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Halte mich, geliebter Retter

Stella Bagwell

Halte mich, geliebter Retter

1. KAPITEL

Das Licht greller Scheinwerfer tauchte im Rückspiegel auf, kam näher und näher heran und blendete immer mehr, bis Lucita Sanchez den dunklen, einsam gelegenen Highway vor sich kaum noch erkennen konnte.

Angst stieg in ihr hoch, und Adrenalin schoss in jede Nervenzelle ihres Körpers. Lucita umklammerte das Lenkrad und trat das Gaspedal durch. Sie hoffte, sich dadurch von dem Verfolger absetzen zu können. Legte der Fahrer es darauf an, sie nervös zu machen? Oder bemerkte er sie nicht?

Mach dir doch nichts vor. Irgendjemand verfolgt dich schon seit Wochen!

Die unterbrochenen weißen Mittelstreifen verschwammen zu einer langen Linie, als sie das Tempo auf neunzig und dann auf fünfundneunzig Meilen erhöhte. Der Fahrer hinter ihr gab nicht auf. Im Gegenteil. Das Fahrzeug rückte ihrer Stoßstange immer näher.

Fieberhaft suchte sie im Geist nach Fluchtwegen. Da spürte sie einen heftigen Stoß von hinten, der ihren Körper nach vorn drückte und ihr das Lenkrad beinahe aus den Händen riss.

Ihr Hintermann rammte ihren Wagen! Versuchte jemand, sie zu töten?

Großer Gott, was sollte sie nur tun? Gab es kein Entkommen? Schon beim gegenwärtigen Tempo war die Unfallgefahr sehr hoch. Durfte sie es wagen, noch schneller zu fahren? Oder sollte sie auf dem Seitenstreifen anhalten und abwarten, wie ihr Angreifer reagierte? Würde er einfach weiterfahren oder stehen bleiben und auf Konfrontationskurs gehen?

Fieberhaft wog sie die Möglichkeiten gegeneinander ab, als plötzlich direkt vor ihr ein großes schwarzes Etwas auf dem Highway auftauchte.

Mit einem Aufschrei trat sie aufs Bremspedal und riss das Lenkrad herum. Das Auto geriet ins Schleudern, drehte sich mehrmals und schoss über den grasbewachsenen Seitenstreifen. Es raste durch einen Zaun und prallte frontal gegen einen Strommast.

Der heftige Aufprall löste den Airbag aus, der Lucita mit solcher Wucht ins Gesicht schlug, dass ihr Kopf gegen das Seitenfenster geschleudert wurde. Sie spürte einen stechenden Schmerz – und dann nichts mehr.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als ihr Bewusstsein allmählich zurückkehrte. Benommen versuchte sie, sich aufzurichten. Die Luft war aus dem Airbag entwichen, und der Nylonstoff hing schlaff auf dem Lenkrad. Die Windschutzscheibe war gesprungen. Dampf strömte unter der zerknitterten Motorhaube hervor. Unglaublich – die Scheinwerfer waren noch intakt und erhellten einen breiten Streifen Weide, auf der eine Rinderherde graste.

Wo bin ich? Was ist passiert?

Verwirrt strich Lucita sich das hellbraune Haar aus der Stirn und blickte sich um. Hinter ihr, über fünfzig Yards entfernt, lag der Highway dunkel und unheimlich still da. Offensichtlich waren keine Fahrzeuge vorbeigekommen, seit sie an den Strommast geprallt war. Zumindest hatte niemand angehalten, um ihr zu helfen.

Und was war mit dem ominösen Verfolger? Er musste ihren Unfall beobachtet haben. Dass er trotzdem verschwunden war, legte den Verdacht nahe, dass er ihr nach dem Leben trachtete.

Mit zitternden Händen tastete sie am Armaturenbrett nach dem Schalter für die Scheinwerfer und knipste sie aus. Wer immer sie gerammt hatte, kehrte womöglich zurück, und sie wollte ihm ihren genauen Standpunkt keinesfalls preisgeben.

Sobald völlige Finsternis herrschte, merkte sie, dass ihr der Sicherheitsgurt in den Hals schnitt. Sie griff nach der Schnalle, doch es wollte ihr nicht gelingen, den Schnappverschluss zu öffnen. Erst nach mehreren Anläufen konnte sie sich von dem Riemen befreien und atmete erleichtert auf.

Nun musste sie nur noch ihre Handtasche finden, in der sich ihr Handy befand. Falls es durch den Unfall nicht beschädigt worden war, konnte sie innerhalb weniger Minuten auf Hilfe hoffen.

Wie eine Blinde tastete sie mit flacher Hand die Sitze und den Fußraum ab. Schließlich fand sie die Tasche hinter dem Beifahrersitz und holte das Handy heraus.

Im Stillen dankte sie dem Himmel, als das Display aufleuchtete. Hastig tippte sie die Notrufnummer ein, meldete ihren Unfall und gab ihren ungefähren Standort an. Dann legte sie das Handy fort und lehnte sich auf dem Sitz zurück.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Was sollte sie nun tun? Aussteigen? Es lag zwar kein Rauch in der Luft, doch möglicherweise lief Benzin aus, und der kleinste Funke konnte es entzünden. Doch rings um das Auto stand kniehoch Gras und Unkraut, und in dieser Gegend von Texas waren Klapperschlangen keine Seltenheit. Wer bei gesundem Verstand war, vermied es möglichst, bei Nacht ohne Licht auch nur durch seinen eigenen Garten zu gehen, geschweige denn durch dichtes Gestrüpp auf offenem Gelände. Da sie nie daran dachte, eine Taschenlampe ins Handschuhfach zu legen, wagte sie nicht, den Wagen zu verlassen.

Zehn Minuten später tauchte ein Pick-up mit blinkenden Lichtern auf dem Dach auf und hielt am Straßenrand. Erleichtert tastete sie nach dem Türgriff. Doch die Tür klemmte.

Hastig beugte Lucita sich über den Sitz und versuchte es auf der Beifahrerseite – ebenso vergeblich. Die Tür bewegte sich nicht einen Millimeter.

Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte gar nicht aussteigen können!

Dieser Gedanke löste nachträglich einen Anflug von Panik aus. Verzweifelt drehte sie den Zündschlüssel herum, betätigte den elektrischen Fensterheber und rief durchs offene Fenster: „Ich kann die Türen nicht aufmachen!“

Der helle Lichtkegel einer Stablampe erfasste den Wagen, während sich eine große Gestalt näherte. „Bleiben Sie ruhig. Ich bin gleich bei Ihnen.“

Die Männerstimme klang tief und kräftig und wirkte sehr beruhigend. Erleichterung durchströmte Lucita, und einen Moment lang fürchtete sie, in Tränen auszubrechen.

Reiß dich zusammen. Du hast doch schon viel Schlimmeres überstanden.

Endlich gelang es dem Officer, sich durch den dichten Wirrwarr aus Gras und Unkraut bis zum Auto hindurchzuschlagen. Er richtete die Taschenlampe direkt auf ihr Gesicht und fragte: „Sind Sie verletzt? Die Zentrale hat mir gesagt, dass kein Krankenwagen erforderlich ist.“

Sie schloss die Augen, weil das Licht blendete. „Ich glaube, dass alles in Ordnung ist. Ich bin nur heftig durchgeschüttelt worden. Beide Türen sind verklemmt. Können Sie mich hier rausholen?“

Er rüttelte einige Male kräftig an der Fahrertür, bis sie schließlich aufsprang.

Hastig schwang Lucita die Beine auf den Boden und stieg aus. „Oh!“ Um sie herum drehte sich alles. Ihre Knie gaben nach. Instinktiv tastete sie nach einem Halt und ergriff die breite Brust des Officers.

„Kippen Sie mir bloß nicht um!“ Er reagierte rasch, legte die muskulösen Arme um sie und lehnte sie an seinen großen Körper. „Ganz ruhig, Ma’am. Atmen Sie tief durch. Langsam und gleichmäßig.“

Sie tat, was er verlangt hatte. Nach einer kurzen Weile fühlte sie sich wieder stark und war gleichzeitig verlegen, weil sie praktisch in die Arme eines Fremden gesunken war. Der gestärkte Stoff seines Hemdes roch nach einem herben Männerduft und fühlte sich unter ihrer Wange kühl und glatt an. Seine starken Arme dagegen waren warm und erweckten ein Gefühl der Geborgenheit, wie sie es seit langer, langer Zeit nicht mehr verspürt hatte.

Sie tadelte sich für diesen Moment der Schwäche und zwang sich, den Kopf von seiner Brust zu heben. „Es geht mir gut. Ich kann jetzt bestimmt allein stehen.“

Er ließ die Arme sinken, fasste Lucita aber vorsichtshalber am Ellbogen. „Ich bin Deputy Ripp McCleod, Ma’am, vom Sheriffbüro Goliad County. Und wer sind Sie?“

„Lucita Sanchez. Ich lebe auf der Sandbur-Ranch.“

„Sind Sie mit Matt und Cordero verwandt?“

Es überraschte sie nicht sonderlich, diese Namen aus seinem Mund zu hören. Vermutlich stammte er aus Goliad County und kannte daher die meisten Leute von der Ranch, die im gesamten Süden von Texas bekannt war. Dass er sie nicht kannte, lag wohl daran, dass sie mehrere Jahre nicht auf ihrem Familienwohnsitz verbracht hatte und erst vor wenigen Monaten zurückgekehrt war.

Schnell holte sie ihren Führerschein und ihre Versicherungskarte aus der Handtasche und reichte ihm beides. „Ja. Matt und Cordero sind meine Brüder.“ Sie deutete zur Vorderseite ihres Wagens. „Ich war gerade auf dem Heimweg, als es passiert ist.“

Sie hatte den Strommast durch den Aufprall nicht gefällt, aber er neigte sich in einem bedenklichen Winkel nach Westen. Die schweren Kabel hingen gewaltig durch, berührten zum Glück jedoch nicht die Erde. Mehrere Pfosten des Zauns, den sie durchbrochen hatte, lagen völlig flach auf dem Boden, zusammen mit einigen Strängen Stacheldraht. Es war ein Wunder, dass bisher keines der Rinder auf den Highway spaziert war.

Der Detective dachte offensichtlich dasselbe. Er neigte den Kopf zu einem Funkgerät, das an seiner Schulter befestigt war. „Hallo Lijah, beeil dich! Hier steht Vieh auf der Weide, und der Zaun ist kaputt. Richte ihn schleunigst wieder auf, bevor die Rinder weitere Unfälle verursachen. Und verständige das E-Werk. Es muss einen Mast aufrichten.“

„Roger. Ich kann jetzt deine Lichter sehen. Ist jemand verletzt?“

„Ich denke nicht.“

Deputy McCleod richtete die Aufmerksamkeit wieder auf Lucita. „Befindet sich sonst noch jemand im Wagen?“

Flüchtig ging ihr durch den Kopf, dass er ihr vage vertraut erschien. Doch sie erhaschte nur einen flüchtigen Blick in sein Gesicht, wenn er die Taschenlampe zufällig nach oben richtete. Es war eine mondlose warme Nacht mit einer dünnen Wolkendecke, die den Sternenschein verdunkelte. Trotz des spärlichen Lichts erkannte sie, dass er hochgewachsen war. Der kräftige Oberkörper steckte in einem kakifarbenen Uniformhemd. Bluejeans umschmiegten lange muskulöse Beine. Unter den Hosenbeinen ragten schwarze eckige Cowboystiefel hervor. Tief auf den schmalen Hüften trug er einen Ledergurt mit einem Revolver – er war der Inbegriff eines texanischen Gesetzeshüters, und sie war sich seiner Autorität absolut bewusst.

„Nein“, antwortete sie verspätet auf seine Frage, „ich bin allein unterwegs.“

„Können Sie mir sagen, was genau passiert ist? Oder erinnern Sie sich nicht?“

Seine Stimme war weich und rau zugleich und ließ ihren Körper erschauern. Oder war dies nur eine Reaktion auf den erlittenen Schock? So oder so – sie verschränkte die Arme vor den Brüsten. „Ich bin mir nicht ganz sicher. Irgendetwas ist mir vors Auto gelaufen. Ein Wildschwein, denke ich. Haben Sie eines auf dem Highway gesehen?“ Sie drehte den Kopf zum dunklen Asphalt. „Ich hoffe, ich habe es nicht angefahren.“

„Ich habe kein Wildschwein gesehen, weder auf der Straße noch auf den Seitenrändern. Nur eine extrem lange Bremsspur. Sie müssen es sehr eilig gehabt haben, nach Hause zu kommen. Wie schnell sind Sie gefahren, Mrs Sanchez?“

Lucita konnte ihm den Anflug von Kritik nicht verdenken. Niemand, der bei klarem Verstand war, raste bei Nacht in so hohem Tempo über die Schnellstraße. Nur jemand, der um sein Leben fürchtet. „Zu schnell“, räumte sie ein, „aber es ist nicht so, wie Sie denken. Ich hatte es nicht bloß eilig. Ich war …“

Anstatt sie aussprechen zu lassen, warf er ein: „In dieser Gegend stellt Wildwechsel ein großes Problem dar – selbst wenn man die Geschwindigkeitsbegrenzung einhält.“

Das brauchte er ihr nicht zu erklären. Sie hatte dieses Fleckchen in Texas viele Jahre lang ihr Zuhause genannt, ehe sie nach Corpus Christi an die Küste gezogen war. Sie hatte viele zerquetschte Autos und sogar Tote gesehen, die von Zusammenstößen mit wilden Tieren herrührten. „Ja, dessen bin ich mir bewusst, Deputy. Aber ich …“ Wie sollte sie ihm erklären, dass jemand versucht hatte, sie von der Straße abzudrängen? Selbst für sie klang es unglaubwürdig. Und da es keinerlei Beweise gab, behielt sie es vorerst für sich.

Müde hob sie eine Hand und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. Dabei spürte sie etwas Nasses und Klebriges. Sie tastete ihren Kopf ab und zuckte vor Schmerz zusammen, als ihre Finger auf eine dicke Beule mit einer klaffenden Wunde stießen. Sie hielt sich die Hand vor die Augen und sah Blut daran. „Oh! Offensichtlich bin ich verletzt!“

„Lassen Sie mal sehen.“ Er trat vor und richtete den Lichtstrahl auf ihren Kopf.

Lucita stand stocksteif, während er ihr Haar teilte, um die Wunde zu untersuchen. Erneut fiel ihr der angenehme Geruch seines Hemdes auf, ebenso wie die maskuline Stärke seines warmen Körpers.

„Das ist eine ziemlich hässliche Platzwunde“, murmelte er. „Ich rufe doch lieber einen Krankenwagen. Womöglich haben Sie eine Gehirnerschütterung!“

Sie wich zurück. „Vergessen Sie’s. Ich habe nichts mit Krankenhäusern im Sinn. Außerdem sind meine Cousine und ihr Mann Ärzte. Sie werden auf die Ranch kommen und mich untersuchen, falls es nötig sein sollte.“

„Ich befürchte nicht nur eine Gehirnerschütterung“, entgegnete er schroff. „Wahrscheinlich muss die Wunde genäht werden.“ Er zog ein Taschentuch hervor und drückte es auf die Wunde, um die Blutung zu stillen.

Sie schloss die Augen und versuchte, sich gegen die seltsamen Gefühle zu wehren, die sie durchströmten. Wie lange war es her, dass ihr ein Mann, mit dem sie nicht verwandt war, so nahe gekommen war? Drei Jahre? Drei lange einsame Jahre. „Ich werde die Wunde schon versorgen lassen, Deputy. Danke.“

„Tun Sie das unbedingt.“ Er überließ ihr das Taschentuch und wich zurück. „Schaffen Sie es zu meinem Truck? Ich muss den Unfall aufnehmen, und dort hätten Sie es bequemer.“

Sich zu setzen, erschien ihr sehr verlockend. Momentan kostete es sie Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Ihr Kopf musste einen schlimmeren Schlag abbekommen haben, als sie zunächst vermutet hatte. Schwindelgefühl und Übelkeit kamen und gingen immer noch in großen Wellen, schon seit sie ausgestiegen war. „Ich denke, ja.“

Er umfasste ihren Oberarm und stützte sie kraftvoll, während sie durch das hohe Gras stapften. Gerade als sie seinen Truck erreichten, hielt ein Streifenwagen mit quietschenden Reifen auf dem Highway, und ein Officer stieg aus.

„Organisiere einen Abschleppwagen, falls du das noch nicht gemacht hast!“, rief Deputy McCleod hinüber. „Und kümmere dich um den Zaun!“

Der andere Mann hob eine Hand zur Bestätigung.

Der Deputy führte Lucita zu seinem Truck und half ihr auf den Beifahrersitz. Unwillkürlich begann sie zu zittern. Ob es an der Klimaanlage lag, die bei laufendem Motor auf Hochtouren arbeitete, oder ob sie ängstlich ein Verhör erwartete – sie wusste es nicht. Sicher war nur, dass sie die ganze Sache schleunigst hinter sich bringen und nach Hause zurückkehren wollte.

Lämpchen in allen möglichen Farben und Formen beleuchteten Schalter und Anzeigen auf dem Armaturenbrett. Ein Funkgerät knisterte und knackte, während Stimmen in unregelmäßigen Abständen Informationen über den Äther schickten. Am Heckfenster lehnten Hochleistungsgewehre in einem Waffenständer.

Sie runzelte die Stirn und fragte sich, ob der Deputy wohl schon einmal eine der Waffen benutzt hatte.

Wenige Sekunden später glitt er neben ihr auf den Sitz. Er schaltete die Innenbeleuchtung ein, die den engen Raum in einen gelblichen Lichtschein tauchte. Sie musterte sein Profil, während er schweigend nach einem Klemmbrett griff und Daten aus ihrem Führerschein zu übertragen begann.

Lucita schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig. Dunkle Bartstoppeln bedeckten sein markantes Kinn. Kaffeebraune Koteletten reichten bis an die Ohrläppchen, und die längeren Haare im Nacken unter dem Hut lockten sich. Seine Nase wirkte recht groß und sehr gerade. Die ausgeprägten Lippen waren momentan zu einer grimmig wirkenden schmalen Linie zusammengepresst.

Mit gesenktem Kopf schrieb er weiter. „Ich muss wohl nicht erst betonen, welches Glück Sie hatten. Ich denke, Ihnen ist klar, dass Sie durch Ihr fahrlässiges Verhalten hätten umkommen können.“

Sie holte tief Luft. Sie hätte gern seine Augen gesehen, die ihr vielleicht einen Anhaltspunkt dafür gegeben hätten, was hinter seiner Kritik steckte. Doch die Augen blieben unter der breiten Hutkrempe verborgen. Ihr Blick fiel auf seine Hände. An beiden Ringfingern trug er keinen Schmuck. Aber was bedeutete das schon? Und warum interessierte es sie überhaupt, ob er verheiratet war oder nicht?

Sie versuchte, sich auf den wahren Grund zu konzentrieren, weshalb sie neben diesem hoch aufgeschossenen Deputy saß. Er wirkte sehr stark und kompetent, und etwas an ihm vermittelte ihr ein Gefühl von Sicherheit. Sie musste ihm erzählen, was sich wirklich auf dem Highway zugetragen hatte. Sie brauchte seine Hilfe. Sonst kostete es sie womöglich das Leben. „So betrachtet haben Sie vermutlich recht. Aber momentan fühle ich mich nicht besonders glücklich. Ich … Wissen Sie, kurz vor der Begegnung mit dem Wildschwein ist ein Auto ganz dicht aufgefahren und hat mich sogar gerammt!“

Er drehte ihr den Kopf zu. „Gerammt?“

Selbst durch dieses eine einzige Wort brachte er Ungläubigkeit zum Ausdruck. Von seinem Standpunkt aus betrachtet mussten ihre Ausführungen absurd klingen. Es war eine ländliche Gegend, in der die meisten Leute ein beschauliches Leben führten. Die Nachbarn kannten einander gut und versuchten ganz gewiss nicht, sich gegenseitig von der Straße zu drängen.

„Ja! Zuerst waren die Scheinwerfer so hell und nah, dass sie mich geblendet haben. Ich habe beschleunigt, um den Verfolger abzuschütteln, aber er ist an meiner Stoßstange kleben geblieben, und dann ist er mir einfach ins Heck gerast. Mit so viel Schwung, dass es mir fast das Lenkrad aus den Händen gerissen hat. Ich habe überlegt, ob ich noch mehr Gas geben oder lieber anhalten soll, als mir das Wildschwein vors Auto gerannt ist. Dann habe ich gebremst und das Lenkrad herumgerissen und bin dabei ins Schleudern geraten. Das Nächste, was ich weiß: Die Schnauze meines Autos war um den Strommast gewickelt.“

Er senkte den Blick auf das Klemmbrett. „Sind Sie sicher, dass der Wagen Sie tatsächlich gerammt hat? Dieser Highway hat ein paar tiefe Schlaglöcher. Wenn man mit hoher Geschwindigkeit in eins davon gerät, kann es einen gehörigen Ruck geben und sogar einen Unfall verursachen.“

Lucita spürte Blut rinnen und drückte das Taschentuch fester auf ihre Kopfwunde. „Mir ist klar, dass alles ganz unglaublich klingt. Aber es war kein Schlagloch. Der Wagen hat mich tatsächlich gerammt.“

Wie um sie näher unter die Lupe zu nehmen, drehte er ihr den Oberkörper zu und schob sich mit einem Daumen den Hut aus der Stirn. „Gab es in letzter Zeit schon mal irgendeine Auseinandersetzung mit diesem Fahrzeug? Womöglich haben Sie irgendwann mal vergessen abzublenden, und der Fahrer hat sich darüber maßlos geärgert und wollte sich rächen. Oder Sie haben ihm einen Parkplatz weggeschnappt. Leider nimmt Gewalt im Straßenverkehr immer mehr überhand.“

Sie schüttelte den Kopf und sagte entschieden: „Nein. Nichts dergleichen ist passiert, weder heute oder gestern noch irgendwann sonst.“

Ein schwaches Grübchen erschien auf seiner Wange, als er lächelte. „Sie müssen eine überaus höfliche Fahrerin sein, Mrs Sanchez.“

Sie wandte den Blick ab und rief sich in Erinnerung, dass sie nichts für Gesetzeshüter übrighatte, da sie für ihren Geschmack zu großspurig auftraten. Dieser Mann bildete keine Ausnahme. Und doch hatte er etwas an sich, das sie auf höchst sinnliche Weise ansprach. „Die meisten Texaner sind höfliche Fahrer“, entgegnete sie, „außer dem Idioten, der mich verfolgt hat.“

Nachdenklich starrte er aus dem Fenster. „Hatten Sie vielleicht Streit mit jemandem?“

Seine Frage veranlasste sie, unbehaglich auf dem Sitz herumzurutschen. Je mehr sie den Unfall zu erklären versuchte, desto seltsamer klang es. „Ich muss Ihnen paranoid vorkommen – oder zumindest theatralisch. Aber ich glaube, dass mich schon seit längerer Zeit jemand verfolgt … Ein Stalker.“ Sie drehte ihm den Kopf zu und stellte fest, dass er sie mit aufrichtiger Sorge musterte. Es erleichterte sie, dass er ihre Ängste ernst nahm.

„Haben Sie es den Behörden gemeldet?“

„Nein. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Aber ohne Beweise hätte mich die Polizei bestimmt für verrückt erklärt. Außerdem hatte ich gehofft, dass sich die ganze Sache von selbst in Luft auflösen würde.“

„Was ist mit Ihrer Familie? Haben Sie jemandem davon erzählt?“

„Nur meiner Tante Geraldine. Andeutungsweise. Weil es bisher nur so ein vages Gefühl war.“

Er forschte weiterhin in ihrem Gesicht wie auf der Suche nach der Wahrheit.

Lucita hätte ihm sagen können, dass sich nichts Geheimnisvolles unter der Oberfläche verbarg.

„Haben Sie Feinde?“

„Ich denke nicht. Aber wie soll man das heutzutage wissen? Ich unterrichte an der Highschool St. Francis in Victoria. Ich nehme an, ein verärgerter Schüler könnte mir Angst machen wollen.“

„Jemandem Angst machen ist eine Sache. Aber Stalking ist eine kriminelle Handlung und sehr ernst zu nehmen!“

Die Verfolgungsjagd war ihr allerdings kriminell erschienen. Doch darüber wollte sie nicht nachdenken. Sie schreckte vor der Vorstellung zurück, dass ihr tatsächlich jemand etwas antun wollte. „Na ja, das andere Auto ist nach meinem Crash einfach weitergefahren. Hätte der Fahrer mir ernsthaft schaden wollen, wäre er vermutlich zurückgekommen, um sein Werk zu vollenden.“

Der Deputy presste die Lippen grimmig zusammen. „Ich will Sie nicht unnötig beunruhigen, aber womöglich glaubt diese Person, dass der Unfall tödlich war, und wollte nicht riskieren, am Tatort erwischt zu werden.“

Lucita gefror das Blut in den Adern. „Ich kann nur hoffen, dass Sie sich irren!“

Seine Miene besänftigte sich ein wenig. „Das hoffe ich auch“, versicherte er und fragte dann: „Können Sie mir mehr über das Fahrzeug sagen?“

Sie seufzte matt. „Nicht viel. Ich bin ziemlich sicher, dass es flach und schnittig war. Schwarz oder zumindest dunkel.“

„Nichts über die Marke oder das Modell? Das Kennzeichen?“

Ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihrem Kopf aus. Sie strich sich mit einer Hand über die Stirn und wünschte sich ein Aspirin und ein kühles weiches Kissen. „Nein. Ich hatte keine Zeit, auf Details zu achten. Der Wagen ist wahnsinnig schnell hinter mir aufgetaucht, und dann haben mich die Scheinwerfer im Rückspiegel geblendet.“

Er nickte und notierte sich etwas auf seinem Klemmbrett. „Nun, jetzt werden Sie sich über mich wahrscheinlich fast so sehr ärgern wie über den Drängler, denn ich muss Ihnen zwei Strafzettel ausstellen – wegen überhöhter Geschwindigkeit und wegen rücksichtslosen Fahrens.“

Mit großen Augen starrte sie ihn an. „Und was ist mit dem Wildschwein – oder was immer das war? Oder mit dem Drängler? Zählt das überhaupt nicht?“

Sarkastisch verzog er den Mund. „Abgesehen von Ihrem Wort habe ich keinerlei Anhaltspunkt für einen Drängler oder ein Wildschwein. Aber ich werde mir die Sache näher ansehen.“ Er gab ihr die Ausweispapiere zurück, griff zur Stablampe und öffnete die Fahrertür. „Sie bleiben bitte, wo Sie sind.“

Was zum Teufel glaubt er denn, wohin ich gehen könnte?

Ihr Auto war nicht länger fahrbar, und ihre Beine fühlten sich wie Pudding an. Bis zur Ranch waren es noch mehrere Meilen. Zu Fuß hätte sie die Strecke kaum bewältigen können, und ohnehin reizte es sie gewiss nicht, durch die Dunkelheit zu irren.

In einiger Entfernung sah Lucita ihr zerknautschtes Auto im Scheinwerferlicht des Streifenwagens und den Officer namens Lijah, der gerade den ...

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