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Nur wenn du mich liebst

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Janis Reams Hudson

Nur wenn du mich liebst

Endlich gehen Justin Chisholms sinnliche Träume in Erfüllung: Monatelang hat er um die junge Blaire Harding geworben –und an diesem Abend erhört sie ihn. Zärtliche Küsse, leidenschaftliche Umarmungen und wundervoller Sex! Justin glaubt sich am Ziel seiner Wünsche. Aber offensichtlich sind seine Gefühle einseitig. Denn als er Blaire um ein Wiedersehen bittet, lehnt sie ab. Wochenlang versucht er sein Glück – jedes Mal ohne Erfolg. Da erfährt er zu seiner grenzenlosen Überraschung, dass Blaire ein Kind erwartet ...

PROLOG

Irgendwann in meinem Leben muss ich etwas richtig gemacht haben, und diese Nacht ist die Belohnung dafür, dachte Justin Chisholm. Ihm fiel beim besten Willen kein anderer Grund dafür ein, dass er endlich mit Blaire Harding im Bett gelandet war.

Sie hatten gerade miteinander geschlafen, und es war wunderschön gewesen. Eine solche Leidenschaft hatte er noch nie erlebt.

Die Tatsache, dass das Bett nicht sein eigenes war, sondern in einem Motelzimmer stand, störte ihn nicht. Er hatte es bezahlt, also gehörte es praktisch ihm, oder etwa nicht?

Wenn ein junger Mann noch zu Hause wohnt – mit seiner Großmutter, seinem Bruder, seiner Schwägerin, zwei kleinen Nichten sowie der Haushälterin, deren Ehemann und Baby –, nimmt er eine Frau nicht mit in sein eigenes Bett. Jedenfalls nicht, wenn er mit ihr ungestört sein will. Erst recht nicht, wenn er sowohl seine Familie als auch die Frau respektiert. Und Blaire Harding war eine Frau, vor der Justin sogar sehr viel Respekt hatte.

Er brauchte die Augen nicht zu öffnen, um sie vor sich zu sehen. Den schlanken Körper, der an genau den richtigen Stellen gerundet war. Das dunkelblonde Haar. Die hellbraunen Augen. Die Stupsnase, die ihr selbst nicht gefiel, die er jedoch so hinreißend fand, dass er sie immerzu küssen wollte.

Blaire war schon seit einigen Monaten wieder in der Stadt, und seit ihrer Ankunft war keine Minute vergangen, in der er sie nicht begehrte. Aber sie hatte ihn lange warten lassen und die ganze Zeit auf Abstand gehalten.

Dann hatte sie ihn jedoch in ihre Nähe gelassen, Schritt für Schritt. Ein Gespräch oder zwei. Rein freundschaftlich. Eine gemeinsame Fahrt zur Werkstatt, um ihren frisch reparierten Wagen abzuholen. Mittags ein Snack mit ein paar gemeinsamen Bekannten. Ein erster Tanz in ihrer Lieblingsbar. Dann ein zweiter und noch einer, bis sie schließlich bereit war, mit ihm zu Abend zu essen. Und nach dem Restaurant ins Kino zu gehen.

Bevor er Blaire traf, hatte Justin sich bei keiner Frau so sehr ins Zeug legen müssen. Aber ihr wollte er gefallen, und zwar in jeder Hinsicht.

Heute Abend hatte sie ihn endlich erhört.

Leise seufzend atmete er den Duft ihres Haars ein, der ihn an Wildblumen erinnerte. „Du riechst so gut.“

An seine Brust geschmiegt lächelte sie. „Freut mich, dass du mich gut riechen kannst.“

„Oh ja, das tue ich.“ Er schob die Nase in ihr Haar. Und dann, als sie mit romantischen Worten rechnete, gab er einen seltsamen Laut von sich.

Lachend rollte sie sich zur Seite. „Wo ist er? Wo ist er hin?“

„Wer? Wer ist wo?“ Ruckartig setzte Justin sich auf und schaute sich im Zimmer um.

„Justin Chisholm“, sagte sie. „Gerade eben war er noch hier, aber dann hat mir plötzlich ein Schwein ins Ohr gegrunzt.“

„Haha! Sehr lustig.“ Er zog sie wieder an sich. „Ich kann leider nicht wie eine Turteltaube gurren. Oder was auch immer.“

„Also hast du gegrunzt?“

Über sie hinweg tastete er nach der Nachttischlampe und schaltete sie ein. „Vielleicht war es auch nur eine allergische Reaktion.“

„Auf was? Auf mich?“

„Auf Wildblumen.“

Blaire kniff die Augen zusammen. „Oh, ist das Licht grell. Welche Wildblumen?“

„Die in deinem Haar.“

„Du hast gesagt, es riecht gut.“

„Das tut es auch.“

„Aber es bringt dich zum Grunzen?“

„Kann schon sein.“

Sie schmiegte sich an ihn. „Ich glaube, du wolltest nur komisch sein. Und es hat gewirkt, wie du an meinem Lachen sehen kannst.“

Arm in Arm lagen sie da und kosteten die angenehme Erschöpfung aus. Nach einigen Minuten bewegte Justin sich und stöhnte leise auf.

„Blaire“, begann er zaghaft. „Glaub mir, das ist das Letzte, was ich dir jetzt sagen will …“

Sie hielt den Atem an. Nachdem sie monatelang standhaft geblieben war und eine Einladung nach der anderen abgelehnt hatte, war sie schließlich seinem Charme erlegen und hatte mit ihm die unglaublichste Nacht ihres Lebens verbracht. Und jetzt würde er ihr gleich sagen, dass er sie nicht wiedersehen wollte. Sie wusste es.

Aber Blaire war ein praktisch veranlagter Mensch. Ein kurzer, schmerzhafter Abschied war ihr lieber als ein quälend langsames Ende. Doch als sie von Justin abrücken wollte, hielt er sie fest.

„Aber du sagst es trotzdem, nicht wahr?“, flüsterte sie.

„Nur weil meine Großmutter mich dazu erzogen hat, immer und zu jedem ehrlich zu sein.“

Sie brachte es nicht fertig, ihm ins Gesicht zu sehen. „Ehrlichkeit ist nie schlecht. Also heraus damit, dann hast du es hinter dir.“

„Na gut.“ Er legte seine Stirn an ihre. „Du hast gesagt, dass du um zwei zu Hause sein willst. Es ist ein Uhr dreißig.“

Sie seufzte erleichtert. „Oh.“ Mehr brachte sie nicht heraus.

Justin spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Er runzelte die Stirn. „Was dachtest du denn, was ich sagen wollte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts.“

„Blaire? Was ist los?“

„Was soll los sein?“ Sie lächelte matt und setzte sich auf die Bettkante, mit dem Rücken zu ihm. Obwohl es nach dem, was sie gerade miteinander geteilt hatten, absolut lächerlich war, zog sie die Decke über die Brüste, bevor sie sich halb zu ihm umdrehte und lächelte. „Vielleicht klingt es albern, aber ich fand es schön.“

Er setzte sich auf und küsste ihre Schulter. „Es klingt nicht albern.“

Blaire schaute auf die Uhr, die auf dem billigen Nachttisch stand. Es war fünf Minuten nach halb zwei.

Als sie sich mit Justin verabredete, hatte sie ihm gesagt, wann sie spätestens aufbrechen wollte. Er hatte ihr versprechen müssen, dass er nicht versuchen würde, sie zum Bleiben zu überreden. Es freute sie, dass er Wort hielt.

Sie würde morgen früh nicht ausschlafen können, denn wie an jedem Morgen würde ihr Vater die Futtermittelhandlung pünktlich um sieben Uhr öffnen. Das tat er sogar am Samstag. Also auch heute. Sie arbeitete im Büro, deshalb musste sie bereit sein, wenn der erste Kunde kam.

Ohne zu überlegen warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr – das Einzige, das sie in diesem Moment trug.

Wie eigenartig, dachte sie. Ihre Uhr war stehen geblieben und zeigte halb zwölf. Irgendwann, als sie das zweite Mal mit Justin geschlafen hatte, musste die Batterie den Geist aufgegeben haben.

Plötzlich wurde Blaire bewusst, was das bedeutete. Sie erstarrte. Das konnte nicht sein! Es musste ein Zufall sein.

„Was hast du?“, fragte er und strich mit den Lippen über ihren Nacken. „Du bist plötzlich steif wie ein Brett.“ Er streichelte ihre Arme. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich rechtzeitig nach Hause bringe.“

„Das ist es nicht.“ Hektisch suchte sie nach einer Ausrede. „Nur ein Krampf im Fuß.“

„Autsch. Das ist schlimm. Warte.“ Er glitt vom Bett und kniete sich – splitternackt – vor sie. „Welcher Fuß?“

Was für ein Anblick, dachte Blaire. Flacher Bauch, feste Muskeln, gebräunte Haut, das Gesicht, der Hals und die Hände noch eine Spur dunkler von der Arbeit auf der Ranch. Und das war lange noch nicht alles, was sie an ihm beeindruckte.

„Blaire?“

„Hm? Oh. Der hier.“ Sie hob den rechten Fuß und schämte sich dafür, dass sie ihn anlog. Aber was sollte sie machen?

Sie sah wieder auf die Uhr. Der Sekundenzeiger hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sie seufzte.

„Das gefällt dir, was?“, fragte er lächelnd.

„Ja. Woran denkst du?“

„Ich denke, wenn du mich weiterhin so ansiehst, wirst du wütend auf mich sein, weil du nicht rechtzeitig zu Hause bist.“

„Spielverderber.“

Betrübt schüttelte Justin den Kopf. „Schön dumm von mir, was?“

Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte Viertel vor zwei.

Auf Blaires Armbanduhr war es noch immer halb zwölf.

Sie schluckte. Erst zitterten ihre Schultern, dann die Arme, schließlich die Hände. Sie starrte auf den Sekundenzeiger, als würde sie ihn allein durch ihre Willenskraft dazu bringen, sich wieder in Bewegung zu setzen.

Sie begann zu schwitzen.

Keine Panik. Bleib ruhig. Es bedeutet nichts. Es ist nur eine Familienlegende. Ein dummer Zufall. Du kannst unmöglich …

„Blaire?“

Sie zuckte zusammen. „Ja?“

„Was ist los? Du bist ganz blass geworden.“

„Was? Oh. Entschuldige.“ Sie zog den Fuß aus seinen Händen, hüllte sich in die Decke und sammelte ihre Sachen vom Boden auf. „Ich muss nach Hause.“

Justin beobachtete sie, während sie sich so hastig anzog, als wäre ihr Leben in Gefahr. Als sie fertig war, war er es auch.

Er folgte Blaire zur Tür, sah sich noch einmal um und verzog das Gesicht. Vielleicht bereute sie, was sie getan hatte. Der Raum war sauber, die Möbel ziemlich neu, wenn auch billig, aber nichts täuschte darüber hinweg, dass es ein preiswertes Motelzimmer war.

Sie hatte eigentlich etwas Besseres verdient. Aber sie hatte ihn nicht „zu ihr“ in ihre Wohnung eingeladen, und „zu ihm“ konnten sie nun mal nicht gehen. Verdammt, er hatte nicht mal einen Rücksitz, er fuhr einen Pickup.

Fröstelnd tastete Blaire nach dem Türknauf. Er legte eine Hand auf ihre. „Geht es dir nicht gut? Schaffst du es nach Hause? Brauchst du einen Arzt?“

„Nein, nein.“ Sie lächelte matt. „Lass uns fahren. Bitte.“ Sie nahm die Hand vom Knauf und legte sie auf seinen Arm. „Mach dir keine Sorgen. Es war wunderschön, aber jetzt muss ich los. Das ist alles.“

Er musterte sie. Sie war nicht mehr ganz so blass wie eben noch. „Bist du sicher?“

„Ja, das bin ich.“

„Dann komm.“ Er öffnete die Tür und legte den Arm um ihre Schultern. „Bringen wir dich nach Hause.“

1. KAPITEL

Es war ein kalter Abend auf der Cherokee Rose Ranch mitten in Oklahoma. Cherokee Rose Chisholm gönnte sich eine wohlverdiente Pause in ihrem Sessel vor dem Fernseher. Sie konnte es sich erlauben, denn sie hatte den ganzen Tag im Sattel verbracht und sich anschließend noch an den Schreibtisch gesetzt und um die Buchhaltung der Ranch gekümmert.

Sie war heilfroh, dass sie Maria hatte, die Earline im letzten Monat als Haushälterin nachgefolgt war. Und Emily, die Maria anleitete und dem Haushalt die längst überfällige weibliche Note verlieh. Zusammen nahmen die beiden Frauen Rose eine große Last von den Schultern.

Und dann waren da noch Emilys Töchter – die sechs Jahre alte Libby und die achtjährige Janie, Roses neue Urenkelinnen, sowie Rosa, Marias Baby, das seinen Namen nach der Ranch bekommen hatte, auf der es zur Welt gekommen war.

Ihr beiden ältesten Enkel waren verheiratet, also blieb nur noch Justin, und langsam machte Rose sich Sorgen um ihn. Vor ein paar Monaten hatte sie gehofft, er hätte jemanden gefunden, aber seit einiger Zeit ließ er ständig den Kopf hängen, was so gar nicht seine Art war.

Wenn er sich nicht bald einen Ruck gab, würde sie sich einmischen müssen. Sie ertrug es nicht, wenn einer ihrer Jungen unglücklich war.

„Hi, hier ist Blaire. Ich bin im Moment nicht zu erreichen. Wenn ich zurückrufen soll, hinterlasst eine Nachricht.“ Justin widerstand der Versuchung, mit der Faust gegen die Wand zu schlagen, und legte wortlos auf. Wenn er noch mehr Nachrichten hinterließ, würde man ihn wegen Belästigung festnehmen.

Zwei Monate. Seit zwei verdammten Monaten kämpfte er darum, Blaire wieder nahe zu sein. Zwei verdammte Monate voller Ausreden, verloren gegangener Nachrichten, unbeantworteter Anrufe.

Nachdem sie diese fantastische Nacht miteinander verbracht hatten, hatte Justin sie gleich am nächsten Tag angerufen, weil sie beim Aufbruch aus dem Motel ein wenig angeschlagen gewirkt hatte. Aber es gehe ihr schon besser, sagte sie, kein Problem. Bis er fragte, ob er sie wiedersehen könne.

Sofort hatten die Ausreden angefangen. Ihre Cousine in Ponca City sei krank, und sie müsse ihr am Wochenende helfen.

Am nächsten Wochenende habe sie auch keine Zeit, weil sie und ihre Mutter in Oklahoma City Weihnachtsgeschenke kaufen wollten. Danach auch nicht, weil sie die ganze Woche bei ihrer Großmutter unten in Ardmore verbringen würde.

Dann bekam ihr Vater eine schlimme Grippe.

Als es ihrem Vater besser ging, erwischte es ihre Mutter.

Und als ihre Mutter sich erholte, war Blaire selbst an der Reihe.

Justin musste zugeben, dass ihre Ausreden gar nicht mal so übel waren. Aber ihre gemeinsame Nacht war Anfang Dezember gewesen, und jetzt hatten sie die erste Februarwoche. Langsam begann er zu kapieren: Die Frau wollte nichts mehr von ihm wissen.

Er fragte sich, warum er zwei volle Monate gebraucht hatte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wahrscheinlich weil er es nicht gewöhnt war, zurückgewiesen zu werden. Er hatte zu wenig Misserfolge bei den Frauen gehabt, um eine Abfuhr auf Anhieb zu erkennen.

Und verdammt, es tat weh.

„Was ist los, Onkel Justin?“ Die sechsjährige Libby, die neue Stieftochter seines Bruders Sloan, lehnte am Türrahmen. „Du siehst so traurig aus.“

„Wer, ich?“ Er klemmte das Handy wieder an den Gürtel und stand auf. „Nein, ich doch nicht.“

Libby kam herein und strich die Tagesdecke glatt, auf der er gerade gesessen hatte.

„Danke, Süße.“

„Gern geschehen.“

„Was tust du hier?“, fragte er. „Ich dachte, ihr seht fern.“

„Tun wir auch.“ Ihr Lächeln war strahlend wie immer. „Daddy macht Popcorn. Ich soll dir von Mom sagen, dass du auch davon essen kannst, wenn du möchtest.“

„Wenn ich möchte? Natürlich möchte ich! Gehen wir.“

Zu hören, wie Libby und Janie seinen älteren Bruder Daddy nannten, versetzte Justin noch immer einen Stich. Um mich herum heiraten alle, dachte er, während er dem Mädchen nach unten folgte. Erst Sloan und Emily im letzten Sommer, dann sein anderer Bruder Caleb und Melanie.

„Da seid ihr ja.“ Emily wischte sich die Hände an dem Geschirrtuch ab, das sie sich um die Hüften gebunden hatte. „Wir haben uns schon gefragt, wo du bleibst. Ist das Popcorn fertig?“, fragte sie Sloan, der vor der Mikrowelle stand.

„Entspann dich“, übertönte Sloan das Prasseln der Körner hinter der Scheibe. „Der Countdown läuft.“

Die beiden Mädchen schmiegten sich an ihn und zählten die Sekunden. „Sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins. Ping!“

„Okay, das war die erste Ladung. Hier kommt die zweite.“ Emily warf ihm den nächsten Beutel zu.

Sloan und dessen neue Familie zu erleben löste in Justin etwas aus, das ihn sehr erstaunte. Und beunruhigte. War tief in seinem Innern vielleicht doch der Wunsch vorhanden, zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen?

Der Gedanke an eine Ehe war nicht völlig abwegig, und hin und wieder war ihm das Wort Heirat in den Sinn gekommen, aber eigentlich immer nur im Zusammenhang mit seinen Brüdern. Er selbst war schließlich erst achtundzwanzig Jahre alt, er hatte es nicht eilig.

„Was ist los mit dir, Junge?“

Justin sah sich um und stellte fest, dass er mit Sloan allein in der Küche war.

„Was soll los sein?“, fragte er.

„Du wirkst seit Tagen, wenn nicht Wochen, irgendwie … niedergeschlagen. Möchtest du darüber reden?“

Justin steckte seine Hände in die Hosentaschen. „Nein.“

Sloan zog eine Augenbraue hoch. „nein?“

„Du hast richtig gehört: Nein.“

„Na ja, mir soll’s recht sein.“ Sloan zuckte mit den Schultern. „Aber ich warne dich: Wenn du nicht mit mir redest, werden Großmutter oder Emily oder alle beide dir keine Ruhe lassen! Sie machen sich Sorgen um dich.“

Justin runzelte die Stirn. „Warum? Ich bin hier, ich esse regelmäßig und schlafe genug, ich mache meine Arbeit. Wo liegt das Problem?“

Sloan stieß sich von der Arbeitsfläche ab. „Das Problem liegt darin, dass du so still bist.“

„Still?“

„Und wenn du den Mund aufmachst, klingst du wie ein Papagei.“

„Papagei?“

Sloans Lippen zuckten. „Komm schon, gib mir etwas, das ich den beiden erzählen kann, sonst denke ich mir etwas aus.“

„Ach ja? Na los, großer Bruder, denk dir etwas aus.“

„Okay. Ich werde ihnen sagen, dass du einer Frau nachtrauerst.“

Justin strich mit der Zungenspitze über die Zähne. „Einer Frau.“

„Sicher. Warum sollte ein so fröhlicher Mensch wie du sonst aussehen, als hätte er seinen besten Freund verloren?“

„Etwas Besseres als eine Frau fällt dir nicht ein?“

„Nun ja, ich könnte ihnen sagen, dass du Hämorrhoiden hast.“

Justin prustete vor Lachen.

„Was ist das für ein Krach?“, rief ihre Großmutter aus dem Wohnzimmer. „Ihr zwei verpasst den Film.“

Justin legte einen Arm um seinen großen Bruder. „Wir kommen, Großmutter, Liebe meines Lebens.“

Rose Chisholm schnaubte. „Wenn ich die Liebe deines Lebens bin, ist es kein Wunder, dass du seit Wochen wie ein geprügelter Hund durchs Haus schleichst.“

„Aber Großmutter!“ Justin stützte sich auf die Armlehnen ihres Sessels und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange. „Du bist mein Sonnenschein. Der Sinn meines Daseins. Die Marmelade auf meinem Brötchen.“

Libby und Janie kicherten, während Rose ihn wie eine lästige Fliege von sich scheuchte. „Setz dich und halt den Mund, junger Mann. Cruella stiehlt gleich die Welpen.“

Justin hatte beiläufig behauptet, dass er genug schlief. Um ein Uhr morgens schlug er die Bettdecke zurück und gestand sich, dass er gelogen hatte.

Seine Großmutter schwor auf warme Milch. Die würde er nicht herunterbekommen, aber kalt würde sie ihm vielleicht helfen. Also zog er Jeans und ein Flanellhemd an und schlich aus seinem Zimmer. Früher wäre er mit nacktem Oberkörper nach unten gegangen, aber neuerdings wimmelte es im Haus ja geradezu von Frauen.

Bisher war seine Großmutter immer die einzige gewesen. Justins Eltern starben, als er noch ein Baby war, und Rose hatte ihn und seine Brüder großgezogen. Außer ihr hatte es auf der Cherokee Rose Ranch kein anderes weibliches Geschöpf gegeben. Bis Sloan eines Tages Emily mit nach Hause brachte.

Emily und ihre beiden kleinen Töchter.

Vor ein paar Monaten waren Maria und ihr Baby Rosa dazugekommen. Die beiden bewohnten mit Marias Mann Pedro das Gästezimmer im Erdgeschoss, in dem Justin geschlafen hatte, nachdem er sein Zimmer oben an die Mädchen abgetreten hatte. Dann war Caleb zu Melanie auf die Ranch der Pruitts gezogen, und Justin hatte das frei gewordene Zimmer bekommen und Platz für die junge mexikanische Familie gemacht.

Es war eine aufregende Zeit gewesen, und Justin freute sich darüber, viele Frauen im Haus zu haben. Auch wenn es bedeutete, dass er sich anziehen musste, bevor er sein Zimmer verließ oder auch nur die Tür öffnete. Sicher, das Leben war vorher einfacher gewesen, aber er fand, dass die Atmosphäre im Haus sich zum Positiven verändert hatte.

Und wozu brauchte er eine eigene Frau, wenn sich unter seinem Dach so viele hübsche Geschöpfe versammelten?

Als er um die Ecke zur Küche bog, zuckte eines von ihnen zusammen.

„Emily?“

„Oh du meine Güte! Justin, hast du mich erschreckt.“

„Das tut mir leid. Was tust du hier unten, mitten in der Nacht?“, fragte er.

„Pst.“ Sie legte einen Finger an die Lippen und schaltete die Lampe über dem Herd ein. „Sonst weckst du noch Rosa und ihre Eltern.“ Deren Zimmer lag an dem kurzen Flur hinter der Küche. „Genau dasselbe könnte ich dich übrigens auch fragen: Was machst du hier?“

„Ich konnte nicht schlafen. Dachte mir, ich probiere es mal mit einem Glas Milch. Aber ich hätte sofort Licht gemacht, im Gegensatz zu dir. Deshalb wusste ich nicht, dass du hier bist, und deshalb war ich so leise, und deshalb …“

„Justin.“

„Hm.“

„Seit wann redest du wie ein Wasserfall?“

Justin holte tief Luft und stieß sie aus. „Tue ich das? Keine Ahnung, warum.“

„Vielleicht damit ich dir nicht die Frage stelle, die allen auf der Zunge liegt“, erwiderte sie sanft, nahm Milch aus dem Kühlschrank und goss zwei Gläser ein.

„Danke.“ Er nahm eines und zog ihr einen Stuhl unter dem Tisch hervor.

Sie nahm darauf Platz, und er setzte sich ebenfalls.

„Du willst mich nicht fragen, was ich dich fragen will?“, sagte sie lächelnd.

Justin nippte an der Milch. „Nein.“

„Entschuldige. Ich stecke meine Nase in etwas, das mich nichts angeht.“

Er griff nach ihrer Hand. „So habe ich das nicht gemeint, Emily. Ich freue mich, dass du dir Sorgen um mich machst, aber das brauchst du nicht.“

„Justin, wie lange wohne ich jetzt schon hier bei dir und deiner Familie?“

„Weiß nicht. Sieben oder acht Monate.“

„Stimmt. Und meinst du nicht, dass ich dich inzwischen ganz gut kenne?“

„Okay, ich weiß, worauf du hinauswillst. Ja, du kennst mich ziemlich gut.“

„Was bedeutet, ich merke, dass du nicht mehr du selbst bist. Das bist du seit Wochen nicht mehr, Justin. Eine Schwägerin zu haben bringt einige Vorteile mit sich. Einer davon besteht darin, dass du bei ihr deine Probleme abladen kannst und sie dir zuhört. Vielleicht kann sie dir sogar die weibliche Sicht der Dinge vermitteln.“

„Die weibliche Sicht der Dinge?“

„Du weißt, was ich meine. Sagen wir mal, ein Mann und eine Frau fahren die Straße entlang, und plötzlich entdeckt sie ein schönes Restaurant. ‚Oh, sieh mal. Möchtest du dort zu Mittag essen?‘, fragt die Frau. Der Mann überlegt eine Minute. ‚Nein‘, sagt er dann. Die Frau ist gekränkt und schmollt den ganzen Abend, irgendwann wird der Mann wütend, sie streiten sich, und keiner von ihnen weiß, was schiefgelaufen ist.“

Justin nahm noch einen Schluck Milch. „Okay, ich beiße an. Was ist schiefgelaufen? Mir scheint, die Dame war etwas zu empfindlich.“

„Ja und nein. Wenn eine Frau sich erkundigt, ob du in einem bestimmten Restaurant essen, einen bestimmten Ort besuchen oder einen bestimmten Film ansehen möchtest, fragt sie dich nicht nur nach deiner Meinung. Was sie wirklich sagt, ist: ‚Ich würde gern in dem Restaurant essen. Wie wäre es damit?‘ Oder: ‚Ich würde gern diesen Film sehen. Gehst du mit mir hin?‘“

„Ich nehme an, das macht Sinn.“

„Ja, aber es ist nicht das, was der Mann hört. Ein Mann hört nur das, was sie sagt, nicht das, was dahintersteckt. Er hört eine Frage nach seiner Meinung und äußert sie.“

„Warum spricht die Frau nicht einfach aus, dass sie dort essen möchte, anstatt ihn zu fragen, was er tun möchte?“

„Weil selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert kleinen Mädchen noch beigebracht wird, sich selbst und ihre Wünsche nicht in den Vordergrund zu stellen. Wenn jemand einen Film sehen möchte, der eine Frau nicht interessiert, geht sie trotzdem mit. Vor allem, wenn es ein Date ist. Denn sie denkt: Wenn du den Film nicht magst, den er ausgesucht hat, könnte er glauben, dass du ihn nicht magst.“

„Na ja, das ist dumm“, entfuhr es Justin.

„Wem sagst du das!“

„Warum bringen Eltern ihren Töchtern bei, so unterwürfig zu sein?“

„Weil sie selbst so erzogen wurden, nehme ich an“, erwiderte Emily. „Es gibt eine Studie darüber, wie Erstklässler sich in der Schule verhalten: Die Mädchen sind still und aufmerksam, die Jungen laut und aggressiv. Vielleicht ist es also teilweise auch einfach genetisch bedingt – der Himmel möge mir verzeihen, dass ich das gesagt habe.“

Justin schmunzelte. „Dein Geheimnis ist bei mir sicher.“

„Jedenfalls, worauf ich hinauswollte …“

Er lächelte. „Du wolltest auf etwas hinaus?“

„Ich wollte darauf hinaus, dass manchmal große Probleme –oder was einem als großes Problem erscheint – aus winzigen Missverständnissen entstehen. Einfach nur deshalb, weil Männer und Frauen unterschiedlich mit der Sprache umgehen.“

„Bestimmt hast du recht.“

„Vergiss nicht, dass ich eine Frau bin.“

„Honey, das weiß ich.“

Sie verdrehte die Augen. „Ich kann dir erklären, wie wir Frauen eine bestimmte Situation wahrnehmen, wenn dir das hilft.“

„Ich weiß es zu schätzen. Wirklich.“

„Und falls ich mich irre und du überhaupt kein Problem mit einer Frau hast, so findest du im Apothekenschrank im Bad die Tube mit Hämorrhoidensalbe …“

Justin legte den Kopf auf den Tisch und stöhnte. „Glaubst du, Großmutter würde es merken, wenn Sloan einfach verschwindet? Ich könnte ihm ein paar Backsteine um den Hals binden und ihn in den Teich werfen.“

Emily lachte. „Du willst mir nicht erzählen, was dich belastet, richtig?“

„Danke, dass du gefragt hast“, antwortete er. „Du hast recht, es geht um eine Frau, aber sie will nichts mehr mit mir zu tun haben, also hat sich die Sache ...

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