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Hallo Daddy!

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1. KAPITEL

„Was soll ich denn mit einem Kind?“, fragte Zane Holden genervt. Er schaute von seinem Büro im 20. Stock der LynTech Corporation aus auf die Stadt Houston hinunter und drehte sich nun zu Edward Stiller, dem Anwalt aus Florida, um.

Stiller saß in einem Ledersessel am Schreibtisch. Er zog die Schultern hoch. „Sir, Ihre Frau ist tot, ich meine Ihre Exfrau.“

Zane versuchte noch immer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Suzanne nicht mehr lebte. Dass sie und ihr zweiter Mann vor zwei Tagen bei einem schweren Autounfall in Südflorida tödlich verunglückt waren.

„Das sagten Sie bereits. Und es tut mir unendlich leid. Aber ich war nur knapp zwei Jahre mit Suzanne verheiratet und habe sie seit Langem nicht mehr gesprochen. Und nun … Also das müssen Sie mir schon erklären.“

„Wie ich schon sagte – ich führe nur den letzten Willen Ihrer Exfrau aus.“

Zane sank in seinen Lehnstuhl. „Das verstehe ich nicht.“ Nervös fuhr er sich übers Gesicht. Weder konnte er begreifen, dass Suzanne tot war, noch dass dieser Mann ihm mitteilte, dass sie nicht nur ein Kind mit Dan Weaver gehabt hatte, sondern schon vor der Scheidung schwanger gewesen war!

Stiller legte einen ledernen Ordner auf den Schreibtisch. „Ich wollte Sie erst anrufen, war dann aber der Meinung, es sei besser, die Sache persönlich mit Ihnen zu besprechen. Zumal Entscheidungen zu treffen sind.“

Zane wusste nicht mehr, ob er Suzanne je geliebt hatte, aber dass sie nun tot war, schmerzte ihn doch.

Im Gegensatz zu ihm hatte sie sich immer eine Familie gewünscht. In Dan Weaver hatte sie dann jemanden gefunden, der auch Kinder wollte. Gegen Weaver empfand Zane keine Ressentiments, denn seine eigene Ehe mit Suzanne war einfach keine Ehe gewesen.

„Mr. Stiller, erklären Sie mir doch bitte, wieso ausgerechnet ich Treuhänder sein soll. Suzanne hat ihr Testament nie geändert, sagen Sie? Obgleich sie Mutter war?“

„Nein, das hat sie nicht.“ Stiller entnahm der Mappe einen Stapel Papiere. „Ich habe die Unterlagen sorgfältig durchgesehen. Es hat alles seine Richtigkeit.“

Zane versuchte ein Gefühl der Reue zu verdrängen, das er normalerweise als reine Zeitverschwendung ansah. „Und das Kind?“

„Ein Junge. Walker Scott Weaver. Knapp zwei Jahre alt. Ein niedliches Kind, soweit ich weiß. Er wurde von einem Babysitter betreut, als …“ Er hüstelte. „Dort kann er auch bleiben, bis alles geregelt ist.“

An Kinder hatte Zane nie gedacht. Heute jedoch gleich zweimal. Als Erstes war wieder mal eine Spendenbitte von L. Atherton von der firmeneigenen Kindertagesstätte bei ihm gelandet. Die er natürlich wieder abgelehnt hatte. Und nun der Sohn von Suzanne …

Zane rief seine Sekretärin an. „Marlene, versuchen Sie, Mr. Terrel zu erreichen. Er soll so schnell wie möglich kommen.“

„Und was ist mit den Großeltern?“, fragte er dann wieder an Edward Stiller gewandt.

„Es gibt keine.“

„Tanten, Onkel?“

„Wir haben keine gefunden.“

Suzanne war wie Zane Einzelkind gewesen, und ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben. Aber Weaver müsste doch Familie haben. „Keine entfernten Cousins?“

„Meine Kanzlei bemüht sich, welche ausfindig zu machen. Aber im Augenblick ist die Betreuung des Kindes Ihre Angelegenheit, das geht klar aus dem Testament hervor. Sie sollen sich um die gesamte Hinterlassenschaft kümmern.“

Es klopfte, und Matthew Terrel, der Firmenanwalt, trat ein. Ein Mann wie ein Schrank, muskulös und kräftig.

Matt war seit sieben Jahren Zanes bester Freund. Er würde sicher wissen, was zu tun war. „Matt, das ist Edward Stiller aus Florida.“

Matt gab Stiller die Hand und stellte sich vor. „Worum geht es?“

„Lass es dir von Mr. Stiller erklären.“

Matt setzte sich in den zweiten Ledersessel. „Ich höre.“

Während die beiden Männer miteinander sprachen, stand Zane auf und ging an das riesige Panoramafenster. Er spiegelte sich darin. Vor sich sah er einen großen, schlanken Mann in grauer Hose, mit Weste, aufgerollten Hemdsärmeln und düsterem Blick. Als „kalt“ hatte Suzanne ihn manchmal bezeichnet. Dass ausgerechnet sie ihm ihr Kind anvertrauen wollte, war unbegreiflich!

„Wenn du keine Kinder willst, haben wir keine gemeinsame Zukunft!“, klang es Zane noch in den Ohren.

Er hatte deutlich gemacht, dass er sich nie Kinder gewünscht hatte und auch mit ihr keine wollte.

„Du bist stur und egoistisch. Ich hätte dich nie heiraten dürfen!“, hatte sie geschimpft. „Falls es in deinem Leben je Kinder geben sollte, tun sie mir schon jetzt leid! Du bist kalt wie Stein.“

Und nun war ausgerechnet ihr Kind in seinem Leben aufgetaucht! Das passte nicht, genauso wenig wie die Vorstellung, je wieder zu heiraten.

Suzanne ahnte nicht, wie sehr ihn die Trennung verletzt hatte, denn sie bedeutete eine Niederlage für ihn. Niederlagen hasste er. Seit Langem wusste er, wie man sie verhinderte.

Suzanne hatte dann Weaver kennengelernt, und Zane konnte sich wieder seiner Arbeit widmen.

„Zane?“ Matts Stimme brachte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er hatte das Testament in der Hand.

„Das Ganze ist ein Scherz, oder?“, fragte er Matt.

„Nein, so wie es aussieht, bist du tatsächlich für das Kind verantwortlich, bis ein Verwandter gefunden ist.“

„Du weißt doch, dass Suzanne niemals gewollt hätte, dass ich mich einem Kind auch nur nähere!“

„Sie hat bestimmt nicht damit gerechnet, mit dreißig tödlich zu verunglücken, sonst hätte sie ihr Testament vermutlich geändert. Irgendwann wird sicher ein Verwandter gefunden werden, aber bis dahin …“

Zane schaute die beiden Männer ratlos an.

„Du könntest es natürlich anfechten und damit argumentieren, dass ihr geschieden ward und du nichts mehr mit Suzanne zu tun hattest.“

„Und dann?“

„Dann kommt der Junge in ein Pflegeheim, bis eine andere Lösung gefunden ist.“

Das letzte Mal hatte Zane Suzanne beim Scheidungsanwalt gesehen. Sie war schon hochschwanger und hatte Dan Weavers Hand gehalten. Obgleich Zane seine Frau nicht wirklich liebte, hatte er sie doch sehr geschätzt.

„Was gibt es noch für eine Möglichkeit?“

„Du könntest den Jungen irgendwo unterbringen, bis ein Verwandter gefunden wird.“

„Das wäre vielleicht machbar.“

Matt schaute Stiller an. „Das ginge doch, oder? Wenn er jemanden fände, der sich um den Jungen kümmert?“

„Das liegt ganz bei Mr. Holden. Ich werde veranlassen, dass das Kind hergebracht und der jetzige Babysitter bezahlt wird. Mr. Holden kann dann …“

„Hierher gebracht wird?“, unterbrach Zane ihn entsetzt.

„Ganz richtig. Er kann nicht in Florida bleiben.“

„Wieso nicht? Wie Matt schon sagte, wir könnten doch ein Kindermädchen für ihn engagieren.

„Nun, wenn Sie oder Mr. Terrel nach Miami fahren wollen und sich dort um alles kümmern, könnten wir …“

„Unmöglich! Sie werden das machen. Ich bezahle Sie dafür.“

Stiller schüttelte den Kopf. „Ich habe nur eine kleine Praxis mit wenig Personal, das schon völlig überlastet ist. Für so etwas habe ich keine Zeit. Vielleicht könnten Sie jemanden finden …“

„Das ist viel zu kompliziert“, meinte Matt. „Allein die Zeit, hinzufahren, alles einzufädeln, schriftlich festzumachen und …“

„Wie immer Sie sich entscheiden, Sie haben eine Woche Zeit“, unterbrach Stiller ihn. „Der Babysitter kann den Jungen bis nächsten Montag betreuen. Danach muss er woanders untergebracht sein.“

„Also eine dritte Möglichkeit“, sagte Matt zu Zane.

„Welche?“

„Du bringst den Jungen in deinem Penthouse oder sonst wo unter und besorgst ein Kindermädchen. Das ist viel einfacher, als alles aus der Ferne zu regeln.“

Zane wollte das Kind am liebsten gar nicht sehen. Aber Matt hatte recht, das war die beste Lösung.

„Gut, das machen wir. Mr. Stiller, veranlassen Sie bitte die Übergabe. Ich komme für alles auf. Über das, was Suzanne dem Kind vererbt hat, können wir später sprechen. Und suchen Sie bitte weiter dringend nach einem Verwandten.“

„Selbstverständlich.“ Stiller schloss seine Aktentasche. „Wer kümmert sich hier um die rechtlichen Dinge?“

Matt schaute Zane an. „Unsere Rechtsabteilung?“

„Es wäre mir lieber, du würdest es persönlich tun, Matt. Ich möchte nicht, dass das hier publik wird.“

Matt nickte. „Mr. Stiller, mein Büro liegt den Flur hinunter, zweite Tür rechts. Wir sehen uns dort in ein paar Minuten.“

Sobald Stiller gegangen war, sank Zane auf den Stuhl.

Matt sah seinen Freund verständnisvoll an. „Genau das, was du brauchtest, was?“

„Dass unsere Neuerwerbung LynTech Probleme bringen würde, ahnte ich schon, aber nicht in welchem Ausmaß.“ Sein Blick fiel auf einen Notizzettel. „Scheint so, als hätte Mr. Lewis ein weiches Herz und eine offene Brieftasche und noch nie davon gehört, dass man auch Nein sagen kann. Kein Wunder, dass hier niemand versteht, dass mit seinem Verschwinden auch kein Geld mehr da ist.“

„Sonst alles in Ordnung, Zane?“

„Das wäre es, wenn ich endlich ungestört arbeiten könnte.“

„Ich meinte nicht die Arbeit“, sagte Matt, „sondern, ob du mit Suzannes Tod fertig wirst.“

„Es war ein Schock für mich, aber Suzanne ist Vergangenheit. Das heißt, sie war es, bis Mr. Stiller hier auftauchte.“ Er setzte sich. „Ich bin dir dankbar, dass du die notarielle Abwicklung übernimmst.“

„Aber das mit dem Kind, übernehme ich nicht, Zane. Vielleicht könnte Rita helfen. Sie hat selbst Kinder und kennt sich bestimmt aus.“

Matts Sekretärin musste schon dauernd Überstunden machen. „Meinst du, sie hat Zeit für so was?“

„Sie ist tüchtig, das schafft sie schon.“ Matt lächelte.

Zane nahm einen Notizzettel auf. „Noch eins, bevor du zu Stiller gehst. Könntest du den beim Rausgehen Marlene geben? Sie möchte das hier in die Kindertagesstätte zurückschicken.“

Matt schaute darauf. „Du lieber Himmel, die dritte Ablehnung eines Spendenaufrufs?“

„Genau. Diese Atherton akzeptiert einfach kein Nein. Sie glaubt wohl an den steten Tropfen, der den Stein höhlt. Aber da hat sie sich geschnitten.“

„Na, hoffentlich.“ Matt wandte sich zur Tür.

„Sag mir Bescheid, wenn Rita jemanden gefunden hat.“

„Mach ich.“

Zane konzentrierte sich wieder auf die Arbeit.

Seitdem er LynTech übernommen hatte, lebte er praktisch im Büro. LynTech, eine große Computertechnologiefirma mit vielen Tochterunternehmen, musste umstrukturiert werden. Zane hatte vor, sie in Einzelteile zu zerlegen und diese dann lukrativ weiterzuverkaufen. So etwas machte er seit Jahren mit Firmen, die in Schwierigkeiten steckten. Im Prinzip war LynTech eine Goldmine, aber man musste ziemlich tief graben, bevor man das Gold fand.

Lindsey Atherton träumte wieder mal den gleichen Traum. Er schien die einzige Konstante in ihrem Leben zu sein und hatte in früher Kindheit angefangen. Jetzt, mit siebenundzwanzig, träumte sie ihn noch immer. Seine Bedeutung war ihr jedoch nach wie vor unklar.

Er begann immer mit völliger Dunkelheit, ohne große Spannung. Sie fühlte sich ganz sicher, eingehüllt wie in einen Kokon. Aber dann kamen Geräusche. Das leise Knarren eines Türgriffs, das Klicken eines Schlosses, das Quietschen von Scharnieren. Und alles änderte sich. Um sie herum war es taghell, und damit war ihre Sicherheit dahin.

Als kleines Mädchen glaubte sie, nun käme der Schwarze Mann sie holen. Als sie älter wurde, gab es keinen Schwarzen Mann mehr, aber die Dunkelheit bedeutete keine Sicherheit mehr, sondern Abgeschnittenheit, Einsamkeit. Die Geräusche kamen von einer Person, die sie retten würde.

Sie wusste nicht, wer es war. Nur, dass sie, sobald man sie fände, in Sicherheit sein würde. Aber es geschah nie. Sobald die Geräusche kamen, war Hoffnung da. Dann ging das Licht an. Aber niemand kam.

Als sie es wieder träumte, war ihr plötzlich, als hätte sie jemanden gesehen. Doch sobald sie die Hand nach ihm ausstreckte, griff sie ins Leere. Sie erwachte schlagartig und mit dem schmerzvollen Gefühl des Alleinseins. Vielleicht könnte sie, wenn sie es schaffte, den Traum etwas länger zu bewahren, sehen, wer es war?

Ihr unruhiger Atem verklang gegen die hohe Decke des Lofts. Durch die großen Fenster fiel Mondlicht herein, so dass man die Umrisse der Möbel erkennen konnte. Natürlich war niemand da.

Lindsey ging barfuß im Dunkeln ins Bad. Als sie das Licht anknipste, blinzelte sie geblendet und legte die Hände auf das altmodische Waschbecken. Ihr blondes kurzes Haar stand zerzaust um ihr blasses Gesicht, unter den Augen waren dunkle Ringe zu sehen. Noch leicht zitternd spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht.

Diesen Traum hatte sie schon lange, aber allmählich schien er sich zu verändern. Ihr war, als hätte sie am Ende jemanden schemenhaft gesehen. Sie nahm ein weißes Frottiertuch und presste es sich ans feuchte Gesicht.

Als kleines Mädchen hatte sie sich oft im Schrank versteckt, dem einzigen Platz, an dem sie sich sicher fühlte. Später, als Teenager, träumte sie von einem Ritter in schimmernder Rüstung, der sie errettete und mit dem sie davonreiten würde. Nun war sie erwachsen und versuchte, sich selbst zu retten. Zum Beispiel durch harte Arbeit.

Es hatte lange gedauert, bis sie das erreicht hatte, was sie sich erträumte. Sie liebte ihre Arbeit, und mit dem Single-Dasein hatte sie sich abgefunden. Es gefiel ihr sogar.

Anstatt sich wieder schlafen zu legen, ging sie zu dem alten Sekretär, der zwischen den beiden Fenstern stand. Sie schaltete die Tischlampe ein und setzte sich davor. Da sie nicht mehr schlafen würde, könnte sie genauso gut etwas erledigen. Die Formulare für den Spendenaufruf fielen ihr in die Hand. Sie begann, sie zum x-ten Male auszufüllen. Der neue Vorstand von LynTech hatte rundweg abgelehnt, aber sie würde nicht aufgeben.

Der Firmengründer Mr. Lewis hatte das Programm gemocht und hundertprozentig hinter Lindsey gestanden. Nun, da er in Pension war, würde die Firma vermutlich an mehrere Interessenten verscherbelt werden.

Der neue Chef, Zane Holden, schien nur an Profit interessiert zu sein. Das hieß, dass eine Menge Leute entlassen und alle Extras von der Liste gestrichen werden würden.

In die Rubrik „Gründe für Ihren Antrag“ schrieb sie: „Das Wohlergehen der Kinder der Angestellten von LynTech“.

Wohlergehen? Sie hätte auch Sicherheit und Glück schreiben können und die Hoffnung, dass die keine Albträume hatten. Aber einer wie Zane Holden wusste sicher nichts vom Schwarzen Mann oder von Kinderängsten.

Und „Bessere Arbeitsleistung der Eltern“, fügte sie hinzu. Das war bestimmt das Einzige, wofür Mr. Holden sich interessieren würde.

Sie schrieb „L. Atherton, Projektleiterin“, darunter und setzte das Datum dazu.

Antrag Nummer vier. Vielleicht würde der Vorstand dieses Mal reagieren. Lindsey legte die Papiere beiseite und ging wieder ins Bad. Vielleicht halfen eine heiße Dusche und ein Buch, die Nacht durchzustehen. Gleich morgen früh würde sie den Antrag persönlich abgeben. Per Firmenpost dauerte es zu lange.

Unter der warmen Dusche schloss Lindsey die Augen und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was sie Zane Holden sagen würde. Angeblich war er ziemlich abweisend, aber vielleicht wusste er nur nicht genug über ihr Projekt.

Wenn sie es richtig formulierte, würde er vielleicht die Bedeutung eines firmeneigenen Hortes begreifen. Schließlich ging es um Kinder!

Einen Termin bei Zane Holden zu bekommen war schwieriger als erwartet. Lindsey bekam bei ihren zahlreichen Telefonversuchen immer nur zu hören, er sei „nicht erreichbar“. Aber sie war hartnäckig. Eine Eigenschaft, die ihr schon oft geholfen hatte. Sie hatte immer für alles kämpfen müssen.

Schließlich sagte die Sekretärin: „Mr. Holden hat morgen früh um neun ganz kurz Zeit für Sie.“

Ganz kurz Zeit? Na, besser als nichts. „Vielen Dank, ich werde da sein. Nachdem Lindsey aufgelegt hatte, jubelte sie: „Ja!“, und schüttelte die Fäuste.

„Schsch, nicht so laut!“

Lindsey drehte sich abrupt um. In der offenen Tür ihres Büros stand ihre Mitarbeiterin Amy Blake, eine zierliche Person mit langem dunklem Pferdeschwanz. Sie hatte den Arm voller Plüschtiere.

„Entschuldige, ich dachte, du seist schon weg“, sagte Lindsey.

„Nein, Taylor schläft noch. So lange räume ich ein bisschen auf. Was ist denn los?“ Sie kam näher. „Nun erzähl schon, das hörte sich ja so an, als sei uns die Unterstützung sicher? Bekommen wir endlich einen neuen Kleinbus und können mit dem Eltern-Programm beginnen?“

„Nein, noch nicht. Aber ich habe morgen früh einen Termin bei Mr. Holden, dem neuen Chef von LynTech.“

„Prima“, sagte Amy, aber ihr Lächeln war gequält. Amy hatte mehr als Lindsey zu verlieren, wenn sie finanzielle Einbußen hinnehmen müssten. Sie konnte sich und ihre Tochter schon jetzt kaum über Wasser halten, und die Anstellung bei Lindsey war die einzige Möglichkeit für sie, mit ihrem Kind zusammen zu sein.

„So kann ich jedenfalls von Angesicht zu Angesicht mit ihm sprechen, anstatt immer nur Botschaften auszutauschen“, erklärte Lindsey hoffnungsvoll. „Ich hatte Mühe, seine Sekretärin, diesen Eisberg, überhaupt dazu zu bringen, mir einen Termin zu geben.“ Lindsey empfand ein regelrechtes Triumphgefühl. „Ich muss mich noch darauf vorbereiten.“

„Du weißt doch alles auswendig!“

„Im Prinzip ja“, meinte Lindsey. Sie schaute sich im Büro um. Leere Borde und Kartons ließen es noch nicht besonders einladend aussehen, aber es war schon benutzbar.

„Ich muss mir noch mal die Zahlen ansehen, damit es professioneller wirkt. Vielleicht sollte ich kompromissbereit sein. Aber ich werde mich natürlich bemühen, das Wichtigste zu erreichen, das kannst du mir glauben. Auch mehr Geld für dich.“

„Das wäre wunderbar.“

Lindsey wollte ihr Klemmbord und die Liste mit den Aufstellungen holen. Sie betrat den Spielraum, an dessen Decke weiße Wölkchen auf hellblauem Grund prangten und Märchenmotive an den Wänden. Im Moment war alles ruhig, aber normalerweise wimmelte es hier von Kindern, deren Eltern bei LynTech arbeiteten und froh waren, sie nicht allein zu Hause lassen zu müssen.

Das Klemmbord lag auf einem winzigen Tisch. Lindsey ließ sich in einen kleinen pilzförmigen Kinderstuhl sinken – was wegen ihrer langen Beine etwas schwierig war.

Amy war ihr gefolgt. „Lindsey, meinst du, er stimmt zu? Holden hat schon drei Anträge abgelehnt.“

Lindsey schaute auf die finanzielle Aufstellung. Etwas zu streichen war kaum möglich. Höchstens die neuen Märchenbücher. Oder die neuen Schlafmatten. Das müsste gehen. Aber einen neuen Herd im Küchenbereich oder den Kleinbus, mit dem die Schulkinder transportiert werden mussten, brauchten sie unbedingt!

„Ich versuche, alles durchzubekommen, aber das Treffen wird sehr kurz sein.“

„Wenn überhaupt jemand Mr. Holden dazu bringen kann, uns zu unterstützen, dann bist du es, Lindsey. Denk mal an Mr. Lewis. Bevor er dich kennenlernte, wusste er gar nichts über Kindertagesstätten. Und du hast ihn dazu gebracht, diese hier einzurichten.“

„Ja, Mr. Lewis bemühte sich auch um seine Angestellten, dem ging es nicht nur um Profit. Ich wollte, er wäre noch da und würde nicht um die halbe Welt reisen auf der Suche nach seiner exzentrischen Tochter.“ Lindsey verzog das Gesicht. „Das Letzte, was ich hörte, war, dass er mit ihr in Frankreich ihre dritte Verlobung in drei Jahren feierte, eine Art Rekord.“

Amy schüttelte den Kopf. „Ich hörte auch, dass sie einen Haufen Universitäten durchprobiert hat und bei den meisten rausgeworfen wurde. Die hält ihre Eltern ganz schön auf Trab.“

„Ich glaube, sie ist der Grund, warum er in Pension gegangen ist und die Firma an die Holden-Gruppe verkauft hat. Sag mal, kannst du mir sagen, was man davon hat, ein solches Unternehmen zu erwerben, um es dann zu zerschlagen und die Einzelteile an den Meistbietenden zu verscherbeln?“

„Geld, Lindsey, nichts als Geld. Die interessiert nur Profit.“

Lindsey rieb sich die Oberarme. „Na ja, Hauptsache, unser Programm wird fortgesetzt. Ich werde es mir nicht kaputtmachen lassen.“

„Vielleicht hast du gar keine Wahl.“

Lindsey hatte sich nicht aussuchen können, ein normales Elternhaus zu haben, sondern verängstigt und einsam in Pflegeheimen gelebt. Aber die Wahl, ihr Erwachsenenleben zu gestalten, die hatte sie durchaus.

„Oh, doch, ich kann kämpfen oder aufgeben. Und ich gebe nicht auf! Zane Holden wird uns nicht länger ignorieren. Ob gut oder schlecht, er wird es mit mir zu tun bekommen.“

„Ist es nicht so, als wolltest du mit dem bösen Wolf klarkommen, der nur aufs Beutemachen aus ist?“, fragte Amy. „Holden soll ziemlich skrupellos sein.“

„Meinst du, er hat Kinder?“

„Solche Leute haben doch keine Kinder!“

Lindsey musste lachen, und das tat gut in einem solchen Moment.

„Mami?“ Aus dem Nachbarraum hörte man eine zarte Stimme.

„Hier, Taylor“, rief Amy. „Mami ist im Spielzimmer!“ Zu Lindsey gewandt sagte sie: „Wir müssen jetzt nach Hause. Was ist mit dir?“

„Ich muss mich mit dem großen bösen Wolf beschäftigen, um nicht von ihm gefressen zu werden. Also bleibe ich noch ein bisschen und entwerfe einen Schlachtplan.“

„Bleib nicht zu lange, du siehst ziemlich müde aus.“

Lindsey dachte an den unangenehmen Traum. „Ich schlafe nicht besonders gut. Aber ich weiß, was wir am meisten für die Kinder brauchen, und ich werde versuchen, das zu erreichen.“

„Wenn jemand es schafft, dann bist du es. Eine Schande, dass du keine eigenen Kinder hast.“

Lindsey zuckte die Achseln. „Manche haben Kinder, manche helfen Kindern, manche tun beides. Ich bin wohl zum Helfen da.“ Für eigene müsste sie erst mal einen geeigneten Partner finden. Kinder sollten nur Eltern haben, die es auch sein wollten und nicht dazu gezwungen wurden. „Morgen früh muss Zane Holden mit mir rechnen.“

„Ich habe gehört, dass sein Vorstandskollege sich auch oft einmischt. Auf den solltest du achten. Er heißt Terrel und soll wie ein Preisboxer gebaut sein. So einer mit Stiernacken, weißt du?“

Lindsey erhob sich. Sie würde morgen ein Kostüm anziehen, ganz geschäftsmäßig, damit Zane Holden sie auch ernst nahm. „Mit dem werde ich auch fertig.“

„Mami?“

Die kleine Taylor stand im rosa Schlafanzug mit einem zerzausten Teddy im Arm in der Tür. Mit ihrem dunklen Haar und den dunklen Augen war sie eine zweijährige Miniaturausgabe ihrer Mutter. Sie lief zu Amy, die sie schwungvoll hochnahm. „Tut mir leid, Schätzchen, wir haben noch geplaudert. Aber jetzt fahren wir nach Hause.“

„Und ich mache mich wieder an die Arbeit.“ Lindsey strich der Kleinen übers Haar. „Wir sehen uns morgen früh.“

„Kann ich noch irgendwas für dich tun?“, fragte Amy.

„Drück mir die Daumen, dass der große böse Wolf nicht beißt.“

„Mache ich. Dann viel Glück!“, rief Amy.

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen und alles ruhig war, nahm Lindsey das Klemmbord und ging ins Büro. Als sie an dem Rotkäppchen-Wandbild vorbeiging, blieb sie kurz stehen.

Sie und Amy hatten es gemalt, und der Wolf sah eher mitgenommen als bedrohlich aus. Sie legte die Hand aufs Maul mit den gebleckten Zähnen. „Wenn ich mit dir fertig bin, weißt du nicht mehr, wie dir geschehen ist“, sagte sie optimistisch.

Zane saß allein im Büro. Die Vorhänge waren wegen der grellen Morgensonne noch zugezogen. Neben dem flackernden Computerbild starrte er ins Leere und dachte nach.

Suzanne hatte gewusst, dass er Einzelgänger war. Nun brachte ihr Kind alles durcheinander!

Er stand auf, um die Gardine aufzuziehen. Die Tür wurde geöffnet.

„Hallo, Zane“, sagte Matt, „du bist wirklich früh dran.“

„Ja, seit sechs Uhr. Ich wollte dich gerade anrufen, damit du ein Treffen mit Sol Alberts’ Leuten anberaumst.“ Er knöpfte die Manschetten seines Hemdes auf und krempelte die Ärmel hoch.“

„Mach ich. Für morgen.“

„Gut. Und du, was wolltest du?“

„Ich wollte noch mal mit dir über das Kindermädchen sprechen.“ Matt setzte sich auf einen der Stühle am Schreibtisch.

„Ich dachte, du hättest alles im Griff.“

„Das war wohl etwas übertrieben. Rita kümmert sich darum, führt Bewerbungsgespräche, aber es scheint, als sei keine der Frauen, die von der Agentur geschickt wurden, wirklich geeignet.“

„Wieso? Sind es keine ausgebildeten Kindermädchen?“

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