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Halbschatten des Mondes

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht

sich eine kleine Weile der Bestand

von bunten Pferden, alle aus dem Land,

das lange zögert, eh es untergeht.

Zwar manche sind an Wagen angespannt,

doch alle haben Mut in ihren Mienen;

ein böser roter Löwe geht mit ihnen

und dann und wann ein weisser Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,

nur dass er einen Sattel trägt und drüber

ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiss ein Junge

Und hält sich mit der kleinen heissen Hand,

dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,

auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge

fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge

schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,

es kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.

Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,

ein kleines kaum begonnenes Profil –.

Und manches Mal ein Lächeln, hergewendet,

ein seliges, das blendet und verschwendet

an dieses atemlose blinde Spiel …

Rainer Maria Rilke

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Bild: Hans Schweizer

Inhalt

1

Ein Buch?

2

3

Die Ausgangspunkte

Mutter betet

Da kommt Mutter her …

… und da der Vater

Schule

Mit Mutter im Dorf

Appenzellerland

Kriegskinder

«Zwilling» als Empfindung

Unverständliches klärt sich (?)

Der Mond wirft seinen Schatten

«Halb- oder Kernschatten»

Sein auf Langrüti

Vater im Schulzimmer

Bei Vetter Ernst auf dem Hof

Erziehung und Wutausbrüche

«Heuferien»

Baden im See

Douglas

Vaters Lektionen

«Christliche Seefahrt» – oder was?

Nur Jesus geht auf dem Wasser

Das «Spritzenhäuschen»

Susi Hug

Hochzeit

Zwei Prägungen auf jeder Münze

Hinter dem Fussballtor

Schülergeburtstag 1954 …

«Klavier» (Einschub A )

… mit Frauenpower

«Klavier» (Einschub B)

4

Vaters Sein auf Langrüti

Kirchenchor und Konzerte

Praktikantinnen und Praktikanten

Bibelstunde

«Autofahren» – er?

5

Der «Sandhof» – Marti und Hedi

Friedi R., Jakob Z. der Jüngere und Marteli

Früher Verlust von Pate und Bruder

Herrin auf dem Sandhof

Abhängigkeit

Kreis der Lehrersfrauen

Zwei Fotos

Bibelverständnis – «Heilige Pfeife»

Die «Pfeifenzeremonie»

6

Berufsberatung in Horgen

Vaters Beistand

Oberrealschule in Zürich

Erneut auf der Suche

Das Lehrerseminar Küsnacht

Das «Evangelische» in Unterstrass

Als «Flab Soldat»

Konrad Zeller (Chueri)

Das Kantonale Oberseminar

Vikariat in Wetzikon (anstelle eines Praktikums)

Vikariat in Richterswil (anstelle eines Praktikums)

7

Reizvolle Bekanntschaft

Als Junglehrer

Im «Gottfried-Keller-Dorf»

Befreit vom Wartemuster

Auf «Moosegg»

8

Mit einer Frau auf Langrüti

Friedi

Annelies

Am «Poly-Ball»

Hochzeit im Appenzeller Land

Brauerei der Familie Keller

9

Hochzeitsreise – «Beba»

«Ich glaube, Sie warten Kind»

Das Kollektivbillett

Kaspar – Gelpkes – im Wallis

Das Saastal, Ludwig Gelpke und Almut, seine Frau.

Florian

Alltagstrott

Das Mädchen

Die Sippe der Zollinger

Rettung des Hofs

Von Saulus zu Paulus.

Grossvater spürte sein Ende nahen

Der Kranzwagen

Die «Schweizer» und die «Ficks»

Aus Vaters Buch

Frieda (Schweizer-) Fick (1880–1963 )

Die Auswanderer

Hermann Heinrich Schweizer-Fick (1870–1947)

Grossmutter Frieda Schweizer-Fick (1880–1963)

Zu einer anderen Linie des «Ur-Schweizer» aus Stadel

Zur Ahnenreihe

Erste Ehejahre – Familienleben

Ungleiche Bedürfnisse

Alltag

Krank machend?

Mein Malraum

Im«Einklang» sein

Noch einmal eine Beratung – «Mona»

Geheimniskrämerei

Entsprechungen?

Schattenteppiche im Halbschatten?

Mutters Antwort

10

Ruth

Hin zur eigenen Idylle

Champoly

11

Vaters Tod (aus meiner Sicht)

Tagesbefehl zum letzten Lebenstag

Mutters Trauer

Mutters Ableben

Sonnenfinsternis 1999

12

Schule und Behinderungen

Hanns Josef Ortheil

This

Mein Orientierungssinn

Skifahren als «schönste Nebensächlichkeit»

Trainingslager für Leiter von Schullagern

Die Segel setzen

Therapiesitzung am «IAC»

13

Einige Erfahrungen mit Schreiben

Worte als Ausdrucksmittel

«Wolkenkratzer»

«Meteore im Hochhaus»

«Schreiben, und wie komme ich zu einem Ende?»

Auch Bilder können erzählen

Ruedi W.

14

Die «Baumzeremonie»

Nachschlag

1

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Focus

Ein Buch?

«Antworten» waren beim Erwachen mein erster Gedanke.

«Nein, bitte! Sicher werde ich kein Buch schreiben! Fehlte noch!»

«Unsere Stadt ist gebaut», soll meine einstige Mitschülerin am Evangelischen Lehrerseminar gesagt haben, als sie zur sozialistischen Stadträtin von Zürich geworden, das Baudepartement inne- hatte. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass sie das niemals so undifferenziert gesagt haben kann. «FakeNews» hat es in der Politik schon damals gegeben, nur den Ausdruck dafür nicht.

Analog dazu hätte ich jetzt gerade behaupten wollen, dass die Bücher längst alle geschrieben sind! Aber zugegeben, diese Behauptung ist nicht von mir und kann wahrscheinlich gut widerlegt werden, und in unsern Städten und Dörfern wird drauflosgebaut, als sollten künftige Generationen nie wieder die Chance bekommen, etwas Vernünftiges für ihre Mitmenschen zu tun.

Ein Buch? Nein.

Wie war das doch bei Wilhelm Busch? «Jedes legt noch schnell ein Ei und dann kommt der Tod herbei.»

Und jetzt? «Jeder» hinterlässt vor seinem Abgang ein bescheidenes Denkmal. Ist doch so – oder? Vielleicht macht einer einen Pilgerweg, wie ich. Und häufig schreibt er dann erst das Buch. Mit selbstgefälligem Leistungsausweis jedenfalls – um einer irgendwann anstehenden Abdankungsrede zu angemessenem Schwung zu verhelfen? – Memoiren also? – So ehrgeizig bin ich doch nie gewesen. – Oder doch?

Meine Kollegen am Seminar fanden damals, ich sollte schreiben. Aber die hatten doch keine Ahnung! Es ging für mich nicht um prestigereiche Zusatzentwürfe für mein Leben. Ich hoffte einzig und allein, die Zeit an diesem evangelischen Schulbetrieb unbeschadet zu überstehen; den Kopf so lange über Wasser halten zu können, bis alles vorbei war.

Einer meiner Lehrer äusserte sich einmal so: «Schweizer, entweder sind Sie ein Idiot oder ein Genie!» Manchmal hege ich den Verdacht, seine Aussage sei mir zu einer Art Tarnkappe geworden, unter welcher ich glaubte, mich verstecken und schützen zu können. Antworten also zuerst?

Da hat wohl eine innere Instanz nicht so gut geschlafen wie ich. Wie ein Myzel den Waldboden hatten offenbar Fragen meinen Schlaf durchwühlt.

Aber was zum Teufel will mich dazu bringen, mein Innerstes auf Papier und zwischen Kartondeckel zu bannen?

Gehts um mein Sein, um meine ureigene Wahrheit, ums Altwerden? Was habe ich mit meinem Potenzial, mit meinen Talenten gemacht?

Geht es um die Klangfarbe des Selbstmitleids, um meine persönliche Gerechtigkeit? Oder um die Struktur und Einordnung in meiner Ahnenkette? Warum liegen meine Söhne, meine Enkel und ihre «Geschichten» mir stets im Sinn?

Ich nehme mir vor, darauf einige Antworten zu finden. Kürzlich hat jemand mein Tun «Schreibprojekt» genannt. Unter Kapitel 12 soll es nochmals zum Thema werden.

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Substanz

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In Form gebracht bei Eva Ehrismann

Die Ausgangspunkte

Sie liegen gut drei Viertel eines Jahrhunderts zurück und gehen zu den Anfängen deiner jungen Familie, Vater, und zu meinem Ursprung. Es war während des Zweiten Weltkriegs.

Da ist er nämlich unversehens zur Welt gekommen, der von euch erwartete «Hansueli». Später wurde auch von den «Hansuelenen» gesprochen. Niemand hat ja damals gemerkt oder geahnt, dass es zwei sein würden, die in diesen düsteren Tagen durch einen im örtlichen Spital erstmals praktizierten Kaiserschnitt das Licht der Welt erblicken durften: Ich nämlich, den du, Vater, dann als Hans (Hans Hermann) pflichtbewusst auf der Gemeinde gemeldet hast, genauso wie auch deinen Erstgeborenen, den Ueli (Ulrich Jakob). Als Mutter mit Nierenkomplikationen im Spital lag, konnte sie die Ärzte bei halbgeschlossener Türe belauschen und bekam auf diese Weise mit, dass ihr Kind jetzt – etwa sechs Wochen zu früh – geholt werden müsse und dass man sie, die bestürzt lauschende Mutter, nur mit diesem am Ort bisher noch nie praktizierten Eingriff am Leben erhalten könne.

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Mutter mit Hans und Ueli

Währenddessen hast du, Vater, im Schützengraben gestanden. Und als dort die Meldung von eurem Zwillingsglück eintraf, wurde dir erlaubt, diesen Graben und den Ort, den man niemandem preisgeben durfte, mit dem Militärvelo zu verlassen, um die nächste Bahnstation zu erreichen. Von dort brachte dich der Zug zum Spital am See, und du konntest deine Buben sehen und deine junge Frau. Es sei das einzige Mal gewesen, dass du dir in der Folge beinahe militärischen Ungehorsam geleistet hättest: am darauffolgenden Tag nämlich, als der Urlaub vorbei war und du schon wieder vereinnahmt werden solltest.

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Einer der Zwillinge mit dem stolzen Vater

So also mein Ausgangspunkt, unser Ursprung, die Anfänge deiner eigenen Familie, die du zwar immer wieder verlassen musstest, weil das von dir so verlangt wurde. «Rufst du mein Vaterland!» Das war ja schliesslich unsere Landeshymne!

Später hast du diese mit uns Schülern – wie alle vaterländischen Lieder – mit viel Feuer gesungen, als Ueli und ich von der vierten bis zur sechsten Klasse deine Schule besuchten auf «Langrüti» einer der «Aussenwachten» der stolzen Seegemeinde. Ich mochte deine Singstunden und deinen Heimatkundeunterricht.