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Hände hoch - oder ich küsse!

PROLOG

Nick hatte keine Ahnung, wie es sein würde, wieder nach Hause zu kommen, aber er nahm an, dass ein bisschen Wehmut mit dabei sein sollte. Ein bisschen nur, wohlgemerkt, ein Hauch von Wärme. Sogar ein Anflug von Bitterkeit wäre besser als die seelische Taubheit, die sich auf dem langen Flug vom John F. Kennedy Airport nach Australien in ihm ausgebreitet hatte.

Dieses Fehlen jeglichen Gefühls hasste er. Es erinnerte ihn zu sehr an das erste Mal, als er in dieser Auffahrt gestanden und Joe Corellis Anwesen vor sich gesehen hatte. Mit dem Unterschied, dass er sich damals – gerade mal acht war er da gewesen – darauf trainiert hatte, nichts zu empfinden. Er hatte nichts fühlen wollen, weder Furcht noch Verwirrung, weder Scham noch Hoffnung, und so hatte er das große Haus einfach betrachtet und sich gefragt, wie lange es dauern würde, bis sie merkten, dass sie einen großen Fehler begangen hatten.

Kids wie Niccolo Corelli wurden verhaftet, wenn sie auch nur in die Nähe eines solchen Hauses kamen.

Doch der Fremde, der sich als Verwandter seiner toten Mutter vorstellte, legte ihm tröstend den Arm um die Schultern und sagte: “Dies ist dein Zuhause, Niccolo. Vergiss, was vorher war – jetzt gehörst du zu meiner Familie.”

Nick hatte damals keine Ahnung gehabt, was eine Familie war, und hatte, obwohl sich Joe alle Mühe mit ihm gab, seine Herkunft nie vergessen können.

Er betrachtete das große Haus noch eine Weile und empfand nichts. Vielleicht brauchte er nur Schlaf. Zehn Stunden ohne Unterbrechung, in einem richtigen Bett. Ja, das war genau das, was seine vom Jetlag verursachte Erschöpfung vertreiben würde. Ein Gähnen unterdrückend, stieg er aus dem Mietwagen und streckte sich. Dann, als er sich zum Haus drehte, nahm er hinter einem der oberen Fenster eine Bewegung wahr.

Big Brother George beobachtete ihn von oben.

Genau wie beim ersten Mal, dachte Nick und hob diesmal bloß lässig die Hand zum Gruß, statt wie vor vierzehn Jahren frech den Mittelfinger zu zeigen. Die Gardine fiel wieder zurück, und Nick lachte spöttisch. Wer ihn wohl noch alles beobachtete?

Wie viele von den vier Frauen, die als seine Schwestern mit ihm aufgewachsen waren, warteten hinter diesen dicken stuckverzierten Mauern? Sophie zweifellos. Beim leisesten Anzeichen von Ärger kam Sophie angerannt. Sie war diejenige, die ihn bei ihrer Mutter verpetzt hatte, als er George das erste Mal eins auf die Nase gegeben hatte. Und sie war es gewesen, die ihn bei ihrem Vater verpetzt hatte, als er George das letzte Mal eins auf die Nase gegeben hatte. Es war Sophie, die den heftigen Streit zwischen ihren Eltern belauscht hatte, bevor Joe Nick in die Familie holte, und es war Sophie, die ihn als “das Balg einer dreckigen Hure” bezeichnet hatte.

Ja, Nick würde darauf wetten, dass Sophie auftauchte – falls George seine Schwestern darüber informiert hatte, dass er kam. George war in mancher Hinsicht nicht besonders kommunikationsfreudig.

Nick warf die Autotür zu und spürte, während er die Auffahrt entlangging, eine Anspannung in seinen Muskeln, die nichts mit dem Jetlag zu tun hatte. Er wollte nicht hier sein – hier auf dem Besitz namens “Yarra Park”, den er angeblich geerbt hatte.

Angeblich, denn es würde George ähnlich sehen, die Tatsachen ein wenig zu verdrehen und dafür zu sorgen, dass der mit der Verwaltung des Anwesens beauftragte Anwalt mitspielte. Nick stieß verärgert die Luft aus. Sobald er die ganze Geschichte erfahren und das “Zu verkaufen”-Schild aufgestellt hatte, würde er verschwinden.

Diesmal für immer.

1. KAPITEL

Wenn es nicht so eine stille Nacht gewesen wäre, hätte T.C. das leise Quietschen der Türangeln nicht gehört. Oder das Knirschen von Schritten auf dem gekiesten Weg, der vom Hof zum Stall führte.

Sie hätte in das Schlafquartier der Stallburschen am anderen Ende des Stalls zurückkehren und wieder ins Bett steigen können, überzeugt, dass sie wegen der ungewohnt harten Matratze aufgewacht war und nicht, weil sich hier ein Eindringling herumtrieb.

Die Schritte verstummten und ein Angstschauer rann ihr den Rücken hinunter. “Dreh dich um und verschwinde dorthin, wo du hergekommen bist. Steig in deinen Wagen und fahr weg. Bitte”, flüsterte sie. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. Doch keine Wagentür war zu hören, kein Anspringen eines Motors. Mit pochendem Herzen schlich sie zum Ende der Stallgasse und spähte in die Nacht hinaus.

Nichts bewegte sich bis auf geisterhafte Schwaden herbstlichen Nebels, die vom Yarra River heraufzukriechen schienen und das Haus einhüllten, Vorboten des nahenden Winters. T.C. wich einen Schritt zurück und atmete tief durch. Die Luft war so kalt, das sie ihr in der Nase brannte, doch sie duftete auch nach Leder, Pferden und Heu. Gerüche, die ihr vertraut waren und die sie beruhigten.

Dort draußen war jemand – möglicherweise der Idiot, der in den vergangenen Wochen immer wieder angerufen hatte, nur um dann wortlos aufzulegen. Sie stellte ihn sich draußen auf dem gekiesten Weg vor, den Kopf erhoben, um zu horchen, während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Einbrecher, der das Haus für leichte Beute hielt, da nur eine Frau dort wohnte. Das konnte er leicht von einem der Einheimischen im nahe gelegenen Riddells Crossing aufgeschnappt haben.

Ihre Finger schlossen sich fest um die Pistole in ihrer rechten Hand. Sie wog fast nichts und war doch beruhigend, wenn auch nutzlos. T.C. wechselte sie in die linke Hand und wischte sich die feuchte Handfläche am Hosenbein ihres Pyjamas ab. Ein hysterisches Lachen stieg in ihr auf und sie hielt sich die Hand vor den Mund, um den Laut zu ersticken.

Irgendein Verbrecher trieb sich da draußen herum, und sie wollte es im Pyjama und mit einer Spielzeugpistole bewaffnet mit ihm aufnehmen. Sie würde ihn überwältigen, während er sich lachend auf dem Boden wälzte!

Erneut waren die Schritte zu hören. Diesmal kamen sie rasch näher, und wer immer dort war, versuchte nicht mehr leise zu sein. T.C. blieb keine Zeit zum Nachdenken und Planen. Die dunkle Gestalt des Eindringlings wurde in der geöffneten Stalltür sichtbar, und T.C. konnte bereits den schwachen Duft seines Aftershave wahrnehmen.

Dann war er nah genug, um ihm die Spielzeugpistole in die Rippen zu stoßen.

“Keine Bewegung, Mister, dann brauche ich Sie nicht zu erschießen.”

Der Macho-Spruch kam ihr ohne Weiteres über die Lippen. Sie verzog das Gesicht. Hatte sie das wirklich gesagt? Mit einer so kalten Ruhe, obwohl sie innerlich zitterte? Das Zittern erfasste ihre Beine und sie betete, dass es nicht auf ihre Hand überging, in der sie die Spielzeugpistole hielt.

Der Fremde hob langsam die Hände über den Kopf. “Ganz ruhig, Süße. Begehen Sie keine Dummheit.”

“Ich bin diejenige mit der Pistole, also sind Sie es, der besser keine Dummheiten begehen sollte!” T.C. ärgerte sich darüber, dass ihre Stimme so unsicher klang, aber ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, bewegte er sich. Sie drückte ihm den Lauf der Pistole fester in die Rippen.

“Ich hab’s verstanden. Ich soll mich nicht bewegen, richtig?”

“Ganz recht”, bestätigte sie, ebenso gereizt wie verwirrt. “Nein, falsch.” Sie trat hinter ihn, bohrte ihm die Waffe jetzt in den Rücken und nahm sich zusammen. “Ich will, dass Sie sich bewegen. Drehen Sie sich langsam um und legen die Hände an die Wand.”

Überraschenderweise gehorchte er, obwohl seine Haltung für T.C.s Geschmack viel zu gelassen war. “Soll ich die Hände ausstrecken?”, fragte er mit amüsiertem Unterton.

“Das wird nicht nötig sein”, erwiderte sie. Der Kerl benahm sich, als sei es ganz unterhaltsam und kein Grund zur Besorgnis, eine Pistole im Rücken zu spüren. Na schön, eine Spielzeugpistole. Sie musste irgendwie ihre Autorität behaupten. Nur wie? Dieser Mann war nicht gerade klein. Er maß mindestens einsachtzig, und wenn ihre Augen sie nicht trogen, bestand sein Körper hauptsächlich aus Muskeln. Ihr einziger Vorteil war ihre kleine Spielzeugpistole.

Was, wenn er eine echte Waffe bei sich trug?

Dieser alarmierende Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Sie musste sich erst räuspern, bevor sie fragen konnte: “Sind Sie bewaffnet?”

“Und gefährlich?”, fügte er spöttisch hinzu.

T.C. ärgerte sich über ihre Erwartung, auf eine so törichte Frage eine Antwort zu bekommen. Um das herauszufinden, musste sie ihn durchsuchen … ihn anfassen …

Sie wappnete sich, indem sie tief Luft holte, wobei sie seinen anziehenden Duft einatmete. Na ja, warum sollten Kriminelle nicht auch Rasierwasser von Calvin Klein benutzen?

Sie beugte sich vor und tastete seine Jacke ab. Sie fand zwei Außentaschen und zwei Schlüsselbünde – nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war jedoch seine Jacke. Das war kein billiges Imitat, sondern echtes, geschmeidiges, hochwertiges Leder. Was für eine Sorte Einbrecher war das, der bei seinen kriminellen Aktivitäten so teure Sachen trug?

“Da ist eine Innentasche, in der Sie besser nachschauen sollten. Und mein Hemd hat auch noch eine Tasche.”

Offenbar war er nicht nur ein teuer gekleideter Einbrecher, sondern auch ein hilfsbereiter.

T.C. erwachte aus ihrer Erstarrung und atmete erneut seinen Duft ein, bevor sie die Hand in die Innentasche seiner Jacke schob. Sein Hemd war warm und der Stoff so dünn, dass sie seine Brusthaare unter ihrer Handfläche spüren konnte. Und darunter fühlte sie seine ausgeprägten Muskeln. Wie wenn man ein erstklassiges Pferd streichelt, ein geschmeidiges, trügerisch entspanntes …

Streichelte? Moment mal!

Abrupt zog sie ihre Hand zurück. Ein Prickeln durchlief ihre Finger und breitete sich auf ihrer Haut aus. “Statische Elektrizität”, murmelte sie und schüttelte das Handgelenk, um das Prickeln loszuwerden.

“Wie bitte?”

“Ich habe nicht mit Ihnen geredet.”

“Mit wem dann?”

“Das geht Sie nichts an. Ich werde jetzt Ihre Hose durchsuchen.”

“Nur zu.”

Sein belustigter Ton machte sie allmählich wütend. Mit Nachdruck stieß sie ihm die Waffe in die Rippen, sodass er zusammenzuckte. Gut – vielleicht würde er jetzt etwas mehr Respekt haben!

Seine Jeans saß sehr eng. In einer Gesäßtasche befand sich eine flache Brieftasche aus Leder, in der anderen ertastete sie nichts außer festen Muskeln. Anschließend wich sie einen halben Schritt zurück und wischte sich die Hand am Oberschenkel ab, als könnte sie dadurch die Wirkung dieser Berührung auslöschen.

Sie erschrak, als er sagte: “Hört nicht auf, süße Hände. Vorn sind noch mehr Taschen.”

“Ich habe eine bessere Idee. Wieso verraten Sie mir nicht, wo Sie Ihre Waffe versteckt haben?”

Er lachte, und es war ein tiefes, aus dem Bauch kommendes Lachen, das eine seltsame Wirkung auf T.C. hatte. “Wieso schieben Sie Ihre kleine zarte Hand nicht hierher und finden es selbst heraus?”

Das Blut schoss ihr in die Wangen. Wie konnte er es wagen, so … so … Ihr fehlten die Worte. Sie redete sich ein, dass ihre Wangen nicht wegen seines sinnlichen Vorschlags glühten.

“Machen Sie nicht den Fehler, und setzen meine Größe mit Zartheit gleich”, entgegnete sie scharf und tat genau das, wozu er sie aufgefordert hatte. Sie schob ihre Hand nach vorn und überprüfte hastig die Vordertaschen seiner Jeans. Dann schob sie die Hand hoch und überprüfte den Hosenbund. Er saß eng, daher war es schwer, dort etwas zu verstecken. Das plötzliche Anspannen seiner Bauchmuskeln verriet ihr, dass er einatmete.

Seine Drehung kam blitzschnell, und ebenso schnell entriss er ihr die Waffe. Die Pistole flog gegen die Wand, fiel auf den Boden und schlitterte ein ganzes Stück, bis sie liegen blieb. Der Fremde brauchte weniger Zeit, um T.C. den Arm auf den Rücken zu drehen.

“Ich würde mir ja gern einreden, dass Sie mich aus purem Vergnügen angefasst haben, aber irgendetwas sagt mir, dass das nicht der Fall war. Wie wäre es, wenn Sie mir verraten, was tatsächlich los ist?”

Er stand dicht hinter ihr, nah genug, dass sie seinen warmen Atem im Nacken spürte. Sie schüttelte den Kopf, um das Gefühl loszuwerden, doch er bog ihr den Arm nur weiter hoch.

“Au!”, keuchte sie. “Sie tun mir weh!”

“Meinen Sie, das Plastikding, das Sie mir in die Rippen gestoßen haben, hat mir nicht wehgetan?” Er lockerte den Griff, ließ sie jedoch nicht los. Lange Finger fesselten ihr Handgelenk. “Nun?”, drängte er.

T.C. runzelte die Stirn. Wenn er gewusst hatte, dass die Pistole nicht echt war, erklärte das seine Gelassenheit. Aber wieso hatte er nichts gesagt? Und wieso bat er sie, ihm die Situation zu erklären? Sie zerrte an ihrem Arm und wurde fest an den Mann gedrückt, sodass sie seine Stimme dicht an ihrem Ohr vernahm. “Na schön, Süße. Wenn Sie mir nicht erklären wollen, wieso Sie hier in der Dunkelheit herumschleichen, muss ich versuchen, es selbst herauszufinden.”

Seine Hand glitt über ihre Hüfte. T.C. schnappte nach Luft und versuchte sich zu befreien, doch er legte einen Arm um ihre Brust, sodass sie gefangen war. Jetzt war er ihr so nah, dass sogar das leichte Vibrieren in seiner Brust, wenn er lachte, auf ihren Körper überging und ihr Rückgrat wie eine perfekt gestimmte Stimmgabel summen ließ.

Vielleicht war es aber auch die Reaktion auf seine Hand, die Stück für Stück einen ihrer Oberschenkel hinunter- und wieder hinaufglitt. Du liebe Güte, jetzt wanderte seine Hand unter ihre Pyjamajacke und fuhr über ihren Bauch. T.C. zappelte heftig, um seiner Berührung zu entkommen, aber das war ein großer Fehler. Denn auf diese Weise wurde ihr Po gegen seine Schenkel gepresst.

Sie erstarrte.

“Was ist los, Süße? Ist es ungewohnt, wenn ein Fremder Sie überall anfasst? Das ist lästig, nicht wahr?”

“Ich heiße nicht Süße!” Sie trat aus, und der plötzliche Aufruhr aus Beinen und Stiefeln überrumpelte ihn, sodass T.C. sich zur Seite drehen konnte. Mit der freien Hand versuchte er, sie erneut zu packen – und erwischte ihre linke Brust.

Eine lange Sekunde standen sie regungslos da. T.C.s Herz raste. Dann trat sie ein weiteres Mal aus, und diesmal traf sie mit dem Stiefelabsatz sein Schienbein.

Zufrieden registrierte sie sein Fluchen. Das war alles seine Schuld. Er hätte sie nicht anrühren dürfen, schon gar nicht so. Wieder holte sie mit dem Fuß aus, doch Nick bewegte sich seitwärts, um ihren Absätzen auszuweichen.

Wieder fluchte er. “Hören Sie verdammt noch mal auf, mich zu treten!”

“Nur wenn Sie mich loslassen.”

“Ich werde Sie loslassen, wenn ich sehen kann, was Sie vorhaben. Wo ist der Lichtschalter?”

Als sie nicht gleich antwortete, legte sich sein Arm fester um sie. “Dort hinten … geradeaus … bei der letzten Tür auf der linken Seite”, brachte sie keuchend hervor.

Er schleppte sie die Stallgasse entlang, stieß die Tür zu ihrer Unterkunft auf und betätigte den Lichtschalter. Geblendet von der plötzlichen Helligkeit, kniff sie die Augen zu. Sie hörte Ug zur Begrüßung bellen und das Kratzen ihrer Krallen, als die Hündin über den Betonfußboden lief. Dann spürte sie, dass der kleine Hund um ihre Beine strich. Und auch um die des Einbrechers.

Na fabelhaft, dachte sie. Zuerst hört mein Hund ihn nicht ankommen, und dann begrüßt er den Kerl auch noch wie einen lange verschollenen Freund!

“Sitz!”, befahl der Fremde so streng, dass T.C. sich fast selbst gesetzt hätte. Überflüssig zu erwähnen, dass ihr verräterischer Hund gehorchte.

Der Fremde lockerte seinen Griff. Seine Hände bewegten sich zu ihren Schultern und drehten sie zu ihm um. T.C. schluckte hart und sah langsam auf.

Oh nein, das konnte nicht sein!

“Sagen Sie mir, dass ich nicht Nick Corelli gerade gegen das Schienbein getreten habe”, meinte sie aufstöhnend und fügte im Stillen hinzu: Sagen Sie mir, dass ich nicht meine Hände überall auf Nick Corellis Körper hatte. Aber das ließ sich nicht leugnen, da ihre Handflächen noch immer von dieser Berührung kribbelten.

Er sah sie durchdringend an, und einen Moment lang konnte sie nichts anderes tun, als zurückzustarren. Seine Augen waren nicht so dunkel wie die der übrigen Corellis, die sie kennengelernt hatte, sondern blau wie der Sommerhimmel und schwindelerregend schön.

“Sie kennen mich?” Er klang erstaunt, und dieses Erstaunen zeigte sich auch in seinen Augen. Erstaunen und noch etwas anderes. Interesse? Oder bloß Neugier?

Sie schüttelte den Kopf, um ihre Benommenheit zu vertreiben. “Wir sind uns nie begegnet, trotzdem erkenne ich Sie von Fotos. Ihr Vater zeigte mir welche.”

“Sie haben mich auf der Stelle anhand von ein paar Fotos erkannt?”

Nicht nur ein paar. T.C. errötete bei der Erinnerung daran, wie viele es waren und wie oft sie sie betrachtet hatte.

“Ich nehme an, Sie sind keine Einbrecherin”, witzelte er. “Arbeiten Sie hier?” Er sah hinunter zu Ug, der zu seinen Füßen lag – fast auf seinen Füßen – und grinste. “Lassen Sie mich raten. Sie sind der Sicherheitsdienst und dies ist Ihr Wachhund.”

T.C. war machtlos gegen die Wirkung dieses Lächelns. Wie konnte sie es nicht erwidern? Wie konnte sie ihn eine Braue heben sehen, sodass diese unter seinen dichten Haaren verschwand, und nicht das Bedürfnis verspüren, ihm die Haare aus der Stirn zu streichen? “Ich trainiere Joes Pferde.”

Seine Miene wechselte innerhalb eines Wimpernschlags von fragend zu verblüfft. “Sie sind Tamara Cole?”

“Die bin ich.”

Er musterte sie eingehend und lachte ungläubig. Das machte T.C. wütend. Sie wusste, dass sie in Pyjama und Stiefeln nicht gerade den vorteilhaftesten Anblick bot, aber das war noch lange kein Grund für ihn, den Kopf zu schütteln und zu grinsen, als könnte er nicht fassen, was er da sah. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihm einen kühlen Blick zu. “Was machen Sie hier, Nick?”

“Abgesehen davon, dass ich mich von einer kleinen verrückten Pferdetrainerin in Pyjama und Stiefeln angreifen lasse?”

“Ich meine”, fuhr sie angespannt fort, während er sie weiter grinsend betrachtete, “ich warte seit Wochen darauf, etwas von Ihnen zu hören, aber persönlich habe ich Sie nicht erwartet. Das Letzte, was ich von Ihnen hörte, war, dass Sie in der Wildnis Alaskas verschollen wären.”

Das Grinsen erstarb. “Wer hat Ihnen das gesagt?”

“George erwähnte es nach der Beerdigung.” Sie schüttelte die Erinnerung an diese kurze, unerfreuliche Zusammenkunft ab. Wer wem was erzählt hatte, spielte doch keine Rolle, solange wichtigere Fragen noch ungeklärt waren. Zum Beispiel die, was Nick eigentlich hier tat, und wieso er unangekündigt mitten in der Nacht auftauchte. “Sie hätten mich wissen lassen sollen, dass Sie kommen.”

“Das habe ich in den letzten sechs Stunden versucht.” Mit beunruhigender Zielstrebigkeit ging er zu ihrem Telefon und hob den Hörer hoch, den sie neben die Gabel gelegt hatte. “Ich nehme nicht an, dass das mit dem ständigen Besetztzeichen zu tun hat?”

“Ich muss den Hörer aus Versehen heruntergeschoben haben.”

Nick betrachtete sie einen Moment. “Ist dies der gleiche Anschluss wie der für das Haus?”

T.C. räusperte sich. “Ja, es gibt nur einen.”

“Dann wäre es mir lieber, wir würden ihn frei halten, falls Sie nichts dagegen haben.” Während er den Hörer auf die Gabel legte, dämmerte ihr die Bedeutung seiner Worte. Wenn er ein Telefon brauchte, würde er bleiben.

“Weshalb sind Sie hier, Nick?”, platzte sie heraus. “Ich habe mit George gerechnet oder diesem Anwalt mit den Froschaugen.”

Nicks Mundwinkel zuckten. “Wir haben ihn immer Kermit genannt.”

T.C. versuchte vergeblich, das Bild von Kermit in Nadelstreifen zu vertreiben. Und als sie beide amüsiert grinsten, wie sie es so oft mit seinem Vater getan hatte, wusste sie, weshalb Nick hier war. Es war vollkommen logisch, dass Joe seinen Lieblingsort seinem Lieblingssohn hinterließ, von dem er stets liebevoll gesprochen hatte.

Es erklärte außerdem die Verspätung. Nick – der zügellose, unbekümmerte Nick – war bei einer Skitour in der Wildnis verschollen, an jenem Tag, an dem sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Joe lebte noch zehn Tage, doch Nick kam nicht nach Hause.

Als sie Ug vom Boden aufhob und den warmen Hund an ihre Brust drückte, fühlte sie erneut den Schmerz über den Verlust des Mannes, der nicht nur ihr Boss gewesen war, sondern auch ihr Mentor und Retter. Und sie empfand heftigen Groll gegen den Sohn, der ihn im Stich gelassen hatte.

Nick beobachtete, wie ihre meergrünen Augen sich mit Tränen füllten, und hatte das Bedürfnis, sie zu trösten. Er machte schon einen Schritt auf sie zu, doch sie warf ihm einen scharfen Blick zu, der ihn an sein schmerzendes Schienbein erinnerte. Im Stillen tadelte er sich.

Was dachte er sich eigentlich? Offenbar trübte der Jetlag seinen Verstand, wenn er glaubte, dass diese Frau Trost brauchte. Ihre weichen blonden Haare, die süße Nase und die großen Augen waren bloß eine Täuschung. Diese kleine Unruhestifterin war in Wahrheit knallhart. Trotzdem fand er ihre Lippen anziehend, und zwar auf eine Art, wie er es seit Jahren nicht mehr empfunden hatte. Dabei war es ihm ein Rätsel, woher dieses Gefühl kam.

“Nun, Tamara …”

“Wie haben Sie mich genannt?”

“Tamara. Das ist doch Ihr Name, oder? Oder wie soll ich Sie nennen?”

“Sie können mich T.C. nennen.”

“Das ist wohl kaum ein Name, nur zwei Initialen. Ich glaube, ich bleibe bei Tamara.”

Sie presste wütend die Lippen zusammen und Nick empfand ein stimulierendes Prickeln. Es war jener Kick, dem er von Kontinent zu Kontinent hinterhergereist war, von einer Herausforderung zur nächsten und von einer Frau zur anderen. Aber wieso löste gerade Tamara Cole dieses Gefühl in ihm aus?

Abgesehen von ihrem Mund und ihren Augen entsprach Tamara Cole absolut nicht seinem Typ. Er mochte Frauen, die in hauchzarte Seide gehüllt aus seinem Bett stiegen. Frauen, die sich ihrer Weiblichkeit bewusst waren. Dass er sich jetzt zu Tamara hingezogen fühlte, musste einfach am Jetlag liegen. Und daran, dass George sie völlig falsch beschrieben hatte. Danach hatte Nick sich eine dreiste Frau mit üppigen Kurven und grandioser Lockenmähne vorgestellt. Dreist war sie, aber ihre blonden Haare waren jungenhaft kurz geschnitten und die Kurven auch nicht allzu üppig – nur eine Handvoll …

Einen Moment lang gab er sich dieser sinnlichen Erinnerung hin, bevor er sich wieder ins Gedächtnis rief, wie trügerisch Äußerlichkeiten sein konnten. George war das beste Beispiel dafür. Nur weil Tamara Cole nicht Georges Beschreibung von einer gerissenen Opportunistin entsprach, die sich geschickt in Joes Leben und in sein Bett geschlichen hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie nicht genau das war.

“Weshalb sind Sie hier, Nick?”

Ihre Frage riss ihn aus seinen Gedanken und er gab vor, zu überlegen, während er zu ihrem Bett ging, die Matratze prüfte und sich hinlegte. Dann nahm er ihr Kissen und legte es zwischen seinen Kopf und die Wand.

“Wieso ich hier bin?” Durch halb geschlossene Lider betrachtete er ihre Unterlippe, und ein leichter Schauer durchlief ihn. “Ich bin hier, um Sie kennenzulernen … Partner.”

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