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H2O

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitat
  6. Inhaltsverzeichnis
  7. Erster Teil
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  1. Zweiter Teil
  2. 19
  3. 20
  4. 21
  5. 22
  6. 23
  7. 24
  8. 25
  9. 26
  10. 27
  11. 28
  12. 29
  13. 30
  14. 31
  15. 32
  16. 33
  17. 34
  18. 35
  19. 36
  20. 37
  21. 38
  22. 39
  23. 40
  24. 41
  25. 42
  26. 43
  27. 44
  28. 45
  29. 46
  1. Dritter Teil
  2. 47
  3. 48
  4. 49
  5. 50
  6. 51
  7. 52
  8. 53
  9. 54
  10. 55
  11. 56
  12. 57
  13. 58
  14. 59
  15. 60
  16. 61
  17. 62
  18. 63
  19. 64
  20. 65
  21. 66
  22. 67
  23. 68
  24. 69
  25. 70
  26. 71
  27. 72
  1. Vierter Teil
  2. 73
  3. 74
  4. 75
  5. 76
  6. 77
  7. 78
  8. 79
  9. 80
  10. 81
  11. 82
  12. 83
  13. 84
  14. 85
  15. 86
  16. 87
  17. 88
  18. 89
  19. 90
  20. 91
  21. 92
  22. 93
  23. 94
  24. 95
  25. 96
  26. 97
  27. 98
  28. 99
  29. 100
  30. 101
  31. 102
  32. 103
  33. 104
  34. 105
  1. Epilog
  2. 106
  3. 107
  1. Danksagung

PATRIC NOTTRET

H2O

THRILLER

Aus dem Französischen von
Eliane Hagedorn und Barbara Reitz
(Kollektiv Druck-Reif)

»Molchesaug' und Unkenlunge,

Fledermaushaar, Hundezunge,

Natterzahn und Otterschnauze,

Eidechsbein und Flaum vom Kauze;

Dass der Zauber uns gefalle,

Höllensuppe zisch und knalle!«

SHAKESPEARE, Macbeth, IV, 3

Übersetzung: Wolf Graf v. Baudissin

in der Bearbeitung von Karl Kraus

INHALTSVERZEICHNIS

Erster Teil:

Latimeria

Zweiter Teil:

Stenocara

Dritter Teil:

Die drei Prinzipien des Xi Ping Zhu

Vierter Teil:

Das Gold des frühen Morgens

Epilog

Danksagungen

Der Barau-Sturmvogel, dessen Körper die Form eines Jagdflugzeugs hat, ahnt nichts von seinem Status als bedrohte Tierart. Er hat die Macht mit Fischfang verbracht, ist dicht über den Wellen dahingeglitten, um dann immer wieder in schwindelerregendem Steilflug in den Himmel des Indischen Ozeans aufzusteigen.

Erschöpft lässt er sich nun, im Licht der Morgendämmerung, in dreihundert Metern Höhe von einer kalten Luftströmung tragen. Seit der Geburt hat er seine Schwimmfüße nicht mehr an Land gesetzt, denn er lebt auf hoher See, fern von den Menschen und der Gefahr.

Ein kurzes Aufblitzen weit unter ihm weckt seine Aufmerksamkeit.

Jäh legt er die Flügel an und stürzt wie ein Stein in die Tiefe.

Als geübter Akrobat verändert der Meeresvogel den Winkel seiner Flügel, um sein Tempo zu verlangsamen. Mit seinem runden Auge beobachtet er die Szene, die sich unten abspielt.

Auf der Wasserfläche, die einer glänzenden Kupferplatte gleicht, verfolgen sich zwei kleine Motorboote, die beide die gleichen Schaumspuren zurücklassen.

Der Vogel gleitet noch weiter hinab. Die Gegenwart von Schiffen zu dieser frühen Morgenstunde verheißt Nahrung: zappelnde kleine Fische, die den Netzen entwischen.

Plötzlich bildet sich ein waagerechter Rauchfaden zwischen den beiden Booten, und die Explosion lässt das Geschehen in einem orangefarbenen Licht erstarren, das sich für einen kurzen Moment auf dem Wasser spiegelt. Ein Geräusch gleich einem Donnerschlag erreicht den Vogel. Erfasst von einer Hitzewelle, fliegt er im Zickzack, beschleunigt mit einem einzigen Flügelschlag sein Tempo und schießt kerzengerade hinauf in den Himmel.

1

Der Mann rennt wie ein Verrückter durch die Zuckerrohrfelder, sein Bauch schwabbelt im Rhythmus seiner Schritte. Er rennt, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Die Hände wie zum Gebet zusammengelegt, bahnt er sich kreuz und quer seinen Weg durch die hohen Halme, deren Federbüsche sich im sanften Nachtwind von Réunion wiegen. Er spürt nicht, wie die Blätter ihm Hände und Gesicht zerkratzen. Noch einmal dreht er sich um, sicher, dass der andere nicht aufgeben wird … Unbeholfen läuft er weiter, mit gesenktem Kopf, läuft um sein Leben und gewiss auch um seine Seele … Plötzlich stößt sein Fuß gegen einen Stein, er schwankt und stürzt kopfüber zu Boden.

Einen Augenblick verharrt er reglos, der Geruch von frischer Erde steigt ihm in die Nase, dann dreht er sich schwerfällig auf den Rücken. Seine Knie schmerzen. Er atmet tief durch die Nase ein, als bekäme er keine Luft, dann noch einmal, die Lippen aufeinandergepresst, die Augen halb geschlossen. Das Herz hämmert in seiner Brust. Ihn fröstelt, er hat Angst. Bei dem Sturz hat er sich die Stirn aufgeschlagen. Ein Blutstropfen perlt aus der frischen Wunde und rinnt auf seine linke Braue. Da hört er ein Geräusch, nicht weit hinter sich. Panik erfasst ihn, und trotz seines Bauchs gelingt es ihm, sich rasch auf die Seite zu rollen. Mit einer eigentümlichen Bewegung der noch immer zusammengelegten Hände wischt er sich das Gesicht ab, das mit feuchter Erde und klebrigem Zuckerrohrsaft beschmiert ist. Er stützt sich auf die schmerzenden Knie, ohne einen Klagelaut auszustoßen, rappelt sich auf, blickt sich angstvoll um und rennt mit gesenktem Kopf weiter. Von Zeit zu Zeit sieht er zwischen den vorbeihuschenden Halmen die Lichter in der Ferne. Er rennt darauf zu, glaubt, den eisigen Friedhofshauch des anderen im Nacken zu spüren.

2

Der Kastenwagen, auf dessen staubbedeckten Seiten in großen Lettern »Spurensicherung« prangte, kroch wie ein altes müdes Tier unter die Kokospalmen, wo er anhielt. Der Motor erstarb. Der Fahrer knurrte:

»Verdammte Kiste … bricht mir eines Tages noch unterm Hintern zusammen. Total im Eimer …«

Der Polizist Robert, ein untersetzter milchkaffeebrauner Typ mit hellen Augen, kletterte aus dem Wagen und schloss ihn pfeifend ab. In der Hand hielt er ein kleines Plastikköfferchen, über der Schulter trug er eine Tasche mit einer Digitalkamera. Er stapfte unter den Kokospalmen zum Strand, der in der prallen Sonne lag.

Das leuchtend blaue Meer war von Schaumkronen bedeckt, die an den Lavafelsen vor dem sandigen Uferstreifen in Garben explodierten. In der Ferne deutete ein heller Streifen auf ein Korallenriff hin. Fischerboote, den Bug im Sand, bildeten Farbtupfer in der strengen Vulkanlandschaft.

Am Wasser vor einer Reihe von Stangen, verbunden durch ein im Wind knatterndes gelbes Plastikband, unterhielten sich vier Personen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Einer von ihnen war ein Polizist mit rötlichem Gesicht und verdrießlichem Blick. In der Hand hielt er ein Walkie-Talkie. Die drei anderen waren hochgewachsene Männer mit flachen Schirmmützen und offenem Hemd über der schwarzen muskulösen Brust.

Der Polizist rief seinem Kollegen zu:

»Das wurde aber auch Zeit, Robert! Ich stehe schon seit zwei Stunden hier in dieser Affenhitze!«

Der Mann von der Spurensicherung hob beschwichtigend die Hand.

»Ganz ruhig, Max … Du weißt doch, der Verkehr … Und was gibt's heute?«

»Keine Ahnung«, brummte der Polizist. »Bootsteile, ein Kanister mit der Aufschrift ›giftig‹. Denke, du wirst enttäuscht sein … Ich habe die Schaulustigen verscheucht und den Bereich mithilfe dieser Herrschaften gesichert.«

Mit der Geste eines Showmasters deutete er auf die Fischer. Die drei Männer nahmen gleichzeitig ihre Mützen ab und drückten dem Neuankömmling die Hand. Der rotgesichtige Polizeibeamte fuhr fort:

»Diese Herrschaften haben das hier am frühen Morgen vorgefunden. Wollten zum Fischfang aufbrechen … Sie haben nichts angerührt und gleich angerufen. Ich war mit dem Wagen in der Nähe. Du kannst dich an die Arbeit machen, ich fahre nach Hause.«

Der Mann vom Polizeilabor Saint-Denis auf Réunion hatte eine sonore Bassstimme. »Robert, manchmal hast du wirklich ein glückliches Händchen. Es gibt deutliche Spuren von Sprengstoff an den Bootstrümmern, die du am Strand gefunden hast.«

Der Polizist fiel aus allen Wolken.

»Mist! Sprengstoff?«

»Derselbe wie auf den Metallteilen an dem Kanister mit dem Totenkopf. Außerdem klebte tatsächlich menschliche Haut daran.«

»Menschliche Haut? Welche Farbe?«

»Sie war zu lange in Salzwasser eingelegt, deshalb lässt sich das nicht so einfach feststellen. Das Labor arbeitet noch daran. Auf diesem Kahn muss es heftig zugegangen sein.«

»Hat die Küstenwache letzthin irgendwas Verdächtiges gemeldet?«

»Nichts … Keine besonderen Vorkommnisse. Wir haben die Handelsmarine, den Zoll und die Kriegsmarine informiert. Man kann ja nie wissen.«

»Glaubst du, es war ein Überfall? Piraten? Schmuggler? Eine Abrechnung zwischen Drogenhändlern?«

»Ich glaube gar nichts. Mir geht der Sinn fürs Dramatische ab, ebenso wie die Fantasie. Sonst würde ich mir einen anderen Job suchen. Für die Analyse von Sprengstoffen sind wir hier nicht besonders gut ausgerüstet, deshalb haben wir eine Kopie deines Videofilms an verschiedene Polizeilabors der Hauptstadt geschickt. Dazu noch eine Spektrografie von dem entnommenen Sprengstoffruß und den Metallpartikeln.«

3

Durch das Fenster blickte man auf einen sternenübersäten Himmel, von der Straße drangen Séga-Rhythmen herein. Giran, Experte für Meeresökosysteme, ein junger Bursche mit lockigem Haar und dem Kinn eines Boxers, war entzückt. Entzückt, aber auch besorgt.

Dabei schien sein Besucher sich hier wohlzufühlen, denn er nippte in der kleinen aufgeräumten Wohnung genussvoll an seinem kreolischen Punch.

Giran bedachte ihn mit einem verlegenen Lächeln. Ein Lächeln, das seine großen Zähne entblößte und unweigerlich an den Kühlergrill eines Cadillac der FünfzigerJahre denken ließ.

»Sehen Sie, es gehört zu unserer Arbeit, zu beobachten, wie sich die Fauna und Flora hinter dem Korallenriff entwickelt. Aber wir können nicht ständig tauchen, und so nutzen wir die Klarheit des Wassers mit unserem kleinen Laborboot … Wir besitzen kein Tauchboot, doch wir können Kameras bis auf den Grund hinablassen. Direkt hinter dem Korallenriff senkt sich der Meeresboden um etwa fünfundsiebzig Meter und dann rapide in wirklich große Tiefen ab. Wie Sie wissen, ist diese Insel vulkanischen Ursprungs … Kurz, letzte Woche haben wir ihn entdeckt.«

Er verbesserte sich:

»Wir glaubten, ihn entdeckt zu haben. Ein professioneller Korallenfischer namens Hoareau sichtete ein riesiges Tier, ›gepanzert wie ein Kampf-U-Boot‹ - das waren seine Worte -, ein Tier, wie er es in seinem dreißigjährigen Berufsleben noch nie gesehen hatte … Bei seinem Anblick hat er schleunigst das Weite gesucht. Sie haben sicher den Artikel in der Lokalzeitung gelesen.«

Giran musterte seinen hochgewachsenen Gesprächspartner und nickte verwirrt.

»Für eine solche Begegnung ist der Begriff ›äußerst selten‹ gelinde gesagt eine Untertreibung. Gut. Ich werde Ihnen den Unterwasserfilm zeigen … Es wäre mir natürlich sehr lieb, wenn Sie diese Geschichte vertraulich behandeln …«

Inspektor Sénéchal, der es sich mit einem Glas in der Hand auf dem Wohnzimmersofa bequem gemacht hatte, erkundigte sich:

»Verwenden Sie etwa immer noch Videobänder?«

Der Biologe lächelte flüchtig.

»Alles eine Frage des Budgets: Das ist die übliche Ausstattung der öffentlichen Forschung … Um diese Bilder zu analysieren, bedarf es großer Erfahrung. Erwarten Sie bitte keinen Dokumentarfilm über die Meeresfauna, wie man das aus dem Fernsehen kennt … Meine Kollegen und ich haben dieses Material Dutzende von Malen angesehen, und ich muss gestehen, es ist wirklich sensationell.«

Wieder warf er Sénéchal einen besorgten Blick zu.

»Eigentlich wollten wir das alles für uns behalten, aber da Sie schließlich Polizeibeamter sind …«

»Umweltinspektor. Man könnte sagen, eine neue Rasse.«

Der Experte für Meeresökosysteme hielt die Fernbedienung in Richtung Videorekorder. Unten auf dem Bildschirm liefen in rasendem Tempo Zahlen ab. Die Grundfarbe bildeten verschiedene Blautöne. Ab und zu floh ein Fisch oder eine Qualle vor dem Lichtstrahl des Scheinwerfers, im Hintergrund bewegten sich dunkle Schatten.

»So, gleich kommt die Stelle.«

Der Aufnahmewinkel veränderte sich, ebenso wie die Farben.

»Jetzt stelle ich auf Zeitlupe.«

Etwas Verschwommenes zitterte auf der rechten Seite und bewegte sich dann nach links. Der Wissenschaftler deutete auf einen winzigen weißen Punkt. Er flüsterte, als fürchte er, das Bild könne sonst verschwinden:

»Da, der alte Vierfüßer!«

Sénéchal, der halb eingenickt war, fragte mit schwerer Zunge:

»Der alte Vierfüßer?«

»Das ist der Spitzname, den ihm die Fachleute gegeben haben … abgeleitet von seiner Art der Fortbewegung. Können Sie es jetzt auch gut sehen? Man muss seinem großen Auge folgen, in dem sich das Licht der Kameras widerspiegelt. Was da eben aufblitzte, war sein Maul. Oder vielmehr der Schmelz seiner Zähne.«

»Der Schmelz?«

»Seine Zähne sind mit Schmelz überzogen wie bei den Säugetieren. Unglaublich!«

»Hm. Man sieht nicht gerade viel.«

Das Bild bewegte sich wieder. Der Biologe schrie:

»Sehen Sie, hopp! Er verschwindet nach links!«

Der Mann seufzte geräuschvoll.

»Und … Abgang des seltensten Tieres der Welt.«

Noch einmal mühte sich Sénéchal vergebens, die Umrisse des seltensten Tieres der Welt auszumachen, die jedoch von den Farbschichten auf dem Bildschirm verschluckt wurden.

»Könnten Sie noch mal zurückspulen, Monsieur Giran?«

Diesmal nahm der Inspektor inmitten einer Schlammwolke ein wenig deutlicher die Stromlinienform eines großen blauen Fisches wahr, der eine ungewöhnliche Anzahl von Schwimmflossen zu besitzen schien. Kaum aufgetaucht, verschwand das Tier wieder in der linken Ecke des Bildschirms und zog eine Spur von aufgewirbelten Partikeln hinter sich her. Giran kommentierte:

»Darf ich vorstellen: der Quastenflosser, das Tier, das vor vielen Millionen Jahren mit den Dinosauriern hätte aussterben müssen. Eigentlich handelt es sich nicht wirklich um einen Fisch. Nicht mehr, genauer gesagt. Sehen Sie die Eichung unten auf dem Bildschirm? Er misst ungefähr einen Meter achtzig, also fast zwei Meter. Man erkennt sehr deutlich seine so außergewöhnlich geformte Rückenflosse.«

Wie sehr der Umweltinspektor auch die Augen aufriss, er sah wieder nur eine amorphe Zusammenballung von zitternden Formen und Farben.

»Auch die Art der Fortbewegung unterscheidet ihn von den Fischen. Er bewegt sich nicht wie ein moderner Fisch fort. Er besitzt die einzigartige Eigenschaft, ›trabend‹ unter Wasser zu schwimmen wie ein Vierfüßer, denn seine Schwimmflossen sind durch Gelenke verbunden.« Der Experte für Ökosysteme ahmte das Traben eines Pferdes nach, und Sénéchal musste sich ein Lachen verkneifen. »Er kann sich auch unvermutet rückwärtsbewegen wie eine Libelle oder ein Hubschrauber. Manchmal legt er auch eine Art Paso doble hin … Zumindest die wenigen Exemplare, die lebend gesichtet wurden.«

Giran hielt es nicht mehr auf seinem Sitz. Er rieb sich die Hände.

»Seine Geschichte beginnt am 22. Dezember 1938 in Südafrika. Der Kapitän eines Fischkutters fährt in den Hafen von East London ein, einem Ort östlich von Kapstadt. Im Museum dieser Stadt langweilt sich die Kustodin, eine gewisse Miss Marjorie Latimer, inmitten von Muscheln und ausgestopften Viechern.« Er schmunzelte. »Wie manchmal auch ich … An besagtem Morgen geht sie zum Hafen hinunter, um ihre Einkäufe zu erledigen. In den Netzen eines der Kutter entdeckt sie einen sonderbaren Fisch, bei dessen Anblick es ihr die Sprache verschlägt. Ein großer, übel gelaunter Fisch, der ihr, als sie ihn berühren will, in die Hand zu beißen versucht. Die Dame hat ein geschultes Auge und findet, dass dieser blau gepanzerte Fisch mit den weißen, silbrig glänzenden Punkten - so beschreibt sie ihn - keinem Lebewesen ähnelt, das sie jemals gesehen hat. Er ist so groß wie ein Mensch …«

Der Forscher warf einen Blick auf seinen hünenhaften Gesprächspartner.

»Natürlich nicht ganz so groß wie Sie, doch er wiegt genauso viel wie ein Mensch, etwa achtzig Kilo. Miss Marjorie Latimer findet es unfassbar, dass dieses aus den Tiefen der Zeit aufgetauchte Wesen noch existiert. Später wird sie übrigens erklären: ›Es war so, als wäre mir ein Dinosaurier über den Weg gelaufene Sie befragt den Kapitän des Kutters, der ihr erzählt, er habe seine Netze vor der Mündung des Chalumna-Flusses ausgeworfen und dort dieses außergewöhnliche Tier gefangen. Miss Latimer notiert dieses, wie Sie noch sehen werden, bedeutsame Detail, Monsieur Maréchal.« »Sénéchal. Mein Name ist Sénéchal. Vorname: Pierre.«

»Ja, ja … Anschließend fertigt sie eine Skizze von dem Fisch an und schickt sie Professor James Smith, einem bedeutenden südafrikanischen Ichthyologen.«

»Einem was?«

»Einem Südafrikaner, das Ganze spielt sich in Südafrika ab.«

»Nein, das Wort danach.«

»Ach, Pardon! Ein Ichthyologe. Ein Experte der Fischkunde … Kurz, dieser Smith taucht wenige Tage später in East London auf und identifiziert das Tier als Quastenflosser. Ein lebender Dinosaurier! Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Der Quastenflosser von Miss Latimer wird zur größten zoologischen Entdeckung des Jahrhunderts. Es ist, als stünde plötzlich ein Tier aus Jurassic Park vor uns.« Er lachte, wobei seine Schultern bebten und er noch mehr einem Vollblüter auf der Koppel glich. »Damals fängt man an, diesem Tier, das geradewegs der Urgeschichte entsprungen scheint, die Rolle des berühmten ›Missing Link‹ zuzuschreiben. Die Rolle des Vorfahren der Wirbeltiere. Denn man entdeckt, dass mehrere seiner Schwimmflossen Vorstufen von Gliedmaßen enthalten. Oder, besser gesagt, die künftigen Knochen der fünf Finger und Zehen des Menschen. Er könnte also der erste Fisch gewesen sein, der das Wasser verließ, um sich an Land zu begeben.«

»Dem Ungeheuer von Loch Ness dürfte das einen kräftigen Schrecken eingejagt haben … Wie lange hatte man diesen niedlichen Fisch aus den Augen verloren?«

»Nahezu dreihundertfünfzig Millionen Jahre.«

4

Der Geruch von Zimt und brennendem Akazienholz erfüllt die Luft.

Eine blaue Schürze um den üppigen Bauch geschlungen, steht die Witwe Hoareau im Licht einer nackten Glühbirne, die neben luftgetrockneten und geräucherten Fleischwaren von der Decke hängt, und bereitet ein Wurst-Rougaille zu, eine landestypische scharfe Sauce.

Wie auf Réunion üblich, ist ihre Küche - ein niedriger Raum mit Mauern aus Lavagestein - wegen Brandgefahr vom Hauptgebäude getrennt. Das Dach besteht aus Palmblättern, durch die der Rauch von der Feuerstelle abziehen kann. Mit einem Holzstößel zerstampft die Witwe unter heftigem Schnaufen die Mischung aus Chili und grobem Salz. Aus einem Kassettenrekorder erklingen kreolische Lieder, untermalt vom blechernen Klang einer Spieldose.

Sie hält inne und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Es ist sehr heiß. In dem alten Topf auf dem Holzofen geben die mit einer Gabel eingestochenen Würste ihre Salzlake an das kochende Wasser ab. Die Witwe hat die gewürfelten Tomaten und Zwiebeln auf einem Schneidebrett vorbereitet, das wie eine Opfergabe mitten auf dem mit einem kanariengelben Wachstuch bedeckten Tisch liegt. Durch die leicht beschlagene Scheibe im oberen Teil der Tür betrachtet sie den Nachthimmel.

Von ihrem Standort aus sieht Madame Hoareau durch diese Luke das Dach ihres Hauses und die vier großen Palmen, die ihr Grundstück säumen und sich jetzt im Abendwind zu wiegen beginnen. Sie liebt diese Stunde ganz besonders: die Stunde, wenn alles still ist.

Sie runzelt die Stirn: Eine Sekunde lang war es ihr, als wäre eine seltsame Gestalt vorbeigehuscht. Wie die eines Büßers … Ein Schatten vielleicht, der rasch zwischen den Stämmen hindurchgeglitten ist.

Die Witwe schaltet den Kassettenrekorder aus, greift nach einem Geschirrtuch, das seitlich am Herd hängt, und trocknet sich die Hände ab. Die Nase an die Scheibe gedrückt, späht sie erneut hinaus. Nichts. Die Palmwedel wogen sanft vor dem schwarzen Himmel.

Sie ist gerade wieder an den Herd getreten, als ein Aufprall an der Tür sie auffahren lässt. Die Witwe hört ein reibendes Geräusch, dann dumpfe Schläge, als stieße ein großes Tier mit dem Rücken an den Türstock.

Der Weiler, in dem sie wohnt, besteht aus fünf in den Bergen verstreuten Häusern. Er ist sehr abgelegen, weit von der Straße entfernt. Und die Küche besitzt nur einen einzigen Ausgang. Doch die Witwe Hoareau kennt keine Furcht, das wissen alle. Sie packt das große Tranchiermesser, das an der Wand hängt, wiegt es in ihren kräftigen Händen und geht zur Tür.

»Josef und Maria!«, grummelt sie. »Vermutlich einer dieser Säufer, der …«

Seitlich vor der Tür postiert, fragt sie:

»Wer ist da?«

Ein dumpfes »Hüüüüüüün« ist die Antwort, ein sonderbarer Laut wie das Winseln eines verwundeten Hundes. Sie senkt den Kopf, um besser zu hören. Ein Schauer überläuft sie. Das war nicht der Klagelaut eines Hundes. Das war eine menschliche Stimme.

Die Witwe bekreuzigt sich hastig, steckt das Messer vorne in ihre Schürzentasche und ergreift eine Machete, die gleich neben einem Sack mit glänzenden Zwiebeln in einem Schirmständer aus Bambus steckt … Damit wenigstens weiß sie umzugehen.

Die Waffe in der Hand, reißt sie die Tür auf. In dem rechteckigen Lichtfleck, der aus der Küche nach draußen fällt, erblickt sie einen Mann. Einen Mann, der vor ihr am Boden kniet. Er ist mit Schrammen übersät, getrocknetes Blut und Erde kleben an seinem Körper, die Kleidung ist zerrissen. Er hat die Hände zusammengelegt wie ein Bittsteller und blickt flehentlich auf die füllige Frau, die ihre Machete in den Nachthimmel reckt, erstarrt in der Pose einer etwas albernen Statue.

Mit zusammengepressten Lippen verfällt der Mann erneut in seinen näselnden Singsang: »Hüüüüüüün« - wie ein Kind.

Dicke glänzende Tropfen rinnen plötzlich aus seinen Augen.

Heiße Tränen, an denen er fast erstickt.

5

Sénéchal griff nach der Flasche und schenkte dem Forscher ordentlich von dem kreolischen Punch nach.

»Ich begreife, dass er für Aufsehen sorgt, Ihr Quastenflosser … Ein Fisch, der dreihundertfünfzig Millionen Jahre alt ist!«

»Er ist kein Fisch mehr, wie ich bereits erwähnt habe. Er hat sich von der Reihe der Fische entfernt, um sich derjenigen der Amphibien anzunähern, den erdgebundenen Vorläufern der Reptilien, der Vögel und Säugetiere. Es ist also kein weiter Schritt zu der Annahme, er sei unser Urahn. Man tauft den ersten offiziell wiederaufgetauchten Quastenflosser Latimeria chalumnae Smith. Und Smith, der Ichthyologe, verspricht demjenigen eine hohe Belohnung, der ihm ein weiteres lebendes Fossil bringt. Denn ihm ist zu Ohren gekommen, dass noch andere Exemplare vor den südafrikanischen Küsten gesichtet wurden.«

»Und, hat das geklappt?«

»Wie man's nimmt. Der gute Smith musste vierzehn Jahre warten, bis ihm 1952 der Fang eines weiteren Quastenflossers gemeldet wurde - diesmal vor der Insel Anjouan, einer der Vulkaninseln des Komoren-Archipels.«

»Wurden seither noch andere Quastenflosser gefunden?«

»Sechs vor den Küsten Südafrikas. 1986 ging einem Fischer in der Mosambik-Straße einer ins Netz, 1993 und 1995 dann jeweils einer hier in der Nähe. Der Letzte wurde in Anakao, unweit von Tulear, gefangen.«

»Tulear?«

»Unsere große Nachbarinsel im Süden von Madagaskar. Gleich hinter dem Korallenriff. Doch damit ist die Geschichte des Dino-Fisches keineswegs zu Ende. 1997 kommt es zu einer sensationellen Entdeckung. Man findet einen indonesischen Verwandten. Vor einer kleinen Insel namens Manado Tua, unweit von Sulawesi.«

»Zehntausend Kilometer von den Komoren entfernt? Dasselbe Viech?«

»Nicht ganz, das ist ja eben das Unglaubliche! Der Latimeria menadoensis, benannt nach dem Ort, wo er entdeckt wurde, hat in der Welt der Wissenschaftler für derartigen Wirbel gesorgt, dass man eine DNA-Analyse durchgeführt hat, um festzustellen, ob er sich von Miss Latimers Exemplar unterscheidet. Und das ist tatsächlich der Fall.«

»In welcher Hinsicht?«

Der Forscher dachte einen Augenblick nach.

»In genetischer Hinsicht, der wichtige Bezug zwischen Transition und Transversion und vor allem die Vorrangstellung der Kernsubstitution auf der Ebene der …«

Der Umweltinspektor reagierte ungehalten:

»Ja, danke, danke, und was sonst noch?«

»Das indonesische Exemplar gehört einer neuen Art an. Man hatte das allerseltenste der seltensten Tiere der Welt gefunden … Ein weiterer Vorfahre von uns.«

Sénéchal starrte mit höchster Konzentration auf den Inhalt seines Glases, als könnte er darin die Zukunft der aussterbenden Arten lesen. Mit samtweicher Stimme fragte er:

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Ihre Suche nach dem Quastenflosser von Réunion beharrlich fortgesetzt haben, Monsieur Giran?«

»Selbstverständlich … Wir überwachen das Gebiet, in dem er gesichtet wurde, vor allem nachts, denn es handelt sich um einen Nachtjäger, der im Dunkeln an die Oberfläche kommt … Zumindest in der Theorie.«

»Und warum haben Sie die FREDE, die Abteilung zur Verfolgung von Umweltdelikten, alarmiert?«

»Hm … Weil wir Besucher in Port haben.«

»Port? Im Hafen? Welcher Hafen?«

»In Port. Die Stadt, in der der Hafen von Réunion liegt, heißt Le Port. Sie liegt zwanzig Kilometer von Saint-Denis entfernt.«

»Und?«

»Eine Schweizer ozeanografische Stiftung ist dort mit einem Laborschiff und einem Tauchboot unterwegs. Was mein Team und mich natürlich beunruhigt. Als Ihre Chefin, Madame Pommier …«

»Pottier.«

»… als sie mir gesagt hat, Sie befänden sich auf unserer Insel …«

»Und was ist nun mit dieser Stiftung?«

»Wir wissen nicht, woher diese Leute kommen: Plötzlich waren sie da, wie in einem dieser Science-Fiction-Filme. Offenbar sind sie bestens ausgerüstet - weit besser als wir, wie ich erfahren habe -, und sie könnten uns den Rang ablaufen. Außerdem horchen sie die Fischer aus, über die hiesige Unterwasserfauna … Und schließlich wurden diese Schweizer dabei beobachtet, wie sie in der Nähe des Cap Méchant patrouillierten, wo der Korallenfischer das Tier gesichtet hat.«

»Das Kap des Bösen?«

»Ein Stück südlich eines Ortes namens Puits des Français.«

Der Umweltinspektor wunderte sich.

»Sie könnten doch auch aus einem ganz anderen Grund hier sein, oder?«

Der Biologe lächelte bitter.

»Mir gefallen solche Zufälle nicht. Ich fürchte, sie wollen uns zuvorkommen. Oder noch Schlimmeres.«

»Schlimmeres?«

»Sie könnten versuchen, ihn zu fangen. Und das würde er nicht überleben.«

»Warum?«

»Unser vierbeiniger Freund lebt in der Tiefe unter dem Druck von mehreren Atmosphären. Er ist ein Lungenatmer. Er würde implodieren, wenn man ihn überstürzt den Druckverhältnissen der Meeresoberfläche aussetzte. Den unseren.«

»Wie könnte man ihn dann lebend heraufholen?«

»Die einzige Lösung wäre, ihn in einen Druckkasten zu stecken, wie Taucher, die man ›rekomprimiert‹, um eine Gasembolie zu verhindern. Doch das ist sehr gefährlich, weil man nicht alles über seinen Stoffwechsel weiß.« Giran seufzte. »Wissen Sie … Obwohl er strengstens geschützt ist, hat unser Vorfahr ein neues Problem. Ein Problem, das er vor dreihundertfünfzig Millionen Jahren gewiss nicht hatte …«

»Und das wäre …?«

»Er besitzt ein elastisches und hohles Rückgrat ohne Wirbel.«

Sénéchal hob die Schultern.

»Und?«

»Leider befindet sich darin flüssiges Rückenmark. Und unlängst ist im Fernen Osten ein neues Hirngespinst aufgetaucht … Dieses unglaubliche Tier hat, wie ich Ihnen schon erläutert habe, dreihundertfünfzig Millionen Jahre überlebt. Zu der Vermutung, man könnte durch die Einnahme dieser ›Vitalflüssigkeit‹, das heißt seines Rückenmarks, das eigene Leben verlängern, ist es nur ein kleiner Schritt, den gewisse Leute in Asien bereits vollzogen haben … Ein neues Elixier für ein langes Leben, das äußerst rar und natürlich von unschätzbarem Wert ist.«

Sénéchal knurrte:

»Ach ja! Diese verdammte Geschichte mit der Unsterblichkeit. Und immer müssen die Tiere dafür herhalten.«

»Vor einiger Zeit«, fuhr Giran fort, »ist daher die Jagd auf den alten Vierfüßer offiziell eröffnet worden. Besonders durch die Japaner. Und da die submarinen Forschungsmethoden immer ausgefeilter und komplexer werden …«

»Glauben Sie, dass man ihn nur wegen seiner Rückenmarkflüssigkeit jagt?«

»Nein. Schon für ein totes Exemplar würde jedes Museum ein Vermögen bezahlen. Und erst recht für ein lebendes … Ich wage nicht, mir die Summe vorzustellen, die für eine neue Art hingeblättert würde, sollte hier eine gefunden werden. Das Laborschiff eines privaten japanischen Museums wurde bereits von den Behörden der Komoren verdächtigt, nach dem Quastenflosser zu jagen. Diesem Schiff ist es fortan untersagt, sich in Gegenden aufzuhalten, wo Vierfüßer gefunden wurden.«

Der Forscher unterbrach sich, zögerte, wog seine Worte sorgsam ab und meinte dann:

»Ich muss gestehen, dass ich diese Leute nur schwer verstehe.«

»Die Japaner?«

»Nein, die Idioten.«

6

»Pierre? Hier Lucrèce … Genießt du deine Studienreise? Sag mal, in deiner Gegend passieren wirklich merkwürdige Dinge. Du hattest mich ja gebeten, dich über die Aktivitäten der FREDE auf dem Laufenden zu halten … Aber du liegst wahrscheinlich die ganze Zeit in der Sonne, was? Hier gießt es in Strömen …«

Sénéchal unterbrach ihn.

»Lucrèce?«

»Ja?«

»Könntest du zur Sache kommen, mein Freund?«

Serge Méjaville alias Lucrèce, Chemiker bei der Abteilung zur Verfolgung von Umweltdelikten, war ein kleiner rundlicher Mann mit müdem Gesicht, der, stets schlecht rasiert, sein Genießerbäuchlein durch die Gänge der FREDE schob, wo er über das einzige Labor herrschte. Seine Marotte war das Sammeln von Fliegen - Querbindern -, die er in Dosen aufbewahrte, welche eigentlich für tropische Schmetterlinge bestimmt waren. Er kannte unzählige Methoden, die der menschliche Zweibeiner im Laufe der Zeit entwickelt hatte, um seinesgleichen in eine vermeintlich bessere Welt zu befördern.

»Also, um es kurz zu machen … Wir haben von der Polizei in Saint-Denis auf Réunion eine E-Mail mit einem Dateianhang bekommen. Sie enthält die Spektrografie einer chemischen Substanz.«

»Und um welche chemische Substanz handelt es sich bei deiner Spektrografie?«

»Um Rückstände von Sprengstoff und Metallpartikel. Genauer gesagt, von einem Sprengstoff, der explodiert ist. Sie wurden auf den Überresten eines Bootes gefunden und auf einem Metallkanister mit Totenkopf. Beides wurde an den Strand der Insel geschwemmt, ganz in der Nähe eines Ortes namens Le Puits des Français.« »Le Puits des Français, sieh mal an … Überreste eines Bootes und ein Kanister mit Totenkopf. Gehörten die zusammen?«

»Ja, die beiden Polizisten haben eine kommentierte Videoaufnahme von ihrer Entdeckung gemacht. Offenbar ist ein kleines Schiff auf dem Meer explodiert. Es transportierte einen oder mehrere dieser Kanister mit Totenkopf.«

»Sehr interessant. Und vermutlich auch umweltschädlich.«

»Was aber noch interessanter ist: Aufgrund der Spektrografie habe ich sofort an militärischen Sprengstoff gedacht. Wir haben das überprüft, und meine Vermutung hat sich bestätigt. Der Sprengstoff stammt aus einer Waffe, wir wissen noch nicht, aus welcher. Auf dem Video sieht man übrigens, dass ein Metallkörper mit großer Wucht den Kanister durchschlagen hat. Aber was noch schlimmer ist, wir haben auch den blutdurchtränkten Fetzen eines Hemdes gefunden und menschliche Haut, die durch die Hitze an dem Kanister festklebte, außerdem den Splitter eines Zahns und geschmolzenes Gold. Die Explosion hat mindestens ein Opfer gefordert.«

»Ach! Und woher kommt das Gold? Ein Piratenschatz?«

»Hm, es könnte auch von einem Goldzahn stammen oder von einem Schmuckstück, einer Kette oder einem Ring … Daraus lässt sich zumindest folgern, dass die Explosion sehr hohe Temperaturen ausgelöst hat.«

»Weißt du, was in dem Kanister war?«

»Nein. Er war leer. Ich kann daraus lediglich den Schluss ziehen, dass man mit einer Kriegswaffe ein kleines Schiff in die Luft gesprengt hat, das mit Totenköpfen versehene Kanister beförderte. Eine verabscheuungswürdige Manie … Und dass es mindestens ein Opfer gab.«

7

»Mich ziehen Kanister mit Totenkopf geradezu magisch an. Das ist, wie soll ich sagen, ein Relikt meiner kindlichen Leidenschaft für Piratenfilme.«

Vannier, Dienststellenleiter der Gendarmerie, warf einen verärgerten Blick auf Sénéchal, der ihm gegenüber am Schreibtisch saß. Er drehte und wendete noch einmal die mit der Trikolore versehene Karte, auf der »Fraudes et Délits sur l'Environnement« zu lesen war, dazu die offensichtlich echten Stempel der drei übergeordneten Ministerien: Gesundheit, Inneres und Umwelt. Selbst das daraufgeklebte Foto des Inspektors reizte ihn. Erneut musterte er den Hünen mit den Hosenträgern. Dann legte er langsam die Karte neben sich, ohne Anstalten zu machen, sie ihrem Besitzer zurückzugeben.

»FREDE … kenne ich nicht. Ihre Dienststelle ist wohl mehr oder weniger geheim, Monsieur ähm …«

Er beugte seine kantige Technokraten-Visage über die Karte, als suche er aus dieser Perspektive eine mit Geheimtinte geschriebene Beleidigung zu entziffern. Mit verkniffenem Mund las er:

»Monsieur Sénéchal …«

Sénéchal strich zerstreut eine Falte in seiner beigefarbenen Hose glatt und hob dann mit leicht belehrender Geste seine große Pranke.

»Oh, wir sind in gewisser Hinsicht Ordensritter, verschanzt hinter uneinnehmbaren Mauern.«

»Ach ja?«

»Und sicherlich auch zu schlecht bezahlt, um auf hilfsbereite Kollegen hoffen zu dürfen. Tapfere Männer von echtem Schrot und Korn, wie in der guten alten Zeit. Und natürlich sind wir allzeit bereit, verstehen Sie, Monsieur Vannier?«

»Und Ihre Aufgabe ist tatsächlich der Umweltschutz? Aber diese Frage ist vielleicht indiskret.«

»Wussten Sie, dass tagtäglich zwischen fünfzig und dreihundert Pflanzen- und Tierarten aussterben? Dass die Menschen an den Tieren einen wahren Genozid verüben? Haben Sie nicht manchmal den Eindruck, die Menschheit hätte beschlossen, der Natur ein für alle Mal den Garaus zu machen?«

»Sicher, sicher. Aber mir ist nicht ganz klar, warum sich Ihre Abteilung, ähm, für die Verfolgung von Umweltdelikten für dieses gesunkene Boot interessiert. Bestimmt handelt es sich um eine Schmugglergeschichte, hier gibt es etliche Typen, die mit Barkassen aus Madagaskar kommen und …«

»Dieses Boot, das Kanister geladen hatte, die a priori Toxine enthielten, ist genau in jenem Sektor explodiert, der mich außerordentlich interessiert.«

»Ach ja?«

Der Umweltinspektor bedachte sein Gegenüber mit dem durchdringenden Blick eines Nachtvogels.

»Monsieur Vannier, mir wurde berichtet, dass in Ihrem Hoheitsgebiet eine äußerst seltene und streng geschützte Tierart vorkommt, die all unsere wohlwollende Aufmerksamkeit verdient. Noch dazu soll unlängst in demselben Sektor, in der Nähe von Puits des Français, ein privates Laborschiff unter helvetischer Flagge gesichtet worden sein, das verdächtigt wird, besagtes Tier zu jagen. Das beunruhigt mich, verstehen Sie? Also werde ich weiterhin diese wunderschöne Insel durchstreifen, ob Ihnen das nun passt oder nicht. Mit oder ohne Ihrer polizeilichen Unterstützung. Je mehr Bullen, desto größer der Spaßfaktor, ist doch so?«

8

Das Laborschiff der Abyss Foundation war eine dreimastige Luxusjacht von über dreißig Meter Länge. Sénéchal bewunderte den langgestreckten Rumpf, das prächtige Deck aus Teakholz, die kupfergefassten Bullaugen, die eindrucksvolle Takelage mit den weißen Segeln, die von Möwen umkreist wurde. An einer chromblitzenden Fahnenstange wehte über dem Heck die Schweizer Flagge. Auf der kaiabgewandten Seite des Schiffs hing an einem doppelten weißen Galgen ein Tauchboot. Am Heck stand ein schlanker Mann und stützte sich auf die Reling. Er trug eine Schirmmütze, die weiße Hose schien maßgeschneidert. Sein Gesicht war gebräunt, und er strich mit dem Finger seinen schwarzen Schnurrbart à la Clark Gable glatt.

Sénéchal pirschte sich im Schutz einiger am Kai aufgestapelter Kisten heran und beobachtete ihn eine Weile. Dann ging er über die Gangway direkt auf den Mann zu, in der Hand seinen Dienstausweis mit der Trikolore. Das perfekt lackierte Deck unter seinen Füßen bewegte sich kaum.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, kam der Mann ihm entgegen. Auf seiner Schirmmütze stand in weißen Lettern »Abyss Foundation«. Er blieb vor dem Besucher stehen und musterte ihn unbeeindruckt.

»Die Polizei … Na, so was! Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?«

»Den würde ich bekommen.«

»Und Sie sind Monsieur …«

»Sénéchal. Inspektor Sénéchal.«

Der Mann streckte ihm die gebräunte Hand entgegen. Der Druck war fest. Ein wettergegerbtes Gesicht, die Nase gerade, die Augen hell. Sénéchal schätzte ihn auf gut vierzig.

»Ich bin Hans Ziegler. Willkommen an Bord, Monsieur Sénéchal. Entschuldigen Sie meine Förmlichkeit.« Er schmunzelte. »Aber das ist normal, ich bin schließlich Schweizer. Förmlichkeiten sind sozusagen in unserer Verfassung verankert.«

Sénéchal reichte ihm seinen Ausweis. Der Mann hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von sich, was auf starke Weitsichtigkeit schließen ließ.

»Abteilung zur Verfolgung von Umweltdelikten. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf … Wie interessant. Eigentlich sind wir ja in derselben Branche tätig … Auch wir kümmern uns um die Umwelt.«

Der Mann hatte einen stark ausgeprägten deutschen Akzent und stockte leicht bei den Nasallauten. Er gab dem Umweltinspektor seinen Ausweis zurück.

»Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ach, reine Routinesache. Ich sammle Informationen für das Ministerium.« Sénéchal machte eine vage Handbewegung. »Nichts Besonderes. Sie sind also eine Art private Forschungsgesellschaft?«

»Unsere Arbeit geht etwas weiter. Eines der Ziele der Abyss Foundation ist es, neue Tier- und Pflanzenarten zu entdecken, zu klassifizieren und zu studieren.«

»Und finden Sie oft welche?«

»Ich würde sagen … immer mal wieder.«

Plötzlich schien Sénéchal jegliches Interesse an dem Gespräch verloren zu haben.

»Darf ich mir mal Ihr Tauchboot ansehen? Diese Dinger haben mich schon immer fasziniert.«

»Aber bitte sehr. Snoop macht alle Besucher neugierig.«

»Snoop?«

»Das ist sein Spitzname.«

Das Tauchboot schwankte im Wind, der die Wasseroberfläche kräuselte. Es war mit Scheinwerfern, Sonden und Bogenlampen gespickt.

Sénéchal setzte seine Halbbrille auf, beugte sich vor und betrachtete aufmerksam das Gefährt. Er studierte die vorderen und hinteren Steuerhebel. Auf dem Armaturenbrett bemerkte er ein diskretes Symbol in Form einer roten vierflügeligen Schraube. Die schwarzen hydraulischen Greifarme, die bei Unterwassereinsätzen ausgefahren wurden, waren jetzt friedlich unter dem Gefährt gefaltet wie die Beine eines schlafenden Skorpions.

Der Schweizer, stets in der Rolle des leutseligen Führers, trat einen Schritt näher. An seinem Handgelenk bemerkte Sénéchal, wie bei einem begüterten helvetischen Staatsbürger nicht anders zu erwarten, eine wasserdichte goldene Uhr.

»In solchen Tauchbooten gibt es vorne eine Fischfalle und einen biologischen Behälter, um Kleintiere oder Plankton aufzunehmen. Momentan testen wir neue Lampen … eigentlich Filmscheinwerfer, um die Sicht in der Tiefe zu verbessern. Die Ergebnisse sind noch nicht berauschend. Und diese niedlichen Zangen hier könnten Ihnen durchaus den Arm abzwicken.«

Eine am Bug befestigte, etwa drei Meter lange Stange weckte die Aufmerksamkeit des Umweltinspektors. An ihrem Ende befand sich eine Art Miniaturfernsehantenne. Er wandte sich zu dem Schweizer um.

»Und dieses Ding da?«

Ziegler zögerte.

»Mit ihrer Hilfe können wir verschiedene Parameter des Wassers messen.«

»Des Wassers?«

»Ja, zum Beispiel die Salzkonzentration und, ähm … den Trübungsgrad. Um ehrlich zu sein, ich bin kein Fachmann …«

»Ich dachte, Sie wären Forscher?«

Der Schweizer verzog den Mund zu einem breiten Grinsen.

»Mein Forschungsdrang beschränkt sich auf das Streben nach Profit. Ich bin eher Geschäftsmann … Gewissermaßen erblich belastet. Ich glaube, dass eine Menge Gene automatisch weitergegeben werden und dass daher alle Zieglers von Geburt an über einen ausgeprägten Geschäftssinn verfügen.«

»Und wie äußert sich das in diesem Zusammenhang?«

»Das Schiff und ein Großteil der Instrumente an Bord gehören mir. Ich stelle sie der Abyss Foundation zur Verfügung.«

»Eine Art Sponsoring, Monsieur Ziegler?«

Der Schweizer kicherte.

»Euch Franzosen fällt es immer schwer zu glauben, dass beide Konzepte zusammenpassen.«

»Welche Konzepte?«

»Nun, die Forschung und das Geld … Wir Schweizer schämen uns nicht dafür. Zweifellos eine Frage der Kultur. Einige Forschungsprojekte der Abyss Foundation werfen mittel- oder langfristig Gewinn ab. Im Gegenzug für meine Großzügigkeit profitieren meine Firmen oft vorrangig von den Forschungsergebnissen der Stiftung. Meine größte Freude bei der Sache ist allerdings, an Bord meines eigenen Schiffs reisen zu können … Wer träumt nicht von einem Job, bei dem man ferne Inseln bereisen kann …«

Sénéchal blickte zu den sorgfältig eingeholten Segeln empor.

»Und die Mannschaft? Ich nehme an, für ein Schiff dieser Größe bedarf es einer Crew?«

»Heutzutage nicht mehr, dank der Elektronik … Wir leben im 21. Jahrhundert, lieber Freund.«

Der Schweizer zückte ein Sturmfeuerzeug und zündete sich mit einer lässigen Geste ein dünnes Zigarillo an. Er nahm einen Zug, stieß den Rauch aus, der vom Wind davongetragen wurde, und fuhr nach kurzer Überlegung fort:

»Der Reichtum des Meeres besteht nicht nur aus versunkenen Schätzen. Manchmal liegen die Schätze direkt vor unseren Augen. Man braucht nur ein wenig Grips.«

Er trat an die Reling und deutete mit seinem Zigarillo auf das Wasser.

»Haben Sie sich mal gefragt, wie die Korallen es anstellen, dass sie bei Ebbe nicht von der Sonne verbrannt werden?«

»Ehrlich gesagt, nein.«

»Nun, sie sondern eine Substanz ab - fragen Sie mich nicht, welche, ich kann mir all diese wissenschaftlichen Namen nicht merken. Eine Substanz, die sie schützt. Das hat eines der kleinen Genies, die für die Stiftung arbeiten, entdeckt. Diese Substanz ist ein ausgezeichneter natürlicher Schutz gegen die Sonnenstrahlen und ihre gefährlichen Folgen: die Schädigung der menschlichen Haut.«

»Der menschlichen Haut …«

»Es hat fünf Jahre gedauert, bis wir das Produkt entwickelt hatten.«

»Wir? Von wem sprechen Sie?«

»Wir, das sind die Ziegler-Laboratorien … Fünf Jahre nach der Entdeckung dieser Substanz haben wir eine Sonnenschutzserie auf den Markt gebracht, die auf gewissen Korallen basiert. Diese Produkte sind geschützte Markenzeichen und werden für teures Geld weltweit verkauft. Über das finanzielle Ergebnis können wir uns nicht beklagen.«

»So wie Sie es darstellen, scheinen die Geschäfte ganz einfach.«

»Es gibt viele Möglichkeiten. Seltsamerweise wird das Meer nicht so gut genutzt, wie man es erwarten könnte - obwohl es den größten Teil der Erdoberfläche bedeckt.«

Ziegler deutete erneut aufs Wasser.

»Dort gibt es alles, um vier, fünf gelungene Coups in einem Leben zu landen. Eine wahre Goldgrube. Man findet darin einzigartige Komponenten, die im medizinischen, kosmetischen und landwirtschaftlichen Bereich genutzt werden können … Fünfzig Prozent aller Forschungsprojekte zur Behandlung von Krebs basieren auf Meeresorganismen. So wurde das Medikament Azidothymidin, mit dem AIDS behandelt wird, aus einem Schwamm entwickelt, der am Großen Barriere-Riff in Australien vorkommt. Wahrscheinlich wussten Sie genauso wenig wie ich, dass dieser Organismus eines Tages zu etwas anderem dienen würde, als sich zu waschen, stimmt's?«

Ein leichte Brise strich durch die Wanten, ein Fall vibrierte. Ziegler nahm seine Schirmmütze ab und fuhr sich mit der Hand durch das blonde Haar, das sich leicht im Nacken kräuselte. Sénéchal bemerkte, dass er von Sommersprossen bedeckte Geheimratsecken hatte und sich vermutlich die Haare färbte, denn der Ansatz war hellbraun.

Der Mann setzte die Mütze wieder auf.

»Übrigens, Inspektor, die Buchhaltung der Abyss Foundation ist so transparent …«

Er wies mit großer Geste auf das Meer.

»… wie das Wasser, das Sie hier sehen.«

»Davon bin ich überzeugt. Laden Sie mich zu einem kleinen Rundgang auf Ihrer Jacht ein?«

9

Sie stiegen eine schmale Treppe hinab und durchquerten zwei Gänge. Der elegante Jachtbesitzer öffnete eine Tür mit der Aufschrift »Labor«. Der Raum erstrahlte im Licht der Neonlampen unter der Decke, die dem Umweltinspektor sehr niedrig vorkam. Vorsichtshalber bückte er sich beim Eintreten. An metallenen Arbeitstischen saßen fünf Personen in weißen Kitteln, umgeben von elektronischen Instrumenten, Aquarien, chromblitzenden Geräten, Mikroskopen, Reagenzgläsern und Computern. Es roch nach Jod und chemischen Substanzen.

Ziegler verkündete in die Runde:

»Dieser Herr ist vom Umweltministerium. Er will sich ansehen, was wir hier machen. Im Rahmen einer … ähm, einer Studie.«

Sénéchal spürte unter seinen Füßen ein kaum merkliches Schlingern. Er grüßte die Anwesenden mit einer Handbewegung.

»Lassen Sie sich durch mich nicht stören.«

Ein bärtiger Mann bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln, eine junge Frau mit ernster Miene nickte ihm kurz zu, und ein Rotschopf starrte ihn unverhohlen an. Die beiden anderen, die ihm den Rücken zuwandten, hoben nur den Arm zum Gruß: Sie waren gerade damit beschäftigt, etwas unter einem Mikroskop zu untersuchen.

Der Umweltinspektor setzte behutsam einen Fuß vor den anderen, um nicht eines der zahlreichen Glas- und Plastikgefäße von den Tischen zu stoßen. Auf dem Monitor unter der Decke bewegte sich etwas: ein albtraumartiges Tier, ähnlich einem platt gedrückten Krebs mit hellem stachelbewehrtem Panzer. Die skelettartigen Beine vollführten träge Bewegungen, die an einen makabren Tanz erinnerten.

Ein Kabel verband den Monitor mit einem Gerät, das einem grauen Kanister glich. Dieses Behältnis verfügte über dicke runde Bullaugen, wie einst die Taucherhelme. Sénéchal beugte sich vor, um durch eines hindurchzuschauen. Auf der Einfassung bemerkte er die kleine rote Schraube, die er auch schon auf dem Armaturenbrett des Tauchboots entdeckt hatte. Daneben stand: »Takenushi Corporation«.

Der Behälter war vollständig mit schwach erleuchtetem Wasser gefüllt. Sénéchal hielt Ausschau nach dem Riesenkrebs, den er auf dem Bildschirm an der Decke gesehen hatte, doch er sah nur ein etwa drei Zentimeter langes Wesen, das seine winzigen Scheren vor dem Objektiv einer Unterwasserkamera bewegte. Enttäuscht hob er den Kopf.

»Was ist denn das für ein Ding? Ein Aquarium?«

Die junge Frau antwortete:

»Das ist eine Druckkammer, genau gesagt, eine hyperbare Druckkammer, in der Tiere aus großen Tiefen überleben können. Organismen, die normalerweise unter erheblichem Druck leben.«

»Holen Sie die Viecher selbst rauf?«

»Nein, dafür sind wir nicht ausgerüstet. Snoop kann nur zweihundert Meter tief tauchen.«

Ziegler ergriff das Wort:

»Wir kaufen sie den Leuten ab, die sie von da unten raufholen.«

»Ist das teuer?«

»Tiefseetauchen ist sehr kostspielig. Aber unter den Tieren gibt es einen Wurm von zwei Meter Länge, einen ähm …«

»Riftia pachyptila, der Bartwurm«, präzisierte die junge Frau.

»Genau. Der interessiert uns besonders. Dieser Riesenwurm produziert Substanzen …«

Erneut kam die Wissenschaftlerin Ziegler zu Hilfe:

»Enzyme. Nebenbei gesagt, dieser Wurm ist in der Lage, Schwermetalle aus tief liegenden Thermalquellen zu verdauen und daraus eine Art mineralische Röhre herzustellen, die ihm als Behausung dient.«

»Stellen Sie solche Enzyme her?«, erkundigte sich Sénéchal.

Wieder war es Ziegler, der antwortete:

»Wir vermarkten sie. Sie werden bei komplexen industriellen Prozessen verwendet.«

Die junge Frau fügte hinzu:

»Die hyperbare Druckkammer ist normalerweise für die Bartwürmer bestimmt, aber im Moment haben wir keine, wie Sie gesehen haben.«

Sénéchal nickte.

»Verstehe. Und sondert dieser kleine Krebs auch Enzyme

ab?«

Die junge Forscherin lachte:

»Ganz und gar nicht. Amadeus ist unser Bordmaskottchen!«

»Einen Whisky, Monsieur Sénéchal?«

»Gerne, Monsieur Ziegler, danke.«

»Ich dachte, Polizisten trinken im Dienst nicht?«

»Ich habe eine Ausnahmegenehmigung von der medizinischen Fakultät. Sie scheinen irritiert. Ich werde Sie nicht mehr lange aufhalten.«

Ziegler lächelte flüchtig und lehnte sich in seinem Sessel zurück, der wie der ganze Salon aus Mahagoni und rötlichem Kupfer bestand.

»Nun, ich fürchte, dass ich Sie mit meinen … Finanzgeschichten schockiert habe. Wissen Sie, die Abyss Foundation betätigt sich auch in Bereichen der Wissenschaft, Forschung und Entwicklung, die, wie soll ich sagen … ganz und gar nicht profitorientiert sind.«

»Sondern?«

»Nehmen wir eines der letzten Beispiele. Eine Meeresschildkröte, die Unechte Karettschildkröte, Caretta caretta ist eine von drei Arten, die im Mittelmeerraum leben. Sie sind vom Aussterben bedroht. Es gibt nur noch zweitausend Exemplare.«

»Warum?«

»Ölteppiche, Schleppnetze, Verschmutzung, Schiffsschrauben … Sie wandern jedes Jahr in die Bucht von Neapel, eine Industriezone, wo es keine Nischen mehr für die Fortpflanzung gibt. Das ist ein großes Problem … Kurz, im letzten Jahr haben wir mit einem Forschungsprojekt zu der Unechten Karettschildkröte im Mittelmeer begonnen …«

»Und worin besteht das?«

»Zunächst fangen wir so viele Exemplare wie möglich. Dann wird an ihrem Panzer ein Satellitensender befestigt.« Ziegler gab durch eine nonchalante Handbewegung zu verstehen, dass er mit dieser undankbaren Arbeit nichts zu tun hatte. »Alle fünfzig Sekunden schickt der Sender ein Signal an einen Satelliten, der alle Bewegungen des Tieres registriert und Daten, wie etwa die Eintauchdauer, speichert. Außerdem verfügt er über ein Ortungssystem.«

»Und?«

»Man hat festgestellt, dass die Schildkröten in sechs Monaten vier- bis fünftausend Kilometer zurücklegen. Türkei, Peloponnes, das griechische Festland. Doch es ist immer noch unklar, welche Signale sie in die Bucht von Neapel locken. Das versuchen wir herauszufinden, unter anderem, um die Art vor dem Aussterben zu retten.«

»Kann man diese Sender im Handel beziehen?«

»Nein, nein. Ingenieure einer japanischen Firma haben sie uns zur Verfügung gestellt. Im Rahmen einer Kooperation.«

Sénéchal lächelte.

»Nun, Monsieur Ziegler, Sie haben mich davon überzeugt, dass Sie nicht nur Geschäftsmann sind. Ganz offensichtlich sind Sie mit der Natur und ihren Wundern bestens vertraut!«

Plötzlich flog, wie im Theater, die Tür auf, und ein pummeliger Mann stürzte keuchend herein. Er trug ein Poloshirt und halblange Bermudas, die rosafarbene Erdbeeren auf grell orangenem Grund zeigten. Die Augen in seinem runden Gesicht waren ständig in Bewegung. Hastig schüttelte er dem Besucher die Hand.

»Charles Designe. Designe in einem Wort. Entschuldigen Sie, meine Herren, aber ich bin durch ein Telefonat mit einem Vertreter unserer Kleinaktionäre aufgehalten worden.«

Sein Blick ruhte jetzt auf dem Hünen, der bequem in einem Sessel saß und sich bei seinem Eintritt nicht erhoben hatte, ihn nun aber unverwandt musterte. Belehrend hob er den Zeigefinger.

»Merken Sie sich gut, Monsieur, der Ausbund des Bösen auf dieser Welt ist der Kleinaktionär … Sobald er drei Cents gespart hat, will er an die Tafel der Reichen geladen werden. Dafür ist dieser kleine Widerling zu allem bereit.«

Ziegler lächelte.

»Sie müssen Charles entschuldigen, er ist Franzose … Ich hoffe, Sie sind nicht irgendwo Aktionär, Monsieur Sénéchal?«

Designe fragte:

»Dürfte ich Ihren Dienstausweis oder irgendein anderes Dokument sehen, Herr Polizist?«

Der Schweizer runzelte die Stirn, als hätte sein Partner einen Fauxpas begangen. Sénéchal hielt ihm vom Sessel aus seine Karte hin. Er stellte fest, dass Designes Haar zerzaust war und der Mann nach Seeluft und Schweiß roch. Unter den Achseln seines Poloshirts zeichneten sich dunkle Flecke ab.

Charles Designe studierte die Karte gründlich, wandte sich dann ab und ging zu einem Sessel. Er nahm Platz, streckte die Beine aus und schlug sie übereinander. Aus seiner Hosentasche zog er ein mit Guillochen verziertes silbernes Zigarettenetui, entnahm ihm eine Zigarette mit goldenem Filter, legte es auf den Couchtisch und drehte sich zu Ziegler um. Dieser zückte sein Feuerzeug und streckte, ohne sich zu erheben, den Arm aus, sodass Designe sich vorbeugen musste, um seine Zigarette anzuzünden. Genüsslich nahm er einen Zug, formte mit seinen vollen Lippen einen Rauchring, bewunderte ihn kurz und blies die Reste Richtung Decke.

Dann hob er das Zigarettenetui in die Höhe und sagte, als hätte Sénéchal schon lange auf diese Erklärung gewartet:

»Mit diesem System rauche ich weniger. Ich nehme etwa zehn pro Tag mit, und das reicht mir … Aber ganz kann ich es nicht lassen. Ach, ein oder zwei Laster muss man schließlich haben. Sonst wäre das Leben todlangweilig, finden Sie nicht auch? Wir haben alle unsere Fehler. Selbst Sie, da bin ich sicher …« Er stieß ein unangenehmes Lachen aus. »Ihre Behörde ist also auf Umweltdelikte spezialisiert. Das ist neu, nicht wahr? Wahrscheinlich braucht man dafür ja eine besondere Ausbildung. Aber was geht mich das an … Also, Inspektor, was könnte …«

Er beendete seinen Satz nicht, sondern machte eine ausholende Geste mit seiner Zigarette, die er wie ein Stäbchen zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Da der Besucher nicht reagierte, fuhr er fort:

»Vielleicht möchten Sie uns ein paar Fragen stellen? Hat Hans Ihnen etwas zu trinken angeboten?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schenkte er sich einen Whisky ein. Ziegler verzog keine Miene. Sénéchal lehnte sich in seinem Sessel zurück und hob den Blick, als wolle er sich an die Zimmerdecke wenden:

»Ich möchte ganz offen sein: Suchen Sie in dieser Gegend einen - oder mehrere - Quastenflosser?«

»Quastenwas?«

»Quastenflosser.«

Designe wedelte mit seiner Zigarette in der Luft herum.

»Mineralisch, tierisch oder pflanzlich?«

Ziegler griff ein.

»Nicht dass ich wüsste, aber wir beobachten viele verschiedene Tiere. Erlauben Sie?«

Er zog ein kleines chromglänzendes Handy aus seiner Brusttasche.

»Im Labor kann uns sicher jemand antworten. Weißt du etwas darüber, Charles?«

Designe setzte eine Miene auf, als wolle er liebend gerne weiterhelfen, könne es aber leider nicht.

Ziegler telefonierte eine Weile.

Schließlich legte er auf und erklärte Sénéchal:

»Einer unserer Männer weiß, was das ist. Ein uralter Fisch. Und äußerst selten … Innerhalb von fünfundsechzig Jahren wurde kaum ein halbes Dutzend gesichtet. Aber er ortete das Tier in Südafrika, in Indonesien …«

»Hm, dann hat er das Exemplar vor Madagaskar vergessen. Ganz in unserer Nähe.«

Der pummelige Mann erkundigte sich mit gespielter Sorge:

»Geht Ihnen eins ab?«

»Vielleicht. Es handelt sich um ein Tier, das durch die Konvention von Washington geschützt wird.«

Angesichts zweier verständnisloser Gesichter erläuterte er:

»Gemäß Artikel zwei, Paragraf eins des United Nations Environment Programme UNEP. Ist Ihnen diese Organisation nicht bekannt?«

Designe schien plötzlich ein Licht aufzugehen.

»Sagen Sie bloß, Monsieur Sénéchal, Sie haben uns diesen kleinen Besuch abgestattet, weil Sie glauben, dass wir diesen seltenen, streng geschützten Fisch jagen?«

»Hm. Sie müssen verstehen, meine Herren, ich habe Vorgesetzte. Und diese Vorgesetzten wollen alles sehen und wissen, das ist ihr Job. Ihre Bestimmung hier auf Erden … Oft frage ich mich: Wie zum Teufel haben sie dies oder jenes nur erfahren? Sie müssen zugeben, dass das manchmal verwirrend ist …«

Die beiden gaben sich ganz offensichtlich alle Mühe zu verstehen, was Sénéchal ihnen da erzählte. Designe reagierte als Erster. Die launige Miene kehrte auf sein Gesicht zurück.

»Wir schwören Ihnen, dass wir nicht dieses Flossendingsbums jagen, Umweltinspektor.«

Sénéchal faltete seine Pranken über dem Bauch und seufzte.

»Sehen Sie, ich selbst habe gerade erst erfahren, dass man Geld mit Substanzen verdienen kann, die man aus Korallen entwickelt … Großartig. Und dass man Meeresschildkröten durch Sender überwachen kann.«

Designe blickte auf seinen Partner.

»Ach, hat Hans Ihnen davon erzählt? Na, der Gute hat wirklich keine Zeit verloren.« Seine Stimme klang jetzt schrill. »Typisch für ihn. Keine Sorge, die Meeresschildkröten sind ihm völlig egal … Sie sind nicht an der Wall Street notiert, also interessieren sie ihn auch nicht. Stimmt's, Hans?«

Er drehte den Kopf wieder zu Sénéchal.

»Hans ist unser Südseeabenteurer, unser Lord Jim … Er kann es nicht lassen, aller Welt von seinen kleinen Geschäften zu erzählen. Bei Ihnen ist das natürlich etwas anderes, Inspektor.«

Er bedachte den großen Blonden mit einem väterlichen Blick. Doch seine funkelnden Augen verrieten, dass er innerlich kochte. Oder zeigte sich bei dem dicken Kompagnon die Wirkung des Whiskys?

Zieglers Wangen hatten sich gerötet, doch es gelang ihm, seine Lässigkeit zu bewahren. Alle schwiegen, und Designe fuhr sich mit der Hand über den Mund (Sénéchal hatte den Eindruck, dass er damit auch sein Lächeln wegwischte). Dann wandten sich beide gleichzeitig mit fragendem Blick dem Besucher zu. Dieser hatte sein mit einem Gummiband geschlossenes schwarzes Notizbuch und einen Kugelschreiber des Ministeriums aus der Tasche gezogen. Mit halb geschlossenen Lidern murmelte er freundlich: »Haben Sie Waffen an Bord, meine Herren? Die würde ich mir gerne mal ansehen.«

Er folgte den beiden Männern durch die Gänge der Jacht. Unterwegs zog der Schweizer, der nun verstimmt wirkte, einen kleinen, an einer dünnen Goldkette befestigten Schlüsselbund aus dem Hemd. Designe lief, die Hände auf dem Rücken verschränkt, pfeifend neben ihm her. Ob er wohl gerade im Geiste einen Kleinaktionär auf dem Scheiterhaufen röstete? Sénéchal vermutete eher, dass er ein Unbehagen überspielen wollte.

Sie blieben vor einer Eisentür stehen, die Ziegler wortlos öffnete. Im hinteren Teil des hellen, kahlen Raums stand ein mannshoher, bronzefarbener Safe. Ziegler machte sich an zwei Schlössern zu schaffen, die sich mit einem leisen Klicken öffneten. Sorgfältig in einer Halterung aufgereiht, schimmerten Gewehre und Karabiner, darüber hingen chromglänzende Sicherheitsbügel mit zahlreichen Stichwaffen. In einem Netz lagerten bunte Schachteln mit Munition. Außerdem bemerkte Sénéchal eine geschlossene Schublade, die neben dem Schloss mehrere Kratzer aufwies.

Der Umweltinspektor nickte mit Kennermiene.

»Mit dieser Artillerie könnten Sie einer Belagerung standhalten. Wovor fürchten Sie sich? Piraten?«

Designe lachte höhnisch.

»Nein, am gefährlichsten sind die Forscher von der Gegnerseite. Doch meistens ziehen wir es vor, sie zu ertränken, wenn sie unser Schiff zu entern versuchen.«

Ziegler kräuselte hochmütig die Lippen.

»Wir bewegen uns manchmal in Gebieten, die mehr oder weniger … sicher sind. Auf diesem Schiff gibt es etliche Dinge von erheblichem Wert, Monsieur Sénéchal. Letztes Jahr hatten wir in einem Karibikhafen größere Schwierigkeiten. Ein paar Männer sind in einem Boot backbord vorbeigefahren und haben uns mit ihren Schreien abgelenkt, während ihre Kumpel steuerbord aufs Schiff geklettert sind und alles gestohlen haben, was ihnen in die Finger kam … Sie waren unglaublich brutal und mit Messern bewaffnet …«

Sein stämmiger Kompagnon fuhr fort:

»Und was hat unser Lord Jim gemacht? Nun, Lord Jim, der einzig seinem Mut gehorcht, hat eines dieser hübschen Gewehre geholt. Und dann ist Lord Jim mit gezückter Waffe auf das Deck gestürmt und hat in die Luft gefeuert: ›Peng! Peng!‹ Haha, den überstürzten Rückzug hätten Sie sehen sollen! Einer deiner besten Auftritte, was, Hans? Doch dabei hat er penibel darauf geachtet, nicht die Takelung seines kostbaren Schiffes zu beschädigen …«

Der Schweizer verzog keine Miene. Er griff erneut nach dem Schlüsselbund, öffnete die Schublade des Safes und zog ein Papier heraus, das er Sénéchal hinhielt. Dann schloss er sie wieder, doch Sénéchal hatte einen Blick hineinwerfen können: verschiedene Dokumente und ganz unten ein rotes Tuch.

»Hier die vollständige Liste aller Waffen, die wir an Bord haben, sowie sämtliche Registrierungsnummern. Auch die Waffenscheine sind dort drin.« Ziegler wies auf die Schublade. »Falls Sie sie sehen möchten. Dieses Arsenal wirkt natürlich eindrucksvoll, aber es sind auch ein paar Jagdgewehre dabei … ein Hobby von mir.«

Sénéchal deutete auf einen prächtigen Jagdkarabiner mit Zielfernrohr.

»Wie ich sehe, jagen Sie nicht nur Hirsche und Rehe. Das ist eine Remington für Großwild … sehr großes sogar. Mit einem Laserzielfernrohr. Haben Sie Angst, einen Elefanten zu verfehlen?«

»Sie sind offenbar ein Kenner, Monsieur Sénéchal?«

»Nein, ich interessiere mich nur für die Tiere, die bisweilen in der Schusslinie sind.«

Ein betretenes Schweigen folgte auf diese Worte. Der Umweltinspektor setzte seine Halbbrille auf, die für einen Zwerg gemacht schien, und überflog die Liste.

»Haben Sie die Schlüssel immer bei sich, Monsieur Ziegler?«

»Ja, genau.«

»Niemand anders hat ein Doppel?«

»Niemand.«

»Was würde geschehen, wenn Ihnen etwas zustößt? Und Ihre Forscher in Gefahr sind?«

Der Schweizer richtete seine hellen Augen auf seinen rundlichen Partner. Dann verzog er den Mund zu einem breiten, leeren Grinsen.

»Ich könnte mir vorstellen, dass Charles meiner noch warmen Leiche die Schlüssel entreißen würde, um sein Leben und das unserer kostbaren Wissenschaftler zu verteidigen … Nicht wahr, Charles?«

10

Auf dem sonnigen Kai kam der Umweltinspektor an einem einsamen Fischer vorbei, der gerade seine Netze flickte. Ohne von seiner Arbeit aufzublicken, meinte der Mann:

»Na, das ging aber fix.«

Sénéchal blieb verwundert stehen.

»Wie bitte?«

»Ihre Freunde mit dem Tauchboot. Sie schienen es ganz schön eilig zu haben.«

»Wovon reden Sie eigentlich?«

Der Fischer hob kurz seine Schirmmütze an, wodurch für einen Moment sein kahler Schädel zum Vorschein kam. Leicht spöttisch erwiderte er:

»Haben Sie das nicht gesehen? Der kleine Dicke mit den hübschen Bermudas und der Zigarette hat vorhin das Tauchboot mit der Winde aufs Wasser herabgelassen. Ein anderer Kerl kam mit einem Dingi vorbei und hat daran rumgebastelt … Dabei hat ihm der Dicke gewaltig Dampf gemacht. Ist wohl ganz schön ins Schwitzen gekommen, so wie der sich aufgeführt hat!«

In aller Seelenruhe, als hätte er seinen Gesprächspartner vergessen, nahm der Fischer seine Arbeit wieder auf. Sénéchal drehte sich um und beschirmte die Augen. Nachdenklich blickte er zum Tauchboot hinüber, das noch immer am Galgen befestigt war.

Antenne und Stange waren verschwunden.

»Tss, tss, Charlie … Charlie, alter Gauner! Du hast also gar nicht mit einem Kleinaktionär telefoniert?«

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Giran rieb sich versonnen das Kinn. Schließlich fragte er:

»Hm. Diese Antenne, haben Sie die aus der Nähe gesehen, Monsieur Sénéchal?«

Der Umweltinspektor nickte.

»Sie erinnerte an eine Miniaturfernsehantenne. Sie glänzte, aber nicht so wie Chrom. Nein … ein eher matter Glanz.«

»Zum Beispiel wie Platin?«

»Vielleicht. Keine Ahnung. Wozu dient sie Ihrer Ansicht

nach?«

Der Experte für Meeresökosysteme überlegte.

»Es könnte sich um einen künstlichen Köder handeln.«

»Einen Köder?«

»Der Quastenflosser ist ein Fleischfresser, der nachts auf die Jagd geht. Er ist in der Lage, sich problemlos in dunklen, schwierigen Gewässern fortzubewegen. Deshalb geht man davon aus, dass er über ein entsprechendes Ortungssystem verfügt … Möglicherweise orientiert er sich anhand des Erdmagnetfelds, wie Brieftauben oder Königslangusten. Vielleicht ist er in der Lage, die winzigen von seiner Beute erzeugten elektromagnetischen Felder wahrzunehmen. Außerdem besitzt er ein merkwürdiges Organ zwischen den Nasenlöchern. Womöglich ist das sein ›Radargeräte«

»Doch wo liegt der Zusammenhang zwischen der Radarnase dieses lebenden Fossils und der Fernsehantenne am Tauchboot der Abyss Foundation?«

Der Forscher verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich bin fast sicher, dass es sich um eine Platinsonde handelt … Dieses Metall wird, wie Sie wissen, sehr selten verwendet: im Schmuckgewerbe, in der Chirurgie, aber auch in der Industrie, denn es korrodiert und oxidiert nicht.

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