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Guten Morgen Doppelkinn

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Von drauss’, vom Walde …
  7. Stinkbombe
  8. Tod einer Redewendung
  9. Krankmacher
  10. Liebe deinen Nächsten
  11. Geburtstagsfreuden und Überraschungsmomente
  12. Abschied ist ein schweres Schaf
  13. Eingelocht
  14. Der uhhhhhnglaubliche Dr. Wells
  15. Volltreffer
  16. Hundstage
  17. Die erweiterte Garantie, der erweiterte Hosenbund und der Techniker, der beinahe zur Geisel wurde
  18. Ein Kung-Fu-Kämpfer, ein Mauthäuschen und eine Hängebrücke in weniger als vierundzwanzig Stunden
  19. Showdown der Extremwetterlagen
  20. Kellerkinder
  21. Grünkittel-Sonderangebot
  22. Der flammende Tobsuchtsanfall des Todes
  23. Wilde Wasser
  24. Danksagung

Über die Autorin

Laurie Notaro, geboren in New York und aufgewachsen in Arizona, versuchte sich nach ihrem Journalistikstudium in verschiedenen Jobs, bevor sie ihre Leidenschaft, das Schreiben, zu ihrem Beruf machte. Ihre Bücher sind in den USA längst Kult, und auch hierzulande erfreuen sich ihre Geschichten voller Wortwitz und mit einer guten Portion Selbstironie einer stetig wachsenden Fangemeinde.

VON DRAUSS’, VOM WALDE

Göttlicher hätte es gar nicht klingen können.

Hohe, schattige Kiefern; ein sprudelndes Bächlein mit klarem, reinem Quellwasser; Wiesen voller wogender Wildblumen, so weit das Auge reicht; angenehm kühle Temperaturen um die fünfzehn Grad und eine gemütliche Blockhütte mit offener Galerie gleich neben einem urigen Holzhaus mitten im Wald.

Als mein Mann vorschlug, einen kleinen Wochenendausflug zu unternehmen und meinen Geburtstag in den White Mountains zu feiern, war ich vor Freude völlig aus dem Häuschen.

Für uns in Arizona sind die White Mountains so was wie das gelobte Land; ein beliebtes Ausflugsziel, kaum drei Autostunden entfernt. Für den Rest der Welt ist das die Gegend, in der der Holzfäller Travis Wolton behauptete, unfreiwillig von der Besatzung einer fliegenden Untertasse an Bord ihres UFOs gesaugt worden zu sein. Fünf ganze Tage lang war er seinen Angaben zufolge in der Gewalt der Aliens, während deren ihm die Außerirdischen alle nur erdenklichen Dinge in die unmöglichsten Körperöffnungen gesteckt haben sollen. Für mich war es ein Ort, an dem es kein Telefon, kein Fernsehen, keinen Computer und kein Faxgerät gab, bloß eine einfach Hütte mit einem Holzofen, einem Federbett und einem Temperatursturz von satten zwanzig Grad, den ich dringend nötig hatte, da ich es doch tatsächlich geschafft hatte, mir eine besonders fiese Brandverletzung zuzuziehen, verursacht durch den Reißverschluss meines Kleides, weil ich allen Ernstes auf die hirnrissige Idee gekommen war, das Haus zu verlassen, um die Post aus dem Briefkasten zu holen, während die Sonne draußen noch am Himmel stand.

Als ich meiner Mutter von meinen Geburtstagsplänen berichtete, sagte die bloß trocken: »Muss ja ’ne ziemlich beliebte Gegend sein. Deine Schwester fährt nämlich auch dahin, aber ihr Freund hat zumindest ein schickes Hotelzimmer springen lassen. Warum bezahlt dein Mann nicht für ein Hotel? Warum wohnt ihr in einem baufälligen Schuppen mit Holzofen? Das kann doch unmöglich erholsam sein. Ich wette, wenn man nicht aufpasst, holt man sich da die Krätze.«

»Wir wohnen nicht in einem Schuppen. Wir wohnen in einem Blockhaus mit Federbett und Schlafgalerie«, entgegnete ich schnippisch und dachte noch, dass sie genau die Richtige war, so was zu sagen. Unzählige Therapiesitzungen hatte ich gebraucht, um unsere gemeinsamen Familienurlaube zu verarbeiten. Die hatten wir nämlich traditionellerweise so verbracht, dass wir gerade weit genug in die Wüste hinaus und von zu Hause weggefahren waren, um es uns Schwestern unmöglich zu machen, einfach auf dem Absatz kehrtzumachen und zurückzulaufen, sobald wir wieder einmal zu unserem Entsetzen feststellen mussten, dass unsere Eltern nur die Kohle für ein einziges Hotelzimmer springen gelassen hatten, und zwar für uns alle fünf, während die siebenundvierzig Grad Außentemperatur dafür sorgten, dass jeder Fluchtversuch ein schweißtreibendes und von vorneherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen war. Und als sei das alles noch nicht schlimm genug und um dem Ganzen als krönendes i-Tüpfelchen den anheimelnden Charme eines Guantanamo-Aufenthalts zu verleihen, beanspruchte meine Mutter stets gleich beim Betreten des Hotelzimmers eins der beiden Doppelbetten für sich, indem sie erst ihre Handtasche mit großer Geste auf das Bett warf, eine Packung Paracetamol und ihr Päckchen Winston-Zigaretten herauskramte und sich dann mit geschlossenen Augen und einer theatralisch über den Kopf drapierten Hand auf die Schlafstatt fallen ließ. Wodurch der Rest der Familie sich nicht bloß ein einziges, sardinenbüchsenenges Doppelbett zum Schlafen teilen musste, sondern sich gleichzeitig auch ungeahnte Möglichkeiten zum Pitschen, Hauen, Schubsen und Stechen zwischen meinen Schwestern und mir und mitunter sogar meinem Dad auftaten, was meine Mutter wiederum veranlasste, aus vollem Hals entnervt von ihrer Betten-Jacht zu brüllen: »HALTET ALLE DIE KLAPPE! Falls ihr es noch nicht gemerkt habt, ich bin im URLAUB!«

Diesmal jedoch schien das Glück uns hold zu sein, denn als wir in die Einfahrt des Waldhauses einbogen und eincheckten, setzte ein leichter, herrlich kühler Nieselregen ein. Als ich die Tür unserer kuscheligen Blockhütte öffnete, konnte ich zufrieden feststellen, dass alles genauso war, wie ich es mir vorgestellt hatte – na ja, abgesehen von dem gammeligen Flickenteppich und dem schwarzen Schimmelpelz in der Dusche. Mein Mann seufzte friedvoll, stemmte die Hände in die Hüften und schaute sich um.

»Ein ganzes Wochenende Ruhe und Frieden«, rief er völlig verzückt. »Ist das zu fassen? Hör mal. Man hört überhaupt nichts. Nur das sanfte Prasseln des Regens auf dem Blechdach.«

»Wow«, sagte ich mit einem breiten Grinsen. »Wenn ich nur daran denke, dass der Sitzgurt vor gerade mal vier Stunden noch so heiß war, dass er uns beinahe bei lebendigem Leib gegrillt hätte. Ein paar Fritten dazu, und das Abendessen wäre komplett gewesen.«

Schnell machte ich mich daran, meine mitgebrachte kleine Snack-Auswahl aus der Reisetasche zu holen und dekorativ auszubreiten. Dann stellte ich mich ans Fenster und schaute in den unablässig und sehr beharrlich fallenden Nieselregen hinaus. Mein Mann streckte sich währenddessen auf der Couch aus und steckte die Nase in ein Buch. »Das ist ein Leben«, erklärte er lächelnd und fing an zu lesen.

»Wow«, bemerkte ich noch immer aus dem Fenster starrend. »Man kann gar nicht anders, als diesen Regen toll zu finden.«

»Recht hast du«, antwortete mein Mann, ohne von seinem Buch aufzuschauen.

»Toller Regen«, setzte ich hinzu. »Ganz toll. Toll, toll, to-holl.«

Ich spazierte durch die Hütte, räkelte mich genüsslich auf dem Federbett, und als ich mich schließlich zur Genüge darauf herumgefläzt hatte, regnete es immer noch.

»Wie spät ist es?«, erkundigte ich mich.

»Halb drei«, erwiderte mein Mann und wendete sich wieder seinem Buch zu.

»Hmmmm«, überlegte ich laut. »Hast du auch schon so ein leichtes Hungergefühl?«

»Du hast doch auf dem Weg hierher gerade erst eine Familienpackung Crème-Törtchen, vier Tütchen Schoko-Lakritz-Stangen und zweiundzwanzig Portionen Zwiebelringe verputzt«, sagte er, ohne mich anzusehen. »Ich bin nur vom Zuschauen noch pappsatt.«

Also spazierte ich eine weitere Runde durch die Blockhütte, untersuchte die Bettlaken auf verdächtige Flecken und schaute nach, ob die Gäste, die vor uns hier einquartiert waren, uns womöglich irgendwelche verirrten Fremdhaare im Badezimmer hinterlassen hatten. Denn obwohl das Badezimmer bei mir zu Hause meist schmuddeliger ist als das Klo auf einem Trucker-Rastplatz, wusste ich da zumindest, dass es mein eigener Dreck war, der ausschließlich von mir und meinem Mann stammte. Fremder Dreck ungeklärter Herkunft jedoch ist mir ein Gräuel, und so betrübt es mich zutiefst, berichten zu müssen, dass ein verirrtes Haar – weder von meinem Mann noch von mir stammend – bei unseren Flitterwochen einen ziemlich abstoßenden Auftritt im Whirlpool unseres Hotelzimmers hingelegt und uns damit die ganze Hochzeitsnacht versaut hatte. Mein frisch angetrauter Ehemann jedoch fand das alles noch nicht widerlich genug, dass es ihn davon abgehalten hätte, mit der Videokamera auf das Haar des Anstoßes zu zielen und den Aufnahmeknopf zu drücken, was später zu einer eher skurrilen Situation der peinlichen Sorte führte, als wir mit meiner Familie unser Flitterwochen-Video anschauten und meine Mutter sich bemüßigt fühlte, mich im Anschluss an diese Szene in die Küche zu zerren und mit Engelszungen auf mich einzureden: »Das ist doch wirklich krank. Noch ist es nicht zu spät. Für so was hat der Papst sicher Verständnis. Noch kannst du deine Koffer packen und zusehen, dass du Land gewinnst.«

Nachdem ich keinerlei herrenlose Haare in der Dusche gefunden hatte, kletterte ich auf die Galerie und schaute mir den Regen durch das Fenster dort oben an.

»Wie spät ist es?«, rief ich von der Galerie nach unten.

»Zwei Uhr zweiunddreißig«, entgegnete mein Mann seufzend.

»Hast du jetzt vielleicht Hunger?«, erkundigte ich mich.

»Wir wär’s? Wir spielen ein Spiel«, schlug mein Mann vor. »Wir spielen ›Wer kann am längsten still sein‹. Für jede Stunde, die du nichts sagst, bekommst du einen Dollar.«

»Hmmm, das ist aber komisch«, brummte ich. »Gegenüber im Haupthaus hat mich jemand im dritten Stock erst direkt angeschaut und dann mit einem Ruck die Gardinen zugezogen; richtig angestunken!«

»Spionierst du schon wieder die Leute aus, Miss Marple?«, wollte mein Mann wissen. »Bitte komm da runter, ehe wir auf die harte Tour erfahren, dass du gerade einen Heckenschützen ausspionierst.«

»Ich spioniere doch gar nicht«, protestierte ich. »Ich … versenke mich in die Betrachtung meiner neuen Umgebung. Ich genieße den Ausblick und zeige Interesse an unseren Mitbewohnern.«

»Weißt du, genauso fangen Hitchcock-Filme auch immer an«, warnte er mich. »Und ehe man sich’s versieht, hetzt man durch ein Maisfeld und wird von einem Sprühflugzeug verfolgt, weil die Angetraute ihren Geburtstag unbedingt damit zubringen musste, in anderer Leute Fenster zu spinksen.«

»Ich habe was am Fenster entdeckt und automatisch hingeguckt. Du weißt doch, dass ich von Natur aus neugierig bin«, sagte ich. »Ginge es um frei flottierende Schamhaare, hättest du längst die Videokamera gezückt.«

»Dabei hast du mir doch damals versichert: ›Keine Sorge, meine Eltern finden das bestimmt urkomisch‹«, entgegnete er. »Jetzt gucken sie mich immer an, als hätten wir ihnen ein schweinisches Video der Ereignisse im Whirlpool gezeigt, die letztendlich zum Auftauchen dieses mysteriösen Haares geführt haben.«

»Ach, hör doch auf, die fanden das zum Brüllen komisch«, verteidigte ich mich und stieg die Leiter zur Galerie hinunter. »Ich gehe jetzt eine Runde um den See spazieren und schaue mal, was es da alles zu sehen gibt.«

»Du meinst auszuspionieren«, meinte mein Gatte.

»Ich meine zu sehen«, wiederholte ich. »Gleich neben dem Haupthaus liegt ein kleiner Teich. Ich gehe mal runter und schaue mich ein bisschen um.«

»Also gut, ich komme mit«, seufzte er und legte sein Buch beiseite. »Nicht, dass in einer Stunde jemand an die Tür klopft, um mir mitzuteilen, dass du in einem Speisenaufzug steckst oder in einem Baum festsitzt, weil du versucht hast, die Zimmer irgendwelcher harmloser Hotelgäste auszuspionieren, Mata Hari.«

Als wir aus unserer Hütte traten, fiel mein Blick auf eine wirklich rührende Szene. Am Wasser stand eine junge Mutter, die gerade ihr Baby aus dem Kinderwagen gehoben hatte und zum See umdrehte. »Guck mal, die frisch gebackene Mama zeigt ihrem Baby die Enten mit ihren Küken!«, rief ich entzückt. »Wie süß. Ist das nicht süß?«

»Allerliebst«, murmelte mein Mann und legte mir zärtlich den Arm um die Schultern.

»Hast du das gesehen?«, japste ich und wies auf ein Fenster im dritten Stock des Haupthauses. »Gerade, als ich hingeguckt habe, hat jemand mit einem Ruck die Gardine zugezogen!«

»Ich gebe dir zwei Dollar, wenn du es dir zehn Minuten lang verkneifst, in irgendwelche fremden Fenster zu linsen«, sagte mein Mann. »Oder einen Nachtisch! Ich gebe den Nachtisch aus!«

»Och, ja klar, das wird sicher nett«, entgegnete ich spitz. »Dicke Frau verputzt mutterseelenallein gigantischen Schokoladenkuchen, und ihr Ehemann schaut stumm auf dem ganzen Tisch herum, während die übrigen Restaurantgäste sich denken: ›Der arme Mann mit der dicken Frau. Wieso tut er denn nichts? Die wird ja fett und immer fetter.‹«

Dieses leidige Thema war schon immer ein wunder Punkt in unserer Ehe, denn obwohl ich ehrlich einen wirklich supernetten, tollen Kerl geheiratet habe, hat er ein schwerwiegendes Manko. Ein unverzeihliches, abscheuliches und zudem ziemlich lästiges Manko. Es fällt mir nicht leicht, das öffentlich zuzugeben, denn es ist erschreckend und bisweilen regelrecht widerwärtig, aber mein Mann ist kein Süßer.

Ich weiß. Obwohl es mich auch ein wenig beruhigt hat, weil es meiner Theorie, er könne womöglich schwul sein, ein für alle Male den Garaus gemacht hat (Im Ernst: Wenn man so oft wie ich – wissentlich und unwissentlich – als weibliche Alibi-Begleitung eines Schwulen hat herhalten müssen, fängt man irgendwann an, sogar den eigenen Vater mit ganz anderen Augen zu betrachten), geht einem Mann, der seine Frau bei ihrem Lieblingsgang einfach sang- und klanglos im Regen stehen lässt, doch ganz entschieden etwas ab. Ein Mann, der sich selbst ohne Umstände zum Verräter macht, wenn der Kellner schließlich die »Kleine Karte« bringt, und sich damit entschuldigt, er sei »einfach zu satt«, würde »lieber noch ein Bier trinken« oder ihm sei »gerade nicht danach«, hat einfach eine Macke. Ich meine, in solchen Situationen möchte ich am liebsten laut schreien, ihn mit einem Löffel auf den Kopf hauen und ihm mit leiser, aber entschiedener (zischender) Stimme zuraunen: »Überleg es dir gut. Wann habe ich dir das letzte Mal geraten, etwas zu deinem eigenen Wohl zu tun?«

Wenn es überhaupt einen bemitleidenswerteren Anblick gibt als eine pummelige Frau, die ganz allein ein Dessert in sich reinstopft, dann höchstens ein Moppelchen ohne Holz vor der Hütte, aber in aller Öffentlichkeit allein Kuchen zu essen; ist schon ganz schön erbärmlich. Ein Dessert zu genießen ist etwas Geselliges; es ist ein derart freudiges Ereignis, dass alle daran teilhaben sollten, damit diejenigen mit etwas weniger Selbstbeherrschung sich nicht von einem Mitesser mit läppischen dreizehn Prozent Körperfett eingeschüchtert fühlen (In meinen Augen ohnehin eine Tragödie, dass es so etwas überhaupt gibt: Sollten wir irgendwann mal gemeinsam Schiffbruch erleiden und auf einer einsamen Insel stranden, könnte ich allein von dem in meinem Hinterteil gespeicherten Fett mühelos mehrere Jahre zehren und jeweils ein weiteres halbes Jahr von den Depots in meinen Oberarmen, wohingegen Miss Dreizehn-Prozent bedauernswerterweise schon bei Sonnenuntergang tot umfallen würde). Wenn ein Löffelchen Mousse au Chocolat einigen Anwesenden derart sauer aufstößt, dann sollten sie sich eins gesagt sein lassen: Ich verlange ja gar nicht, dass ihr genauso viel esst wie ich, ich möchte ja bloß, dass ihr mitmacht. Von mir aus, tut einfach so als ob, esst nur ein winziges Häppchen, dann bleibt umso mehr für mich übrig, aber verdammt noch mal, ihr könnt mich doch nicht ganz alleine das Dessert essen lassen; das ist doch wohl das Mindeste, was ihr für eure Mitmenschen tun könnt.

»Du spendierst den Nachtisch«, murmelte ich misstrauisch und stellte ihm eine Falle, in die er einfach hineintappen musste, »aber essen muss ich ihn alleine.«

»Ich bin eben nicht so für Süßes«, gab mein Mann entschieden zurück.

»Ich glaube, ich muss mir das Haupthaus mal genauer ansehen.«

***

Eine Stunde später saßen wir im Speiseraum der Lodge, und der Kellner setzte gerade mein flambiertes Bananen-Dessert in Brand. Erwartungsfroh wie ein kleines Kind klatschte ich in die Hände, während mein Mann pflichtschuldig mit der Gabel auf den Teller voller klebrig-süßer Köstlichkeiten zielte, genau wie angewiesen – na ja, beinahe jedenfalls.

»Du musst jetzt klatschen!«, knurrte ich mit zusammengebissenen Zähnen und lächelte eisern weiter, um mich beim Applaudieren nicht aus dem Takt bringen zu lassen.

Gerade als wir uns auf den Nachtisch stürzen wollten, hörte ich ein seltsames Geräusch.

KLICK-bumm-bumm. KLICK-bumm-bumm.

Als ich mich umdrehte, um der Ursache des Lärms auf den Grund zu gehen, sah ich einen Mann Ende dreißig, Anfang vierzig mit unordentlichen Haaren, der gerade mit der Empfangsdame redete.

»Verkaufen Sie hier Essen?«, fragte er sie.

»Sie meinen, ob die Küche geöffnet ist?«, gab die Empfangsdame sichtlich irritiert zurück.

Der Mann stand bloß da und schaute sie einen langen, langen, langen Augenblick wortlos an.

»Ähm, ähm, äh, ja«, stotterte er schließlich.

KLICK-bumm-bumm. KLICK-bumm-bumm, hörte ich es wieder, und es kam immer näher.

»Ja, die Küche ist geöffnet«, versicherte die Empfangsdame ihm, woraufhin er nickte und dann verschwand.

KLICK-bumm-bumm.

»Was ist denn das bloß für ein Krach?«, fragte ich und wendete mich wieder meinem Mann zu, woraufhin ich zu meiner Enttäuschung feststellen musste, dass die Flammen auf meinen Bananas Foster erloschen waren und ich den größten Teil des Dessert-Vorspiels verpasst hatte.

Mein Mann schüttelte den Kopf und kaute genüsslich auf einer rumgetränkten Bananenscheibe herum. »Lecker«, stellte er fest.

»Sag ich doch«, meinte ich kichernd und nahm den Nachtisch mit meiner Gabel in Angriff. »Da siehst du mal, was du in all den Jahren verpasst hast, als du immer bloß danebengesessen und mir beim Essen zugeguckt hast, als sei ich ein Affe im Zoo.«

KLICK-bumm-bumm.

»Was ist das?«, fragte ich abermals, und da sah ich, wie seine Augen groß und rund wurden.

Und das Geräusch wurde lauter und lauter und immer lauter, bis es direkt hinter mir war.

KLICK-bumm-bumm. KLICK-bumm-bumm. Unauffällig linste ich aus den Augenwinkeln hin, während ich gleichzeitig vorgab, ganz fasziniert vom Anblick der auf meinem Teller liegenden Banane zu sein, und entdeckte schließlich die Ursache des Tumults: Eine Frau mit der Körperform eines Michelin-Männchens walzte an unserem Tisch vorbei und bewegte sich dabei mit der Eleganz und Leichtfüßigkeit eines Eisbergs. Bei jedem mühevollen Schritt hob sie unter größter Kraftanstrengung ihre schwabbeligen Arme, wuchtete ihre metallene Gehhilfe in die Höhe, die wohl irgendwann ihrer Gumminoppen-Schalldämpfer-Aufsätze am Ende verlustig gegangen war, und rammte sie gleich darauf beherzt in den Boden, um dann mit den gigantischen Elefantenfüßen nachzusetzen.

KLICK-bumm-bumm.

Aus dem anderen Augenwinkel sah ich, wie mein Ehemann sich mit gezücktem Löffel auf das Dessert stürzte und sich gierig einen nicht unerheblichen Teil der geschmolzenen Eiscreme und des leckeren klebrigen, zähflüssigen Sahnekaramells in den Mund schaufelte.

»Hey, immer langsam, junger Mann«, bremste ich ihn. »Ab jetzt darfst du höchstens noch mit der Gabel reinpicken und vielleicht die Bananenscheibchen ein bisschen hin und her schieben, aber mehr nicht. Der Rest gehört mir.«

Als die Frau sich schließlich mühsam an unserem Tisch vorbeigewälzt hatte, verschluckte ein riesiger Schatten hinter mir alles Licht, und ich musste mich beherrschen, um nicht wie von der Tarantel gestochen herumzufahren und nachzuschauen, ob ich womöglich Gefahr lief, gleich von Lord Voldemort verschluckt zu werden. Langsam wie eine Schlechtwetterwolke zog die unförmige Gestalt weiter, und da sah ich, dass es der Mann mit der unordentlichen Frisur war, der die Empfangsdame gefragt hatte, ob sie hier Essen verkauften. Er hatte die größten Brüste, die ich je an einem Mann gesehen hatte, so groß, dass ihm nicht nur ein BH gut gestanden, sondern er am besten Bremslichter daran befestigt hätte. Sein T-Shirt, das mit kecken damenhaften Flügelärmchen aufwartete, spannte schamlos über dem wogenden Busen, und der Saum war über dem Gürtel gerade so weit hochgerutscht, dass eine Speckrolle am Bauch herauslugte und die Empfangsdame peinlich berührt das Gesicht verzog, um gleich darauf verstohlen den korrekten Sitz ihrer eigenen Kleidung zu überprüfen. Das Schlusslicht bildete ein birnenförmiger Herr mit ausladendem Hinterteil und graumelierten Schläfen, allem Anschein nach der Patriarch der Gruppe. Ein weiterer Mann, ebenfalls Ende dreißig, vervollständigte das Quartett, wobei sein auffälligstes Merkmal die Tatsache war, dass eins seiner Augen etwa eineinhalb Zentimeter tiefer saß als das andere und seine Haut blass und wächsern schimmerte, fast so, als sei er gerade aus einem Malaria-Anfall erwacht. Sein Rückgrat war verkrümmt, und auf seinem Hemd prangte ein feuchter Fleck ungefähr von der Größe einer verschrumpelten Leber, der sich von der Schulter bis beinahe zur Taille erstreckte.

Sämtliche Gäste des Restaurants verstummten schlagartig, und eine undurchdringliche, drückende Stille legte sich über den Raum, als die Familie wortlos zu ihrem Tisch schlurfte und sich setzte. Da war kein angeregtes Gespräch, kein munteres Geplauder; das Grüppchen war genauso stumm wie die übrigen Gäste. Alle Augen waren auf sie gerichtet; man musterte ihre seltsame Erscheinung, die schiefen Augen, den auffälligen Fleck und natürlich die Männerbrüste.

Erst als die vier schließlich die Speisekarte aufschlugen, um nachzusehen, was für ein Essen denn nun hier verkauft wurde, setzte ganz allmählich wieder das für ein Restaurant normale Hintergrundgemurmel ein.

»Familie oder Gangsterbande«, erklärte ich meinem Mann im allerleisesten Flüsterton, der mit voller Absicht nur so triefte vor mysteriöser Vieldeutigkeit. »Nur ein Verbrechen oder Gene können solche Schießbudenfiguren zusammenschweißen.«

»Familie«, gab mein Mann prompt zurück. »Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viele Gefängnispopulationen man eigens handverlesen müsste, um eine derartige Freakshow zusammenzubekommen. Und keine Tätowierungen im Nacken, das sagt doch alles. Außerdem, wenn das Gangster sein sollen, wer ist dann deiner Meinung nach der Kopf der Bande?«

Heimlich warf ich einen Blick hinüber an den anderen Tisch und sah, dass sie alle den gleichen leeren Ausdruck in den Augen hatten, obwohl jeder in eine andere Richtung glotzte – zum Fenster hinaus, auf den Einband der Speisekarte, auf eine Gabel –, und ihre Kinnladen waren heruntergeklappt wie offenstehende Schubladen.

»Und solche Familien fahren allen Ernstes zusammen in die Ferien?«, fragte ich. Es fiel mir schwer, das zu glauben. »Ich dachte, die bleiben mit der Nase zu Hause, stapelten alte Zeitungen auf ihren stetig wachsenden, drei Meter hohen Altpapierberg und schauen zu, wie ihre Katzen sich vermehren.«

Dann grübelte ich darüber nach, wie es wohl wäre, heutzutage mit meiner Familie in Urlaub zu fahren, wäre keiner von uns je von zu Hause weggezogen, und ich stellte mir vor, wir würden in irgendein Casino-Hotel mit einem schönen Blick über die Innenstadt von Phoenix fahren. An unserem Tisch gleich neben dem All-you-can-eat-Büfett mit den panierten Hühnchen-Sticks und dem Hackbraten säßen mein Vater, der wegen seiner siebzehn stressbedingten Schlaganfälle nicht mehr reden konnte, ich selbst und meine drei Schwestern, die sich gegenseitig pitschten, hauten und mit Salatgarnitur bewarfen, während meine Mutter sich im Hotelzimmer verschanzt hatte, mit der Hand über den Augen auf einem der Betten lag, während ihre implantierte Morphium-Magenpumpe auf Hochtouren lief, die sie sich von einem Arzt in Tijuana hatte einsetzen lassen.

Auch keine schöne Vorstellung.

»Und was, wenn sie sich in der Lodge eingenistet haben, weil sie hier oben einen Job an Land gezogen haben?«, fragte ich meinen Mann.

»Einen Job?«, krächzte er und verschluckte sich beinahe vor Schreck. »Ist das dein Ernst? Wer von denen, glaubst du, hat keinen Schwerbehindertenausweis? Der Kerl hat die Empfangsdame gefragt, ob sie hier Essen verkaufen. Ich bezweifle, ob sämtliche ihrer Gehirnzellen zusammengenommen ausreichen würden, um den Deckel von einem Becher Wackelpudding abzuziehen, ganz zu schweigen davon, einen großen Coup zu landen.«

»Nein, im Ernst. Guck sie dir doch an, die sind mit ihren kriminellen Köpfen schon bei der Vorbereitung für ihr nächstes großes Ding«, entgegnete ich beharrlich, während der Typ mit den Froschaugen versuchte, sein Spiegelbild auf der Rückseite eines Löffels zu betrachten. »Nicht alle Kriminellen sind schlau und verschlagen. Bei denen muss es doch auch welche geben, die den ›Diebstahl für Anfänger‹-Kurs mehr als einmal belegen mussten, weißt du. Das sind die Typen in dem kleinen Gefängnisbus.«

»Ist dir wirklich so stinklangweilig, dass du dir eine derartige Räuberpistole aus den Fingern saugen musst?«, fragte mein Mann. »Denn sollte das der Fall sein, dann setze ich dich im nächsten Urlaub einfach zu Hause auf die Couch vor den Fernseher. Wir sind zum Ausspannen hier, und um mal ein bisschen abzuschalten. Aber du scheinst ganz erpicht darauf zu sein, dich in irgendwas reinzusteigern, wegen einer etwas schwerfälligen Familie, die du für eine Mafia-Vereinigung hältst. Sind sie aber nicht. Das sind bloß ein paar Leute mit löchriger DNA, die das billigste Gericht auf der Speisekarte suchen, da bin ich mir sicher.«

»Vielleicht haben sie ja vor, uns auszurauben«, fuhr ich unbeirrt fort. »Vielleicht wollen sie sämtliche Hotelgäste abziehen. Dieses Waldhaus liegt doch mitten im Nichts, hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Niemand würde irgendwas mitbekommen.«

»Ja, genau, wir sind in einer Blockhütte mitten im Nirgendwo«, gemahnte mich mein Ehemann, um sich anschließend das letzte Stückchen der flambierten Bananen in den Mund zu stopfen. »Wir sind nicht an der Riviera, wir sind nicht in der Karibik, wir sind nicht mal in Phoenix. Was ist das Wertvollste, was Menschen im Urlaub mit in eine Blockhütte nehmen? Ein iPod und eine Tüte Marshmallows, wenn du mich fragst. Ich bezweifle, dass es hinter der Mikrowelle an der Rezeption einen Tresor mit Vanderbilt-Juwelen gibt, und wenn jemand unsere Marshmallows will, dann weiß ich nicht, ob ich willens wäre, mich mit ihm darum zu prügeln.«

»Hör zu«, zischte ich. »Ich weiß nur, dass jemand mich durchs Fenster beobachtet hat, und bisher scheint mir der Clan des Höhlenbären dafür am ehesten in Frage zu kommen.«

»Bist du fertig mit dem Nachtisch?«, erkundigte mein Mann sich brüsk, nahm die Serviette von seinem Schoß und legte sie neben den Teller auf den Tisch. »Denn dann würde ich jetzt gerne gehen, ehe du auf die Idee kommst, irgendwelche Leute in Gewahrsam zu nehmen, bloß weil sie schiefstehende Augen und riesengroße Männertitten haben.«

»Ich wette, das ist alles bloß Tarnung«, murmelte ich in meinen Bart und dackelte hinter ihm her aus dem Restaurant nach draußen. »Ich wette, die tun bloß, als wären sie eine Sonderschul-Familie.«

Während mein Mann den restlichen Abend damit verbrachte, mit den Kopfhörern seines iPods auf den Ohren auf der Veranda zu sitzen, ging mir diese Familie einfach nicht mehr aus dem Sinn. Meiner Meinung nach fügte sich alles zusammen wie die Einzelteile eines Puzzlestücks, denn hier stimmte überhaupt nichts. Sie sahen nicht gerade wie passionierte Naturliebhaber aus. Und Wandern oder Skilaufen als Hobby schienen angesichts der Gehhilfe und der ausladenden Hinterteile ebenfalls auszuscheiden. Hier gab es weder Telefon noch Fernsehen oder Radio. Was also machten die hier den lieben langen Tag? Beim Abendessen hatten sie, soweit ich das mitbekommen hatte, kein einziges Wort miteinander gewechselt, mit geistreichen Gesprächen schienen sie sich also nicht die Zeit zu vertreiben. Und besonders gut aufgelegt oder so, als würden sie hier Ferien machen, sahen sie auch nicht gerade aus. Und wenn der älteste »Sohn« die Empfangsdame fragen musste, ob sie hier »Essen verkauften«, statt sich zu erkundigen: »Ist die Küche geöffnet?«, dann kamen sie sonst offenkundig nicht allzu oft unter Menschen. Für diese ganze Geschichte konnte es nur eine einzige logische Erklärung geben.

Banditen.

Als ich zufälligerweise gerade aus dem Fenster spähte, sah ich sie kurz darauf alle aus dem Restaurant im Haupthaus kommen und zur größten Blockhütte auf dem Anwesen trotten. Ich wusste, wie viel unsere bescheidene Hütte gekostet hatte; wir hatten ein Vermögen hingeblättert für ein Doppelbett mit Polyester-Bettwäsche, einen Holzofen und ein schmuddeliges Badezimmer. Ihre Hütte war ein zweigeschossiger Palast mit Panoramafenstern entlang der gesamten Rückseite des Hauses, von denen man den ganzen See überblicken konnte.

»Für einen schnellen Abgang!«, raunte ich tonlos.

Ich fuhr auf, als ich hinter mir ein Geräusch hörte, und sah die Haustür aufgehen.

»Was, wenn die ein Maschinengewehr in dem Gehstock haben?«, fragte ich meinen Mann, der gerade in die Hütte kam und die Stöpsel seines Kopfhörers aus den Ohren zog. »Der Gumminoppen war ab, und vielleicht ist am Griff ein Abzug eingebaut.«

»Noch ein Wort, und ich setze sie gleich wieder auf«, drohte er und wies mit dem Kinn auf den Kopfhörer. »Du führst dich unmöglich auf.«

»Was sollen die wohl sonst da drüben machen? Die haben die allergrößte, riesigste, teuerste Hütte, nur damit du es weißt«, fügte ich hinzu. »Was glaubst du, machen die da? Die reden ja nicht mal miteinander.«

»Was nur beweist, dass es eine Familie ist«, gab mein Mann standhaft zurück. »Gib mir mal die Marshmallows, damit ich ihnen gleich unsere gesamten Reichtümer in den Rachen werfen kann, sollten sie herkommen und uns überfallen, damit ich nicht mit einer Waffe aus dem Sanitätshandel niedergemäht werde.«

Und damit warf er mir einen vernichtenden Blick zu, steckte sich die Kopfhörerstöpsel in die Ohren und verschwand wieder nach draußen.

Drüben auf der anderen Seite des Weges sah ich den vollbusigen männlichen Clan-Angehörigen zum vorderen Fenster walzen. Er starrte mich durchdringend an wie ein Bigfoot, griff nach dem Vorhang und zog ihn mit einem Ruck zu.

***

Als wir am nächsten Morgen zum Frühstück in die Lodge spazierten, stellte ich beim Hineingehen fest, dass meine Verdächtigen bereits da waren, Haferbrei schlotzten, mit offenem Mund Toast kauten und sich grellgelben Eidotter übers Kinn kleckerten.

Ach, ihr seid doch wahre Meister!, dachte ich im Stillen bei mir. Meister der Verstellung! Aber ich kenne euer Geheimnis! Zumindest bin ich ziemlich sicher, ungefähr fünfzig bis dreißig Prozent zuversichtlich, euer Geheimnis zu kennen! Ich bin mir fünfundzwanzigprozentig sicher, dass ich euer Geheimnis kenne. Obwohl ich vermutlich, wenn es darauf ankäme, wohl kein Geld darauf verwetten würde, um ganz ehrlich zu sein. Aber ich behalte euch trotzdem im Auge!

»Bitte hier entlang«, begrüßte uns die Empfangsdame und wollte uns zu dem Tisch gleich neben dem des Clans führen.

Noch ehe ich vor Entzücken quieken konnte wie ein angestochenes Ferkel angesichts der unendlichen sich bietenden Bespitzelungsmöglichkeiten, räusperte mein Mann sich dezent und sagte ganz unverfroren zu der Dame: »Entschuldigen Sie, aber das Licht ist mir da drüben ein bisschen zu grell, das blendet so. Wäre es Ihnen recht, wenn wir uns dort hinten hinsetzen?«

Und damit wies er auf die andere Seite des Restaurants, in einen vollkommen leeren Bereich, gänzlich außer Hörweite meiner Zielpersonen.

»Natürlich.« Die junge Frau zuckte die Achseln, dann führte sie uns in den dunkleren Teil des Hauses und zog für jeden von uns einen Stuhl heraus.

»Oh nein. Nein, nein«, mischte sich mein Mann abermals ein. »Meine Frau sitzt hier. Mit dem Rücken zu den übrigen Gästen.«

Ich bedachte ihn mit einem tödlichen Blick, setzte mich widerwillig auf den gänzlich ungünstigen Platz und nahm die Speisekarte entgegen, die die Empfangsdame uns reichte.

»Das ist so was von unfair«, zischelte ich, als sie weg war.

»Pssst!«, kommandierte mein Mann. »Wir werden jetzt ganz gemütlich frühstücken, und wenn sich das nur bewerkstelligen lässt, indem ich dich von sämtlichen Umweltreizen abschirme, dann muss es eben so sein.«

»Aber –«, wendete ich ein.

»Kein Aber«, widersprach er energisch. »Kein weiteres Wort darüber, sonst isst du dein Frühstücksdessert alleine. Verstanden, Sherlock?«

»Nachdem ich gestern Abend tatenlos mitansehen musste, wie du mit drei Bissen die flambierten Bananen verdrückt hast, weiß ich gar nicht, ob das eine Drohung ist oder nicht«, stichelte ich zurück. »Lieber teile ich mir das Sorgerecht für Kinder, die nicht die Frucht deiner Lenden sind, als noch mal was Derartiges durchmachen zu müssen!«

Sehr zu meinem Missfallen jedoch beendete die Familie ihr Frühstück, stand auf und ging, noch ehe wir unser Essen bekamen. Ich schaute ihnen durchs Fenster nach, als sie die Einfahrt vor der Lodge entlang zu ihrer Blockhütte schlurften. Der Anführer watschelte zum Auto und öffnete den Kofferraum, was mir Gelegenheit zu der Feststellung gab, dass er den riesigsten Hintern hatte, den ich je an einem Mann gesehen hatte. Ich aß noch einen Bissen, schloss aus purem Entzücken einen Moment lang die Augen, und als ich sie wieder aufmachte, hatte der Mann an beiden Schultern lange schwarze Riemen hängen.

Bei näherem Hinsehen klappte mir die Kinnlade so weit herunter, dass mir beinahe mein French Toast aus dem Mund fiel.

Es waren Feldstecher. Vier Feldstecher, um genau zu sein, zwei auf jeder Seite, und dazu etliche Kamerataschen. Und vor der Brust hielt er in beiden Händen ein ziemlich großes Fernglas.

»Heiliger Strohsack!«, murmelte ich, als ich zusah, wie der Vater sich in alle Richtungen umschaute, um sich zu vergewissern, dass niemand ihn beobachtete, und dann schnurstracks zurück zu seiner stattlichen Holzhütte wackelte.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«, seufzte mein Mann, legte die Gabel beiseite und schaute mich entnervt an.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«, äffte ich ihn nach und zeigte aus dem Fenster. »Was jetzt schon wieder los ist? Los ist, dass ich gerade den breitarschigen Vater gesehen habe, wie er einen ganzen Kofferraum voller Überwachungsgeräte aus dem Auto geholt hat. Das ist wieder los

Mein Mann schaute sich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie der Mann in der Blockhütte verschwand und die Tür hinter sich zuzog.

»Wow«, brummte mein Mann, als er sich wieder zu mir umdrehte.

»Ich sage dir nur ungern, dass ich es gleich gewusst habe«, gab ich zu. »Bis eben hatte ich nämlich selbst auch so meine Zweifel an meiner Theorie.«

»Aber warte mal«, wendete der Spielverderber ein. »Immer mit der Ruhe. Bloß weil die eine komplette Spionageausrüstung dabeihaben, heißt das ja noch lange nicht –«

»Dass sie ihre Hotelnachbarn ausspionieren?«, warf ich ein. »Auskundschaften, was die Leute so in ihren Hütten haben, ohne Gefahr zu laufen, dabei erwischt zu werden? Tja, weißt du was? Wenn die vorhaben, mich auszuspähen, dann werde ich ihnen die Suppe aber gehörig versalzen. Niemand bekommt meine Marshmallows! Himmel! Ich brauche dringend eine Paracetamol!«

Hastig schlang ich noch sechs Bissen meines French Toast herunter, bat die Kellnerin, das Essen auf die Rechnung zu setzen, und sprang auf.

»Was willst du denn jetzt machen?«, fragte mein Mann mit panischer Miene.

»Ich gehe jetzt da rüber und gucke nach, was die machen«, erklärte ich, faltete meine Serviette zusammen und legte sie neben meinen Teller auf den Tisch. »Du kannst mitkommen oder hierbleiben, ganz wie du willst. So oder so musst du allerdings das Trinkgeld ausspucken.«

Mein Mann schüttelte den Kopf, stand auf und folgte mir nach draußen.

»Was hast du vor?«, erkundigte er sich, als ich entschlossenen Schrittes in Richtung See in die Sonne trat und denselben Weg einschlug wie tags zuvor.

»Ich habe gar nichts vor«, entgegnete ich, während ich darauf wartete, dass er mich einholte. »Ich will mir bloß ihre Palasthütte mal von hinten anschauen und gucken, was da hinter dieser gigantischen Fensterfront vor sich geht.«

Just in diesem Augenblick schnappte mein Mann hörbar nach Luft. »Dreh dich nicht um«, warnte er mich. »Aber da oben stand jemand am Fenster der Lodge und hat ganz schnell den Vorhang zugezogen, als ich hingeguckt habe.«

»Wo sind wir denn hier, in einem Observatorium? Gibt es hier oben einen Beobachtungsposten?«, zeterte ich, während wir auf den See zumarschierten. »Sind wir von allen Seiten umzingelt?«

»Warte, warte«, bremste mich mein Mann und packte mich just in dem Augenblick am Arm, als das herrschaftliche Holzhaus ins Blickfeld kam. »Warte. Was willst du denn machen, wenn die Bande tatsächlich mit ihren Feldstechern andere Leute in ihren Blockhütten ausspioniert? Was machst du denn dann?«

Abrupt blieb ich stehen. Ganz ehrlich, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Überhaupt gar nicht. Das war eine gute Frage – was genau hatte ich eigentlich vor? Wollte ich sie anbrüllen, sie sollten gefälligst damit aufhören, im Haupthaus Bescheid sagen oder die Polizei rufen und ihnen im Vertrauen stecken, ein paar Gäste im Waldhaus hätten Feldstecher dabei … und benutzten sie sogar? Damit hätte ich vermutlich ungefähr die gleiche Reaktion hervorgerufen wie damals, als ich wegen des alljährlich stattfindenden Volksfestes in unserem Stadtteil bei der Polizei angerufen hatte, weil ich glaubte, jemand aus unserer Straße feiere eine Party und habe eine Platte von Loverboy bis zum Anschlag aufgedreht. »Das ist Loverboy. Die machen dieses Wochenende Überstunden«, erklärte mir der diensthabende Polizeibeamte am Telefon, brach in schallendes Gelächter aus und ließ mich mit dem tutenden Telefon allein.

»Weiß auch nicht«, entgegnete ich wahrheitsgemäß. »Eigentlich habe ich mir die ganze Geschichte mehr oder weniger aus den Fingern gesaugt, bis ich eben ihre Spitzel-Ausrüstung gesehen habe. Keine Ahnung, was ich jetzt machen soll.«

»Na ja«, meinte mein Mann und verstummte dann kurz. »Vielleicht solltest du fürs Erste einfach mal einen Blick zum Fenster im ersten Stock werfen.«

Ich drehte mich um, und dort auf der Terrasse im ersten Stock war die gesamte Familie versammelt, sämtliche vier Mitglieder des Kuriositätenkabinetts. Der mit üppigem Sitzfleisch ausgestattete Vater stellte gerade das Fernrohr auf, die Mutter hatte ihr Gesicht bereits an einen riesengroßen Feldstecher gepresst, und der Mann mit den Froschaugen nuckelte schmatzend an einem Traubenwasser-Lutscheis, während sich ein leuchtend lila Fleck auf seinem T-Shirt ausbreitete. Der Mann mit dem Pamela-Anderson-Vorbau blätterte in einem kleinen Büchlein, und als er aufschaute und uns sah, lächelte er und winkte uns zu.

Ich winkte zurück. Ihr Fernglas und die Feldstecher waren in Richtung See gerichtet, nicht auf die anderen Blockhäuser.

»Vogelkundler«, flüsterte ich.

»Du bist eine abscheuliche Zimtzicke«, gab mein Mann flüsternd zurück.

Woraufhin ich mich umdrehte und so schnell wie möglich den Rückzug antrat.

»Wo willst du hin?«, rief mein Mann mir hinterher.

»Ich will mal sehen, ob ich es ins Restaurant schaffe, ehe sie unseren Tisch abräumen«, verkündete ich. »Ich habe bestimmt sechs bis acht Bissen von meinem French Toast liegengelassen!«

Aber als ich mich dem Haupthaus näherte, sah ich den Spanner im zweiten Stock vor dem Forsthaus an einem Truck stehen, und der Spanner sah mich. Es gab keinen Zweifel. Er schaute nach links, er schaute nach rechts und sah dann schließlich ein, dass ich ihn längst entdeckt hatte, woraufhin er alle Hoffnung auf einen unauffälligen Abgang fahren ließ.

»Was tust du hier, und warum spionierst du mir nach?«, fragte ich die Vorwitznase geradeheraus, als ich ungefähr einen Meter vor ihr stand. Ich musste mich wirklich am Riemen reißen, ihr nicht eine zu knallen. Am besten mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, da, wo es am meisten wehtat.

»Ich hasse Familienferien«, entgegnete sie. »Ich wollte mich auf keinen Fall fühlen wie im Familienurlaub.«

»Na ja, jedenfalls kann ich Phoenix von hier aus nicht sehen. Du?«, erwiderte ich. »Mom hat erzählt, dass ihr in einem superschicken Hotel absteigt.«

»Wir haben ein Zimmer in der Lodge, und ihr habt eine Hütte an der Lodge«, erklärte meine Schwester. »Warum sollte ich ihr unter die Nase reiben, dass wir im Waldhaus übernachten? Dann hätte sie mir doch bloß wieder erzählt, dass die Bettwäsche bestimmt nicht sauber ist und irgendwelches Ungeziefer sich in meinen Haaren einnisten und dort seine Eier ausbrüten wird. Ich habe euch gestern gesehen, als ihr angekommen seid, und seitdem habe ich mich in meinem Zimmer verschanzt, weil ich nicht wollte, dass ihr euch irgendwie bedrängt fühlt. Heute Morgen konnten wir gerade noch rechtzeitig aus dem Frühstücksraum flüchten. Junge, Junge, ihr hättet mal die Figuren am Nebentisch sehen sollen. Ein Mann mit Brüsten wie eine Stripperin und einer mit glupschigen Kulleraugen wie das Krümelmonster.«

»Was du nicht sagst«, brummte ich kopfschüttelnd. »Hast du vielleicht eine Paracetamol dabei?«

»Das soll wohl ’n Witz sein! Ich bin im Urlaub«, antwortete meine Schwester und schaute mich ungläubig an. »Natürlich habe ich Paracetamol dabei. Komm mit, ich könnte auch eine gebrauchen.«

STINKBOMBE

Ich wünschte, mein Mann würde aufhören, Zeitungen mit nach Hause zu bringen, denn dadurch ist mir jetzt etwas klargeworden. Angelina Jolie ist eine Line Kokain, und ich bin bloß der säuerliche Rülpser nach dem Genuss eines Wurstbrotes. Ich sehe aus, wie ein Rülps riecht, und das alles bloß, weil Männer im Grunde genommen nichts weiter sind als nackte Affen.

Nein, ich habe heute nicht versehentlich meine Pillen zweimal geschluckt. Ich rede hier von seriöser Wissenschaft! Alles wissenschaftlich erwiesen und belegt, Herrschaften!

Dem Artikel zufolge, den ich gerade gelesen habe, haben Forscher der Sloan School of Management vom Massachusetts Institute of Technology Forschungsergebnisse veröffentlicht, wonach »der Anblick einer schönen Frau im Gehirn eines Mannes einen ähnlichen Belohnungsimpuls auslöst wie Essen bei jemandem, der Hunger hat, oder ein Schuss bei einem Süchtigen«.

Demzufolge ist Angelina also ein dicker, fetter Fingernagel voll feinstem Schnee, und wir anderen sind bloß diese bräunliche Suppe, die sich unten im Gemüsefach in einer Pfütze sammelt, wenn das Bio-Gemüse, das man irgendwann im Frühjahr auf dem Wochenmarkt gekauft hat, zum wiederholten Male gegen eine Tiefkühlpackung von Iglo verloren hat. Wenn Männer Angelina sehen, wollen sie sie am liebsten einatmen, wohingegen das männliche Geschlecht bei meinem Auftauchen eher den dringenden Impuls verspürt, ein ...

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