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Hab Vertrauen, Liebste

Jen Safrey

Hab Vertrauen, Liebste

Lange ist Cassidy Maxwell vor ihren Problemen davongelaufen. Doch als Eric Barnes eines Tages in London vor ihr steht, ahnt sie, dass sie sich der Vergangenheit stellen muss. Genau wie damals liebt und begehrt sie Eric, aber traut sich nicht, ihren Gefühlen nachzugeben. Wie wird er reagieren, wenn er erfährt, was sie damals getan hat? Obwohl Cassidy befürchtet, ihn für immer zu verlieren, will sie ihm endlich alles gestehen ...

Lieber Eric,

ich wünsche, ich wäre stark genug, um dir gegenüberzutreten.

Du wärst furchtbar enttäuscht, wenn du wüsstest, was ich getan habe. Ich will und wollte dir niemals wehtun, denn du bedeutest mir mehr, als ich je für möglich gehalten hätte. Aber ich schaffe es nicht, mich mit dir zu treffen. Wenn ich dir bloß diesen Brief schicken könnte – aber dann wäre es noch schwieriger wegzugehen.

Eigentlich solltest du wissen, dass du der einzige Mann bist, den ich je lieben werde. Vielleicht bin ich eines Tages in der Lage, dir das zu sagen.

Deine Cassidy

PROLOG

New Jersey, Juli 1983

Die Hitze hatte die Stadt fest im Griff. Es war Samstag, und die Sonne brannte bereits seit den frühen Morgenstunden unerbittlich. Die meisten Gärten lagen wie ausgestorben da – bei diesen Temperaturen zogen sich viele Familien in ihre Häuser zurück. Wer Glück hatte, konnte eine Klimaanlage sein Eigen nennen.

Doch der kleinen Cassidy Maxwell schien die Hitze nichts auszumachen. Schon seit zwei Stunden war sie im Garten und übte, ein Rad zu schlagen.

Sie war so eifrig bei der Sache, dass sie nicht einmal bemerkte, dass Eric Barnes gekommen war. Später wollten die Familien gemeinsam essen, und Eric hatte eine Schüssel Kartoffelsalat vorbeigebracht, den seine Mutter zubereitet hatte. Gemeinsam mit Cassidys Mutter stand er am Küchenfenster und beobachtete das Mädchen, seine Freundin.

Sie reckte die Hände mit gespreizten Fingern in die Luft. Dann bückte sie sich und warf das Gewicht ihres zierlichen Körpers auf die Hände, wobei ihre Haare den Boden berührten. Zuletzt hob sie die Beine an, doch sie hatte nicht genügend Schwung, und Cassidy fiel hin. Als sie wieder aufstand, bemerkte Eric, dass ihre Knie voller Schrammen und Grasflecken waren.

Als ob sie Erics Blick spüren würde, drehte Cassidy sich zu ihm um und lächelte. Und schon versuchte sie erneut, ein Rad zu schlagen. Diesmal gelang es ihr etwas besser.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Cassidys Mutter. Eric nickte, und sie gab ihm zwei Gläser mit Eistee. „Bring Cassidy bitte auch ein Glas. Ich sage ihr schon die ganze Zeit, dass sie etwas trinken soll, weil es viel zu heiß zum Turnen ist. Leider hört sie nicht auf mich. Du bist der Einzige, der ihr etwas sagen darf.“

„Okay“, erwiderte er und nahm die beiden Gläser entgegen.

„Auf dem Weg zum Supermarkt sah Cassidy heute Morgen ein kleines Mädchen, das auf dem Spielplatz ein Rad schlug“, erklärte Mrs. Maxwell. „Jetzt will sie das unbedingt auch können. Ich weiß nicht, ob dieser Ehrgeiz gesund ist.“

Eric hatte das Gefühl, als spräche Mrs. Maxwell eher mit sich selbst als mit ihm.

Sie blickte zu ihrer Tochter. „Erst sieben Jahre alt, und sie macht nichts halbherzig. Wer weiß, wie das erst wird, wenn sie älter ist. Entschuldige, Eric, ich plappere nur so vor mich hin. Die Hitze bringt mein Gehirn zum Schmelzen. Geh ruhig zu ihr.“

Er ging in den Garten, und Cassidy kam strahlend auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch.

„Vorsicht“, bat Eric, „die Gläser sind randvoll. Da, trink erst mal etwas.“

Cassidy nahm das Glas und trank es in einem Zug leer. Erwartungsvoll sah sie ihn an.

„Ich muss gleich wieder los“, sagte Eric, „Sam und Brian haben mich gefragt, ob ich mit ihnen spielen will.“

Jetzt schien Cassidy enttäuscht zu sein.

„Wir sehen uns doch nachher zum Essen“, erinnerte Eric sie. „Ich komme mit Mom und Dad zu euch.“

Cassidy nickte langsam, doch die Enttäuschung war ihr anzumerken, auch wenn sie nichts sagte. Aber sie redete sowieso nie viel. Ihre Mutter meinte, dass sich das bestimmt noch ändern würde. Eric war sich da nicht so sicher. Cassidy war kein Mädchen, das große Worte machte.

„Sam und Brian sind echt nett“, versuchte er zu erklären. „Außerdem sind sie in meinem Alter, und manchmal muss ich eben auch mit meinen anderen Freunden spielen, denn sonst steh ich ganz alleine da, wenn ich nächstes Jahr in die siebte Klasse komme. Verstehst du das?“

Cassidy stand schweigend vor ihm und hielt ihr leeres Glas fest.

„Hey, jetzt sei nicht beleidigt. Außerdem würde dir sowieso nicht gefallen, was wir machen. Üb doch lieber noch ein bisschen Radschlagen. Dann kannst du mir später was vorführen, okay?“

Scheinbar zufrieden stellte Cassidy ihr Glas vorsichtig auf den Boden. Dann rannte sie los und schlug ein weiteres Rad, ihr schlechtestes bisher. Sie landete auf dem Po und lachte. Auch Eric musste lachen.

Als Eric kurz darauf bei Sam klingelte, erfuhr er, dass Sam Besuch von seinen jüngeren Cousins hatte, die unbedingt mitspielen wollten. Sofort dachte er an Cassidy und sagte Sam, er würde sie kurz holen, denn es sei doch nett, wenn die Jüngeren auch eine Spielkameradin in ihrem Alter hätten.

Natürlich war das eine Ausrede. Obwohl Eric es seinen Freunden gegenüber nie zugeben würde, er war mit niemandem so gern zusammen wie mit Cassidy. Die Maxwells waren im vergangenen Sommer hierher gezogen, hatten sich mit Erics Familie angefreundet und die Kinder ermutigt, miteinander zu spielen. Mrs. Maxwell war immer wieder überrascht, wie gut es Eric gelang, die scheue ernste Cassidy aus ihrem Schneckenhaus zu locken. Anderen gegenüber tat er öfter so, als sei Cassidy seine fünf Jahre jüngere Schwester. Er genoss es, wenn sie ihm treu überallhin folgte.

Manchmal fand er es sehr anstrengend, mit seinen anderen Freunden zusammen zu sein, denn sie erwarteten von ihm, dass er wie sie handelte, die gleiche Kleidung trug und über die gleichen Witze lachte. Ständig musste er aufpassen, dass er nichts sagte oder tat, was uncool war. Ganz anders die Stunden, die er mit Cassidy verbrachte. Irgendwie machte es einfach mehr Spaß, mit ihr zusammen zu sein.

Natürlich würde er das nur Cassidy gegenüber zugeben. Wenn die Jungs nach Cassidy fragten, stöhnte er theatralisch und murmelte was von Babysitten, zu dem ihn seine Eltern verdonnert hätten.

Sams Cousins wollten unbedingt Verstecken spielen. Gesagt, getan, und mittlerweile lief das muntere Spiel schon seit zwei Stunden. Zeit, eine Pause einzulegen, und alle waren daher dankbar, als die Mütter zum Essen riefen.

Die Kinder verabschiedeten sich und gingen in ihre Häuser. Nur Cassidy war nicht zu sehen.

„Sie versteckt sich immer noch“, sagte Eric leise zu sich. „Cassidy! Cassidy! Komm raus! Das Spiel ist vorbei! Wir essen gleich!“

Keine Spur von kastanienbraunem Haar. Kein Wind, der den Löwenzahn bewegte. Nichts.

Eric machte sich nun Sorgen und begann, Cassidy ernsthaft zu suchen. „Komm heraus, Cassidy!“

Wo steckte sie nur? Er ging in die offene Garage eines Nachbarn, wo ein Auto parkte, das unter einer großen Plane verborgen war. „Cassidy?“ Er zog die Plane ein Stück zurück. Bingo! Da war sie. Ein kleines Bündel auf dem Rücksitz. Ihre Schultern bebten leicht, und sie verbarg das Gesicht mit ihren kleinen Händen. Eric öffnete die Tür und setzte sich neben Cassidy. Sie nahm die Hände vom Gesicht und schaute ihn an. Sie hatte geweint.

„Dachtest du, ich hätte dich vergessen?“, fragte Eric.

Wortlos nickte Cassidy.

„Dummerchen, ich vergesse dich doch nicht.“

Cassidy wischte die Nase an ihrem nackten Arm ab.

„Aber wenn du willst, dass man dich findet, dann darfst du dich nicht so gut verstecken. Du hattest das beste Versteck von allen.“

Nun lächelte Cassidy ein wenig.

Was würde ein großer Bruder jetzt tun?, fragte sich Eric.

Da packte er sie und kitzelte sie heftig. Cassidy lachte und trat um sich. Er legte einen Arm um ihre Taille und zog sie aus dem Wagen. Auf diese Weise trug er Cassidy, die sich hin und her wand und laut lachte.

„Da seid ihr ja“, bemerkte Mrs. Maxwell, als sie zwei Minuten später ins Haus kamen. „Cassidy, sag bitte Mr. und Mrs. Barnes guten Tag.“

Cassidy, die immer noch von Eric festgehalten wurde, lächelte seine Eltern an, und sie lächelten zurück. „Sei vorsichtig, Eric“, bat seine Mutter. „Lass sie nicht fallen.“

„Vielleicht mache ich das“, meinte Eric und tat so, als wolle er seine Freundin fallen lassen. Glücklich kreischte sie.

„Keine Sorge“, sagte Mrs. Maxwell lachend zu seiner Mutter. „Sie ist heute schon ungefähr fünfzig Mal auf den Kopf gefallen. Ein Mal mehr würde keinen Schaden mehr anrichten.“

Endlich setzte Eric Cassidy auf dem Rasen ab. „Bitte denke immer daran, dass du einfach nur warten musst, selbst wenn es etwas länger dauert“, flüsterte er ihr zu. „Egal, wo du bist, ich werde dich immer finden.“

Cassidy zog an seinen Händen, bis ihre Gesichter sich fast berührten. Dann stieß sie zweimal mit ihrer Stirn gegen seine.

Danach sprang sie auf, lief ein paar Schritte von ihm weg und schlug ein perfektes Rad.

1. KAPITEL

Oktober 2006

Eines ist am Fliegen merkwürdig, dachte Eric, als er an seinem Orangensaft nippte und aus dem kleinen Fenster schaute. Der Himmel scheint immer gleich weit entfernt, egal, ob man im Flugzeug sitzt oder auf dem Boden ist. Die Wolken sind vielleicht näher, aber der blaue Himmel ist außer Reichweite.

Genau wie Cassidy.

Eigentlich passten solche poetischen Anwandlungen überhaupt nicht zu ihm. Nicht mehr. Früher war das anders gewesen. Früher, als er ein junger Mann gewesen war, mit dem Kopf in den Wolken, der von einer glücklichen Zukunft mit einer Frau mit kastanienbraunem Haar träumte. Einer Frau, die immer schon zu ihm zu gehören schien. Aber als diese Frau verschwand, veränderte sich der Mann von damals und wurde ein nüchterner Wirtschaftsexperte, der sich mit Zahlen und Fakten beschäftigte.

Nur ein Mann, der sein Herz verloren hat, weiß, was Risiko ist, hatte er neulich irgendwo gelesen. Wie wahr.

Eric lehnte den Kopf zurück und seufzte. Er hätte etwas Stärkeres als Orangensaft bestellen sollen, etwas, das ihn für die sieben Stunden Flug von Boston nach London von seinen Gedanken ablenkte.

„Reisen Sie geschäftlich nach London?“, hörte er eine weibliche Stimme in der Reihe hinter ihm fragen.

Ein Mann antwortete, aber Eric verstand die genauen Worte nicht. „Es ist ein ziemlich langer Flug, und ich dachte, Sie würden vielleicht gern etwas reden“, meinte nun die Frau wieder.

Der Mann bejahte in einem Tonfall, der Eric zu verstehen gab, dass die Frau attraktiv war und der Mann überrascht war, dass sie sich mit ihm unterhalten wollte. Wieder seufzte Eric. Das Letzte, wozu er jetzt Lust hatte, war, einem fröhlichen Geplauder zuzuhören.

Andererseits hatte er den Film, der gerade im Bordkino lief, schon vor einigen Monaten gesehen. Vielleicht verging die Zeit schneller, wenn er dem Gespräch der beiden Passagiere hinter ihm lauschte. Und vielleicht würde ihn das ablenken davon, ständig an Cassidy Maxwell zu denken.

„Also reisen Sie geschäftlich nach London?“, wiederholte die Frau.

Ihre Stimme war im Flugzeug besser zu hören als die des Mannes, und als Eric dessen Antwort nicht verstand, antwortete er im Stillen für sich. Ja, sagte er schweigend. Ich bin geschäftlich in London. Unerledigte Geschäfte.

„Bestimmt eine Lady, nicht wahr?“, sagte die Frau, und Eric zuckte zusammen. Konnte sie Gedanken lesen?

„Ich bin Psychologin“, erklärte die Frau ihrem Sitznachbarn. „Ich erkenne sofort, wenn ein Mann den Ozean wegen einer Frau überquert. Ist sie Ihre Frau oder Ihre Freundin?“

Weder noch, antwortete Eric. Er trank von seinem Saft.

War sie Ihre Frau oder Freundin?“

Weder noch, dachte Eric. Cassidy war nie seine Freundin gewesen. Aber sie hatten sich einander … versprochen. Er würde niemals jene Nacht vergessen, als sie auf dem Campus der Saunders-University unter dieser alten Eiche saßen. An jenem Abend hatten sie sich das erste Mal ihre Gefühle gestanden. Und beschlossen, aufeinander zu warten, bis Cassidy ihr Examen hatte. Auf diesen Moment hatte er sich vier lange Jahre gefreut.

Und dieser Moment war nie gekommen.

„Wie heißt sie?“, drängte die Psychologin hinter ihm. „Nur ihr Vorname.“

„Cassidy“, antwortete Eric, und als er merkte, dass er laut gesprochen hatte, blickte er zu seinem Nachbarn. Der schnarchte.

„Wie lange kennen Sie sie schon?“

Ich traf sie, als sie sechs und ich elf Jahre alt war.

„Und jetzt sind Sie …?“

Fünfunddreißig. Eine lange Zeit, ich weiß.

Cassidy war nicht zu ihrer Examensfeier erschienen. Etwas musste passiert sein. Etwas musste sie dazu gebracht haben, vor Eric und ihrer gemeinsamen Zukunft Reißaus zu nehmen. Ohne ein Wort, ohne eine Erklärung.

Sie verschwand vor zehn Jahren, aber schon vorher war sie mir fremd geworden, erzählte er im Stillen.

Eric stellte sich vor, dass die Psychologin hinter ihm aufmunternd nickte, und fuhr fort. Sie war wie eine kleine Schwester, die mir überallhin folgte. Als ich auf das College in Massachusetts ging und dann zur Saunders-University, schrieben wir uns Briefe, Cassidy war damals ja noch zu Hause auf der Junior High School. Die Briefe waren …, sehen Sie, Cassidy redete nie viel. Während der Zeit, in der wir uns kannten, haben wir fast nie telefoniert. Sie war ein ruhiger Typ, aber ich wusste immer, was sie fühlte oder dachte. Ich konnte in ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch.

Nun stellte Eric sich vor, dass die Psychologin sich Notizen machte.

Aber diese Briefe – Cassidy war klug für ihr Alter, humorvoll und verständnisvoll. Immer wieder las ich ihre Briefe und bemerkte, dass sie zu jemandem heranwuchs, der … Auf dem College habe ich viele Frauen getroffen, aber, was sie mir sagten, war nichts im Vergleich zu dem, was Cassidy mir schrieb.

Nun wackelte das Flugzeug, und Eric griff nach einer Serviette, falls sein Getränk verschüttet würde. Als Vielflieger wusste er routiniert mit Turbulenzen umzugehen.

„Haben Sie sich erschreckt?“, hörte Eric die Frau fragen.

Sicher machte mir die ganze Situation ein wenig Angst. Immerhin war Cassidy noch ein Kind und ich schon erwachsen. Ich versuchte, mich zurückzuziehen, und antwortete seltener auf ihre Briefe. Das fiel ihr bestimmt auf, dennoch lud sie mich zu ihrem sechzehnten Geburtstag ein. Ich war damals im letzten Studienjahr und stand kurz vor dem Examen.

„Aha“, sagte die Frau hinter ihm. Sie versteht ihre Kunst, dachte Eric. Sicher verlangt sie ein horrendes Honorar für ihren Rat. Gut, dass ich sie nicht bezahlen muss.

Eigentlich wollte ich nicht auf der Party erscheinen, aber ihre Mutter rief mich an und bat mich zu kommen, weil es Cassidy so viel bedeutete. Ich hatte das Gefühl, dass Cassidy ihrer Mutter gesagt hatte, dass ich ihr die kalte Schulter zeigte, und ich fühlte mich schuldig, weil unsere Eltern so gut befreundet waren. Also sagte ich zu und ging hin. Und …

„Ja“, sagte die Psychologin. Eric schloss die Augen.

An jenem Abend hatte Cassidy ihm die Tür geöffnet. Hinter ihr hörte man die Gäste plaudern und lachen. Sie trug ein schulterfreies schwarzes T-Shirt und eine eng anliegende schwarze Hose. Eric hatte erst gar nicht registriert, dass diese wunderschöne junge Frau, die da vor ihm stand, Cassidy war. Er hatte immer noch ein kleines Mädchen im Kopf. Erst nach ein paar Sekunden hatte er realisiert, dass sie es war. Cassidy ganz in Schwarz. Und leicht geschminkt. Ihr glänzendes Haar fiel ihr bis auf die Schultern, auf denen er Sommersprossen entdeckte. Ob sie wohl weiter unten auch Sommersprossen …? Da schaute sie ihm in die Augen, und er erkannte, dass sie wusste, welche Wirkung sie auf ihn hatte.

Einige Stunden später hatte sie ihn von ihren Freunden weggezogen und im Flur …

Tut mir leid, sagte Eric in Gedanken und öffnete die Augen. Es gibt genau drei Augenblicke in meinem Leben, an die ich mich bewusst nicht erinnern möchte. Ich weiß, dass es sie gab, aber ich darf mich nicht in die Situation zurückversetzen, weil es zu sehr schmerzt. Dies ist der erste dieser drei Momente.

„Schon in Ordnung“, sagte die Psychologin.

Eric war damals geflohen, bevor die Party zu Ende war. Er war zum Bahnhof gelaufen und nach Saunders zurückgefahren, wo er versuchte, Cassidy Maxwell für den Rest des Jahres zu vergessen.

„Konnten Sie das denn?“, fragte die Psychologin.

Nein, ich konnte es nicht.

Nachdem Cassidy ihren Abschluss gemacht hatte – sie war die Beste ihres Jahrgangs –, erschien sie mit ihren Koffern an der Saunders-University und belegte Politologie als Hauptfach. Genau wie Eric. Er hatte inzwischen sein Examen gemacht und wollte eine Dozentenlaufbahn einschlagen. Wie gut traf es sich da, dass Gilbert Harrison, Professor in Saunders, ihm von einer freien Stelle berichtete und ihm half, sie zu bekommen. Pünktlich zu Beginn des neuen Semesters stand Eric im Hörsaal vor den Studenten, und Cassidy saß in der ersten Reihe.

„Das war sicher eine schwierige Situation“, stellte die Psychologin fest.

Das können Sie laut sagen! Es hatte viel Disziplin erfordert, Cassidy jeden Tag zu sehen und sie nur wie eine Studentin unter vielen zu behandeln. Die Signale seines Körpers zu ignorieren. Sie, die früher kaum zwei Sätze gesprochen hatte, meldete sich und diskutierte engagiert über jedes politische Thema. Bei den anderen Studenten war sie beliebt, und viele wollten mit ihr befreundet sein.

Aber Cassidys Lächeln war reserviert für den einen Menschen, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Und das hatte Eric die Kraft gegeben zu warten. Sie wollte ihn und wusste, dass er sie wollte. Der Rest war eine Frage der Zeit.

„Was geschah dann?“, fragte die Psychologin.

Cassidy respektierte, dass Eric eine gewisse Distanz hielt. Beide wussten, dass sie sich nur als Dozent und Studentin begegnen durften. Dass alles andere nicht gestattet war. Dennoch sahen sie sich häufig auch außerhalb des Hörsaals. Bei diesen unverfänglichen Treffen aber verfiel Cassidy oft in Schweigen. Was sollte sie dem Mann, den sie liebte, auch sagen? Und ihm ging es nicht anders. In einem Jazz Club berührten sie sich an den Händen. Er atmete ihren Duft ein, als er ihr im Café einen Stuhl zurechtrückte. Und einmal saß er morgens um vier mit Cassidy unter einer großen Eiche …

Was wir damals sagten und uns versprachen, das ist der zweite Moment, an den ich mich nicht erinnern will.

„Kein Problem“, meinte die Psychologin.

Cassidys Versprechen hielt ihn lebendig und half ihm auf in schlechten Momenten. Bis Cassidy ins letzte Semester kam. Dann …, sie hatte starke Zahnschmerzen, die ärztlich behandelt werden mussten. Es war eine größere Sache, und sie verpasste einige Vorlesungen. Eric wollte ihr helfen, den versäumten Stoff nachzuholen, doch Cassidy war stur und wollte das alles allein schaffen. Er sah sie immer seltener, und wenn er sie per Zufall traf, war sie blass, dünn und hatte Ringe unter den Augen. Das letzte Mal sah er sie zwei Tage vor ihrer Examensfeier. Sie saß in der Bibliothek und war in ein Buch vertieft. Eric berührte sie nur leicht an der Schulter, doch sie zuckte zusammen und sah ihn aus blutunterlaufenen Augen an. In ihrem Blick lag etwas Panisches. Sie stürzte aus der Bibliothek, nachdem sie so etwas wie eine Entschuldigung gemurmelt hatte.

Und dann war der Tag der Abschlussfeier gekommen. Die festlich gekleideten Absolventen waren nach der kleinen Zeremonie die Treppe des Hauptgebäudes hinuntergerannt und hatten gejubelt. Mit klopfendem Herzen wartete Eric an der Stelle, an der Cassidy und er sich damals verabredet hatten. Er hielt einen goldenen Anhänger in der Hand, den er ihr als Symbol für ihre gemeinsame Zukunft schenken wollte. Nachdem alle Studenten verschwunden waren, stand er noch lange allein da …

„Ich verstehe“, hörte er die Frau sagen.

Dieser dritte Augenblick, den Eric sich nicht mehr in Erinnerung rufen durfte, war der schwerste, denn seit zehn Jahren hatte er keine Erklärung dafür, warum Cassidy ihn hatte sitzen lassen.

Er zerdrückte den Plastikbecher in der Hand, und plötzlich stand eine lächelnde Flugbegleiterin vor ihm. Er warf den Becher in die Tüte, die sie ihm hinhielt, und lehnte sich in seinen Sitz zurück.

Er wusste nicht mehr, wie er die ersten Tage nach der Examensfeier überstanden hatte. Er wusste nur, dass er zu stolz war, um ihr nachzurennen. Cassidy hatte ihre Entscheidung getroffen, und er akzeptierte das. Aber jetzt war eine neue Situation eingetreten. Professor Harrison brauchte die Unterstützung seiner früheren Studenten, um seinen Job zu behalten, und jeder wusste, dass die zuverlässige Cassidy Maxwell alles für ihren Professor von damals tun würde. Und Eric ging es nicht anders. Deshalb war er auf dem Weg nach Europa, um die einzige Frau, die jemals einen Platz in seinem Herzen gehabt hatte, nach Saunders zurückzubringen.

Die Hauptlichter in der Kabine gingen aus. Die Passagiere holten Kopfhörer und Kissen hervor und verstellten ihre Sitze nach hinten.

„Ich lasse Sie nun schlafen. Viel Glück für Ihre Reise“, wünschte die Psychologin.

Eric wusste, dass die guten Wünsche nicht ihm galten, aber er wollte sich eine kleine Portion davon mitnehmen, denn Glück konnte er wahrlich gebrauchen.

Alles, was er je gewollt hatte, war zu unterrichten. Deshalb war er Professor geworden. Er wollte junge Leute lehren, sie lenken und ihnen Entscheidungshilfen mit auf den Weg geben, die sie für den Rest ihres Lebens gebrauchen konnten.

Nun konnte Gilbert Harrison einer Person leider nicht helfen, und diese Person war er selbst.

Harrison legte den Kopf auf seinen überladenen Schreibtisch. Er schloss die Augen und lauschte auf die Stille. Es war fast Mitternacht, aber er schaffte es nicht, nach Hause zu gehen. Zurzeit fiel es ihm schwer, sein Büro zu verlassen. Denn jedes Mal, wenn er ging, musste er sich fragen, ob es vielleicht das letzte Mal war.

So viele Jahre lang hatte er in diesem Büro so viel für die Studenten getan.

Die Untersuchung des Verwaltungsrates, der von Alex Broadstreet geleitet wurde, war einfach nur erniedrigend für ihn. Inzwischen hatte man seinen Namen durch den Schmutz gezogen, und er war gezwungen, ehemalige Studenten zu bitten, nach Saunders zu kommen, um gegenüber dem Verwaltungsrat ein gutes Wort für ihn einzulegen. Die Ironie lag darin, dass sie noch nicht einmal ahnten, was er tatsächlich für jeden Einzelnen von ihnen getan hatte. Doch das war auch nicht nötig. Viele seiner ehemaligen Schützlinge hatten einen zu wichtigen Platz in der Gesellschaft eingenommen, als dass es sich der Verwaltungsrat leisten könnte, sie nicht anzuhören. Und obwohl jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, hoffte Harrison, dass ein bisschen von dem Erfolg, den seine Ehemaligen hatten, auch auf ihn zurückzuführen war. Er wollte sich bestimmt nicht in falschem Glanz sonnen, aber er war zu verzweifelt, um nicht nach jedem Strohhalm zu greifen. Wenn der Verwaltungsrat nicht honorierte, dass Harrison eine beachtliche Anzahl an erfolgreichen Absolventen vorzuweisen hatte, dann wusste er auch nicht mehr, womit er seine Stelle noch retten konnte.

Gerade als er einen Hoffnungsschimmer zu sehen glaubte, wurde dieser jäh zerstört, als er Eric Barnes’ Anruf entgegennahm. Eric hatte vom Logan International Airport angerufen, von wo aus er nach London fliegen wollte, um Cassidy Maxwell nach Saunders zu holen.

„Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen?“, hatte Harrison verblüfft gefragt.

„Letzte Woche war ich mit Ella Gardner beim Essen“, antwortete Eric. „Sie hat mir von Ihren Schwierigkeiten in Saunders erzählt. Wie kommen Sie denn zurecht?“

„Ich halte noch durch“, hatte Harrison ehrlich geantwortet.

„Sie wissen doch, dass Sie der beliebteste Professor sind. Ich habe nachgedacht, und ich weiß, dass sie Ihnen helfen würde, wenn sie könnte. Ich fliege nach London, um sie zu fragen.“

Er bringt ja kaum ihren Namen über die Lippen, dachte Harrison. Eric hatte genauso viel Angst davor, Cassidy wieder zu treffen, wie er, jedoch waren die Gründe andere. „Das halte ich nicht für nötig“, sagte Harrison vorsichtig. „Sie ist die persönliche Assistentin von Botschafter Alan Cole.

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