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Hahnemanns Frau

Inhaltsübersicht

ERSTES BUCH

Januar 1847

Die Reise nach Köthen

Tod einer Freundin

Ein fremdes Land

Der Überfall

Ankunft in Köthen

Hahnemanns Töchter

Fiebernächte

Zeit der Sehnsucht

Verleumdungen

Die Hochzeit

Paris

Anfeindungen

Louis-Philippe

Der Verführer

Patientenberichte

Das Komplott

Allentown Academy

Der Unfall

Das neue Haus und Balzac

Das Fest

Paganini

Erfolge

Ein neuer Patient

Eine wunderbare Frau

Das Karussell

Der Abschied

ZWEITES BUCH

Verloren im Dunkel

Zwischen den Fronten

Doyens Rückkehr

Tod des Vaters

Der Erfinder

Ermittlungen in London

Der Prozeß

Das Urteil

Politische Wirren

DRITTES BUCH

Mord und Totschlag

Abschied von Paris

Am Grab

Die Liebesnacht

Das Gehöft

Das Ende

Nachwort

Literaturnachweis

Danksagung

Anmerkungen

[Informationen zum Buch]

[Informationen zur Autorin]

Für René

Ach alles ereignet sich einmal nur,
aber einmal muß alles geschehen

(Michael Ende)

ERSTES BUCH

Januar 1847

Das Pochen drängte sich in Mélanies Traum. Dreimal kurz und hart. Sie zuckte zusammen und schlug die Augen auf.

»Madame Hahnemann, bitte öffnen Sie!«

Mélanie setzte sich mühsam auf. Die Nächte brachten ihr seit Samuels Tod keine Entspannung mehr. Der Nacken tat ihr weh, der Schmerz zog bis in den Kopf hinauf.

Sie hörte Schritte, dann leises Klopfen an der Tür. Es war Rose, ihre Haushälterin.

»Madame Hahnemann – was soll ich nur tun? Draußen sind Gendarmen, und noch ein Herr ist in ihrer Begleitung.«

Mélanie stand auf und schlüpfte in ihr Hauskleid. »Öffne, Rose«, rief sie durch die Tür. »Ich komme gleich.«

Roses Schritte verklangen auf der Treppe. Mélanie ging zum Spiegel und ordnete ihr Haar. »Mein Gott, wie du aussiehst!« Sie starrte das blasse Gesicht mit den müden blauen Augen an, das ihr aus dem Spiegel entgegensah. »Nur noch ein Gespenst deiner selbst bist du!«

Als sie auf den Flur trat, standen dort zwei Gendarmen und ein Herr im Gibun, einem grauen Überrock nach neuester Mode.

Einer der Gendarmen wollte nach ihrem Arm greifen, aber der Herr hielt den Mann zurück. »Lassen Sie das!« Und zu Mélanie sagte er: »Madame, mein Name ist Mény. Ich bin Commissaire und soll sie zu Monsieur Orfila begleiten. Er erwartet Sie auf der Hauptwache.«

»Sie sollen mich zu Monsieur Orfila begleiten – das klingt nach einem Ausflug.« Mélanie sah ihn kühl an. Ihre Bemerkung war ironisch gemeint. Natürlich war ihr klar, daß dies kein Ausflug werden würde.

Sie wußte seit mehr als zwei Jahren, daß dieser Moment früher oder später einmal kommen mußte und sie verhaftet werden würde. Sie wußte außerdem, daß Monsieur Orfila nicht unbedingt ein Mensch war, dem gesellige Ausflüge viel bedeuteten. Er war Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität von Paris und hatte sich zum Ankläger von Ärzten erhoben, die mit, wie er es nannte, unorthodoxen medizinischen Verfahren arbeiteten.

Schon damals, als sie und Samuel nach Paris gekommen waren, hatte Orfila versucht, Samuel am Praktizieren zu hindern. Es war ihm auf die Dauer nicht gelungen, und inzwischen konnte Orfila gegen die Homöopathie nicht mehr wirklich etwas unternehmen, denn sie hatte zu viele Anhänger unter prominenten Personen gewonnen. Politiker, Künstler, Adelige und Bürger zählten zu den Patienten, aber um sich gegen sie zu erheben, eine Frau, die sich erdreistete, zu behandeln und sich damit gegen das Gesetz zu stellen, reichte seine Macht noch aus.

»Ist es möglich zu erfahren, was Monsieur Orfila mir vorzuwerfen hat?« fragte sie mit spitzem Unterton.

Mény hob die rechte Augenbraue, sein übriges Gesicht blieb bewegungslos: »Sie führen auf Ihrer Visitenkarte den Titel Docteur en Médicine, wozu Sie nicht berechtigt sind, Madame. Ferner werden Sie beschuldigt, sowohl die Medizin als auch die Pharmazie illegal auszuüben.«

Mélanie öffnete den Mund zu einer Entgegnung, schloß ihn aber sofort wieder. Eine Weile starrten sie und Mény sich an, dann sagte sie betont ruhig: »Gut. Gedulden Sie sich einen Moment, Messieurs, bis ich mich angekleidet habe. Rose wird Sie in den Salon führen.«

Wieder in ihrem Schlafzimmer, sah Mélanie auf die Uhr, die auf ihrem Toilettentisch lag. Es war eine von Samuels vielen Uhren; eine mit einem Zifferblatt aus Perlmutt, die Zeiger und Ziffern waren aus Gold.

»Ach, Samuel, mein Liebster!« Sie seufzte, strich zärtlich über das wertvolle Stück, so als ob sie ihren Mann selbst berührte. Er hatte Uhren geliebt und gesammelt. Apparate, um die Zeit einzufangen, hatte er sie genannt und mit seinem verschmitzten Lächeln angefügt: »Als ob sich Zeit je einfangen ließe!« Dabei hatte er Mélanie angesehen, hatte seine um fünfundvierzig Jahre jüngere Frau mit Blicken liebkost.

Ein trauriges, sehnsuchtsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann war es wieder so starr und kalt wie zuvor.

»Noch nicht einmal sieben Uhr!« sagte sie laut und sehr ungehalten, und plötzlich war ihre Wut zu spüren. Wut auf diese Ignoranz, mit der man ihr und damit auch Samuel begegnete. Ihm, le grand homme – einem Mann, dem die Welt eigentlich danken müßte!

Sie ging zum Schrank, wählte mit fahrigen Fingern ein Kleid aus blauem Wollstoff, zog es heraus, hängte es aber wieder zurück. Sie hatte es auf ihrem letzten Spaziergang mit Samuel getragen. Es nun bei einer Vernehmung in irgendeinem dunklen Pariser Amtszimmer derart zu entweihen, täte ihr im Herzen weh.

Plötzlich stand Rose neben ihr. »Vielleicht das«, sagte sie und griff nach einem tiefgrünen Jäckchen mit Chemisette, dazu einem grauen Rock aus Wollstoff.

Mélanie sah sie dankbar an. Es war schlicht, gab ihr Würde, ohne sie zu schmücken. Sie hatte es erst nach Samuels Tod nähen lassen.

»Ja, du hast recht, Rose, dies ist dem Anlaß gemäß.« Bitter klang das, voller Hohn.

Während sie Wasser in die Schüssel goß, um sich frisch zu machen, holte Rose Wäsche, Unterröcke und Strümpfe, Schuhe, Handschuhe und die graue Mantille mit dem schwarzen Pelzbesatz. Dann half sie Mélanie beim Anziehen. Alles geschah schweigend, nur ein gelegentliches Schniefen Roses war zu hören.

»Nun weine doch nicht!« Mélanie versuchte streng zu wirken, aber ihre Rührung und auch ihre Angst konnte sie nicht ganz verbergen. Rose war seit sechzehn Jahren bei ihr. Sie hatte alles mit erlebt, was Mélanies Leben in dieser Zeit bestimmt hatte. Ihre Abreise nach Deutschland, ihre Rücckehr mit Samuel und wie sie beide gekämpft hatten um seine Anerkennung. Die Liebe, die Fehlschläge, den Erfolg. Zeiten von Reichtum und Zeiten von Not … und am Ende Samuels Tod, der immer noch bleischwer in ihrem Herzen wütete.

»Daß man Sie abholt wie eine Verbrecherin!« Rose schluchzte auf, nun war es mit ihrer Beherrschung vorbei.

»Nicht ganz so schlimm«, schränkte Mélanie ein. »Man hat immerhin eine Kutsche gewählt, keinen Schinderkarren.« Ihr Ton war voller Sarkasmus.

»Ach, Madame!« Rose nahm Mélanies Hand und drückte sie an ihre verweinten Wangen. »Wenn Monsieur Hahnemann das erlebt hätte – zum Glück ist es ihm erspart geblieben.«

Mélanie schloß die Verschnürung ihrer Schuhe, setzte den Hut auf, den Rose ihr reichte, und warf sich die Mantille über.

»Führe das Haus wie gewöhnlich weiter. Ich komme bald wieder, spätestens zum Abendessen bin ich zurück. Mach dir keine Sorgen!« Sie ging zur Tür, hielt plötzlich inne. »Nur wenn du Charles benachrichtigen könntest. Und Sébastien.«

Sofort quollen wieder Tränen aus Roses Augen und liefen ihr in kleinen Bächen über die Wangen. »Ja, natürlich, Madame Hahnemann.« Dann lagen sich die Frauen in den Armen und hielten sich für einen kurzen Moment fest.

»Und meinen Patienten für heute mußt du absagen.« Mélanie hatte es Rose ins Ohren geflüstert, dann ging sie hinaus und öffnete die Tür zum Salon.

»Ich bin soweit, Messieurs.«

Mény verbeugte sich mit bewegungslosem Gesicht. Es war ihm nicht anzusehen, was er in diesem Moment fühlte. Doch als Mélanie in der Kutsche saß und einer der beiden Gendarmen abfällig bemerkte, daß sie die Nase schon bald nicht mehr so hoch tragen würde, wies er ihn scharf zurecht: »Sie mag stolz sein, aber es ist kein hochmütiger Stolz. Es ist ein Stolz, wie Gott ihn nur Menschen schenkt, mit denen er etwas mehr vor hat als das, was wir alle tagein und tagaus tun.« Dann setzte er sich zu ihr in den Wagen, und obwohl sie ihren Blick auf die Straße gerichtet hatte, spürte sie, daß er sie musterte.

Sie versuchte sich vorzustellen, wie er sie sah. Sie war groß und schlank, hatte blondes Haar und helle blaue Augen. Sie wußte, daß sie trotz der vom Weinen geröteten Lider, der vom Kummer fahlen Haut und der dunklen Ringe unter den Augen jünger aussah, als sie war. Doch wahrscheinlich kannte er ihr wahres Alter aus den Akten. In wenigen Wochen würde sie siebenundvierzig Jahre alt werden – bereits der vierte Geburtstag seit Samuels Tod.

Als die Kutsche wenig später über das holprige Kopfsteinpflaster rollte, das mit einer feinen, glänzenden Schicht aus Eis überzogen war, wanderten Mélanies Gedanken zurück zu einer anderen Kutschfahrt. Damals war es September, und man schrieb das Jahr 1834.

Die Reise nach Köthen

»Kutscher!« Es war eine Männerstimme, die hinter ihnen herrief. »Kutscher – halten Sie an!«

Die Postkutsche verringerte das Tempo. Mélanie beugte sich aus dem Fenster, um zu sehen, was los war. Als sie Dr. Pierre Doyen auf einem eleganten braunen Reitpferd erkannte, erschrak sie. Er war noch dreißig oder vierzig Meter entfernt, holte langsam auf.

Hastig zog sie sich vom Fenster zurück. Doyen hier! Was sollte das?

»So halten Sie doch an, Kutscher!« rief er nochmals.

Brust und Maul des Braunen schäumten vom schnellen Ritt.

Jetzt, wo die Kutsche fast stand, holte Doyen auf und parierte direkt neben ihr durch. Zweifellos war es Mélanie, nach der er suchte. Sie haßte es, daß er sich immer wieder in ihr Leben drängte und versuchte, ihr Schicksal zu bestimmen. Nun würde er in die Kutsche sehen, und natürlich würde er sie erkennen – trotz der Männerkleidung und der Perücke, die sie trug!

Um ihm zuvorzukommen, beugte sie sich ein zweites Mal aus dem Fenster, sah Doyen finster an. »Warum sind Sie mir nachgereist! Ich werde kein Wort mit Ihnen wechseln – nicht jetzt und nicht hier. Wenn Sie etwas von mir wollen, warten Sie, bis wir in Lagny sind und Rast machen.«

Ein paar Sekunden starrte er sie verblüfft an. Seine dunklen Augen blitzten, die Kälte, die er ausstrahlte, ließ Mélanie schaudern. »Gut«, sagte er schließlich. »Ich werde voraus reiten und Sie erwarten.« Er gab dem Braunen die Sporen und ritt in gemäßigtem Galopp davon.

Aufatmend ließ sich Mélanie zurücksinken. Fürs erste war sie ihn los. Aber was würde folgen? Weshalb war er ihr nachgekommen?

Mélanie saß nicht allein in der Kutsche. Ein Ehepaar reiste mit ihr. Der abweisende Blick des Mannes streifte sie. Vermutlich hatte er erkannt, daß sie eine Frau war, die sich in Männerkleidern versteckte, aber er wahrte die Form und nannte sie Monsieur Gohier; so hatte sie sich ihm und seiner Begleiterin vorgestellt.

Die Frau hieß Sabine, ihr Gatte Charles Delacroix. Sie war vielleicht sechsundzwanzig, er mußte mindestens zehn, vielleicht zwölf Jahre älter sein. Das Gesicht, die ganze Gestalt der jungen Frau war schmal und blaß, ihre Augen waren seltsam glanzlos, und der Blick schien nach innen gerichtet.

So sehen nur Menschen aus, die ein großes Leid mit sich tragen und sich aufgegeben haben, dachte Mélanie bei sich. Kein Wunder an der Seite eines Mannes wie dieses Delacroix! Er war ein Tyrann, schikanierte seine Frau herum. Er hatte kein freundliches Wort für sie übrig, keine Geste der Achtung und Zuneigung.

Zwanzig Minuten später hielt der Kutscher vor der Poststation. Er hatte sein Signal auf dem Horn gespielt, jetzt rief er »Lagny!« vom Kutschbock herunter. »Sie können sich hier die Beine vertreten und sich im Gasthaus erfrischen!«

Delacroix zog eine Uhr aus seiner Westentasche, warf einen Blick darauf. »Ich gebe Ihnen fünfzehn Minuten, Madame«, sagte er, ohne seine Frau anzusehen. Er stieg aus, sie kletterte ihm nach. Er half ihr nicht, obwohl ihre Röcke sie behinderten.

»Warten Sie, Madame!« Mélanie sprang aus der Kutsche und reichte ihr die Hand.

»Danke.« Der Hauch eines Lächelns zeigte sich auf dem kränklichen Gesicht der Frau.

Während Sabine Delacroix ins Gasthaus ging, blickte Mélanie sich nach Doyen um. Zuerst entdeckte sie den Braunen, er wurde von einem Knecht versorgt. Dann sah sie Dr. Doyen ein Stück abseits an einem Baum lehnen. Er trank aus einem Krug und schaute zu ihr herüber.

Mélanie ging auf ihn zu, schob dabei die Daumen in die kleinen Taschen ihrer Hose. Sie hatte diesen und noch einen anderen Anzug vom Schneider ihres Bruders fertigen lassen. Er war nach der neuesten Mode entworfen. Der dunkelgrüne Gehrock leicht tailliert und mit langem Schoß, darunter zwei Westen in hellem Gelb, die Handschuhe etwa in derselben Farbe. Kragen und Halsbinde waren weiß, die Hosen, in hellem Grau, waren wie zur Zeit üblich etwas enger geschnitten. Dazu ein schwarzer Zylinder und schwarze Schuhe aus feinstem Leder. Und noch etwas trug Mélanie bei sich, etwas, das niemand sehen konnte, das ihr aber eine gewisse Sicherheit verlieh – ein Messer. Sie hielt es so unter dem Gehrock verborgen, daß sie schnell und unauffällig danach greifen konnte.

Dr. Pierre Doyen hatte sie abfällig gemustert. Als sie nun vor ihm stehenblieb, sagte er: »Ich finde es abstoßend, ja lächerlich, daß Sie sich wie ein Mann kleiden!«

»Ich hatte Sie nicht um Ihr Urteil gebeten, Monsieur.«

»Nein, das hatten Sie nicht. Trotzdem.«

»Darf ich wissen, weshalb Sie mir gefolgt sind?«

»Um Sie vor einem großen Fehler zu bewahren. Ich habe von Ihrer Haushälterin erfahren, daß sie nach Deutschland zu diesem Dr. Hahnemann unterwegs sind. Ich bin entsetzt, Madame! Wie kommen Sie nur auf den Gedanken, dieser … dieser Scharlatan könnte Ihnen ernsthaft helfen?«

»Nun, ich habe seine Bücher gelesen. Sein Organon, und ebenso Die chronischen Krankheiten. Seien Sie versichert, er ist alles andere als ein Scharlatan.«

»Papier ist geduldig.« Doyen lachte abfällig.

»Aber ich nicht, Monsieur. Wenn Sie wirklich nur hier sind, um mich zum Umkehren zu bewegen – vergessen Sie es. Ich bin fest entschlossen.«

»Aber Madame!« Er packte sie an beiden Armen, so als wolle er sie durchschütteln.

»Lassen Sie mich los! Und nennen Sie mich gefälligst nicht Madame! Ich reise als Monsieur Gohier!«

»Ah, Sie bedienen sich also des Namens Ihres Freundes.« Er betonte das abfällig. Sein Grinsen brachte Mélanie nur noch mehr in Rage. »Hätte Ihnen d’Hervilly nicht besser zu Gesicht gestanden?«

Sie antwortete nicht. Statt dessen drehte sie sich um, wollte gehen. Da griff er nach ihrer Hand, zog sie zu sich zurück. »Ich bitte Sie, Madame, seien Sie doch vernünftig. Sie können so nicht reisen! Und dann auch noch in einer Postkutsche! Kommen Sie mit mir nach Paris zurück! Als Ihr Arzt rate ich Ihnen zu einer Behandlung mit Blutegeln. Das hat bei Nervenstörungen noch immer gute Wirkung gezeigt. Und als Mann – nun, als Mann werde ich über Ihren ablehnenden Brief hinwegsehen und meine Bitte wiederholen: Heiraten Sie mich! Und ich bin sicher, Madame, die Schmerzen im Unterbauch werden Sie nicht länger quälen!«

Mélanie starrte ihn an. Sein schmieriges Lächeln und der Gedanke daran, was dahintersteckte … Diese Vorstellung, mit ihm in einem Bett liegen und die Nähe seines Körpers ertragen zu müssen … es schnürte ihr die Kehle zu.

»Nein, ganz gewiß nicht.« Es kostete sie Mühe, sich zu beherrschen. »Ich hatte Ihnen geschrieben und mich in aller Freundlichkeit für Ihren Antrag bedankt. Ich habe Ihnen auch erklärt, weshalb ich ihn ablehnen muß. Daß Sie meine Entscheidung nicht akzeptieren wollen und mich behandeln wie ein unmündiges Kind, bestärkt mich nur noch mehr in meinem Entschluß. Ich habe nicht vor, zu heiraten und mich einer fremden Meinung unterzuordnen. Ich werde meine Freiheit nicht für ein vages Vergnügen im Bett eines Mannes hingeben. Ich will das nicht, Monsieur, und Sie sind der letzte, der mich umzustimmen vermag.« Mélanie hätte es vorgezogen, wenn er ihr und sich selbst diese Unhöflichkeit erspart hätte, doch es schien, als brauchte er ein deutliches Wort, um endlich zu verstehen, daß sie ihn weder heiraten wollte noch sich seinen zweifelhaften ärztlichen Künsten unterwerfen.

»Wie Sie meinen.« Er ließ sie los. Seine Augen verengten sich. Sein Körper richtete sich zu ganzer Größe auf.

Zugegeben, dieser Mann war der Natur gut gelungen, und andere Frauen mochten ihn anziehend finden, aber Mélanie fröstelte es, wenn sie ihn ansah. Die Kälte in seinen dunklen, bohrenden Augen, seine Art, sie beherrschen zu wollen, wirkten geradezu abschreckend auf sie.

Sie sahen sich an. Lange und ohne ein Wort zu sprechen. Es war ein stiller Kampf, den Mélanie gewann. Dr. Pierre Doyen wandte sich als erster ab und ging. Eine weitere Demütigung, die er ihr nicht verzeihen würde.

Als sie weiterreisten, stieg noch ein junges Mädchen zu ihnen in die Kutsche, vielleicht fünfzehn Jahre alt. Sie saß neben Mélanie, hatte einen Korb zwischen sich und den vermeintlichen Mann gestellt. Schüchtern starrte sie auf ihre Hände, die sie im Schoß hielt und deren Finger verkrüppelt und nach innen gekrümmt waren. Als ihr das Tuch, das sie sich über die Knie gelegt hatte, auf den Boden gerutscht war, versuchte sie es wieder aufzuheben, dabei stieß sie gegen Delacroix, was den Mann veranlaßte, sie scharf zurechtzuweisen.

Mélanie bückte sich, hob das Tuch auf und reichte es dem Mädchen. Sie hätte es der Kleinen gerne auf die Knie gelegt und sie aufmunternd angelächelt, aber das geziemte sich nicht – sie war nun »ein Mann« und mußte sich an die Regeln des Anstandes halten.

Zum ersten Mal bereute sie es, nicht in der eigenen Kutsche gefahren zu sein. Allerdings hatte man ihr dringend davon abgeraten. In Hessen und in den Thüringer Wäldern gab es wieder Überfälle von Räuberbanden. Privatkutschen kamen, wenn überhaupt, nur mit einer Eskorte oder einigen bewaffneten Bedienten unbehelligt durch. Postkutschen wurden, wenn nötig, von Schutzbeamten begleitet, und das schreckte die Banden einigermaßen ab. Ganz sicher war man in der Postkutsche jedoch auch nicht.

Als sie in Meaux ankamen, war es bereits spät und dunkel. Das Licht der Laternen, die der Kutscher angezündet hatte, reichte nicht viel weiter als bis zu den Nüstern der Pferde, die sie zogen.

Delacroix stieg als erster aus und kümmerte sich um sein Gepäck. Mélanie folgte ihm, half seiner Frau, dann dem Mädchen aus der Kutsche. Sie spürte ihr Sitzfleisch und war froh, sich endlich strecken zu können.

»Au revoir«, sagte das Mädchen leise und verschwand in der Dunkelheit.

»Au revoir.« Mélanie sah ihr nach. Am Zaun stand ein Mann, der sie erwartete und hinter ihr herging, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln oder ihr zumindest den Korb aus den verkrüppelten Händen zu nehmen.

»Danke, Monsieur.«

Mélanie drehte sich um und sah Sabine ins Gesicht. »Wofür?« fragte sie.

»Für Ihre Hilfe.« Die Frauen sahen sich in die Augen.

»Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Wenn ich Ihnen wirklich einmal helfen kann, lassen Sie es mich wissen.«

Sabine nickte. »Und wohin reisen Sie?«

»Nach Köthen, eine Stadt in Deutschland, in der Nähe von Leipzig. Etwa fünfzehn Tagesreisen von Paris entfernt.«

»Ich habe nie davon gehört, das heißt von Leipzig natürlich schon. Wir reisen nach Frankfurt. Eine Erbschaftsangelegenheit …«

»Sabine! Nun komm doch endlich!« Die Stimme Delacroix’ klang schneidend.

Die junge Frau zuckte zusammen. »Entschuldigen Sie, Monsieur.« Sie ging zu ihrem Mann, der ungeduldig mit seinem Gehstock auf die Handfläche schlug.

Mélanie atmete tief durch. Es war eine kalte, klare Nacht. Aus der Schenke, die zur Poststation gehörte, drangen Gelächter und Musik. Jemand spielte auf einer Flöte, und ein anderer sang dazu.

Mélanie hatte Hunger und Durst, aber sie wollte nicht in die Gaststube gehen. Ein Junge kam aus der Poststation, um sich um ihr Gepäck zu kümmern. Er schulterte einen der Koffer und ging voraus. Sie folgte ihm, wurde in ein kleines, sauberes Zimmer gebracht. Dort gab es einen Kamin, in dem ein wärmendes Feuer brannte.

»Kannst du dafür sorgen, daß man mir ein Glas Wein und ein warmes Essen heraufbringt?« Sie steckte dem Jungen eine Münze zu.

»Oui, Monsieur, sofort!« Der Junge ließ die Münze in der Hosentasche verschwinden und nickte eifrig, dann zog er die Tür hinter sich zu.

Mélanie zog die Schuhe aus und legte sich seufzend aufs Bett. Sie hatte wieder diese Schmerzen in der rechten Unterbauchseite, die Dr. Doyen als Nervenstörungen abtat und durch Ansetzen von Blutegeln heilen wollte, aber Mélanie war weder hysterisch, noch glaubte sie, daß sich durch Aussaugen von Blut etwas an ihrem gesundheitlichen Zustand verändern würde. Zu viele ihrer Freunde waren an ihren Krankheiten gestorben, als daß sie noch an die Methoden der Ärzte glauben und ihnen vertrauen könnte. Jetzt galt ihre ganze Hoffnung dem Mann, zu dem sie reiste. Nein, dieser Dr. Hahnemann, dessen Bücher sie aufmerksam studiert hatte, war keineswegs ein Scharlatan! Sie war überzeugt, wenn überhaupt einer ihr helfen konnte, dann war er es.

Es klopfte, eine Magd brachte das Essen. Als sie gegangen war, zog Mélanie sich aus, hängte den Gehrock und die Westen über den Stuhl. Dann wickelte sie die Binden ab, mit denen sie ihre Brüste schnürte, und streckte sich.

Draußen knallte eine Peitsche; Rufe waren zu hören. Es schien noch eine zweite Postkutsche angekommen zu sein. Sie ging zum Fenster und sah hinunter in den Kutschhof. Vier Braune wurden ausgespannt und in den Stall gebracht, die Kutsche abgeladen.

Es kam ihr vor, als sei sie schon eine Ewigkeit unterwegs – dabei war sie doch erst eine Tagesreise von Paris entfernt.

Tod einer Freundin

Seit ihrem letzten Halt reisten sie zu sechst. Ein alter Mann und sein zahnloses Weib saßen Mélanie gegenüber. Die beiden stanken nach Alkohol, Knoblauch, Schweiß und Urin. Dieser Gestank war geradezu bestialisch! Immer wieder mußte sie gegen Übelkeit und ein Würgen im Magen ankämpfen, und auch Sabine hielt sich angewidert ein Taschentuch vor Mund und Nase. Delacroix und Henry Michelon – er war der sechste Fahrgast und gab an, nach Erfurt zu reisen – starrten schweigend vor sich hin.

Mélanie betrachtete besorgt das blasse Gesicht Sabines. Sie waren nun fast eine Woche unterwegs, und von Stunde zu Stunde verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand der jungen Frau. Ihre eigenen Unterleibsschmerzen, ein Gefühl, als würde ihr jemand, plötzlich und ohne Vorwarnung, mit eiserner Faust an den Eingeweiden zerren, traten über die Sorgen um Madame Delacroix in den Hintergrund.

Als die Kutsche auf eine Anhöhe gelangte, tat sich vor ihnen ein tiefes Tal auf, das von einer steinernen Brücke überspannt war, und hinter dieser Brücke erhoben sich die Mauern der Stadt, in der sie diese Nacht verbringen würden – Luxembourg. Doch es dauerte noch fast eine Stunde, bis sie vor der Posthalterei ankamen.

Inzwischen war es bereits dunkel. Die ersten Sterne funkelten am Himmel. Die Nacht war klar und würde kühl werden, der Sommer hatte sich endgültig verabschiedet.

Zwei junge Kerle, Knechte aus dem Wirtshaus, kümmerten sich um das Gepäck der Reisenden, und eine Magd machte Feuer in den Zimmern, die Mélanie, Henry Michelon und das Ehepaar Delacroix bezogen. Das Mädchen war hübsch und drall und warf »dem jungen Herren«, für den sie Mélanie hielt, kecke Blicke zu.

Auf der Treppe hörte Mélanie, wie Delacroix zu seiner Frau sagte: »Ich habe für heute abend eine Verabredung mit einem Geschäftspartner – Monsieur Pesin, Sie kennen ihn nicht. Ich werde veranlassen, daß man Ihnen ein Abendessen aufs Zimmer bringt. Sicher sind Sie müde und werden sich bald zu Bett legen?«

»Ja, gehen Sie nur, Monsieur, ich komme allein zurecht. Und bitte bestellen Sie nicht mehr als eine Tasse Brühe mit etwas Hühnerfleisch – und vielleicht ein kleines Glas trockenen Rotwein. Mehr brauche ich nicht.«

Auch Mélanie hatte keine Lust auf eine Table d’hôte, wie das Herumreichen der Schüssel am Tisch in der Gaststube genannt wurde, und bestellte ebenfalls ein Abendessen und ein Glas Wein auf ihr Zimmer.

Als das Mädchen serviert hatte und wieder gegangen war, aß sie etwas von der geräucherten Zunge und dem frischen Salat. Danach zog sie sich um und beschloß, Sabine aufzusuchen.

Mélanie hatte soeben den letzten Schluck Wein getrunken, als sie Delacroix auf der Treppe hörte. Sie wartete noch, bis sie sicher sein konnte, daß er das Gasthaus verlassen hatte, dann ging sie über den Flur und klopfte an Sabines Tür.

»Wer ist da?«

Mélanie fühlte, daß Sabine hinter der Tür stand, und sie spürte ihre Angst. »Ich bin es!« rief sie leise. »Bitte, öffnen Sie, ich muß mit Ihnen reden.«

»Monsieur Gohier?«

»Ja«, antwortete Mélanie.

Als Sabine öffnete und Mélanie in einem dunkelblauen Hauskleid vor ihr stand, riß sie den Mund auf, sagte jedoch nichts. Mélanie drängte sich an ihr vorbei ins Zimmer und schloß hastig die Tür.

»Monsieur … ich meine …«

»Nennen Sie mich einfach Mélanie.« Sie lächelte, drückte Sabine auf einen Stuhl und setzte sich neben sie. »Und ich nenne Sie Sabine – natürlich nur, wenn wir allein sind.«

Sabine gewann langsam ihre Fassung zurück. »Ich hatte nicht damit gerechnet, Sie so zu sehen. Ich meine, als Frau.«

»Nun, ich hatte auch nicht vorgehabt, mich jemandem so zu zeigen, aber ich konnte nun mal schlecht als Mann zu Ihnen aufs Zimmer kommen.« Sie legte Sabine eine Hand auf den Arm und sah ihr in die vom vielen Weinen verschwollenen Augen. »Sie sind einsam, ich bin es auch. Zumindest auf dieser Fahrt. Ich dachte, uns beiden ist gedient, wenn wir uns ein wenig näher kennenlernen.«

Sabine biß sich auf die Unterlippe. Ihr Kinn kräuselte sich, die Augen füllten sich mit Tränen. »Einsam«, flüsterte sie. »Ja, das bin ich.«

»Und krank«, fügte Mélanie an. »Ich mache mir große Sorgen um Sie.«

»Es ist …« Sabine stockte. »Es sind nur die Nerven.«

»Die Nerven! Mon Dieu!« rief Mélanie aus. »Die Nerven – das sagen sie immer, die Ärzte, wenn eine Frau erkrankt und sie nicht wissen, woran. Und dann lassen sie einen zur Ader!«

Sabine nickte. »Eine Woche vor Abfahrt bereits zum achten Mal – aber leider hilft es nicht.«

»Achtmal!« Mélanie und schlug die Hände zusammen.

»Viermal während der Schwangerschaft, viermal danach.«

»Während der Schwangerschaft?« Mélanie starrte sie an. »Ja, haben Sie denn ein Kind?«

Die junge Frau ließ das Kinn auf die Brust sinken. Ein paar Tränen fielen auf den mit hellroten Ornamenten bedruckten Musselin, aus dem ihr Hauskleid gefertigt war. »Ich hatte ein Kind. Es starb kurz nach der Geburt.«

Mélanie griff nach Sabines Hand. Sie war kalt und kraftlos. »Und wie lange ist das her?« fragte sie ahnungsvoll.

»Nun beinahe vier Wochen.«

Fassungslos starrte Mélanie die junge Frau an. Sie verstand plötzlich, warum Sabine so blutleer, so ausgelaugt, so kraftlos wirkte. Achtmal zur Ader gelassen in nur ein paar Monaten, und das, obwohl sie schwanger war und danach ihr Kind verloren hatte.

»Warum ließ Ihr Gatte Sie nicht zu Hause, damit Sie Zeit haben, wieder zu Kräften zu kommen? Mußten Sie ihn unbedingt auf so eine beschwerliche Reise begleiten?« In Mélanies Stimme schwang Unverständnis mit.

»Er braucht mich, es geht um eine Erbschaft, die ich antreten soll. Meine Tante starb vor einigen Wochen und vermachte mir ein Haus in Frankfurt. Ein Stadthaus mit drei Etagen, ganz in der Nähe der Straße, in der Herr von Goethe, der große Dichter, geboren wurde. Darauf war sie so stolz. Sie erzählte immer wieder, daß sie ihn kannte und oft sah, wie er als ›Herrenbübchen‹ mit silbernem Degen und seidenen Strümpfen durch die Gassen spazierte.«

Sabine lächelte still in sich hinein, aber dann wurde sie wieder ganz ernst. »Und jetzt ist sie an einer Lungenentzündung gestorben, wie man mir schrieb. Ihr Mann und ihre beiden Söhne sind schon lang vor ihr gegangen … und dann, zu allem Unglück, auch meine Kleine, mein geliebtes, mein einziges Kind.« Die letzten Worte waren kaum noch zu hören.

»Wie hieß Ihre Kleine?« fragte Mélanie, denn sie spürte, wie gerne Sabine über das Kind sprechen wollte, das sie zur Welt gebracht und gleich wieder verloren hatte.

»Wir konnten sie nicht taufen. Sie ist nur drei Stunden alt geworden, aber in meinem Herzen nenne ich sie Augustine, nach ebendieser Tante. Ich hoffe, die beiden sind jetzt zusammen – wo auch immer. Ob ich an einen Gott und den Himmel glauben soll, weiß ich nicht. An eine Hölle will ich schon gleich gar nicht glauben, die haben wir doch bereits hier auf Erden.«

Wieder hatte Sabine sehr leise gesprochen, ihre Worte waren kaum noch zu hören gewesen. Mélanie nahm sie in die Arme und hielt sie eine Weile fest. So ausgezehrt war der kranke Körper, daß sie selbst durch den schweren Stoff ihrer beider Kleider jede von Sabines Rippe spüren konnte.

Als Mélanie sich umwandte, sah sie eine Schale Suppe auf dem Tisch stehen. Sie war unberührt. »Aber Ihre Suppe müssen Sie essen!« Mélanie griff danach.

»Nein, bitte …« Sabine schob die Schale angewidert von sich. »Mein Mann hat Medizin hineingegeben, und wenn ich sie nehme, geht es mir immer so schlecht.«

»Medizin?«

Sabine nickte. »Kalomel – ich nehme es seit einigen Wochen, aber es macht mein Herz so unruhig, mir ist, als würde mir die Brust zerspringen. Und dann, sehen Sie nur …« Sie griff sich in die Haare und zog ein Büschel heraus. »Ich bin sicher, das kommt von dieser Medizin!«

Mit ungläubigem Blick starrte Mélanie auf die Haare, die Sabine in der Hand hielt. Plötzlich sprang sie auf, griff nach der Schale, öffnete das Fenster und schüttete den Inhalt hinaus. Zitternd vor Wut, schlug sie das Fenster wieder zu, wandte sich um und sagte: »Ich werde Essen für Sie besorgen. Sie müssen zu Kräften kommen. Und ich werde …«

Sie brach ab, wußte nicht, was sie würde, denn plötzlich war ihr bewußt, daß sie nicht helfen konnte. Es sei denn, sie würde dieses Ungeheuer von einem Ehemann über den Jordan schicken und mit ihm die ganzen verdammten Quacksalber, die giftige Medikamente verabreichten und kranken Frauen das Blut abzapften.

Mélanie ging in ihr Zimmer, holte einige Francs, kam zurück und klingelte nach Margie, dem Wirtsmädchen, das sie schon zuvor bedient hatte. Als es klopfte, öffnete sie die Tür nur einen Spalt breit, damit Margie sie nicht sehen konnte, drückte ihr das Geld in die Hand und bestellte noch einmal Brühe mit Hühnerfleisch, Brot und etwas von der geräucherten Zunge.

Wenig später brachte das Mädchen das Gewünschte. Während Sabine ihr das Tablett abnahm, versteckte Mélanie sich hinter der Tür, und als das Mädchen gegangen war, deckte sie den Tisch und drückte Sabine den Löffel in die Hand. »Essen Sie!«

Schon nach ein paar Happen legte Sabine das Besteck wieder beiseite und schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, ich habe keinen Appetit.«

»Sie müssen essen!« Mélanie fütterte sie wie ein kleines Kind. »Sie müssen unbedingt zu Kräften kommen.«

»Aber warum? Das ist doch kein Leben. Glauben Sie mir, nichts wäre mir lieber, als zu sterben.«

Später, als Mélanie sich hingelegt und das schwere Federbett über sich gezogen hatte, sah sie noch lange Sabines Bild vor sich. Blaß und zerbrechlich, die Haut fast durchsichtig, ein Büschel Haare in der Hand – und plötzlich wußte sie, ganz tief im Herzen, daß es zu spät war und die junge Frau nicht mehr lange leben würde.

Mélanies Ahnung wurde schon am Tag darauf Gewißheit. In einem kleinen Ort, an einem Flüßchen, das von den Leuten Sauer genannt wurde, hielten sie vor einer Poststation. Während der Kutscher umspannte, setzte sich Sabine auf eine Holzbank und starrte blicklos ins Wasser. Mélanie, nun wieder in Männerkleidung, ging zu ihr und reichte ihr die Hand.

»Es ist hier draußen zu kalt für Sie, Madame. Ich begleite Sie in die Gaststube. Etwas heißer Tee wird Ihnen guttun.«

Sabine folgte ihr willenlos, aber an der Tür brach sie plötzlich zusammen. Man trug sie in ein kleines Nebenzimmer. Die Wirtin brachte ein Glas heiße Milch, zur Hälfte mit dem Saft vom Holunder vermischt, und versuchte es der Kranken einzuflößen.

Delacroix stand blaß daneben. »Wir brauchen einen Arzt«, rief er.

Die Wirtin schüttelte den Kopf. »Einen Arzt gibt es hier nicht. Wir sind Leute vom Land, wer von uns könnte sich solche Dienste schon leisten.« Sie richtete sich auf und sah Delacroix an. »Aber glauben Sie einer erfahrenen Frau und Mutter von neun Kindern, ein Arzt könnte da auch nicht mehr helfen.«

»Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gebeten«, wies er sie grob zurecht und verließ das Zimmer. Draußen rief er nach dem Kutscher, damit der sich mit dem Anspannen beeilte. »In Trier«, hörte Mélanie ihn schimpfen, »wird es doch einen Arzt geben!«

Bisher war sie in dem kleinen, dunklen Raum abseits gestanden. Nun ging sie zu der Bank, auf die man Sabine gebettet hatte, und schickte die Wirtin mit einem Vorwand hinaus. Dann nahm sie das Gesicht Sabines in beide Hände und küßte deren kalte Stirn.

»Sie sind doch noch so jung – viel zu jung, um zu sterben.«

Sabine schlug die Augen auf und sah Mélanie mit einem verklärten Lächeln an. »Ich habe keine Angst. Hier bin ich allein, aber dort habe ich mein Kind, meine Eltern, alle, die ich liebe. Nur eines bedauere ich – ich hätte Sie gerne früher kennengelernt. Immer habe ich mir eine Schwester gewünscht. Eine, die mutig und stark ist wie Sie und mich ein wenig beschützen kann.«

»Ja, ich bedauere es auch.« Mélanie drückte Sabines Hand an ihre Wange. »Ich hätte ganz sicher auf Sie achtgegeben, wie man es von einer älteren Schwester erwarten kann.« Sie zog Sabine in ihre Arme und sang leise ein Lied vom Sterben:

»Liebe Eltern, gute Nacht!

Ich soll wieder von euch scheiden,

Kaum war ich zur Welt gebracht,

Hab genossen keine Freuden.

Ich, das kleinste eurer Glieder,

Geh schon fort, doch nicht allein,

Eltern, Schwestern und die Brüder,

Werden auch bald bei mir sein,

Weil sie wünschen, bitten, weinen,

Daß ihr Tag mag bald erscheinen …«

Und als sie den letzten Ton gesungen hatte, lag Sabine schon tot in ihren Armen.

Ein fremdes Land

Delacroix blieb mit dem Leichnam seiner Frau in dem Dorf zurück. Man würde eine Totenkutsche aus Luxembourg kommen lassen und Sabine in ein paar Tagen dort begraben. Mélanie war bis zur Weiterfahrt bei der Toten geblieben, hatte in ihr Reisetagebuch ein Porträt von ihr gezeichnet und darunter Ma petite sœur geschrieben.

Nun, wieder am Fenster der Kutsche sitzend, starrte sie auf die Weinberge entlang der Mosel. Es war eine fröhliche Landschaft. Das Laub fing bereits an, sich in allen Rot- und Gelbtönen zu verfärben. Noch am Vormittag hatte es geregnet, doch jetzt tanzten die Strahlen der Sonne zwischen den Blättern und ließen die Tropfen glitzern und wie Edelsteine erscheinen. Zur Ernte, schon in ein paar Wochen, würden alle mithelfen. Die Nachbarn, die Verwandten, die Kinder und Greise. Junge Frauen würden mit nackten Füßen die Trauben einstampfen und dazu derbe Lieder vom Wein und von der Liebe singen. Wie schade nur, daß Sabine das alles nicht mehr sehen konnte …

»Monsieur!«

Mélanie schrak aus ihren Gedanken und sah Henry Michelon an. Er war groß, hager und dunkelhaarig. Sein Anzug war neu und von teurer Qualität, aber seine Fingernägel waren schmutzig, und sein Blick und sein Grinsen wirkten abstoßend und feist.

Er saß ihr schräg gegenüber, dort, wo am Morgen noch Delacroix gesessen hatte, und hielt ihr eine Schnupftabakdose hin. »Lust auf eine Prise?«

Mélanie schüttelte den Kopf. »Vielen Dank, Monsieur.«

Seit er in Longuyon zugestiegen war, war er für sich geblieben und hatte kaum ein Wort mit jemandem gewechselt. Aber nun, wo nur sie beide in der Kutsche saßen, starrte er sie unentwegt an, und sie begann sich unwohl zu fühlen.

»Und wohin reisen Sie?« fragte er.

»Nach Köthen, in der Nähe von Leipzig.«

Er nickte. »Ich kenne Leipzig. Geschäfte führen mich hierhin und dahin, manchmal auch in diese Gegend. Und wozu reisen Sie nach Köthen? Haben Sie Freunde oder Familie dort?«

»Nein.« Sie zögerte. Ihre Krankheit ging ihn nichts an. Deshalb behauptete sie: »Ebenfalls Geschäfte.«

Sie sah wieder aus dem Fenster, in der Hoffnung, das Gespräch auf diese Weise beenden zu können.

Henry Michelon nahm eine zweite Prise Schnupftabak, schob dann die Dose in seine Tasche zurück. »Seit neuestem ist ja das Rauchen von Stumpen in Mode gekommen. In Enningloh gibt es jetzt sogar eine Zigarrenfabrik. Aber Sie rauchen wohl nicht, Monsieur?«

»Nein«, sagte Mélanie.

»Nicht rauchen, nicht schnupfen – da haben Sie wohl gar keine Laster!« Plötzlich setzte er sich neben sie und legte seine schmutzige Hand auf ihren Schenkel. »Aber das macht sich für eine feine Dame auch nicht so gut – nicht wahr, Monsieur?« Das Wort »Monsieur« betonte er sarkastisch.

Mélanie sah ihn an. Es war klar, worauf diese Unterhaltung hinauslaufen sollte. Er hatte sie als Frau erkannt und wollte sich Freiheiten herausnehmen. Einen kurzen Moment wog sie ab, ob sie nach dem Kutscher rufen sollte, aber da drückte ihr Michelon auch schon seine ekelhaften Lippen auf den Mund und fuhr ihr mit der Hand zwischen die Beine.

Blitzschnell reagierte sie, griff nach dem Messer, das sie unter ihrem Frack verborgen hatte, und hielt es dem Kerl an die Kehle.

Er hatte nicht damit gerechnet. Verdutzt zog er sich zurück und starrte sie mit haßerfülltem Blick an. Doch plötzlich lachte er wieder. »Nun, Monsieur, ich sehe, auch diesem Laster sind Sie nicht zugetan – wenigstens nicht im Moment. Aber wir haben ja noch eine lange Reise vor uns.«

Mélanie antwortete nicht. Sie prüfte mit einem Griff den Sitz ihrer Perücke und setzte sich wieder gerade hin. Das Messer behielt sie vorsorglich in der Hand. Bis Trier sprachen sie beide kein Wort mehr.

Es war höchst unwahrscheinlich, daß in Trier niemand zusteigen würde und Mélanie in die Verlegenheit käme, weiterhin alleine mit diesem Michelon unterwegs zu sein. Trotzdem beschloß sie, ihre Reise in dieser Stadt für ein oder zwei Tage zu unterbrechen und eine andere Postkutsche zu nehmen oder, falls es keinen freien Platz gäbe, bis Frankfurt eine Extrapost zu mieten. Nur so konnte sie sicher sein, nicht noch einmal von diesem Kerl angefallen zu werden.

Die Posthalterei lag nicht weit von der Stadtmauer im Südosten der Stadt. Nach Ankunft ging Mélanie sofort in das Büro des Posthalters, um sich zu erkundigen, zu welchem anderen Zeitpunkt sie weiterreisen konnte.

Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Monsieur, für eine Extrapost fehlen mir die Pferde, und für morgen sind bereits alle Plätze belegt. Aber übermorgen geht eine Postkutsche bis Frankfurt, da ist noch ein Platz zu haben, den kann ich für Sie frei halten.«

Mélanie ließ das Billett ausstellen und erkundigte sich, wo sie sich für diese zwei Tage anmelden mußte und wo sie einen Geldwechsler finden konnte.

»Geben Sie mir Ihren Paß, Monsieur. Ich lasse ihn zum Rathaus bringen«, bot der Posthalter an.

Mélanie bedankte sich höflich. »Das ist sehr freundlich von ihnen, doch ich bin froh, wenn ich mich nach der langen Fahrt ein wenig bewegen kann, und gehe lieber selbst hin.« In Wahrheit wollte sie nicht, daß er oder seine Dienstboten etwas über ihre wahre Identität erfuhren.

Der Mann rief nach einem Jungen. »Bring den Monsieur ins Rathaus, und zeig ihm die Judengasse«, herrschte er ihn an. Dann wieder zu Mélanie: »In der Judengasse finden Sie Geldwechsler. Selbstverständlich können Sie das Abendessen bei mir am Tisch einnehmen.«

Sie hatte schon sehr viel Schlechtes über das Essen in deutschen Poststationen gehört und wußte, daß es ratsam war, so eine Einladung anzunehmen, denn am Tisch des Wirtes gab es meist etwas Besseres. Doch weil sie sich endlich ihrer Perücke und der Brustbinde entledigen wollte, schob sie Müdigkeit vor und bestellte eine Kleinigkeit auf ihr Zimmer. Hätte sie allerdings gewußt, was sie erwartete, hätte sie sich gewiß anders entschieden.

Als sie vom Geldwechsler zurückkehrte, brachte man sie in eine winzige, dunkle Kammer ohne Kamin. Die Wände waren feucht und mit Blut verschmiert – ein Zeichen, daß es Wanzen und anderes Ungeziefer im Zimmer gab, das die Leute für gewöhnlich mit ihren Schuhen an den Wänden erschlugen. Zudem stank es nach Schimmel, Erbrochenem und Urin.

Sie ging zum Fenster und riß es auf, doch der Knecht, der im selben Moment mit ihrem Gepäck hereinkam, warnte sie. »Das sollten Sie nicht tun, mein Herr. Der Wind steht ungünstig, da weht vom Weberbach ein recht übler Gestank herüber.«

Er hatte recht. Angeekelt schloß sie das Fenster wieder, und als der Mann gegangen war, sank sie wie erschlagen auf das kratzige, unbequeme Bett. Ein Schmerz fuhr ihr so plötzlich in den Unterleib, daß sie aufseufzte und sich in die schmutzigen Kissen fallen ließ. So lag sie eine Weile da und sah sich mit Tränen in den Augen um. Es wäre besser, sie würde sich ein Zimmer in einem anderen Gasthaus suchen, aber ihr fehlte dazu einfach die Kraft.

Der Gestank erinnerte sie an die beiden Alten in der Kutsche, und als sie an die Kutsche dachte, fiel ihr auch Sabine wieder ein. Sie sah sie vor sich – aufgebahrt in einer kleinen Scheune hinter dem Wirtshaus an einem Flüßchen namens Sauer. Sabines Tod, die Zudringlichkeiten Michelons in der Kutsche, ihre Schmerzen und dieses abscheuliche Zimmer … vielleicht hatten Doyen und all die anderen mit ihren Unkenrufen ja doch recht gehabt, vielleicht hatte sie sich mit dieser Reise zu viel zugemutet. Trauer, Wut und Zweifel schnürten ihr das Herz zu, und plötzlich brach sie in haltloses Schluchzen aus.

Mélanie hatte äußerst unruhig geschlafen. Am frühen Morgen erwachte sie durch die derben Flüche eines Mannes unten im Kutschhof. Sie ging zum Fenster und sah hinunter. Ein Postillion spannte zwei Braune ein, die bei jeder seiner heftigen Bewegungen erschrocken den Kopf aufwarfen und zurückwichen. Es waren junge, unerfahrene Pferde und sicher nicht geeignet für so grobe Hände.

Zwei Männer halfen dem Kutscher beim Beladen. Den braunen Reisekoffer, den der eine von ihnen geschultert hatte, erkannte sie als den von Michelon.

Kurz darauf erschien Henry Michelon selbst. Er begutachtete die Körbe, Taschen und Koffer, es schien, als würde er etwas suchen. Nach einem Wortwechsel mit dem Kutscher sah er sich plötzlich um und suchend an der Fassade des Hauses hinauf. Mélanie wich sofort zurück, war aber nicht schnell genug. Er hatte sie entdeckt und schien verblüfft – offensichtlich hatte er nicht mit der Möglichkeit gerechnet, daß sie nicht weiterreisen würde.

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis die Kutsche abfuhr. So lange hielt sich Mélanie am Fenster auf. Sie wollte ganz sicher sein, daß Henry Michelon die Stadt verließ. Erst als sie ihn einsteigen und abfahren sah, atmete sie auf.

Nachdem sie sich frisch gemacht und etwas zu sich genommen hatte, sah sie sich Trier an. Kaum zu glauben, daß diese kleine Stadt im römischen Reich einmal von so großer Bedeutung gewesen sein sollte.

Am Hauptmarkt herrschte reges Treiben. Da waren große Fuhrwerke mit Fässern beladen, in denen Wein oder Bier, gepökeltes Fleisch, Fisch aus den umliegenden Flüssen oder eingelegtes Kraut transportiert wurden. Da waren Holzfuhrwerke, bepackt mit Schindeln oder anderen Baumaterialien oder Karren voller Hausrat, der auf dem Markt verkauft werden sollte. Und in der Mitte des Platzes stand ein Fuhrwerk, beinahe haushoch beladen mit Heu für die Pferde und Ochsen, die all diese Kutschen und Karren zogen und gefüttert werden mußten.

An der Westseite des Marktes befanden sich die Steipe und das Rote Haus. Mélanie betrachtete die beiden Gebäude und sah dann hinauf zum riesigen schmucklosen Turm der Gangolfskirche, von dem die Feuerwächter weit über die Stadt blicken konnten, um im Fall eines Brandes Alarm zu schlagen. Doch jetzt war es ruhig dort oben, nur einige Tauben hockten auf dem Sims und gurrten sich an.

Ein paar Schritte die Straße hinauf kam sie am Dreikönigen-Haus vorbei, einer Art Turmhaus: ein festlich-wehrhafter Bau, weiß getüncht, die Einfassungen der Bogenfenster in Ochsenblutrot und in Ockergelb bemalt. Es war ein seltsames und schönes Haus, das Mélanie als Ganzes und in Details in ihr Tagebuch zeichnete.

Noch ein paar Schritte weiter im Norden stand das bekannte Stadttor, dunkel und mächtig, fast angsterregend klobig. Ein Relikt aus der Zeit der Römer, wie sie nachgelesen hatte. Später hatte man es zu einer Klosterkirche umgebaut – nein, eigentlich waren es zwei übereinanderliegende Kirchen gewesen. Davon sah man allerdings nun nichts mehr, denn auf Befehl Kaiser Napoleons war das Tor vor einigen Jahren von allen nichtrömischen Verunstaltungen befreit worden.

Mélanie spazierte am Dom vorbei zur römischen Basilika, in deren Ostwand ein großes Loch klaffte, und kehrte dann in einem Gasthaus ein, wo sie ein warmes Mittagessen zu sich nahm. In der Poststation würde sie jedenfalls nicht mehr essen und dieses schreckliche Zimmer so lange meiden wie nur irgend möglich.

Später mietete sie sich ein Pferd und ritt über die Brücke auf die andere Seite der Mosel und dort den Hang hinauf. Von hier oben hatte sie eine wunderbare Aussicht über die Stadt und das Hinterland. Sie nahm ihr Reisetagebuch, fertigte einige Skizzen an und schrieb ihre Eindrücke hinein. Dann legte sie sich zurück und genoß die letzten Stunden des warmen Herbstnachmittages.

Der Überfall

Der Wald lichtete sich. Nur noch vereinzelt standen buntbelaubte Buchen neben verkrüppelten Fichten oder hochgewachsenen Tannen. Zuvor hatte es nach feuchtem Moos, Pilzen und verrottetem Holz gerochen, doch plötzlich trug ihnen der Wind einen Duft von aufgeworfener Erde und faulenden Holzäpfeln entgegen. Kein unangenehmer Geruch. Schwer und süßlich, ein Herbstgeruch, der Mélanie etwas melancholisch werden ließ.

Sie lehnte sich in der Kutsche zurück. Daß sie endlich die Anhöhen des Thüringer Waldes hinter sich gelassen hatten, ließ sie erleichtert aufseufzen. Zwei Wochen war sie nun schon unterwegs, und die Reise war mehr als beschwerlich gewesen. Kälte, Regen, dazu die unnötig langen Aufenthalte an den Poststationen, damit man gezwungen war, Geld auszugeben. Schlechtes Essen, schmutzige Zimmer, und immer wieder hatte man das Postgut nicht nur im hinteren Teil des Wagens, sondern bis unter die Sitze gestapelt, von wo aus es den Passagieren zwischen die Füße rutschte. Sie hatten zwei Radbrüche gehabt und wären beinahe in einen Überfall geraten, der nur vereitelt werden konnte, weil ihnen zufällig eine Gruppe von Reitern entgegenkam. Einem der Mitreisenden wurde an einer der Poststationen eine Tasche gestohlen, und mehrmals hatten sie und die anderen Passagiere aussteigen und die Kutsche aus dem Morast schieben müssen.

Nur in Frankfurt war alles zu Mélanies Zufriedenheit gewesen. Dort war sie im Englischen Hof am Roßmarkt abgestiegen und hatte in einem wunderschönen Zimmer mit einem frisch bezogenen Bett geschlafen und zum ersten Mal seit langem wieder à la carte gegessen.

Nun lagen noch einmal zwei oder drei Tagesreisen vor ihr, bis sie bei Dr. Hahnemann ankommen würde. Mélanie war erschöpft. Sie hatte geplant, von Köthen aus Richtung Süden weiterzureisen – vielleicht nach Wien oder Budapest oder sogar bis Italien. Aber die Lust dazu war ihr fürs erste vergangen.

Es dauerte nicht mehr lange, und die Kutsche erreichte Erfurt, wo die Reisenden die kommende Nacht verbringen würden. Nach dem langen Durchqueren des finsteren Waldes und den geradezu unheimlichen Unterkünften der letzten Tage, genoß sie es, daß sich diese Stadt so hell, freundlich und gesellig zeigte.

Mélanie sehnte sich nach etwas Besserem als einer Poststation, gleichgültig, wie immer sie auch aussehen mochte. Sie wollte einmal wieder in einem guten Haus absteigen und war bereit, die Mühe auf sich zu nehmen, nach einem entsprechenden Quartier zu suchen. Sie fragte den Kutscher, ob er ihr etwas empfehlen konnte, und der sagte, sie solle sich zum Roten Ochsen bringen lassen. Sie fand auch gleich einen Träger, der ihr das Gepäck hinkarrte.

Froh, sich strecken und ein paar Schritte gehen zu können, folgte sie dem Mann und besah sich dabei die Häuser und Gassen der Stadt. Auch die Frauen, die unter der Brücke am »Breitstrom« Wasser schöpften, um damit einen Trog zu säubern, erweckten ihr Interesse. Nur den Mann, der unter den Schaulustigen an der Poststation gewesen war und sie seitdem verfolgte, nahm sie nicht wahr.

Das Gasthaus Zum roten Ochsen befand sich in einem reich geschmückten Renaissancebau und war durchaus gepflegt. Zufrieden packte Mélanie ihren kleinen Reisekoffer aus und entledigte sich der Männerkleider, die vom Schieben der Kutsche aus dem Morast bis oben hin verschmutzt waren. Sie rief nach dem Mädchen und steckte ihr ein großzügiges Trinkgeld zu.

»Bitte reinige diese Sachen und die Schuhe. Im übrigen erwarte ich Stillschweigen darüber, was du hier siehst.« Mélanie deutete auf das Kleid, das sie inzwischen trug. »Kann man hier à la carte essen, und kannst du es mir aufs Zimmer bringen?«

»Wenn Sie mir sagen, was Sie wünschen, kann ich es vielleicht besorgen«, antwortete das Mädchen.

»Ich hätte Lust auf Huhn oder frischen Fisch mit etwas Gemüse, nur leicht angedünstet, nicht zu Brei verkocht.«

»Ich werde nachfragen.«

»Und wie heißt du?«

»Kathi«, gnädige Frau.

Das Mädchen kam bald wieder. »Die Wirtin könnte einen frischen Fisch holen lassen, eine Karausche vielleicht. Vom Gemüse hat sie nur Kartoffeln, Blumenkohl oder Rotkohl, aber es gibt noch wilden Blattsalat. Und Fischpastete hat sie auch.«

»Dann die Kartoffeln, etwas Blumenkohl, den Fisch mit zerlaufener Butter und Salat. Ich möchte hier auf dem Zimmer essen, sagen wir in zwei Stunden. Inzwischen werde ich ausgehen und mir die Stadt ansehen.«

»Aber es wird doch schon dunkel!« Kathi sah sie erstaunt an. »Haben Sie denn gar keine Angst ohne männliche Begleitung?«

Mélanie antwortete mit einer Gegenfrage. »Hast du männliche Begleitung, wenn du abends noch losgeschickt wirst – zum Beispiel, um für einen hungrigen Gast einen Fisch zu besorgen?«

»Nein, gnädige Frau, ich bin allerdings auch bloß eine Magd.« Das Mädchen machte einen Knicks. »Bei mir gibt es nichts zu holen, außer vielleicht …« Sie brach ab. »Na ja, eben daß ich eine Frau bin, Sie wissen schon.«

Mélanie nickte. Ja, sie wußte schon, und vielleicht hatte Kathi ja auch recht, doch das Mädchen wußte schließlich nicht, wie es sich anfühlte, wochenlang in einer Kutsche zu reisen, mit Schmerzen im Unterleib auf schlecht gefederten Sitzen durchgeschüttelt zu werden, bis einem auch noch der Rücken schmerzte und die Glieder steif wurden. Und dazu eingeklemmt zwischen übelriechenden Leuten und abhängig von der Willkür eines Postillions. Nein, Mélanie brauchte frische Luft und ein bißchen Bewegungsfreiheit. Sie wollte weit ausschreiten und Boden unter den Füßen spüren.

»Sie könnten zur Abendmesse in den Dom gehen«, sagte das Mädchen. »Oder vielleicht über die Krämerbrücke spazieren. Dort sind auch jetzt noch viele Leute unterwegs. Es ist nicht weit. Sie müssen nur vor auf die Marktstraße, und dann geht es links zum Dom, und zur Brücke biegt man nach rechts ab.«

Mélanie bedankte sich bei Kathi und bat sie, das Essen um acht Uhr zu servieren. Dann warf sie sich ein langes Cape über, setzte eine Schute auf und verließ das Haus über die Hintertreppe.

Der Mann, der dort stand und wartete, grinste zufrieden, als er sie entdeckte. Er erkannte sie an der geraden Nase und den schönen blauen Augen. Er hatte dieses verdammte Frauenzimmer richtig eingeschätzt! Henry Michelon, hatte er zu sich gesagt, die wird heute noch ausgehen! Sich die Füße vertreten. Und dann wirst du es ihr besorgen, diesem Pariser Miststück!

Nun schlich er ihr nach. Ihm war klar, daß er nicht lange zaudern durfte. War sie einmal auf der Brücke oder auf dem Domplatz, würde es zu viele Menschen geben, die ihr zu Hilfe eilen konnten. Nur ein paar Schritte weiter gab es jedoch einen Hinterhof mit einer Treppe, die in ein Kellergewölbe führte. Seit der Laden, der dazu gehörte, ausgebrannt war, stand es leer. Dort konnte er ungestört an ihr vollenden, was er damals in den Weinbergen an der Mosel begonnen hatte.

Der Kadaver einer toten Katze lag auf der Straße. Mélanie hob den Rock an, wollte über sie hinweg steigen, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Schatten neben ihr auftauchte. Noch bevor sie einen Gedanken fassen konnte, sagte ihr Instinkt, daß sie sich in Gefahr befand. Blitzschnell griff sie unter das Cape, wo sie ihr Messer verborgen hatte – aber diesmal hatte Michelon damit gerechnet. Mit schnellem Griff packte er ihr Handgelenk und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Mit der anderen Hand hielt er ihr den Mund zu, damit sie nicht schreien konnte. So zog er sie in den Hinterhof zur Treppe.

Mélanie versuchte sich zu wehren, aber immer wenn sie sich aufbäumte, verstärkte er seinen Griff, und ein wahnsinniger, nicht auszuhaltender Schmerz fuhr ihr durch den Arm in die Schulter.

Niemals hätte sie diesem Griff entkommen können, wenn nicht gerade, als sie bei der Treppe waren, oben ein Fenster aufgegangen wäre und jemand sein Nachtgeschirr ausgekippt hätte. Ein Schwall stinkenden Urins entleerte sich über Mélanie und ihren Angreifer. Sie nützte diesen Moment, in dem Michelon sich vor Ekel mit dem Ärmel übers Gesicht fuhr, und krallte sich mit festem Griff in seine Männlichkeit. Vor Schmerz aufschreiend, ließ er sie los und beugte sich vornüber. Mélanie fuhr im selben Moment herum – und da erkannte sie ihren Angreifer.

»Sie!« schrie sie, faßte aber schon im nächsten Moment in ihre Röcke und stürzte hinaus auf die Straße. Dort trat sie mit dem Fuß auf etwas, das klirrend über den Boden schlitterte. Es war ihr Messer. Geistesgegenwärtig bückte sie sich danach und rannte dann, von Todesangst getrieben, weiter.

Als der Schmerz nachließ, folgte Michelon dem verdammten Weibsstück. Mit seinen langen Beinen, die im Ausschreiten nicht von einem Rock behindert wurden, gelang es ihm schon bald, Mélanie einzuholen. Als er sie aber an den Schultern packte, blitzte plötzlich etwas vor ihm auf und traf ihn an der rechten Wange. Verdutzt griff er sich ins Gesicht – Blut sickerte über sein Kinn und den Hals hinunter auf die Brust. Mélanie hatte ihm mit dem Messer eine klaffende Wunde beigebracht.

Sekundenlang starrten sie sich an. Dann fuhr Mélanie herum und hetzte weiter, verfolgt von seinen Flüchen, die ihr auf ewig Rache schworen!

Sie erreichte das Gasthaus und stürzte über die Hintertreppe nach oben in ihr Zimmer. Dort schlug sie die Tür hinter sich zu und schob mit zitternden Händen den Riegel vor.

Kurze Zeit später klopfte es. »Hier ist Kathi«, hörte Mélanie das Mädchen sagen. »Ich habe gesehen, daß sie zurückgekommen sind. Sie waren so aufgebracht – kann ich Ihnen helfen?«

Mélanie öffnete und ließ sie eintreten.

»Himmel!« Kathi schlug die Hände vor den Mund, um nicht aufzuschreien. »Wie sehen Sie denn aus!«

»Du hattest recht – ich wäre besser zu Hause geblieben.« Mélanie nahm die Schute ab und hielt sie voller Ekel von sich. »Glaubst du, du kannst sie reinigen?«

»Ich werde es versuchen.«

»Und das Cape?« Sie zog es sich von der Schulter und reichte es Kathi.

»Ja, gnädige Frau.« Das Mädchen ging zur Tür.

»Und bringe mir bitte ein Viertelmaß Wein.«

»Wir haben nur fränkischen, gnädige Frau. Der ist ziemlich sauer.«

»Hole ihn trotzdem.«

Erschöpft ließ sich Mélanie nieder. »Mon Dieu«, flüsterte sie, »was für eine Reise!«

Ankunft in Köthen

6. Oktober 1834

Es war später Nachmittag, als die Postkutsche, in der Mélanie saß, in Köthen einfuhr. Obwohl er Residenzstadt des Fürstentums Anhalt-Köthen war, zählte der Ort nicht mehr als sechstausend Einwohner und war für eine Pariserin eher als Dorf denn als Stadt zu bezeichnen.

Mélanie war erschöpft und vollkommen am Ende ihrer Kraft. Die Leute, die sich neugierig um die Postkutsche drängten, um zu sehen, wer ankam und ob für den einen oder anderen vielleicht ein Brief oder eine Paketsendung dabei war, starrten sie an. Ein junger Mann, der so modisch und elegant gekleidet war, sprang nicht alle Tage aus der Kutsche und gab dann Anweisungen, man möge sein Gepäck ins Gasthaus Zum bunten Fasan bringen.

»Der Herr kommt aus Paris!« antwortete der Kutscher, als eine Dienstmagd ihn fragte. »Das ist die Hauptstadt von Frankreich, falls dir das überhaupt etwas sagt.« Er schob sie grob zur Seite.

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