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Gute Nacht, Liebster

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Geleitwort
  6. Prolog
  7. 1955
  8. I. Teil
  9. September 1993, Frankfurter Flughafen.
  10. 2. Teil
  11. Januar 2004
  12. 3. Teil
  13. August 2007
  14. Dank
  15. Anhang
  16. Informationen zu Demenzerkrankungen

Über die Autorin

Katrin Hummel, geboren 1968 in Ulm, studierte in Straßburg und Freiburg Französisch, Geografie und Englisch. Sie ist Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autorin mehrerer Romane. Katrin Hummel hat mit Hilda Dohmen, die in GUTE NACHT, LIEBSTER ihre Geschichte erzählt, viele intensive Gespräche geführt und gibt ihr in diesem Buch eine Stimme.

GELEITWORT

Wir sprechen von mehr als einer Million Demenzkranken in Deutschland; wir wissen, dass das Alter der größte Risikofaktor ist, an einer Demenz zu erkranken. Das vor Ihnen liegende Buch zeigt in eindrücklicher Weise, dass statistische Aussagen keine oder nur wenig Gültigkeit für Einzelschicksale besitzen.

Aus Sicht der Ehefrau, der Ich-Erzählerin, wird die Leidensgeschichte ihres Mannes Hans beschrieben. Der Mann zeigt im besten Alter von Anfang fünfzig erste Symptome einer nicht benennbaren psychischen Erkrankung. Der Leser wird durch das einleitende Kapitel in ihr gemeinsames Leben eingeführt. Die beiden kennen sich seit ihrer Jugend, heiraten später. Während des Heiratsantrags sagt er zu ihr: »Aber ich kann mir nicht vorstellen, mit einer anderen Frau alt zu werden als mit dir, Hilda. Du bist der Mensch, mit dem ich leben will …«.

Sie werden Eltern von zwei Töchtern, erleben viel gemeinsam. Sie beschreibt ihre Gemeinsamkeit so: »Hans und ich hatten eine so breite gemeinsame Basis, dass uns nichts wirklich auseinander bringen konnte – wie zwei Magneten, die es sehr stark zueinander hinzieht«.

Als Hans erkrankt, ist sie als Lehrerin berufstätig, er selbstständig. Die Töchter leben bei ihnen im Haus. Ihre Mutter zieht zu ihnen und wird in der Familie betreut.

Wie später diagnostiziert wird, ist Hans an einer Frontotemporalen Demenz erkrankt, einer Form der Demenz, an der schätzungsweise drei bis neun Prozent aller Demenzkranken leiden, beim Typ Alzheimer sind es etwa siebzig Prozent. Im Unterschied zu den meisten Fällen der Alzheimerschen Erkrankung erkranken die Patienten an Frontotemporaler Demenz durchschnittlich im Alter von fünfzig bis sechzig Jahren. Viele Patienten erscheinen zu Beginn der Erkrankung oberflächlich und sorglos, unkonzentriert und unbedacht, sie fallen im Beruf wegen Fehlleistungen auf und vernachlässigen ihre Pflichten. Sie verlieren das Interesse an Familie und Hobbys, werden teilnahmslos, antriebslos und apathisch. Die Krankheitseinsicht ist bei den meisten Patienten beeinträchtigt, das heißt, sie halten sich selbst für völlig gesund. Das Zusammenleben mit einem Patienten, der an einer Frontotemporalen Demenz leidet, bedeutet für die Angehörigen eine enorme Belastung. Vor allem sind es die Verhaltensauffälligkeiten, besonders Teilnahmslosigkeit, Aggressionen und Unberechenbarkeit der Patienten, die den anderen Familienmitgliedern zu schaffen machen.

Die Geschichte von Hans und Hilda wird als eine Reihe von scheinbar alltäglichen Ereignissen geschildert. Hilda sagt einmal: »Die Veränderung kam so langsam, dass ich Zeit hatte, mich daran zu gewöhnen.« Sie hätte sich eine frühere Diagnose gewünscht, denn: »Wir haben uns nicht gegenseitig trösten, nicht halten, nicht zusammen weinen und nicht besprechen können, was werden soll.« Sie ist immer wieder erschrocken und maßlos traurig, wie hilflos sie dem voranschreitenden Verfall der Krankheit ausgeliefert ist. Sie drückt es so aus: »Der Strudel, der uns erfasst, dreht sich immer schneller, denke ich. Und mir wird klar: Noch befinden wir uns am Rand dieses Strudels. Wir wissen nicht, was innen drin sein wird.« Sie versucht ihn zu beschützen, seine Würde zu bewahren. Hilda scheint eine starke Frau zu sein, sie versucht, ihr Möglichstes für ihren geliebten Hans zu tun. Ihre Töchter, die Familie und Freunde sehen die Situation mit mehr Distanz und stützen sie. Auch die in Anspruch genommenen Hilfsangebote entlasten sie, machen aber auch ihre besondere Situation als Ehepartnerin eines relativ jungen Demenzpatienten sichtbar. Sie hat das große Glück, von einem engagierten und einfühlsamen Arzt begleitet zu werden. In eindringlichen Szenen werden die Nöte und Schwierigkeiten einer häuslichen Begleitung bis zum Lebensende geschildert.

Ich wünsche diesem einfühlsam und facettenreich geschriebenen Buch viele Leser.

Heike von Lützau-Hohlbein
1. Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V., Selbsthilfe Demenz

Berlin, September 2008

PROLOG

Augenblick, verweile doch, du bist so schön.

Johann Wolfgang von Goethe

Abbildung

1955

Hans hatte einen schwarzen Parallelo an – einen Pullover mit Fledermausärmeln und U-Boot-Ausschnitt, der von rechts nach links gestrickt war – man fing an einem Ärmel an und hörte am Bündchen des anderen auf. Parallelos waren Mitte der Fünfziger gerade modern und sehr teuer. Das wusste ich deshalb so genau, weil ich selbst nicht viel Taschengeld bekam und mir nie viel kaufen konnte. Im Vergleich zu heute besaß ich nur wenig zum Anziehen. Meine besten Stücke waren ein dunkelblauer Faltenrock aus Schurwolle und ein roter, kurzärmeliger Angorapulli. Beides trug ich, als ich Hans zum ersten Mal begegnete. Ich lernte ihn durch seinen Cousin Peter kennen, der mit meiner Schwester Franziska angebandelt hatte. Peter war neunzehn, und Franziska schwärmte für ihn; er war zwei Jahre älter als sie und hatte schon einen Führerschein.

»Das ist mein Vetter Hans, und das ist die Hilda«, sagte Peter und legte den Arm um Franziska. Es war offensichtlich, dass er Hans mitgebracht hatte, weil er mit ihr allein sein wollte.

Ich musterte Hans verstohlen, obwohl ich mich damals für Jungen noch nicht interessierte. Ich war vierzehn und noch nicht richtig in der Pubertät. Trotzdem fiel mir auf, dass er sehr gut aussah – groß, schlank und sportlich, mit dichten dunkelbraunen Haaren. Als sich unsere Blicke trafen, schaute ich schnell weg.

Während Franziska und Peter spazieren gingen, stiegen Hans und ich in den offenen Heuschober und rutschten die Heuhaufen hinunter, etwa fünf Meter tief. Wieder und wieder, es machte einen wahnsinnigen Spaß. Doch auf einmal hatte Hans in seinem schicken schwarzen Pullover ein Loch.

»Oh«, sagte er nur, »da wird meine alte Dame sauer sein. Da krieg ich Prügel.«

»Was? Die schlägt dich?«, fragte ich ungläubig. Solche Erziehungsmethoden gab es bei uns zu Hause nicht.

Er nickte, und ich spürte ein Ziehen in der Magengegend. Ich wollte ihm anbieten, den Pullover zu stopfen. Doch dann biss ich mir auf die Zunge. Ich ahnte, dass mir die Arbeit nicht gut von der Hand gehen und seine Mutter meine stümperhaften Versuche bemerken würde. Also schwieg ich.

Peter erlaubte Hans, mit seinem Mercedes die Feldwege entlangzufahren, auch wenn das Wahnsinn war, weil Hans erst fünfzehn war und noch keinen Führerschein hatte. Hans fuhr schnell; wenn ich dabei die Augen schloss, fühlte es sich an, als würde ich fliegen oder als stünde mir die Welt offen -so beschwingt und berauscht war ich.

Hans’ Mutter wusste nichts von seiner heimlichen Leidenschaft für schnelle Autos, das erzählte er mir. Für sie war es in Ordnung, wenn ihr Sohn stundenlang unterwegs war – sie war mit der Arbeit in der Firma beschäftigt.

Hans war schon damals ein guter Autofahrer. Er rangierte im Unternehmen seines Vaters immer heimlich die Lastwagen rückwärts in die Hallen. Die Firma stellte Erntemaschinen her, sein Vater war einer der Inhaber. Es war ein großer Betrieb mit etwa fünfhundert Mitarbeitern.

An dem Abend, nachdem Hans und Peter bei uns gewesen waren, lag ich länger wach als sonst. Ich roch noch den Duft des Heus, spürte den Rausch der Geschwindigkeit in meinem Kopf. Und auch an Hans dachte ich. Ich wünschte mir, er möge bald wiederkommen. Er gefiel mir, ohne dass ich schon hätte sagen können, warum. Das heißt, vielleicht hätte ich es sogar sagen können. Aber dazu hätte ich über ihn nachdenken müssen, und so weit war ich noch nicht.

Im darauffolgenden Jahr kam er oft allein oder mit einem Freund zu uns, ohne dass einer von uns ausgesprochen hätte, warum. Ich war stolz, dass er das meinetwegen tat, denn immerhin musste er mit dem Fahrrad etwa fünfzehn Kilometer fahren, eine Strecke, auf der es ständig bergauf und bergab ging. Meistens spielten wir auf dem Hof Fußball mit meinen Schwestern und deren Freunden. Einmal aber hatten wir uns eine Höhle im Heu gebaut und waren hineingekrochen. Drinnen war es dämmrig, das Heu duftete und kitzelte in der Nase. Durch ein Fenster im Heuschober fielen Sonnenstrahlen herein, in denen der Staub tanzte. Von draußen hörte man gedämpft die Geräusche eines Traktors. Fliegen surrten. Wir lagen nebeneinander in unserer Höhle, auf die Ellenbogen gestützt. Heute sind die Jugendlichen in dem Alter schon viel weiter, doch wir waren noch sehr kindlich damals, sodass uns die Nähe des anderen nicht befangen machte. Ich erzählte Hans, dass ich nie wüsste, warum ich beichten gehen sollte, und dass ich dem Pfarrer daher in meiner Not bei der letzten Beichte erzählt hätte, ich hätte getötet. »Als er mich dann gefragt hat, wen ich denn getötet hätte, hab ich gesagt: ›Ameisen und Käfer. Ich bin aus Versehen draufgetreten«, sagte ich, und wir mussten lachen.

Hans fing eine Spinne, die über meinen Kopf krabbelte, und hielt sie mir vor die Nase. »Lass sie laufen«, sagte ich. Ich ekelte mich kein bisschen, immerhin kam ich vom Bauernhof. Wir blickten der flüchtenden Spinne nach. Als sie verschwunden war, begann Hans von seinem Vater zu erzählen, der vor kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen war und dessen Platz er nun ausfüllen sollte. Seine beiden Brüder waren noch zu klein dafür.

»Ich kann das nicht«, stieß er hervor. »Ich will nicht beim Essen auf seinem Platz sitzen, und ich will auch nicht seine Rolle einnehmen.«

Ich nickte und bemerkte, dass er mit den Tränen kämpfte. »Tut sie dir weh?« Meine Stimme war nur noch ein Flüstern.

Er schüttelte den Kopf. »Aber ich soll meinen kleinen Bruder manchmal schlagen, wenn er frech war.«

»Deinen eigenen Bruder?«

Wieder nickte er. Sein Gesicht war verzerrt vor Wut oder Hilflosigkeit. Um ihn zu trösten, legte ich meine Hand auf seinen Arm. Er tat mir leid, gleichzeitig war ich froh, dass er mir solche Geheimnisse anvertraute. Und noch etwas ging mir durch den Kopf, als ich ihn berührte: dass dies etwas anderes war als die Berührungen, die wir sonst austauschten.

Ich konnte die Härchen auf seinem Arm spüren, seine warme Haut. Er gefiel mir, dieser Arm, auf eine Art, die ich vorher nicht gekannt hatte. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Hans stützte den Kopf in die Hände und blieb ganz still liegen. Und ich streichelte ihn weiter und fühlte mich seltsam dabei. Nicht mehr wie ein Mädchen, noch nicht wie eine Frau.

In jenem Sommer waren wir außer an diesem einen Tag nie allein, auch wenn ich es mir manchmal wünschte. Einmal brachte Hans einen Austauschschüler aus Amerika mit. Das war damals etwas Besonderes, und es beeindruckte mich, wie gut Hans sich mit ihm verständigen konnte. Ein anderes Mal fuhren wir gemeinsam mit Freunden mit dem Fahrrad zum Baggersee und überboten uns mit Mutproben: bis zur Insel und zurück schwimmen, vom Floß aus in den See springen, sich trotz der Blutegel in den Sumpf trauen.

Die Wochen waren erfüllt von einer atemlosen Spannung. Hatten diese Minuten im Heu bei Hans die gleichen Gefühle ausgelöst wie bei mir? Ich wünschte mir, mit ihm zu reden, und hatte doch Angst davor.

An einem warmen Sommertag Anfang August 1957 passierte es dann. Am Morgen hatte ich im Radio gehört, dass Oliver Hardy gestorben war, und ich war bestürzt darüber gewesen, weil ich die »Dick und Doof«-Filme sehr gemocht hatte.

Hans fuhr mit seinem neuen roten Mofa bei uns vor, einem schrecklichen Ding mit langem Rennsattel, auf dem er lag wie ein Affe. Aber ich sah ein, dass das Mofa bequemer war als das Fahrrad. Hans hatte eine Umhängetasche dabei, er trug sie über seiner Lederjacke. Sie fiel mir deswegen auf, weil sie sehr damenhaft aussah – cremefarbener Lack mit goldenen Schnallen. Ich vermutete, dass sie seiner Mutter gehörte.

»Was ist da drin?«, fragte ich, als er das Mofa abstellte.

»Ich hab was für dich«, sagte er bloß, und schon begann mein Herz zu pochen. Aber noch bevor ich ihn bitten konnte, die Tasche zu öffnen, kamen meine Schwestern Franziska und Christa dazu. Sie nahmen sein Mofa in Augenschein, bemängelten hier eine Kleinigkeit und lobten da etwas. Ich beobachtete, wie die beiden sich mit Hans unterhielten. Sie behandelten ihn, als sei er schon in ihrem Alter, dabei war Franziska zwei Jahre älter als er und Christa sogar vier. Es schmeichelte mir, dass sie ihn akzeptierten, denn die beiden waren viel reifer als ich.

Franziska war kurz davor, ihr Medizinstudium aufzunehmen, sie las in ihrer Freizeit dicke Fachbücher und ließ keinen Zweifel daran, dass sie sich ihrem künftigen Beruf mit Leib und Seele verschreiben würde. Sie war kurzsichtig und hatte sich eine Hornbrille ausgesucht, hinter der ihr hübsches Gesicht beinahe verschwand. Sie hätte damals mehr aus sich machen können.

Christa hingegen war in meinen Augen eine richtige Dame. Ich beneidete sie um ihr hinreißendes Gesicht und ihre Figur, schlank und doch mit Kurven. Ich fand, dass sie sich kleidete wie ein Filmstar, auch wenn unsere Mutter immer die Augen verdrehte und ausrief: »Kind, wie siehst du denn wieder aus?«

Christa hatte viele Verehrer, die ihr zu Füßen lagen. Jeden Abend ging sie mit einem anderen aus, wobei mit keinem wirklich etwas lief.

Als die beiden das Mofa genug bewundert hatten, gingen Hans und ich hinunter in den Obstgarten und setzten uns auf eine Bank.

»Jetzt zeig schon. Bitte.« Ich wies auf die Tasche.

»Warte noch«, sagte er. »Wahrscheinlich bist du gleich enttäuscht. So toll ist es nun auch wieder nicht.«

Ich lehnte mich zurück und erzählte ihm den neuesten Klatsch aus der Schule. Wir gingen auf unterschiedliche Schulen, er auf eine Jungenschule, ich auf eine Mädchenschule, aber dennoch kannten wir die meisten Klassenkameraden des anderen. Wir fuhren mit dem Zug zur Schule, und man begegnete sich morgens auf dem Bahnsteig. Viele kannten sich auch über die älteren Geschwister.

Wir saßen lange auf der Bank im Obstgarten, und ich untersagte es mir, ihn noch einmal nach der Tasche zu fragen. Als ich Hunger bekam, fragte ich ihn, ob wir nicht hineingehen und ein Honigbrot essen sollten. Er war einverstanden, und so machten wir uns auf den Weg in die Küche. Auf der Treppe, die vom Garten hinauf auf die Terrasse führte, nahm er plötzlich meine Hand.

Ich blieb stehen und sah ihn an, und da nahm er mich in den Arm und küsste mich. Über uns breitete der Apfelbaum seine Äste aus, dazwischen schimmerte der blaue Himmel durch, und ich war glücklich.

Viel später, nachdem wir Brote gegessen und einander über unsere Teller hinweg sprachlos und mit glühenden Wangen angeschaut hatten, machte er die Tasche auf. Darin lag eine kleine Schachtel, in der sich ein Modellauto befand. Ein grüner MG TF, ich sehe ihn noch vor mir. Hans hatte ihn als Talisman für mich gekauft, und ich ahnte, dass dies für ihn ein Beweis äußerster Zuneigung war. Hans liebte Autos. Einen MG TF zu besitzen war sein größter Traum.

In den Monaten danach waren wir unzertrennlich, soweit das möglich ist, wenn beide noch zur Schule gehen und fünfzehn Kilometer weit voneinander entfernt wohnen. Während meine Mutter unsere Verbindung stillschweigend zur Kenntnis nahm, war mein Vater sehr eifersüchtig.

Eines Abends ging ich mit Hans eng umschlungen spazieren, als mein Vater mit dem Auto an uns vorbeifuhr. Als wir anschließend gemeinsam zu Abend aßen, wendete er sich von Hans ab und wechselte kein Wort mit ihm. Franziska und Christa beruhigten mich später, denn sie kannten diese Eifersucht.

In dieser Zeit lernte ich auch Hans’ Mutter kennen. Er hatte eine Grippe, und ich wollte ihn zum ersten Mal besuchen. Nachdem ich mit dem Fahrrad den ganzen Weg durch die flirrende Hitze zu ihm gefahren war, stieg ich vollkommen verschwitzt vor einem eindrucksvollen Haus mit baumbewachsener Auffahrt ab, einer weiß verputzten Jugendstilvilla mit Freitreppe und säulengetragenem Vordach. Meine Familie war zwar nicht arm, wir besaßen den Hof und die Felder. Auf unserem Anwesen betrieben meine Eltern zudem ein Café-Restaurant, das bei Wochenendausflüglern und Hochzeitsgesellschaften sehr beliebt war. Aber das hier war etwas anderes, das spürte ich. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass es eine erfolgreiche Firma sein musste, die seine Familie leitete. Davon abgesehen ließ mich der Reichtum unberührt, denn es war Hans, der mich interessierte, und seinetwegen war ich hier.

Ich nahm mein Körbchen mit Himbeeren vom Gepäckträger, die ich in unserem Garten für ihn gepflückt hatte, und klingelte. Fast hatte ich damit gerechnet, dass ein Dienstmädchen öffnen würde, aber Hans kam selbst zur Tür, lächelte mich an und führte mich die Treppe hinauf in eine Art Herrenzimmer, das mit grünen Samt- und Ledermöbeln eingerichtet war.

»Meine Mutter möchte dich kennenlernen«, sagte er; anscheinend war es die Begründung dafür, dass er mich in diesen Raum führte.

Wir saßen einander gegenüber, blickten einander an, und ich war auf einmal so aufgeregt, als wäre ich auf einem Staatsbesuch. Nicht so sehr wegen seiner Mutter, die ich gleich kennenlernen würde. Eher wegen der Symbolik, die der Begegnung mit ihr innewohnte. Ich fragte mich, ob er ihr zuvor andere Mädchen vorgestellt hatte, und wenn ja, welche.

Nach einigen Minuten öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Zimmers, und seine Mutter betrat den Raum. Sie war eine schöne Frau, groß und mit üppigen Formen. Ihre braunen Haare waren zu einem Knoten hochgesteckt. Unter ihrem dunkelblauen Kostüm trug sie eine cremefarbene Bluse, sie hielt sich sehr aufrecht und musterte mich von oben herab, als ich von meinem Stuhl aufgestanden war, um sie zu begrüßen. »So, Sie sind also die Hilda«, stellte sie mit kühler Stimme fest. Ich spürte sofort: Sie war das Gegenteil von meiner eigenen Mutter, einer lieben, sanften und gütigen Frau, die immer ein offenes Ohr für mich hatte. Sie nahm meine Hand und blickte mir kurz in die Augen, ohne zu lächeln. Ich machte einen Knicks, wie es damals üblich war. Weil ich kleiner war als sie, musste ich selbst dann noch zu ihr aufblicken, als ich mich wieder aufgerichtet hatte. So standen wir einander gegenüber, und dann ließ sie meine Hand wieder los, wobei ihr Blick schon zuvor abgeschweift war – hinüber zu Hans.

Ich dachte, mir gefriert das Herz! Mir fiel wieder ein, was Hans mir im Heuschober anvertraut hatte. Das schien eine Ewigkeit her zu sein.

Was machst du eigentlich hier?, dachte ich. Das Beste wäre, du würdest gleich wieder gehen.

Bis zum Abitur und auch noch danach hatte Hans immer wieder einmal andere Freundinnen, und ich hatte andere Freunde. Denn zwischendurch stritten wir uns oder es passierte irgendetwas anderes, und dann trennten wir uns.

Ich weiß noch, wie ich ihn einmal gefragt habe: »Was ist jetzt?«

Daraufhin antwortete er: »Du, ich mag die andere grad lieber.«

Ich gab dann schnippisch zurück: »Na, dann kannst du jetzt gehen.«

Ein andermal war ich es, die ihm gestand: »Du, ich hab mich in einen anderen verliebt.«

Es war eine aufregende Zeit, und ich genoss sie. Dennoch gab es nur einmal einen jungen Mann, der Hans wirklich hätte den Platz streitig machen können. Max war angehender Mediziner, blond, schlaksig, mit einem jungenhaften Lächeln und sehr guten Manieren. Er ließ mich nie warten, war zuvorkommend und vergötterte mich geradezu. Er verwöhnte mich über alle Maßen und machte mir oft Geschenke. Einmal bastelte er mir in wochenlanger Arbeit eine Spieluhr. Dann beobachtete er zufällig, wie Hans mich sonntags abends zum Bahnhof brachte, als ich nach einem Wochenendbesuch daheim zurück in meine Studentenbude nach Schwäbisch Gmünd fahren wollte, wo ich die Pädagogische Hochschule besuchte. Da warf Max die Spieluhr enttäuscht und wütend in die Isar, wie er mir hinterher erzählte. Seine Hingabe fand ich jedoch auf Dauer langweilig, und ich merkte, dass meine Gedanken, wenn wir zusammen waren, immer öfter zu Hans schweiften. Dachte er noch an mich?

Die Frage war berechtigt, denn viele Frauen schwärmten für ihn, und Hans schien diese Jahre ebenso zu genießen wie ich.

Eines Abends trafen wir uns nach längerer Zeit wieder einmal in einem Lokal in der Nähe meines Elternhauses, und ich fragte ihn mit einem neckischen Unterton, was er so trieb, wenn er mit anderen Frauen ausging. Allerdings war meine Frage durchaus ernst gemeint, ich wollte nur nicht, dass er das merkte. Er schien aber zu spüren, dass ich nur vorgab, so fröhlich und locker zu sein, und versicherte mir, dass er seine Bekanntschaften nie ausnutzen würde. Ich glaubte ihm. Es gab andere Männer, die sofort mit jeder Frau schliefen. Doch Hans gehörte nicht dazu, er war ein anständiger Kerl. Als er mich an diesem Abend küsste, begann ich zu wünschen, dass er bei mir eine Ausnahme machen würde.

Wir begannen uns wieder fest zu verabreden. Hans war einer von den Männern, die alles vergessen, wenn sie in der Garage unter einem Auto liegen und daran herumschrauben. Wenn er sich deswegen verspätete, fragte ich mich, ob ich ihm genauso viel bedeutete wie er mir. Er enttäuschte mich nie, er verspätete sich nie um mehr als eine halbe Stunde, dennoch litt ich jedes Mal wieder unter der Ungewissheit. Eigentlich aber machte sie ihn noch interessanter für mich.

Wir hatten den gleichen Humor, was uns im Laufe unserer Ehe so manches Mal half, uns nach einem Streit wieder zu versöhnen. Und auch sonst spielte Humor eine große Rolle in unserem Zusammenleben: Hans neckte mich oft oder erzählte einen Witz, und wenn ich dann lachen musste, fiel er in mein Lachen ein. Diese Augenblicke sind mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. Es hört sich fast banal an: zusammen lachen können. Aber es waren Momente von solcher Wärme und Nähe, wie man sie kaum beschreiben kann. Erst wenn der andere fehlt, weiß man, wie einzigartig sie sind.

Mir schien es, als sei er für mich gemacht. Als habe er mir in meinem Leben noch gefehlt. Ich spürte, dass er der perfekte Mann für mich war.

Meine Freundinnen wollten immer wissen, wie er küsste. Das waren damals so die Gedanken, die wir uns gemacht haben. Wir fragten nicht: »Wie läuft es im Bett?«, wie das heute junge Leute vielleicht tun. Uns war etwas anderes viel näher, nämlich die Frage: »Wie küsst er?« Ich antwortete immer: »Er küsst gut, aber was ich besonders liebe, ist sein Geruch.« Die anderen kicherten dann, aber für mich war das wichtiger als das Küssen selbst. Ich dachte, wenn ich seinen Geruch mag, dann muss das bedeuten, dass wir gut zueinanderpassen.

Er nahm mich auch immer ein bisschen hoch. Ich war die Kleine und er der Beschützer, der Mann an meiner Seite. Er hatte eine starke Ausstrahlung, andere blickten zu ihm auf. Sie nahmen ihn ernst, fragten ihn um Rat. Er war ein Mann, der sich durchsetzen konnte und seinen Weg gehen würde, und er wollte mich dabei an seiner Seite haben. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich in unserer Beziehung irgendwann einmal die Starke sein würde, dass ich auf ihn aufpassen müsste.

Nur einmal, es war im Winter in Vorarlberg, da fühlte ich mich für ihn verantwortlich, und ich bekam eine Ahnung davon, wie schwer Verantwortung für einen anderen Menschen wiegen kann – und wie viel sie bedeuten kann.

Ich war für eine Woche mit Franziska beim Skifahren auf einer Hütte, und Hans wollte mich überraschen. Er reiste uns nach, stellte das Auto im Tal ab und fuhr mit der Gondel hinauf. Mit Skiern fuhr er zu der Hütte ab, in der meine Schwester und ich übernachteten. Wir waren zuvor schon gemeinsam dort gewesen, er und ich, daher kannte er sie. Doch Franziska und ich waren zum Essen in einer anderen, höher gelegenen Hütte. Wir hatten viel Glühwein getrunken und fuhren erst gegen fünf Uhr am Nachmittag zu unserer Hütte ab. Früher war das noch möglich, es waren ganz andere Verhältnisse als heute. Wir waren alle gute Skifahrer – Franziska, Hans und ich. Wir sind in den Bergen aufgewachsen, Skifahren war für uns wie Fahrradfahren.

Als wir heimkamen, saß Hans vor der Hütte und fror. Wie sich herausstellte, war sein Ski gebrochen, und er war den halben Weg von der Gondel bis zur Hütte zu Fuß gegangen. Wie er dort saß und trotz allem so froh wirkte, als ich endlich kam – mir ging das Herz auf. Franziska zog sich nach einer improvisierten Brotzeit für ihn taktvoll in unser Zimmer zurück, und Hans und ich saßen bis spät in die Nacht auf der Bank des Kachelofens und unterhielten uns. Dieser Abend hatte etwas Magisches, Einzigartiges. Vielleicht war es die Abgeschiedenheit oder das Wissen darum, wie beschwerlich der Weg war, den er mir zuliebe zurückgelegt hatte. Mein Gefühl, dass er etwas auf sich genommen hatte, um mir nah zu sein. Sein überraschender Besuch. Vielleicht auch sein Bedürfnis, sich bei mir anzulehnen nach all den Strapazen, die er ausgestanden hatte, und nach dem Warten in der Kälte. Der kurze Rollentausch – dass ich diejenige war, die ihn wärmen und beschützen und aufmuntern durfte, dass er das überhaupt zuließ, schuf eine unglaubliche Nähe zwischen uns. Ich spürte, dass er sich mir so weit öffnete wie nie zuvor einer Frau. Mit diesem überraschenden Besuch hatte er mir gezeigt, was ich ihm bedeutete. Ich konnte das annehmen, seine Schwäche, sein Warten auf mich. Dafür, denke ich, liebte er mich. Er spürte, dass ich ihn auch in diesem Moment der Schwäche wollte.

Mit dem Heiraten hatten wir es nicht eilig. Es passte zwischen uns, das haben wir beide gespürt, noch ohne zu ahnen, wie gut es dann im Laufe unserer Ehe wirklich passen würde. Als ich siebenundzwanzig war, dachte ich, nun sei es an der Zeit, zu heiraten. Und so habe ich Hans eines Tages, als wir einen Herbstspaziergang durch den Wald hinter unserem Hof machten, einfach gefragt, ob er auch wollte.

Er war überrascht. »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Warum eigentlich nicht?«

»Das habe ich mir eigentlich ein bisschen enthusiastischer vorgestellt.« Meine Füße raschelten durch das Laub, ich atmete den feuchten Geruch ein und dachte, dass wir in dieser Jahreszeit eigentlich Pilze suchen müssten.

»Ich bin sehr enthusiastisch.« Er grinste spitzbübisch. »Schau mal.« Er fasste mich um die Taille, zog mich an einen Baum und umarmte mich. Atemlos sah ich ihn an. Wir küssten uns, und seine Hand fand den Weg unter meinen dicken Mantel. Sie war kalt. Ich schob sie zurück und sagte: »So geht das nicht. Du musst mir natürlich einen Antrag machen.«

»Hast du mir nicht eben einen gemacht?«, fragte er und lächelte.

»Das war eine ganz normale Frage«, erwiderte ich, »als Anregung für dich.«

»Wenn das so ist, sollst du deinen Antrag natürlich bekommen.« Er strich mit der Hand über meine Wange. »Aber du musst noch ein bisschen warten. Ich muss mich erst darauf einstellen.«

Am darauffolgenden Wochenende unternahmen wir eine Fahrradtour zum Baggersee. Es war ein trüber Tag, Nebelschwaden standen über dem Wasser. Ich hatte einen Picknickkorb mitgenommen, und wir machten auf einer Decke am Ufer Rast. Wir tranken Wein und aßen unsere Brote, danach saßen wir nebeneinander und blickten aufs Wasser. Für mein Empfinden war es die perfekte Stimmung für einen Heiratsantrag.

»Romantisch, oder?«, fragte ich.

»Sehr.« Er rückte näher an mich heran und küsste mich auf die Wange.

Ich sah ihn so eindringlich an, wie ich konnte. Lächelnd erwiderte er meinen Blick, und ich war mir sicher, dass wir beide das Gleiche dachten.

»Meine Liebste«, flüsterte er, »gib mir noch etwas Zeit. Für mich ist es ja auch das erste Mal.«

Ich nickte. Ich konnte seine Anspannung spüren und merkte, dass ich mich noch gedulden musste. Es fiel mir unendlich schwer.

Und dann bekam ich ihn doch noch, meinen Antrag. Wir waren im Kino, in der James Bond-Persiflage Casmo Royale. Danach gingen wir aus, tranken Martinis und tanzten zu Ticket to Ride von den Beatles und Surfin’ von den Beach Boys. Ich hatte mich besonders hübsch gemacht, trug einen neuen schwarzen Minirock und Ballerinas, und zu Hause vor dem Spiegel hatte Franziska gesagt: »Bild dir jetzt nicht zu viel ein, Hilda, aber du siehst aus wie Natalie Wood in West Side Story. Wirklich, du bist wunderschön.«

An jenem Abend spürte ich, wie die Blicke der Männer auf mir ruhten, und ich genoss es. Hans ließ mich keine Sekunde aus den Augen, er umwarb mich und benahm sich ganz so, als habe er mich an diesem Abend erst kennengelernt und wolle mich mit aller Macht verführen. Und auch ich konnte den Blick nicht von ihm wenden. Zwei Wochen zuvor hatte er seine letzte Prüfung abgelegt. Er war nun Ingenieur und sollte bald in einer Firma in Norddeutschland anfangen, die Erntemaschinen herstellte. Ich war ebenfalls mit dem Studium fertig und wollte mir eine Stelle in seiner Nähe suchen.

Gegen ein Uhr machten wir uns auf den Heimweg. Hans fuhr einen todschicken grünen MG TF mit Ledersitzen, wie er ihn mir damals als Modellauto geschenkt hatte. Er wollte mich zu Hause absetzen und dann weiterfahren. Unterwegs kamen wir an einer Mühle vorbei, in der bis vor einigen Monaten ein pensionierter Lehrer mit seiner Frau gewohnt hatte. Das Gebäude stand inzwischen leer. Zu der Mühle gehörten ein großer Garten und ein dahinter liegendes Wäldchen, in dem wir schon manchmal spazieren gegangen waren. Ein Bach floss gleichmäßig über die Schaufeln des Mühlrades hinweg. Hans stellte das Auto ab und ging um den Wagen herum, um mir die Tür zu öffnen.

»Was hast du vor?«, fragte ich und ahnte es doch schon.

»Komm, lass uns den Mond anschauen«, sagte er, nahm meine Hand, und wir liefen in den Garten hinein, in dem sich schon die Feuchtigkeit der Nacht sammelte. Es war so dunkel, dass man die Umgebung nur erahnen konnte, denn der Mond und die meisten Sterne waren hinter einer Wolkendecke verborgen. Ich fröstelte ein bisschen, und Hans legte den Arm um mich. Es schien, als seien wir allein auf der Welt.

»Hilda«, fragte er leise, »wie stellst du dir das eigentlich vor, mit mir verheiratet zu sein?«

Normalerweise sprach er nicht über solche Dinge. Er war ein Mann, der Lösungen suchte; Gefühle und Träumereien hatten wenig Platz in seinem Leben.

»Wunderschön«, antwortete ich, »immer neben dir aufzuwachen und neben dir einzuschlafen, Kinder von dir zu bekommen und « Ich hatte sagen wollen: »endlich mit dir zu schlafen«, doch ich traute mich nicht, diesen Gedanken auszusprechen.

»Wahrscheinlich weißt du sogar die Namen der Kinder schon«, sagte er und schmunzelte.

»Und du?« Ich wollte nicht, dass er mich neckte, ich wollte die Intensität des Augenblicks bewahren. »Wie stellst du dir das vor?«

»Schön und aufregend, interessant und lustig, gemütlich und sicher auch mal nervig.«

Ich sah ihn an und versuchte, in der Dunkelheit seinen Gesichtsausdruck zu lesen. Was er sagte, stimmte wahrscheinlich, aber es klang nicht so verklärt, wie es vor unserer Hochzeit hätte sein sollen. Wollte er mich nur necken oder war er ehrlich?

Er schwieg. Also fragte ich: »Ist das dein Ernst?«

»Natürlich.« Er klang ganz normal. »Hilda, wir sind doch nicht mehr siebzehn.«

»Stimmt.«

»Aber du wolltest trotzdem etwas anders hören, oder?«

Ich nickte. Ich konnte auf einmal nichts mehr sagen. Ich hatte tausend kitschige Bilder von einander bedingungslos Liebenden im Kopf und wusste doch, dass die Wirklichkeit anders aussah. Dennoch hätte ich so gern wenigstens ein Mal in meinem Leben einen solchen Moment erlebt, in dem einfach alles stimmte und der für die Ewigkeit gemacht schien – und wenn nicht beim Heiratsantrag, wann dann?

Hans begann leise zu sprechen, er flüsterte fast. »Ich kann das nicht so gut. Solche Sachen sagen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, mit einer anderen Frau alt zu werden als mit dir, Hilda. Du bist der Mensch, mit dem ich leben will « Er stockte, als suchte er nach Worten. »Ich vertraue dir, und ich will zu dir nach Hause kommen. Bei dir fühle ich mich aufgehoben. Ich liebe dich. Und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als dein Mann zu werden. Heiratest du mich, Hilda?«

Die Tränen liefen mir über die Wangen. Ich war gerührt und froh zugleich; seine Worte waren genau das, was ich gebraucht hatte. Ich putzte mir die Nase, dann küssten wir uns, und schließlich sagte ich: »Das ist das Schönste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe, Hans.« Wir küssten uns wieder. »Natürlich heirate ich dich«, wisperte ich an seinem Ohr. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, endlich deine Frau zu sein.«

Aus Sparsamkeit und weil ich ihn schön fand, trug ich bei meiner Hochzeit Franziskas Schleier. Sie hatte zwei Jahre zuvor geheiratet. Dabei hätte ich gar nicht sparen müssen. Die Hochzeit wurde mit Pomp und großer Einladung gefeiert. Mein Vater war Landwirt, besaß den Hof, das Restaurant mit Café und war angesehen und beliebt. Meine Mutter war »nur« Hausfrau, aber eine wunderbare, warmherzige und gescheite Frau. Sie durfte in ihrer Jugend ein Jahr lang nach Bregenz ins Internat zu den Englischen Fräulein. Danach hätte sie gern studiert, aber das war damals nicht möglich, weil ihre Familie sehr abgelegen wohnte.

Auch meine Schwiegermutter stammte aus einer angesehenen Familie. Ihre Eltern waren stolze Großbauern, und die Familie von Hans’ Vater besaß das Unternehmen. Vor einigen Jahren wurde sogar eine Straße nach der Familie benannt.

Materiell gesehen ging es uns also gut, wir hatten keine Sorgen. Heute denke ich oft daran, dass man sich mit Geld keine Gesundheit kaufen kann und kein langes Leben. Doch damals habe ich keinen Gedanken daran verschwendet und nur unser Glück genossen.

I. TEIL

He was my North, my South, my East and West,
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last forever: I was wrong.

Wystan Hugh Auden

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September 1993, Frankfurter Flughafen.

Ich geh mal eben auf die Toilette. Wartet ihr hier?«, fragt Hans.

»Klar. Wir bleiben mit dem Gepäckwagen hier stehen«, sage ich. Wir haben Christa, die mit einem Amerikaner verheiratet ist und inzwischen in New York lebt, besucht, und sind gerade wieder in Frankfurt gelandet. Nun haben wir das Gepäck vom Band gefischt und wollen durch den Zoll. Sophie, unsere jüngste Tochter, begleitet uns. Sie ist vierzehn und schon ein richtiger Teenager. Unsere ältere Tochter, Anna, ist fünfundzwanzig. Sie studiert in Freiburg und hatte keine Zeit, mitzukommen.

Auf einem so großen Flughafen wie diesem ist auch nachts viel los. Überall Menschen, schreiende Kinder, Sprachengewirr. Sophie und ich stehen vor der Herrentoilette und betrachten die vorbeieilenden Menschen. Wir sehen eine schwarzhäutige Frau, die ein großes Bündel auf dem Kopf trägt; einen Mann, der so stark schwitzt, dass sein Sakko unter den Achseln Schweißflecken hat; und zwei Polizisten mit Walkie-Talkie, die rennen und ziemlich aufgeregt wirken. Sophie ist begeistert, denn so etwas bekommt sie zu Hause in Bielefeld selten zu sehen.

»Was macht der Papa wohl so lang da drinnen?«, frage ich sie irgendwann. Wir warten bestimmt schon seit zehn Minuten.

»Keine Ahnung. Vielleicht hat er Durchfall? Oder er ruht sich ein bisschen aus nach dem anstrengenden Flug?«

Ich muss lachen. Sie ist noch jung, aber schon richtig witzig. Es ist ein subtiler Humor, wie ich ihn eher von Erwachsenen kenne, aber sie hatte ihn schon als Kind. Trocken, manchmal geradezu sarkastisch. Diese Art und ihre kleine, zarte Erscheinung finde ich ungewöhnlich und faszinierend, und Hans geht es ebenso. Als sie klein war, wollten wir sie immer beschützen, eben weil sie so zierlich war. Aber sie konnte sich immer durchsetzen, legte sich mit den größten Jungs an und musste auch einiges einstecken, weil sie frech war. Aber auch das trug sie mit Fassung, als verstünde sie, dass sie es übertrieben hatte. Ihr Lieblingsbuch war lange Zeit Sophiechen und der Riese von Roald Dahl, und ihre ganze Kindheit hindurch sprach sie von Menschen als von »menschlichen Leberwesen«, so wie der Riese die Menschen in dem Roman nennt. Sie war der festen Überzeugung, das sei der richtige Ausdruck, da half alles Reden nichts.

Und wenn Sophie erst einmal von etwas überzeugt ist, dann bleibt sie es. Jetzt, in der Pubertät, bekommt sie diese ausgeprägten Körperformen wie meine Schwester Christa und Hans’ Mutter. Die Größe indessen hat sie von mir, sie ist nur ein paar Zentimeter größer als ich. Ich bin gespannt, was aus ihr werden wird.

Wir warten noch eine Weile, doch Hans lässt sich nicht blicken.

»Ich glaube, ich bitte jetzt mal jemanden, der herauskommt, nach ihm zu sehen«, sage ich.

»Gute Idee«, meint Sophie.

Der nächste Mann, der die Herrentoilette verlässt, hat dunkle Haut und graue Haare; dem Aussehen nach könnte er Inder sein. Ich gehe auf ihn zu, lächele ihn an und sage: »Sorry, could you please look whether my husband is still in there? His name is Hans.«

»Of course«, antwortet der Mann und verschwindet wieder in der Toilette. Kurz darauf kommt er wieder heraus und schüttelt den Kopf: »No one in there, sorry.«

»Thank you.«

»Das gibt’s doch gar nicht«, sage ich zu Sophie, »ich glaube, ich gehe jetzt selber rein und gucke.«

Sie grinst, aber davon lasse ich mich nicht abhalten, schließlich ist sie in der Pubertät. Ich öffne die Tür und gehe hinein. An den Waschbecken steht niemand, an den Pissoirs auch nicht. Bleiben noch die Kabinen.

»Hans?«, rufe ich. »Hans? Bist du da drin?«

Keine Antwort.

Vielleicht ist er ja umgekippt und kann mir nicht antworten, denke ich. Ich bücke mich und blicke unter den Türschlitzen hindurch. Doch es ist niemand zu sehen. Also gehe ich wieder hinaus.

»Na so was. Wo ist er bloß hingelaufen?«, frage ich Sophie, aber die weiß es natürlich auch nicht. Vielleicht wollte er sich noch etwas kaufen und kommt gleich zurück, versuche ich mich zu beruhigen. Also warten wir weiter und schimpfen vor uns hin. Fragen uns, was das soll, uns hier einfach so stehen zu lassen. Einfach wegzulaufen! Irgendwann sind wir richtig verärgert, und schließlich beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Wo kann er bloß sein? Hoffentlich ist ihm nichts passiert!

»Komm, Sophie, lass uns mal zum Mietwagenverleih gehen«, schlage ich vor, nachdem wir etwa eine halbe Stunde gewartet haben. Dort wollten wir nämlich hin, als Hans auf die Toilette musste. Also gehen wir mit dem Gepäck durch den Zoll, über die Laufbänder, durch die große Halle, bis zum Stand des Autoverleihers.

Und da steht Hans, als ob nichts gewesen wäre. Er sieht aus wie immer, und er gefällt mir immer noch, nach all den Jahren. Groß, lässig in seiner Lederjacke und der grauen Outdoor-Hose mit den vielen Taschen, die er so liebt – in seiner Freizeit genießt er es, keinen Anzug tragen zu müssen. Man sieht ihm seine dreiundfünfzig Jahre kaum an. Zwar sind seine Haare nicht mehr ganz dunkel, wie früher, sondern von vielen grauen Strähnchen durchzogen, und er hat ein paar Falten auf der Stirn und um die Augen. Aber auf mich wirkt er immer noch jugendlich und dynamisch. Neben ihm verblasst für mich jeder andere: dieser klare Blick, die dominante Ausstrahlung. Er ist ein Mann, der weiß, was er will, und es meistens auch bekommt.

»Wo wart ihr so lange?«, schimpft er, wie ein Chef, der seine unfähigen Mitarbeiter ausschimpft, und ich bin froh, dass ich seine Frau bin und nicht seine Angestellte. Hans ist tatsächlich Unternehmer, er hat die Erntemaschinen-Firma, bei der er damals in Norddeutschland angefangen hat, vor zehn Jahren übernommen und führt sie erfolgreich. Ich selbst arbeite als Lehrerin an einer Grundschule und bin damit sehr zufrieden. Zurzeit bin ich Klassenlehrerin einer ersten Klasse, und mit den Eltern komme ich auch gut zurecht.

Ich schimpfe zurück: »Wieso bist du einfach weggelaufen und hast uns da warten lassen? Du kannst uns doch wohl Bescheid sagen, wenn du aus dem Klo kommst und wir dich nicht sehen. Wir standen doch direkt davor. Du kannst doch nicht einfach ohne uns gehen!«

Aber er schimpft immer weiter und sieht nicht, dass er irgendetwas falsch gemacht hat. Regt sich nur darüber auf, dass er so lange auf uns warten musste.

Ich bin wütend und doch froh, dass er wieder da ist. Er spinnt, schießt es mir durch den Kopf, das ist unverschämt, was er da gemacht hat: Er muss die Toilette recht schnell wieder verlassen haben und an uns vorbeigelaufen sein, während wir uns unterhielten und dachten, er wird uns schon sehen, wenn er herauskommt. Aber warum? Warum ist er nicht zu uns gekommen?

Am nächsten Tag spreche ich ihn noch einmal darauf an, denn ich bin immer noch verstört. Wir haben uns zwar im Laufe unserer Ehe immer wieder einmal gestritten – das ist ja ganz normal –, aber irgendwie haben wir danach jedes Mal schnell wieder zueinandergefunden. Hans und ich hatten eine so breite gemeinsame Basis, dass uns nichts wirklich auseinanderbringen konnte – wie zwei Magneten, die es sehr stark zueinander hinzieht. Und diese Sache am Flughafen befremdet mich sehr, lässt mir keine Ruhe, verunsichert mich. So kenne ich ihn nicht, meinen Hans. Dass er gar nicht das Bedürfnis zu haben scheint, über das, was vorgefallen ist, zu reden, irritiert mich. Wir haben uns immer wieder vertragen, wenn wir uns gestritten haben, wir waren einander ebenbürtig in der Auseinandersetzung. Und auf einmal – nichts. Er hat offensichtlich kein Bedürfnis, diese Sache klarzustellen. Das finde ich fast noch schlimmer als die Geschichte selbst. Ich habe auf einmal das beunruhigende Gefühl, etwas steht zwischen uns.

Als wir am folgenden Abend im Bett liegen, kuschele ich mich an ihn und frage: »Hans, was war da eigentlich los gestern am Flughafen?«

»Jetzt fang doch nicht schon wieder davon an«, sagt er und stöhnt auf.

Ich zucke zurück. Er ist so unversöhnlich!

»Mich belastet das aber«, sage ich.

»Du nervst.« Er dreht sich weg.

Als er schläft, weine ich in mein Kissen. Ich fühle mich kalt und klamm und einsam. Zum ersten Mal, seit wir verheiratet sind, haben wir unsere Regel gebrochen, dass wir nicht im Streit einschlafen wollen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, scheint ihm das noch nicht einmal aufzufallen.

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Ich habe gar nicht gewusst, dass man im Rheingau so schöne Wanderungen machen kann. Ich habe immer gedacht, es geht nichts über die Alpen. Natürlich ist das Rheingau weniger spektakulär als die Alpen, aber dafür umso lieblicher. Und heute ist auch noch wunderschönes Wetter, ein richtiger Frühsommertag im Mai 1998. Wir besuchen Anna und Sebastian, die in Frankfurt leben, und sind ein bisschen hinausgefahren aus der Stadt, nach Eltville. Wir wandern zwei Stunden, essen im Kloster Eberbach zu Mittag und sehen uns die Ausstellung im Nebengebäude an. Als wir anschließend am Ausgang des Museums wieder alle aufeinandertreffen, fehlt Hans.

»Wo ist er denn schon wieder?«, fragt Anna. Sie kennt das schon. Seit einiger Zeit fährt Hans auf Fahrradtouren immer vor, läuft auf Wanderungen voraus und steht vom Kaffeetisch auf, sobald er seinen Kuchen gegessen hat. Als lege er keinen Wert darauf, sich zu unterhalten – ganz so, als sei er sich selbst genug. Dass er also allein durch die Ausstellung gegangen ist, hat niemanden von uns verwundert. Nur hat er sonst immer am Ausgang gewartet, meist mit einem gelangweilten Blick, der zu sagen schien: »Was macht ihr bloß so lang da drin?«

Heute jedoch ist er nicht da. Wir warten zehn, fünfzehn Minuten und schimpfen ein bisschen vor uns hin. Allerdings halten wir uns alle zurück mit dem, was wir sagen, da Sebastian ja sozusagen noch nicht richtig zur Familie gehört und Anna und ich Hans gegenüber loyal sein wollen. Sebastian selbst sagt ohnehin nichts Schlechtes über ihn – er mag Hans, das ist sehr deutlich zu spüren. Die beiden haben viel gemeinsam, beide sind Ingenieur (Sebastian ist sogar Wirtschaftsingenieur, das heißt, er hat Maschinenbau und danach auch noch BWL studiert) und sehr rational, beide sind sehr männliche Männer, die sich in der Geschäftswelt bestens zurechtfinden. Sebastian ist zwar kein selbständiger Unternehmer wie Hans, hat aber eine sehr gute Stelle als Einkäufer bei einem Automobilhersteller. Als Anna uns Sebastian vorstellte, habe ich abends im Bett zu Hans gesagt: »Ich glaube, du kannst stolz auf dich sein. Sie hat sich ja einen Mann ausgesucht, der genauso ist wie du.«

Er sah vom Spiegel auf, in dem er gelesen hatte, und wandte sich mir zu. »Quatsch«, wehrte er ab, »er ist jünger und hat Locken.«

»Na wenn das so ist …« Ich zog eine Augenbraue hoch, um ihm zu zeigen, dass ich das für Humbug hielt, und er lachte.

»Du meinst also, Anna findet mich toll?«, fragte er und küsste mich.

»Könnte sein, dass sie das tut«, antwortete ich. Mein Finger berührte die Stelle unter seiner Nase, die besonders kitzelig war, denn ich wollte ihn necken.

»Und meinst du, sie hat recht?« Er musste lachen und hielt den Finger fest.

»Ganz sicher. Du bist der …« Ich brach ab; es war ohnehin nicht mehr wichtig, denn Hans war offensichtlich im Moment nicht nach verbalen Liebeserklärungen. Was mir durchaus entgegenkam.

»Sollen wir mal zurück in die Ausstellung und noch mal nach ihm gucken?«, schlägt Anna vor und reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich nicke, und wir kehren um. Doch auch in der Ausstellung ist Hans nicht, auch nicht im Restaurant oder auf der Toilette. Zu dritt suchen wir eine ganze Stunde nach ihm – umsonst.

»Was machen wir jetzt?«, fragt Sebastian schließlich.

»Ich weiß auch nicht«, sage ich, »im Prinzip können wir jetzt nur zum Auto zurückgehen und hoffen, dass wir ihn unterwegs treffen.«

»Dann machen wir es so«, entscheidet Anna, »es ist ja noch ganz schön weit, und sonst wird es womöglich noch dunkel, bevor wir beim Auto sind.«

Sie ist neben Hans die Pragmatische in unserer Familie. Sophie und ich lassen uns mehr durch unsere Gefühle leiten, wir sind weniger an beruflichem Erfolg denn an emotionaler Nähe zu anderen Menschen interessiert. Wenn wir uns zwischen Mann und Karriere entscheiden müssten, würden wir immer den Mann wählen. Nicht so Anna. Sie will beides, und nun, sie ist gerade dreißig geworden, sieht es so aus, als würde sie es auch bekommen. Sie ist schwanger, Sebastian wird demnächst die Stelle wechseln und nach Münster ziehen, sie wird in Elternzeit gehen, ihm nachfolgen und ihre Arbeit als Journalistin in Teilzeit von ihrem neuen Zuhause aus fortsetzen. Sie sind ein modernes Paar, das nach dem Motto lebt: Alles ist möglich, man muss es nur wirklich wollen. Auch äußerlich kommt Anna nach Hans, während Sophie ein dunkler Typ ist, genau wie ich. Anna ist dunkelblond, mit grünen Augen, groß und sehr schlank. Ich denke oft: Sophie ist wie ich und Anna ist wie Hans.

Und dann gehen wir tatsächlich zurück. Ich fühle mich schlecht dabei, sorgenvoll und als drittes Rad am Wagen, obwohl ich das nicht sollte, denn Anna und Sebastian nehmen mich in die Mitte und reden beruhigend auf mich ein. Dennoch fehlt mir Hans, mein Hans, mit dem ich schon so viele Wanderungen gemacht habe und der mir dabei stets nicht nur ein Partner, sondern auch ein guter Kamerad war. Wo steckt er nur? Was ist ihm zugestoßen?

Als wir nach einigen Minuten den nahe gelegenen Wald erreichen, sehen wir Hans dort an einer Koppel stehen, direkt an dem Balken, mit dem man die Koppel abriegeln kann. Er steht einfach da und rührt sich nicht.

Wir gehen zu ihm, ich spüre, wie die Aufregung in mir hochsteigt, und kann mich nur mühsam beherrschen, als ich vor ihm stehe: »Sag mal, spinnst du?«, frage ich in einem möglichst sachlichen Tonfall, »wir haben dich über eine Stunde lang gesucht, und du stehst einfach hier?«

»Wir haben uns hier verabredet«, behauptet er.

»So ein Quatsch! Wie kommst du denn darauf? Es ist doch klar, dass man am Ausgang der Ausstellung wartet, wenn man schon unbedingt vorlaufen will«, widerspreche ich, ich bin sehr erbost und rege mich wahnsinnig auf, auch wenn ich es mir nicht anmerken lasse. Das ist unverschämt, denke ich, wie kann er sich nur so aufführen?

Während es noch in mir brodelt, setzen wir den Rückweg zum Auto fort. Doch es dauert nicht lange, und Hans geht wieder vor. Ich folge ihm mit Sebastian und Anna, aber nach einigen Hundert Metern halte ich es nicht mehr aus und schließe zu ihm auf.

»Renn doch nicht immer so vor, Hans.«

Er schweigt.

»Komm, wir vertragen uns wieder.« Ich kann nie lange böse sein, und wenn schlechte Stimmung zwischen uns herrscht, finde ich das unerträglich.

»Von mir aus«, antwortet er. Mehr nicht. Ich nehme seine Hand und drücke sie. »Du machst mir Angst, Hans«, flüstere ich. Ich lehne mich im Gehen ein bisschen an ihn an und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass er den Arm um mich legt und irgendetwas Tröstliches sagt. Aber er geht einfach nur weiter, und aus lauter Verzweiflung fange ich eine unverbindliche Plauderei an. Er hört mir nicht zu, wie immer in letzter Zeit. Früher war das mal anders, denke ich, aber so richtig verzweifelt bin ich nicht deswegen. Die Veränderung kam so langsam, dass ich Zeit hatte, mich daran zu gewöhnen.

Abends im Bett mache ich noch einmal einen Versuch. Ich nehme seine Hand und streichle sie, während er ein Buch liest. Das bedeutet bei uns: Hallo, ich bin noch wach und will mit dir reden oder schmusen. Aber heute reagiert er gar nicht. Er liest einfach weiter – so, als gebe es mich gar nicht. Ich bin verwirrt, ich verstehe ihn nicht und fühle mich unendlich weit von ihm entfernt. Hilflos blicke ich ihn an und versuche zu verstehen, was in dem Mann vorgeht, der mir so vertraut ist und der sich äußerlich in nichts von dem Hans unterscheidet, den ich seit fast fünfunddreißig Jahren liebe. Was mit diesem schönen, immer noch athletischen Mann mit seinen ernst blickenden grünen Augen geschieht, die nun über die Seiten des Buches huschen. Ich betrachte seine gerade Nase, die feingliedrigen Hände, das schmale Gesicht, auf dem am Abend immer ein leichter Bartschatten liegt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man dann über seine Wangen streicht, aber heute werde ich es nicht mehr spüren, das steht fest.

Die Bilder von damals, nach dem Streit im Flughafen, steigen in mir hoch. Ich sehe mich, wie ich an dem Abend weinend neben Hans im Bett liege, und die Tränen schießen mir in die Augen. Was passiert mit uns?, frage ich mich, doch ich finde keine Antwort.

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Ein halbes Jahr später, im Januar 1999, besuchen uns Sebastians Eltern zum ersten Mal. Annas zukünftige Schwiegereltern. Hans und ich freuen uns auf sie, wir haben schon viel von ihnen gehört und gehen davon aus, dass wir uns gut mit ihnen verstehen werden.

»Was soll ich anziehen?«, hat Hans mich heute Morgen, als ich ins Bad kam, gefragt. Diese Frage war lange Zeit ein Anlass zum Scherzen zwischen uns. Ein Jahr vor unserer Hochzeit war er, obwohl ich ihn gewarnt hatte, einmal sorglos und unbekümmert in Jeans und T-Shirt zum Geburtstag meiner Mutter erschienen, und alle hatten sich damals indigniert gefragt, ob dieser gut aussehende und anscheinend ein wenig zu lässige Mann der richtige Umgang für mich sei. Mir war es damals zwar peinlich gewesen, aber ich hatte ihn auch dafür bewundert. Seitdem zieht er mich gern damit auf.

»Jeans und T-Shirt?«, schlug ich also vor, wie immer, wohl wissend, dass er sehr gut selbst in der Lage war, sich die passenden Sachen für die Begegnung mit Annemarie und Horst herauszusuchen.

Hans sah mich irritiert an, ging zum Kleiderschrank und blieb unschlüssig davor stehen. Ungläubig folgte ich ihm mit dem Blick. Er zögerte, schaute zu mir herüber, Hilfe suchend, wie mir schien. Mich fröstelte.

»Vielleicht das blaue Hemd mit der beigen Hose?«, schlug ich vor, es rutschte mir heraus, weil ich wollte, dass er aufhörte, sich so seltsam zu verhalten.

Er nickte, und ich ging duschen. Unter der Dusche beschloss ich, dass ich mir alles nur eingebildet haben musste. Hans hatte reagiert wie immer. Und wenn er jetzt tatsächlich das blaue Hemd mit der beigen Hose anziehen würde, dann um mir einen Gefallen zu tun. Nicht mehr.

Annemarie und Horst kommen pünktlich um drei Uhr und wirken gleich auf den ersten Blick sehr sympathisch: zurückhaltend, natürlich und herzlich.

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