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Großes Herz sucht großes Glück

1. KAPITEL

Diesmal steckte Ashlyn Spencer wirklich in der Klemme.

„Emma, können Sie nicht das Gewehr runternehmen?“, bat sie und wich gleichzeitig aus dem Lichtkegel der von Mücken umschwirrten Verandalampe zurück in den Schatten.

Mrs. Trainor blieb an der Fliegengittertür stehen. „Glauben Sie nicht, dass Sie sich auf unserem Grund und Boden Ihre dummen Aprilscherze erlauben können, Miss Spencer. Sie und ich und mein abgesägter Freund hier warten gemeinsam, bis der Sheriff da ist.“

Ashlyn umklammerte das Bündel frischer Hundertdollarnoten noch fester. Sie kam sich vor wie in einem Albtraum. Dabei hatte sie überhaupt keinen Aprilscherz geplant, sondern zur Abwechslung mal eine gute Tat.

„Emma, ich …“

Eine tiefe Männerstimme unterbrach sie.

„Runter mit dem Gewehr, Emma.“

Ashlyn konnte selbst durch das mit Insektenleichen und Löwenzahnsamen verklebte Fliegengitter hören, wie die ältere Frau erleichtert aufatmete.

Der Sheriff marschierte die Verandastufen hinauf. „Legen Sie endlich die Waffe weg, Emma!“

Ein kräftiges Klicken ertönte, und Ashlyn fuhr erschrocken zusammen. Hatte Emma den Hahn gespannt?

Sie schoss vorwärts und prallte im nächsten Moment gegen den neuen Sheriff. Genauer gesagt, gegen seine breite, muskulöse Brust. Sternchen tanzten vor ihren Augen.

Sam Reno war erst vor Kurzem wieder nach Kane’s Crossing zurückgekehrt. Derselbe Mann, von dem sie in ihrer Teenagerzeit nächtelang geträumt hatte.

Sie schluckte und versuchte, sich hinter ihm zu verstecken. Nur für den Fall, dass Emma in ihre Richtung zielte.

Mrs. Trainor kam heraus und nickte dem Sheriff zu. „Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Sam. Ich hab draußen Geräusche gehört, und dann sah ich Ashlyn Spencer vor meiner Tür herumschleichen.“

Sheriff Reno stemmte die Hände in die Seiten. Seine athletische Silhouette zeichnete sich gegen das helle Mondlicht ab.

„Mit Ihrer Waffe bringen Sie eines Tages noch mal jemanden um, Emma“, sagte er mit besänftigender Stimme. „Ich weiß, Sie wollen sich schützen. Aber einer prominenten Bürgerin der Stadt eine Kugel in den Leib zu jagen vertreibt auch nicht das Böse aus dieser Welt. Und ich wäre ungern gezwungen, Ihnen das Gewehr abzunehmen.“

Emma schob die Hände in die Taschen ihrer überweiten Jeans. „Tut mir leid, Sam, aber ich besitze nicht einmal ein Gewehr. Es ist ein Feuerhaken. Das Mädchen hat mir Angst gemacht.“

Natürlich hatte Ashlyn Mrs. Trainor nicht erschrecken wollen. Die Frau hatte schon so genug zu ertragen. Ihr Mann war damals in derselben Fabrik ums Leben gekommen wie Sam Renos Vater. Und Ashlyn fühlte sich irgendwie mitschuldig, weil die Fabrik ihrer Familie gehörte.

Sheriff Reno trat einen Schritt vor. Das schwache Verandalicht fiel auf sein kantiges Gesicht. Sein im Nacken kurz geschnittenes braunes Haar berührte knapp den Jackenkragen, oben trug er es länger, sodass es ihm in die Stirn fiel. Als Ashlyn einen Blick auf seine vollen Lippen warf, schlug ihr Herz schneller.

Er schüttelte den Kopf. „Na schön, mit diesem Waffenarsenal können Sie wohl kaum größeren Schaden anrichten, schätze ich“, meinte er trocken.

Etwas sanfter fragte er: „Wie geht es Ihnen, Emma?“

Mrs. Trainors Lippen fingen an zu zittern. „Den Umständen entsprechend. Janey liegt noch immer im Krankenhaus – so lange das Geld reicht.“

Ashlyn dachte an die Dollarnoten in ihrer Hand.

Unbewusst räusperte sie sich. Mit strenger Miene drehte sich der Sheriff zu ihr herum.

„Weshalb schleichen Sie mitten in der Nacht auf fremdem Grund und Boden herum?“

Sie versuchte ein unschuldsvolles Lächeln aufzusetzen, aber es misslang ihr kläglich. „Ich berufe mich auf den fünften Verfassungszusatz der USA – mein Zeugnisverweigerungsrecht!“

Sein misstrauischer Blick glitt tiefer. Dorthin, wo sie die Hände hinter dem Rücken verbarg. „Fallen lassen.“

Seine tiefe Stimme klang kalt.

Ashlyn ließ das Geld los, hob beide Hände und zuckte mit den Schultern. „Hoppla!“, sagte sie gespielt salopp.

„Ja, hoppla.“ Der Sheriff machte einen Schritt auf sie zu und streifte dabei ihren Pullover mit seiner Uniformjacke. Plötzlich war ihr seltsam warm.

Er bückte sich, sammelte das Geld auf und stellte sich vor sie hin. „Jetzt bin ich gespannt auf Ihre Erklärung.“

Emma Trainor starrte sie fassungslos an. Wieso eigentlich? dachte Ashlyn. War es so unvorstellbar, dass sie Menschen in Not half?

Nun würde sie eine gute Erklärung abgeben müssen. Außer sie wollte mit zum Sheriffbüro.

Allerdings, wenn Sheriff Reno fuhr, war das vielleicht gar keine so schlechte Aussicht.

Ashlyn stützte eine Hand auf der Hüfte ab und grinste herausfordernd. Wenn die Leute dieses Bild von ihr hatten, warum sollte sie ihnen nicht den Gefallen tun und sich entsprechend verhalten?

„Es ist wohl für uns alle einfacher, wenn ich sage, dass das mein Taschengeld ist. Und dass ich einen dummen Aprilscherz geplant habe.“

Sie kannte Emmas Tochter Janey nicht besonders gut, wusste aber, dass ihre Krankenversicherung nicht alle Kosten der Behandlung trug. Und das machte sie unglaublich wütend. Deswegen hatte sie heimlich Geld auf der Veranda zurücklassen wollen. Neben allen anderen Sorgen bedeutete Brustkrebs auch finanziell eine große Belastung.

Mrs. Trainor und der Sheriff betrachteten sie, als hätte sie plötzlich einen Heiligenschein über dem Kopf.

Warum nur hatte sie sich keine bessere Ausrede ausgedacht?

Der Sheriff drückte ihr das Geld in die Hand. „Fanden Sie es spießig, einfach bei Emma zu klingeln oder ihr vielleicht einen Scheck mit der Post zu schicken?“

Der Mann verstand gar nichts. Ashlyn Spencer stammte aus einer geldgierigen Familie, und kaum jemand würde ihr abnehmen, dass sie etwas Gutes tun wollte. Warum sich also die Mühe machen?

Sheriff Reno musterte sie von Kopf bis Fuß. „Gehen wir“, sagte er dann in einem Ton, als hätte sie Emma das Geld gestohlen.

In Emmas Augen stand auf einmal ein weicher Ausdruck. In einer Geste hilfloser Dankbarkeit streckte sie die Hand aus. Dann öffnete sie den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.

Als sie sich zum Gehen wandten, legte Ashlyn schnell noch das Geld auf die Veranda, ohne Emma dabei anzublicken. „Die Idee hat mir wohl eine gute Fee eingeflüstert, Sheriff“, sagte sie flapsig, als sie einige Schritte gegangen und außer Hörweite waren.

„Eine Fee …“, murmelte Sam Reno und wies kopfschüttelnd auf den Streifenwagen, den er ein ganzes Stück vom Haus entfernt geparkt hatte.

Hinter ihnen verlöschte das Verandalicht. Mondlichtstille umfing sie. „Wieso, glauben Sie nicht an so etwas? Verstehen Sie, Sheriff, ich spreche von Feen, Geistern, Kobolden … Wussten Sie, dass Kobolde die Allerschlimmsten sind? Richtig gemeine Kerlchen.“

„Man hat es hier nicht gern, wenn jemand ums Haus herumschleicht.“

„Okay, okay. Sie meinen, mit vierundzwanzig sollte ich Nützlicheres tun? Zum Beispiel einkaufen, Schokolade in mich hineinstopfen und mir die Fingernägel feilen? Ja, das hört sich vernünftig an – einer Spencer angemessen.“

„Es war nett, was Sie für Janey getan haben.“

Deswegen hat Emma sich ja auch vor Dankbarkeit überschlagen, dachte sie, schluckte die bissige Bemerkung aber schnell hinunter.

„Sheriff, Sie werden schnell merken, dass das Wort nett nicht so ganz zu mir passt“, sagte sie stattdessen patzig.

Er blieb stehen und sah sie scharf an. Der Blick ging ihr durch und durch.

Sie musterte den Sheriff unauffällig. Damals in der Highschool war er zwei Klassen weiter gewesen als ihr Bruder Chad … Er musste jetzt also ungefähr dreiunddreißig sein.

Früher hatte sie Sheriff Carson gern ein wenig auf Trab gehalten und herumgejagt, nur so zum Spaß. Aber Sam Reno war fit wie ein Turnschuh, dem konnte sie nicht entwischen. Andererseits erschreckte sie die Vorstellung kein bisschen, dass er sie fassen könnte. Ganz im Gegenteil.

Sie lächelte vor sich hin. Für dreiunddreißig sah er nicht schlecht aus. Lange Beine, flacher Bauch, breite Schultern, die sich deutlich unter der Jacke abzeichneten …

Würde ihr Vater sie erwürgen, wenn sie sich mit Sam einließ, dem Pflegebruder von Nick Cassidy – dem Mann, der ihre Familie ruiniert hatte?

Nick hatte den Auslandsaufenthalt ihres Vaters und ihres Bruders Chad genutzt, um heimlich deren Firmen aufzukaufen und den Familien, die die Spencers aus ihren verschuldeten Häusern vertrieben hatten, ihr Zuhause zurückzugeben. Damit hatte er ihrem selbstherrlichen Vater eine kräftige Dosis der bitteren Medizin verabreicht, die der Patriarch sonst immer nur anderen einflößte.

Aber Horatio und Chad Spencer wollten nichts daraus lernen. Clevere Rechtsanwälte bemühten sich gerade, ihnen die alte Machtposition in der Stadt zurückzuerobern.

Und das zumindest teilweise sogar mit Erfolg. Die Spielzeugfabrik gehörte inzwischen schon wieder ihnen.

Sams Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Sind Sie immer noch auf dem College?“

Aha, der Sheriff versucht sich im Small Talk.

„Gewesen und Abschluss gemacht“, warf sie ihm über die Schulter zu. „Aber sagen Sie, Sie fahren mich doch jetzt nach Hause, oder? Keine Verhaftung wegen unerlaubtem Betreten eines fremden Grundstücks?“

Er rückte seinen Gürtel zurecht. „Wir fahren in mein Büro.“

„Sie verhaften mich?“

In dieser Situation hätte ihr Bruder seine Visitenkarte gezückt und den neuen Sheriff gefragt, ob er wisse, wer vor ihm stünde. Aber Ashlyn hatte noch nie jemand den Respekt gezollt, den man ihrem bewunderten Bruder entgegenbrachte. Weder die Leute in der Stadt, Gott sei Dank, noch ihre Eltern.

Sam Reno lachte leise.

„Darauf haben Sie wohl Ihr ganzes Leben gewartet, nicht wahr, Sheriff? Dass Sie einen Spencer verhaften können.“ Ein düsterer Schatten glitt über sein Gesicht. Sam Reno presste die Lippen zusammen.

Und Ashlyn wusste, sie hätte besser den Mund gehalten.

Spencer.

Noch immer löste dieser Name eine Vielzahl unangenehmer Gefühle in ihm aus. Vor sieben Jahren war sein Vater bei einem mysteriösen Unfall in der Spencer Toy Factory ums Leben gekommen. Seine Mutter hatte den Kummer nicht verwunden und war bald danach gestorben. Sams Leben hatte sich verändert. Zum Schlechten.

Er warf einen Blick auf Ashlyn, die Tochter seines Erzfeindes. Aufrecht und selbstbewusst stand sie da, die Arme vor der Brust verschränkt. In ihrem grellroten Pullover und mit den um die Taille geschlungenen grünen und purpurnen Perlenschnüren wirkte sie im öden Grau der Nacht wie ein bunter Farbklecks.

Er beschloss, ihre Bemerkung zu übergehen. „Warum sind Sie immer noch in Kane’s Crossing, Miss Spencer?“

„Warum sind Sie nach Kane’s Crossing zurückgekommen?“, konterte sie.

Sich auf ein Wortgeplänkel einzulassen, war sinnlos. Er wies auf den Streifenwagen. „Gehen wir.“

„Zum Sheriffbüro?“

„Das ist um einiges angenehmer, als hier den Geistern Gesellschaft zu leisten.“

Vielleicht war es ein wenig übertrieben, sie gleich zu verhaften. Aber er hatte gehört, dass Ashlyn dazu neigte, Probleme zu machen. Es war besser, ihr von Anfang an zu zeigen, dass mit ihm nicht zu spaßen war.

Schon wieder bemerkte er, dass sie ihn von oben bis unten musterte. Das erste Mal hatte er es als Neugier abgetan. Aber diesmal jagte sein Puls, und in ihm erwachten Gefühle, die seit dem Tod seiner Frau verschwunden schienen.

Er beschloss, keine allzu große Sache aus dem Zwischenfall zu machen. Schließlich hatte sie Mrs. Trainor nur heimlich Geld zukommen lassen wollen. Das zeigte nicht nur ihr gutes Herz, sondern war im Vergleich zu dem, was er als Polizist in Washington an Gewalt und Brutalität erlebt hatte, ein Witz.

Beim Gehen warf er unauffällig einen Blick auf sie. Das silberne Mondlicht fiel auf ihr schmales Gesicht, ihr leichtes Lächeln. Das dunkelblonde Haar trug sie kurz geschnitten, im Gegensatz zu früher, als es ihr in weichen Wellen auf die Schultern gefallen war.

Sie erreichten nun seinen Streifenwagen, einen alten weißen Chevrolet, der schon bessere Tage gesehen hatte und unglaublich viel Sprit schluckte.

„Großartig. Muss ich auf den Rücksitz, wie eine richtige Kriminelle?“ Ein Lachen schwang in ihrer Stimme mit.

Anstelle einer Antwort öffnete er die Beifahrertür. Sie schlüpfte hinein, anmutig und hübsch anzusehen mit ihrem schlanken, biegsamen Körper.

Sam setzte sich hinters Lenkrad. Nur das Rauschen und Knistern des Funkgeräts erfüllte die Stille, während er sich bemühte, sein Verlangen zu unterdrücken, Ashlyn anzusehen. Er wusste, wenn er dem Drang nachgab, würde er sich Dinge wünschen, die er sich besser nicht wünschte …

Als sie die Landstraße erreichten, lehnte Ashlyn den Kopf zurück.

Plötzlich war er sich ihres Dufts bewusst, ein zarter Geruch nach Mandeln und Honig. Ein seltsames Gefühl rührte sich in seiner Brust, erstarb aber sogleich wieder.

„Also, wollen Sie mir Ihre gute Tat nicht erklären?“, brach er schließlich das Schweigen.

„Es ist alles ziemlich kompliziert, aber …“ Einen Moment lang zögerte sie.

„Erinnern Sie sich an die Zeit, als meiner Familie hier mehr oder weniger alles gehörte?“ Sie wandte ihm ihr Gesicht zu.

„Ja. Ihr Bruder hat es meine Familie niemals vergessen lassen.“

Besonders durch die Art, wie Chad Spencer mit Nicks Frau Meg umgegangen war. Für ihn war sie ein nettes Spielzeug gewesen. Es gingen Gerüchte um, er hätte Meg verliebt gemacht und sie dann geschwängert. Aber Nick hatte sich öffentlich zu den Zwillingen bekannt.

„Sie haben wohl mit Nick gesprochen“, erwiderte Ashlyn. Sie lächelte schwach. „Er hat es Chad heimgezahlt. Und mein Bruder hat es verdient, auch wenn er mir zum Schluss ein wenig leidtat. Es ist nie einfach, alles zu verlieren, was einem lieb und teuer ist.“

Alles, was lieb und teuer ist: seine Eltern, seine Frau …

Erzählen Sie weiter.“

Er lockerte den verkrampften Griff ums Lenkrad und wunderte sich, dass Ashlyn immer noch lächelte. Da fielen ihm die Gerüchte von damals ein: Dass sie ständig irgendwelchen Unsinn anstellte, nur um ihre raffgierige Familie lächerlich zu machen.

„Langer Rede kurzer Sinn“, fuhr Ashlyn fort. „Meine Familie setzt gerade alles daran, das verlorene Hab und Gut wieder in die Hände zu bekommen. Ehrlich gesagt, mir liegt nicht viel daran, die alten Zustände wiederherzustellen.“

Er runzelte die Stirn. „Wieso machen Sie Ihrer Familie so viel Ärger?“

Sie lachte kurz auf. „Von Sheriff Carson hätten Sie vor seinem Tod erfahren können, dass so etwas bei mir Gewohnheit ist. Ganz einfach.“

Sam ahnte, dass noch mehr dahinter steckte, aber über die Hintergründe würde er wohl nichts erfahren.

„Wie auch immer“, sagte sie. „Ich hasse es, wenn manche Leute in der Stadt die Spencers behandeln, als wären sie Abgesandte Gottes.“ Sie setzte sich auf. „Wissen Sie, dass ihnen die Spielzeugfabrik schon wieder gehört?“

„Ich habe davon gehört …“

Auch wenn er erst seit zwei Monaten wieder in Kane’s Crossing war, die Gerüchte – alte und neue – waren auch ihm schon zu Ohren gekommen.

„Und ich habe das unangenehme Gefühl, dass mein Vater nicht rastet, ehe er wie früher ungestört schalten und walten kann.“

Sam schüttelte den Kopf. „Was ist mit den Leuten, denen die Häuser und Geschäfte jetzt gehören? Ich glaube nicht, dass sie sich noch einmal vertreiben lassen.“

„Es geht nicht darum, was die Leute wollen oder nicht. Mein Vater kann nicht ohne Macht leben.“

„Dann bin ich wohl meinen Job los, wenn er seine Muskeln wieder spielen lassen kann.“

„Worauf Sie sich verlassen können“, versicherte sie ihm trocken. „Meine Familie liebt die Ihre nicht sonderlich.“

Er räusperte sich. „Da wir gerade von zärtlichen Gefühlen reden und ich weiß, wie sehr Ihr Bruder meinen liebt – wie geht es Chad?“

Ashlyns amüsierter Ton verflüchtigte sich. „Er wohnt noch immer in der Schweiz und hat eine Frau geheiratet, die ihm alles verzeiht. Aber ich bin sicher, dass er eines Tages wiederkommt.“

Sie wechselte das Thema. „Ich weiß, ich habe schon mal gefragt, aber warum sind Sie zurückgekommen? Man erzählt, Sie hätten in Washington gelebt.“

Düstere, bedrückende Erinnerungen stürmten nun auf ihn ein.

„Es wurde Zeit für einen Wechsel“, erwiderte er knapp.

Sie bohrte nicht nach und spürte wohl, dass er nicht darüber reden wollte, denn sie wandte sich dem Fenster zu und starrte schweigend hinaus in die dunkle Nacht.

Ashlyn schaute hinaus auf die Stadt, die an ihnen vorüberflog. Kane’s Crossing mit seinem gemütlichen Kleinstadtambiente täuschte jeden mit adretten weißen Gartenzäunen und mit hübschen Blumenbeeten in gepflegten Vorgärten. Wahrscheinlich war das gemütlich klingende Knarren der Schaukeln auf den Veranden in Wirklichkeit ein Stöhnen über dunkle Geschichten hinter perfekten Fassaden.

Der Sheriff hatte recht. Es war Zeit für einen Wechsel.

Aber bisher hatte sie nicht den Mut aufgebracht, aus dem großen Elternhaus auszuziehen und die Welt hinter der hohen Gartenmauer zu erforschen.

Zu Hause fühlte sie sich sicher.

In den eigenen Zimmern, im eigenen Studio, in dem sie Skulpturen und Schmuckstücke schuf, die niemals jemand als zweitklassig oder nutzlos kritisieren konnte – sie stellte die Werke einfach nicht aus. Ihr Selbstbewusstsein reichte noch nicht, sich der großen, bösen Welt zu stellen. Außerdem konnte sie ihre Mutter nicht verlassen, die ihre Tochter anflehte, ihr durch die ungezählten Krankheiten zu helfen.

Manchmal verabscheute Ashlyn sich selbst. Ja, wenn es darum ging, Willkommenstransparente für ihren Bruder herunterzureißen, als er das letzte Mal aus Europa zurückkehrte, da hatte sie Mut. Läppisch!

Aber sich öffentlich zu einer guten Tat bekennen? Klipp und klar zuzugeben, dass sie jemandem wie Mrs. Trainor helfen wollte? Fehlanzeige!

Ob sie jemals so viel Mumm aufbringen könnte, ihrem Vater zu sagen, wie sehr es sie schmerzte, dass sie für ihn immer nur an zweiter Stelle stand? Nach Chad.

Es half nichts, sich deswegen zu quälen. Sie wusste es doch schon seit vielen Jahren. Vielleicht war das der Grund, warum sie ihre Familie beharrlich vor anderen lächerlich machte. Wo immer sich eine Gelegenheit bot.

Aber niemand wusste, dass ihre eigenen frivolen Späße sie im Grunde genommen schon seit Langem anödeten.

„Miss Spencer?“

Sam. Sam Reno. Sie hatte glatt vergessen, dass sie neben ihm im Wagen saß. Und doch, wie konnte sie das, da doch der schwache Duft seines herben Aftershaves in der Luft hing?

„Nennen Sie mich ruhig Ashlyn“, bot sie an und betrachtete ihr Spiegelbild in der Scheibe. Dann wandte sie sich ihm langsam zu, um zu sehen, ob er auf sie reagierte.

Natürlich nicht. War sein Gesicht schon immer so ausdruckslos gewesen, so ohne jegliche Regung?

Wie sehr hat Washington ihn verändert, dachte sie. Seine Doc-Martens-Schuhe waren zu neu, das Gleiche galt für die saubere braune Uniformjacke und die frische blaue Jeans. Ein Großstadtmensch, der seine Kleinstadtwurzeln vergessen hatte.

Kurz blitzte das Schild des Reno Center for Children auf, dann war es auch schon außer Sichtweite. Das Heim lag im Dunkeln. Anders als das Sheriffbüro, das sie gleich darauf erreichten.

Sam trat auf die Bremse, stellte den Motor aus und warf ihr dann einen Blick zu. Und Ashlyn entdeckte etwas, das sie auf Mrs. Trainors Veranda nicht hatte sehen können.

Seine braunen Augen bargen eine Trostlosigkeit, die ihr zu Herzen ging. Keine Frage, Sam Reno trug eine Menge Kummer mit sich herum.

2. KAPITEL

Ashlyn fiel gleich auf, wie aufgeräumt der Schreibtisch des Sheriffs war, als sie sich auf den Stuhl davor setzte. Aber sie wusste auch, dass die Sheriffs von Kane’s Crossing es nur mit renitenten Teenagern zu tun hatten, die einen über den Durst tranken. Oder aber sie waren auf der Jagd nach Spencers missratener Tochter. Schon seit Ewigkeiten hatte es hier keine ernsthaften Zwischenfälle mehr gegeben, seit …

Seit Sams Vater in der Fabrik zu Tode gekommen war.

Er setzte sich in seinen Sessel, zog die Jacke aus, lehnte sich zurück, legte die Füße auf den Schreibtisch und musterte Ashlyn nachdenklich. Der Sheriffstern könnte auch mal wieder poliert werden, dachte sie flüchtig.

„Ashlyn Spencer, ehrlich gesagt weiß ich nicht, was zum Teufel ich mit Ihnen anfangen soll. Widerrechtliches Betreten eines Grundstücks ist verboten, egal, welche ehrenhaften Motive man hat.“

„Sperr sie ein“, knurrte jemand vom Zellentrakt um die Ecke her.

Ashlyn erkannte die Stimme sofort. „Halt dich da raus, Junior.“

Sam blickte sie nachdenklich an. „Ich könnte Sie natürlich mit Junior Crabbe in eine Zelle stecken, nur so zum Spaß.“

Sie verzog das Gesicht. „Nicht gerade das, wovon ein Mädchen träumt, Sheriff.“

Junior Crabbe und sein Kumpan Sonny Jenks hatten früher viel mit ihrem Bruder herumgehangen. Sie waren der Schrecken jedes anständigen Bürgers, prügelten sich, tranken zu viel und belästigten andere Leute.

Vielleicht steckt er mich tatsächlich zu Junior in die Zelle. Um mir eine Lektion zu erteilen, dachte sie leicht beunruhigt.

Ein Schwall frischer Luft wehte herein, als sich plötzlich die Tür öffnete. Ashlyn drehte sich um. Der neue Hilfssheriff, Deputy Gary Joanson, schleppte mühsam einen Betrunkenen herein. Sonny Jenks.

„Hi, Ashlyn. Hi, Sheriff“, keuchte er.

„Hallo, Joanson.“ Der Sheriff nickte ihm zu, nahm aber den Blick nicht von seinem eigenen Problem.

Gary, ein wahrer Hänfling, mühte sich, den bulligen Sonny den Flur entlangzuschieben. Junior begrüßte johlend seinen Kumpel.

Ashlyn wurde allmählich nervös. Sie fingerte an ihrem Halsband herum, eine eigene Kreation.

Um die Spannung im Raum zu mindern, sagte sie: „Und … sind Sie nun froh, wieder in Kane’s Crossing zu sein?“

Sein Gesicht blieb ausdruckslos. „An manchen Tagen mehr als an anderen.“

Ashlyn beugte sich vor und legte den Kopf in die Hände. „Ich habe gehört, dass Meg Cassidy jede Menge ihrer berühmten Blaubeerkuchen backt. Die von der Sorte Bring mir einen Lover.“

„Soll heißen?“ Er runzelte die Stirn.

Schön vorsichtig. Zum Flirten kannte sie ihn eigentlich nicht gut genug, aber was hatte sie schon zu verlieren? Vielleicht schaffte sie es so, sich Ärger zu ersparen.

„Sie kennen doch den Tratsch über die angeblichen Zauberkünste Ihrer Schwägerin. Iss ein Stück von ihrem Angel’s Food Cake, und du heiratest. Iss ein Stückchen Schokoladenkuchen, und du wirst schwanger. Und seit Sie wieder in der Stadt sind, hat sie eben einen Haufen Blaubeerkuchen verkauft.“

Der Sheriff beschäftigte sich auffällig eingehend mit dem dünnen Papierstapel auf seinem Schreibtisch. „Wie dick ist Ihre Akte hier, Ashlyn?“

„Ziemlich dick.“ Vielleicht half ein wenig Schmeichelei. „Es fällt auch auf, dass seit Ihrer Rückkehr ziemlich viele Frauen den Notruf gewählt haben. Falscher Alarm meistens, Kekse, die unbedingt probiert werden sollten …“

Sein Gesicht rötete sich. Ashlyn lehnte sich entspannt zurück und beschloss, das Thema Liebe geht durch den Magen fallen zu lassen. Dieser Mann war für Komplimente eindeutig nicht empfänglich.

Er stand auf und ging zum Aktenschrank. In einem Tempo, als hätte er alle Zeit der Welt, suchte er etwas, zog gemächlich eine Akte heraus, die den Umfang von Tolstois Krieg und Frieden hatte, kam zurück und knallte sie auf den Schreibtisch.

„Meine?“

„Die ganzen fünfzig Pfund. Ich muss sagen, ich bewundere Ihre Ausdauer.“

Auch ohne einen Blick hineinzuwerfen, wusste Ashlyn, was drinstand. Jede Menge Beweise, welchen Blödsinn sie verzapfen konnte. Wenn es darum ging, ihren Vater zu ärgern, war sie ausgesprochen kreativ.

Sie lehnte sich zurück, faltete die Hände im Schoß und senkte den Kopf. „Ich möchte Ihnen Ihre Arbeit nicht schwerer machen als nötig.“

„Herzlichen Dank.“ Machte er sich über sie lustig?

Sie blickte auf, aber sein Gesicht zeigte immer noch keine Regung.

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