deine Morde. Der Spion ohne Vaterland. Harald Hansens 3. Fall“ ist der dritte Teil der Trilogie. Teil 1 „Hamburg – Deine Morde. Die Moral eines Killers. Harald Hansens 1. Fall“ erschien im August 2011 im ACABUS Verlag, der zweite Teil „Hamburg – Deine Morde. Der Lippennäher. Harald Hansens 2. Fall“ im September 2011.

Alle Handlungen und Personen, ausgenommen Ereignisse und Personen der Zeitgeschichte, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Der in einer Szene auftretende Generalmajor Markus Wolf (* 19.01.1923, † 09.11.2006) war tatsächlich von 1952 bis 1986 der Leiter der Hauptabteilung Aufklärung. Sein Auftritt in diesem Roman ist aber ein Teil der Fiktion und hat so nie stattgefunden. Die Nennung von Markennamen dient lediglich der Beschreibung.

Im Glossar finden Sie Erklärungen zu zeitgeschichtlichen Begriffen und Abkürzungen, die im Roman genannt werden.

Prolog

Der alte Mann stöhnte, während er sich vorsichtig auf die Sitzfläche des Ohrensessels hinab ließ. Wie in Zeitlupe hob er die Beine auf den Fußhocker und lehnte sich zurück. Er legte sich eine Wolldecke über die Beine, nahm mit zittrigen Fingern eine filigrane Tasse von dem antiken Beistelltisch neben sich und schlürfte den heißen Tee. Bald würde die Wirkung des Schmerzpflasters einsetzen, das er sich soeben auf die Haut geklebt hatte. Dann würde es erträglich werden.

Erträglich! Eine Besserung war nicht mehr zu erwarten. Der alte Mann wusste, dass er in wenigen Wochen sterben würde. »Austherapiert«, hatte der Arzt im Krankenhaus mit professionellem Bedauern gesagt. Ein unscheinbares Wort für eine gewaltige Wahrheit.

Er würde sterben, damit hatte er sich abgefunden. Ein erfülltes, sechsundsiebzig Jahre währendes Leben lag hinter ihm. Und der Ballast falscher Taten drückte ihn nieder. Die Zeit der Befreiung war gekommen. Er würde alles offenlegen, schonungslos gegen sich selbst und die anderen. Wenigstens einmal in seinem Leben wollte er das Gefühl genießen, wahrhaftig zu sein. Den anderen würde es nicht gefallen. Und wenn schon, er schuldete ihnen nichts.

Die wenigen Tage, die ihm bei klarem Verstand blieben, würde er nutzen, um sein Vorhaben zu vollenden. Die Öffentlichkeit sollte alles erfahren. Einen großen Teil seiner Arbeit hatte er bereits geschafft, es bedurfte nur noch der mediengerechten Aufarbeitung der Informationen, um das Erdbeben in Gang zu setzen, das er sich erhoffte und leider nicht mehr erleben würde. Denn am Ende dieser Arbeit stand sein Tod, rechtzeitig herbeigeführt, bevor das Siechtum begänne.

Die Türklingel holte ihn in die Gegenwart zurück. Er schaute auf die Zeiger der Standuhr. Es war kurz vor sieben Uhr am Abend. Wer klingelte so spät an seiner Tür? Er bekam selten Besuch und so gut wie nie unangekündigt.

Verärgert und mühevoll stand er auf, schlurfte zur Wohnungstür und öffnete sie. Auf der Fußmatte stand ein etwa vierzigjähriger Mann, der mit seiner sandfarbenen Bundfaltenhose und dem dunkelgrünen Sakko wie ein mäßig erfolgreicher Vertreter aussah.

»Guten Abend, Herr Friedemann, entschuldigen Sie die Störung«, begann der Besucher das Gespräch.

»Ich kaufe nichts, verschwinden Sie!«, schimpfte der alte Mann.

»Das ist ein Missverständnis, ich will Ihnen nichts verkaufen. Ich habe nur eine Frage.«

»Dann fragen Sie, junger Mann, aber zackig!«

Der Besucher straffte die Schultern und holte Luft. »Könnte es sein, dass Sie mein Vater sind?«

Der alte Mann funkelte ihn böse an. »Ach, versuchen Sie hier eine neue Variante des Enkeltricks? Der verlorene Sohn, unverschuldet in Not geraten, braucht dringend eine größere Summe Geld? Jetzt hören Sie mal zu: Ich bin alt und gebrechlich, aber nicht senil. Verschwinden Sie oder ich rufe die Polizei!«

Friedemann trat einen Schritt zurück, um die Tür schließen zu können.

»Warten Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen«, flehte der Besucher, holte ein vergilbtes Foto aus seiner Sakkotasche und hielt es dem alten Mann unter die Nase. »Links, das ist meine Mutter. Und daneben – ich glaube, das sind Sie.«

Friedemann setzte die Lesebrille auf, die er seit einiger Zeit an einem Lederbändchen um seinen Hals trug, weil er sie vorher zu oft verlegt hatte. Er nahm dem Besucher das Foto aus der Hand und betrachtete es sehr gründlich.»Oh mein Gott, das ist Margot!«, entfuhr es ihm schließlich. »Bitte, kommen Sie herein.«

Kapitel 1

Harald Hansen hockte auf der Ecke einer Armlehne seines schäbigen Sofas – in der linken Hand einen Becher Kaffee, in der rechten eine Zigarette – und betrachtete ratlos das Chaos, das sein Vorhaben ›Umzug‹ verursacht hatte. Der Aschenbecher stand auf einem dieser praktischen Faltkartons, die ihm die Möbelspedition massenweise zur Verfügung gestellt hatte. Er würde nur einen Bruchteil davon brauchen, denn der größte Teil seiner Besitztümer gehörte auf den Müll.

Der Hauptkommissar der Hamburger Mordkommission löste mit dem Umzug ein Versprechen ein, das er seiner zwanzig Jahre jüngeren Lebensgefährtin Nadja Kunze vor zwei Jahren gegeben hatte. Wenn ihre Beziehung bis zu seiner Pensionierung noch intakt sein sollte, würde er zu ihr und ihrer Tochter Mareike ziehen.

Das hatte er versprochen. Nun war es soweit. In drei Wochen dürfte er sich nur noch Hauptkommissar a. D. nennen. Kein Dienstausweis, kein Diensthandy, keine Dienstwaffe und kein Dienstwagen. Hansen hatte keinen blassen Schimmer, wie sein Dasein dann funktionieren sollte, es lag außerhalb seiner Vorstellungskraft.

Ja, er hatte seine Einstellung zum Leben allgemein und zu seinem eigenen im Besonderen geändert, seitdem er vor zwei Jahren beinahe in der Elbe vor Brunsbüttel ertrunken wäre und später im Krankenhaus erfahren hatte, dass sein Herz schwächelte. Inzwischen lebte er mit zwei Stents, die man ihm eingesetzt hatte, um verengte Gefäße zu erweitern und Hansen hatte begonnen, den Raubbau an sich selbst zu reduzieren.

Wirklich konsequent war ihm das nicht gelungen. Er hätte das Rauchen ganz aufgeben sollen, zurzeit kam er mit fünf bis zehn Stück aus. Er hätte fünfzehn bis zwanzig Kilo abnehmen sollen, geschafft hatte er fünf. Die Ärzte rieten ihm, den Alkohol generell zu meiden, er vermied lieber den Rat der Ärzte.

Natürlich gab es Auseinandersetzungen mit Nadja. Sie reagierte meistens tolerant und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu maßregeln. Andererseits war sie eine ausgebildete OP-Schwester und kannte die Risiken. Für Nadja war es nicht leicht, den Drahtseilakt zwischen Sorge und Bevormundung zu meistern. Dass sie es geschafft hatte, war ein Grund mehr, das Wagnis einer gemeinsamen Wohnung einzugehen.

Hansen war in den letzten zwei Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass sein Leben aus mehr bestehen könnte und müsste als der Jagd nach Mördern. Er hatte alte Leidenschaften wiederentdeckt, die in Vergessenheit geraten waren. Er las Bücher, nicht nur die Geschichten der Kinderbücher, denen die inzwischen achtjährige Mareike atemlos lauschte, sondern auch solche, die seinen Gehirnzellen einen kräftigen Schubs gaben. Er kramte seine alten Vinylscheiben aus dem Keller hervor, wunderte sich, dass man Plattenspieler noch als Neuware erwerben konnte, schritt zur Tat und kaufte sich eine komplette HiFi-Anlage mit Verstärker, Lautsprechern und Plattenspieler. Er brauchte einen halben Tag, um alle Bedienungsanleitungen zu lesen, die Geräte aufzubauen und alle Kabel korrekt zu verbinden. Dann legte er erwartungsvoll die erste Scheibe auf, Heinz Rudolf Kunze – Live! Das Anheben des Tonabnehmers, das Führen an die richtige Stelle und das Umlegen des Hebels zum Absenken des Tonabnehmerarms empfand Hansen wie eine bedeutsame rituelle Handlung. Die Nadel des Tonabnehmers nahm sanft Kontakt zur Oberfläche der Vinylscheibe auf. Hansen lauschte gebannt dem anfänglichen Knistern und die ersten Töne genügten, um Erinnerungen in ihm hervorzurufen, die zu einer rasanten Zeitreise führten.

Hansen war im Grunde einer aus der 68er-Generation, also einer von denen, die Polizisten als Bullen beschimpften und mit Pflastersteinen bewarfen. Diese Leute waren Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre der Schrecken der gutbürgerlichen Schichten, die sich damals nie hätten träumen lassen, dass einer von denen später einmal als Außenminister Deutschlands eine souveräne Figur abgeben würde.

Hansen gehörte in seiner Jugendzeit nicht zu den Steinewerfern. Er war nie ein Freund von Massenaufläufen und gehörte schon im Alter von zwanzig Jahren eher zu den Sonderlingen. Nichtsdestotrotz begeisterte auch ihn die Vorstellung von mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Erotik.

Im Rückblick fiel es ihm schwer, ein Argument dafür zu finden, warum er zur Polizei gegangen war. Er hatte die Entscheidung nie bereut, obwohl es merkwürdig anmutete, dass er Anfang der Achtziger auf dem Weg zum Dienst oft den Song ›Polizisten‹ der deutschen Rockband ›Extrabreit‹ laut im Auto mitsang, der bei seinen Kollegen nicht sonderlich beliebt war.

Der Song von Heinz Rudolf Kunze, den Hansen sich anhörte, hieß ›Bestandsaufnahme‹ und obwohl er in einer anderen Zeit für eine andere Altersgruppe gemacht worden war, traf er bei Hansen ins Schwarze, denn er hatte sich mittendrin befunden – in der Bestandsaufnahme.

Nun galt es, eine neue Form des Lebens anzunehmen! Alternativ konnte man zunächst auf das Klingeln des Handys reagieren.

»Lausen hier. Na, Hansen, wie läuft’s mit den Pensionsvorbereitungen?«

Hauptkommissar Jörg Lausen war der Erste Hauptkommissar der Dienststelle LKA 41 und damit der Stellvertreter bei Abwesenheit des Leiters der Mordkommission, Kriminaloberrat Thorwald. Lausens Hauptaufgabe bestand aber in der Führung der eigenen Mordbereitschaft mit im Regelfall vier Mitarbeitern. Er befand sich ständig unter einem subjektiven Zeitdruck, weshalb er oft in unvollständigen Sätzen sprach.

»Ich stecke mitten in den Umzugsvorbereitungen und würde lieber wieder zur Arbeit kommen«, gab Hansen offen zu.

Lausen lachte. »Umzug ist Horror. Will nicht lange stören, habe nur eine kurze Frage. In meiner Truppe herrscht Personalnot, Ihr Nachfolger kommt am nächsten Ersten, würde gerne bis dahin Ihre Ressourcen nutzen. Schätze, Sie kommen nicht wieder, oder?«

Hansen war überrascht. Er hatte seinen Resturlaub genommen, um den Umzug auf die Reihe zu kriegen. Er würde eine Abschiedsfeier geben und Schluss! Im Grunde befand er sich schon im Zustand des Pensionärs. Der Erste Hauptkommissar hätte Hansens Mitarbeiter Thomas Bernstein und Vera Becker ohne Rücksprache neu einteilen können. Es passte zu Lausen, der als absolut fairer Kollege galt, dass er Hansen nicht übergehen wollte, der nominell immer noch der Teamleiter von Bernstein und Becker war.

»Nein, ich gebe noch meinen Abschied, dann bin ich weg. Und danke, ich weiß Ihre Anfrage zu schätzen. Natürlich können Sie meine Mitarbeiter einsetzen, wie Sie es für richtig halten. Aber seien Sie nett zu den beiden, das sind unsere größten Talente.«

»Das weiß ich, Hansen. Hab’ Sie immer darum beneidet, dass Sie die beiden in Ihrem Team hatten. Wir sehen uns bei der Abschiedsfeier, bis dann.«

Hansen legte das Handy beiseite und verzog das Gesicht, als hätte er plötzlich Zahnschmerzen. Das Wort Abschiedsfeier tat weh und erstaunt über sich selbst stellte Hansen fest, dass er vor allem den schwulen Lulatsch Bernstein und die wehrhafte Becker vermissen würde.

Er grinste, während er an Vera Becker dachte. Manche Kollegen der Dienststelle Mordkommission nannten sie inzwischen ›Female Harry‹ und meinten damit die weibliche Form des ›Dirty Harry‹. Diesen Spitznamen hatte man Harald Hansen in Anlehnung an Filme mit Clint Eastwood verpasst, was sich allerdings eher auf seine Methoden denn auf sein Aussehen bezog.

Vera Becker wurde Hansens Team vor zwei Jahren zunächst befristet zugeteilt, als es darum ging, den Lippennäher zu fassen, der reihenweise ältere Hamburger Frauen umbrachte. Im Verlauf der Ermittlungen hatte sie üble Erfahrungen sammeln müssen. Danach bemerkte Hansen zum ersten Mal gewisse Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Persönlichkeit. Stur wie ein alter Maulesel hatte Becker jegliche psychologische Hilfe zur Verarbeitung der Erlebnisse abgelehnt. Stattdessen bewarb sie sich auf die frei gewordene Stelle des Kollegen Albrecht in Hansens Mordbereitschaft. Der alte Hauptkommissar hatte Gefallen an der nassforschen, jungen Kollegin gefunden und befürwortete ihren Antrag. Der Rest war Formsache. Vera Becker hatte sich als gelehrige Schülerin erwiesen und ging inzwischen bei Ermittlungen gern mal ihre eigenen Wege, so wie es Hansen jahrzehntelang praktiziert hatte. Diese Eigenart und ihre Dickköpfigkeit hatten ihr den Spitznamen eingebracht. In einem Punkt eiferte sie Hansen zum Glück nicht nach: Sie war nicht annähernd so muffelig wie er.

Oberkommissar Thomas Bernstein, selbst erst seit knapp drei Jahren in der Dienststelle tätig, verstand sich gut mit Becker. Ihre Alleingänge brachten ihn aber regelmäßig auf die Palme. Bernstein war der einzige Teamplayer im Team Hansen. Normalerweise bestand eine Mordbereitschaft aus vier Mitarbeitern und einem Hauptkommissar, dem Leiter der Gruppe. Bei Hansens Team hatte man darauf verzichtet, die beiden offenen Stellen für die letzten zwei Dienstjahre von ›Dirty Harry‹ zu besetzen. Das war kaum aufgefallen, denn Hansen hatte jahrelang als eine Art Sonderermittler ohne feste Mitarbeiter fungiert.

Er würde sich daran gewöhnen müssen, dass all das in Zukunft nicht mehr zu seinem Leben gehörte. Stattdessen mutierte er zum Familienmenschen. Der alte Eremit in ihm hatte Bedenken und seufzte leise.

Es lag noch viel Arbeit vor ihm. Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, verfluchte sich dafür, dass er diese Sucht wohl nie ganz besiegen würde und setzte das Packen fort.

Kapitel 2

Lausen quetschte seinen Dienstwagen quer in eine enge Lücke zwischen dem Stamm einer Kastanie und dem Heck eines Streifenwagens, wodurch er den halben Gehweg blockierte. In Harvestehude, einem der vornehmsten Stadtteile Hamburgs, war es zu keiner Tageszeit leicht, einen Parkplatz zu finden. Kaum ausgestiegen, hörte er hinter sich eine unfreundliche Frauenstimme: »Schlechter konnten Sie wohl nicht einparken, nicht wahr?«

Lausen drehte sich um. Die Frau hinter ihm war elegant gekleidet, mit Goldschmuck behangen und mindestens siebzig Jahre alt.

»Sie haben recht«, sagte der Hauptkommissar. »Bin wirklich nicht gut im Schlechteinparken. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, eine Leiche wartet.«

Die Frau verstummte und ihr Gesichtsausdruck wechselte innerhalb von Sekunden von empört über erstaunt zu sensationslüstern. Ihre Blicke folgten nun aufmerksam dem Kommissar, der kurz an der Fassade eines gepflegten, dreistöckigen Jugendstilhauses hinaufschaute und dann auf den Eingang zuging. Ein uniformierter Polizist grüßte mit einem Kopfnicken und hielt Lausen die Tür auf.

Die weiße Fassade des Hauses mit den grau abgesetzten Ornamenten hatte Lausen gefallen, das Treppenhaus beeindruckte ihn. Auf Hochglanz polierte Marmortreppen, detailreiche Stuckverzierungen an den Wänden und der hohen Decke, handgeschmiedete Briefkästen und die kronleuchterartige Treppenhausbeleuchtung zeigten eine einschüchternde Wirkung auf Normalverdiener. Graffiti an den Wänden oder leere Bierdosen in den Ecken – so etwas war hier unvorstellbar.

Lausen, der mehrmals pro Woche durch den Stadtpark joggte, nahm die sechs Stufen bis zum Hochparterre in drei Schritten. Er betrat die Wohnung, sein kurzfristig neu formiertes Team war bereits vor Ort. Er traf die Kollegen auf dem zehn Meter langen Flur.

Oberkommissar Konrad Schwanitz begrüßte seinen Vorgesetzten mit einem Kopfnicken und zeigte auf eine Türöffnung hinter sich.

»Das Opfer liegt dort in der Bibliothek. Die Spusi und Doktor Peters sind gleich soweit. Dann können wir rein.«

Fast versteckt hinter Schwanitz’ massigem Körper stand Kommissar Ulf Reisberg, der auch zu Lausens regulärem Team gehörte. Die hellrote Mähne von Thomas Bernstein überragte alle und Vera Becker verschwand hinter dieser Männerwand.

»Bisschen eng hier auf dem Flur«, sagte Lausen und blickte sich um. »Gehen wir doch hier rein«, beschloss er und führte die Gruppe in ein geräumiges Wohnzimmer mit offenem Kamin, das ein gediegenes, altenglisch anmutendes Ambiente zeigte. Viel dunkles Holz, eine mächtige burgunderfarbene Ledergarnitur, schmiedeeiserne Kerzenleuchter, dicke Orientteppiche und großformatige Ölgemälde – der Hauptkommissar wähnte sich für einen Moment in einem traditionsreichen Adelshaus. Er schüttelte den Kopf und wandte sich den profanen Dingen zu.

»Wie sieht’s aus, schon Fakten?«, fragte er in die Runde.

Die beiden jungen Kommissare Reisberg und Becker hielten sich zurück. Die Oberkommissare Schwanitz und Bernstein suchten mittels Blickkontakt eine Übereinkunft. Konrad Schwanitz war ein besonnener Mensch, für den Harmonie im Team einen hohen Stellenwert hatte. Er war deutlich älter als Bernstein und seit Jahren in Lausens Team. Somit hatte er jedes Recht, sich als zweiter Mann hinter Lausen zu sehen. Trotzdem suchte er das stillschweigende Einverständnis des neuen Mannes in der Gruppe, der den gleichen Rang wie er hatte. Bernstein nickte fast unsichtbar und Schwanitz berichtete:

»Das Opfer ist wahrscheinlich Rudolf Friedemann, der Bewohner. Eine sichere Identifizierung war noch nicht möglich. Ich konnte einen Blick auf den Leichnam werfen. Der ist übel zugerichtet, das Gesicht ist kaum zu erkennen.«

»Wer hat die Leiche gefunden?«, fragte Lausen.

»Die Haushaltshilfe, eine Frau Ilse Tornow. Sie kommt jeden Montag um acht Uhr und hat einen eigenen Schlüssel. Sie sitzt in der Küche, hat einen Schock. Der Notarzt kümmert sich um sie.«

»Irgendwelche Erkenntnisse über Herrn Friedemann?«

»Laut Personalausweis wurde er am 17. März 1934 in Münster geboren. Mehr haben wir nicht. Wir sind erst seit ein paar Minuten hier.«

Lausen nickte. »Okay, dann mal los. Kollege Reisberg, ab ins Büro, alles recherchieren, was es über Friedemann gibt.«

Reisberg guckte verärgert, er mochte die Büroarbeit nicht. »Muss ich? Kann das nicht Frau Becker machen?«

Lausen schaute genervt gen Zimmerdecke. Es gab bessere Mitarbeiter als diesen Reisberg mit seinen blöden Sprüchen und dem ewigen Gemecker über die Aufgaben, die er bekam. Reisberg würde lange darauf warten können, von ihm das ›Du‹ angeboten zu bekommen. Bei Konrad Schwanitz sah die Sache anders aus. Und die beiden Neuen in seinem Team würde er vorerst siezen und abwarten, wie sich die Zusammenarbeit entwickelte.

»Es ist Montagmorgen, kurz nach neun. Keine gute Zeit für sinnlose Diskussionen. In zwei Stunden will ich Ergebnisse haben.«

Reisberg grummelte ein »Immer ich« und trollte sich.

»Konrad und Kollege Bernstein klappern die Nachbarn ab. Frau Becker, Sie bleiben bei mir«, beendete Lausen seine kurze Ansprache.

Schwanitz und Bernstein verließen den Raum, zeitgleich tauchte der Rechtsmediziner Doktor Heinrich Peters auf.

»Moin, Herr Lausen. Wie geht’s?«

»Moin, Doktor Peters. Wie soll’s schon gehen, wenn die Woche gleich mit einem brutalen Mord beginnt?«

»Brutal ist das richtige Stichwort. Die Frage, ob Fremdverschulden vorliegt, ist hier eindeutig mit ja zu beantworten. So etwas habe ich lange nicht mehr gesehen.«

»Was haben Sie lange nicht mehr gesehen?«

Peters strich sich mit der Hand über seinen kahlen Kopf. »Folgen Sie mir. Ich zeige es Ihnen.«

Lausen und Becker zogen die übliche weiße Schutzkleidung an, um den Tatort nicht zu kontaminieren, dann führte Peters sie in die Bibliothek, deren Einrichtungsstil zum Wohnzimmer passte. Friedemann hatte die altbautypische Deckenhöhe von mindestens drei Metern genutzt, um riesige Bücherregale an den Wänden aufzustellen. Auch hier dominierten dunkles Holz, dicke Orientteppiche und antike Möbel. Helle Farben suchte der Betrachter vergebens, einzig die Morgensonne brachte ein wenig Freundlichkeit in den Raum.

Der Leichnam lag auf dem Boden zwischen einem Ohrensessel und einem niedrigen Mahagonitisch. Um ihn herum waren kleine dunkle Flecken auf dem Teppich zu erkennen, eingetrocknetes Blut. Der alte Mann war halbnackt, der Morgenmantel geöffnet, das Oberteil des Schlafanzugs aufgerissen. Der entblößte Oberkörper zeigte zahlreiche Hämatome und Schnittverletzungen. Die Schlafanzughose war bis zu den Kniekehlen heruntergezogen, die Hoden und das Glied mit einem Kupferdraht eng verschnürt und dunkelblau verfärbt. Das Gesicht war kaum noch zu erkennen. Aufgeplatzte Lippen, halb versunken in dem geöffneten, zahnlosen Mund, eine völlig verformte Nase und zugeschwollene Augen – Lausen verstand nun, warum Schwanitz keine sichere Identifizierung vermelden konnte. Eine unglaubliche Welle der Gewalt musste über den alten Mann hinweggerollt sein.

»Mein Gott, wie viel Hass muss vorhanden sein, um so etwas auszulösen?«

Die Frage kam von Kommissarin Becker, die mit starrem Blick neben Lausen stand. In dem Hauptkommissar erwachte der Beschützerinstinkt.

»Frau Becker, Sie sollten vielleicht …«

»Nein, nein«, wehrte sie ab. »Ich bin Polizistin, ich muss da durch.«

Es folgte ein unangenehmes Schweigen.

Doktor Peters löste die Situation. »Ich denke nicht, dass Hass hier die treibende Kraft war. Das wird mit Sicherheit eine zeitaufwändige Obduktion. Die Verletzungsspuren sind unglaublich zahlreich. Aber einige Informationen kann ich schon geben«, versuchte der Rechtsmediziner, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Dann mal los.« Lausen kam es gelegen, sich den Fakten widmen zu können.

»Die Art der Verletzungen lässt auf systematisch durchgeführte Misshandlungen schließen. Mit anderen Worten: Der alte Mann wurde gefoltert.«

Ein Kollege der Spurensicherung, der an einem Aktenschrank stand, mischte sich ein. »Ich glaube, Doktor Peters hat recht. Wahrscheinlich wollte man dem Alten die Kombination für den Safe entlocken, der hier offen steht und leer ist. An der Wohnungstür gibt es übrigens keine Einbruchsspuren. Wie es aussieht, hat er den oder die Täter selbst reingelassen.«

Peters fuhr fort. »Auf jeden Fall musste das Opfer lange leiden, bevor es zum Finale kam. Bei einem der zahlreichen Schläge ins Gesicht ist wohl das Gebiss rausgeflogen. Es liegt da hinten am Rande des Teppichs. Die weiteren unschönen Details können Sie morgen in meinem Bericht lesen. Am Ende wurde der Mann mit einer Drahtschlinge, vielleicht einer Garotte, erdrosselt.«

Peters trat an den Leichnam heran und deutete mit dem Zeigefinger auf den Hals. »Sehen Sie hier, die Furche. Sie verläuft rund um den Hals. Das war kein normales Seil, es hat sich in die Haut geschnitten, muss ein Draht oder etwas ähnlich Dünnes und Reißfestes gewesen sein.«

»Und wann ist der Mann letztendlich gestorben?«, fragte Becker.

»Gestern Abend zwischen zweiundzwanzig und null Uhr, genauer kann ich es noch nicht sagen.«

Lausen bedankte sich bei Peters. Er schwitzte. In der Bibliothek war es stickig. Ein heißer Tag kündigte sich an und die Schutzkleidung tat ein Übriges. Oder lag es daran, dass er in die Wechseljahre kam? Hormonumstellung, das passierte auch Männern jenseits der Vierzig.

Lausen und Becker entledigten sich der weißen Overalls und gingen den Flur entlang zur Küche, um Frau Tornow, die Haushälterin, zu befragen.

»Machen Sie das mal«, raunte Lausen Becker zu, während sie die Küche betraten.

Der Notarzt verabschiedete sich mit einem knappen Kopfnicken. Er hatte der Haushälterin ein Beruhigungsmittel gegeben. Sie war vernehmungsfähig. Frau Tornow saß an einem kleinen, weiß lackierten Küchentisch. Ihre grauen Haare umrahmten ein Gesicht mit vielen Falten und müden Augen. Sie trug eine geblümte Bluse und darüber eine Schürze. Mit einem Papiertaschentuch wischte sie sich die geröteten Augen trocken.

»Er war so ein feiner Mann«, sagte sie mit heiserer Stimme, ohne die Kommissare anzusehen. »Wer, um Gottes Willen, tut so etwas?«

»Das wissen wir leider nicht – noch nicht«, antwortete Becker.

»Wissen Sie, ich arbeite seit neun Jahren für Herrn Friedemann, dreimal die Woche, immer vormittags. Von ihm hörte man nie ein böses Wort. Herr Friedemann hat sich immer korrekt verhalten. Ein kultivierter Mann mit Charakter, so was gibt’s doch heute kaum noch. Warum schlägt jemand diesen Mann tot?«

Kommissarin Becker wollte eine Frage stellen, doch Frau Tornow redete weiter, die Augen auf den Boden gerichtet.

»Wissen Sie, ich bin jetzt neunundsechzig Jahre alt. Meine Rente ist mickrig. Der Friedemann hat keinen Druck gemacht. Ich hätte das hier noch Jahre machen können, trotz meines Alters. Wie soll ich denn jetzt klarkommen, ohne das Geld von ihm? Mich nimmt doch keiner mehr.«

»Frau Tornow, ich müsste Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Nur zu, junge Frau, wenn ich helfen kann.«

»Was können Sie mir über Herrn Friedemann erzählen, außer dass er ein feiner Mann war?«

»Naja, viel weiß ich nicht über ihn. Er muss vermögend sein, denn immerhin gehört ihm das Haus.«

»Ihm gehörte das ganze Haus?«

»Ja. Zumindest hat er das mal erzählt.«

»Dann war er vermögend«, meldete sich Lausen aus dem Hintergrund. Ilse Tornow sprach weiter. »Er ist gebildet. Er liest viel, aber das kann man sich ja denken, wenn man die Bibliothek sieht. Und er hört gern Musik, das klassische Zeugs, Mozart und so. Ich mag ja mehr den Howard Carpendale und solche Sachen. Oder von früher den Freddy Quinn, hach, das waren schöne Lieder.«

»Wie sieht es mit Angehörigen aus? Wissen Sie darüber etwas?«

Frau Tornow schüttelte den Kopf. »Soweit ich weiß, hat der Herr Friedemann keine Verwandten mehr. Ich habe nie welche gesehen. Und erzählt hat er auch nie was. Naja, sehr gesprächig ist … ich meine, war er nicht.«

Vera Becker hatte sich inzwischen an den Tisch gesetzt und streichelte beruhigend die Hand von Frau Tornow.

»Können Sie mir sagen, ob er Besuch bekam, vielleicht regelmäßig?«, fragte sie.

»Besuch? Nein, dazu kann ich nichts sagen, ich war ja immer nur vormittags da und da kam höchstens der Postbote mal an die Tür, oder der Pflegedienst. Aber …«

Frau Tornow machte eine bedeutungsschwangere Pause. Becker nickte ihr aufmunternd zu und die Haushälterin beugte sich zu ihr herüber.

»Manchmal, wenn ich morgens kam«, flüsterte sie, »fand ich in der Küche mehrere Weingläser und die kleinen für Schnaps. Da habe ich mich schon gewundert, denn der Friedemann benutzte ja nicht mehrere Gläser an einem Abend. Gesagt hat er aber nichts und ich mochte ihn nicht fragen. Ging mich im Grunde auch nichts an.«

»War Herr Friedemann in letzter Zeit anders als sonst, vielleicht nervös oder besorgt? Hatte er womöglich Angst vor jemandem?«

Tornow schüttelte energisch den Kopf. »Nein, da war nichts, alles ganz normal.«

»Danke, Frau Tornow.« Becker drückte die raue, alte Hand. »Sie haben uns sehr geholfen.«

In den Augen der alten Frau blitzte etwas auf. »Sie kriegen den Kerl, stimmt’s? Und dann geben Sie’s ihm ordentlich, mir zuliebe.«

Es dauerte eine Weile, bis die Tür im ersten Stock geöffnet wurde. Der Mann, der nun vor Oberkommissar Schwanitz stand, trug nichts außer karierten Boxershorts. Seine kurzen blonden Haare machten einen zerwühlten Eindruck und die leicht geröteten Augen blinzelten in das Tageslicht. Schwanitz zeigte seinen Dienstausweis.

»Guten Morgen. Oberkommissar Schwanitz, Kripo Hamburg. Sind Sie …«, Schwanitz schaute auf das Namensschild neben der Tür, »… Herr Lowrider?« Der junge Mann gähnte. »Mann, das ist Englisch. Loreider spricht man das. Ist sozusagen mein Künstlername. Aber das Wortspiel funktioniert natürlich nur mit dem vollen Namen: Dijay Loreider.«

Schwanitz guckte verständnislos. »Welches Wortspiel?«

Der Halbnackte machte eine genervte Geste. »Na gut, einmal zum Mitschreiben für Beamte: DJ steht für Discjockey, meine Berufsbezeichnung. Und ich bin momentan der Angesagteste meiner Branche in dieser Stadt. Der Witz ist aber: Wenn man das Jay von DJ und dazu das Lo von Lowrider nimmt, erhält man … na, was?«

»Keine Ahnung, und es ist …«

»Mann, Alter, JayLo! Jennifer Lopez, you know? Ich bin der JayLo-Rider, hehe. Kapiert?«

Der übernächtigte Discjockey machte eine Kopulationsgeste und grinste selbstgefällig. Schwanitz hätte ihm gerne Manieren beigebracht, aber es gab Wichtigeres.

»Schluss mit lustig! Wie lautet Ihr richtiger Name?«

»Ich habe keine Drogen im Haus, ich schwöre!«

»Bitte!«

»Okay, in meinem Personalausweis steht Detlef Ringelbauer.«

»Na fein, Herr Ringelbauer, dann können wir ja endlich zur Sache kommen. Letzte Nacht wurde Ihr Nachbar, Herr Friedemann, ermordet.«

»Der Friedemann ist tot? Das ist ja voll krass!«

»Ist Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen, fremde Leute im Haus, laute Geräusche?«

»Ey, Mann, das ist hier nicht versteckte Kamera, oder so, näh? Der wurde ermordet, so ganz in echt?«

Schwanitz war kurz davor, diesem Idioten Handschellen anzulegen und ihn wegen Behinderung der Ermittlungen vorläufig festzunehmen.

»Ja, so ganz in echt und in Farbe! Hätten Sie die Güte, meine Frage zu beantworten?«

Der Discjockey Detlef rieb sich die Augen. »Sorry, dazu kann ich nichts sagen. Ich arbeite nachts, das bringt der Beruf so mit sich. Ich bin erst gegen vier Uhr nach Hause gekommen, da war hier im Haus alles ruhig. Übrigens, der Friedemann ist nicht bloß ein Nachbar, der ist mein Vermieter. Fairer Typ, kann man nicht anders sagen. Die Miete hat der seit drei Jahren nicht erhöht.«

Schwanitz gab auf. Er ließ sich die Adresse des Clubs geben, in dem der DJ letzte Nacht gearbeitet hatte, dann verabschiedete er sich und klingelte an der nächsten Tür. Harvestehude war auch nicht mehr das, was es mal war.

Thomas Bernstein stand vor der Wohnungstür gegenüber von Friedemann. Er hatte gerade den Finger vom Klingelknopf genommen, da wurde die Tür schon geöffnet. Eine alte Frau mit zahlreichen Falten um Augen und Mund schaute ihn erwartungsvoll an. Bernstein stellte sich vor und wurde sofort herein gebeten. Frau von Langenau führte den Oberkommissar mit bedächtigen Schritten in das Wohnzimmer und ließ ihn in einem voluminösen Polstersessel Platz nehmen. Sie selbst setzte sich auf die Vorderkante eines zweiten Sessels.

»Da ist was Schlimmes passiert, da drüben bei Friedemann, nicht wahr?«, fragte sie mit neugierig vorgerecktem Kinn.

Bernstein nickte. »Ihr Nachbar, Herr Friedemann, wurde letzte Nacht ermordet. Frau von Langenau, vielleicht können Sie uns bei der Aufklärung des Verbrechens helfen. Sie wohnen ja direkt gegenüber. Da kriegt man sicher einiges mit.«

»Der Friedemann ist tot? Das ist ja furchtbar. Man ist wirklich nirgendwo mehr seines Lebens sicher.«

»Ja, Gewaltverbrechen finden auch in den besten Kreisen statt. Aber nun machen Sie sich bitte keine übertriebenen Sorgen. Ist Ihnen in der vergangenen Nacht etwas aufgefallen?«

»Ach, junger Mann, ich werde in drei Wochen neunzig Jahre alt. Da wollen die Augen und Ohren nicht mehr so wie früher.«

»Sie haben nicht zufällig einen Blick durch Ihren Türspion geworfen und jemanden im Treppenhaus gesehen, der nicht hier wohnt?« Bernstein lächelte sie an. »Sie waren sehr schnell an der Tür, als ich klingelte.«

Frau von Langenau zupfte verlegen ihre Strickjacke glatt. »Also, wenn ich mein Hörgerät drin habe, so wie jetzt, dann geht es ganz gut. Aber das trage ich nachts im Bett nicht. Da könnte man mir die Wohnung ausräumen und ich würde es verschlafen.«

»Wann sind Sie denn gestern ins Bett gegangen?«

»Das war … etwa viertel nach zehn … Moment, da war doch was. Kurz vor den Heute-Nachrichten im Fernsehen, also so gegen sieben Uhr. Ich stand auf dem Flur und hörte draußen die Stimme von Herrn Friedemann. Er klang verärgert, deshalb habe ich mal kurz geguckt, was da los war. Friedemann sprach mit einem Mann und auf einmal war er nicht mehr verärgert und ließ den Mann in seine Wohnung.«

»Können Sie den Besucher beschreiben?«

Frau von Langenau strich sich nachdenklich eine Strähne ihrer grauen Haare hinter das Ohr. »Ich weiß nicht, ich habe ihn nur von hinten gesehen. Der sah ganz normal aus.«

Bernstein stand auf. Er musste der alten Dame beim Erinnern behilflich sein. »War er so groß wie ich oder kleiner?«

Der Vergleich half. »Nein, viel kleiner als Sie, aber größer als ich.«

Bernstein zeigte mit der flachen Hand die Höhe seiner Schulter an.

»Ungefähr so groß?«

»Ja, das kommt hin.«

Das ergab eine Körpergröße von einssiebzig bis einsfünfundsiebzig.

»Und die Haarfarbe?«

Frau von Langenau grinste schelmisch. »So ein Boris-Becker-Rot wie Sie es haben, war es nicht. Hellbraun oder dunkelblond würde ich sagen, so eine Straßenköterfarbe.«

»Na sehen Sie, es läuft doch. Erinnern Sie sich an die Kleidung?«

»Er trug eine helle Hose. Ach ja, und ein Sakko in so einem hässlichen Grünton. Mehr fällt mir nicht ein.«

»Frau von Langenau, ich danke Ihnen, das war weit mehr, als die meisten Zeugen zusammenbringen. Und was können Sie mir über Herrn Friedemann sagen?«

Die alte Frau schaute betroffen. »Nicht viel, ehrlich gesagt. Und das, obwohl ich seit zweiundfünfzig Jahren hier wohne. Herr Friedemann hat das Haus Anfang der neunziger Jahre gekauft. Er kam damals aus dem Ausland zurück nach Deutschland. Er hat viel Geld in die Hand genommen und alles renovieren lassen. Trotzdem blieben die Mieten erschwinglich. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Allerdings lebte er sehr zurückgezogen und beschränkte den Kontakt zu den Mietern auf das Nötigste.«

»Bekam er ab und zu Besuch?«

»Kaum. Seine Haushälterin, dann seit ein paar Monaten der Pflegedienst des DRK und einmal im Monat hatte er so eine Art Herrenrunde bei sich. Das waren drei oder vier Männer, alle im gesetzten Alter, gepflegte Erscheinungen. Die habe ich aber seit Wochen nicht mehr gesehen.« Sie seufzte. »Ich hoffe nur, der Herr Friedemann hat nicht allzu sehr gelitten.«

Bernstein zog es vor zu schweigen.

»Es gibt nur eine Sache, die ich dem guten Mann übel nehme«, fügte die fast Neunzigjährige hinzu. »Er hätte diesem hirnamputierten Schnösel da oben im ersten Stock nicht die Wohnung überlassen sollen, nachdem Frau Diestel gestorben war. Der Schnösel ist ihr Neffe und er passt überhaupt nicht in unsere Hausgemeinschaft. Ich frage mich, was nun mit dem Haus geschieht. Gibt es Erben?«

»Darüber weiß ich leider nichts«, sagte Bernstein.

»Wenn ich hier raus muss, ist das mein Ende. Ich lasse mich nicht mehr verpflanzen!«

Der Kommissar legte der alten Frau beruhigend die Hand auf den Unterarm. »So leicht kann man Sie nicht rausschmeißen, Frau von Langenau. Nun muss ich aber weiter. Vielen Dank noch, Sie haben uns sehr geholfen.«

Sie gingen gemeinsam zur Tür. Frau von Langenau zupfte an Bernsteins Ärmel. »Ich weiß nicht, ob es von Bedeutung ist. Als ich gestern ins Bett gehen wollte, so gegen viertel nach zehn, wie ich schon sagte, da hat der Friedemann seine klassische Musik ziemlich laut aufgedreht, irgendwas von Bach oder Mozart. Das hat er öfters getan, aber eigentlich nie so spät am Abend.«

Lausen und Becker unterstützten die beiden Oberkommissare bei den Befragungen der Nachbarn, doch es ergaben sich keine wesentlichen neuen Erkenntnisse. Der Hauptkommissar beschloss, im Büro weiterzuarbeiten. Als das Team vor die Haustür trat, wartete schon ein halbes Dutzend Reporter auf Neuigkeiten. Lausen verwies auf die Pressestelle der Polizei und bahnte sich den Weg zum Auto.

Kapitel 3

Jörg Lausen hätte ein zufriedener Mensch sein können. Mit Anfang vierzig hatte er vor gut zwei Jahren den Posten des Ersten Hauptkommissars der Dienststelle LKA 41 bekommen und damit sein Wunschziel erreicht. Höher aufsteigen wollte er nicht, denn er fühlte sich in der praktischen Arbeit wohl. Der Arbeitsalltag seines direkten Vorgesetzten, Kriminaloberrat Michael Thorwald, war von Verwaltungsarbeit geprägt, für die Ermittlungen waren Leute wie Lausen zuständig.

Der Hauptkommissar wurde von den Kollegen respektiert, seine Fachkompetenz war unbestritten. Er arbeitete gern im Team und versuchte, jeden Mitarbeiter seinen Fähigkeiten entsprechend sinnvoll einzusetzen.

Erstaunlicherweise konnte Lausen trotz seines Berufes ein intaktes Familienleben vorweisen. Er war seit zwölf Jahren glücklich verheiratet und sehr stolz auf seinen achtjährigen Sohn Jonas, der als hochbegabt galt.

Eigentlich war alles in Ordnung. Erfolg im Beruf, ein erfülltes Privatleben und eine stabile Gesundheit: Mehr konnte sich ein bescheidener Mensch kaum wünschen.

Aber Lausen war ein Getriebener. Keiner, der dem Geld oder den Frauen hinterherjagte. Keiner, dem Macht oder Prestige wichtig waren. Er war getrieben von der nicht enden wollenden Flut der Gewalttaten, die einzudämmen er zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Zu jeder Zeit gab es einen Fall. Wenn kein aktueller vorhanden war, dann gab es einen ungelösten aus dem letzten Jahr, aus der letzten Dekade, aus dem letzten Jahrhundert.

Lausen schaffte es nicht, zur Ruhe zu kommen. Er glaubte ständig, dem Zeitplan hinterherzuhinken, wessen Zeitplan das auch immer war. Die Kollegen mochten ihn, weil er ehrlich und fair mit ihnen umging. Seine nervöse Unruhe stresste aber fast jeden, der längere Zeit mit Lausen zusammenarbeiten musste. Der einzige, der immun dagegen zu sein schien, war Oberkommissar Konrad Schwanitz, dem man im Kollegenkreis das Gemüt (und die Statur) eines Moschusochsen nachsagte.

Um Zeit zu sparen, hatte Lausen die Mitglieder seines Teams gebeten, die Mittagspause zusammen zu verbringen und mit der Besprechung der Fakten des neuen Falls zu verbinden. Folglich saß er gemeinsam mit Schwanitz, Bernstein, Reisberg und Becker beim Essen in der Kantine.

Vera Becker strich sich eine Strähne ihrer dunkelrot gefärbten Haare aus dem Gesicht und machte sich mit Appetit über ihren Matjes her. Ihr Wunsch, bei der Mordkommission arbeiten zu können, hatte sich unerwartet schnell erfüllt. Vor zwei Jahren, im Alter von sechsundzwanzig Jahren, hatte sie das Glück, vorübergehend Hansens Team zugeteilt zu werden. Später hatte sich Hansen für sie eingesetzt und sie bekam die offene Stelle. Der mürrische, alte Querkopf Harry Hansen hatte viel von ihr gefordert, aber sie hatte auch viel von ihm gelernt. Sie mochte ihn und würde ihn vermissen. Er war am Ende seiner Laufbahn gar nicht mehr so grantig, wie ihn die meisten Kollegen immer noch einschätzten.

Nun begann eine neue Zeit mit einem frisch zusammengestellten Team. Neugierig studierte Becker die Essgewohnheiten ihrer Kollegen. Dass Thomas Bernstein unglaubliche Mengen vertilgen konnte und trotzdem rank und schlank blieb, wusste sie bereits aus den letzten zwei Jahren der Zusammenarbeit. Der neben ihr sitzende Ulf Reisberg aß mit aufgestützten Ellenbogen und erzählte zwischen zwei Bissen einen flachen Blondinenwitz, der allen anderen am Tisch nur ein müdes Lächeln entlockte. Oberkommissar Schwanitz sezierte sein Kotelett in aller Ruhe. Mengenmäßig konnte er mit Bernstein mithalten, sein Körper verzieh die Kalorienzufuhr allerdings nicht so folgenlos. Ihr neuer Chef, Hauptkommissar Jörg Lausen, schien die Aufnahme von Nahrung für Zeitverschwendung zu halten. Er hatte sich eine kleine Portion auffüllen lassen und diese hastig, mit kaum wahrnehmbaren Kaubewegungen, in kurzer Zeit verschlungen. Direkt nach dem letzten Bissen begann er die Fallbesprechung. Alle anderen aßen noch.

»Herr Reisberg, was haben die Recherchen bezüglich Friedemann ergeben?«

Reisberg legte seine Gabel auf den Teller. »Tja, das war jetzt nicht so viel, in der kurzen Zeit. Also, der Friedemann war wohl längere Zeit im Ausland, in Venezuela. Er soll dort mit dem Handel von Eisenerz ein Vermögen gemacht haben und ist dann 1991 nach Deutschland zurückgekehrt. In dem Jahr hat er das Haus in Harvestehude gekauft. Die Infos sind aber nicht sicher, ich habe sie von dem Makler, der ihm damals das Haus vermittelt hat. Eine Anfrage an die venezu… also, an die Behörden von Venezuela läuft.«

»Er ist aber gebürtiger Deutscher?«, fragte Lausen.

Reisberg guckte verdutzt. »Ja, wieso? Er hat doch einen deutschen Pass.«

»Gut, ich wollt’s nur wissen, er hätte ja Venezolaner sein können. Was hat er gemacht, bevor er ausgewandert ist?«

Reisberg streichelte mit Daumen und Zeigefinger die Ausläufer seines Mongolenbartes. Überhaupt schien er sich in einer Retro-Look-Phase zu befinden. Er trug Cowboystiefel mit extra langen Spitzen, Röhrenjeans, ein blau-weiß kariertes Flanellhemd und eine Lederweste. So liefen sonst nur die Undercover-Drogenfahnder rum.

Mit der Zunge benetzte er seine Lippen. »Ich sach mal, da wird es ein bisschen schwierig. Ich habe bisher nichts über ihn gefunden aus der Zeit vor einundneunzig.«

»Dann klemmen Sie sich dahinter. Gibt es Verwandte?«

»Keine Ahnung. Ich kümmere mich drum.« Reisberg aß weiter.

Schwanitz schob den sauber vom Fleisch getrennten Knochen an den Rand seines Tellers und sprach mit halbvollem Mund.

»Ohne dem Obduktionsergebnis vorgreifen zu wollen, denke ich, dass wir den Todeszeitpunkt recht gut eingrenzen können.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte Lausen.

»Die Zeugenaussagen der Nachbarn. Gegen zweiundzwanzig Uhr soll die Musik in Friedemanns Wohnung laut gedreht worden sein. Im ersten Stock, neben diesem überkandidelten Discjockey, wohnt ein pensionierter Oberstudienrat. Der meinte, dass es kurz vor dreiundzwanzig Uhr wieder leise wurde in Friedemanns Wohnung. Da war dann wohl die Folter beendet.«

»Das muss aber nicht heißen, dass Friedemann in der Zeit auch getötet wurde«, widersprach Bernstein, »theoretisch könnte er später umgebracht worden sein.«

»Naja, theoretisch …«, begann Schwanitz.

Lausen unterbrach ihn. »Warten wir mal die Obduktion ab, die ist für vierzehn Uhr angesetzt.«

»Wer soll da hin?«, fragte Reisberg mit dem sicheren Gefühl, dass es ihn treffen würde. Die Vorschrift besagte, dass bei einer Obduktion ein Beamter der Dienststelle und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft anwesend sein mussten.

»Das macht ein Kollege des Teams von Schneider, der sowieso heute vor Ort ist«, erklärte Lausen. »Irgendwelche Thesen zur Tat?«

Reisberg freute sich, nicht bei der Obduktion anwesend sein zu müssen und vermutete aufgrund des offenen und leeren Tresors einen Raubmord. Schwanitz irritierte die brutale Art der Folter, weshalb er persönliche Motive und starke Hassgefühle als Triebfeder sah.

»Frau Becker, wie denken Sie darüber?«, fragte Lausen, der wusste, dass Becker vor ihrer Ausbildung bei der Polizei ein paar Semester Psychologie studiert hatte. Er hoffte auf eine psychologische Interpretation des Tathergangs.

»Ich habe noch keine Meinung«, antwortete die junge Kommissarin. »Vielleicht ist es eine Mischung aus beiden Ansätzen. An einen normalen Raubmord glaube ich allerdings nicht. Auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Ohrensessel lag eine Armbanduhr. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, war das eine Breitling. Das sind Luxusuhren, die kosten normalerweise ein paar tausend Euro. So was lässt kein Raubmörder liegen.«

»Ja, die Uhr ist mir auch aufgefallen, gutes Argument.«

»Was ist mit dem Typen im grünen Sakko?«, fragte Reisberg. »Sollen wir den zur Fahndung ausschreiben?«

Lausen stand auf. »Nein, wir haben nichts gegen die Person in der Hand. Ein Zeugenaufruf in den Medien reicht für den Anfang. Unwahrscheinlich, dass dieser Mann unser Täter ist, der Zeitablauf passt nicht. Der Besucher kam um neunzehn Uhr. Er hätte sich drei Stunden mit Friedemann unterhalten müssen, bevor er mit der Folter anfing. Schwer vorstellbar. Beenden wir die Spekulationen. Herr Reisberg, Sie wissen, was zu tun ist. Kollege Bernstein kann Ihnen bei den Nachforschungen über Friedemann helfen. Frau Becker, Sie kümmern sich um die Ergebnisse der Spusi. Konrad, du versuchst, den Mann im grünen Sakko aufzutreiben und ich werde die Staatsanwaltschaft informieren. Neues Treffen um sechzehn Uhr im Büro.«

Während Hauptkommissar Lausen mit seinem Team zu Mittag aß, war der fast im Ruhestand befindliche Hauptkommissar Hansen bereits auf dem Weg zu seiner neuen Bleibe. Er fuhr in seinem vor wenigen Tagen gekauften, zehn Jahre alten Opel Astra Caravan hinter dem Wagen des Umzugsunternehmens her. Früher war er ohne eigenes Auto ausgekommen, hatte entweder den Dienstwagen oder Bus und Bahn benutzt. Der Dienstwagen war weg und die Kleinfamilie wollte in Zukunft durch die Gegend kutschiert werden. Somit war ein preiswerter Kombi die richtige Wahl, fand Hansen.

Die Möbelpacker hatten zügig gearbeitet und Hansens Hab und Gut nach einer Stunde in ihrem LKW verstaut. Er hatte ihnen am Schluss ein Bier angeboten, weil er glaubte, das sei so üblich. Die drei kräftigen Männer hatten dankend abgelehnt.

Bier gab es bei ihnen erst nach Feierabend. Moderne Zeiten, andere Sitten. Hansens letzter Umzug lag über zwanzig Jahre zurück. Damals wäre das Bier gut angekommen. Die in der Wohnung verbliebenen Reste sollte die städtische Sperrmüllabfuhr in ein paar Tagen abholen.

Nadja und ihre Tochter wohnten schon seit einem Jahr in der Vier-Zimmer-Wohnung, die nun das gemeinsame Domizil werden sollte. Hansen zahlte von Beginn an einen Teil der Miete. Nadja hätte die Kosten allein nicht tragen können, obwohl sie einen neuen, gut bezahlten Teilzeitjob im Krankenhaus Barmbek gefunden hatte. Eigentlich lief alles gut. Mareike profitierte von dem Konzept der integrierten Gesamtschule, die sie seit einem Jahr besuchte. Hier wurde sie gezielt gefördert und konnte trotz ihrer Lernschwäche mithalten.

Nadja hatte Hansen ein eigenes Zimmer zugestanden, das groß genug war, um darin neben dem Bett und dem Kleiderschrank einen Schreibtisch, ein Regal und einen bequemen Sessel unterzubringen. Sie musste ihn nicht stören, wenn sie wegen des Schichtdienstes in aller Frühe aufstehen musste und er konnte sie mit seinem Schnarchen nicht in den Wahnsinn treiben. Sie hatten alles im Voraus vernünftig geregelt. Trotzdem hatte er Angst, dass es schiefgehen könnte. Den Altersunterschied von zwanzig Jahren konnte man nicht wegregeln.

Hansen schreckte aus seinen Gedanken hoch. Der Möbelwagenfahrer vor ihm wollte einen falschen Abzweig nehmen. Hansen hupte und setzte sich mittels eines riskanten Überholmanövers vor den LKW, um die Führung zu übernehmen. Er kannte den Weg in sein neues Heim, war schon oft genug dort gewesen. Er hätte sich freuen müssen. Ein Leben ohne Nachtbereitschaft, ohne dutzende Überstunden, ohne Blutlachen, Lügen, psychisch Gestörte und Verwesungsgeruch. Das hätte ihn fröhlich stimmen sollen. Aber Hansen wusste, dass er all das vermissen würde.

Nadja stand wartend vor der Haustür, als der kleine Umzugstross sein Ziel erreichte. Ihre große Nase zeigte leicht gerötet einen beginnenden Sonnenbrand an.

Sie hatte sich diesen Tag freigenommen, um Harry helfen zu können. Mareike war in der Schule. Er ging zu Nadja, schaute wieder einmal fasziniert in ihre klaren, blauen Augen und umarmte sie.

Sie gab ihm einen Kuss. »Willkommen im neuen Zuhause. Vor dem Auspacken gibt es was zu essen. Ich habe Gulasch mit Nudeln gekocht.«

Sie winkte den Möbelpackern zu. Die freuten sich und folgten ihr bereitwillig. Hansen bewunderte ihr Organisationstalent und Zeitgefühl. Sie wusste, wer wann was brauchte und zauberte es genau dann hervor.

Nach dem Essen ging Hansen zusammen mit einem der Möbelpacker auf den Balkon, um eine Zigarette zu schmöken. In der Wohnung durfte er nicht rauchen. Der Möbelpacker stützte seine kräftigen Arme auf das Geländer. Da er ein halbärmeliges T-Shirt trug, konnte Hansen zahlreiche Tätowierungen auf den Unterarmen sehen.

»Schön haben Sie es hier«, sagte der Mann, während er den Ausblick prüfte. »Und Ihre Freundin macht ein klasse Gulasch. Sie sind zu beneiden.«

Bin ich das?, fragte sich Hansen zweifelnd und glücklich zugleich.

»Sie sind ein Bulle … tschuldigung, Polizist, nä?«, fragte der Mann freundlich.

»So gerade noch«, antwortete Hansen, »in drei Wochen nicht mehr. Wie kommen Sie darauf?«

»Hab’ Sie mal gesehen, im Polizeipräsidium, vor ungefähr drei Jahren. Ich wurde dort vernommen.«

»Sie waren im Knast.« Hansen stellte keine Frage, es war eine Feststellung.

Der Möbelpacker schaute ihn offen an.

Hansen deutete auf die tätowierten Unterarme. »Das sind doch Knast-Tattoos, oder? Man sieht es an der schlechten Qualität.«

»Ja, so ist das. Hab’ in meinem Leben viel Mist gebaut. Das ist Vergangenheit, seit einem Jahr bin ich solide. Mein Chef weiß Bescheid, der hat ’ne soziale Ader. Ich bin echt froh, die Kurve gekriegt zu haben. Für einen Vorbestraften ist es nicht leicht, an einen Job zu kommen.«

Hansen schüttelte verwundert den Kopf. »Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ihr Knackis seid manchmal echt blöd. Jeder hat eine zweite Chance verdient, keine Frage. Naja, fast jeder. Ihr sehnt euch nach einem Neuanfang, wollt nicht als Kriminelle abgestempelt werden. Aber im Knast lasst ihr euch mit den Tätowierungen genau den Stempel auf ewig in die Haut ritzen. Das verstehe ich nicht.«

Der Ex-Knacki betrachtete nachdenklich seine Arme. »So habe ich das noch nie gesehen. Sie haben recht, die Tattoos sind wie ein Ausweis. Zum Glück habe ich den Absprung trotzdem geschafft.«

Hansen gab dem Mann die Hand. »Ich wünsche Ihnen, dass es so bleibt.«

»Danke, Ihnen auch alles Gute für das neue Leben. Na, dann wollen wir mal Ihre paar Klamotten hier rauf bringen.«

Das Büro hatte eine Fläche von mindestens sechzig Quadratmetern und war das einzige, das durch gemauerte Wände von den anderen Räumen abgetrennt war. Die Firma hatte eine komplette Etage des modernisierten Speichers nahe der neuen Hafencity angemietet. Die anderen Büros wurden durch Glaswände voneinander getrennt und hatten zwischen zehn und zwanzig Quadratmetern. Bei der Renovierung blieb die massive Holzstützenkonstruktion mit den mächtigen Querbalken an der Decke erhalten. Die ursprünglichen Fenster mit oberen Halbbögen und die Ladeluken mit Schiebetüren waren behutsam mit modernen Materialien den Anforderungen der Zeit angepasst worden. Der rustikale Charme des alten Speicherhauses blieb so erhalten.

Der Mann hinter dem drei Meter breiten Schreibtisch hatte trotz seines Alters volles, schwarzes Haar. Er wirkte sehr gepflegt und seine Kleidung sehr teuer. Die weiße Schiebetür in seinem Rücken stand halb offen. Früher wurden durch diese Lücke in der Außenwand die Kaffeesäcke aus den Schuten unten im Fleet in das Lager im dritten Stock gehievt. Heute schützte ein schmiedeeisernes Gitter vor einem unbeabsichtigten Fehltritt mit Folgen.

Der Raum kannte nur zwei Farben: schwarz und weiß. Glänzend weiß lackierte Fronten der Schränke vor weiß getünchten Wänden standen in scharfem Kontrast zu schwarzen Sitzmöbeln und Tischen. Sogar das zwei Meter breite und einen Meter hohe abstrakte Gemälde an einer Seitenwand zeigte Karos in schwarz, weiß und ein wenig grau. Nur der Fußboden mit seinen dunkelbraun gebeizten Holzdielen wich von diesem Schema ab. Der Raum gestattete keine unklaren Äußerungen oder Zwischentöne, er symbolisierte ein Konzept: Einschüchterung.

Der Chef legte seinen Hinterkopf an die hohe Lehne des Lederstuhls. In gebührendem Abstand vor dem Schreibtisch standen breitbeinig, die Hände an den Rücken gelegt, zwei passenderweise schwarz gekleidete Gestalten. Der Mann hatte eine Figur wie ein durchtrainierter Schwimmer, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Mit seinem Bizeps wäre auch ein Arnold Schwarzenegger zufrieden gewesen. Die Frau neben ihm trug eine blonde Punkerfrisur und diverse Piercings. Sie war schlank und ihre Haltung strahlte absolute Körperbeherrschung aus.

»Haben Sie das Problem gelöst?«, sprach der Chef die Frau an.

»Zum Teil«, antwortete die Blonde.

Der Chef verzog das Gesicht, Antworten dieser Art mochte er nicht.

»Was soll das heißen?«, fragte er scharf.

Die Punkerin holte hinter dem Rücken eine Aktenmappe hervor und warf sie auf den Schreibtisch. Die Mappe rutschte über die glatt polierte Fläche, bis der Chef sie mit seiner Hand stoppte.

»Die Unterlagen, die Sie angefordert hatten. Den Laptop haben wir auch.«

Sie gab dem Schwimmer ein Zeichen, der daraufhin eine Laptoptasche von seiner Schulter nahm und sie vorsichtig auf die Schreibtischplatte legte.

»Die Dateien?«

»Sind auf dem Laptop«, sagte die Blonde.

Der Chef zupfte seine Krawatte gerade und beugte sich vor. »Wunderbar. Wo ist das Problem?«

»Die Dateien sind verschlüsselt. Ohne den Entschlüsselungscode kann man die nicht öffnen.«

»Ach was! Sie müssen mir nicht erklären, welche Bedeutung eine Verschlüsselung hat! Sie sollten die Dateien gar nicht öffnen, nur nachsehen, ob sie vorhanden sind.«

Er nahm den Laptop aus der Tasche und startete ihn. Dann durchsuchte er verschiedene Verzeichnisse. Die Blonde und der Schwimmer warteten schweigend ab. Abrupt stand der Chef auf, lief um den Schreibtisch herum und stellte sich dicht vor die Blonde.

»Da haben wir das Problem. Der Mistkerl hat den Schlüsselcode exportiert. Hat der alte Knacker etwas von einem USB-Stick oder einer Speicherkarte erzählt?«

»Nein.«

»Das begreife ich nicht. Sie haben alles aus ihm herausgekriegt, aber den Code hat er Ihnen nicht gegeben?«

Die Blonde änderte ihre Körperhaltung um keinen Millimeter. Er fixierte ihre dunklen Augen. Normalerweise konnte er in den Augen seiner Gesprächspartner lesen wie in einem offenen Buch. Bei dieser Frau versagten seine Künste.

»Nein. Er war weitaus widerstandsfähiger, als ich erwartet hätte. Wir sind wirklich an die Grenzen gegangen. Am Ende stand nur noch die Frage, wie er stirbt. Gesagt hätte er so oder so nichts mehr. Im Tresor waren nur die Akten.«

Der Chef massierte sich mit zwei Fingern die linke Schläfe als hätte er Kopfschmerzen.

»Der alte Mann muss einen Helfer gehabt haben. Von alleine wäre er nie auf die Idee gekommen. So gut waren seine Computerkenntnisse nicht. Was ist mit dem Typ in dem grünen Jackett, den die Polizei sucht? Ich hörte es im Radio. Könnte er den Code haben?«

»An den habe ich gerade gedacht«, sagte die Blonde. »Er war bei unserem Zielobjekt. Wir mussten vor der Tür warten, bis er endlich ging.«

»Sie wissen nicht, wer er ist?«

»Wir mussten Prioritäten setzen. Unser Ziel war Friedemann, nicht das grüne Jackett.«

»Können Sie ihn aufspüren?«

»Das sollte kein Problem sein. Ich sah, wie er in seinen Wagen stieg, ein blauer VW Passat Kombi.«

»Davon gibt’s aber viele.«

Die Blonde lächelte siegesgewiss. »Es war ein Firmenwagen und ich habe mir die Firma gemerkt.«

Nun lächelte der Chef auch und setzte sich wieder. »Ich mag fähige Mitarbeiter. Na gut, dann suchen Sie mal.«

Die Blonde und der Schwimmer gingen zur Tür. Der Chef holte die Blonde mit einem Räuspern und einem Wink zurück. Sie trat dicht an seinen Schreibtisch. Der Schwimmer stand acht Meter entfernt an der Bürotür.

»Eine Frage«, flüsterte er. »Wir kennen uns jetzt schon eine Weile, aber ich habe Ihren Kompagnon nie sprechen hören. Ist der Mann stumm?«

Die Blonde zeigte blitzsaubere, weiße Schneidezähne. »Ronny? Der spricht nur, wenn ich es ihm erlaube.«

»Das gefällt mir.«

Als der Chef allein im Büro war, nahm er das Telefon zur Hand.

»Fritsche, kommen Sie mal in mein Büro.«

Fritsche kam und der Chef übergab ihm den Laptop.

»Versuchen Sie mal, ob Sie die Verschlüsselung der Dateien knacken können. Ich glaube es zwar nicht, aber man soll ja nichts unversucht lassen. Wenn es klappt, geben Sie mir sofort Bescheid.«

»Das sollte kein Problem sein.«

»Bei einer 256-Bit-Verschlüsselung?«

»In Friedemanns Laptop steckt ein kleiner, hässlicher Trojaner, der jedes Passwort aufzeichnet. Den habe ich selbst installiert. Mit dem richtigen Passwort können wir die Schlüsseldatei öffnen und das Problem ist gelöst«, antwortete Fritsche stolz.

»Gut gemacht, Fritsche. Nur leider nicht zu Ende gedacht. Der Schlüssel befindet sich auf einem externen Speicher. Da nützt uns der Trojaner zurzeit gar nichts. Aber wenn wir den Speicher finden, könnte er noch nützlich werden.«

Fritsche lief rot an, sein erwarteter Triumph hatte sich als Rohrkrepierer erwiesen.

Die Kommissare Bernstein und Reisberg saßen frustriert vor ihren Monitoren. Sie hatten Datenbanken und Melderegister durchsucht, bei Finanzämtern und Amtsgerichten nachgefragt und sogar die Flensburger mit ihrer Verkehrssünderdatei eingeschaltet. Nirgendwo gab es Informationen über Rudolf Friedemann aus der Zeit vor 1991. Familienangehörige konnten sie ebenfalls nicht ausfindig machen.

Ulf Reisberg war besonders schlecht gelaunt. Der erfolglose Nachmittag war nicht sein einziges Problem. Reisberg hatte in Bezug auf Menschen eine sehr schlichte Einstellung. Mit heterosexuellen, weißhäutigen Männern aus dem westeuropäischen Raum, die Fußball liebten und Bier tranken, kam er klar. Mit Frauen, die ihre von der Natur vorgegebene Rolle als Mutter, Hausfrau und Sexgespielin akzeptierten, hatte er keine Probleme. Zumindest glaubte er das. Er war erst zweiunddreißig Jahre alt, aber im Geiste lebte er in den fünfziger Jahren, einer Zeit, in der die Rollen klar verteilt waren, junge Frauen Petticoats trugen, Männer wie James Dean sein wollten und Ehefrauen ihre Gatten um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie einen Beruf ausüben und eigenes Geld verdienen wollten. Offen zugegeben hätte er das so deutlich nie. Reisberg fühlte sich in ein falsches Zeitalter hineingeboren.

Und nun musste er mit einem schwulen Kollegen und einem emanzipierten Mannweib zusammen in einem Team arbeiten! Wo sollte das noch hinführen? Überhaupt, wieso war der Schwule eigentlich schon Oberkommissar, obwohl er ein Jahr jünger als Reisberg war? Der hatte bestimmt Beziehungen nach oben.

»Wieso finden wir rein gar nichts über Friedemann?«, fragte Bernstein ratlos. »Der hatte vor 1991 anscheinend nicht mal ein Auto angemeldet.«

»Apropos Auto«, nahm Reisberg dankbar den Faden auf, »fährst du eigentlich immer noch diesen alten Schrottbulli, die Dreckschleuder? Kannst ja froh sein, dass Hamburg bisher keine Umweltzonen eingeführt hat. Mit der Kiste dürftest du dann nicht mehr fahren.«

Reisberg war selbst ein Fan von alten Autos, leider waren die gut erhaltenen Ami-Schlitten aus den Fünfzigern bei seinem Gehalt unerschwinglich. Trotzdem nutzte er gerne jede Gelegenheit, um dem schwulen Kollegen einen beizupulen.

Bernstein reagierte zunächst nicht. Er bereute zutiefst, in seiner Anfangszeit in der Abteilung fast jedem jungen Kollegen von gleichem Rang das ›Du‹ angeboten zu haben. Er hätte besser selektieren sollen.

»Der Schrottbulli, wie du ihn nennst, ist ein gut erhaltener VW Bus T3 mit seltener Westfalia-Ausstattung. In einem Jahr wird er dreißig, dann kriegt er ein H-Kennzeichen und darf in Umweltzonen gefahren werden.«

»Trotzdem ist das ’ne Umweltsünde«, ließ Reisberg nicht locker.

Bei diesem Thema kam Bernstein in Rage. Er hasste es, wenn Leute mit oberflächlichem Halbwissen argumentierten und ihr Horizont dabei an der eigenen Nasenspitze endete.

»Du hast keine Ahnung, Ulf. Erstens wurden die Umweltzonen eingeführt, um den Feinstaubgehalt in der Luft zu reduzieren. Benzinmotoren erzeugen gar keinen Feinstaub in ihren Abgasen. Das schaffen nur Dieselmotoren. Fährst du nicht einen alten Golf Diesel?«

Reisberg merkte, dass er ein Eigentor geschossen hatte.

»Zweitens«, setzte Bernstein seinen Vortrag fort, »werden historische Fahrzeuge, also die mit dem H-Kennzeichen, in der Regel nur wenige tausend Kilometer im Jahr gefahren, fallen somit gar nicht ins Gewicht. Und drittens sollte man mal auf die komplette Öko-Bilanz eines Autos schauen. Wusstest du, dass vierzig Prozent der gesamten Co2-Menge, die ein Auto während eines durchschnittlich langen Lebens verursacht, bei der Produktion anfallen? Es macht durchaus Sinn, ein Auto möglichst lange zu fahren, um Ressourcen zu schonen.«

Die beiden Hitzköpfe hatten nicht bemerkt, dass ihr Chef Lausen seit geraumer Zeit hinter ihnen stand. Sie zuckten erschreckt zusammen, als sie seine Stimme hörten.

»Leute, könntet ihr eure Diskussion auf den Feierabend verlegen? Was ist nun mit Friedemann? Habt ihr was rausgefunden?«

»Nee, das … das ist echt schwierig«, stotterte Reisberg.

Bernstein stand auf. Schlechte Nachrichten verkündete man im Stehen leichter, vor allem, wenn man hundertneunzig Zentimeter groß war. Er schaute auf Lausen herab.

»Sorry, wir haben leider nichts gefunden. Wir sind alle Datenbanken und Register durchgegangen. Jetzt können wir nur noch auf Antworten der Bundesbehörden hoffen.«

»Das gibt’s doch nicht«, schimpfte Lausen. »Irgendeine Spur seines Lebens muss es geben! Der Mann ist kein Phantom, immerhin haben wir seine Leiche.«

»Für mich gibt es nur eine logische Erklärung«, meinte Bernstein. »Der Mann, der als Rudolf Friedemann seit fast zwanzig Jahren in Harvestehude gelebt hat, ist in Wahrheit jemand anderes.«

»Gut möglich«, stimmte Lausen zu. »Wir sollten seine Papiere einer gründlichen Überprüfung unterziehen lassen. Vielleicht sind sie gefälscht. So, und jetzt ab in den Besprechungsraum, Ergebnisse zusammentragen.«

Lausen hatte Kaffee, Mineralwasser und Kekse in den Besprechungsraum bringen lassen. Nachdem alle Mitarbeiter versorgt waren, bat er zunächst Vera Becker um ihren Bericht.

»Unsere Kollegen von der Kriminaltechnik haben die Untersuchung des Tatorts abgeschlossen«, begann die Kommissarin. »Der vorläufige Bericht ist ziemlich kurz. Eine Reihe von Untersuchungen zu den sichergestellten Spuren steht noch aus. Von der Spurenlage her muss Friedemann auf einem Polsterstuhl mit Holzarmlehnen gesessen haben, während er gefoltert wurde. Es ist davon auszugehen, dass er gefesselt und geknebelt war. Material zur Fesselung wurde komischerweise nicht gefunden, das muss vom Täter beseitigt worden sein. Geknebelt wurde das Opfer anscheinend mit einem Waschlappen aus dem eigenen Haushalt. Der Waschlappen lag unter dem Stuhl, neben der Leiche. Die deutlich sichtbaren Speichelanhaftungen werden gerade im Labor untersucht. Die Analyse der zahlreichen kleinen Blutspritzer auf dem Teppich läuft ebenfalls noch. Vermutlich stammen sie alle vom Opfer. Die Kollegen fanden diverse Stofffasern, an deren Zuordnung wird gearbeitet. Am interessantesten dürfte die Lage bei den Fingerabdrücken sein. In der Bibliothek, also im Tatraum, gibt es an den üblichen Stellen – Tresor, Türklinken, Tischkante und so weiter – keine oder nur verwischte Fingerabdrücke, gleiches gilt für die Wohnungstür und den Klingelknopf. Aber in der Küche standen mehrere benutzte Gläser und auf einem sind Abdrücke, die nicht vom Opfer stammen. Die Haushälterin hat das Glas nicht angefasst, die habe ich befragt. Es könnte gut sein, dass diese Abdrücke von dem unbekannten Besucher mit dem grünen Sakko stammen. Wenn wir Glück haben, ist der in unserer Datenbank. Das war’s für den Anfang.«

»Danke, Frau Becker«, sagte Lausen. »Dann ergänze ich das mit dem ebenfalls vorläufigen Obduktionsbericht von Doktor Peters. Die zeitliche Abfolge der unappetitlichen Details kann der Doktor nicht festlegen. Die Liste ist lang: Faustschläge ins Gesicht und in den Bauch, teilweise vielleicht mit einem Schlagring ausgeführt, oberflächliche Schnittwunden an den Armen und im Brustbereich, Schläge mit einem unbekannten Gegenstand auf die Finger, die Genitalien wurden mittels eines Kupferdrahtes mit Stromschlägen malträtiert. Die Liste der Verletzungen ist unglaublich lang: Jochbeinbruch, Unterkieferbruch, gebrochene Rippen, Milzriss, Nierenquetschung, verbrannte Haut an den Genitalien und so weiter. Am Ende wurde der arme Mann mit einer Drahtschlinge erdrosselt. So schrecklich das klingt, aber das muss eine Erlösung gewesen sein. Peters meint, dass hier jemand zu Werke ging, der wusste, wie weit man gehen kann, ohne dass das Opfer zu früh stirbt. Er geht von mindestens zwei Tätern aus. Die Schläge ins Gesicht wurden von links und von rechts mit gleicher Kraft ausgeübt. Entweder haben wir es mit einem durchtrainierten Boxer zu tun, der beidhändig annähernd gleich gut zuschlagen kann oder eben mit einem Rechts- und einem Linkshänder. In den Bartstoppeln des Opfers, das sich wohl zwei oder drei Tage nicht rasiert hatte, fand unser guter Doktor kleine schwarze Partikel, die im Labor bereits untersucht wurden. Es handelt sich um gefärbtes Leder. Die Täter trugen Lederhandschuhe.«

»Dann müssen wir nur die Handschuhe und ihre Besitzer finden, das ist ja einfach«, stellte Reisberg fest.

Lausen warf ihm einen genervten Blick zu. »Zum Schluss sei noch erwähnt, dass Rudolf Friedemann schwer krank war. Peters fand ein Fentanylpflaster auf seinem Oberarm.«

»Fentanyl? Ist das nicht eine Art Opiat, das man bei starken Tumorschmerzen verschreibt?«, fragte Bernstein.

»Ja, Peters hat daraufhin den Leichnam entsprechend untersucht und diverse Metastasen in den Organen gefunden. Nach seiner Einschätzung lag Friedemanns Lebenserwartung bei höchsten drei Monaten.«

»Vielleicht wurde er so ausgiebig gefoltert, weil das Schmerzmittel ihm half, länger durchzuhalten«, spekulierte Becker. »Und irgendjemand war mächtig unter Zeitdruck, er konnte Friedemanns natürlichen Tod nicht abwarten.«

»Oder der Zeitdruck entstand durch das bevorstehende Ableben Friedemanns«, sagte Schwanitz, der bisher geschwiegen hatte.

»Zeitdruck ist ein gutes Stichwort.« Lausen schaute auf seine Armbanduhr. »Muss gleich los, meinen Sohn vom Fußballtraining abholen. Konrad, gibt’s was Neues in Sachen grünes Sakko?«

Schwanitz zog die Schultern hoch. »Noch nicht. Der Aufruf läuft im Radio bei NDR, RSH, Radio Hamburg ...

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