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Soziale Arbeit studieren

Herausgegeben von Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl

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Prof. Dr. Philipp Sandermann lehrt Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg.

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Prof. Dr. Sascha Neumann lehrt Pädagogik der frühen Kindheit und Kindheitsforschung an der Universität Luxemburg.

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Inhalt

Einleitung

1          Was sind Theorien der Sozialen Arbeit?

1.1       Zum konstitutiven Zusammenhang von Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit

1.2       Zum Unterschied zwischen Rezepten und Theorien der Sozialen Arbeit

1.3       Zusammenfassung: Zum Theorieverständnis des vorliegenden Bandes

2          Historische Stationen auf dem Weg zu Theorien der Sozialen Arbeit

3          Systematisierender Überblick: Beispiele etablierter Theorien der Sozialen Arbeit

3.1       Theorie der industriegesellschaftlich gerahmten Erziehungswirklichkeit

3.1.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.1.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.1.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.2       Theorie der Alltags- und Lebensweltorientierung

3.2.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.2.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.2.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.3       Theorie der Unterstützung zur Lebensbewältigung

3.3.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.3.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.3.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.4       Theorie der Dienstleistungsorientierung

3.4.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.4.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.4.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.5       Theorie der reflexiven Sozialpädagogik

3.5.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.5.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.5.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.6       Theorie des sozialpädagogischen Diskurses

3.6.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.6.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.6.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.7       Theorie der organisierten Hilfe

3.7.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.7.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.7.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.8       Theorie des Funktionssystems sozialer Hilfe

3.8.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.8.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.8.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.9       Theorie des Regierungshandelns

3.9.1    Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.9.2    Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.9.3    Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

3.10     Theorie der intervenierenden Sozialpolitik

3.10.1  Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

3.10.2  Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit?

3.10.3  Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

4          Was unterscheidet Theorien der Sozialen Arbeit?

4.1       Erkenntnisziele

4.2       Gegenstandsauffassungen

4.3       Praxisverständnisse

5          Inwiefern ähneln sich Theorien der Sozialen Arbeit?

5.1       Mehrfachansprüche

5.2       Komplexe Axiome, Objektivismen und Ontologisierungen

5.3       Zwischen wahrer und wirklicher Praxis

6          Das Ende der Grand Theories? Neuere Entwicklungen und Ausblick

Literatur

Sachregister

Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches

Folgende Icons werden im Buch verwendet:

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Zusammenfassung

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Definition

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Übungsaufgabe

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Beispiel

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Literatur- und Websiteempfehlungen

In den einzelnen Kapiteln gibt es Übungsaufgaben und Reflexionsfragen. Beispiellösungen finden Sie auf der Homepage des Ernst Reinhardt Verlages und der UTB GmbH bei der Darstellung dieses Titels: www.reinhardt-verlag.de, www.utb.de

Einleitung

Das vorliegende Buch dient dazu, Theorien der Sozialen Arbeit besser zu verstehen. Dieser Anspruch ist bei genauerer Betrachtung nicht ganz so bescheiden wie er zunächst vielleicht anmutet. Er verlangt mehr als eine verdichtete Zusammenfassung möglichst vieler Theorien der Sozialen Arbeit. Das vorliegende Buch möchte Studierende und andere Interessierte stattdessen mit Wissen zu Theorien der Sozialen Arbeit ausstatten und zugleich dazu anregen, selbst Wissen zu diesem Gegenstandsbereich zu entwickeln.

Worin genau liegt der Unterschied? Vereinfachend lässt sich sagen, dass Wissenserwerb im Unterschied zu reiner Informationsverdichtung wesentlich auf der aktiven Erstellung eines Bildes derjenigen Informationen beruht, die man zusammenträgt. Damit ist Wissenserwerb zugleich ein aktiver Prozess des Theoretisierens: Man macht sich ein Bild von einem Gegenstand, es ist nicht einfach „gegeben“.

Das heißt für eine Einführung in Theorien der Sozialen Arbeit, dass man, wenn man Wissen zu Theorien der Sozialen Arbeit entwickeln will, nicht umhinkommt, dafür zumindest in Grundzügen selbst eine Theorie zu erarbeiten. Bereits für eine Einführung in vorliegende Theorien der Sozialen Arbeit ist es also wichtig, für die LeserInnen aktiv ein Bild davon zu zeichnen, was Theorien der Sozialen Arbeit sind. Die Einführung erbringt damit notgedrungen selbst eine Theoretisierungsleistung. Diese beginnt bei der Auswahl der Theorien, die man vorstellt, offenbart sich in der Art und Weise, wie man die einzelnen Theorien darstellt, zeigt sich darin, welche Kategorien man hierfür wiederum auswählt, und fußt damit letztlich vor allem auf der Perspektive, mithilfe derer man innerhalb der Einführung Theorien der Sozialen Arbeit greifbar macht.

Wem nun sofort der Schauder über den Rücken fährt angesichts derart zahlreicher Erwähnungen des Wortes „Theorie“, dem sei vorab versichert, dass wir Theorien – und damit auch die hier vorgelegte Theorieperspektive auf Theorien – nicht als etwas verstehen, das sich irgendwo „fernab der Praxis“ oder völlig jenseits von konkret beobachtbaren Phänomenen und Lebensäußerungen vollzieht. Wie wir zeigen werden, ist dafür die wechselseitige Verwobenheit von Vorstellungen zu Theorie und Praxis bei Weitem zu grundlegend. Darum, diese Verwobenheit zu verdeutlichen, wird es in diesem Buch oftmals gehen. Hieran zeigt sich zugleich: Gerade, weil dieses Buch ein Buch über Theorien der Sozialen Arbeit ist, ist es auch ein Buch über Praxis der Sozialen Arbeit.

Dass man, andersherum gewendet, nicht umhinkommt, sich in Forschung, Lehre und Studium der Sozialen Arbeit auch mit Theorie, und nicht „nur mit Praxis“ der Sozialen Arbeit zu beschäftigen, darauf deutet allein schon hin, wie viel über den Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Theorie gesprochen und geschrieben wird. Das gilt auch und gerade für den Bereich wissenschaftlicher Veröffentlichungen zur Sozialen Arbeit. Die häufige Beschäftigung mit Theorie in der wissenschaftlichen Bezugnahme auf Soziale Arbeit zeigt sich etwa daran, dass eine am 13.11.2017 durchgeführte, einfache Schlagwortsuche über Google Scholar bei Eingabe der Worte „Theorie“ und „Soziale Arbeit“ 674.000 Treffer ergab. Zum Vergleich: Dieser Wert lag oberhalb der Ergebniswerte von Schlagwortsuchen nach entsprechenden Kombinationen in angrenzenden wissenschaftlichen Fachgebieten. So kam man etwa, wenn man „Theorie“ und „Psychologie“ eingab, auf 515.000 Treffer, bei „Theorie“ und „Soziologie“ auf 325.000 Treffer, bei „Theorie“ und „Pädagogik“ auf 187.000, bei „Theorie“ und „Rechtswissenschaft“ auf 62.300 und bei „Theorie“ und „Politikwissenschaft“ auf 56.700 Treffer. Die Schlagwortsuche nach „Theorie“ und „Betriebswirtschaftslehre“ ergab 50.800 Treffer, und bei der Suche nach „Theorie“ und „Erziehungswissenschaft“ kam man gar „nur noch“ auf 45.800 Treffer. Wer nun denkt, dies hätte weniger etwas mit der eingegebenen Kombination von Schlagworten zu tun als mit der generellen Fülle an Veröffentlichungen zur Sozialen Arbeit, wird schnell enttäuscht. Strich man das Wort „Theorie“ nämlich aus den Schlagwortsuchen heraus, so veränderte sich die Rangfolge der Treffer deutlich, und die 1.090.000 Treffer der Schlagwortsuche nach der Kombination „Soziale Arbeit“ rangierten deutlich weiter hinten als etwa die Treffer für die Schlagwortsuche „Psychologie“ (1.630.000 Treffer). Und auch wenn man statt nach „Theorie“ und „Soziale Arbeit“ nach „Praxis“ und „Soziale Arbeit“ suchte, veränderte sich das Bild nicht grundlegend. Den 674.000 Treffern bei der Suche nach „Theorie“ und „Soziale Arbeit“ standen nun zwar 766.000 Treffer zu „Praxis der Sozialen Arbeit“ gegenüber, also knapp 14 % mehr. Führte man das Gleiche aber bei den oben angeführten Vergleichsbeispielen durch, so zeigte sich dort Ähnliches.

Die genannten Suchergebnisse legen zusammengenommen den Gedanken nahe, dass die Soziale Arbeit eine ziemlich theoretische Angelegenheit sein könnte. Zumindest aber, so lässt sich festhalten, scheint sie nicht weniger mit Theorie und nicht mehr mit Praxis zu tun zu haben als all die anderen o.g. wissenschaftlichen Fachgebiete.

Dieser Befund mag auf den ersten Blick verwundern. Ist die Soziale Arbeit nicht ein sehr konkretes, „praktisches“ Terrain? Und macht das nicht gerade ihre Faszination für viele StudienanfängerInnen aus, die sich für einen Studiengang der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik, Sozialarbeit oder auch der Erziehungswissenschaft mit einem sozialpädagogischen Schwerpunktprofil entschieden haben? Wir denken, dass diese Einschätzung sicherlich zutrifft. Aber wir behaupten zugleich, dass Soziale Arbeit gerade deswegen eine höchst theoretische Angelegenheit ist.

Hinter dieser zunächst paradox anmutenden Auffassung steckt die Vermutung, dass über Theorien der Sozialen Arbeit genau deswegen so viel gesprochen und geschrieben wird, weil Soziale Arbeit von den meisten Menschen als eine äußerst praktische, ja geradezu „handfeste“ Angelegenheit betrachtet wird, und sie damit zugleich für viele Menschen zu einer relevanten Angelegenheit wird.

Was aber von genügend Leuten als relevant angesehen wird, verlangt nach Klärung. Und hier kommen Theorien ins Spiel. Denn Theorien kommen da auf, wo sich Menschen ein Bild von einer Sache machen wollen, sei es, um etwas besser in Hinsicht auf bestimmte Zusammenhänge zu verstehen, um etwas im Sinne von Kritik hinterfragen zu können, um aus dem Bild heraus ein Orientierungsschema für zukünftiges Handeln abzuleiten oder um zukünftige Entwicklungen besser abschätzen zu können.

Allein die Tatsache, dass sich viele Menschen für Soziale Arbeit interessieren, heißt aber andererseits noch nicht, dass sich alle für ein und dasselbe interessieren. Das gilt auch und gerade für Studierende von Studiengängen der Sozialen Arbeit und verwandter Studienprogramme. In der Regel lassen sich die Interessen dieser Studierenden durchaus differenzieren, und zwar nicht nur zwischen verschiedenen Studiengängen mit ihren zunehmend spezifischeren BA- und MA-Profilen, sondern auch studiengangsintern. Hier fallen zum einen Interessensunterschiede hinsichtlich potenzieller Berufsfelder auf, die sich spätestens nach Studienabschluss eröffnen können (so etwa vorrangige Interessen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, der Altenhilfe, der Hilfe für Menschen mit Behinderungen, der Migrations- und/oder Flüchtlingshilfe, der geschlechtsspezifischen Sozialarbeit, der sozialpädagogischen Aus-, Fort- und Weiterbildung etc.). Zum anderen kann man aber, ganz grob gesprochen, auch zwischen eher „praxisorientierten“, am Handeln ausgerichteten Interessen, und eher „theorieorientierten“, am Verstehen ausgerichteten Interessen Studierender unterscheiden.

Dass dieser Unterschied kein so einfacher Gegensatz, und schon gar nicht so selbstverständlich ist, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag, werden wir bereits zu Beginn dieses Buches herausarbeiten (Kap. 1). Denn dies zu verstehen erachten wir als äußerst wichtig. Das gilt nicht nur für das Folgeverständnis aller weiteren Kapitel des vorliegenden Buches, sondern auch für ein aus unserer Sicht angemessenes Gesamtverständnis davon, was es heißt, Soziale Arbeit zu studieren. Wie wir in Kap. 1 zunächst in logisch-systematischer Weise, und in Kap. 2 dann in historischem Zugriff auf die Vorgeschichte von Theorien der Sozialen Arbeit zeigen werden, handelt es sich bei Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit nämlich um keinen einfachen und sich gegenseitig ausschließenden Widerspruch, sondern stattdessen sogar um einen sich gegenseitig hervorbringenden, und damit füreinander notwendigen Gegensatz. Damit lässt sich bereits eine unserer Grundannahmen für das Zustandekommen von Theorien der Sozialen Arbeit als Gesamtzusammenhang verdeutlichen. Man könnte auch sagen, dass wir hier bereits einen ersten Baustein für unsere theoretische Perspektive auf Theorien der Sozialen Arbeit haben, die – wie wir eingangs hervorgehoben haben – notwendig wird, wenn wir mit diesem Buch Übersichtswissen zu Theorien der Sozialen Arbeit bereitstellen wollen.

Wie wir in Kap. 3 zeigen werden, gehen nicht nur Studierende, sondern auch Theorien der Sozialen Arbeit in der Tat unterschiedlich vor, wenn es darum geht, Soziale Arbeit als solche zu identifizieren und zu verstehen. Das ist im Grunde genommen nicht weiter verwunderlich. Denn genauso wie individuelle Studierende der Sozialen Arbeit während ihres Studiums verschiedene Interessen in der Beschäftigung mit den Inhalten ihres Studiums entwickeln, und sich daher auch auf unterschiedliche Art und Weise mit dem beschäftigen, was sie unter Sozialer Arbeit verstehen, so behandeln auch Theorien der Sozialen Arbeit nur auf den ersten Blick immer dasselbe. Liest man genauer in sie hinein, so wird man leicht feststellen können: Theorien der Sozialen Arbeit thematisieren nicht immer dasselbe, sondern Unterschiedliches. Dafür werden unterschiedliche Begriffe genutzt, und es wird auf unterschiedliche Eindrücke fokussiert, die jeweils zum Kern der theoretischen Beobachtung gemacht werden. Soziale Arbeit wird also – je nach bemühter Theorie – zu etwas sehr Unterschiedlichem, und das Spektrum dieser Unterschiedlichkeiten wird das sein, was wir in Kap. 3 zunächst einmal vor allem demonstrieren wollen.

Die Einsicht in diese Unterschiedlichkeiten mag zunächst etwas beunruhigen. Das gilt gerade dann, wenn man bisher dachte, sich bei der Sozialen Arbeit mit etwas „Handfestem“ zu beschäftigen. Letztlich ist es aber plausibel, dass man mit verschiedenen Theorien der Sozialen Arbeit zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, was die jeweilige Beantwortung der Frage: „Was ist Soziale Arbeit?“ angeht. Denn würden alle vorhandenen Theorien der Sozialen Arbeit immer zu den gleichen Ergebnissen kommen, würde es im Grunde wenig Sinn machen, überhaupt von Theorien der Sozialen Arbeit im Plural zu sprechen.

Dieser Umstand muss daher auch keineswegs Orientierungslosigkeit oder gar Enttäuschung auslösen. Ebenso wenig begreifen wir ihn als generellen Hinweis auf ein umfassendes Theoriedefizit der Sozialen Arbeit, wie das zuweilen getan wird (Wilhelm 2006; Rauschenbach/Züchner 2012). Wir werden dementgegen im Laufe dieses Buches immer wieder herausarbeiten, dass die Vielfalt bisher vorliegender Theorien der Sozialen Arbeit unserer Einschätzung nach ein Hinweis auf eine gewisse Lebendigkeit der wissenschaftlichen Diskussion zur Sozialen Arbeit ist.

Die Unterschiedlichkeit von Theorien der Sozialen Arbeit in Hinsicht auf ihre jeweiligen Ergebnisse bedeutet nun im Umkehrschluss aber auch nicht, dass Theorien der Sozialen Arbeit nur Unterschiede und keinerlei Gemeinsamkeiten aufweisen würden. Zwar wird diese Einschätzung zuweilen vertreten und dann gewöhnlich mit dem Hinweis versehen, „der“ Gegenstand der Sozialen Arbeit sei so vielfältig und komplex, dass nur eine divers zusammengesetzte Vielzahl von Theorien ihm hinreichend gerecht werden könne (Füssenhäuser/Thiersch 2015). Ein solches Verständnis von Theorien der Sozialen Arbeit und ihren Möglichkeiten ersetzt aber unseres Erachtens die gerade genannte Defizitdiagnose lediglich durch eine Art Überforderungsdiagnose, die an die bisher vorzufindenden Theorien der Sozialen Arbeit vergeben wird. Denn hier wird davon ausgegangen, dass der Gegenstand der Sozialen Arbeit an und für sich so unüberschaubar und vielfältig sei, dass es vielerlei, und vor allem mehr Theorien als bisher brauche, um Soziale Arbeit in der Summe dann (zumindest annähernd) ganz zu erfassen.

Wir werden demgegenüber in Kap. 3 unserer Einführung verdeutlichen, dass jede der vorgestellten Theorien die Soziale Arbeit in ihrer eigenen Art und Weise durchaus „ganz“ erfasst. Die vorliegenden Theorien der Sozialen Arbeit sind also weder defizitär noch überfordert, sondern liegen in ihren jeweiligen Auffassungen von Sozialer Arbeit unvereinbar quer zueinander (und dies ist aus unserer Sicht, das möchten wir nochmals hervorheben, völlig erwartbar, wenn man sich verschiedene Theorien im Vergleich anschaut).

Nimmt man dies ernst, so zeigt sich damit zugleich, dass man nicht nur verschiedene Theorien der Sozialen Arbeit unterscheiden kann, sondern eben auch viele Gegenstände der Sozialen Arbeit. Es „gibt“ also gar nicht „die“ Soziale Arbeit, sondern – je nach Theorie – eine ganze Menge, was man sich sinnvollerweise unter Sozialer Arbeit vorstellen kann. Und genau hierin, so könnte man sagen, liegt auch die Funktion unterschiedlicher, miteinander um ein angemessenes Verständnis von Sozialer Arbeit ringender Theorien.

Das heißt dann aber zugleich, dass man die Gegenstandsauffassungen einzelner Theorien nicht einfach additiv nebeneinanderstellen kann, um hieraus dann automatisch auch Gemeinsamkeiten der Theorien zu erkennen. Will man Studierenden Wissen zu Theorien der Sozialen Arbeit vermitteln, das auch Gemeinsamkeiten der vorliegenden Theorien deutlich werden lässt, ist es sinnvoller, die Theorien gezielt auf einige ihrer Kernaussagen und deren Zustandekommen hin zu befragen. Wir werden dementsprechend bereits unsere Darstellung einzelner Theorien in Kap. 3 entlang dreier ausgewählter Fragen strukturieren. Diese lauten:

1. Welches Erkenntnisziel formuliert die Theorie?

2. Wo und wie beobachtet die Theorie Soziale Arbeit, und auf welchen Vorannahmen werden diese Beobachtungen aufgebaut?

3. Was identifiziert die Theorie als Praxis der Sozialen Arbeit?

Durch dieses Vorgehen lassen sich bis zum Abschluss des dritten Kapitels bereits zahlreiche Unterschiede von Theorien der Sozialen Arbeit skizzieren, die wir in Kap. 4 zusammenfassen werden. Es lassen sich aber auch bereits Gemeinsamkeiten von Theorien der Sozialen Arbeit erahnen. Dies gilt in Hinsicht auf das, was die Theorien im Ergebnis als Soziale Arbeit präsentieren. Vor allem aber gilt es in Hinsicht darauf, wie Soziale Arbeit durch Theorien der Sozialen Arbeit als Gegenstand hergestellt wird. Diese Gemeinsamkeiten des „Wie“ innerhalb der durch Theorien der Sozialen Arbeit durchschrittenen Theoretisierungsprozesse werden wir entsprechend in Kap. 5 darstellen. Wir hoffen, damit den LeserInnen dieses Buches ein systematisches Orientierungswissen zur Debatte um Theorien der Sozialen Arbeit an die Hand zu geben.

Die in den 2010er Jahren vorgelegten Lehr- und Einführungsbücher zum Thema (May 2010; Lambers 2013; Borrmann 2016; Hammerschmidt et al. 2017) haben aus unserer Sicht wichtige erste Schritte in Richtung einer systematisierenden Perspektive auf Theorien der Sozialen Arbeit unternommen, ebenso wie die regelmäßig überarbeiteten Handbuchartikel zu Theorie(n) der Sozialen Arbeit (Rauschenbach/Züchner 2012; Thole 2012a; Füssenhäuser/Thiersch 2015). In Hinsicht auf eine von Vornherein systematisch angelegte Erörterung von Theorien der Sozialen Arbeit besteht aber unseres Erachtens noch Ausbaubedarf. Auf diesen Ausbaubedarf wollen wir mit der vorgelegten Einführung reagieren.

Zugleich bedarf es dafür aus unserer Sicht einer gewissen kritischen Distanz gegenüber bestimmten Selbstverständlichkeiten, die im Aufbau von Theorien der Sozialen Arbeit und der Diskussion über sie bisher gepflegt und nur selten hinterfragt worden sind (Dollinger 2013; Sandermann/Neumann 2014). Diese kritische Distanz werden wir durchweg, und besonders in Kap. 5 einnehmen.

In Kap. 6 werden wir abschließend den jüngsten Stand der Diskussion um Theorien der Sozialen Arbeit skizzieren. Hier werden wir die These aufstellen, dass Theorien der Sozialen Arbeit, wie sie sich vor allem in ihrer „großen Zeit“ der 1980er und 1990er Jahre entwickelt haben, wenig zeitgemäß sind. Dies hat verschiedene Gründe, die wir kurz illustrieren werden. Wie wir aber auch zeigen werden, gibt es genauso gute Gründe davon auszugehen, dass Theorien der Sozialen Arbeit in Zukunft eine wieder höhere Relevanz gewinnen könnten. Inwiefern diese Theorien dann allerdings noch so werden aussehen können, wie diejenigen, die im Mittelpunkt des vorliegenden Einführungsbuches stehen, wollen wir abschließend problematisieren.

Das vorliegende Buch baut auf einer langjährigen Beschäftigung mit Theorien der Sozialen Arbeit auf. Während dieser Beschäftigung war es nie unser Anspruch, selbst eine Theorie der Sozialen Arbeit zu entwerfen. Es war aber immer ein Anspruch, Theorien der Sozialen Arbeit – jede für sich genommen und im Vergleich zueinander – durch die Beschäftigung mit ihnen besser zu verstehen. Was dabei in hohem Maße zur Entwicklung unserer eigenen Verstehensperspektive, der wir im vorliegenden Buch folgen, beigetragen hat, waren Gespräche zum Thema mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen. Gedankt sei in diesem Zusammenhang insbesondere Petra Bauer, Georg Cleppien, Kai Dierkes, Bernd Dollinger, Gabriel Eichsteller, Nicole Hekel, Reinhard Hörster, Michael-Sebastian Honig, Bettina Hünersdorf, Onno Husen, Kerstin Jergus, Magdalena Joos, Fabian Kessl, Stefan Köngeter, Randolf Körzel, Martina Lütke-Harmann, Veronika Magyar-Haas, Sebastian Manhart, Marcel Meier Kressig, Johanna Mierendorff, Richard Münchmeier, Christian Niemeyer, Mareike Patschke, Hans Thiersch, Christiane Thompson, Maren Zeller sowie Ulrike Urban-Stahl, die zugleich Herausgeberin dieser Einführungsreihe ist und in diesem Zuge eine besonders unterstützende Rolle für das Zustandekommen des vorliegenden Buches gespielt hat. Darüber hinaus möchten wir den vielen Studierenden und denjenigen Promovierenden danken, mit denen wir im Laufe der letzten Jahre immer wieder zum Thema diskutieren konnten.

Neben Gesprächen und Diskussionen haben gerade auch die Handlungserfahrungen, die wir selbst als „Praktiker“ gemacht haben, zur schrittweisen Erarbeitung unserer Verständnisperspektive beigetragen. Wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen war „die Praxis der Sozialen Arbeit“ in unserem Fall vornehmlich die Kinder- und Jugendhilfe. Gerade hier drängte sich uns beiden unabhängig voneinander immer wieder der Eindruck auf, dass eine Perspektive produktiver Distanz zu vorfindbaren Theorien der Sozialen Arbeit dabei helfen kann, die Art und Weise, in der Theorien der Sozialen Arbeit „ihre“ Praxis konstruieren, besser begreifen zu können.

Wir wünschen den LeserInnen der vorliegenden Einführung, dass die hier eröffnete Verstehensperspektive sie darin unterstützen möge, einen wissensbasierten Überblick zu Theorien der Sozialen Arbeit zu entwickeln oder auch zu vertiefen. Wo sich bei der Lektüre Kritik an unserem Blick regt, sind wir dankbar für Rückmeldungen. Denn – so unsere Überzeugung – Theorien lassen sich am besten im Dialog entwickeln. Theorien über Theorien bilden dabei keine Ausnahme.

1      Was sind Theorien der Sozialen Arbeit?

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Das Ziel dieses Kapitels ist es zu klären, was Theorien der Sozialen Arbeit sind. Dafür ist es zunächst wichtig zu verdeutlichen, inwieweit Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit logisch eng miteinander zusammenhängen. Im ersten Unterkapitel 1.1 werden wir der Ausgangsthese folgen, dass sich Theorien immer auf etwas beziehen, was sie als „real“ ansehen. Umgekehrt gilt damit zugleich, dass die Beschäftigung mit Theorie immer auch eine Auseinandersetzung darüber einschließt, worauf sich Theorie bezieht. Im Falle der Sozialen Arbeit ist dieser Bezugspunkt üblicherweise „die Praxis“. Welchen Auftrag Theorien genau haben, darüber gibt es allerdings – gerade in den Sozial- und Geisteswissenschaften – nicht nur Konsens, sondern auch entscheidende Kontroversen und Differenzen. Dies gilt auch im Bereich von Theorien, welche das Ziel haben, Wissen über die Soziale Arbeit zu generieren. Strittig ist dabei vor allem, was als „wertvolles“ Theoriewissen zur Sozialen Arbeit anzusehen ist. Eine entscheidende Dissenslinie verläuft z. B. zwischen Positionen, die Theorien in der Pflicht sehen, normatives Handlungswissen bereitzustellen, und Positionen, die diese Möglichkeit bestreiten oder sie zumindest der Aufgabe von Theorien unterordnen, reflexives, analytisches Wissen zu produzieren. Weitgehende Einigkeit besteht jedoch darin, dass sich theoretische Erkenntnisse über die Praxis, die durch Theorien der Sozialen Arbeit generiert werden, nicht einfach „in die Praxis“ übertragen oder für eine Veränderung von Praxis „benutzen“ lassen. Warum das so ist, werden wir in Kapitel 1.2 erläutern. In Kapitel 1.3 werden wir noch einmal zusammenfassen, warum es wertvoll ist, sich innerhalb des Studiums mit Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit zu beschäftigen – zumal man sich reflektierterweise gar nicht für nur eines von beidem entscheiden kann. Abschließend werden wir noch einmal verdeutlichen, welchen theoretischen Blick dieses Buch auf Theorien der Sozialen Arbeit richtet.

1.1    Zum konstitutiven Zusammenhang von Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit

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Theorie interessiert mich nicht, denn ich will ja in die Praxis!“ Diesen Satz hört man von Studierenden der Sozialen Arbeit immer wieder. Nachfolgend verdeutlichen wir, warum es Sinn macht, diesem Satz mit äußerstem Misstrauen zu begegnen.

Aus dem Alltagsverständnis, dass es sich bei Theorie und Praxis um zwei unterschiedliche Dinge handelt, wird gelegentlich geschlussfolgert, dass Theorie und Praxis eigentlich nichts oder jedenfalls nicht unmittelbar etwas miteinander zu tun haben (können). Wir werden im Folgenden zeigen, dass sich zwar die erste Annahme („Theorie und Praxis sind etwas Unterschiedliches“) durchaus gut begründen lässt. Das heißt jedoch gerade nicht, dass Theorie und Praxis zwei völlig unterschiedliche oder gar unvereinbare Sachverhalte sind.

Aber der Reihe nach: Zunächst einmal macht es tatsächlich einen Unterschied, ob man über Theorie spricht oder über Praxis. Auch deswegen gibt es z.B. unterschiedliche Bände innerhalb der vorliegenden Reihe „Soziale Arbeit studieren“, von denen nur einer explizit das Thema „Theorien der Sozialen Arbeit“ behandelt. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass sich die Unterscheidung von Theorie und Praxis in der Sozialen Arbeit eingebürgert hat und ihr damit auch eine gewisse Sinnhaftigkeit zukommt.

Diese Sinnhaftigkeit ist bereits daran zu erkennen, dass wohl kaum jemand spontan bestreiten würde, dass beides zu existieren scheint: Es gibt einerseits „Theorie der Sozialen Arbeit“ und andererseits „Praxis der Sozialen Arbeit“, sonst würde man nicht ständig über beides sprechen. Die Aussage, dass es Praxis der Sozialen Arbeit gibt, ist jedoch keineswegs so selbstverständlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Sie hat bereits mit einer Besonderheit zu tun, auf die wir im Verlauf dieses Buches verschiedentlich zu sprechen kommen werden.

Um ein erstes Verständnis für diese Besonderheit zu entwickeln, kann ein Blick auf andere Fachdisziplinen hilfreich sein. Hierzu ein Gedankenexperiment:

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Stellen Sie sich vor, Sie studierten ein anderes Fach als „Soziale Arbeit“, z.B. Philosophie, Soziologie oder auch Physik. Was eine „Praxis der Philosophie“ sein könnte, leuchtet Ihnen vielleicht noch relativ spontan ein. Wie sieht es aber mit Ihren spontanen Assoziationen zu so etwas wie einer „Praxis der Soziologie“ oder einer „Praxis der Physik“ aus? Eine Vorstellung davon ist zwar keineswegs unmöglich. Sich ein konkretes Bild davon zu machen, erscheint aber auf den ersten Blick voraussetzungsreicher zu sein als eine Vorstellung von der „Praxis der Sozialen Arbeit“. Eine solche Vorstellung wird jede/r Leserin dieses Bandes spontan entwickeln können – wenngleich sie sich, wie wir später zeigen werden, auf den zweiten Blick nicht notwendigerweise als tragfähig herausstellen muss. Trotzdem gehen die meisten Menschen davon aus: „Natürlich, eine Praxis der Sozialen Arbeit, das gibt es!“ Aber eine Praxis der Physik?

Während es in der Physik meist schwerer fällt, ein spontanes Bild von Praxis zu entwerfen, ist es hier im Umkehrschluss leichter, sich vorzustellen, was Physik mit Theorie(n) zu tun hat. Ähnlich könnte es im Fall der oben angesprochenen Disziplinen Soziologie und Philosophie, aber auch vielleicht bei der Literaturwissenschaft oder der Mathematik sein.

Wir bleiben der Anschaulichkeit halber noch für einen Moment beim Beispiel der Physik. Eine physikalische Theorie wäre bspw. die Gravitationstheorie der klassischen Physik. Diese erklärt logisch überzeugend, warum der Bleistift, den Sie im Vorlesungsraum fallen lassen, auf dem Boden landet und nicht an die Decke fliegt. Weil dies theoretisch schlüssig ist, muss man diesen Vorgang auch nicht stetig in Experimenten wiederholen, um weiterhin daran glauben zu können, dass es sich hierbei um ein Gesetz handelt. Die Theorie ist stattdessen in der Lage, jeden einzelnen neuen Vorgang dieser Art im Lichte einer generellen Regel darzustellen. Die Regel lässt sich sogar in der Sprache der Mathematik reformulieren. Gerade ihre hohe Erklärungskraft bei gleichzeitiger mathematischer Klarheit haben Theorien der klassischen Physik über lange Zeit hinweg so überzeugend gemacht, dass man sie als Vorbild für alle anderen Wissenschaften angesehen hat. Entscheidend ist hier aber noch etwas Anderes: Bevor die Gravitationstheorie irgendetwas erklärt, hält sie zunächst einmal eine Beobachtung fest. Sie beschreibt konkrete Phänomene in einem bestimmten Zusammenhang (hier: ein Bleistift fällt auf den Boden), findet Parallelen zu anderen konkreten Phänomenen in einem für sie ähnlich wirkenden Zusammenhang und richtet damit einen Blick auf die Welt, der es ihr erst ermöglicht, eine generelle Regel (man könnte auch sagen: ein Muster) zu bestimmen. Erst nachfolgend geht es dann darum, diese Regel logisch widerspruchsfrei mit Erklärungen zu verbinden. Am Beispiel gesprochen: Es wird zunächst die generalisierte Beobachtung festgehalten, dass alle Dinge auf dem Planeten Erde, die schwerer als die sie umgebende Luft, aber ausschließlich von Luft umgeben sind, auf den Boden fallen, wenn sie nicht daran gehindert werden. Erst danach geht es ans Erklären und Schlussfolgern.

Vergegenwärtigt man sich diesen Erkenntnisprozess, so wird deutlich, dass die erwähnte Gravitationstheorie durchaus auch etwas mit „Praxis“ und lebenspraktischen Erfahrungen zu tun hat. Denn die Gravitationstheorie wird erst greifbar, wenn man sie auf konkrete, „praktische“ Phänomene bezieht (hier die „praktische“ Situation mit Ihrem Bleistift im Vorlesungssaal).

Im Umkehrschluss hat die Theorie damit auch einen unmittelbar praktischen Wert. Sie erleichtert es Ihnen, das Phänomen des nach unten fallenden Bleistifts einzuordnen und hierauf bezogen ein hohes Maß an Erwartungssicherheit aufzubauen, welches über Ihre reine Erfahrung mit ständig nach unten fallenden Gegenständen hinausgeht. Weder der nach unten fallende Bleistift noch der nach oben steigende Helium-Luftballon, der Ihnen aus der Hand gleitet, wird Sie dann noch überraschen. Auf eine prägnante Formel gebracht könnte man also sagen: Gute Theorie hilft Ihnen dabei, Ihr Leben erwartungssicherer zu machen.

Aus diesem von der Physik entlehnten Beispiel lässt sich nun etwas Allgemeines zum konstitutiven Verhältnis von Theorie und Praxis festhalten: Theorie fängt nicht bei der Erklärung eines Phänomens oder gar bei Vorschlägen zu seiner Veränderung an, sondern bereits im Moment der Beschreibung. Theorie ist damit nichts, das nur irgendwo fernab der praktischen Welt eine Rolle spielt. Im Gegenteil: Jede Theorie braucht einen Gegenstand, auf den sie sich bezieht, um sich überhaupt als Theorie „in Stellung bringen“ zu können. Ein solcher Gegenstand muss nicht unbedingt ein greifbares und alltäglich vertrautes Phänomen sein. Vielmehr kann dieser Gegenstand auch etwas sehr Abstraktes oder zumindest schwer Beobachtbares sein, denkt man etwa an Gegenstände wie „Gesellschaft“, „Hirnströme“, „Gravitationswellen“, „Ozonloch“ oder „Familie“. Aber eine Theorie kann nicht einfach eine Theorie sein, sondern immer nur eine Theorie von etwas.

Das heißt im Umkehrschluss aber zugleich, dass auch für jede Beschreibung eines „praktischen“ Phänomens Theorie nötig ist. Dies gilt auch und gerade dann, wenn man nichts weiter im Sinn hat als „einfach nur über die Praxis zu sprechen“, man also gerade nicht über Theorie nachdenken will. Das Paradoxe in diesem Moment ist: Gerade hier nutzt man permanent Theorie(n)!

Wir hoffen, man erkennt spätestens an dieser Stelle, wie lohnend die Reflexion von Theorie(n) für Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit ist. Denn erst, indem man bei der Beschreibung einer (praktischen) Situation zugleich auf ein (theoretisches) Bild dessen, womit man es zu tun hat, zurückgreift, kann man überhaupt etwas über diese Situation sagen. Damit beginnt man – geradezu zwangsläufig und unabhängig davon, ob man es will oder nicht – in jedem Moment, in dem man „über Praxis redet“, zugleich auch, Theorie zu (re)produzieren.

Der amerikanische Philosoph und Logiker Charles Sanders Peirce hat diesen Zusammenhang von Theorie und jeglichem von der Theorie beschriebenen Gegenstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts scharf analysiert und in diesem Zuge festgehalten, dass wir

„nicht den kleinsten Schritt […] in unserer Wissenserweiterung über das Stadium des leeren Starrens hinaus tun [können], ohne dabei bei jedem Schritt eine Abduktion zu vollziehen“ (Peirce 1901; dt. Übersetzung zit. nach Reichertz 1993, 266).

Was Peirce hier als „Abduktion“ bezeichnet, ist genau die notwendige Zusammenfügung einer einzelnen konkreten Sinneswahrnehmung, die man beschreiben will, mit einer generelleren Kategorie, durch die man beschreiben muss, sobald man irgendetwas beschreibt. Vereinfacht ausgedrückt: Um einen Baum zu beschreiben, muss man bei sich selbst und seinem Gegenüber zugleich auf eine allgemeine theoretische Vorstellung davon zurückgreifen, was ein Baum „eigentlich“ – also jenseits des konkreten Gebildes, auf das man da „starrt“ – ist.

Der von Peirce beschriebene Zusammenhang, dass man für alles, was man beschreiben möchte, zugleich notwendigerweise Theorie verwenden muss, dass also theoriefreie Aussagen überhaupt nicht möglich sind, gilt heutzutage weitgehend unbestritten in allen wissenschaftlichen Disziplinen. Die Annahme von der Theoriebeladenheit aller Beobachtung gehört zu den zentralen Einsichten der sog. „postpositivistischen“ – d.h. eine „Unmittelbarkeit der Dinge“ anzweifelnden – Wissenschaftstheorie, wie sie sich seit den 1930er Jahren sukzessive durchgesetzt hat (Feyerabend 1978, 40 ff.; Hanson 1969; Popper 1935).

Der Gegenstandsbereich Sozialer Arbeit bildet dabei keine Ausnahme. Insofern könnte man das oben skizzierte Beispiel mit dem Bleistift und der Rolle der Theorie darin ebenso auf alle möglichen Gedanken und Beobachtungen zur Praxis der Sozialen Arbeit übertragen.

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Wenn man z. B. die Auffassung vertritt, dass es für den Aufbau einer sog. „helfenden Beziehung“ zu einer Klientin, die man in einer Beratungssituation adressieren will, wichtig ist, sich Zeit zu nehmen, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen sowie konzentriert und zugewandt zu sein, so ist diese Auffassung nicht ganz so bedingungslos „praktisch“ wie sich das vielleicht zunächst anfühlt. Und zwar nicht nur deshalb, weil damit bereits tiefgreifende theoretische Vorstellungen von entscheidenden Kriterien eines „sozialpädagogischen Beziehungsaufbaus“ verbunden sind, sondern auch schon auf einer viel banaleren Ebene. Denn um z. B. überhaupt so etwas wie eine „ruhige Atmosphäre“ schaffen zu können, braucht man eine theoretische Vorstellung davon, was das sein könnte. Nur so kann man sich bei der Herstellung einer entsprechenden Situation zumindest grob orientieren. Man hat dann bspw. die konkrete Vorstellung im Kopf, dass es für die Herstellung von „ruhiger Atmosphäre“ förderlich ist, der AdressatInnen zunächst einen Tee oder Kaffee anzubieten, sie dabei „in Ruhe ankommen“ zu lassen und nicht direkt mit Fragen, Angeboten oder Problembeschreibungen, die einem in Bezug auf den „Fall“ wichtig erscheinen, zu konfrontieren. Die Aspekte des Kaffeeanbietens und Nicht-viel-Sprechens sind somit nicht einfach Tatsachen, sondern eben theoretische Vorstellungen einer „ruhigen Atmosphäre“, die eine Person zu ihren Zwecken nutzen will. Erst vor dem Hintergrund dieser Vorstellungen nimmt man die Tätigkeit des Kaffeetrinkens oder Zunächst-nichts-Sagens also im Moment des Geschehens als „ruhige Atmosphäre“ wahr.

Auf den zweiten Blick dürfte beim gerade genannten Beispiel aber auch ein Unterschied auffällig werden zwischen dem, worum es in der Physik, und dem, worum es in der Sozialen Arbeit geht. Dieser Unterschied zwischen der Sozialen Arbeit und anderen Wissenschaften, wie etwa der Physik, wird bereits anhand der unterschiedlichen Begriffe deutlich, die üblicherweise in Physik und Sozialer Arbeit benutzt werden. Dies gilt auch und gerade dort, wo es um die Rolle von Theorie(n) geht:

PhysikerInnen würden bei der o.g. Beispielsituation mit dem Bleistift im Vorlesungssaal normalerweise wohl eher von einem „empirischen“ als von einem „praktischen“ Beispiel sprechen.

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Als empirisch bezeichnet man Formen wissenschaftlicher Erkenntnis, die auf der Grundlage methodisch kontrollierter Erfahrungen gewonnen wurden. Entscheidend ist also, dass diese Erkenntnisse auf einem äußeren Weltkontakt beruhen und den Status eines erfahrungsbezogenen Wissens haben, das wiederum von anderen Formen wissenschaftlichen Wissens abgegrenzt wird, welches allein der Gedankenwelt entspringt. Der Empirismus ist damit zugleich logisch mit bestimmten Axiomen (Definition in Kap. 5.2), also Vorannahmen verbunden, welche jedoch bewusst so konkret wie möglich gehalten werden, was zugleich wissenschaftshistorisch mit einer bestimmten Entstehungsepoche verbunden ist (Gawlick 2000). Dass empirische Erkenntnisse auf methodisch kontrollierte Erfahrungen aufbauen, bedeutet, dass es sich um Erkenntnisse und Informationen handelt, die z. B. auf der Grundlage von Experimenten, Beobachtungen oder Befragungen ermittelt worden sind. Gemeinhin wird dabei zwischen „quantitativen/quantifizierenden“ (also auf die Verteilung und Häufigkeit interessierender Phänomene fokussierten) und „qualitativen“ (also auch die Tiefenstruktur und Einzelfallrekonstruktion von Phänomenen gerichteten) Methoden empirischer Sozialforschung unterschieden, wobei heutzutage in Studien vermehrt auch methodische Mischformen oder Methodenkombinationen verwendet werden.

Die Physik ist als Wissenschaft grundsätzlich an allen möglichen Erfahrungen (also: empirisch über die Sinne vermittelten Eindrücken) interessiert, die sie zugleich mit einer bestimmten Art wissenschaftlicher Theorien begreifen kann. Ob im Zuge der in der Physik theoretisch relevant gemachten Erfahrungen jemand auch „praktisch arbeitet“, ist für PhysikerInnen nicht von primärem Interesse.

Anders sieht es in der Sozialen Arbeit aus. Wenn über Soziale Arbeit gesprochen wird, so bezieht man sich in der Regel auf Erfahrungen, die nicht nur empirisch über die Sinnestätigkeit irgendwie einfangbare Momente darstellen, sondern die zugleich auch regelmäßig als „Praxis“ bestimmter Akteure in den Blick genommen werden. Diese Momente werden – um einen in diesem Zusammenhang häufig zu findenden Ausdruck zu verwenden – dann oft auch direkt als „Praxiserfahrungen“ bezeichnet.

Dass dies so ist, könnte im Umkehrschluss auch für die Rolle relevant sein, welche Theorien in der Sozialen Arbeit zukommt. Von ihnen wird erwartet, irgendwie „praxisrelevant“ zu sein. An dieser Stelle ist es jedoch wichtig, noch einmal auf das zurückzukommen, was wir oben bereits erarbeitet haben: Für eine Vorstellung davon, was Praxis ist, braucht man Theorie. Jede Vorstellung von der „Praxisrelevanz“ einer Theorie bemisst sich damit logisch zwangsläufig ebenfalls an einer theoretischen Vor-Vorstellung davon, was diese „Praxis“, für welche die Theorie relevant sein soll, überhaupt ist.

Denn „Praxis“, oder konkreter: „Praxiserfahrungen“, sind – und hier ist es dann wieder nicht grundsätzlich anders als bei der Physik (!)– nur dann überhaupt als Praxiserfahrung wahrnehmbar, wenn man sie, bewusst oder unbewusst, in Zusammenhang mit Theorie bringt, die es ermöglicht ein Bild davon zu skizzieren, was denn Praxis eigentlich sein soll. Erst hierdurch wird es möglich, die konkrete Erfahrung überhaupt als „Praxiserfahrung“ zu begreifen, oder spezifischer: als „eine Erfahrung, die etwas mit der Praxis zu tun hat“.

Was man nun zusätzlich noch braucht, um von einer Praxiserfahrung sprechen zu können, die etwas mit „Sozialer Arbeit“ zu tun hat, ist – noch mehr Theorie. Es reicht nämlich nicht, eine ganz abstrakte Vorstellung davon zu haben, was Praxis im Allgemeinen ist. Man braucht darüber hinaus auch noch eine Vorstellung davon, was eigentlich „Soziale Arbeit“ ist, um eine dann konkretere Vorstellung von der „Praxis der Sozialen Arbeit“ zu entwickeln. Erst mit dieser wiederum theoretischen Vorstellung kann man dann in einer sinnvollen Art und Weise von Praxis Sozialer Arbeit sprechen.

Mit anderen Worten: Man braucht an jeder Stelle, an der man von einer „Praxiserfahrung“, die für die Soziale Arbeit relevant ist, spricht, an jeder Stelle also, an der von einer „Praxiserfahrung in der Sozialen Arbeit“ ausgegangen wird, sowohl eine theoretische Vorstellung von „Praxis“, als auch eine – bewusste oder unbewusste – „Theorie der Sozialen Arbeit“; ein generelles Bild davon also, was Soziale Arbeit – über die einem konkret begegnende Erfahrung hinaus – ist.

Erst im Zusammenspiel zwischen einer konkreten Wahrnehmung und einer theoretischen Idee davon, was „Praxis der Sozialen Arbeit“ sein könnte, kann es also gelingen, auch eine „Praxiserfahrung in der Sozialen Arbeit“ zu machen, die als solche verbalisierbar ist. Hierdurch erst hat man das zustande gebracht, was Peirce eine „Abduktion“ nennt, und kann damit anfangen, mehr als ein „leeres Starren“ auf die Welt zustande zu bringen.

Wie Theorie und Erfahrung bei der Benennung dessen, was „Praxiserfahrungen in der Sozialen Arbeit“ sind, zusammengebracht werden, unterscheidet sich im Einzelfall natürlich sehr. Denn grundsätzlich ist es möglich, in jedem einzelnen Moment einer Erfahrung wieder eine neue Theorie zur Beschreibung dieser Erfahrung heranzuziehen.Auch dies ist den meisten Menschen aus ihrem Alltag bekannt. Ein Beispiel:

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Lernt man neue Freunde kennen, so hat man oft noch ein ziemlich anderes Bild von einem Menschen als im fortgeschrittenen Stadium der Freundschaft. Bezogen auf das Verhältnis von Theorie und Erfahrung heißt das, dass sich durch unterschiedliche Erfahrungen mit der befreundeten Person auch die eigene Theorie dazu, wer diese Person eigentlich ist, verändert. Konkret gesprochen verändern Menschen also ihre Theorie zur gegenüberstehenden Person allmählich und versuchen damit ihren (neuen) Erfahrungen gerecht zu werden, obwohl es doch vermeintlich stets um „dieselbe“ Person geht. Die gängige Rede vom „sich besser Kennenlernen“ kann dabei allerdings irreführend sein, denn sie verleitet zu der Annahme, dass man eine immer bessere Theorie zum Gegenüber entwickeln könnte, bis man diese Person schließlich „ganz und gar“ kennt – und zwar so, wie sie „eigentlich“ ist. Ein solch „kumulatives“ Verständnis von Wissensgenerierung durch Theorien gilt heutzutage als überholt (Bachelard 1978; Kuhn 1962). Eher dürfte es so sein, dass man durch den laufenden Abgleich zwischen Erfahrung und Theorie dazu neigt, verschiedene Theorien zum jeweiligen Gegenstand (in diesem Fall: der befreundeten Person) zu entwickeln, die man dann je nach Situation parat hat, um eine Handlung oder eine Äußerung des befreundeten Gegenübers sinnvoll zu interpretieren. Und das scheint durchaus sinnvoll zu sein, denn über je mehr verschiedene Theorien zu einer Person man verfügt, umso handlungsfähiger bleibt man im Umgang mit ihr, weil es mit höherer Wahrscheinlichkeit gelingt, Sinn in den Äußerungen und Handlungen des Anderen zu sehen. In paradoxer Weise wird man jedoch zugleich die Erfahrung machen, dass immer mehr verschiedene Bilder zu der befreundeten Person dazu führen, dass man immer weniger darüber weiß, wer dieser Mensch „eigentlich“ ist.

So kann man allgemein auch sagen, dass Wissenszuwachs immer zugleich auch zu mehr Unsicherheit in Bezug auf die Selbstverständlichkeit dieses Wissens führt (Weingart 2003). Das Gleiche gilt im Prinzip für die Soziale Arbeit und hier spezifisch für jedes Bild von „Praxis der Sozialen Arbeit“, das man sich machen kann. Auch hierzu wird man im Laufe des Studiums, während der Ableistung von Praktika, in der ehrenamtlichen, nebenberuflichen und hauptberuflichen Tätigkeit immer wieder einzelne Erfahrungen machen, die zunächst höchst unterschiedlich sind, aber in denen man (auf der Basis von Theorien und theoretischen Schlüssen) immer wieder Muster entdecken kann. Da sich jedoch die Erfahrungen, die man macht, immer wieder unterscheiden werden, wird es gewinnbringend sein, auch hierzu immer wieder unterschiedliche Theorien zu entwickeln, die sich durchaus auch gegenseitig widersprechen dürfen, solange sie jeweils in sich schlüssig aufgebaut sind und daher etwas begreiflich machen können. Je mehr solcher Theorien man kennenlernt, umso komplizierter wird es aber auch, begründet zu entscheiden, welche Theorie nun die „beste“, „überzeugendste“ oder gar „wahrste“ ist. Denn „in sich“ machen sehr viele Theorien Sinn.

Wenn man sich näher mit Theorien der Sozialen Arbeit beschäftigt, macht man daher bald die Erfahrung, dass viele von ihnen jeweils spezifisch verstehbar machen, was Praxis Sozialer Arbeit und was „gute Praxis“ Sozialer Arbeit sein könnte. Man bezeichnet diese Einsicht in die „Inkommensurabilität“ verschiedener Theorien in der Wissenschaftssoziologie auch als sog. Duhem-Quine-These, unter Bezugnahme auf ihre beiden Referenzautoren Pierre Duhem und Willard V.O. Quine (Weingart 2003, 58).

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Mit Inkommensurabilität bezeichnet man die Unversöhnbarkeit zweier Aussagen(-systeme) bei gleichzeitiger Ebenbürtigkeit der getroffenen Aussagen in Hinsicht auf ein bestimmtes Kriterium, z. B. „Wissenschaftlichkeit“.

Diese widersprüchliche Vielfalt von in sich jeweils stringent erscheinenden Theorien begegnet einem logischerweise nicht nur dort, wo es um ausgewiesene „Theorien der Sozialen Arbeit“ geht, sondern auch in anderen Wissenschaftsbereichen, so etwa bei psychologischen, soziologischen, philosophischen, erziehungs- oder politikwissenschaftlichen Theorien. Überall macht man die Erfahrung, dass eine bestimmte Theorie in überzeugender Weise die Welt beschreibt, während eine andere Theorie in ebenso überzeugender Weise die Welt gänzlich anders beschreibt. Das anfangs oft irritierende Ergebnis dieser Beobachtung ist, dass man auf einmal nicht mehr eine, sondern zwei und mehr Welten vor sich sehen kann – wenngleich es unmöglich ist, in exakt demselben Moment mehrere dieser Welten zugleich zu sehen. Letzteres hängt mit der oben erwähnten Inkommensurabilität der Weltsichten zusammen, die durch unterschiedliche Theorien hervorgebracht werden.

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Wenn man sich auf dieses Ergebnis einlässt, wird es nach und nach möglich, verschiedene „theoretische Brillen“, durch die man die Welt betrachten kann, aktiv auf- und auch wieder abzusetzen. Theorien werden dann als „Werkzeuge“ handhabbar – eben genauso, wie Brillen Werkzeuge sind.

Dass man je nach „Theorie-Brille“, die man benutzt, Unterschiedliches sehen kann, obwohl man damit auf den ersten Blick doch vermeintlich immer auf ein und dasselbe schaut, gilt für alle Aspekte im Studium der Sozialen Arbeit: z.B. für die Betrachtung von „Kindern“, „Jugendlichen“ oder „Menschen mit Beeinträchtigungen“ (also spezifische sog. „AdressatInnengruppen“ der Sozialen Arbeit), aber auch für die Betrachtung von „Professionalität“, für die Frage danach, was eigentlich eine „Fachkraft“ in der Sozialen Arbeit ausmacht oder was das Typische am Habitus von „SozialpädagogInnen“ ist.

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Als Habitus bezeichnet man durch Sozialisation erworbene, vorbewusste „Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata“ (Bourdieu 1987, 101), die z. B. in Lebensstil, Geschmack, Kleidung oder Sprache einer Person zum Ausdruck kommen. Der Habitus hängt laut Bourdieu mit der sozialen Stellung in der Gesellschaft oder einem bestimmten sozialen Feld zusammen und bildet ein System von Dispositionen, das als Erzeugungsmodus menschlicher Praxisformen erklärbar sowie letztlich auch voraussehbar machen soll, warum Menschen in einer bestimmten Weise in ihrer sozialen Umwelt agieren

Und auch bei der Betrachtung von so unterschiedlichen, und auf den ersten Blick so angenehm eindeutig wirkenden Dingen wie „psychischen Störungen“, „sozialen Dienstleistungsorganisationen“ oder „rechtlichen Regelungen“ lässt sich feststellen: Letztlich entscheidet die „Theorie-Brille“, die man gerade aufgesetzt hat, darüber, was man darunter verstehen bzw. nicht verstehen kann. Zur nochmaligen Verdeutlichung dieses Umstands wählen wir ein Beispiel aus der auf Studierende oftmals klar und eindeutig wirkenden Nachbardisziplin der Psychologie.

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Wenn es in der klinischen Psychologie bspw. um „psychische Störungen“ geht, so macht es nicht einfach „in der Sache“, sondern qua Theorie einen Unterschied, ob man dabei bspw. an eine „Angststörung“ oder an eine „Inkongruenz“ denkt. Denn diese beiden Label verbinden sich nicht notwendigerweise mit unterschiedlichen empirischen Phänomenen, sondern ergeben sich aus theoretisch inkommensurablen Theorieverständnissen. Das wird besonders deutlich, wenn man beide Zuschreibungen – „Angststörung“ und „Inkongruenz“ – einmal probehalber auf dasselbe empirische Phänomen bezieht. Nimmt man dafür eine Person an, die regelmäßig große Ängstlichkeit verspürt, so kann man bei dieser Person den – theoriegestützten! – Anfangsverdacht einer „Angststörung“ äußern. Dann geht man davon aus, dass die Ängstlichkeit der Person als ein erlerntes Verhaltensmuster zu begreifen ist, das in bestimmten Situationen (die man dann zunächst noch genauer einzugrenzen versucht) auftaucht, und das dann – bspw. durch Unterstützung von PsychotherapeutInnen – auch wieder verlernbar ist. Man könnte allerdings bei derselben Person mit demselben Gefühl von Ängstlichkeit auch zunächst eine „Inkongruenz“ feststellen, und damit – anders theoriegestützt! – davon ausgehen, dass hier ein dauerhafter Widerspruch zwischen der Art und Weise, wie die Person empfindet und der Art und Weise, wie die Person gerne empfinden würde, vorliegt, was dann wiederum zu einem subjektiven Gefühl von Ängstlichkeit führt. Auch als „Inkongruenz“ könnte diese Ängstlichkeit wiederum angegangen werden mithilfe von therapeutischen Unterstützungsmethoden und einer dahinterstehenden Theorie. Jedoch eben in anderer Weise und auf Grundlage der – theoriebasierten! – Annahme eines letztlich anderen Leidens. Das hängt vor allem mit unterschiedlichen Vorstellungen davon zusammen, wie Personen „funktionieren“. Es gibt also sehr unterschiedliche Behandlungs-, aber auch Persönlichkeitstheorien innerhalb der Psychologie, von denen hier nur einmal zwei, nämlich eine kognitiv-behaviourale und eine humanistischpersonzentrierte, angerissen wurden.

Ebenso wie es mehrere in sich schlüssige theoretische Vorstellungen „psychischer Störungen“ gibt, gibt es mehrere in sich schlüssige theoretische Vorstellungen davon, was als „Praxis der Sozialen Arbeit“ zu verstehen ist. Diese Vorstellungen gehen zu großen Teilen auf solche Theorien zurück, in die wir in diesem Buch einführen, und die dezidiert versuchen zu beschreiben, was Soziale Arbeit im Kern ist.

Entsprechend lassen sich diese Theorien als „Theorien der Sozialen Arbeit im engeren Sinn“ bezeichnen (Füssenhäuser/Thiersch 2015, 1743; Hammerschmidt et al. 2017, 11). Ab Kap. 3 des vorliegenden Bandes geben wir einen strukturierenden Einblick in die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten dieser Theorien. Zunächst erscheint es uns jedoch vorrangig, noch auf eine weitere Unterscheidung hinzuweisen, die systematisch auf einer anderen Ebene liegt und die wir bis zu diesem Punkt bewusst außer Acht gelassen haben: die Unterscheidung zwischen „wissenschaftlichen Theorien“ und sog. „Alltagstheorien“ (Hamburger 2003, 102; Joas/Knöbl 2004, 14).

Theorie und Erfahrung überlagern sich – wie wir schon gesehen haben – nicht nur dort, wo man versucht im strengsten Sinne „wissenschaftliche“ Aussagen zu treffen, sondern ständig und überall, wo man überhaupt Aussagen über etwas trifft. Damit wird Theorie auch nicht an jeder Stelle nach streng wissenschaftlichen Prinzipien genutzt (weshalb Theoriebildung andersherum auch nicht notwendigerweise etwas mit dem so oft belächelten „Elfenbeinturm“ der Wissenschaft zu tun hat).

Das besondere an wissenschaftlichen Theorien ist jedoch, dass sie für sich in Anspruch nehmen, in einem höheren Maß als nichtwissenschaftliche Theorien an bestimmten Gütekriterien orientiert zu sein. Zu diesen Gütekriterien gehören etwa Eigenschaften wie hohe argumentative Konsistenz und Transparenz, Erklärungskraft und logische Widerspruchsfreiheit bzw. -reflexivität.

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