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Guardian Angelinos 01 – Die zweite Chance

ROXANNE ST. CLAIRE

GUARDIAN ANGELINOS

Die zweite Chance

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Nele Quegwer

Für meinen Neffen, Captain Anthony Roffino,

der alle außergewöhnlichen und erstaunlichen Eigenschaften

eines Army-Ranger-Helden besitzt und noch so viele mehr.

Ich bin stolz, deine Tante Rocki zu sein.

1

»Wie ich höre, wurden Sie zum Jurastudium an der hübschen kleinen Uni am anderen Flussufer angenommen.«

Samantha Fairchild sammelte die Cocktails von der Theke ein und lächelte dem Mann zu, der sie durch seine randlose Brille unauffällig begutachtet hatte. »Unsere vertrauenswürdige Barkeeperin hat wohl mal wieder mit mir angegeben.«

Hinter der Theke schwenkte Wendy einen Martinishaker, als wäre es eine Wunderkerze, und funkelte vielsagend mit den Augen. »Nur ein bisschen, Sam. Schließlich bist du unsere einzige Bedienung, die nach Harvard geht.«

Sam, die eigentlich nicht darauf erpicht war, ein Gespräch anzufangen, wenn der Speisesaal des Paupiette’s an einem Samstagabend gerammelt voll war, nickte dem Herrn mit den hellen Haaren zu. Er war sowieso nicht ihr Typ. Zu blass, zu blond, zu ungefährlich.

»Nichts, wofür man sich schämen müsste, ein Juraabschluss von Harvard«, sagte der Mann. »Ich habe selbst einen.«

»Ach ja? Und was machen Sie jetzt?«

Sein Lächeln wurde breiter. »Geld scheffeln, und das werden Sie auch.«

Er redete wie ein typischer Harvard-Absolvent. »Mich interessiert das Geld nicht so sehr. Ich habe andere Pläne für die Zukunft.« Und sie bezweifelte, dass ein Typ, der von Armani und Rolex nur so strotzte, diese Pläne zu schätzen wusste. Es sei denn, er war Strafverteidiger. Sie betrachtete ihn gerade kritisch, als sich von hinten zwei Hände auf ihre Schultern legten.

»Ich habe Joshua Sterling nebst Begleitung in deinen Bereich gesetzt.« In Keegan Kennedys sanfter Stimme schwang ein warnender Unterton mit, wahrscheinlich, weil sie an der Bar mit Rechtsanwälten flirtete, während ihre Tische voll besetzt waren. »Ich rechne mit einer Provision.«

»Das ist nur gerecht.« Sie machte sich los und balancierte dabei das Tablett mit den Cocktails in den Händen.

»Ich wette, der gibt ein saftiges Trinkgeld, Sam«, sagte der Anwalt, während er zwei Zwanziger auf die Theke legte und der Barkeeperin mit einem Wink zu verstehen gab, dass sie den Rest behalten könne. »Das werden Sie allein schon für die Gesetzestexte brauchen.«

Sie schenkte ihm ein wehmütiges Lächeln, nicht zu vielversprechend, aber auch keine komplette Abfuhr. »Danke«

»Larry«, half er ihr weiter. »Vielleicht komme ich noch mal vorbei, bevor Sie anfangen, um Ihnen ein paar Tipps für das erste Jahr zu geben.«

»Toll, Larry.« Sie zwang sich zu einem ermutigenderen Lächeln. Er sah aus, als wäre er ein netter Kerl. Langweilig wie trockener Toast, aber andererseits würde er ihr Herz auch nicht mit Füßen treten oder gar mit Armeestiefeln. »Tun Sie das.«

Sie wandte sich ab, um in den Hauptspeisebereich zu spähen, und erhaschte einen Blick auf eine Gesellschaft von sechs Personen, die vom stellvertretenden Oberkellner zum Tisch geleitet wurde.

Das für Joshua Sterling charakteristische silberne Haar, vor der Zeit ergraut und über die Maßen attraktiv, schimmerte unter den Halogen-Hängelampen, die eigentlich dazu dienten, die Haute Cuisine ins rechte Licht zu rücken, diesem besonderen Gast jedoch einen perfekten Heiligenschein verliehen.

Es war nicht nur sein Trinkgeld, an dem Sam interessiert war. Das letzte Mal, als Bostons berühmter Kolumnist hier gespeist hatte, hatte sich zwischen ihnen eine lebhafte Diskussion über die Innocence Mission entsponnen, und am Ende hatte er einen ganzen Artikel über die gemeinnützige Organisation für den Globe geschrieben. Nach dieser Story war eine Menge Geld in das Bostoner Büro geflossen, in dem Sam ehrenamtlich arbeitete.

»Gute Arbeit, Keegan.« Sam bedachte den Oberkellner, der, seit er vor ein paar Monaten angefangen hatte, ständig zwischen totaler Nervensäge und Geschenk des Himmels hin- und herpendelte, mit einem dankbaren Lächeln. »Rechne mit zehn Prozent.«

Er legte ihr eine Weinkarte auf ihr Cocktailtablett und brachte damit das empfindliche Gleichgewicht der kopflastigen Martinigläser in Gefahr. »Sein Trinkgeld hängt vom Wein ab, also überrede ihn, was aus dem Gewölbekeller zu nehmen. Erhöhe meinen Anteil auf fünfzehn Prozent, und ich verspreche dir, dass uns das Tatar nicht ausgeht. Das ist Sterlings Leibspeise.«

Sie grinste. »Abgemacht, du hinterhältiger irischer Gauner.«

Nachdem sie an einem anderen Tisch die Cocktails serviert hatte, steuerte sie auf die frisch platzierte Gesellschaft zu. Auf dem Weg dorthin nickte sie einem Gast zu, der ihr ein Zeichen gab, dass er zahlen wollte, blieb bei dem Liebespaar in der Ecke stehen, um ihren Cakebread Chardonnay zu entkorken, und versuchte dabei die ganze Zeit herauszufinden, wen genau Joshua Sterling heute Abend bewirtete.

Neben ihm saß seine wunderschöne Ehefrau, eine atemberaubende junge Dame namens Devyn, mit ausgeprägten Wangenknochen und goldenem Haar, das ihr in Wellen bis auf die vom Training gestrafften Schultern fiel. Zwei weitere Paare vervollständigten die strahlende Sechsergruppe, und eine der Frauen erzählte gerade lebhaft eine Geschichte zu Ende, während sie sich auf ihren Plätzen niederließen. Bei der Pointe zeigte sie mit dem Finger auf Joshua, wofür sie von den Übrigen schallendes Gelächter erntete. Außer von Devyn, die sich mit ausdrucksloser Miene zurücklehnte, während ihr eine Speisekarte hingelegt wurde.

Joshua legte seiner Frau locker eine Hand auf den Rücken und winkte beiläufig quer durch den Gastraum jemandem zu. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann strahlte er Sam an, die sich dem Tisch näherte.

»Hallo, Samantha.« Natürlich erinnerte er sich an sie. Das war seine besondere Gabe, machte seinen Charme aus. »Bereit zum Sturm auf Hahvahd?« Er zog das Wort in die Länge und verlieh ihm den Klang eines übertriebenen Boston-Akzents.

»Die Vorlesungen fangen in zwei Monaten an«, sagte sie und reichte ihm die Weinkarte, die sie bei der teuersten Auswahl aufgeschlagen hatte. »Also, bereit bin ich schon, aber auch nervös.«

»Nach allem, was Sie mir über ihre ehrenamtliche Arbeit erzählt haben, glaube ich, dass Sie mehr juristisches Wissen und Erfahrung haben als die Hälfte der Erstsemester. Sie werden’s denen da drüben schon zeigen.« Er fügte seinem laserblauen Blick das Lächeln des Fernsehsprechers für liberale Belange hinzu, dem auf den Nachrichtenkanälen immer mehr Sendezeit gewidmet wurde.

Niemand bezweifelte, dass Joshua Sterling in New York ganz groß rauskommen würde.

»Hoffentlich haben Sie Recht«, sagte sie und machte dem Junior-Oberkellner Platz, damit er Devyn Sterling eine schwarze Serviette auf die dunklen Hosen legen konnte. »Wenn nicht, werfe ich alles hin und gehe wieder zurück in die Werbung.«

»Zweifeln Sie nicht an sich«, warnte Joshua sie mit einem eindringlichen Blick. »Sie haben zu viel Köpfchen, um bloß Computer und Burger zu puschen. Sie müssen unschuldige Opfer vor dem verkorksten System retten.«

Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und wünschte sich, sie wäre sich selbst ihrer Talente so sicher. Eine seiner Gaben war es natürlich auch, den Leuten Blödsinn zu erzählen. »Was ist denn der Anlass?«, fragte sie in der Absicht, die Unterhaltung weg von sich selbst und hin zu einer fetten Getränkebestellung zu lenken.

Joshua zeigte mit der Hand auf die Braunhaarige, welche die Geschichte erzählt hatte. »Wir feiern Merediths Geburtstag.«

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Sam nickte Meredith zu. »Wir haben noch zwei Flaschen von dem ’94er Tattinger da.«

»Ja, Champagner wäre eigentlich angemessen«, sagte er, »aber ich glaube, das hier ist eine Weingesellschaft. Du trinkst gern Bordeaux, stimmt’s, Meredith?«

Die Frau beugte sich vor, stützte sich auf den Ellenbogen und lächelte träge, während sie ihn ansah. »Etwas Komplexes und Elegantes.«

Sam wartete einen Augenblick, während der Blick der Frau fest auf ihren Gastgeber gerichtet blieb. Devyn rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, und Sam konnte die knisternde Spannung in der Luft förmlich spüren.

»Dann gehe ich mal den Sommelier holen«, schlug Sam rasch vor. »Ich wette, er hat den perfekten Bordeaux für Sie.«

»Ich weiß, dass er ihn hat.« Joshua gab Sam die Weinkarte zurück, ohne überhaupt einen Blick hineinzuwerfen. »Sagen Sie René, dass wir gern zwei Flaschen von dem 1982er Château Haut-Brion hätten.«

»Eine ausgezeichnete Wahl.« Das war es tatsächlich. »Während ich Ihnen den besorge können wir Ihnen eine Flasche Wasser anbieten, mit oder ohne Kohlensäure?«

Sie trafen ihre Wahl, und Sam flüsterte sie einem Hilfskellner zu. Dann düste sie den schmalen Gang zwischen Gästebereich und Küche entlang, ihre Schuhe federten auf dem Gummifußboden, und die gedämpften Gespräche und die Musik des Speiseraums verwandelten sich in das Geklapper und Gebrutzel der Küche.

»Wo ist René?«, fragte sie, während ein Duft nach Butter, Knoblauch und sautiertem Fleisch sie einhüllte.

»Bin schon da.« Die Tür zum Keller flog auf, und der massige Sommelier kam auf sie zugehastet, die Arme voller Flaschen. Zwei weitere Kellner folgten ihm, ähnlich überladen.

»René, ich brauche zwei Flaschen ’82er Haut-Brion, sofort.«

»Ich muss erst die Gäste oben bedienen«, warf er zurück.

»Dann gib mir den Schlüssel und sag mir ungefähr, wo ich die ’82er finde.«

»Du wirst die ’82er nicht holen, Schwester.« Der falsche französische Akzent, den er vor den Gästen benutzte, war verschwunden, als er gewandt die Flaschen auf der Vorbereitungstheke abstellte. »Ein kleines Missgeschick, und du bringst uns beide um ein ganzes Monatsgehalt.«

»Herrgott noch mal, René. Ich werde doch wohl in der Lage sein, zwei Flaschen Wein zu holen.«

»Du kannst warten, wie alle anderen, Sam.« Er begann einem der anderen Kellner Flaschen auszuhändigen, der ihr einen triumphierenden Blick zuwarf.

Die Türen zum Speiseraum schwangen auf, und Sam spähte den Gang entlang, um eben noch einen Blick auf Joshua zu erhaschen. Er schlenderte gerade durch den Raum, um ein hinreißendes ehemaliges Model und deren Begleitung zu begrüßen, die an Tisch zwei neben der Theke saßen. Es hatte also keine allzu große Eile mit seinem Wein. Sie sah sich die Teller auf der Durchreiche aus Edelstahl an, um genau auszurechnen, wie viel Zeit sie hatte, diesen Wein auszuschenken, bevor ihre vier Bestellungen für die Angehörigen des alten Ostküstenadels an Tisch zehn kamen.

Nicht viel. Sie wollte den Haut-Brion vorher servieren, sonst würde sie völlig aus dem Rhythmus kommen.

Eine weitere Kellnerin kam mit mehreren Flaschen in den Händen aus dem Keller herauf. »Das ist der Rest, René. Ich muss nur noch mal runter und abschließen.«

»Ich schließ ab«, sagte Sam und schnappte sich die Schlüssel.

»Nein.« René durchbohrte sie mit seinem Blick. »Ich hole sie, Sam. Nur fünf Minuten.«

»Ach komm, René.«

Die Tür zum Gastraum flog auf, und Keegan kam hereinmarschiert. »Sterling will seinen Wein«, verkündete er und blickte René scharf an.

»Dann hol du ihn«, sagte René. »Nicht Sam.«

Aber Sam war bereits auf dem Weg. »Danke, Keegan«, sagte sie ruhig im Vorbeigehen. »Du weißt ja, ich werde dich heute Abend mit Bestechungsgeld überschütten.« Während sie die Tür öffnete, rief sie René zu, »Die Bordeaux sind doch in den hinteren Regalen und der Haut-Brion in der unteren Hälfte, oder?«

»Sam, wenn du das vermasselst«

»Ich werde die Flaschen abstauben! Du kannst dir morgen das Video ansehen«, fügte sie lachend hinzu. Als wenn diese prähistorische Kamera je benutzt würde.

»Darauf kannst du Gift nehmen!«, rief René. »Ich hab gerade ein neues Band eingelegt.«

Hastig lief sie die schlecht beleuchtete Treppe hinunter und fegte an einem der Köche vorbei, der gerade einen Sack Mehl aus der Trockenspeisekammer trug. Weiter unten fiel die Temperatur ab, und die Steinwände strahlten Kälte aus, als sie die schwere Tür zum Weingewölbe erreichte.

Ein Luftzug ließ die Haarsträhnen wehen, die ihrem Pferdeschwanz entwischt waren, woraufhin sie stehen blieb und in den dunklen Flur spähte. Die Hilfskellner waren ständig zum Rauchen da draußen, aber sie würden ihre Lungen ja wohl hoffentlich nicht gerade dann strapazieren, wenn das Paupiette’s so überfüllt war wie heute.

Der Duft von Estragon und Rosmarin entströmte der Trockenspeisekammer, aber die würzigen Gerüche verschwanden in dem Moment, als sie die Messingklinke des Weingewölbes hinunterdrückte und die Angeln bei ihrem Eintreten knarrten und quietschten. In diesem dämmerigen und staubigen Raum roch es nur nach Erde und Moschus.

Sie schaltete das Deckenlicht an, aber die einzelne, nackte Glühbirne trug nicht gerade zur besseren Beleuchtung des länglichen, schmalen Gewölbes oder der Regale bei, die ein anderthalb Meter hohes Labyrinth bildeten. Sie suchte sich ihren Weg nach hinten, und ihre Gummisohlen bewegten sich geräuschlos über den Steinboden. Der Staub kitzelte in ihren Nasenlöchern, und die vierzehn Grad kalte Luft tat ihr Übriges. Sam kämpfte gar nicht erst gegen den Niesreiz an und schaffte es, rechtzeitig ein Taschentuch hervorzuzaubern, um die lautstarke Entladung aufzufangen.

Hinter der letzten Reihe ging sie in der Ecke mit den teuersten Weinen in die Hocke. Sie begann damit, den Staub von den Flaschen zu pusten und zu wischen, und fand fast auf der Stelle das unverkennbare, weißgoldene Etikett des Haut-Brion.

Sam zog die Flasche heraus, staubte sie ab und las auf dem Etikett die Jahreszahl 2000. Innerhalb der chronologisch sortierten Regale war sie also noch gut achtzehn Jahre von ihrem Ziel entfernt. Ihr geriet Staub in den Hals, und sie hustete leise. Sie kauerte sich noch tiefer hin und holte eine weitere Flasche hervor 1985.

Langsam kam sie ihrem Ziel näher. Aus der Hocke griff sie nach einer Flasche, und im selben Augenblick öffnete sich die Tür. Das Geräusch der Messingklinke hallte durch das Gewölbe. Sie wollte sich aufrichten, doch die gedämpfte Stimme eines Mannes brachte sie von ihrem Vorhaben ab.

»Ich bin drin.«

Sie erstarrte und versuchte auszumachen, wo die Stimme herkam, jedoch vergeblich. Sie war tief, schroff und männlich.

»Jetzt.«

Es lag etwas Dringliches im Tonfall. Etwas, das sie mucksmäuschenstill werden ließ.

Sie wartete darauf, Schritte zu hören. Wenn es ein anderer Kellner war, würde er zu einem Regal gehen, um seine Weinflasche zu suchen. Wenn es René war, würde er nach ihr rufen, weil er wusste, dass sie hier unten war. Und jeder andere

Doch hier unten hatte kein anderer etwas verloren.

Ihr Puls erhöhte sich leicht, als sie auf das nächste Geräusch wartete und ihr ein unbehagliches Kribbeln den Rücken hinaufstieg.

Nichts rührte sich. Niemand atmete.

Sie betete, dass ihre Knie nicht knacken und sie verraten würden, und erhob sich wenige Zentimeter, damit sie über das Regal hinwegsehen konnte. Währenddessen bewegte sich die Klinke erneut, und dieses Mal zog sich das Quietschen der Angeln in einer Weise in die Länge, als würde die Tür ganz langsam geöffnet. Sie streckte sich noch ein bisschen mehr, um über das oberste Fach mit Flaschen zu spähen.

Ein Mann stand mit dem Rücken gegen die Wand gedrückt, eine Hand in Brusthöhe unter einem Jackett verborgen, den Kopf zur Tür gedreht. In der Dunkelheit konnte sie kaum sein Profil erkennen, sah jedoch sein schwarzes Hemd und den Umriss seines dunklen Haars vor der Wand hinter ihm. Kein Kellner. Niemand, den sie je zuvor gesehen hatte.

Während sich die Tür weiter öffnete, stand er völlig regungslos da, und Sam riss den Blick von dem Fremden los und richtete ihn auf den Neuankömmling. Die Glühbirne an der Decke fing ein unverwechselbares Schimmern von silbernem Haar ein. Was in aller Welt machte Josh –

Die Bewegung war so rasch, dass Sam kaum die Hand des Mannes aus dem Jackett schnellen sah. Vielleicht hatte sie beim Anblick der überraschend langen Pistole nach Luft geschnappt, aber das Geräusch eines Schusses, gedämpft wie ein Faustschlag in ein Kissen, übertönte ihren Atem.

Joshuas Gesicht verzerrte sich und wurde starr. Er brach zusammen und verschwand aus ihrem Blickfeld.

Ihr Selbsterhaltungstrieb brachte Sam dazu, sich wieder hinter das Regal zu ducken, plötzlich leicht benommen und so sehr unter Schock, dass sie keinen zusammenhängenden Gedanken zu fassen bekam. Nur das Bild, wie Joshua Sterling eine Kugel in den Kopf bekam, stand ihr vor Augen.

Sam schloss die Augen, doch der mentale Schnappschuss verschwand nicht. Er versengte ihre Netzhaut und brannte sich in ihr Hirn.

Etwas scharrte über den Boden, und sie erstarrte bis ins Mark. Sie umklammerte mit ihrer rechten Hand die Flasche und hielt sich sprungbereit, um sich jeden Moment auf denjenigen zu stürzen, der um die Ecke kam.

Sie konnte ihn mit der Flasche außer Gefecht setzen. Sie ihm über den Kopf ziehen. Zeit gewinnen und Hilfe holen.

Aber niemand kam um das Regal herum. Stattdessen hörte sie ein metallenes Geräusch, ein Klicken und ein leises Stöhnen vom vorderen Teil des Gewölbes. Was trieb der Kerl da?

Immer noch in der Erwartung, um ihr Leben kämpfen zu müssen, richtete sie sich wieder auf gerade so weit, dass sie sah, wie der Mann auf einer Kiste stehend flink die Videokamera abmontierte.

Die Sicherheitskamera war direkt auf die hinteren Regale gerichtet.

Rasch duckte sie sich, aber es war zu spät. Sie hörte, wie er die Schrauben in der Wand bearbeitete, und versuchte, sich sein Profil einzuprägen. Ein Höcker auf einer aristokratischen Nase. Hohe Stirn. Eine Ansammlung von Pockennarben im unteren Bereich der Wange.

Aufwirbelnder Staub stieg ihr in die Nase, kitzelte, quälte und reizte sie fast zum Niesen. Oh, nein, bitte nicht.

Sie hielt die Luft an, während die Kamera sich knackend von der Wand löste und der Mann mit den Füßen auf dem Boden aufkam. Eine Sekunde später quietschte die Tür, fiel ins Schloss, und er war weg.

War es möglich, dass Joshua noch lebte? Sie musste ihm helfen. Fünf qualvolle Herzschläge lang wartete sie, dann kam sie hinter den Regalen hervor und rannte durch den Mittelgang.

Leblose blaue Augen starrten ihr entgegen, sein Gesicht war farblos, und ein Rinnsal tiefroten Bluts sickerte aus einem einzelnen Loch in seiner Schläfe. Die Flasche entglitt ihren Händen, doch sie nahm das Zerbersten des Glases kaum wahr, als sie auf den Toten hinunterstarrte.

Gott, nein. Gott, nein. Nicht schon wieder.

Ungläubig wimmernd sank sie in die Knie und widerstand dem Drang, die Hand auszustrecken und den Mann zu berühren, der noch vor wenigen Minuten mit Freunden gelacht, seiner Frau einen Witz erklärt und einen seltenen, teuren Bordeaux bestellt hatte.

Das konnte nicht wahr sein. Es konnte einfach nicht sein.

Das Blut sammelte sich neben seiner Wange, vermischte sich mit dem Wein. Der Geruch drehte ihr den Magen um, und sie musste würgen, als ihr die Galle hochstieg und ihr die Glasscherben Knie und Handflächen zerschnitten.

Zum zweiten Mal in ihrem Leben hatte sie mitangesehen, wie ein Mensch einem anderen das Leben genommen hatte. Doch dieses Mal war sie dabei gefilmt worden.

2

Mit Laptop und Handy saß Sam auf dem Boden ihres Kleiderschranks und überlegte sich ihren gesamten Fluchtplan und eine Verkleidung, in der sie sich mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung schleichen konnte hoffentlich, ohne dabei geschnappt und getötet zu werden.

Bis jetzt hatte sie aber keine Ahnung, wo sie hinsollte, wenn sie erst mal draußen war. Sie brauchte auf jeden Fall einen Freund. Aber noch dringender brauchte sie jemanden, der für sie herausfand, wie dicht die Polizei Joshua Sterlings Mörder auf den Fersen war. Denn ihr würden sie nichts sagen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Und als sie, versteckt in ihrem Kleiderschrank, die Wohnungstür verbarrikadiert, auf ihrem Computer durch die Nachrichten surfte, sah sie den Namen und mit einem Mal war die Antwort klar.

Vivi Angelino. Eigentlich stand sie nicht besonders weit oben auf Sams Liste mit Freundinnen in diesem Fall der Liste früherer Freundinnen, denn in den letzten drei Jahren hatten sie sich kaum gesehen die ihr aus diesem speziellen Schlamassel helfen konnten. Aber als sie las, dass Vivi den Leitartikel für die Verbrechensermittlung des Boston Bullet verfasst hatte, katapultierte sie das auf Sams Liste ganz nach oben.

Niemand konnte ihr besser helfen als Vivi, die hartnäckige Reporterin mit dem Gespür für gute Storys und einer neugierigen Ader, der die Bedeutung der Worte »kein Kommentar« gänzlich unbekannt waren. Ganz bestimmt wusste sie, was innerhalb des Boston PD vor sich ging, sie wusste, ob Verdächtige festgenommen worden waren oder gegen sie ermittelt wurde, und sie würde verstehen, warum die Polizei der Augenzeugin keinerlei Schutz gewährte.

Sie kannte Sams Vorgeschichte mit der hiesigen Polizei. Sie wusste auch nein, ihn würden sie da schön raushalten. Der Mann hatte der Freundschaft zwischen Vivi und Sam schon genug geschadet. Der Stich, den Sam allein sein Name schon versetzte, würde sie nicht davon abhalten, sich die nötige Hilfe zu suchen.

Sie klappte ihr Telefon auf und blätterte die letzten Anrufe durch. Jetzt begriff sie, warum Vivi sie, nach Monaten ohne das kleinste Hallo, in der vergangenen Woche zweimal angerufen hatte. Sam hatte nicht vorgehabt, zurückzurufen sie hatte in dieser letzten Woche eigentlich mit niemandem gesprochen, abgesehen von der Polizei. Aber wenn Vivi über die Tat berichtete, wollte sie wahrscheinlich die Angestellten des Paupiette’s interviewen. Tja, Sam würde Vivi zur Exklusivstory ihres Lebens verhelfen wenn sie Sam ein bisschen mit Insider-Informationen versorgen konnte.

Sie tippte eine SMS.

Hi. Hab deinen Artikel im Boston Bullet gesehen. Bist du daheim?

Das war unverfänglich genug, für den Fall, dass jemand ihre Anrufe oder SMS-Nachrichten anzapfte.

Sie drückte auf Senden, und ihr Blick blieb an der Überschrift hängen.

Polizei tappt im Sterling-Fall im Dunkeln.

Die Kopfschmerzen, die vor einer Woche im Weinkeller begonnen hatten, hämmerten bei jedem Wort aus Vivis Feder gegen Sams Schläfen.

Kein Durchbruch in dem Fall.

Keine Hinweise auf den Mörder.

Keine Beweise, keine Motive, keine Verdächtigen keine Zeugen. Polizei vermutet professionellen Killer am Werk.

Zwei Wörter sprangen ihr ins Auge. Keine Zeugen. Das bedeutete, dass die Polizei die Tatsache, dass es eine Augenzeugin gegeben hatte, immer noch nicht öffentlich gemacht hatte. Zumindest, was das anging, hatten sie ihr Wort gehalten.

Welche Informationen hielten sie noch zurück? Sam musste unbedingt herausfinden, ob sie jemanden verhaftet hatten oder ob es eine Liste mit Verdächtigen gab. Und, dem Mann zum Trotz, der sich zwischen sie gestellt hatte, war Vivi definitiv diejenige, die ihr dabei helfen konnte.

Aber sie durfte dieses Gespräch keinesfalls am Telefon führen, das war zu riskant. Es musste persönlich stattfinden.

Und deshalb war es so wichtig, dass ihr Fluchtplan auch wirklich funktionierte.

Das Blackberry vibrierte in ihren Händen, und Vivis Name leuchtete wie eine Rettungsleine auf.

Mann. Lang nix von dir gehört. Was machst du?

Ja, ziemlich lang.

Was sollte sie antworten was machte sie? Sich zu Tode ängstigen, sich verstecken, verzweifeln? Sie entschied sich für den direkten Weg. Kann ich rüberkommen?

Sie zerquetschte das Telefon fast in der Hand und hoffte inständig, dass Vivi verstand, was sie meinte, und nicht fragte, warum.

Klar. Komm ruhig her.

Sie starrte auf die Antwort, und ihr Herz füllte sich mit Zuneigung und Wertschätzung. Also, das war eine echte Freundin. Sie stellte keine Fragen ein kleines Wunder, wenn man bedachte, dass es sich um Vivi Angelino handelte, bei der jeder Satz mit wer, was, wann, wo und warum begann.

Danke, schrieb sie zurück und schaltete das Handy aus, bevor sich doch noch ein Feuerwerk von Fragen auf dem Bildschirm entzündete. Sam würde persönlich antworten. Sofern sie Antworten hatte.

In geduckter Haltung, damit sie keinen Schatten warf, kroch sie durch ihr Schlafzimmer, um Perücke und Turnschuhe zu holen. Sie hatte die schwarze Perücke ganz hinten im Schrank gefunden, ein Überbleibsel von einem Kleopatra-Kostüm, das sie bei irgendeiner Halloween-Party auf dem College getragen hatte.

Nun, Kleo würde Sam zu frischer Luft und Informationen verhelfen, und diese Verkleidung würde sie hoffentlich an jedem sicher vorbeibringen, der nach ihr Ausschau hielt. Vorbei an ihm.

Angenommen, er war da draußen und davon musste sie ausgehen war das die einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben.

Sam stopfte sich die Haare unter die Perücke, unter deren billigem Gewebe die Kopfhaut sofort zu jucken begann. Sie schlüpfte in ein Paar Nikes, band sich die Schuhe zu und lief gebückt zur Schlafzimmertür. Sie schlich den fensterlosen Flur entlang, krabbelte durchs Wohnzimmer und gelangte über den Linoleumboden zur Küchentür.

Jetzt kam der schwierige Teil. Das Haus durch die Hintertür im ersten Stock zu verlassen ohne Hintertreppe.

So leise wie möglich trat sie hinaus auf eine kleine Sonnenterrasse, von der aus man in den eingezäunten Garten der Brodys blicken konnte. Schon seit ihrem Einzug versprach Mr Brody ihr, eine kleine Treppe zu bauen, damit sie Zugang zu ihrem Garten hatte. Bisher war er nicht dazu gekommen, aber Sam wusste, dass ihr Vermieter für sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde nach alldem, was die Innocence Mission für seinen Cousin in Arizona getan hatte. Als er erfahren hatte, dass Sam ehrenamtlich für diese Organisation arbeitete, hatte er sogar die Miete heruntergesetzt.

Aber die Treppe hatte er trotzdem noch nicht gebaut. Obwohl er sehr genau wusste, dass das Haus so nicht die Brandschutzbestimmungen erfüllte. Doch das erwies sich nun als Vorteil. Jeder, der ihre Wohnung überwachte, würde sich auf die Vorderseite konzentrieren, den einzigen Ausgang der oberen Wohnung.

Niemand würde den eingegrenzten Garten beobachten oder die baufällige Veranda im ersten Stock, die ihre Pflanzen beheimatete und wo sie sich hin und wieder ein wenig sonnte. Niemand würde auf die Idee kommen, dass sie sich eine Perücke und dunkle Klamotten anziehen würde, dass sie von einer viereinhalb Meter über dem Boden liegenden Terrasse springen, durch eine geheime Öffnung im Zaun schlüpfen und der Seitenstraße bis zur Ecke Prospect und Somerville Ave folgen würde, wo Samstagabends immer Taxis parkten, um Betrunkene nach Hause zu fahren.

Niemand schon gar nicht der Mann mit dem Höcker auf der Nase, den pockennarbigen Wangen und der todbringenden Pistole, der in diesem Moment in einem Auto auf der anderen Straßenseite sitzen konnte rechnete damit, dass Sam das Haus verließ.

In geduckter Haltung lief sie zum Geländer und nahm die Häuser zu beiden Seiten in Augenschein, welche zu dieser nächtlichen Stunde im Dunkeln lagen. Die ganze Gegend um Somerville war eigentlich ziemlich ruhig, außerdem waren jetzt im Sommer auch die meisten Studenten fort, die sonst hier wohnten. Sie beugte sich hinüber und versuchte, den Abstand zum Boden zu schätzen. Vielleicht doch keine viereinhalb Meter. Vielleicht nur dreieinhalb, und wenn sie sich seitlich herunterhängen ließ, nur noch etwa zwei Meter bis zum weichen Rasen unten. Ein bisschen riskant, aber nicht direkt wie Fallschirmspringen ohne Fallschirm.

Die andere Möglichkeit war, Regenrinne und Fenstersims zu benutzen, was in Filmen immer so einfach aussah, sich aber wahrscheinlich im echten Leben nicht so leicht bewerkstelligen ließ. Davon abgesehen hatte Mrs Brody einen leichten Schlaf, und es handelte sich um ihr Badezimmerfenster welches so nah am Schlafzimmer lag, dass sie Sam dort hören würde. Das Licht würde angemacht, Fragen würden gestellt werden, und falls jemand das Haus überwachte, würden sämtliche Alarmglocken bei ihm angehen.

Sam entschied sich fürs Springen. Sie kletterte über das Geländer und brachte sich in Position, wobei sich ein Holzsplitter in ihren Finger bohrte. Tapfer ignorierte sie den stechenden Schmerz, schielte zum Boden hinunter, und das Herz blieb ihr stehen.

Wenn sie sich nun ein Bein brach –

Verdammt. Sam, hör auf, deine Entscheidungen zu hinterfragen und spring.

Ein Auto fuhr die Loring Street entlang, und auf Garten und Hausseite fiel diffuses Licht, das sich nur langsam vom Fleck bewegte. Viel zu langsam. Vielleicht langsam genug, um Fotos von ihrem Haus zu machen? Um einen Einbruch zu planen, bei dem man der Zeugin eine Kugel in den Kopf jagen konnte?

Ja, zum Teufel, langsam genug dafür.

Sie ließ los, befand sich eine Sekunde lang in unwirklich erscheinendem freien Fall, der wie in Zeitlupe ablief, die Luft rauschte an ihren Ohren vorbei, und es wehte ihr fast die Perücke vom Kopf. Mit einem dumpfen Aufprall landete sie, rollte sich nach rechts ab, blieb dann bewegungslos liegen und wartete auf den Schmerz eines gebrochenen Knochens.

Alles drehte sich. Sie steckte ein paar verirrte Haare wieder zurück unter die falschen, drahtigen und machte sich auf zur hinteren Gartenecke mit den kaputten Latten, wo sie vor ein paar Wochen die Nachbarskinder beim Versteckspielen hinein- und hinausschlüpfen gesehen hatte.

Damals, in den guten alten Zeiten, als sie noch auf ihrem eigenen Balkon sitzen konnte und nicht darauf warten musste, dass die Kugel eines Heckenschützen sie traf.

Die Latten ließen sich leicht anheben, genauso wie bei den Kindern. Der Durchgang dahinter führte zwischen den Zäunen der Nachbargrundstücke hindurch, diente lediglich als Abstellplatz für Müllcontainer und Unrat und war kaum breit genug für ein Auto. Sam verfiel in ein lockeres Joggen, nicht so schnell, dass sie Aufmerksamkeit erregte, und nicht so langsam, dass sie erschossen werden konnte.

Der Strecke folgend, die sie im Voraus auf ihrer mentalen Landkarte geplant hatte, preschte sie über die erste Kreuzung, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen war. Die Lichter der Hauptstraße strahlten wie Leuchtfeuer, und als sie den ersten Blick auf ein gelbes Taxi erhaschte, entlockte das ihren Lippen ein zufriedenes »Jawoll!«

Als sie näherkam, richtete sich der Fahrer auf, der wahrscheinlich gerade aus einem Nickerchen erwacht war. Während sie die Tür öffnete und er sich zu ihr umdrehte, rechnete sie eine schreckliche Sekunde lang halb damit, in sein Gesicht zu blicken. Hakennase. Pockennarben. Schallgedämpfte Pistole.

Aber es war nur ein verschlafener Farbiger, der sie ansah und ihr zunickte, während sie sich auf den Rücksitz fallen ließ und die Tür zuschlug.

»Brookline. Ecke Tappan, Beacon am Washington Square.« Sie rutschte im Sitz tief nach unten und hüllte sich in Dunkelheit.

»Rennen Sie vor jemand weg, Miss?«

Jemand. »Bitte, fahren Sie einfach. Ich hab’s eilig.«

Er verstand die Botschaft und fuhr schweigend die Mass Ave entlang, über den Charles, wo ihr Herz im Takt mit den Schlägen der Reifen auf der Brücke pochte. Als sie auf der Bostoner Seite des Flusses angekommen waren, näherte ihr Puls sich allmählich wieder normalen Werten.

Sie legte die Hand auf das Handy in ihrer Tasche, widerstand aber dem Drang, es herauszuholen, anzuschalten und die Nachrichten zu lesen, die Vivi ihr möglicherweise noch geschickt hatte. Sie würde ihr alles erzählen, wenn sie da war. Jetzt musste sie auf der Hut sein.

Bei jeder Abbiegung prüfte sie die Straße hinter ihnen, die Spuren neben ihnen, den Gegenverkehr.

»Niemand folgt uns, glauben Sie mir«, sagte der Fahrer mit einem flüchtigen Lächeln. »Im Ernst. Sie können sich entspannen. Sie sind in Sicherheit.«

Entspannen? Sicherheit? Er hatte ja gar keine Ahnung.

Sie würde sich niemals entspannen oder in Sicherheit wiegen können, solange der Kerl, der Joshua Sterling umgebracht hatte, nicht geschnappt, verurteilt und hinter Gittern war. Und solange sie die einzige lebende Zeugin war, würde sich die halbe Bostoner Polizei einen Dreck darum scheren, ob der Mörder sie zu seinem nächsten Opfer machte. Sie lachten sich schlapp über diese Sache, das wusste sie genau.

Ausgerechnet sie als Zeugin eines Mordes.

Das Taxi polterte über den Bahnübergang und die Bodenwellen der Beacon Street, Seite an Seite mit der wahrscheinlich letzten Straßenbahn der Green Line für diese Nacht. An der Station Tappan hielt diese an und versperrte ihnen die Abbiegemöglichkeit.

Sam beugte sich vor und spähte den Block entlang zu dem Wohnkomplex aus rotem Backstein, den sie einst ihr Zuhause genannt hatte, und eine Welle der Wehmut packte sie. Sie hatte in diesem Gebäude viel Spaß gehabt, in der Werbeagentur gearbeitet, Freundschaften geschlossen einschließlich Vivis. War auf Vivis Partys gegangen

Fang nicht damit an, Sam.

Aber war nicht genau das der Grund dafür gewesen, dass sie so lange nicht mehr hier bei ihrer Freundin gewesen war? Und das war falsch gewesen. Sie hätte nicht zulassen dürfen, dass das, was passiert war oder nicht passiert war einen Keil zwischen sie trieb. Und wenn man bedachte, dass sie es zugelassen hatte, war Vivi wirklich ein Engel, ihr um ein Uhr morgens die Tür zu öffnen.

Diese ganze Geschichte war genau das Geschichte. Frauen sollten niemals eine Freundschaft für einen Mann opfern. Egal, wer er war oder was er getan hatte.

Als sich die Straßenbahn gerade wieder in Bewegung setzte, kam ein Mann um die Ecke gestolpert, winkte hilflos hinter dem Zug her und schwankte dabei so sehr, dass er um ein Haar hingefallen wäre.

»Da ist ja mein nächster Fahrgast«, sagte der Fahrer. »Auch wenn er wahrscheinlich völlig pleite ist.«

Sam lächelte. Es gab doch noch gute Menschen auf der Welt.

»Dann lassen Sie mich einfach hier raus«, sagte sie. »Ich muss gleich ins erste Gebäude da drüben. Dann können Sie ihn aufgabeln.« Sie griff in ihre Tasche, holte ein kleines Lederetui heraus und gab ihm zwei Zwanziger, den doppelten Fahrpreis. »Das müsste auch für ihn reichen.«

»Danke.« Er drehte sich zu ihr um, und an die Stelle des verschlafenen Blicks war nun herzliche Wärme getreten. »Ich hoffe, das Arschloch findet Sie nicht.«

»Ich auch.«

»Hier.« Er gab ihr eine Karte. »Rufen Sie mich an, wenn Sie heute Nacht noch irgendwohin müssen. Ich bleib in der Gegend.«

Sie nahm sie und nickte zum Dank, dann rutschte sie hinüber zur Tür und stieß sie auf. Sie ließ ein Auto vorbeifahren und überquerte dann die Beacon Street, sicher im Schein der Straßenlaternen und in Sichtweite der hellroten Lichter des Star Market.

Der Eingang zu Vivis Wohnung lag keine dreißig Meter vor ihr, doch mit jedem Schritt den Hügel hinauf schien es dunkler zu werden. Sie joggte den Rest des Weges und blickte dabei zu Vivis Eckwohnung im dritten Stock hinauf, konnte aber kein Licht sehen.

Der Mut verließ sie. War Vivi doch nicht aufgeblieben?

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und erweckte den Bildschirm zum Leben. Keine neuen Nachrichten.

Sie verlangsamte ihre Schritte und ging im Kopf die Möglichkeiten durch. Vivi war eingeschlafen. Vivi war nicht allein. Oh an diese Möglichkeit hatte sie gar nicht gedacht.

Die Vorderseite des Gebäudes war immer schlecht beleuchtet, allerdings war Brookline eine so sichere Gegend, dass es bisher gar keine Rolle gespielt hatte. Aber jetzt erschienen ihr die Schatten beunruhigend und bedrohlich, und im abgeschlossenen Eingangsbereich brannte nur ein mickriges Licht. An der Klingelanlage streckte sie die Hand nach V. Angelino in Einheit 414 aus.

Gerade, als ihr Finger das Plastik berührte, legte sich eine Hand auf ihre. Von hinten rammte sie der Körper eines Mannes, und sie schnappte nach Luft, als ihr die Perücke vom Kopf gerissen wurde und ihr starke, große Finger ins Haar fuhren.

»Die Perücke ist Zeitverschwendung, Sam.« Sein Atem war so heiß wie seine Stimme. »Diesen Hintern würde ich überall wiedererkennen.«

3

»Anscheinend bist du doch nicht tot.«

Er drückte ein bisschen fester zu. »Dachtest du das denn?«

»Ein Mädchen wird ja wohl noch hoffen dürfen.«

»Nein, nicht tot.« Weit davon entfernt. Vielmehr stand Zachs ganzes Dasein unter Strom, als sich Samantha Fairchilds Körper noch einmal an seinen schmiegte. Er widerstand ihrer Anziehungskraft, hielt sie in dieser Stellung fest und sorgte dafür, dass sie sich nicht umdrehen konnte. Er erwartete zwar nicht gerade, dass sie ihm um den Hals fiel und ihn als Helden wieder zu Hause willkommen hieß, aber er musste die Kontrolle behalten.

»Tja, was für ein Jammer«, sagte sie kühl. »Das wäre nämlich eine tolle Entschuldigung für unentschuldbares Verhalten gewesen.«

Oha. Das hatte ja nicht lang gedauert. »Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Sammi. Ich bin gesund und« Er schlang ihr einen Stiefel um den Fußknöchel, als wollte er sie aufs Kreuz legen. Wie damals. »Munter.«

»Und was machst du hier?«, fragte sie. Mit jedem Wort spannte sie ihre Muskeln mehr an, so dass es sich anfühlte, als würde sie wie eine gespannte Feder hochspringen, wenn er sie losließ. Also lockerte er seinen Griff keinen Millimeter, drückte sein Gesicht in ihr honigsüßes, seidiges Haar und roch eine Mischung aus Zitrus und Schweiß. Und noch etwas, das er nur allzu gut kannte. Angst?

»Ich besuche Vivi. Genau wie du.«

»Woher weißt du, was ich hier mache?« fragte sie.

»Ich habe deine SMS gelesen.«

»Die habe ich nicht an dich geschickt.« Sie brachte die Worte mühsam hervor.

»Sie hat ihr Handy vergessen.« Und während er durch die Nachrichten geblättert hatte, um herauszufinden, wo Vivi bloß war, hatte Sammi Fairchilds Name auf dem kleinen Gerät aufgeleuchtet, genauso wie sie auch einen Raum zum Strahlen brachte, wenn sie ihn betrat. Mit tausend Watt, voller Energie, Glanz, Erwartung, Selbstvertrauen.

Um ein Uhr morgens, allein in Vivis Wohnung, war Zach der Versuchung Sam erlegen. Aber jetzt holte ihn die Wirklichkeit ein. Sie würde ihm gleich ins Gesicht schauen, und seine mitternächtlichen Fantasien von Bei-Anruf-Sex erschienen ihm plötzlich schlichtweg dämlich. Seine untere Hälfte hielt es jedoch für eine gute Idee und versteifte sich an einem der weltbesten Hinterteile.

»Lass mich los, Zach.« Sie versuchte erneut, sich loszureißen, inzwischen eher verärgert als verängstigt.

»Noch nicht.« Er vergrub seine Wange tiefer in ihrem Haar und stöhnte fast auf angesichts der Mischung aus Lust und Trost und besänftigender, süßer Weichheit.

»Vergiss es.« Sie zog ruckartig den Kopf weg. »Ich hab’s auch vergessen.«

»Das glaube ich dir.« Das war doch genau, was er wollte. Oder? Es vergessen. Sie vergessen. Vergessen, was sie geteilt hatten.

Als ob das möglich wäre. Er trat einen Schritt zurück und zog sie mit sich in den Schatten.

»Was machst du da?« Ein leichter Anflug von Panik ließ ihre Stimme brüchig klingen, und es versetzte ihm einen Stich.

»Ich bring dich nur aus dem Licht.«

»Und warum?«

Gute Frage, die er aber nicht beantwortete, weil »dich an die dunkelstmögliche Stelle zu bringen, damit ich dich nicht zu Tode erschrecke« wahrscheinlich nicht so gut ankommen würde. »Das wirst du schon noch sehen.« Und zwar nur zu bald.

»Ich muss mit Vivi reden«, sagte sie mit leicht zittriger Stimme, aber bemerkenswert standhafter Körperhaltung.

»Sie ist nicht da.«

»Und du hast mir geschrieben, dass ich rüberkommen soll?« Ihre Panik schlug um in Ungläubigkeit. »Nach drei Jahren Funkstille sagst du einfach ›komm her‹, ohne jede Warnung, dass du es bist?«

»Sonst wärst du nie gekommen.«

»Nein, verdammt.« Sie spuckte die Worte aus, und die Wut verlieh ihr solche Kraft, dass sie es fast schaffte, sich umzudrehen. »Lass mich gehen. Was zum Teufel ist los mit dir, Zach?«

»Eine ganze Menge, Sammi.« Er lockerte seinen Griff, damit sie atmen konnte, und rechnete damit, dass sie herumwirbelte, aber sie tat es nicht.

Lautlos berührte er ihr Haar mit den Lippen und küsste es so sanft, dass sie es unmöglich spüren würde. Nur einmal, um die Erinnerung aufzufrischen. Dann nie wieder.

Schließlich ließ er los und wich langsam einen Schritt zurück, zwei Steinstufen nach unten, so dass sie auf einer Höhe waren, von Angesicht zu Angesicht Auge in Auge. Es war höchste Zeit.

»Dreh dich um, Sam.«

Sie tat es, wich zurück, und der Mund blieb ihr offen stehen. »Oh.«

Ja, oh.

Ihre Reaktion bestätigte ihm zweierlei: erstens, Vivi hatte ihr Versprechen gehalten und Sam nie ein Wort gesagt, und zweitens, seine Visage war noch hässlicher, als er gedacht hatte. Sonst wäre diese eine Silbe, durch die ihr Mund sich öffnete wie früher, um ihn zu küssen, nicht so voller Mitleid gewesen. Und Überraschung. Und, verdammt noch mal, Enttäuschung.

»Schön zu sehen, dass du dich nicht so stark verändert hast wie ich, Sam.« Er konnte nicht anders. Er streckte die Hand aus, um mit seinen Fingerrücken über ihre samtige Haut zu streicheln, und seine Hand brannte wie Feuer in der Erinnerung an dieses schöne Gesicht.

»Du bist da drüben verwundet worden.« Sie hob die Hand, um dasselbe bei ihm zu tun, aber er wich augenblicklich zurück, ihre Finger blieben unsicher in der Luft hängen, und ihr Blick verriet ihm, dass sie seine Reaktion als Scham missdeutete. »Tut mir leid.«

»Es ist nur ein Auge, und ich habe noch eins«, sagte er schnell. »Glaub mir, ich hab Kerle gesehen, die wesentlich mehr verloren haben.«

Sie starrte auf die Augenklappe, dann auf die Narbe an seiner Wange, dann richtete sie den Blick auf sein eines, heiles Auge. »Hast du deswegen nie angerufen?«

»Unter anderem.« Die anderen Gründe waren so durchgeknallt, dass er sie schön für sich behalten würde. Sollte sie ruhig denken, dass Eitelkeit der Grund war. »Ich dachte mir zu viel Zeit ist seitdem vergangen.«

Sie antwortete nicht, aber ihr Blick sagte alles. Abscheu, Argwohn, Entsetzen. So sah es zumindest aus, und er hatte lang genug in der Dunkelheit auf sie gewartet, so dass er sie trotz der Klappe, die sein halbes Blickfeld verdeckte, scharf sah. Ganz genau konnte er die Strähnen in ihrem glatten blonden Haar erkennen, das aus einer Art hastig gemachtem Pferdeschwanz fiel, die Blässe ihrer Haut, ein leichter Schatten von Schlaflosigkeit unter indigoblauen Augen.

Ein Auto fuhr hinter ihm vorbei, und sie wich noch weiter in den Schatten zurück, ihr Blick huschte zwischen seinem Gesicht und der Straße hin und her, ihre Gesichtszüge waren verzerrt vor Anspannung und Angst.

»Was ist los, Sam?«

Die Lichter entfernten sich, als das Auto in die Beacon Street verschwand, doch ihre Miene blieb angespannt. »Ich hab dir doch gesagt, ich muss mit Vivi sprechen.«

»Um ein Uhr morgens und verkleidet.«

»Es ist kompliziert.«

»Scheint mir auch so.«

Sie blickte zur Straße, sichtlich hin- und hergerissen. »Wann kommt sie zurück?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wo sie ist.«

Sie runzelte die Stirn. »Wohnst du auch hier?«

Er brachte ein Achselzucken zustande. »Ich penne nur bei ihr, eine Zwischenlandung sozusagen.«

Ein paar Collegestudenten stiegen aus einem Auto und steuerten auf den Star Market an der Ecke zu. Sams Körperhaltung veränderte sich kaum merklich und wirkte noch wachsamer und vorsichtiger. Das Kaufhaus schloss um Mitternacht, was also hatten sie da zu suchen?

»Dann muss ich wohl wieder heimfahren«, sagte sie.

»Dein Taxi ist weg.«

Sie blickte ihn scharf an. »Du hast mich beobachtet

»Auf dich gewartet.«

»Um mir aufzulauern?«

»Da ich schon wusste, dass du kommst, dachte ich einfach, es wäre höflich, dich an der Tür zu empfangen.«

»Von hinten«, bemerkte sie in vernichtendem Tonfall.

»Früher hast du darauf gestanden.«

Ihre Augen blitzten auf, aber nicht vor Kränkung oder Ärger, sondern wieder vor Angst. »Du hast hier draußen auf mich gewartet, und ich habe dich noch nicht mal gesehen.« Sie klang eher wütend auf sich selbst als auf ihn. »Du hättest sonst wer sein können. Du hättest«

Sie machte einen Satz, als eine Autotür zugeschlagen wurde. Er hatte diese Reaktion auf ein lautes Geräusch schon mal gesehen. Er hatte selbst schon so reagiert. »Komm mit rein.« Verfluchte Scheiße. Was sollte er sonst tun? Er war schließlich so blöd gewesen zu schreiben, »komm ruhig her.«

Aber sie griff nach ihrem Telefon. »Ich rufe ein Taxi.« Bei dem verzweifelten Unterton in ihrer Stimme wurde ihm das Herz eng.

Er schob sie Richtung Tür. »Steck das Handy weg und geh rein. Ganz egal, warum du so durcheinander bist da drin bist du sicher.«

»Wirklich, ich ich kann nicht.«

Die zwei Männer, die gerade aus einem Kleintransporter gestiegen waren, liefen geradewegs die Tappan Street entlang, so nah, dass sie mit Sam Blickkontakt aufnehmen konnten, und sie sahen sie direkt an.

»Okay, lass uns reingehen«, sagte sie hastig, und ihre Worte überschlugen sich, als sie auf die Tür zustürzte, die Perücke auflas, die er ihr vom Kopf gerissen hatte, und sie in die Vordertasche ihres Kapuzenpullis stopfte.

»Verrätst du mir, warum du so bist?«, fragte er, während er die Eingangstür aufschloss.

Sie blickte zu ihm auf, ihr Blick fiel auf die Narbe, die über seine Wange lief, und das Fleisch brannte mit jeder Sekunde, die ihr Starren andauerte. Es schmerzte immer, brannte immer. Doch ein solch prüfender Blick machte den Schmerz noch unerträglicher.

Das Licht im Hauseingang war wie tausend Sonnen, die ihm ins Gesicht strahlten, die Krater vertieften und das Werk einer Handgranate beleuchteten, die er sich durch bloße Dummheit verdient hatte.

»Verrätst du mir, warum du so bist?«, konterte sie.

Einen Augenblick sagte er gar nichts und widerstand dem Drang, sich wegzudrehen. »Falsche Zeit, falscher Ort.«

Sekundenlang starrte er sie genauso an wie sie ihn. Komisch, ihr Gesicht hätte er vielleicht weniger leicht erkannt als ihren Körper. Natürlich war es Sam: dieselbe stolze, gerade Nase und extravolle Unterlippe, die immer rosa aussah, als habe sie darauf herumgebissen. Oder er. Sie hatte nie viel für Make-up übrig gehabt, sondern war einfach von Natur aus hübsch, auf eine entwaffnend unkomplizierte Art. Doch heute Nacht hatte sie eine fahle Gesichtsfarbe, und ihre Brauen zogen sich derart finster zusammen, dass sich eine Linie bildete, wo bei einer Dreißigjährigen keine hätte sein dürfen.

Sie sah nicht älter aus, sondern reifer, weiser, vielleicht nicht mehr so selbstsicher. Nicht mehr das sorglose Karrieremädchen, das er drei Wochen, bevor sein Flieger abhob, auf der Party seiner Schwester kennengelernt hatte.

Sam wirkte, als hätte sie ihre eigenen, persönlichen Schlachten geschlagen, während er für sein Land in den Krieg gezogen war. Für den Bruchteil einer Sekunde packten ihn Schuldgefühle, doch dann verdrängte er sie und ging durch den Flur zur hinteren Treppe, in der Annahme, dass sie ihm folgte.

Es war nicht seine Schuld, wenn es ihr schlecht ging. Er hatte ihr nichts versprochen, was er nicht gehalten hatte. Er hatte ihr gar nichts versprochen. Punkt. Keine Liebeserklärungen und tränenreichen Abschiedsszenen. Darum hatte er keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Keinen Grund, irgendetwas zu fühlen, und das entsprach seinem bevorzugten Gemütszustand.

»Nur damit du es weißt«, sagte sie dicht hinter ihm. »Ich habe nicht die Absicht, da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben.«

»Ich kann mich nicht erinnern, wo wir aufgehört haben.« Lügner, Lügner.

»Dann sollte ich vielleicht deine Erinnerungen ein bisschen auffrischen.« Sie fasste ihn am Ellenbogen und zwang ihn, sich zu ihr umzudrehen. »Ich lag gerade flach auf dem Rücken, und in der Position habe ich den Großteil der drei Wochen verbracht, seit der Nacht, in der ich dich kennengelernt habe, bis zu dem Morgen, an dem du abgeflogen bist. Wenn ich mich recht entsinne, hast du gerade die Stiefel angezogen. Und ich habe dir gesagt, dass ich dich liebe.«

Richtig. Da hatten sie aufgehört. Er starrte sie einfach nur an.

»Und genau das hast du damals auch geantwortet.« Sie schnaubte leicht. »Nichts. Nicht damals, nicht, als du angekommen bist, nicht als du« Sie zeigte mit dem Finger direkt auf seine Narbe und brachte ihn zum Blinzeln. »Nicht ein Anruf, Zach. Nicht eine E-Mail.« Sie bohrte ihm einen Finger in die Schulter. »Nicht ein Brief.« Noch ein Pikser. »Nicht mal eine beschissene Postkarte.« Piks, piks, piks. »Nichts.«

Er umschloss ihren Finger mit der Hand und entfernte ihn wie ein Messer aus einer Wunde. »Es gab nichts zu sagen.« Schon gar nichts, was sie hätte hören wollen.

Und das hatte sich auch in drei Jahren nicht geändert.

Nichts zu sagen?

Sie blickte ihm hinterher, während er durch den Flur ging und nahm nur am Rande wahr, dass ihr Mund weit offen stand. Nichts zu sagen?

Warum nicht? Weil nach den drei Wochen orgiastischem Sex auch ihre Beziehung vorbei gewesen war? Natürlich. Zumindest das war ja offensichtlich, und Sam durfte es einfach nicht vergessen.

Sie folgte ihm in einigem Abstand, biss die Zähne zusammen und zwang sich, bei der Entscheidung zu bleiben, die sie gerade getroffen hatte. Nein, sie wollte Zaccaria Angelino nicht in eine leere Wohnung folgen dieselbe Wohnung, in der sie ihn kennengelernt und wo das unvergessliche Intermezzo aus Lust und Liebe begonnen hatte aber diese Männer hatten sie nervös gemacht, und momentan war Zach das geringere von zwei Übeln. Aber immer noch ein Übel.

Und sein Gesicht. Der Magen hatte sich ihr umgedreht beim Anblick der zerklüfteten Narbe, die unter einer bedrohlich wirkenden schwarzen Augenklappe begann, die Haut auf seinem Wangenknochen durchschnitt und dann in den Stoppeln eines Dreitagebarts verschwand. Oh, Herr im Himmel, warum hatte Vivi ihr nicht erzählt, dass er im Irak verwundet worden war? Oder in Afghanistan. Oder wo er auch immer gewesen war.

Weil sie und Vivi im vergangenen Jahr oder so kaum miteinander geredet hatten weil ihre Freundschaft genauso Schaden genommen hatte wie sein Gesicht. Vivi war gegenüber ihrem Zwillingsbruder immer loyal gewesen, und niemals, nicht einmal in den ersten Monaten seines Einsatzes, hatte sie ein Wort darüber verloren, wo er war, was er machte oder wann er nach Hause kam. Sie hatte nur gesagt, »das ist geheim«, was Sam schließlich interpretierte als »er hat in dem Moment, als er in den Flieger nach Kuwait gestiegen ist, das Interesse an dir verloren.«

So, wie er vor ihr herging, konnte sie lediglich seine rechte Seite sehen die so verflucht perfekt war, wie sie sie in Erinnerung hatte und die langen schwarzen Locken, die sich in seinem Nacken kringelten, struppig und ungekämmt.

Das war Zach Angelino, der Sergeant First Class, Army Ranger, Kriegsheld und glühend heiße Liebhaber, der sie schon beim allerersten Kuss umgehauen hatte? Wobei ein Mädchen bei seinem Anblick durchaus immer noch weiche Knie bekommen konnte. Er war unglaublich muskulös, aber nun zierte einen seiner dicken Bizepse eine böse aussehende schwarz-violette Tätowierung, die um den Oberarm verlief. Er war immer noch auf unwirkliche Weise überlebensgroß, doch der Mann, der gern flirtete, der dreist und einfach zum Anbeißen war, der Mann, der ihr auf Vivis Party ins Badezimmer gefolgt war, sie gegen die Wand gedrückt und sie um den Verstand geküsst hatte war verschwunden.

An seine Stelle war jemand getreten, der düster, grüblerisch und gefährlich war. Konnte der Krieg einen Mann so sehr verändern? Oder hatte er nur eine Seite von ihm zum Vorschein gebracht, die sie nicht hatte sehen wollen oder können, als sie blind vor Lust und dabei war, sich Hals über Kopf zu verlieben?

Etwas sagte ihr, dass er ihr diese Fragen nicht beantworten würde, also entschied sie sich für eine unverfänglichere. »Seit wann bist du zurück?«, fragte sie, während sie die Treppen hochgingen.

»Eine Weile.«

Sie wurde langsamer und versuchte dabei immer noch zu verarbeiten, wie sehr er sich verändert hatte. War das derselbe Mann, der sie allein durch Reden zum Orgasmus bringen konnte? Und der das auch getan hatte. Bei mehreren Gelegenheiten.

Er drehte sich um und wandte ihr halb das Gesicht zu. Die narbenlose Hälfte. »Kommst du?«

Als hätte sie jetzt noch eine Wahl.

Im dritten Stock schloss er Vivis Tür auf, an der von der anderen Seite unnachgiebig gekratzt wurde. »Das ist nur Fat Tony«, sagte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Vivis Kater.«

»Ich kann mich an ihn erinnern«, sagte sie. »Ich habe mich mit Vivi getroffen, kurz nachdem sie ihn gekriegt hat. Hab versucht, sie zu ›Snickers‹ oder ›Whiskers‹ zu überreden.«

Er schnaubte verächtlich. »Wir reden hier von Vivi.« Er machte die Tür auf, und der schwarz-weiße Kater hob den Kopf und schnurrte, eindeutig nicht erfreut darüber, dass sie nicht diejenige waren, die er erwartet hatte. »Sei froh, dass sie ihn nicht Aerosmith genannt hat.«

Fat Tony, der eigentlich gar nicht so fett war, kam gemächlich zu Sam herüber und schnupperte an ihrer Jeans. Sie beugte sich hinunter, um ihm den Nacken zu kraulen, während Zach den schmalen Flur durchquerte und links im dunklen Wohnzimmer verschwand. Sam folgte ihm, vorbei an Vivis Schlafzimmer auf der einen und einem Büro auf der anderen Seite, wo eine Luftmatratze fast den ganzen Boden einnahm. Darauf lag ein Durcheinander aus Laken und Decken.

Ihr wurde schwindelig beim Gedanken an Zach auf diesem Notlager, eingehüllt in Betttücher und Schweiß und sie. Der Abend, an dem sie sich kennengelernt hatten, hatte in genau diesem Gästezimmer geendet. Damals war es ein Schlafsack gewesen, keine Luftmatratze, auf dem er geschlafen hatte, während er auf den Beginn seines Einsatzes wartete. Am nächsten Tag hatten sie ihre Aktivitäten nach oben in Sams alte Wohnung und in ein richtiges Bett verlegt, wo sie, wie Sam manchmal den Eindruck hatte, die kompletten folgenden drei Wochen bis zu seinem Abflug verbrachten.

Und dann war er fort gewesen. Bis heute Nacht, als sie am allerwenigsten für das Gefühlschaos gerüstet war, welches ein Wiedersehen mit ihm bedeutete.

Im Wohnzimmer fläzte er auf einem dunkelblauen Sofa an der Wand und hatte die Füße auf einen Couchtisch gelegt, der mit Post und Zeitschriften, Ausschnitten und Papieren übersät war. Auf einem Ecktisch lag ein Stapel Zeitungen und konkurrierte mit Vivis Sammlung gerahmter Fotos ihrer riesigen amerikanischen Adoptivfamilie, den Rossis.

»In was für Schwierigkeiten steckst du, Sam?« In dieser Frage lag die eindeutige Botschaft: keine Sperenzchen mehr, wir sind jetzt drinnen.

»Nichts, das dich was anginge.« Denn nichts in ihrem Leben ging ihn etwas an. Hatte er das nicht selbst deutlich gemacht?

Sie ließ sich auf die Armlehne eines Sessels sinken. Zwar hatte sie nicht die Absicht, allzu entspannt zu werden, doch sie gab dem Glücksgefühl der Erleichterung nach. Zum ersten Mal seit einer Woche hatte sie Zuflucht und Sicherheit gefunden.

Nicht, dass Zach Sicherheit bedeutete aber niemand, der ihr nach dem Leben trachtete, wusste in diesem Moment, wo sie war. Dafür war sie so dankbar, dass sie beschloss, höflich zu sein.

»Was meinst du, wann Vivi zurück ist?«

»Ich habe keine Ahnung.« Das einzige Licht war der goldene Schimmer einer fernen Straßenlaterne, der durch die abgerundeten Erkerfenster drang, die zur Tappan und Beacon Street lagen. Aus diesem Winkel betrachtet, befand sich seine Narbe im Schatten, und Sam konnte das Dunkle seiner Augenklappe kaum davon unterscheiden. Sein Blick folgte ihr, so schwarz wie sein Haar und, anders, als man hätte annehmen können, nicht halb, sondern doppelt so intensiv wie früher.

Trotzdem tat es weh. Seine Versehrung war offensichtlich irreparabel, sie würde bleiben und beraubte die Welt eines ihrer unglaublichsten Gesichter.

»Sieht ihr gar nicht ähnlich, ohne ihr Handy wegzugehen«, sagte sie mit einer Kopfbewegung auf das Blackberry, das auf dem Wohnzimmertisch zwischen ihnen lag.

»Ja, ich war auch überrascht, als ich es da liegen sah. Aber wenn sie einen Artikel abgeliefert hat, wie du sagst, hat sie ihren Laptop dabei. Du kannst ihr eine E-Mail schicken oder du kannst«

»Nein. Das ist nicht« Sicher. »… so eine gute Idee.«

Er beugte sich vor und wirkte nun auf eine andere Art bedrohlich als draußen vor der Tür. »Warum denn nicht?«

»Ist eben so.« Sie stand auf, verschränkte die Arme und ging im Zimmer auf und ab, wobei sie aus Gewohnheit die Fenster mied. Hin und wieder blickte sie verstohlen zu ihm hin. Es fiel ihr immer noch schwer, den Mann vor ihr mit dem unter einen Hut zu bringen, den sie damals kennengelernt hatte. »Bist du jetzt nicht mehr bei der Army?«

»Nein. Wechsel nicht das Thema. Vor wem läufst du weg? Vor deinem Freund? Einem Liebhaber?« Um seine Mundwinkel zuckte es leicht. »Deinem Ehemann?«

Sie antwortete nicht.

»Du bist verheiratet?« Hörte sie da Enttäuschung aus seiner Stimme heraus? Der Mann hatte Nerven.

»Nein. Bitte stell mir keine Fragen mehr.« Zum Beispiel, wie es mir ergangen ist. Und ob ich dich vermisst habe. Und ob ich auf eine Nachricht von dir gewartet habe, die niemals kam.

»Sam, du weißt, dass ich lange Zeit im Krieg war, und wenn mir das überhaupt etwas gebracht hat, dann ist es eine bessere Wahrnehmung für Signale auch unterschwellige. Du strahlst extreme Panik aus. Was in Gottes Namen ist los?«

Sie betrachtete Vivis Handy, den schwarzen Bildschirm, auf dem ein rotes Licht blinkte, um anzuzeigen, dass eine Nachricht wartete. Auf dem Plastik klebte der Rest eines halb abgerissenen schwarz-weißen Aufklebers, wahrscheinlich das Logo irgendeines Skateboard- oder Gitarrenherstellers.

»Vielleicht sollte ich ihr wirklich eine E-Mail schicken, und zwar von ihrem Handy statt von meinem.«

»Fühl dich wie zu Hause.« Er ließ sich wieder auf das Sofa fallen und kraulte die Katze, die zu ihm hochgeklettert war und sich an seinem Oberschenkel rieb.

»Und wenn sie nicht nach Hause kommt« Sie hatte nicht vor, die Nacht allein mit ihm in dieser Wohnung zu verbringen. Sie würde es einfach darauf ankommen lassen und heimfahren. »Dann überlege ich weiter.«

Er hob desinteressiert die Schulter. »Wie du meinst.«

Seine Gleichgültigkeit versetzte ihr einen Stich. Aber was erwartete sie? »Oh, Sammi, bitte bleib hier. Lass uns über alles reden, was seit unserer Trennung passiert ist«?

Komm wieder auf den Teppich, Sam Fairchild. Er hatte kein Interesse. Er machte sich nicht an sie heran. Er hatte sie noch nicht mal richtig angeschaut, abgesehen von draußen, und da hatte er auch nur ihr mitgenommenes Gesicht unter die Lupe genommen. Er hatte in den drei Jahren nach diesen unglaublichen drei Wochen nicht ein einziges Mal versucht, sie zu erreichen. Das Schiff hatte abgelegt, Schwester, und war untergegangen.

»Was ist denn so dringend, dass es nicht bis morgen warten kann?«, fragte er.

Sie durchquerte den Raum und wandte sich ab, damit er ihr die Kränkung nicht ansah. »Ich glaube, Vivi kann mir als Einzige das besorgen, was ich brauche.«

»Um ein Uhr in der Früh?«

Sie warf ihm einen Blick zu und versuchte den reumütigen Unterton in seiner Stimme zu deuten. »Ja, um ein Uhr in der Früh.«

»Du brauchst also Informationen. Vivis wichtigstes Handelsgut.«

»Genau. Und zwar schnell.«

Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und sein gut ausgebildeter Bizeps kam zur Geltung. Ihr Blick wanderte nach unten über seinen Bauch, der immer noch hart und flach war, über seine Jeans, die an genau den richtigen Stellen eng und abgetragen war, bis hinunter zu den nackten Füßen auf dem Couchtisch.

Ihr Mund wurde trocken, und eine sehr weibliche Reaktion zuckte durch ihren Unterleib.

Gott, konnte sie sich nicht einmal im selben Raum mit ihm aufhalten? War sie so schwach?

»So schwer es mir auch fällt, das zuzugeben«, sagte Zach, und während der kurzen Pause graute ihr davor, was er womöglich als Nächstes sagen würde, »meine Schwester kommt nicht unbedingt immer nachts nach Hause.«

Sam zog die Stirn kraus. »Hat sie einen Freund?« Soweit sie Bescheid wusste, war Vivi Single und bastelte fröhlich an ihrer Karriere als Enthüllungsjournalistin.

»Sie ist mit ihrem Job verheiratet.«

»Und deswegen bleibt sie die ganze Nacht weg?« Sie gab das Herumlaufen auf und ging wieder zu dem Sessel ihm gegenüber, diesmal jedoch, um sich hineinfallen zu lassen, erschlagen von der Woche, den Sorgen und der Erkenntnis, dass sie vielleicht lange in dieser Wohnung sein würde, alleine mit Zach.

Langsam erhob er sich und ragte vor ihr auf, seine Knie dicht vor ihren, seine Hüfte und jene abgewetzte Ausbeulung in seiner Jeans direkt vor ihrem Gesicht. Hitze stieg in ihr auf, als sie die Zähne zusammenbiss und zu ihm hochsah. Was zum Teufel tat er da? Testete er ihre Standhaftigkeit?

Der Blödmann. Dachte er, sie könnte ihm nicht widerstehen?

»Ich bin gern dabei, wenn sie nachts rausgeht«, sagte er. »Aber sie sagt, ich mache ihren Informanten Angst.«

»Wahrscheinlich tust du das wirklich.«

Er kam noch einen Zentimeter näher. »Mache ich dir Angst?«

Er hatte ja keine Ahnung. »Kein bisschen.«

Er legte seine Hände auf die Armlehnen des Sessels, so dass sie in der Falle saß, fixierte ihre Knie mit seinen und beugte sich vor. »Du machst nämlich einen verängstigten Eindruck.«

»Nicht wegen dir«, schleuderte sie zurück.

»Sicher?«

In diesem Moment war für sie gar nichts sicher, außer, dass der Geruchssinn wirklich der stärkste Auslöser für Erinnerungen im Körper war. Und mit jedem langsamen und unsteten Einatmen Zach-getränkter Luft wurden die Bilder, die in ihrem Kopf explodierten lüsterner.

Zach, der sie aufs Bett legte über ihr kniete seine Erektion kurz vor dem Platzen und bereit wie er sich auf sie legte und das tat, wovon sie beide einfach nicht genug bekamen.

»Natürlich bin ich sicher.« Die Worte blieben ihr in ihrem staubtrockenen Hals stecken.

»Du klingst nicht so sicher.«

Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, und ebenso nah war sein Körper. Er brauchte nur in den Knien nachzugeben und wäre auf ihr.

Sie hatten es schon mal auf einem Sessel gemacht.

Eine wahnsinnige Sekunde lang konnte sie sich nicht mal mehr erinnern, worüber sie geredet hatten. So weit hatte er sie schon gebracht. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, wurden ihr gesunder Menschenverstand und ihre Intelligenz von den Hormonen überrollt. Sie durfte nicht zulassen, dass das wieder passierte.

Sie legte ihm die flache Hand auf die Brust, unsicher, was sie mehr überraschte: die Tatsache, wie hart sie war oder der Herzschlag, der gegen diese Muskeln donnerte. »Geh weg«, sagte sie kühl. »Ich bin nicht interessiert.«

»Ich auch nicht.« Aber er rührte sich nicht. »Ich versuche nur, rauszufinden, was mit dir los ist.«

»Ich kriege keine Luft, das ist los.« Sie drückte fester zu. Es stimmte. Sie bekam keine Luft. Zumindest nicht, ohne ein paar wild-erotische Erinnerungen zu inhalieren. »Beweg dich. Ich gehe jetzt.«

Augenblicklich richtete er sich auf. »Wirklich?«

Für eine Nanosekunde klang er enttäuscht. Dann übernahm die desinteressierte Körpersprache wieder das Steuer, und er ging weg, Richtung Küche. »Ich werde Vivi sagen, dass du vorbeigeschaut hast.«

Einfach so. Bis dann, Sammi.

Sie ließ die Hände viel härter auf die Sessellehnen fallen, als nötig gewesen wäre, und stemmte sich hoch. In der Küche hörte sie das Ploppen und Zischen einer Bierflasche.

»Willst du ein Sam Adams?«, fragte er. »Ist doch dein Lieblingsbier.«

Es zerriss ihr das Herz. Das wusste er noch? »Nicht mehr«, sagte sie leise und holte die Perücke aus der Tasche des Kapuzenpullis. »Das ist vorbei.«

Wortlos ging sie in den Flur und zog sich Kleopatras Haare über die Ohren. Sie schaffte es bis zur Türklinke, dann legte sich eine Hand auf ihren Rücken.

»Du hast vergessen, dich zu verabschieden.«

Sie schloss die Augen, schluckte und drehte sich um. »Du hast vergessen, anzurufen oder zu schreiben. Also sind wir quitt.«

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte.«

Das war seine Ausrede? Was für ein Mann war er, dass er nicht einfach sagen konnte, hey, es war nur Sex. Wham, bam, thank you ma’am. Sie schüttelte seine Berührung ab und machte die Tür auf. »Tschüs.«

Sie knallte die Tür hinter sich zu, ehe er antworten konnte, und rannte los, auf die Treppe zu, ehe er ihr hinterherkam.

Na klar, träum weiter, Sam. Er ist nicht der Typ, der hinter dir herrennt und um eine zweite Chance bettelt. Auf der Treppe brannten ihr die Tränen in den Augen. Großer Gott, hatte sie nicht schon genug um Zach Angelino geweint?

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