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Guten Morgen, Abendland!

Nazan Eckes



GUTEN MORGEN,
ABENDLAND!

Almanya und Türkei –
eine Familiengeschichte

BASTEI ENTERTAINMENT


Ich widme dieses Buch
meinem Vater Necmettin Üngör,
meiner Mutter Gülser,
meiner Schwester Belgin und
meinem Bruder Cüneyt.
Ich liebe euch!

Und ich möchte Julian danken!
Dafür, dass du von Anfang gesagt hast:
Mache es! Schreib das Ding!

VORWORT

Das Zusammenleben von Deutschen und Türken ist wie eine arrangierte Ehe. Wir wurden verkuppelt, weil es wirtschaftlich notwendig war, und jetzt leben wir irgendwie nebeneinanderher … Schade eigentlich.

Üfff! – (Heißt so viel wie »Mann, eeeh!«.)

Wie ist das damals gewesen?

Wer hat wen angebaggert?

Warum kamen nach und nach immer mehr Türken nach Deutschland?

Wann bemerkte man, dass Gastarbeiter nicht nur Gäste sind, die in Deutschland arbeiten, sondern hier leben?

Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Wir haben uns aneinander gewöhnt. Wir Deutschen und wir Türken. Aber Gewohnheit haben schon viele mit Glück verwechselt, und Gewohnheiten sind nicht immer gute Ratgeber. Sie geben uns das Gefühl von Sicherheit und sind bequem – aber Veränderung bewirken sie nicht.

Wir Deutschen und wir Türken haben ein Beziehungsproblem, so viel steht fest.

Weil wir zu wenig ineinander investieren: zu wenig Zeit, Geld und Gedanken. Vieles könnte besser laufen. Üfff!

Stattdessen leben wir wie ein seit vierzig Jahren unglücklich verheiratetes Ehepaar mehr oder weniger zusammen und geben uns keine wirkliche Mühe, die Beziehung zu retten. Meist ertragen wir die Launen und Eigenheiten des anderen. Manchmal fliegen die Fetzen, und oft tut sich gar nichts. Das ist das Schlimmste.

Dieses Buch möchte nicht – wie so viele – ein Beitrag zur Integrationsdebatte im klassischen Sinne sein, denn die langweilen mich zu Tode. Wirklich.

Schon als Kind habe ich gelernt, dass die Bezeichnung »Türke« nicht so unbelastet ist wie »Franzose«, »Engländer« oder »Italiener«.

»Türke« ist fast schon ein Schimpfwort. Warum?

Das habe ich mich oft gefragt und mich auf die Suche nach Antworten begeben. Und ich habe sogar einige gefunden.

Ich möchte im Folgenden eine Familiengeschichte erzählen. Von einer Familie, die seit zwei Generationen in Deutschland lebt, hier Fuß gefasst hat und hier glücklich ist. Das ist meine Familiengeschichte. Oder wenigstens Ausschnitte daraus. Aus Nazan Üngör wurde irgendwann Nazan Eckes, und aus einem türkischen Nachnamen wurde ein deutscher. Habe ich mich dadurch verändert? Ja, Gott sei Dank. Habe ich meine Wurzeln vergessen? Nein, Gott sei Dank nicht.

Mein Herz schlägt türkisch –

mein Herz schlägt deutsch.

Für die meisten der 2,8 Millionen türkischstämmigen Migranten in Deutschland ist der Lebensplan, irgendwann wieder in die Heimat zurückzukehren, gescheitert. Manchmal aus Geldmangel, manchmal aus dem Gefühl heraus, in der Fremde eine neue Heimat gefunden zu haben, und sehr oft ist es die Angst davor, in der Türkei, der ursprünglichen Heimat, keinen Anschluss zu finden. Es ist eine Sache, in einem Land regelmäßig Urlaub zu machen, wie es viele Jugendliche der zweiten und dritten Generation in der Türkei tun, und eine ganz andere, dort zu leben. Selbst wenn der Pass und das Herz sagen, dass man dort hingehört. Das schöne, warme Gefühl der Vertrautheit wird in erster Linie nur vermittelt: durch Eltern, Verwandte, Freunde. Zeitungen, Fernsehen und Urlaubsfotos sind nichts Lebendiges. Wie kann ein Land vertraut sein, wenn man es nicht im Alltag kennt? Die Folgegenerationen der ersten Türken in Deutschland sind aber meist nicht in der Türkei, sondern in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Ich bin mir sicher, dass eine Vielzahl der in Deutschland lebenden Türken schon längst wieder in ihre Heimat zurückgegangen wäre, hätten sie alle nicht auch dort das Gefühl, Fremde zu sein.

Integrationsschwierigkeiten in der ursprünglichen Heimat sind vielleicht noch schwerer zu ertragen als in der Fremde. Wir lieben unsere Wurzeln, wir lieben unser Essen, unsere Musik. Unser Land ist wunderschön. Aber wir wissen, dass wir nicht nur in Deutschland die »Deutschtürken« sind, sondern auch in der Türkei die »Almancılar«, die Deutschländer.

Aber wir haben das Beste daraus gemacht und es uns in unserer Zwischenwelt freundlich eingerichtet. Wer hat auch schon Lust darauf, ein Leben lang darüber nachzudenken, wo er hingehört? Irgendwann wird man einfach müde, lässt sich dort nieder, wo man gerade weilt. Hier ist jetzt Zuhause. Punkt.

In Deutschland freuen wir uns darüber, Freunde oder Kollegen auf türkische Hochzeiten mitzunehmen. Schaut euch das an, das ist lustig! Mit uns kann man richtig Spaß haben. In der Türkei wiederum schwärmen wir vom deutschen Sozialsystem, das vergleichsweise gut funktioniert. Von der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Deutschen sind wir ebenfalls begeistert. Bestellen Sie in der Türkei mal einen Telefonanschluss …

Außerdem sind Deutsche höflich, sie »siezen« einander. In der Türkei nicht immer selbstverständlich.

Ich habe stets versucht, von beiden Kulturen zu lernen. Natürlich gibt es in beiden Ländern Gepflogenheiten, die ich nicht so gern mag. Und weil ich das nicht besonders außergewöhnlich finde, hatte ich nur selten Probleme damit, mich in Deutschland und in der Türkei zurechtzufinden und mich wohl zu fühlen. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass es das Schicksal sehr gut mit mir gemeint hat. Den Rest habe ich mir Stück für Stück erarbeitet. Dem Zufall überlasse ich andere Dinge, aber nicht meine Lebensplanung. Wie gesagt, ich hatte und habe aber auch viel Glück. Ich bin Menschen begegnet, die mich gefordert und gefördert haben. Ich habe eine Familie, die mir so starken Rückhalt gibt, dass es schon einiges braucht, um mich umzuhauen. Ich habe einen Vater und eine Mutter, die erkannt haben, dass ihre Tochter nicht ihren, sondern den eigenen Weg geht und dass dieser gar kein schlechter ist. Und ich habe eine Schwester und einen Bruder, die das Gleiche tun. Eine Familie, die mich als kleines, manchmal eigenwilliges Mädchen genauso akzeptierte, wie sie es heute tut – Eigenwilligkeit eingeschlossen. Eine Familie, die sich nicht von gesellschaftlichen Normen, sondern von eigenen Werten und Gefühlen leiten lässt. Viele türkische Frauen haben dieses Glück nicht. Und es gibt genügend Schicksalsgeschichten, die mich wütend machen. Aber das ist ein anderes Thema …

FÜR ÜNGÖRS NUR DIE HELLEN BRÖTCHEN

Es gibt nichts Größeres, als am Samstagmorgen mit der ganzen Familie ausgiebig zu frühstücken. Ein wahres Festessen ist das – und es hat bei uns Tradition.

Als kleines Mädchen freute ich mich schon Tage vorher auf den Samstag. Darauf, dass wir Kinder und mein Vater um den gedeckten Tisch herum saßen und meine Mutter uns mit immer neuen Köstlichkeiten aus der Küche verwöhnte. Das ließ sie sich nämlich nicht nehmen, die Liebe scheint bei uns Üngörs wirklich durch den Magen zu gehen.

Jeder half bei den Vorbereitungen, ich ging meist die Brötchen holen. Eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe! Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als meine Mutter mich mit acht oder vielleicht neun Jahren das erste Mal allein zum Bäcker schickte.

»Nazan, hier ist das Brötchengeld, bitte hole zehn große frische Brötchen. Aber lass dir ja nicht dunkle oder alte andrehen, tamam mı! – hörst du! Pass gut auf, was die Verkäuferin in die Tüte steckt.«

Stolz nahm ich das abgezählte Geld und verstaute es in der Hosentasche. Die Bäckerei lag zwar nicht weit von unserer Wohnung in einem Kölner Stadtteil entfernt, und ich kannte den Weg gut, trotzdem umklammerten meine Finger die Geldstücke in der Jeans fest, so aufgeregt war ich.

Zehn große frische Brötchen, wiederholte ich in Gedanken immer wieder, bis ich endlich den Laden betrat. Und ohne die vielen Brotsorten zu beachten, steuerte ich auf den Abschnitt der Theke zu, an dem ich die beste Sicht auf das Fach mit den Brötchen hatte. Gerade steckte die Verkäuferin zwei davon in eine kleine Papiertüte und reichte sie einem jungen Mann. Danach bediente sie eine Frau, die ein Brot und vier Brötchen kaufte. Endlich war ich an der Reihe.

»Zehn große frische Brötchen, bitte«, sagte ich mit fester Stimme.

Eine ältere Frau, die nach mir den Laden betreten hatte, schnappte hörbar nach Luft. So viele Brötchen für ein kleines türkisches Mädchen, schien sie zu denken …

»Wie viele Brötchen?«, fragte die Verkäuferin nach.

»Zehn … große … frische … bitte.«

»Die sind alle frisch.« Die Verkäuferin warf mir einen genervten Blick zu, bevor sie die Brötchen wahllos in eine große Tüte abzählte.

Jeden Griff hatte ich genau verfolgt und gesehen, dass auch kleinere dunkle Brötchen in die Tüte gewandert waren. Aber bei uns zu Hause aß man nun mal am liebsten die großen hellen weicheren … Ich sah schon das enttäuschte Gesicht von meiner Mutter vor mir und atmete tief durch.

»Ich möchte die hellen Brötchen, ganz hell sollen sie sein … bitte!«

Der Blick der Verkäuferin, der mich jetzt traf, verriet, dass sie nur deshalb so geduldig mit mir umging, weil ich noch ein Kind war. Sie hätte mich auch schlecht vor der älteren Dame, sicher eine Stammkundin, beschimpfen können. Sie schüttete die Brötchen zurück in das Fach und begann von Neuem. Ich half ihr. »Könnten Sie mir bitte dieses Brötchen geben? Und dieses … und … da vorn das …« Ich zeigte ihr die zehn, die so aussahen, wie wir Üngörs sie uns vorstellten. Ohne eine weitere Miene zu verziehen, folgte sie meinem Wunsch.

»Zwei Mark fünfzig.«

Ich reckte mich nach oben, so weit es ging, und streckte ihr das Geld entgegen. Sie gab mir im Gegenzug die riesige Brötchentüte, die ich mit beiden Armen umfassen musste, wenn mir nicht alle Brötchen herauspurzeln sollten. Die Verkäuferin wandte sich bereits der älteren Dame zu. »Auf Wiedersehen …«

Mit jedem Schritt durch die Straßen freute ich mich mehr und mehr auf das herrliche Frühstück, das mich zu Hause erwartete. In Gedanken sah ich schon eine große dampfende Portion Menemen vor mir. Menemen ist eine Art Rührei mit Schafskäse, Paprika, Tomaten und wahlweise mit Sucuk, einer sehr würzigen Rinderwurst mit Chili und Knoblauch, oder Pastırma, einem gepökelten Fleisch, das an Bündnerfleisch erinnert. Menemen kann ich tellerweise verdrücken.

Stolz präsentierte ich meiner Mutter später die Brötchen. »Alle ganz frisch, Anne!«

»Aferin kızım!« – Sehr gut gemacht, Nazan!, lobte sie mich, gab mir einen Kuss und schüttete das frische Backwerk in eine große Schüssel. Ich trug die Schüssel zum gedeckten Esstisch, um den sich, von dem würzigen Duft der warmen Frühstücksspeisen angezogen, mein Vater und meine beiden jüngeren Geschwister bereits versammelt hatten: Auf Tellern oder in kleinen Schalen waren Tomaten, Gurken, Oliven, Käse, Honig, Marmelade und süße Sesampaste angerichtet. Ich stellte die Brötchen auf ihren Platz, und im nächsten Moment brachte meine Mutter auch schon Menemen und Bratkartoffeln aus der Küche. Während aus dem Wohnzimmer das Geräusch des Fernsehers herüberdrang, sprachen wir Kinder durcheinander, lachten und ließen uns das gemeinsame Frühstück mit unseren Eltern schmecken.

Zufrieden und mit vollen Bäuchen räumten wir den Tisch ab und brachen anschließend zum Einkaufen auf. Wir freuten uns alle fünf darauf, nach dem ausgiebigen Schlemmen und Sitzen vor die Tür zu gehen und ein paar Schritte zu machen. Außerdem mussten wir dafür sorgen, dass der Kühlschrank für die nächste Woche gefüllt war.

Dieser große Samstagseinkauf war ein Abenteuer für uns Kinder. Unsere Einkäufe verteilten sich auf den deutschen Supermarkt, ein türkisches Geschäft und den Wochenmarkt, wo es besonders frisches Obst und Gemüse gab. Meine Mutter hatte einen genauen Plan, aber wer jetzt denkt, es gab einen langen Einkaufszettel, der irrt. Es ist unbegreiflich, wie meine Mutter sich all die notwendigen Einkäufe auswendig merken konnte. Ich kenne überhaupt keine türkische Frau, die einen Einkaufszettel schreibt. Sie haben alles in ihrem Kopf. Sie scheinen darauf trainiert zu sein … Bei den Massen, die wir eingekauft haben, eine logistische Meisterleistung. Und meine Mutter hatte nicht nur die Liste im Kopf, sie wusste auch genau, welchen Preis ein Produkt hatte und wo sie es am günstigsten bekommen konnte. Gab es irgendwo gerade eine Rabattaktion? Auch das wusste sie Tage vorher. Sie war eine sehr sparsame Frau, jedoch immer auf Qualität bedacht. Sie hätte lieber auf neue Kleider verzichtet, aber niemals auf den Großeinkauf am Samstag.

Denn für uns zu kochen war und ist ihr Leben.

Wenn wir nun alle gemeinsam zum Einkaufen fuhren, dann fielen wir im deutschen wohlsortierten Supermarkt spätestens an der Kasse wegen unseres vollen Einkaufswagens auf. Aber nicht weniger als die vereinzelten deutschen Kunden, die sich zum »Türken um die Ecke« verirrt hatten. Türkische Speisen und Lebensmittel waren damals noch nicht so sehr verbreitet wie heute, und nur wenige Deutsche hatten schon entdeckt, dass die fremden bunten Läden durchaus etwas zu bieten hatten. Und so sah man hin und wieder auch »Hans« und »Helga« – in alten türkischen Filmen hießen fast alle deutschen Frauen Helga und alle deutschen Männer Hans – zwischen den Kistentürmen, in denen kiloweise frisches Obst und Gemüse auf seine Käufer warteten. Die Regale reichten für die vorhandene Ware nun mal nicht aus, sodass zusätzlich volle Kisten und Behälter davor- oder danebenstanden. Orangen, Mandarinen, Äpfel, Tomaten, Gurken … Von allem zu viel, dachten sie wahrscheinlich. Das dachten wir auch oft, aber das störte uns nicht.

In den türkischen Geschäften herrschte eine verkehrte Welt: Hier war der Deutsche der Fremde. Und so betrachtete ein älteres türkisches Paar an der Kasse den jungen dunkelblonden Mann mit Brille vor ihnen, der drei Äpfel, 200 Gramm Lammfleisch und ein Fladenbrot bezahlte.

Der ältere Türke lachend: »Şuna bak. Bundan kim doyucak?« – Schau dir das mal an. Wer soll denn davon satt werden?

Seine Frau irritiert: »Bilmem … Çok cimriler yaaa.« – Keine Ahnung … Die sind wirklich geizig.

Meine Mutter und ich bekamen diese Szene mit und mussten lachen. Aber ich war schon damals froh darüber, dass es überhaupt deutsche Kunden gab, die in türkischen Geschäften einkauften. Vielleicht weil es mir zeigte, dass wir nicht für alle Deutschen beängstigende fremde Menschen waren, sondern man »uns« sogar so weit vertraute und schätzte, dass man Lebensmittel von uns kaufte.

Meine Mutter schubste mich sanft an und deutete auf den Einkauf, der zum Einpacken bereitlag. Der junge Mann mit Brille war längst verschwunden, und auch das ältere Ehepaar trug seine Einkäufe bereits zum Ausgang. Jetzt musste alles sehr schnell gehen. Meine Schwester und ich haben im wahrsten Sinne Fließbandarbeit geleistet und den Einkauf im Akkord in den Tüten verschwinden lassen und sie dann zum Auto geschleppt. Meist wartete mein Vater mit dem Wagen in der Nähe und war ganz froh, dass seine beiden »Kızlar« alt genug waren, um seine Frau beim Einkaufen zu unterstützen, während er in Ruhe im Auto warten und seine Zeitung lesen konnte. Mein Bruder, der kleine Pascha, blieb damals noch verschont. Er war zu jung und durfte mit einem Stück Schokolade ebenfalls im Wagen warten.

Kaum waren wir zu Hause, gab es die Belohnung für die harte »Fließbandarbeit« und das Schleppen der tausend Tüten. Meine Mutter stellte schon die Kochtöpfe auf den Herd, während wir anderen alles in die Vorratsschränke und den Kühlschrank sortierten.

Man mag es kaum glauben, aber bis das Essen fertig auf dem Tisch stand, hatten wie alle fünf wieder einen unglaublichen Hunger. Und meine Mutter, eine grandiose Köchin, bereitete jede Speise mit viel Liebe zu.

ALLES, BLOSS KEIN SCHWEINEFLEISCH!

Das Verbot, Schweinefleisch zu essen, gehört zum muslimischen Glauben, und so war mir von klein auf beigebracht worden: »Sakın yeme, kızım!« – Kein Schweinefleisch, meine Tochter! Ich war mir sicher, Schweinefleisch zu essen war etwas ganz Schreckliches, eine Todsünde. Und ich nahm das Verbot ernst und auch die Geschichten, die immer wieder erzählt wurden.

»Die Almanlar, die Deutschen, haben diese rosarote Gesichtsfarbe, weil sie zu viel Schweinefleisch essen … Und weil sie so viel Schweinefleisch essen, frieren sie nie …« Ich weiß nicht, wer um alles in der Welt auf diese Märchen gekommen ist, aber wir Kinder haben sie geglaubt! Und ich wollte keinesfalls ein so rosarotes Gesicht haben, also war Schweinefleisch tabu, es war kein Thema.

Bis ich in die Schule kam.

Von nun an wurde ich immer wieder mit diesem dummen Problem »Schweinefleisch« konfrontiert. In der Schule, bei einem Schulausflug mit Picknick oder beim Besuch zu Hause bei Freundinnen.

Nie durfte ich auch nur daran denken, etwas in den Mund zu nehmen, das früher einmal gegrunzt hatte. Selbstverständlich musste ich nicht hungern, meine Mutter versorgte mich mit doppelt so vielen Pausenbroten wie nötig. Alle mit Käse belegt. Dazu Obst und eine Schokoschnitte.

Wenn eine Freundin ihr Brot, aus dem hellrosa Wurst herauslugte, mit mir tauschen wollte, sagte ich jedoch nicht: »Ich darf das nicht essen«, sondern ich erfand Ausreden. Es war mir unangenehm, erklären zu müssen, warum wir kein Schweinefleisch aßen. »Ich mag das nicht«, gab ich meist vor. Und ich war es bald leid, die Einzige in der Klasse zu sein, bei der Schweinefleisch ständig Thema war; warum musste ich mich immer wieder für etwas rechtfertigen, das für meine Familie völlig normal war? Ich war zwar auch die Einzige, die kein Weihnachten und kein Ostern feierte und die nicht zur Kommunion oder Konfirmation musste, aber dafür hatten wir Feste wie Ramadan und große traditionelle türkische Hochzeitsfeiern, auf die ich mich immer besonders freute. Eine Sache gab es jedoch, die ich gern betonte, weil die anderen dann neidisch waren: Ich musste sonntags nicht mit der ganzen Familie in die Kirche. Darauf hätten meine Schulkameraden und -kameradinnen ebenfalls gern verzichtet.

Aber bei besagtem Problemthema war es umgedreht: Während ich behauptete, das fettige, rosafarbene, merkwürdig riechende Fleisch nicht zu mögen, dachte ich nicht selten: »Wie gern würde ich es probieren!« Ich hätte dann jedem, der mir auf dem Schulhof über den Weg lief, am liebsten die Wurst von seinem Brot geklaut und sie genüsslich schmatzend verschlungen. Das tat ich aber nicht – bis mich eines Tages Eva aus meiner Klasse fragte: »Nazan, hast du nicht Lust, nach der Schule mit zu mir nach Hause zu kommen? Meine Mutter macht Spaghetti.«

So gern, wie es die Freundinnen genossen haben, bei uns eine etwas exotischere Küche zu probieren, so misstrauisch war ich selbst bei den Kochkünsten der anderen Mütter. Ich durfte auch nur Freundinnen besuchen, die meine Eltern gut kannten, besser noch, wenn sie ihre Eltern kennen gelernt hatten. Das war aber nun mal nicht immer machbar. Und bei Eva nicht der Fall.

Aber es gab Spaghetti.

Ich nahm die Einladung an und saß schon eine halbe Stunde später vor einem Teller langer Nudeln mit Bolognese. Und Letzteres war ein Problem, denn ich wusste nicht, von welchem Tier das Hackfleisch stammte. Dazu kam, dass am Tisch Schweigen herrschte. Alle schienen nur darauf zu warten, dass ich endlich die Gabel in die Hand nahm und anfing, meine Spaghetti zu essen. Hier war alles anders als zuhause, wo man bei Tisch nicht ruhig sitzen und schweigen musste. Das gab es bei uns nicht. Wenn es ruhig zuging, dann war irgendwas nicht in Ordnung. Daher fanden es meine Freunde bei meiner Familie immer sehr lustig.

Hier bei Evas Familie war anscheinend etwas nicht in Ordnung. Und es schien an mir zu liegen.

Als die Mutter Eva fragte, warum ich denn nicht essen würde, war ich erstens wütend, weil sie nicht mich, sondern ihre Tochter gefragt hatte, und zweitens nervte mich, dass ich wegen dieser elenden Schwein-oder-nicht-Schwein-Frage mal wieder in eine peinliche Situation geraten war.

Eva nickte mir zu, als wollte sie sagen: »Nun lass es dir doch schmecken«, und ohne länger darüber nachzudenken, entschied ich, die Fleischsoße zu essen.

Bei jeder Gabel betete ich inständig zu dem lieben Allah, er möge mir verzeihen, weil er doch selbst gesehen habe, dass dies ein absoluter Notfall und eine große Ausnahme war.

Als mich meine Eltern später fragten, warum ich erst jetzt nach Hause komme und warum ich gar keinen Hunger habe, quälte mich ein schlechtes Gewissen. Wegen des Schweinefleischs und weil ich meinen Eltern nicht die ganze Wahrheit sagte. Und geärgert habe ich mich zudem, denn das Nudelgericht war ja nicht einmal gute deutsche Hausmannskost gewesen, sondern ein italienisches Fertiggericht aus der Tüte.

Nie wieder würde ich Schweinefleisch essen, das schwor ich mir. Eher würde ich hungern … Oder?

Schon bald wurde ich erneut auf die Probe gestellt, und zwar während einer Klassenfahrt in einem Schullandheim.

Ich kann mich zwar überhaupt nicht mehr erinnern, an welchem Ort wir waren und was wir dort alles unternommen haben, aber die Ankunft und das erste Mittagessen sehe ich wie heute vor mir. Ich muss zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Wir waren am Morgen von der Schule aus losgefahren und am Mittag in der Jugendherberge angekommen. Natürlich völlig ausgehungert, obwohl wir alle Verpflegung für die Fahrt dabeigehabt hatten. Die Lehrer führten uns in die Kantine, wo auch schon das Essen für die Klasse 4B bereitstand. Für die ganze Klasse, nur für eine Schülerin nicht. Es gab nämlich Hackbällchen aus Schweinefleisch, und man hatte nicht bedacht, dass es unter den Schülern ein islamisches Mädchen gab, dessen Eltern darum gebeten hatten, dafür zu sorgen, dass es immer seine – im wahrsten Sinne – Extraportion bekam. Alles, bloß kein Schweinefleisch! Die Lehrer waren informiert und hatten diese Information auch weitergegeben, nur war sie in der Herbergsküche schlichtweg vergessen worden. Die anderen Kinder löffelten los, und mir blieb erst mal nichts, als meinem knurrenden Magen zu lauschen.

»Ist doch nicht so schlimm, wenn du einmal davon isst, oder? So schlimm schmeckt es gar nicht …«, sagte Friederike, die neben mir am Tisch saß. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, und schaute sie bloß an. Sie hatte leuchtend rote Haare und Sommersprossen, und ihre großen blauen Augen schienen auf eine Antwort zu warten, während meine braunen nervös zwischen den lustigen Punkten auf ihrer Nase und den kahlen Wänden der Kantine hin und her sprangen. Schön war es hier wirklich nicht. Und es roch auch nicht so gut wie in der Küche meiner Mutter. Aber Hunger ist Hunger, und meiner war gerade verdammt groß. Die Hackbällchen wollte ich jedoch auf gar keinen Fall essen. Also wieder lügen. Mist! So tun, als würde ich das nicht mögen, oder noch unvorstellbarer: Erzählen, ich hätte gar keinen Hunger? – Das Knurren meines Magens wurde lauter. – Nein, das ging nicht!

Plötzlich stellte jemand einen Teller vor mir auf den Tisch. Käsebrote. Na, immerhin! Ich biss ein Stück ab und war froh, nicht wieder eine Ausrede gebraucht zu haben.

»LEY LEY LİMİ LİMİ LEY« ODER DER DUFT DER HEIMAT

Die Sommerferien waren früher der Höhepunkt eines jedes Jahres, denn dann fuhren wir in die Türkei, die Heimat meiner Familie. Schon Wochen vorher erzählte ich meinen Freundinnen in der Schule aufgeregt davon und konnte es kaum abwarten, dass dieses Reiseabenteuer endlich wieder losging.

Auch meine Eltern wurden mit dem Näherrücken der großen Ferien sichtlich nervöser, denn die viertausend Kilometer lange Fahrt musste gut vorbereitet werden. Mein Vater hatte sich im Vorfeld um das Auto zu kümmern: Inspektion, neue Reifen, Ersatzkanister mit Sprit, Decken und Kissen für die Fahrt. Meine Mutter, die für die Mitbringsel, die Koffer und die Verpflegung während der langen Fahrt zuständig war, verbrachte gefühlte zwei Monate allein mit dem Packen. Sechs Wochen Urlaub, zwei Erwachsene und drei Kinder – das macht zwei sehr große Koffer und diverse große und kleine Reisetaschen, die bis in die letzte Ritze gefüllt sind.

Sechs Wochen Urlaub … das hört sich im ersten Moment lange an; aber wenn man bedenkt, dass die gesamte Familie meiner Mutter und die gesamte Familie meines Vaters – und sie sind auf beiden Seiten sehr groß – darauf warteten, uns in dieser Zeit alle endlich wiederzusehen, war das verdammt kurz.

Unsere Kleidung nahm in den Koffern und Taschen noch den geringsten Platz ein, platzgreifender waren die vielen Mitbringsel aus »Almanya« für die Verwandten. Jeder Einzelne, Tanten, Onkel, Omas, Opas, Freunde, Schwägerinnen, Cousins und Cousinen wurden mit »Hediyeler« versorgt. Wobei man sich fragen konnte, ob wir die Geschenke machten, weil man uns so sehnsüchtig erwartete, oder ob wir so sehnsüchtig erwartet wurden, weil jeder bedacht wurde. Aber das konnte man nicht mehr zurückverfolgen, jedenfalls war sowohl die Sehnsucht als auch die Menge der Produkte »made in germany« beachtlich.

Schon Wochen vor unserer Abreise wurden meiner Mutter die ersten Wünsche aus ihrer Heimat mitgeteilt. Auf diese Weise haben nicht nur die Türken in Deutschland, sondern auch ihre zahlreichen Verwandten und Freunde in der Heimat einen Beitrag zur deutschen Wirtschaft geleistet. Meine Mutter jedenfalls war sicherlich nicht die einzige Türkin in Deutschland, die vor dem Heimaturlaub wie verrückt Geschenke kaufte. Und unsere Verwandten wussten, Gülser kann nicht Nein sagen. So landeten die Wunschlisten bei ihr und nie bei meinem Vater. Ihn kannte auch die Familie nur zu gut, mein Vater hatte kein Verständnis dafür, dass Shampoo, Cremes, Parfüm, Schokolade oder Ähnliches im Auto von Deutschland über Österreich, Exjugoslawien und Bulgarien bis in die Türkei transportiert wurde. All das gab es auch in der Türkei. »Oradan alırız.« – Kaufen wir alles dort, sagte mein Vater nur, wenn ihm doch einmal ein Wunsch zu Ohren kam. Punkt.

Ganz stimmte das in den Achtzigern noch nicht, etwa Milka und Alpia waren in der Türkei damals nahezu Delikatessen, die es höchstens in sehr gut sortierten Läden gab, in denen der Durchschnittsbürger nicht einkaufen ging. Aber meine Mutter konnte es einfach nicht lassen … Wie ein verdeckter Ermittler, der heimlich Beweise sammelt, besorgte meine Mutter nach und nach die Geschenke. Sie war so gut darin, dass mein Vater selten mitbekam, was sich hinter der Schlafzimmertür, in den Schubladen, im Keller oder an irgendwelchen anderen Orten der Wohnung ansammelte. Sie war nach einigen Jahren erfahren und müde genug und wollte jeglicher Diskussion aus dem Weg gehen. Paradoxerweise waren die meisten Geschenke für Familienmitglieder meines Vaters.

Wenn meine Mutter mit Näherrücken des Abreisetages den wachsenden Geschenkestress doch nicht mehr verbergen konnte, begann mein Vater vor Wut förmlich zu kochen, aber zu spät, jetzt waren die Sachen gekauft und mussten mit. Doch solange ihm nichts auffiel, organisierte Agentin Gülser heimlich den Transport. Gott sei Dank war das Packen bei uns damals Frauensache, so hatte meine Mutter ein weites Feld zum Verstecken von Fläschchen, Döschen, Tütchen und Tübchen, und es fand sich in jedem Hosenbein, in jeder Socke, in jedem Hemdsärmel ein Plätzchen für all die Sachen, die den Verwandten dankbares Lächeln ins Gesicht zauberten. Parallel dazu muss man sich das Gesicht meines Vaters vorstellen, wenn er am Tag der Abfahrt die schweren Koffer und Reisetaschen anhob, die seine Frau sorgfältig gepackt hatte. Spätestens wenn der Wagen unter der Last des Gepäcks und Proviants, der ebenfalls stattliche Tüten und Behältnisse füllte, ächzend hinabsank, war der Spaß endgültig vorbei.

Auch ich beteiligte mich als ältestes Kind irgendwann an der »Wie viel darf in den Wagen?«-Diskussion. Ich fand es nämlich furchtbar, wenn auch die Rücksitze beziehungsweise der Fußraum vor mir als Stauraum dienen musste. Dann verwandelte sich die Rückbank des Autos in eine Art Liegewiese, die meine Mutter mit Decken und Kuschelkissen bestückte. Das klingt gemütlich, und meine Schwester Belgin und mein Bruder Cüneyt waren immer begeistert davon, sich wie in einen überdimensionalen Kinderwagen legen zu können, aber ich wollte viel lieber aufrecht sitzen und meine Beine ausstrecken. Nicht nur, dass es meiner Meinung wesentlich angenehmer war, ich fand es auch »deutscher«. Schließlich hatten deutsche Familien immer nur so viel in ihrem Auto geladen, wie in den Kofferraum passte, der Rest blieb zu Hause und der Fußraum – stets sauber gesaugt natürlich – frei für die Beine. So hätte ich es auch gern gehabt, schließlich waren wir drei Tage lang unterwegs!

Am schlimmsten müssen unsere Reisen in die Heimat für meinen Vater gewesen sein, der damals noch rauchte. Er vermied es zwar in der Regel, sich in Gegenwart von uns Kindern eine Zigarette anzustecken, aber während der Türkeifahrten in unserem mintgrünen, völlig überladenen 190er Mercedes herrschte eine Art Ausnahmezustand mit Sonderregelstatus.

Dann musste er Kilometer für Kilometer durchhalten. Durchhalten, weil die Strecke nicht enden wollte, und durchhalten, weil er am liebsten dauernd eine Zigarette im Mundwinkel gehabt hätte … Und durchhalten trotz der ständigen Streitereien, die von »Wer darf was mitnehmen und was muss zuhause bleiben« über »Fenster auf, Fenster zu« und »Musik an, Musik aus« bis hin zu »Mir ist schlecht, mir ist kalt, mir ist heiß« gingen. Fünf Leute, fünf Meinungen. Man konnte sich immer darauf verlassen, dass einem von uns irgendetwas nicht passte.

Nur bei einem Thema waren wir uns alle einig.

Musik. Ohne Musik wollten wir nicht einen einzigen Kilometer fahren. Ich schätze, ich war neun oder zehn Jahre alt, als ich meinen ersten Walkman bekam.

Während mir also Madonna La Isla Bonita ins Ohr säuselte, drehte meine Mutter die Musik vorn immer lauter. Alles türkische Klassiker mit wummerndem Bass und begleitet von der Zurna, einer persischen Oboe, deren Klänge europäische Ohren eher an das Quietschen eines Luftballons erinnert, bei dem man nach und nach die Luft entweichen lässt.

Es gab nur ein einziges Lied, für das ich bereit war, die lallende Madonna – das tat sie immer dann, wenn die Batterie schwächer wurde – zu unterbrechen.

Unsere Familienhymne.

Ich nenne sie so, weil wir auf jeder Fahrt gemeinsam dieses Lied hörten und alle fünf lautstark mitsangen. Das war heile Welt pur, Vorfreude auf den Urlaub, ein bisschen Türkei im Auto, HEIMAT – und ein bisschen peinlich, aber meine Freunde waren schließlich nicht in der Nähe. Also stimmte ich mit ein:

Tren gelir hoş gelir

Ley ley limi limi ley

Odaları boş gelir

Mini mini güzel gel bize

Duydum yar bize gelmiş

Ley ley limi limi ley

Sefa gelir hoş gelir

Mini mini güzel gel bize

Beydağına kar yağar

Ley ley limi limi ley

Kar altında güller var

Mini mini güzel gel bize

Ben mahleden geçerken

Ley ley limi limi ley

Pencereden yar bakar

Mini mini güzel gel bize

Das sind nur die ersten beiden Strophen … Und jetzt, meine ganz freie Übersetzung:

Es fährt ein Zug herbei, er ist willkommen

Ley ley limi limi ley

Die Zimmer frei, kommt er herbei

Mini mini güzel gel bize

Ich höre, die Geliebte ist zu uns gekommen

Ley ley limi limi ley

Sie ist vergnügt, sie ist willkommen

Mini mini güzel gel bize

Auf den Berg rieselt der Schnee

Ley ley limi limi ley

Unter dem Schnee sind Rosen gebettet

Mini mini güzel gel bize

Als ich durch die Straße gehe

Ley ley limi limi ley

Sieht die Geliebte aus dem Fenster

Mini mini güzel gel bize

Ich gebe es zu, der Text ist nicht mal mehr Geschmackssache, rätselhaft bleibt vor allem der Refrain »Ley ley limi limi ley«. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was er bedeutet. »Mini mini güzel gel bize« heißt wohl so viel wie »Mini Mini schön komm zu uns«. Warum dieses türkische Lied ein so großer Erfolg wurde? Erneut keine Ahnung. Aber dieses Lied macht gute Laune. Bekannt geworden ist der Titel durch İbo. İbrahim Tatlıses, İbrahim, die »Süße Stimme«. (Diesen Namen müssen Sie sich merken. In der Türkei kommt er gleich hinter Michael Jackson.)

Singend, dösend, lachend, jammernd, schimpfend legten wir weitere Kilometer auf dem Weg in die Türkei zurück.

Immer wieder wurden wir von noch schwerer beladenen Ford-Transit-Bussen überholt, alle auf dem Weg nach Anatolien. Die meisten Türken fuhren einen Transit, viele auch einen Taunus, auch als »Türkenauto« bekannt. Einen Transit hatten wir nie, aber das erste Auto meines Vaters war ein solches »Türkenauto« – ein weißer Taunus, und wenn ich ihn heute auf den alten Fotos sehe, finde ich, dass das eigentlich ein wunderschönes Auto war. Aber womöglich hat es auch nur damit zu tun, dass es eben unser erstes Auto war. Das Wort »Transit« hatte ich als Kind so oft gehört, dass ich zuerst dachte, es wäre der Name eines guten Freundes meiner Eltern. Gekauft haben sie nie einen, aber scheinbar oft darüber gesprochen.

Überholte uns nun mal wieder solch ein Gefährt, wunderte ich mich jedes Mal über das Dachgepäck. Manchmal konnte man durch eine Plastikplane einen Blick erhaschen, oder an der Seite quoll das eine oder andere Gepäckstück hervor. Erkennen konnte ich unter anderem Daunendecken (gibt es in der Türkei auch), Topfsets (gibt es in der Türkei auch), Videogeräte (gibt es in der Türkei auch) und viele andere Dinge. Es kam keine Langeweile auf …

Und es hatte etwas von einer Pilgerreise.

Alle hatten das gleiche Ziel, manche trafen wir von Raststätte zu Raststätte immer wieder, und jeder war bereit, dem anderen zu helfen, sollte er unterwegs Hilfe benötigen. Doch hier war nicht der Weg das Ziel, sondern die Türkei. Und selbst wenn wir noch so schnell wie möglich in diese Richtung rollten, wie ein Aufziehauto, das nicht zu stoppen ist, viertausend Kilometer waren nun mal viertausend Kilometer.

Alle fünf bis sechs Stunden mussten wir eine Pause einlegen, und der schwer beladene Wagen kam mit quietschenden Bremsen zum Stehen, so bilde ich es mir im Nachhinein zumindest ein. Tatsächlich aber waren die Bremsen immer frisch überprüft und geölt. Der Motor kühlte runter, mein Vater vertrat sich rauchend zuerst einmal die Beine, und meine Mutter – richtig! – zauberte blitzschnell ein Essen. Das war das Beste, das wirklich Allerallerbeste an den Fahrten, dass unsere Mutter immer reichlich zu essen vorbereitet hatte. Regel Nummer eins für alle Heimreisenden in die Türkei: Nimm genügend Proviant mit! Schließlich hat jede türkische Mutter meist viele Mäuler zu stopfen. Es war erstaunlich, wie und wo meine Mutter all die Essensvorräte für die lange Heimatreise verstaute.

Wir fünf waren außerdem verwöhnt, was das Thema Gaumenfreuden betrifft. Selbstgemachtes von meiner Mutter schmeckte uns einfach am besten. Ich habe mich als Kind sogar oft geweigert zu essen, was jemand anders als meine Mutter gekocht hatte. Alles hatte für mich einen komischen Beigeschmack. War nicht so gewürzt, wie ich es mochte, oder zu weich in der Konsistenz. Ich war sehr kreativ darin, Gründe zu erfinden, damit ich etwas nicht essen musste. Mutters Rastplatzbrote hingegen lassen mir noch heute unverzüglich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Zutaten: Fladenbrot, Schafskäse, grüne Paprika, Tomaten und Zwiebeln. Nichts Besonderes, aber besonders lecker. Ich habe mir dann zusammen mit meiner Schwester und meinem kleinen Bruder einen gemütlichen Platz auf einer Bank gesucht, und während wir in unsere Riesenbrote bissen und genüsslich vor uns hin kauten, beobachteten wir die anderen Familien und vor allem ihre turmhohen Autos. Mann, war ich froh, dass wir dank Vaters Hitzkopf nie einen solchen Turm auf dem Autodach hatten. Meine Mutter sah das sicher anders. So viel mehr Schokolade und andere Geschenke hätte sie mitnehmen können. Wenn ich an diese hochbepackten Urlaubsautos denke, fällt mir sogleich eine Folge der italienischen Zeichentrickserie Signor Rossi von Bruno Bozzetto ein. »Gestatten, Rossi« – ein kleiner Mann in rotem Anzug und mit Hut, den er zur Begrüßung höflich abnimmt. Meine Lieblingsfolge war Herr Rossi macht Ferien. (Den Soundtrack höre ich übrigens immer noch gern.) Die Zeichentrickautos waren ähnlich schwer beladen und sackten vor lauter Gewicht in sich zusammen, als wäre die Karosserie aus Gummi.

Wozu muss man so viele Sachen mitnehmen? Ich fand unseren Wagen schon schrecklich voll, dabei sah er noch vergleichsweise harmlos aus. Biss für Biss wanderte mein Blick die anderen Urlaubsreisenden ab, und ich hatte jede Menge Spaß an diesem Open-air-Rastplatz-Kino.

Natürlich waren auch immer viele deutsche Urlauber unterwegs in den Süden. Meist nach Italien oder Spanien. Viele waren in einem Pkw zu zweit unterwegs, oder Familien fuhren mit einem Campingwagen Richtung Sonne. Aber nicht einmal spuckten sie so viele Kinder aus ihrem Gefährt wie die Türken. Wenn die Deutschen haltmachten, gingen sie in die Raststätte essen oder kauten an einem sparsam belegten Brot. Wir wollten ihnen am liebsten zurufen: »Hey, kommt rüber!

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