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Hakuna Matata für Anfänger

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und los gehts

Vom Schlumpf zum ersten Stich

Keine „ba(h)nale“ Begegnung

Hamis’ Karma auf Sparflamme

Entgleist

Sonntag an einem Donnerstag

Suaheli in Biel

Gruezi Shariff

Ein fremder Brief ändert mein Leben

Schweiz vs. Kenia

Mission (im)possible

Schritt für Schritt, Stufe für Stufe

Mein Schweizer Waterloo in Italien

Hamis auf Spur bringen

Crashkurs in kenianischer Buchhaltung

Das Geheimnis

Masha in Mombasa

Hamis und die Hoffnung

Ohne Moneten in Kenia

Kampf dem Wohnungschaos

Europäer haben die Uhr, wir die Zeit

Ein Lied für Shariff

Hamis wankt

und fällt

Ohne Masha in Mailand

Mashas dunkelsüßes Geheimnis

Shariff und die Religionsgesetze

Amtshilfe, Ein Sheriff für Shariff

Über Umwege ans Ziel

Der Anfang vom Ende

Mama Mumba erzählt ihre Tour de Afrika

Läuterung und Neuanfang

Das Böse

Eskalation

Halten angebl. Schwestern zusammen?

Mama Mumba und ihre Überraschungen

Und wenn sie nicht gestorben sind

Das Versprechen

Nachschlag

Kommentar, Schlusswort

Hinweis Bilderbogen

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise. Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort, in Tat und Wort, hinaus in unsere Welt.

Kurt Frederic Kaiser, 1934-2018

Danke …

dass Du mein Buch gekauft hast. Mach es Dir bequem und sei mein Gast auf dieser abenteuerlich chaotischen Reise, die mich über Bern, Biel und Mailand bei ständigen Preiserhöhungen geradewegs in ein Labyrinth der Irrtümer fast bis nach Kenia führte. Eine Fahrt voller Überraschungen, die ich mit dem ganzen Herzen, manchmal unüberlegt, aber immer überzeugt das Richtige zu tun durchgehalten habe. Die Reisegeschwindigkeit und die Route änderten sich stetig, weil andere unbekümmert oder aus Bequemlichkeit die falschen Weichen stellten. So ratterte ich über Irrwege und raste haarscharf an Abgründen vorbei. Notbremsen oder abspringen kam für mich nicht in Frage, weil ich mein Ziel allen Widrigkeiten zum Trotz unbedingt erreichen wollte. Das alles nur, weil ein kleiner Junge mein Herz eroberte. Shariff ist sein Name und ihn zu einem Schweizer Staatsbürger zu machen, war mein hochgestecktes Ziel.

Es begann an Bord eines Regionalzuges der schweizerischen Bundesbahn (SBB). An einem Ort, der für das Planbare, für Ordnung und das Einhalten von Regeln steht. In diesem Kokon der Korrektheit begann meine chaotische Reise. Sie sollte mich über Berge der Begeisterung und Täler der (Ent-) Täuschungen hinwegführen – mitten hinein in die unterschiedlichen Lebenswelten zweier grundverschiedener Kulturen. Station für Station wurde ich in den Bann jener Spannungsfelder gezogen, die bei der Begegnung afrikanischer und Schweizer Lebenskonzepte entstehen können. Mal widersprechen sie sich, mal schließen sie sich gegenseitig sogar aus oder ergänzen sich urplötzlich.

Die SBB-Eisenbahnen werden energieeffizient elektrisch angetrieben. Der Treibstoff meines Motors bestand aus Mitgefühl, Gerechtigkeitsempfinden und christlicher Nächstenliebe. Diese Komponenten entwickeln eine Kraft, die sich nicht leicht kontrollieren, regeln oder drosseln lässt. Erst mal in Fahrt gekommen, gibt es kein Zurück mehr.

Mittendrin in der rasanten Reise konnte und wollte ich auf halber Strecke nicht abspringen. Es wäre für mich unverantwortlich gewesen, dass ein Kind den Preis für ein Ticket zahlt, dass es selbst nicht gezogen hat. Ohne Hilfe hätte Shariff keine Chance auf einen Sitzplatz in Richtung sorgloser Zukunft bekommen. Mit einem Schweizer Pass jedoch stünden ihm alle Türen eines freien Lebens offen, die er selbst auswählen könnte. Ihm diese Entscheidungsfreiheit zu schenken war das, wofür ich einige Jahre kämpfte. Mit und gegen Behörden, mit und manchmal auch gegen seine Eltern. Mit hohem finanziellem Einsatz und der Ungewissheit, ob ich den Kampf durchhalte. Doch was ich als kleine Gefälligkeit einstufte, wurde zu einer jahrelangen Herausforderung der ganz besonderen Art. Irgendwann wirst Du beim Lesen fragen: Häh? Wieso hat Alice nicht einfach die Notbremse gezogen? Kennt sie doch von ihrem Arbeitsplatz. Ja, stimmt, aber angetrieben vom Motor meines christlich erzogenen guten Willens raste ich mit dem Ziel vor Augen ins Ungewisse. So kam es, dass ich an Stationen vorbeischoss, an denen ich hätte aussteigen können. Offenen Auges fuhr ich in dunkle Tunnel und in rasender Fahrt an grell blinkenden Haltesignalen vorbei. Am Ende kommt man dort an, wo die Gleise aufhören. Mit Glück gibt es dann nur einen heftigen Rums und einige Prellungen, ohne sich das Genick zu brechen.

Nun bin ich angekommen und lächle zufrieden, still und glücklich. Meine „Prellungen“ schmerzen noch ein wenig, doch das Genick blieb ganz.

War es mir den Aufwand, die Dramen und das investierte Geld wert: JA, das war es, denn dem „schnüsig Schnuderi“ (*) steht fortan die Welt offen und ich fühle mich wunderbar damit.

Wobei alles so einfach hätte sein können, wie ich es anfangs dachte und wie es mir logisch erschien. Doch das Schicksal ist ein launisches Wesen.

(* Schwiitzer Dütsch, Dialekt: niedlicher Lausbub)

Herzlich willkommen, lieber Shariff.

Vom Schlumpf zum ersten Stich

Im milden Frühling 2012 trat ich in Olten mit drei weiteren Neulingen meine Ausbildung bei der Schweizer Bundesbahn zur Kontrolleurin an. In sechs Monaten wurden wir „Schlümpfe“, wie man uns Auszubildende nannte, in der freundlich verbindlichen Fahrscheinkontrolle unserer Fahrgäste ausgebildet. Kein Job mit hohem öffentlichem Ansehen. Dennoch ist es eine Aufgabe im Sinne der Gesellschaft. Auch die Bahn muss kostendeckend wirtschaften. Bis zur Eröffnung des Berner Depots im Oktober des Jahres sollten wir „Schlümpfe“ fertige „Stichkontrolleure“ sein, um als kleiner, regionaler Trupp parallel zum Zugbegleitungsteam Kontrollen im Regionalverkehr durchführen und nötigenfalls das ausstehende Entgelt kassieren zu können.

Im November ging es los. Vorurteilsfrei freute ich mich auf die Praxis meines Jobs. Obwohl nicht alle Fahrgäste entspannt und fröhlich meiner Bitte zum Vorzeigen des Billetts nachkamen, machte es mir Spaß. Neugierig und offen für Neues begegnete ich jeden Tag Menschen verschiedenster Herkunft, die unterschiedlicher nicht sein konnten und Sprachen verwendeten, die ich gar nicht einordnen konnte. So wurde ich auch zur Gastgeberin der Bahn und empfand meine Aufgabe vielschichtiger, als nur simplen Kontrolldienst durchzuführen.

Mit zwei erfahrenen Kontrolleuren wurden wir zum eingespielten Team im Berner RV-Depot. Zur Crew der „alten Stich-Hasen“ gehörte Abderrazak Sidi, ein aufrechter, gradliniger und hilfsbereiter Kollege. Ich lernte ihn als einen Mann mit festen moralischen Prinzipien kennen, der nach strengen islamischen Glaubensregeln lebt. Das machte ihn für mich vertrauenswürdig und verlässlich. Kaum jemand bemühte sich, seinen arabischen Vornamen richtig auszusprechen, und somit nannten ihn alle schlicht und einfach Sidi. Insgeheim kränkte es ihn jedoch. Aus Respekt übte ich den Zungenbrecher und benutzte seinen richtigen Namen. Mal ehrlich: „Abderrazak“ ist für Schweizer Zungen eine harte Nuss. Doch ich bekam das hin und er schätzte es sehr. Von Beginn an fühlten wir uns irgendwie miteinander verbunden und aus dem vagen Gefühl entstand eine Freundschaft, die noch heute von großer Bedeutung für uns ist.

Eines Tages stellte mir Abderrazak beiläufig und erkennbar widerwillig Faki Hamis -.-.-.- (*) vor. Zwei Männer aus ähnlichen Kulturkreisen mit gleicher Religion und doch prallten spürbar zwei Welten aufeinander. Ihre jeweilige Vorstellung vom Leben, die Auslegung von Werten wie Verantwortung, Familie und Vertrauen drifteten so weit auseinander, dass sie unmöglich kompatibel waren.

(* Namen dürfen wir nicht nennen)

Faki Hamis’ Spitzname lautet „Hakuna“, weil er ein unbeschwerter Typ war. Ihm fiel es leicht, allem Schwierigen und Schweren im Leben das halb volle Glas mit einem gewinnenden Lächeln abzuringen. Um es dann in vollen Zügen auszutrinken, ohne sich Gedanken zu machen, wer es wieder auffüllen würde. Fest stand für ihn nur: ER wird es nicht sein, der sich um das Nachschenken kümmert. Hamis war demnach der sprichwörtliche „Null-Problemo-Mann“, ganz Hakuna Matata eben. Ein Mensch, dessen unbekümmerte Leichtigkeit mich gleichzeitig faszinierte und erschreckte. Seine Fahrlässigkeit konnte mich auf die Palme bringen. Denn wie Abderrazak lebte ich nach festen Grundsätzen. Vielleicht sogar in Schablonen, aber so bin ich, und das hat sich bislang nicht geändert.

Die Begegnung mit Hamis, alias Hakuna, und was darauf folgte, stellten meine Grundfesten auf den Kopf, um mich zum glücklichen Schluss wieder zu erden. Etwa so wie in einem Zug, durch dessen Gang du läufst, und plötzlich schubst Dich eine Erschütterung auf einen freien Platz. Und genau der wird dann zu deinem festen Sitzplatz bis zum nächsten Halt.

(K)eine „ba(h)nale“ Begegnung

Hamis’ Job war die Reinigung der Züge, die ich begleitete. Er war damals Anfang 40, doch sein Erscheinungsbild und seine Ausstrahlung hatten sich viel Jugendliches bewahrt. Das Jungenhafte strahlte er über seine traumhaft schmale Taille mit hüftlangen Rasta-Zöpfen und schneeweißen Zähnen aus, die er mit seinem breiten Grinsen gerne zeigte. Durch alle Poren spross dem stolzen Mann aus Afrika das magische „Hakuna Matata“-Mantra: No Problem! Niemals! Take it easy!“ So stellt man sich jung gebliebene Bob Marley Fans im fortgeschrittenen Alter vor, wenn sie nach fünf Stunden surfen am Strand von Jamaika anlanden. Es fehlte nur die dicke Qualmgranate zwischen den Lippen. Na ja, eigentlich fehlte die gar nicht, sie war nur zu Hause geblieben, doch das wusste ich damals noch nicht.

„Hamis ist Kenia!“ Mit dieser Metapher könne ich mir sowohl seinen Namen als auch seine Heimat einfach merken, grinste er. Hamis wohnte in Biel und sprach Schweizer Deutsch.

Um es bildlich zu machen: Stell dir einen Rastaman am karibischen Strand vor, der dir den Weg nach Trenchtown in Schwiizerdütsch erklärt. Nun ein Bild vor Augen? Chunsch drus? (Schwytzerdütsch: Hast du es verstanden?)

Wie, wo und von wem er Schwiizerdütsch gelernt hatte? Von einer Frau natürlich. Denn so anziehend, wie er auf das weibliche Geschlecht wirkte, so magnetisierend wirkten Frauen auch auf ihn. Doch die Anziehungskraft hielt nie lange und konnte ihn an keine bestimmte Verehrerin binden. Hamis war damals schon stolzer, aber kaum präsenter Vater von vier Kindern mit drei verschiedenen Müttern. Zwei seiner Kinder lebten gar in Brasilien. Keines wiederum bei oder mit ihm. Er sah sie selten und wusste nur wenig über seine „Goofä“ (Schwiiz: Kinder). Sie waren auf der Welt, das hat er stolz hinbekommen, alles andere fiel nicht mehr in seine Zuständigkeit. Hamis, die Frauen und Familie passten anscheinend nicht gemeinsam unter seinen Hut, denn der war ja schon mit dichten Rastazöpfen und viel zu viel „Hakuna Matata“ gefüllt. Für eine verantwortungsvolle Vaterrolle hätte er sein Lebensmotto ändern müssen. Familie und Kinder bedeuten Verantwortung, Zuneigung und natürlich Sorgen. Kinder benötigen Aufmerksamkeit und Zuverlässigkeit. Genau das war und ist dem hübschen Lebemann aus Kenia aber wahrlich fremd. Immerhin hatte er während seiner Ehezeit mit seiner Ex-Frau in Fribourg Schweizerdeutsch gelernt und, ein Schelm der Böses dabei denkt, durch dieses Ehe-Gelöbnis wurde er Schweizer Staatsbürger.

Abderrazak warnte mich mehrfach und eindringlich: Er kenne ihn. Ein Frauenheld, Hallodri, Filou, Gigolo, Playboy und Schmarotzer. In der Summe ein bisschen von allem, aber weit davon entfernt, ein gläubiger Moslem zu sein und natürlich auch kein Rastafari. Die Haarpracht täuschte das ebenfalls nur vor. Zu wenig Glauben mache Hamis zügellos und damit gefährlich, mahnte Abderrazak und ich erahnte die Wahrheit in seinen Worten.

Umso lauter schrillten meine Alarmglocken, als Hamis mich während der Schicht mal eben nach Sansibar einlud. Dort würde er gerade ein Haus bauen und mir „sein Kenia“ zeigen, erzählte er verheißungsvoll. Wie ich dorthin kommen sollte, wie und wo wir uns treffen und wann das sein sollte, das wusste er natürlich nicht. Seine Begeisterung dafür war jedoch aufrichtig. Und seine Begründung für die überraschende Einladung schmeichelte mir umso mehr. „Du bist mir sympathisch und ich weiß, Du bist ein guter Mensch!“

Na ja, es versteht sich von selbst, dass es zu dieser Reise nicht gekommen ist. Dafür jedoch zu anderen Touren, die ich besser vermieden hätte.

Hamis Karma auf Sparflamme

Die folgenden Monate begegneten wir uns immer wieder mal. Je nach Schicht trafen wir uns auf dem Bahngleis oder im Zug. Bei unseren kurzen Begegnungen strahlte er immer das Unbekümmerte, nur die schönen Seiten des Lebens bejahende, typische Karma aus. Seine Fröhlichkeit wirkte wie ein wärmender Sonnenstrahl, dem es selbst im tiefsten Frost gelingt, Menschen »aufzutauen«. Unsere Begegnungen verliefen immer angenehm, aber nicht ernsthaft. Da wir unterschiedliche Aufgaben erledigten, machte ich mir darüber keine Gedanken. Es war erfreulich, aber auch nicht mehr.

Abderrazak, mit dem ich üblicherweise meine Schichten fuhr, hielt sich Hamis jedoch auf Abstand. Wahrscheinlich, um sich außerhalb des notorischen Null-Problemo-Magneten zu bewegen und ihn lieber aus sicherer Entfernung zu beobachten.

An einem sommerlichen Septembertag im Jahr 2015 war ich mit Abderrazak im Regionalzug Bern-Biel auf „Stich-Pirsch“. Als der Zug zum Feierabend in den Bahnhof rollte, entdeckte ich unerwartet einen ganz anders wirkenden Hamis auf dem Bahnsteig. Er sah verloren und bedrückt aus. Nanu? War sein Mantra kaputtgegangen?

Ich erschrak, als wir uns gegenüberstanden und begrüßten. Seine Augen waren leer, leblos, nichts darin funkelte mehr und es wurde keine noch so kleine Dosis 0-Problemo-Einstellung sichtbar.

Hamis schaute mich eine Zeitlang an, bevor es aus ihm heraus brach: „Ich wurde gekündigt!“ – „Warum das denn?“, entfuhr es mir empört. Wir schauten uns eine Zeitlang an, nachdem er kurz vorher den Blick verschämt zur Seite richtete. „Es wurden Marihuana-Spuren in meinem Urin festgestellt. Deswegen wurde ich gleich gekündigt und soll Ende des Monats gehen.“

Er hatte vorher drei Tage frei, erklärte er monoton, und zwischendurch mal was geraucht. In seiner Freizeit, warum nicht? Als er am nächsten Tag zur Arbeit kam, haben sie ihn unerwartet getestet.

Na ja, gänzlich unerwartet kam es nicht, denn Drogenteste sind bei der SBB nicht ungewöhnlich. Wir alle haben das im Arbeitsvertrag akzeptiert und müssen jederzeit davon ausgehen, getestet zu werden. Hamis wusste das und hätte mit dem Urintest ebenso rechnen müssen, wie im Falle eines Falles mit der logisch folgenden Kündigung. Diesmal war ihm seine „Hakuna Matata“– Einstellung zum Verhängnis geworden und die Entlassung traf ihn mit voller Wucht.

Ich befürchtete, es könnte ihn aus der Bahn werfen, ohne dabei das unbedachte Wortspiel zu bemerken. Dafür war die Situation zu ernst. Seine unbeschwerte Fahrt durchs Leben wurde abrupt gestoppt und durcheinandergewirbelt. Jemand hatte die Notbremse gezogen und er wurde durch den Zug geschleudert. Obwohl „Rastaman“ eben noch genau wusste, wohin die Reise fahrplanmäßig gehen sollte, verlor er jetzt die Orientierung.

Hamis’ Anstellung war sicher kein Traumjob. Ein befristeter Vertrag für 48 Monate im Schichtbetrieb für ein bescheidenes Einkommen. Allerdings hatte er sich mir gegenüber niemals darüber beklagt. Hakuna Matata. Die Hauptsache ein Job.

„Wie lange bist du denn schon angestellt?“ Die Frage erschien mir relevant, obwohl die Antwort schon wegen der Kündigungsursache nicht hilfreich sein konnte. Vermutlich bemühte ich mich instinktiv darum, seine Entlassung sachlich zu verarbeiten und um überhaupt irgendetwas zu sagen.

„3 Jahre und 8 Monate!“, erwiderte Hamis und mir fiel ein, dass temporär eingestellte Leiharbeiter nach 4 Jahren in unbefristete Angestelltenverhältnisse übernommen werden müssen. Und die Drogentests, hm, für eine Putzkraft? Bei Lokführern sehe ich das ein, aber bei jemand, der den Dreck von anderen wegmacht?

Eine Stimme flüsterte in meinem Kopf. Eine, die ich nicht einordnen konnte. Doch dann fiel es mir ein: Sie gehörte einem Rechtsexperten, der vor Kurzem im Radio einen Beitrag über die Schweizerischen Bundesbahnen und ihren temporär Beschäftigten brachte. Nur was genau das war, fiel mir im Moment der Schockstarre nicht ein. Andererseits kannte ich seinen Arbeitsvertrag nicht. Ich reagierte in Zeitlupe und konnte keinen klaren Gedanken erwischen. Über Hamis’ „Hakuna Matata Lebenseinstellung“ legte sich ein Vorhang aus Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit, der mir an diesem Tag ebenfalls die klare Sicht auf die Dinge nahm.

Entgleist

Einige Monate später, es wird im Januar 2016 gewesen sein, führten uns die Schienen des Schicksals wieder zusammen. Die Begegnung fand unvermittelt in einem Zug während meines Stichs statt. Erschreckend deutlich konnte man dem Rastaman die Auswirkungen der Kündigung ansehen. Sein sonst markantes und unwiderstehliches Lächeln war einer ausdruckslosen Leere gewichen. Hamis hatte kein Billett, ebenso wenig wie sein Kumpel, der neben ihm saß. Abderrazak mahnte ja schon immer, dass es kein gutes Ende mit „Mister Hakuna Matatas“ Lotterleben nehmen würde. „Ich habe euch nicht gesehen!“, flüsterte ich den beiden zu, um Abderrazak, der die Schicht mit mir teilte, nicht auf sie aufmerksam zu machen. Hamis bemühte sich um ein verschämtes Lächeln und bedankte sich ungewohnt schüchtern. Es machte mich traurig, ihn so zu erleben. Doch am Ende der Abwärtsspirale war er zu diesem Zeitpunkt noch nicht angekommen. Gerade als ich mich von ihm verabschieden wollte, hielt er mich sanft an der Hand zurück und bat mich um etwas Geld. Er habe Hunger und könne sich noch nicht mal Obst kaufen. Ich gab ihm 5 Franken. Eigentlich schenkte ich ihm damit viel mehr: Etwas Hoffnung und das Gefühl, dass er nicht alleine war. Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Ich hätte es besser wissen können. Die Münze wurde zum symbolischen Stein, den man ins Wasser wirft und dessen Aufprall unweigerlich Kreise zieht. Ich bin mir sicher, dass dieses Geldstück der Ursprung all dessen ist, was folgte. Dass ich es selbst verursachte, blende ich gerne aus.

Zwei Stunden später saß Hamis wieder in meinem Zug. Seine sichtliche Verzweiflung und die beschämte Dankbarkeit für die 5 Franken machten mir zu schaffen. Mir war jedoch wieder eingefallen, was der Reporter damals im Radio erklärte, und zögerlich riet ich „Rastaman“ sich für eine kostenlose Beratung an die regionale Arbeitsvermittlung (RAV) in Biel zu wenden.

Mein Tipp entfachte einen zaghaften Hoffnungsschimmer in Hamis’ dunklen Augen und er bedankte sich abermals. So unerwartet, wie er aufgetaucht war, so plötzlich verschwand er auch wieder aus meinem Leben. Ich hörte und sah lange Zeit nichts mehr von ihm.

„Manchmal nimmt man sein Schicksal selbst in die Hand und manchmal das Schicksal dich …“

Weisheit aus Japan

Sonntag an einem Donnerstag

Erst im März 2017 traf ich Hamis während meiner Fahrscheinkontrolle überraschend wieder. Es war eine erfreuliche Begegnung mit gültiger Fahrkarte, die er mir lächelnd zeigte. Keine Frage: Eine ordentliche Portion „Hakuna Matata“ strahlte mich an und sein Leben schien sich zum Guten gewendet zu haben. Tatsächlich hatte er meinen Ratschlag befolgt und sich mit Fachleuten von der RAV besprochen. So bekam er einen neuen Job als Hilfs-Gleisbauer für die „Sersa Group“. Erneut nur befristet, aber immerhin. Spontan umarmte er mich. Dank mir, sprudelte es aufgeregt aus ihm heraus, seien jetzt alle Tage Sonntage. „Und das, obwohl Hamis im Arabischen Donnerstag bedeutet.“

Sein markant unbeschwertes Lachen war zurück und schallte durch den ganzen Waggon. Hamis’ fröhliche Natur war nicht verloren gegangen, sondern vorher nur unter Sorgen und Problemen verschüttet. Gleichwohl wollte ich lieber nicht vergessen, dass er es selbst war, der seine Entlassung durch Drogenkonsum verursacht hatte. Andererseits war es ihm gelungen, sich nach unserer letzten Begegnung wieder aus dem Tal der Tränen nach oben zu rappeln. Aber es hatte sich mehr verändert. Es würde eine neue Frau in seinem Leben geben, erzählte er strahlend. Aha, er genoss wieder eine Beziehung. Meine Überraschung hielt sich (noch) in Grenzen, während er glücklich drauflos sprudelte: Sie stamme aus seiner Heimatstadt Malindi und wohne noch in Mailand. Aber schon bald würden sie heiraten, verkündete er. Hoppla, jetzt war ich doch ehrlich überrascht, was für eine Wende. Ja, dachte ich mir, während ich seiner glücklichen Erzählung zuhörte, es ist tatsächlich Sonntag. Meine Skepsis indes konnte ich nicht unterdrücken. „Jetzt denkst du schon wie Abderrazak“, schmunzelte ich.

Suaheli in Biel

„Rastaman“ war immer für eine Portion Aufregung gut, das zeigte sich ganz besonders Ende Juli 2018, als er mich unerwartet anrief. „Hakuna Matata, hier! Hast du Lust auf ein Suaheli-Abendessen bei mir?“ Mit beschwingt fröhlicher Stimme lud er mich ein. Ich stutzte kurz, immerhin hatten wir uns schon seit mehr als sechs Monaten nirgendwo getroffen und auch nicht miteinander telefoniert. Dann klingelten meine Alarmglocken. Ring Ring! Alarm! Instinktiv stellte sich meine mentale Abwehrhaltung ein, während Abderrazaks Mahnungen durch mein Köpfchen jagten. Die Worte „in seine Wohnung“ blinkten wie in einem Onlinespiel durch meinen Kopf. Eigentlich hatte ich ihn schon vergessen, verdrängt oder wie auch immer aus meinen Gedanken verbannt. Und plötzlich lädt er mich ein. Was war passiert? Davon abgesehen, was ist ein Abendessen im Suaheli-Stil? Gibt’s da Nashorn oder Giraffenhals am Spieß? Andererseits freute es mich und die nächsten Gedanken säuselten: He, warum nicht? Geh bloß nicht alleine hin, und alles ist in Ordnung. Und wenn er sich trotzdem irgendwas Unausgegorenes dabei denkt? Ich wog alles ab, hin und her. Vermaledeite Situation - hatte ich Lust dazu? Suaheli, hm, klingt spannend und wie geht es ihm wirklich und wie wohnt er eigentlich? Meine Neugierde war das ausschlaggebende Gewicht in den Waagschalen.

„Ich lebe nicht alleine und würde meinen Mann mitbringen. Ist dir das recht?“ Damit versuchte ich den Spagat zwischen all dem Für und Wider. „Aber klar, gerne sogar. Nächste Woche Samstag um 18 Uhr? Bei mir in Biel, okay?“ Ohne zu zögern, ließ sich Hamis auf meine „Bedingung“ ein. Verwundert und immer noch verunsichert stocherte ich weiter: „Trinkt ihr denn Wein? Und kann man bei dir parken?“ – „Du weißt doch, alles kein Problem. Und ja, bringt Wein mit. Den mögen wir!“ Seine Stimme klang etwas ungeduldig, als ob er meine Fragen nicht nachvollziehen könnte. Als wäre es vollkommen unwichtig, wen oder was ich mitbringe. Hauptsache, ich komme. Denn, so sagte er im Laufe des Gespräches, er wollte sich für meine guten Ratschläge von damals bedanken und mich wiedersehen. Mit einem Seitenblick zu meinem Mann nahm ich die Einladung an. Erfahrungsgemäß unterstützt Ludger mich und meine spontanen Entscheidungen. „Wenn es uns nicht schmeckt, gehen wir in Biel halt auswärts essen“, meinte er nickend.

Es kann passieren, was will: Es gibt immer jemanden, der es kommen sah.

[Fernandel, frz. Schauspieler, 1903-1971]

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