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Trisha Kelly

hat sich vollkommen der Welt der Bücher verschrieben. Sie absolvierte ein Studium der Filmwissenschaft und arbeitet seitdem als Lektorin und Autorin für Kinder- und Erwachsenenbücher. Wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder kocht, kümmert sie sich am liebsten um ihr Rudel Hunde. Sie lebt und arbeitet in New York.

 

Verena Körting,

geboren in Köln, studierte Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule Düsseldorf. Nach ihrem Diplom und einigen Jahren als Grafikdesignerin in Hamburg kehrte sie 2013 zurück in ihre Heimatstadt. Sie illustriert inzwischen hauptberuflich Kinder-, Vorlese-, Märchen- und Bilderbücher sowie Buchcover für große und kleine Verlage.

Trisha Kelly

Hallowstone

Der Zauber der Mitternachsstadt

Aus dem Englischen von Ulrich Thiele

Mit Bildern von Verena Körting

Prolog

Mondlicht schwebt zum Küchenfenster herein. Es lockt mich, zieht mich hinaus. Behutsam öffne ich die Hintertür, ganz leise, weil ich Dad nicht wecken will.

Meine Augenlider sind furchtbar schwer, aber meine Füße tragen mich wie von selbst in die Mitte des Gartens, quer über wild wuchernde Schlingpflanzen, durch Lauchgewächse und junge Bäume, allesamt gefangen in ewigem Herbst. Wie zerbrechlich die orangeroten Blätter im Schein des Vollmonds wirken. Mit den Fingerspitzen streiche ich darüber und neben mir schnuppert meine Wolfshündin Willow am Boden.

Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte den Mond. Vor dem schwarzen Samt des Himmels leuchtet er wie eine Perle.

Ein Lied steigt aus meiner Kehle auf. Ich schlucke es hinunter und mache ein paar Schritte in unser Kürbisbeet hinein. Das ganze Jahr über wachsen hier Kürbisse, die meisten sind gelb und orange, die paar unreifen grün, andere verströmen ein kühles blaues Licht. Ich lasse meine Stirn auf einen großen, runden sinken und streichele Willow. Oben treiben Wolken am Mond vorüber.

Doch das Lied kehrt zurück und diesmal kann ich es nicht unterdrücken. Ein paar Töne entwischen mir. Willow sieht mich an, ihre großen Augen schimmern im Dunkeln und die Melodie hallt in meinem Herzen wider. Sie dringt bis unter meine Haut.

Es ist ein Schlaflied, ja, das ist es. Ich weiß nicht, woher ich den Text kenne. Ich kenne ihn einfach.

Langsam fallen mir die Augen zu. Oder waren sie die ganze Zeit geschlossen? So oder so klingt mir das Lied weiter in den Ohren und meine Gedanken schweben davon.

1. Kapitel

Den Stiel meines nagelneuen Hexenbesens fest im Griff, sause ich Dad hinterher und wirbele im Flug Blätter auf. Bei mir zu Hause glänzt jeden Morgen Frost am Boden und das Laub der Alleen erstrahlt immer in den buntesten Farben. Die Kürbisse sind dick und rund und die Luft duftet verheißungsvoll, denn in Hallowstone ist das ganze Jahr hindurch Herbst. Der erste Biss in einen extraknackigen Apfel, das Fauchen einer schwarzen Katze, das fein verästelte, silbrig-spinnenartige Netz des magischen Schutzwalls rund um Hallowstone – all das macht meine Heimatstadt zu meiner Heimatstadt und am allerschönsten ist sie am frühen Morgen. Besonders wenn Besuchstag ist.

Dad und ich zischen dicht über der Erde dahin, meine Stiefelspitzen streifen fast die zarte Eisschicht. Abgesehen von ein paar unfreiwilligen Vollbremsungen und einer bedauerlichen Heckenlandung habe ich meinen Besen aber so was von unter Kontrolle. Beim ersten Aufsteigen wollte er mich noch abwerfen, weil er gespürt hat, wie nervös ich war. Doch inzwischen haben wir einen guten Rhythmus miteinander gefunden.

»Und wie fliegt er sich, Prue?«, fragt Dad, der auf seinem eigenen Besen um mich herum Spiralen dreht. »Die Verkäuferin bei Flitzezweig & Co. meinte, es wäre das schnellste Modell auf dem Markt, nur eine Stufe hinter den richtigen Rennbesen.«

»Er ist super! Und dass du ihn mir heute schon gegeben hast – ich kann’s immer noch nicht glauben.«

Genau gesagt bin ich fast umgefallen, als Dad ihn mir heute Morgen überreicht hat, mit Schleife drum und allem. Es ist ein neuer, grün glitzernder Hexenbesen, kein alter wie der von Dad, und am Stiel ist sogar mein Name eingraviert. Ich will schon so lange auf einem Besen zur Schule fliegen und morgen, wenn das neue Schuljahr losgeht, ist es endlich so weit. Ganz klar: Das ist das beste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten. Streng genommen werde ich zwar erst morgen elf, aber Dad hat mir mein Geschenk schon heute überreicht, denn dieses Jahr geht an meinem Geburtstag auch die Schule wieder los.

»Na, dein Bruder soll sich das Ding doch auch anschauen können.« Lächelnd schiebt Dad die Brille auf seiner schmalen Nase nach oben. »Sonst hätte er wieder wochenlang geschmollt.«

»Ja, mindestens!«

Mein sechsjähriger Bruder Bean ist sogar ohne Hexenbesen schneller als der Wind – klar, er ist ja ein Werwolf – , und trotzdem ist er total fasziniert von ihnen. Genau wie Dad, der ist auch fasziniert von altem Kram, vor allem von dem alten Kram nichtmagischer Menschen. Deren Welt liegt in einer anderen Dimension als unsere und ist Dads Spezialgebiet als Professor der Geschichte an der Universität von Hallowstone. Er hat schon mehrere Forschungsreisen durch das Portal unternommen und ist in nichtmagische Städte wie Kapstadt oder Berlin gereist. Heute trägt er eine Jeansjacke aus einem Secondhandladen in einer großen Metropole namens London. Mir hat er von dort auch so eine Jacke mitgebracht, als Überraschungsgeschenk. Oder eher als Trostpreis. Ich habe ihn nämlich schon tausendmal angefleht, mich in die nichtmagische Welt mitzunehmen, aber das geht leider nicht so einfach. Wer dorthin will, braucht eine Sondergenehmigung vom Hohen Hexenrat. Warum? Weil die Menschen in der nichtmagischen Welt keinen blassen Schimmer haben, dass es uns gibt.

Dad stupst mir an die Schulter, ich schubse ihn weg. Er grinst mich an und ein Hauch scharfen Rasierwassers steigt mir in die Nase. Dad braucht eigentlich nur zwei Dinge, um sich auf den Beinen zu halten: Kaffee mit Cashewmilch und kandierten Ingwer vom Bauernmarkt. Deshalb riecht er fast immer nach dem einen oder nach dem anderen und an besonders anstrengenden Tagen nach beidem. Am liebsten steckt er sich ein Ingwerstückchen in die Backe, als wäre er ein Streifenhörnchen, um es dann ganz langsam aufzulutschen. Ich mache es übrigens genauso, nur mit ewig währenden Karamellbonbons.

Das ist mein Dad: Kaffee, Ingwer, alter Kram und dicke Pullis. Die Taschen voller Leckerli für unsere überdrehte Wolfshündin Willow. Uralte Rockmusik. Und die Angewohnheit, beim Kochen seeeeehr großzügig zu würzen.

»Ich freue mich schon so, Kürbischen«, sagt Dad. In seiner Stimme schwingt Sehnsucht mit, was ich superromantisch finde. Mom und Bean sind keine Hexen wie Dad und ich, sondern Werwölfe und leben deswegen nicht in Hallowstone. Das bedeutet, dass wir sie nur alle paar Monate sehen, wenn überhaupt. Doch heute ist Besuchstag und da will ich an nichts Trauriges denken. Heute soll es um alles gehen, was Freude macht, also um Geschenke und um Moms Umarmungen und um Kürbiskuchen und um das Beste überhaupt: meinen Start in die sechste Klasse morgen. Ab der sechsten haben wir Magieunterricht und deshalb freue ich mich schon ewig darauf, dass die Schule endlich wieder losgeht. Ich wurde zwar wie Dad mit besonderen Kräften geboren, doch erst wenn ich lerne, sie einzusetzen, werde ich zu einer richtigen Hexe.

An der nächsten Ecke biegen wir in eine Seitenstraße ein. Hier liegt ein Restaurant neben dem anderen. Die Fenster sind so früh noch dunkel, die verhexten Leuchtschilder aber wie immer in Bewegung. Vor Sues Suppenküche schreibt eine unsichtbare Hand die Tagesgerichte an eine Kreidetafel. Eine Katze streicht um ein paar zusammengestellte Stühle, einem kleinen, leuchtenden Etwas hinterher – vielleicht eine Elfe. Dad und ich gehen nur selten essen, aber vielleicht kann ich ihn irgendwann diese Woche dazu überreden, mich auf eine Runde Windbeutel in der Erntetafel einzuladen. Die machen einfach die besten Explosivbeutel der Stadt.

»Prue?«

»Was ist?«

»Du bist heute Morgen wirklich ganz woanders, oder?«

»Tut mir leid. Ich höre ja schon zu …«

»Okay, noch mal – ich weiß, du hättest dir einen längeren Besuch gewünscht, aber mehr ist im Moment leider nicht drin. Du freust dich doch trotzdem, oder?«

»Und wie!«, antworte ich schnell. »Es ist nur, äh, mir ist gerade was eingefallen: Mom hat doch erzählt, dass Bean schon fast so groß ist wie ich. Der wird mal ein Riese!«

»Es ist wirklich viel zu lange her, dass wir alle zusammen waren«, meint Dad. »Mehr als vier Monate schon.«

»Stimmt. Da war ich praktisch noch ein Baby.«

Dad schnaubt und hält mitten in der Luft an. Ich wäre glatt in ihn hineingerauscht, hätte er meinen Besen nicht durch einen geschickten Handgriff abgebremst. Einen Arm um meine Schultern gelegt, drückt er mir einen Kuss auf die Wange. »Du wirst so schnell groß. Deine Mutter wird sich unglaublich freuen, dich zu sehen. Aber pass ja mit dem Besen auf!«

»Du bist heute aber gefühlsduselig«, stelle ich grinsend fest.

»Ist ja nicht so, dass meine Tochter jeden Tag elf Jahre alt wird und mit dem Magieunterricht anfängt.«

»Dann wollen wir Mom erst recht nicht warten lassen! Wie wär’s mit einem Rennen? Ich passe auch auf, wo ich hinfliege, versprochen.«

Das quittiert Dad mit einem skeptischen Blick. Ich lächele ihn an und kreuze in Gedanken die Finger.

»Na schön. Ausnahmsweise.« Und schon schießt er davon wie ein Profi-Rennreiter.

»Hey! Das ist unfair!« Ich drücke den Stiel nach unten, um meinen Besen zur Eile zu treiben.

Immer wenn ich mit Dad über Mom spreche, besonders über Mom und mich, kommt in mir ein riesiger Gefühlswirrwarr hoch. Natürlich sehe ich Mom so häufig, wie es geht, und trotzdem fehlt sie mir so sehr, dass es tief im Herzen wehtut. So richtig, meine ich, es ist ein echter Schmerz hinter dem Brustbein. Ich versuche zwar, mich zusammenzureißen, um Dad nicht traurig zu machen, aber es ist echt nicht leicht. Und diesmal finde ich es besonders traurig, dass der Besuch heute Abend schon wieder vorbei sein wird.

Mom und Bean leben mit ihrem Rudel in den Mondbergen. Dad und ich mit den übrigen Hexen und anderen magischen Wesen wie Vampiren und Kobolden hier unten in Hallowstone. Das Motto unserer Stadt lautet: Hallowstone – wo sich Hexe und Hexer Guten Tag sagen! Und das kommt nicht von ungefähr. Werwölfe dürfen keinen Fuß in die Stadt setzen, so war es schon immer. Insgeheim glaube ich, dass Dad nur deshalb so viel arbeitet, damit er abgelenkt ist und nicht ständig an die andere Hälfte unserer Familie denken muss.

Dad ist mir immer noch ein Stück voraus und genau wie er reiße ich jetzt den Besenstiel hoch und sause so über die Baumwipfel eines kleinen Parks hinweg. Kurz darauf fliegen wir über den noblen Ortsteil von Hallowstone, er liegt gleich neben dem Universitätsgelände. Hier stehen die herrschaftlichsten Häuser der ganzen Stadt, was auch kein Wunder ist, denn sie gehörten einst den Gründungshexen von Hallowstone.

Jenseits des Viertels erhebt sich ein mächtiges zweiflügeliges Silbertor. Es ist die einzige Stelle, an der der mächtige Schutzzauber rund um Hallowstone durchquert werden kann – und wir fliegen genau darauf zu.

2. Kapitel

Wie immer wirkt das Tor unglaublich einschüchternd und bedrohlich auf mich. Es ist mit verspielten Schnörkeln verziert und imposant wie ein mächtiger Wall. Wenn ich sonst in den Himmel blicke und dort das zarte silbrige Schimmern des Schutzzaubers sehe, fühle ich mich einfach nur gut aufgehoben, doch dieses Tor strahlt etwas anderes aus. Hier wird es ernst. Hier spürt man mehr als deutlich, dass hinter dem Tor das Schattenreich lauert, mit all seinen Schrecken. Ohne den Schutzzauber wären wir – genauer gesagt, unsere Magie – ständig in Gefahr.

Ich lande neben Dad und steige vorsichtig vom Besen ab. Eine Katze schleicht durch die Nacht, oben in einem Baum ruft eine Eule und eine andere antwortet ihr.

»Wo ist Lock?«, flüstere ich. Lock ist das Oberhaupt der Wächter. Zusammen mit einigen anderen Hexen und Hexern hält er den Schutzzauber aufrecht und an Besuchstagen geleitet er uns durch das Tor. Soweit ich weiß, gibt es in Hallowstone nur wenige Familien wie unsere. Die große Schwester meiner besten Freundin Sammy hat einen Freund, dessen Dad ein Werwolf ist – doch er kann ihn nicht einfach zur selben Zeit besuchen wie wir Mom und Bean. Es braucht eine Menge magischer Energie, um den Schutzzauber zu öffnen. Denn der Schutzzauber ist maximal stark, nur so gelingt es ihm, die Schattenwesen von Hallowstone fernzuhalten.

»Der kommt schon noch«, antwortet Dad. Einen Arm um meine Schultern gelegt, zieht er mich enger an sich. »Keine Sorge. Die Schatten können uns nichts.«

Das Schattenreich macht mir jedes Mal aufs Neue Angst. Abgesehen von Hallowstone und den Mondbergen, besteht unsere Welt aus nichts als grauer Einöde. Die ist zwar kein totes Land, allerdings lebt dort auch nicht wirklich etwas. Ich bin bestimmt die Einzige in meinem Alter, die schon so viele unheimliche Schattenbewohner zu Gesicht bekommen hat, jedenfalls kurz. Wenn diese Wesen auftauchen, kann man sie leicht für gewöhnliche Schatten halten, vielleicht von einem Vogel, einem Wolf oder einer Echse. Nähern sie sich aber, erkennt man plötzlich ihr graues, weit aufgerissenes Maul, das hungrig nach magischer Energie schnappt. Ich muss nur daran denken und schon läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Doch da Werwölfe und Hexen strikt getrennt leben und der Schutzzauber auch Werwölfe auf Abstand hält, ist das Schattenreich das einzige gemeinsame Zuhause meiner Familie.

Auf den Zehenspitzen wippend versuche ich, einen Blick durch das Tor zu erhaschen, sehe dort aber nur schimmernde Finsternis. Nichts lässt erahnen, dass auf der anderen Seite die Schatten lauern.

Endlich tritt Lock aus der Dunkelheit, gekleidet in Silber und Schwarz – den Farben der Wächter – und mit dem typischen breitkrempigen Hut auf dem Kopf. Er dreht sich um, streckt sein Artefakt in die Höhe und verfällt in den Singsang einer Zauberformel. Das Tor zerfließt, zurück bleibt nur silbriger Nebel. Wie an jedem Besuchstag taucht irgendwo in meinem Hinterkopf eine Frage auf. Ich weiß, ich sollte sie nicht stellen – Dad speist mich sowieso immer mit derselben Antwort ab, die eigentlich gar keine ist. Aber heute kann ich nicht anders.

»Dad?« Ich zupfe ihn am Jackenärmel. »Warum können Mom und Bean nicht auch mal nach Hallowstone kommen?«

Zerstreut blickt er zu mir hinab. »Das weißt du doch, Kürbischen. Der Schutzzauber wirkt nun einmal so und nicht anders. Wenn der Wall mit etwas anderem als Hexenmagie in Kontakt käme, würde er zu schwach, um uns vor dem Schattenreich zu beschützen. Werwölfe haben ihr eigenes Zuhause. Hallowstone ist für uns gedacht, eine Stadt, wo sich Hexe und Hexer Guten Tag sagen …«

Ein warmer Wind schlägt uns entgegen. In Hallowstone ist jeden Tag perfektes Pulloverwetter – umso eigenartiger fühlt es sich an, wenn man plötzlich die Wärme des Schattenreichs zu spüren bekommt. Obwohl ich immer nur für kurze Zeit darin eintauche, bin ich mir absolut sicher, dass ich nie an einem Ort mit mehr als 22 Grad Celsius leben möchte. Schwitzen, sobald man auch nur atmet? Nein danke.

»Moment«, sage ich. »Sind das nicht …?«

»Sieht aus, als wären sie schon da«, unterbricht Lock mich. Er beschreibt einen Bogen mit seinem Artefakt. Noch ein gemurmelter Zauberspruch und Locks magischer Gegenstand leuchtet auf wie eine Laterne. Abgesehen vom Rauschen des Windes, ist nichts zu hören, doch dafür sehe ich etwas hinter dem silbergrauen Schattendunst: zwei Gestalten.

Ich richte mich auf. Mein Herz klopft vor Vorfreude und Dad drückt meine Hand.

»Bereit, Kürbischen?«

Seite an Seite treten wir durch das Tor. Dad streckt sein Amulett in die Höhe, um Locks Spruch fortwirken zu lassen, während Lock selbst in Hallowstone zurückbleibt. Auch dieses Mal sträuben sich beim Durchqueren der Barriere die Härchen auf meinen Armen. Es ist, als würde man durch einen Teich aus Wackelpudding waten, als würde die Luft selbst mit aller Macht versuchen, uns wieder zurückzuschieben, hinter den sicheren Wall des Schutzzaubers. Zuerst fröstele ich bis auf die Knochen, dann wird mir so heiß, dass ich fast nach Atem ringe, und zuletzt jagt ein Stromschlag durch mich hindurch.

Endlich lässt der Schutzzauber von mir ab und ich falle beinahe hin. Ich fange mich aber wieder und werfe einen Blick zurück. Wie dicker, zähflüssiger Schleim schließt sich die silbrige Mauer hinter uns. Von Hallowstone ist nichts mehr zu sehen. Man könnte meinen, es hätte die Stadt nie gegeben.

»Alfred!«

Da wirbele ich herum – so schnell, dass ich noch sehe, wie Mom auf Dad zurennt. Sie lächelt über das ganze Gesicht, er fängt sie mit ausgebreiteten Armen auf und tut so, als würde ihn die Wucht ihrer Begrüßung straucheln lassen. Das bringt Bean, der Mom dicht auf den Fersen ist, zum Lachen. Als Mom und Dad sich küssen, wirft mir Bean einen Blick zu und macht eine angeekelte Grimasse. Dann fällt er mir um den Hals.

Ich stehe da und grinse. Es gibt nichts Romantischeres als ein Wiedersehen unserer Eltern. Da kriegt man direkt Herzklopfen, und zwar zu Recht.

»Wie geht’s unserem Beinahe-Geburtstagskind?«, fragt Mom und reißt sich von Dad los, um mich zu begrüßen.

Ich lasse mich in ihre Arme fallen und sauge ihren Duft auf, ein herrliches Waldaroma. »Du hast mir so gefehlt!«

Mom fährt mir sanft über den Kopf. Sie und ich haben die gleiche dunkelrote Haarfarbe. Heute trägt sie ein weites T-Shirt und ausgeblichene, zerrissene Jeans.

»Ich sichere schnell den Umkreis ab«, sagt Dad. »Ihr bleibt bei eurer Mutter, Kinder.«

Mom streicht sich die Haare hinter die Ohren. Silber stößt Werwölfe ab, deshalb ist ihr Ehering aus purem Gold, und wie so oft reibt sie mit dem Daumen darüber. Der Ring baumelt an einer Kette um ihren Hals, denn als Gestaltwandlerin kann sie ihn nicht am Finger tragen. Im Moment sieht sie aus wie jeder andere Mensch auch – wenn man mal von ihren spitzen Ohren absieht. Die hat sie immer, ob in dieser oder in ihrer Wolfsgestalt. Mom zieht mich noch einmal an sich, wiegt mich in den Armen und küsst mich auf die Haare.

»Nichts anfassen, Benjamin«, sagt sie noch schnell zu Bean. »Solange Dad nicht mit dem Zauber fertig ist, ist es hier nicht sicher.«

»Habt ihr Kuchen mitgebracht?«, frage ich hoffnungsvoll. Das lässt auch Bean aufhorchen.

»Ja, Kürbiskuchen mit Frischkäsecreme. Was denn sonst?«

Auf meinem Gesicht breitet sich ein Strahlen aus. »Danke, Mom.«

Ich bin ein großer Kürbisfan. Auf dem Fensterbrett in meinem Zimmer steht eine Reihe Zierkürbisse und auf den Stoff meines Lieblingskleids sind samtige Kürbisse aufgenäht. Und Kürbisgewürz? Was für eine Frage! Wenn ich mir etwas aussuchen müsste, was ich von jetzt an immer und nur noch essen dürfte, dann wäre es Moms Kürbiskuchen.

»Bean«, sagt Mom erneut, diesmal mit strengerem Unterton. »Das ist mein Ernst. Nichts anfassen.«

Ich kann nirgends Schattenwesen entdecken, aber Mom und Dad ermahnen uns jedes Mal, bis zur Errichtung des Schutzzaubers dicht zusammenzubleiben. Die Bewohner der Schattenwelt gieren nach magischer Energie und eine Hexe oder ein Werwolf ohne Magie ist so gut wie tot. Noch etwas enger an Mom gekuschelt, suche ich die graue Landschaft nach Bewegungen ab.

Ein paar Meter entfernt sagt Dad eine lange Formel auf, ähnlich der, die Lock gesprochen hat. Dads Artefakt ist ein altes Medaillon mit einem eingeprägten Schwert auf der einen Seite und einem heulenden Wolf auf der anderen. Wie immer trägt er es um den Hals und nun leuchtet es silbern auf.

Herbeigelockt von Dads Worten, bilden sich am Himmel silbrige Fäden. In mehreren Strängen strecken sie sich der Erde entgegen, bis sie uns einhüllen wie ein riesiges Zelt, groß wie eine Besenwettkampfarena. Sie verankern sich im Boden und sperren den heißen Wind und das öde Grau aus. Dann macht Mom einen Schritt nach vorne, legt den Kopf in den Nacken und singt.

Sie hat eine wunderschöne Stimme, eine einzigartige Mischung aus rauem Heulen und zartem Sopran. So singt sie ein Lied von Sonne und Liebe, von einem Frühlingstag mit blumengesprenkelten Wiesen und Wolkenfetzen an einem blauen Himmel und die Umgebung verwandelt sich. Hexer wie mein Dad wirken ihre Magie durch Zaubersprüche, Werwölfe nutzen ihren Gesang – zum Beispiel, um meisterhafte Illusionen zu erzeugen. Ein paar Sekunden später scheint es, als wären wir mitten in einem Park, drüben schmiegt sich sogar ein Bach um ein Wäldchen. Wohin man auch schaut, überall sprießen Blumen, Azaleen und Leinkraut, Tigerlilien und Büsche von Pfingstrosen.

»Ein Genuss, Marin. Wie jedes Mal.« Dad gibt Mom einen Kuss. »Du hast mir so gefehlt.«

»Du immer mit deinen Schmeicheleien, Schatz. Ihr müsst uns alles erzählen, was Bean und ich verpasst haben.«

Ich lächele so sehr, dass mir die Wangen wehtun. Dad hat für Sicherheit gesorgt, Mom für Schönheit, und das alles nur für mich. Sollte ich meine Magie eines Tages auch nur halb so gut im Griff haben wie die beiden ihre, werde ich die glücklichste Hexe von ganz Hallowstone sein.

Mom breitet eine Decke aus und verteilt darauf das Essen. »Deine Leibspeisen«, sagt sie noch zu mir, da stürzt sich Bean schon auf die nächstbeste Dose und stopft sich ein Kürbistörtchen in den Mund.

Ich verdrehe die Augen. Dass mein kleiner Bruder immer den Wolfswelpen raushängen lassen muss! Aber nicht mal das kann mir die gute Laune verderben. Dieser Tag ist besser als die traditionelle Neujahrsfeier von Hallowstone, besser als die Sonnwendparade, sogar besser als Süßes oder Saures an Halloween. Ich beiße mir kräftig in die Wange, damit ich nicht zu heulen anfange. Spätestens jetzt wäre es so weit gewesen, denn gerade reicht Mom mir ein Kürbisbrötchen und drückt mir dabei einen weiteren Kuss auf die Stirn.

Dad bringt sie in allem auf den neuesten Stand – seine Arbeit, Willows Mätzchen, meine Schulferien – und Bean quasselt dabei entweder über seinen Magieunterricht oder dreht Runden auf meinem neuen Besen. Es ist einfach nur unfair, dass Werwölfe so viel früher als Hexen lernen, mit ihrer Magie umzugehen. Jahre früher! Während Bean schon bestens mit seinen Verwandlungen zurechtkommt, weiß ich so wenig über die korrekte Handhabung eines Artefakts, dass ich nicht einmal einen Topf Wasser zum Kochen bringen kann. Ich bin zwar ziemlich nervös wegen meiner ersten Magiestunde, aber danach wird bestimmt eine riesige Last von mir abfallen. Morgen kann ich endlich loslegen.

»Nicht in den Kuchen!«, schimpfe ich, als Bean bei der Landung abrutscht und in ein Gebüsch schlittert. Das Grün kräuselt sich und für einen Moment gerät die Illusion ins Wanken. Mom repariert sie aber schnell wieder.

Den Blick auf mich gerichtet, rappelt Bean sich auf und verzieht kleinlaut das Gesicht.

Ich muss lachen, irgendwo in mir spüre ich allerdings einen vagen, sehnsuchtsvollen Schmerz. Mom kümmert sich um Bean und Dad kümmert sich um mich, so war es schon immer. Das ändert aber nichts daran, dass Bean eigentlich seine große Schwester braucht. Auch wenn er ein hibbeliger kleiner Kerl ist, der glaubt, es gäbe nichts Witzigeres als Rülpsen.

»Können wir jetzt Kuchen essen?«, fragt er, natürlich ohne etwas von meinen Gefühlen zu ahnen. Ich verstrubbele ihm die dichten blonden Haare.

Mom schüttelt den Kopf. »Zuerst bekommt deine Schwester ihr Geburtstagsgeschenk.«

»Ein Geschenk?«, wiederhole ich. »Oh …«

»Aber natürlich.« Mom legt die Hand unter mein Kinn. »Ist selbst gemacht.«

Mit diesen Worten überreicht sie mir ein Kästchen. Ich öffne es vorsichtig, denn der zarte Armreif vom letzten Jahr wäre mir beinahe zwischen den Fingern in zwei Stücke zersprungen. In der weich ausgeschlagenen Schatulle liegt jedoch etwas, das nicht so leicht zu Bruch gehen sollte: eine Wolfsfigur. Aus Kirschbaumholz geschnitzt, sie duftet nach Rauch und der Wolf hat winzige Diamanten als Augen. Sein Maul ist aufgerissen, als würde er laut heulen. Auf dem Rücken sind viele feine Kerben, weshalb man auf den ersten Blick schwören könnte, er hätte einen dichten, lockigen Pelz.

»Oh«, flüstere ich. »Wow.«

»Du kannst ihn dir an einer Schnur umhängen, also wenn du willst«, erklärt Mom. »Als Glücksbringer, dachte ich, für deinen ersten Magieunterricht.«

Ich schlinge ihr die Arme um den Hals.

»Das ist ja ein richtiges Kunstwerk«, höre ich Dad zu ihr sagen. »Du hast so viel Talent, Schatz.«

Mom drückt mich an sich.

Ich bin nicht traurig, im Gegenteil, heute wird gefeiert – und trotzdem juckt meine Nase, als würden mir jeden Moment die Tränen kommen. Wahrscheinlich weil ich weiß, dass ich morgen Abend meinen ersten Zauberspruch erlernt haben werde, ihn Mom aber nicht werde vorführen können.

»Gefällt er dir nicht?«, fragt sie.

»Doch, total. Ich wünschte nur …«

»Ich auch.« Mom streicht mir die Haare nach hinten, lächelt mich an. »Ich weiß, wie wichtig dieser Tag für euch Hexen ist. Du wirst das ganz toll machen.«

»Aber was, wenn ich einfach schlecht bin?« Die Frage schlüpft mir aus dem Mund, ich kann sie nicht aufhalten. Und kaum habe ich sie ausgesprochen, wird mir erst bewusst, wie viele Sorgen ich mir mache und dass ich seit einer Woche so ein dumpfes Gefühl im Bauch habe. Was, wenn ich es nicht draufhabe?

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, erwidert Mom. »Ich kenne nur sehr wenige Hexen und Hexer, die so begabt sind wie dein Vater, und du bist seine Tochter. Du bist unsere Tochter.«

Dad nickt zustimmend. »Du wirst das wunderbar hinkriegen. Wir wissen doch, was du kannst.«

Ich presse die Daumenkuppe gegen die Miniaturzähne des Wolfs und versuche zu lächeln. Auf den nächsten Besuchstag werde ich lange warten müssen – wenn zu häufig Lücken in den Schutzzauber geschlagen werden, können Risse entstehen. Ich darf mir diese wenigen gemeinsamen Stunden nicht verderben.

»Ihr habt ja recht«, sage ich deshalb und schlucke meine Sorgen hinunter. »Und gibt’s jetzt Kuchen?«

Zunächst trällern meine Eltern und Bean zu dritt Happy Birthday, was ich nur verschämt grinsend ertrage, dann mache ich es mir endlich mit einem Stück Kürbiskuchen auf der Picknickdecke gemütlich. Bean vertilgt da schon seine zweite Portion, stopft sie mit den Fingern in den Mund und beschmiert sich dabei über und über mit Frischkäsecreme. Mom hat sich zwischen Dads Beinen zurückgelehnt und murmelt ihm irgendetwas zu, er lacht und küsst sie. Ich rücke näher an die beiden heran und Mom drückt meine Hand.

Seit ich klein war, ist da dieses Gefühl – dass ich irgendwie anders bin als die anderen. Es nagt an mir wie Willow an einem Knochen. Normalerweise gehe ich supergerne in die Schule, doch ab und zu schlägt es ins Gegenteil um. Mitten im Unterricht oder in der Mensa, beim Mittagessen mit Sammy, packt mich die Angst, dass ich nicht wirklich dazugehören könnte, dabei lacht mich niemand aus. Niemand starrt mich an. Nur wenn meine Familie vereint ist, fühle ich mich besser. Als wäre ich wieder ganz.

»Und wie ist es so als Elfjährige?«, flüstert Mom mir zu.

Ich schüttele den Kopf. »Bin ich ja erst morgen.«

»Sei nicht so übergenau«, winkt sie ab. »Ich habe gehört, es ist gerade ein neues Hanna-Hex-Buch rausgekommen. Das soll dir Dad im Buchladen kaufen, ja? Als zweites Geburtstagsgeschenk.«

Ich wünschte, ich könnte auch mal mit Mom in die Buchhandlung. Nur einen einzigen Nachmittag mit ihr in den Regalen der Schmökerklause stöbern. Wenn sie mir manchmal am Besuchstag vorliest, springt ihre Stimme über die Wörter wie ein flacher Stein über einen Fluss.

Aber es ist, wie es ist, und ein Tag wie dieser ist das Beste überhaupt. Ja, meine Familie ist nur selten zusammen und bestimmt nicht perfekt, aber trotzdem: Wenn mich jemand fragen würde, wie für mich Liebe aussieht, dann würde ich ein Bild von uns malen, wie wir alle zusammen auf der Picknickdecke sitzen und meinen Geburtstag feiern.

Und deswegen will ich meine Eltern morgen, bei meiner ersten Magiestunde, auf keinen Fall enttäuschen.

3. Kapitel

Ich stehe vor unserem Kamin und lächele zum x-ten Mal in die Kamera. Bevor wir uns gestern voneinander verabschiedet haben, musste Dad versprechen, dass er Mom bei unserem nächsten Spiegelruf haufenweise Fotos von mir in meiner neuen Schuluniform zeigen würde. Ich trage jetzt nicht mehr Schwarz-Gelb wie in den unteren Klassen, sondern darf zu Schwarz und Kastanienbraun wechseln. Mein spitzer Samthut passt perfekt zu meiner brandneuen Krawatte. Ich habe mich für einen Rock entschieden und dazu noch eine dicke kastanienbraune Strumpfhose ausgesucht. Alles zusammen, meint Dad, macht einen äußerst vornehmen Eindruck. Mom wird es bestimmt gefallen.

»Und jetzt ein Albernes«, sagt Dad, reißt die Augen auf und verzieht seinen Mund zu einer zombieartigen Grimasse.

»Dad … du kommst zu spät zu deiner ersten Vorlesung.«

»Ohne mich geht die sowieso nicht los«, erwidert er lachend. »Komm schon, nur eins noch!«

Also strecke ich die Zunge raus und der Blitz flammt auf. So wie ich Dad kenne, wird er den Film später mit einem Endlosschleifenbann belegen. »Hey, Sammy und ich haben vor der Schule noch was vor. Das ist doch Tradition.«

»Ach, die Tradition gibt’s immer noch?«

»Ohne meine Apfelmostdonuts gehe ich nicht zur Schule.« Ich stemme die Hände in die Hüften. »Am ersten Schultag bei Carmela und Evelyn vorbeizuschauen, bringt Glück.«

Es klopft an der Haustür. Sofort stürmt Willow in die Diele und kratzt aufgeregt am Holz, bis Dad die Tür mit einem Wink seines Artefakts öffnet.

Auf der Schwelle steht Sammy, ihren Besen in der Hand und den Rucksack locker über der Schulter. Sie strahlt mich an und rückt dabei ihre neue Brille zurecht. Das Pink des Rahmens hebt sich hübsch von ihrer dunklen Haut ab, ihre haselnussbraunen Augen wirken hinter den dicken Linsen so groß wie die einer Eule. Ohne dieses Ding wäre Sammy vermutlich fast blind.

»Fertig?«, fragt sie mich.

»Ich wünsche euch einen schönen Tag, ihr zwei«, sagt Dad. »Und kommt ja nicht zu spät!«

Ich schnappe mir meinen Besen vom Ständer neben der Tür und schlinge mir meinen Rucksack über die Schultern. »Aber nachher feiern wir, okay?«

»Als würde ich mir das entgehen lassen.« Dad gibt mir einen Kuss auf die Wange und packt Willow am Halsband, damit sie Sammy und mir nicht auf die Wiese folgt.

Die Tür hat sich kaum hinter uns geschlossen, da fällt Sammy mir um den Hals. »Alles Gute zum Geburtstag!«

Ich drücke sie fest an mich. Wir sind schon unser ganzes Leben lang beste Freundinnen und deshalb machen wir alles zusammen, das Schöne und das nicht so Schöne, das ist eine unserer wichtigsten Freundschaftsregeln. Mom sagt immer, wir zwei sind wie Finsterpech und Nachtschwefel. Jedes Jahr am ersten Schultag unternehmen Sammy und ich einen Abstecher zum Bauernmarkt. Das gehört einfach zum Start ins Schuljahr dazu, genauso wie Dads ewige Fotosession.

»Irgendwie komisch, dass an meinem Geburtstag die Schule losgeht«, sage ich.

»Ja, stimmt«, meint Sammy. »Ihr habt gestern deine Mom und deinen Bruder besucht, oder?«

Ich nicke und stoße mich mit den Füßen vom Boden ab. Bald schweben wir auf unseren Besen über der Erde und Sammy fliegt geschmeidig voraus.

»Es war so schön.« Ich gerate ins Schwärmen, was sonst. »Mom hat mir das beste Geschenk der Welt gemacht – etwas Selbstgebasteltes, eine kleine Wolfsfigur. Ich zeige sie dir später, ich habe sie lieber zu Hause gelassen.«

»Ist sie verzaubert?«

»Glaube nicht.«

»Und wie geht’s Bean?«

»Der ist schon fast so groß wie ich. Dad findet, er wächst wie eine Kürbisranke.« Ich warte ab, bis ein Pärchen auf zwei klapprigen alten Besen die Straße überquert hat, dann fliege ich vor Sammy auf die andere Seite. »Und er war monsterneidisch auf meinen Besen. Guck mal!«

»Verhext noch mal!«, staunt Sammy. »Das ist ja das neueste Modell!«

Stolz lächele ich von einem Ohr zum anderen. Dann wende ich, um ihr den hübschen grünen Stiel zu zeigen. »Ich will am liebsten nur noch durch die Gegend fliegen.«

»Du hast vielleicht ein Glück.«

»Na ja, dafür hast du keinen kleinen Bruder.«

»Stimmt auch wieder. Es gibt nichts Schlimmeres als kleine Geschwister.«

»Andererseits hast du Crystal …«, überlege ich.

Sammy muss so laut lachen, dass ihre Locken wippen. Ihre große Schwester Crystal hat ein Händchen für feine Lidstriche und fiese Flüche. Sie hat Sammy lieb, da bin ich mir sicher, doch ihre miese Laune würde für zehn Teenager reichen und sie lässt keine Gelegenheit aus, Sammy an ihre Eltern zu verpfeifen. (Oder mich an meinen Dad. Sie benimmt sich, als wäre sie auch meine Chefin, dabei dürfte sie streng genommen nicht mal Sammy herumkommandieren.)

»Übrigens war neulich Antony zum Abendessen da«, berichtet Sammy.

Oh, verhext! Antony ist Crystals Freund und außerdem ein Vampir. Ich habe ihn mal gesehen und auf den ersten Blick würde man ihn für einen ganz normalen übermüdeten Teenager halten und nicht für einen Untoten … allerdings nur, bis man seine blutroten Augen entdeckt.

»Warte mal«, sage ich. »Er hat doch nicht …?«

»Oh doch! Und es war so widerlich! Während wir anderen unsere leckere Hühnerpastete gegessen haben, hat er ein Glas Blut getrunken!«

»Uaaah.« Ich tue so, als müsste ich mich übergeben.

Gerade fliegen wir an einer Reihe kleinerer Häuser vorbei, manche davon aus Ziegeln, andere aus großen Steinen gemauert. Die meisten haben ein Kürbisbeet hinten im Garten und Topf-Chrysanthemen auf der Veranda. Um uns herum erwacht die Stadt zum Leben: Kinder gehen zu Fuß oder reiten auf dem Besen zur Schule, die Geschäfte öffnen, aus aufgerissenen Fenstern und Türen dringen Licht und Musik.

»Ohhh!«, ruft Sammy. »Schau mal, da unten ist Teufelchen. Hi, Teufelchen!«

Ich senke den Blick und sehe, wie ein gigantischer weißer Kater mit flauschigem Fell auf Tina Shaws Friseursalon zuspaziert – ganz allein. Seit einem missglückten Magieexperiment ist Teufelchen so groß wie ein Luchs und kann noch dazu sprechen. Jetzt späht er mit hellblau glitzernden Augen zu uns hinauf.

»Hallo, ihr beiden«, sagt er. »Erster Schultag, oder?«

Mit einem Ruck am Besenstiel schaltet Sammy in den Schwebemodus und ich mache es ihr nach. »Jepp«, antwortet sie. »Wie geht’s so?«

»Ging schon besser«, schnieft Teufelchen. »Gestern Abend hatte ich einen wirklich … bedauerlichen Vorfall mit einem Tiegel Hinweg-ihr-Haare-Tinktur. Hat mir meinen ganzen Pelz ruiniert.«

Er dreht sich um und präsentiert uns einen großen, kahlen Fleck auf seinem Rücken. Auch am Schwanz ist das Fell extrem dünn, was ich aber lieber nicht erwähne. Ich will ja nicht unhöflich sein.

»Da kann Tina sicher was machen«, meint Sammy, optimistisch wie immer.

»Dann bis nächstes Mal«, sage ich schnell, denn mein Magen knurrt. »Wir müssen noch was frühstücken vor dem Unterricht.«

»Seid brav, Hexlinge«, verabschiedet sich Teufelchen.

Auf dem Weg die Straße hinunter gerate ich ins Grübeln. »Was meinst du, wie er Tina bezahlt?«

»Wahrscheinlich fängt er für sie die Ratten im Salon«, vermutet Sammy. »Oder so was in der Art.«

Hinter der nächsten Ecke machen wir einen Schlenker um den gigantischen Kessel auf dem Dach von Brodel und Blubber, der zweitbesten Apotheke der Stadt – der Kessel wird übrigens oft zum Brauen von Rezepturen benutzt. Unter uns tritt ein Pärchen mit schreiendem Baby aus der Ladentür, einer trägt das Kind, einer balanciert mehr schlecht als recht einen Karton mit funkelnden Elixieren. Anstatt rechts abzubiegen, wo es zum Schulgelände gehen würde, fliegt Sammy eine Schleife zurück zum Stadtzentrum und ich folge ihr.

Mrs Keys, eine pingelige alte Hexe, die den größten und herrlichsten Garten von ganz Hallowstone hat, blinzelt zu unseren vorbeizischenden Besen hinauf. »Da geht’s aber nicht zur Schule, Hexlinge!«

»Auch Ihnen einen schönen Tag!«, ruft Sammy freundlich zurück. »Wir wollen noch kurz zum Bauernmarkt!«

Mit einem Seufzen nimmt Mrs Keys eine Gießkanne in die Hand und tippt sie mit ihrem Artefakt an – bei ihr ist es ein schwerer Armreif, der locker von ihrem hellbraunen Handgelenk baumelt. »So regne nun Katzen und Hun… Nein, wie hieß es noch mal? Hunde und Katzen …«

»Ist das ein Zauberspruch?«, frage ich Sammy im Flüsterton. Sie zuckt bloß mit den Schultern.

Ich winke Mrs Keys noch einmal zu. »Ihr Garten ist wie immer so toll!«

Mrs Keys antwortet nicht, vielleicht weil in diesem Augenblick ein Schwall Wasser über die Rosen schwappt – und dabei auch Mrs Keys voll erwischt.

Kurz darauf landen wir vor dem Bauernmarkt und werfen uns die Besen über die Schulter. Der Markt findet jeden Tag in einer großzügigen Halle statt. Sie ist rappelvoll mit Verkaufsständen, wo alles von Lebensmitteln bis zu Kunsthandwerk und Antiquitäten angeboten wird. Dieser Ort ist für mich fast das Schönste an Hallowstone. Weil am Morgenhimmel keine Wolke zu entdecken ist, wurde das Dach geöffnet, sodass der Wind zwischen den Ständen entlangpfeift. Ein Schimmer liegt in der Luft, die Überreste von teils jahrealten Zaubern. In einer Vitrine zu meiner Linken glitzern Uhren, an denen der Lauf der Sterne am Nachthimmel abzulesen ist, und etwas weiter hinten ordnen sich stapelweise Bücher pausenlos neu an, streiten sich untereinander um die besten Plätze auf dem Ladentisch. Ich atme tief ein. Es duftet nach Zimt.

Bei der alten Hexe, die hinter dem vordersten Stand der Halle hockt, kauft Sammy uns beiden einen Becher heiße Schokolade und Arm in Arm eilen wir den ersten Gang hinunter. Ich finde den Markt einfach nur toll: den Gemüsestand in der Mitte, vor dem rund ums Jahr körbeweise frisch geerntete Äpfel und Speisekürbisse stehen. Der mürrische Fischverkäufer, dessen fangfrische Ware auf ewigem Zaubereis ruht. Und der Stand von Alice Markowitz, einer meiner Lieblinge, wo immer reges Treiben herrscht, da in jedem Gebäck ein bisschen von Alice’ Magie steckt. Ihre Spinnenbrötchen krabbeln wirklich herum und ihre Fledermaus-Brotzöpfe können fliegen, also zumindest bis man hineinbeißt. Einmal hat Dad bei Alice einen Mohn-Scone gekauft, ohne auf dessen Form zu achten: Es war eine Schwalbe. Erst nachdem er sie mit seinem Besen vom Küchenschrank heruntergewischt hatte, konnte er sie sich schmecken lassen.

»Hi, Ms Markowitz«, begrüße ich Alice, als wir an ihrem Stand vorbeikommen. Sie klatscht in ihre mehligen Hände und prompt flitzt ein ganzer Korb Minimuffin-Mäuse mit Cranberry-Augen und Brezenzopfschwänzchen über die Theke. Ich kann sie fast quieken hören.

»Hey, ihr zwei!«, ruft Alice winkend. »Carmela und Evelyn haben heute einen neuen Platz zwei Gänge weiter. Aus unerfindlichen Gründen geht ihr üblicher Stand immer wieder in Flammen auf. Bei Merlin und Morgana, man könnte fast meinen, irgendwer hätte sich mit einer Ampulle Drachenodem daran zu schaffen gemacht …«

Sie fächelt sich Luft zu und wirft einen Blick über ihre Schulter, als stünde der Übeltäter direkt neben ihr. Sammy muss kichern und versteckt ihr Grinsen hinter vorgehaltener Hand. Alice leidet unter leichtem Verfolgungswahn. Einmal hat sie ihr gesamtes Brot weggeworfen, nur weil sie geglaubt hat, irgendjemand hätte Vampirblut in den Teig gemischt. Dad zufolge war da wahrscheinlich nichts dran, aber mir wird schon bei der bloßen Vorstellung ganz schlecht.

»Nächstes Wochenende schauen Dad und ich mal vorbei«, verspreche ich Alice, bevor Sammy und ich in die entgegengesetzte Richtung abziehen. Ich hätte mir gerne einen von Alice’ leckeren Mäusemuffins genehmigt, doch am ersten Schultag geht nichts über Carmelas und Evelyns Apfelmostdonuts. Die beiden machen die besten Süßigkeiten der Stadt und die rennen zum Glück auch nicht vor dem Gegessenwerden davon.

Sobald wir ihren neuen Stand gesichtet haben, legen wir noch einen Zahn zu. Carmela frittiert gerade eine frische Ladung Donuts und der Duft – Apfel, Zimt, Muskat – lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Jetzt kann der erste Schultag kommen.

»Samantha! Prudence!«, ruft Evelyn, Carmelas Frau. »Wie schön, euch zwei zu sehen.«

Evelyn ist eine hübsche ältere Dame mit blauer Kurzhaarfrisur und dunkler, von weißen Tätowierungen verzierter Haut. Sie und Carmela sind ein ulkiges Paar. Carmela trägt nur hochgeschlossene Hemden und hat – soweit ich weiß – kein einziges Tattoo, dafür aber eine wallende graue Mähne, die ihr fast bis zur Hüfte reicht.

»Beginnt heute schon wieder die Schule?«, fragt sie.

»Ja, und unsere erste Magiestunde«, antwortet Sammy eifrig.

»Wie aufregend!« Evelyn nickt nachdenklich. »Ich kann mich noch gut an meinen ersten Magieunterricht erinnern … Hätte ich nicht um ein Haar den Abfalleimer in Brand gesetzt, Carm?«

»Du irrst, Süße. Du hast ihn tatsächlich in Brand gesetzt. Hättest beinahe auch noch die Tafel abgefackelt.« Carmela zwinkert uns zu und reicht uns ein paar frische Karamellstücke. »Hier, was zum Knabbern, die Donuts brauchen noch ein bisschen. Aber ja nicht euren Eltern verraten, dass ihr zum Frühstück solchen Süßkram esst!«

»Als wären Donuts so viel gesünder«, wende ich ein und lutsche am Karamell. Auf einmal gehen meine Geschmacksknospen in Flammen auf. »Hey, das ist ja scharf!«

»Also, ich find’s lecker«, meint Sammy. »Ein bisschen wie sehr heiße Schokolade.«

»Aber mit Chilipulver drin!«

»Ach je.« Skeptisch beäugt Carmela das Blech mit dem Karamell. »Wolltest du nicht nur ein wenig Energiesaft hineingeben, Evelyn?«

Die beiden diskutieren, wer die doppelte Portion Chili reingekippt hat und ob überhaupt Energiesaft drin ist. Sammy nutzt die Gelegenheit, um sich am Fischstand umzuschauen.

»Ohhh …« Zutiefst begeistert betrachtet sie die zahllosen Fische, die uns mit toten Augen anstarren. Sie sind gebettet auf sanft leuchtendes, mit einem Zauber belegtes Eis, das niemals schmilzt. Ich rümpfe die Nase und zerre Sammy wieder weg. Nichts riecht schlimmer als roher Fisch.

»Du bist manchmal so ekelhaft«, stelle ich grinsend fest.

»Und du bist manchmal noch ekelhafter.« Lachend macht sie einen Hopser zur Seite, um zwei Händlern auszuweichen, die kübelweise Badebomben und handgeschnitzte Seifen herbeischaffen.

»Wer steht hier denn auf totes Zeug, du oder ich?«

»Ich stehe doch nicht auf totes Zeug. Ich interessiere mich für Naturwissenschaften und da spielt totes Zeug nun mal eine gewisse Rolle. Man forscht daran. Untersucht es. Schneidet es auf.«

»Hallooo, ihr zwei!« Evelyn winkt mit einer Papiertüte. »Ganz frisch und nur für euch.«

Sammy reißt bereits die Tüte auf, ich zähle noch schnell die Münzen ab.

Doch Evelyn schüttelt den Kopf. »Die gehen aufs Haus. Euer erster Magieunterricht muss doch gebührend gefeiert werden!«

»Und?«, fragt Carmela, einen Arm um Evelyns Hüfte geschlungen. »Nervös?«

»Wegen dem Magieunterricht?«, antwortet Sammy, einen Vierteldonut im Mund. »Nee, nee. Das heißt, ich habe gehört, dass Ms Crockett eigentlich Ms Krokodil heißen müsste, weil sie immer so streng ist.«

Carmela lacht. »Hat sich seit unserer Schulzeit anscheinend kein Stück verändert, die Gute.«

»Ihr seid mit ihr in die Schule gegangen?«

Da ertönt hinter uns eine scharfe Stimme. »Ihr Mädchen!«

Ich fahre herum. Ein sehr großer, sehr dünner Mann starrt auf uns herab. Über die eine Seite seines Gesichts ziehen sich blau glänzende Schuppen, was seinen Mund in zwei ...

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