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Großer Mann/kleiner Mann

Jo Ziegler

Großer Mann/kleiner Mann

Erlebnisse aus der Nachkriegszeit - vom zerstörten Ruhrgebiet bis nach Berlin





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

GROßER MANN / KLEINER MANN

Erlebnisse aus der Nachkriegszeit – vom zerstörten Ruhrgebiet bis nach Berlin

von JO ZIEGLER

 

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de

 

© 2014 des Romans „GROSSER MANN/ KLEINER MANN (Erlebnisse aus der Nachkriegszeit – vom zerstörten Ruhrgebiet bis nach Berlin)“ by Jo Ziegler

Wir danken Dr. Krumow vom Berliner Aufbau-Verlag, dass der Autor in Anlehnung an Falladas

großartigem Roman den obigen Titel nutzen darf.

 

© Cover 2014 by Jo Ziegler, Layout by Steve Mayer

 

 

Jo Ziegler verarbeitet eigene biografische Begebenheiten aus seiner Jugend in der unmittelbaren Nachkriegszeit im zerbombten Ruhrgebiet bis 1968er Jahre und übt dabei gesellschaftlich wenig euphorische Kritik.

 

Alltägliche kleinste Beobachtungen reihen sich zu langen Assoziationsketten, um der eigenen subjektiven Wahrnehmung auf die Spur zu kommen…

 

Jo Ziegler entführt uns mit seinen eigenen Beobachtungen und sieben Interviews durch sieben verschiedene Orte im Münsterland, im Rheinland, im Ruhrgebiet und durch Berlin in eine Zeit des Umbruchs des frühen Nachkriegsdeutschlands.

 

 

 

 

21. 10. 2009

Interview in Köln in den Ausstellungsräumen der Magistrale des Stadthauses Deutz.

 

Notiz

Anfahrt bei schönem lichten Herbstwetter, hoch bewölkt, trocken.

Parkieren am Tanzbrunnen. Davon einige Fotos und von der Rheinbrücke mit dem dahinter liegenden Kölner Dom gemacht.

Nachfolgend nervendes Suchen der Magistrale des Stadthauses Deutz, wobei eine freundlich befragte Seniorin, offensichtlich eine Anrainerin an Rollator, mich mittels ihrer Kölschen Mundart defraudiert, jedoch darauf folgend eine Patchwork-Familie mit einem super breiten Kinderwagen für zwei oder gar für drei Kinder, mich in Englisch kurz und knapp einweist:

“Next crossing ahead, then turn right!”

 

„Danke!“

 

Das klingt ja wie zu Hause, wie im Revier.

Klingt wie „Kurze Wege – Mittelfeld“, entliehen allgemein bekannter Fußballregeln.

Nun steh ich vor dem Eingang des Gebäudes, steh und steh und steh…

Mein Interviewpartner lässt auf sich warten, daher bitte einen Passanten, der eine pulsierende prall gefüllte Plastiktüte schleppt, offensichtlich befüllt mit Leergut, von mir, selbstverständlich mittig im Eingang der Magistrale stehend, ein Foto mittels meines mitgeführten digitalen Fotoapparates zu machen. In derartigen Momenten bin ich ein absoluter Optimist. Warum? Weil intuitiv dieser Typ seine prall gefüllte Plastiktüte mehr liebt als meine 677 Gramm schwere digitale Optik und, selbst wenn er brisanterweise tatsächlich damit an diesem schönen Vormittag stiften gehen sollte, dann hat er ganz, ganz schlechte Karten, denn…

Da pocht schon freudig mein Sportlerherz und ist bereit zum Quick-Start wie Super-Sprint.

Denn nunmehr, nach sieben Jahren körperlicher wie seelischer Ressourcenbildung in einem angesagten Sporting-Center, bin ich freudig fit wie Schmitts Pinscher.

Allerdings, im visuellen Umfeld vermittelt möglicherweise die Optik meiner langlebigen heiß geliebten Casuals ein anderes Bild, weswegen ich von meiner besseren Hälfte bereits Zunder bekam.

„Also, wirklich!

Deine abgewrackte blaue Windjacke und Dein Streifen-Hemd mit Brand- und Farbfleck, sag mal, musst Du so herumlaufen?“

 

GROßER MANN – was nun!?

Notizende

 

„Entschuldigung!

Offensichtlich sind wir sind hier verabredet. Als Erkennungszeichen haben Sie eine silberne Digitalkamera geschultert, sehe ich das richtig?“

 

„Ja, richtig!

Wünsche einen Guten Tag!

Dann gehen wir doch rein, rein in den Ausstellungsraum und gehen dort in medias res.“

 

„Tja!

Die Optik Ihres Interviewbogens finde ich sehr ansprechend, und dann habe ich mich auch gerne mit dem rückseitigen Text befasst und, schon sind wir im Gespräch.

Aber, bitte sehr, woher stammt denn die Abbildung?“

 

Steht diese Frage in Zukunft jetzt immer an erster Stelle? An eine derartige Gesprächseröffnung habe ich gar nicht gedacht, schießt es mir durchs Hirn, während ich meinen Blick hebe. Meinen Blick hebe und gleichzeitig abziehe von meinen sorgsam vorbereiteten DIN-A-4 Blättern „Zur Nutzung narrativer Gesprächstechnik bei biographisch-narrativer Gesprächsführung“, bedeckt vom Voice Recorder nebst Stadtplan. Zeitgleich fühle mich irgendwie ertappt. Ertappt, wie bei Nutzung eines verbotenen Spickzettels wie zu Schulzeiten. Nein, so läuft das nicht. Weder jetzt, noch in Zukunft. Also, Flucht nach vorne mittels Ablenkung, Deviation, Pause machen oder Butter bei die Fische geben – genial! Das mach ich doch glatt.

 

„Sehen Sie, die Ihnen dargebotene Abbildung eines kleinen Mannes, Hand in Hand mit einem großen Mann, ist das Produkt intensiver Recherche, einher gehend mit einem eigenen Foto Shooting vor Ort bei unfreundlichen Temperaturen und regnerischem Wetter sowie anschließend geadelt vermittels digitaler Bildbearbeitung.“

 

„Und wo genau, fand Ihr Foto Shooting statt?“

 

„In Offenbach am Main auf dem Platz vor dem Isenburger Schloss, wo eine Skulptur Teil eines Brunnens ist und wobei dieser so genannte Ludo-Mayer-Brunnen sicherlich einen der interessantesten Standorte im Offenbacher Stadtgebiet abgibt, denn dort, im Innenhof der Hochschule für Gestaltung, trifft das moderne Offenbach auf seine Wurzeln.

Will sagen, der Ludo-Mayer-Brunnen ist Schnittpunkt zwischen Renaissance und Moderne.“

 

„Da haben Sie sich ja mächtig ins Zeug gelegt!“

 

„Muss sein, alleine schon aus urheberrechtlichen Gründen!

Und auf diese Weise bin ich mal nach Offenbach am Main gekommen - war ein aufschlussreicher Tagesausflug.“

 

„Nun, ja!

Neue Orte erkunden und erleben, das finde ich selber auch sehr interessant und spannend. Hängt vermutlich damit zusammen, dass ich bis zur Einschulung in Münster lebte, von wo meine Eltern, mein Großvater und ich dann nach Köln zogen - bedingt durch eine berufliche Veränderung meines Vaters.

Also:

Wir wohnten damals nicht mitten in Münster, eher am Stadtrand. Dort, wo sich direkt hinter den Häusern Wiesen und Äcker dehnten. Wo auf den Wiesen wiederkauende Kühe waren, manchmal auch Pferde, wiehernd und riesengroß. Jedenfalls gab es drum herum diese Einfriedungen mit Elektrodraht und tickende Kästen der Impulsgeber. Die großen Jungs sagten, dass in der Zeit zwischen dem einen Tick und dem anderen Tack kein Strom fließt. Das hab ich geglaubt und den Draht fest mit der Hand umschlossen. Doch da bekam ich einen gewischt. Mir fuhr ein knüppelharter Schlag in den Arm und beinahe hätte ich mich rückwärts hin gesetzt. Aus jener Zeit stammt der Spruch:

Alle Menschen sind klug, die einen vorher, die anderen nachher. Später entpuppte sich der Satz als ein spitzes Zitat vom Meister-Spötter Voltaire.“

 

Ist es denn wahr? Da werde ich wieder an meine Studentenzeit in Münster erinnert:

Damals bewohnte ich ein möbliertes Zimmer im Anbau eines windgeduckten Hauses an der Peripherie. An der Peripherie – so benannte man bei mir zu Hause die Vororte der Großstadt. Bezogen auf die Provinzhauptstadt Münster konstatierte ich eher Begriffe wie „Walachei“, was „Pampa“ und „j. w. d.“ bedeutet und abgelegene Distrikte meint.

Wohnte dort aus Kostengründen auf dem Lande, denn dort war die Unterkunft sehr preiswert.

Die fetten Viecher auf den Wiesen wirkten eher beruhigend, doch der ländliche Terror schwappte saisonal über den Fußabtreter direkt in meine Bude, da sich auf gleicher Ebene direkt davor ein Rübenacker dehnte. Abgesehen von der Pestilenz eine Jauchedüngung, krabbelten Käfer jeder Couleur im Frühjahr hervor, gefolgt von Stechtieren im Verbund mit Mäusen im Sommer, wobei ein gesund glänzendes rundes Tier - möglicherweise Mama-Maus - mitten im Raum verharrte, auf jeden Fall kurz vor meinem Esstischen mit ihren glänzenden schwarzen Augen in Stellung ging, während ich eine kulinarische Neukreation eines Kommilitonen nachbaute, und zwar so:

Auf Basis einer Knäckebrotscheibe eine fingerdicke Quarkschicht aufbringen. Abdecken mit einer Käsescheibe und noch einmal bestreichen mit Quark, damit es beim Abbeißen nicht quietscht!

Just in diesem Moment ging mir meine erste und letzte Messerattacke von

der Hand. Hinterließ einen Quarkfleck auf dem Teppich, während draußen die Maus ihren Warnruf permanent piepste. Noch heute führe ich besagtes Messer; dabei dient es mir manchmal beim Spachteln meiner Ölfarben auf Leinwand.

Na, ja!

Im Herbst suchten sodann Spinnen ihr warmes Stübchen und im Winter wehten mir Schneewehen vor und sogar hinter die Eingangstür.

 

„Sehen Sie, ich denke zurück an meine frühe Kindheit. Erinnere mich an die Zeit in Münster, eingebettet in ein Panorama ländlicher Umgebung mit Tieren, Sonnenblumen, Schweinen, Haushunden, schnurrenden Katzen, tschilpenden Spatzen und gurrenden Tauben, und in diesem wohligen Ensemble sehe ich ein gelblich leuchtendes Feuer weit hinter dem Garten unseres Hauses, weit entfernt, wohl auf dem Acker von Bauer Diepenbrock oder Piepenbrock oder Tenbrock oder Zumbrock oder Sonstwiebrock.

Ein Kartoffelfeuer soll das sein!

Ein Kartoffelfeuer!

Was genau dort abläuft, wollte ich wissen.

Jawohl!

Das machen wir doch glatt, und schon half mir mein Großvater im Windfang in die Stiefel.

Warum sich zur Erkundigung mein Großvater mit mir auf den Weg machte, ahne ich heute, denn war und ist es nicht gleichwerte Männersache, das Rohe ins Gare zu überführen, Fleisch im Feuer, Kartoffeln im Feuer, sodann ein Happen vom Spieß?

Die native Art, eine Familiengruppe archetypisch zu nähren?“

 

„Mag sein!

Sowohl die Beherrschung des Feuers war vormals wichtig und auch die Nahrungsbeschaffung durch Jagen, Fischen oder Sammeln.“

 

„Nun gut!

Eingestielt in meine heiß geliebten roten Gummistiefel, flankiert von grünen Riesentretern meines Großvaters, machten wir zuerst am Sandkasten Halt, denn meinen verbeulten Spielzeugeimer, wohl gemerkt aus Blech, den sollte ich mitnehmen.

Bei einsetzender Dämmerung schien mir das Feuer zunehmend zu strahlen und im nächsten Moment stolperte ich und landete bäuchlings in einer Ackerfurche. Den Geruch des aufgeworfenen Ackers nach Kartoffelernte habe ich bis heute gespeichert, ebenso den Geruch des Kartoffelfeuers, der angekokelten Kartoffelschalen sowie der aufgebrochenen durchgegarten dampfenden dunkel-gelben dicken Kartoffeln.“

 

„Bei dieser besonderen geruchlichen Assoziation könnte sich gleichwohl Appetit bei mir einstellen, aber, bitte sehr, das Frühstück ist ja kaum verdaut, jetzt, bei zwanzig nach zehn Uhr am hell-lichten Vormittag.“

 

„Also, mein Großvater klopfte mir Ackerkrumen von Hose und Jacke, wobei ich eine Kartoffel zwischen meinen Stiefeln entdeckte und, endlich beim Feuer angekommen, war mein Eimerchen von weiteren aufgelesenen Exemplaren randvoll gefüllt. Mehrere Personen waren zugegen mit einem „Hallo, kleiner Mann“ auf ihren Lippen. Warum mein Großvater nun unsere mühsam eingesammelten Kartoffeln ins Feuer kippte, klärte sich wenig später.

Mir machte es derweil Spaß, Strünke ins Feuer zu werfen, diese lichterloh aufflammend und schnell verglühend abbrennen zu sehen und gleichzeitig die Hitze des Gluthaufens auf meinen Händen und im Gesicht zu fühlen.“

 

Vermutlich haben die Beiden bei ihrer häuslichen Rückkehr gestunken. Gestunken aus allen Poren, Knopflöchern und Kleidungsstücken und, bei häuslicher Erwärmung derselben, in einem zunehmend strengen Mief eines ländlichen Münsteraner Kartoffelfeuers der Kategorie-1-A unfreiwillig für Zunder gesorgt.

Ähnlich wie ich, damals, gerade mal sechs Jahre alt, nach Abfackeln eines Bahndamms, nach Ausräuchern eines Wespennetzes oder nach einem gezielt gelegten Matratzenbrand im Keller einer zerbombten Hausruine, wonach ich, wieder zu Hause angekommen, als definitive Beendigung meiner Aktion in einem unfreiwilligen wenig temperierten Vollbad in einer riesigen Badewanne landete und dabei mit einem harten Waschlappen von oben bis unten abgeschrubbt wurde.

 

„Später holte mein Großvater mit einer Schaufel unsere Erdlinge aus der Glut des Feuers und füllte sie mit nunmehr schwarzer Schale bis auf ein verbleibendes Exemplar in mein Eimerchen. Nach dem Abkühlen wurde diese Kartoffel aufgebrochen, mit Salz bestreut und ausgelöffelt und geruchlich wie geschmacklich unwiederbringlich gespeichert.

 

Auf dem Heimweg trug mein Großvater meinen gefüllten heißen Spielzeugeimer und ich suchte Halt an seiner Hand, während wir uns gemeinsam langsam und vorsichtig auf dem aufgeworfenen Acker vorantasteten, nunmehr bei völliger Dunkelheit, im Rücken das kleiner werdende Feuer und vor uns der schwache Lichtschein einer aufgelockerten Häuserreihe hinter Hecken.

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