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Großband Urlaubskrimis Januar 2019

Alfred Bekker, Wolf G. Rahn, Cedric Balmore, Horst Friedrichs, Konrad Carisi, Sophie Carisi

Großband Urlaubskrimis Januar 2019

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Inhaltsverzeichnis

  • Großband Urlaubskrimis Januar 2019
  • Copyright
  • Eine Leiche im Gepäck: N.Y.D. – New York Detectives
  • Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet
  • HK GREIFF: Die schreckliche Wahrheit
  • ​Ein Mann für besondere Aufträge
  • ​Kein Grund zum Feiern!
  • MÖRDER MIT HUT
  • Kommissar Morry: Schieß, wenn du kannst
  • Pacinos Killergarde
  • Entführung ins Nirgendwo

Großband Urlaubskrimis Januar 2019

Alfred Bekker, Wolf G. Rahn, Cedric Balmore, Horst Friedrichs, Konrad Carisi, Sophie Carisi

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Wolf G. Rahn: Eine Leiche im Gepäck

Konrad Carisi/Sophie Carisi: Der Auftragskiler, der nicht wusste, warum er tötet

Wolf G. Rahn: HK Greiff - DIe schrecklche Wahrheit

Alfred Bekker: Ein Mann für besondere Aufträge

Alfred Bekker: Kein Grund zum Feiern

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

Cedric Balmore: Kommissar Morry: Schieß, wenn du kannst

Horst Friedrichs: Pacinos Killer-Garde

Horst Friedrichs: Entführung ins Nirgendwo


Stede Rumsey befindet sich in einer schier ausweglosen Situation: Als er den schwarzen Cadillac stiehlt, hat er nicht damit gerechnet, im Kofferraum eine Leiche mit Einschusslöchern in der Brust zu finden. Er ist ein kleiner Autoknacker, aber mit Mord hat er noch nie etwas zu tun gehabt. Bei seinem Pech ist damit zu rechnen, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Deshalb wendet sich der Ganove an den Privatdetektiv Bount Reiniger, dem er vertraut, auch wenn dieser ihn schon einmal wegen Autodiebstahls in den Knast gebracht hatte. Der Detektiv ist der Einzige, der ihn vor einer Mordanklage bewahren könnte - vorausgesetzt er findet den wahren Täter ...

Eine Leiche im Gepäck: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn





Stede Rumsey befindet sich in einer schier ausweglosen Situation: Als er den schwarzen Cadillac stiehlt, hat er nicht damit gerechnet, im Kofferraum eine Leiche mit Einschusslöchern in der Brust zu finden. Er ist ein kleiner Autoknacker, aber mit Mord hat er noch nie etwas zu tun gehabt. Bei seinem Pech ist damit zu rechnen, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Deshalb wendet sich der Ganove an den Privatdetektiv Bount Reiniger, dem er vertraut, auch wenn dieser ihn schon einmal wegen Autodiebstahls in den Knast gebracht hatte. Der Detektiv ist der Einzige, der ihn vor einer Mordanklage bewahren könnte - vorausgesetzt er findet den wahren Täter ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Die Hauptpersonen des Romans:

Stede Rumsey - Ein Superschlitten sticht ihm in die Augen. Doch schon bald wünscht er sich, ihn nie angerührt zu haben.

Strode, Delmer und Brooks - Die Gangster sind nicht gewillt, sich ihre Beute stehlen zu lassen. Sie schlagen zurück.

Smith - Er glaubt, auf die Schnelle absahnen zu können. Das geht ins Auge, und zwar in seins.

Mary Flippen - Sie weiß, dass ihr Mann sie betrügt. Doch die Gefahr nähert sich von einer ganz anderen Seite.

June March – unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.



1

Stede Rumsey war alles andere als zufrieden. In seinem Leben hatte es zwar schon miese und sehr miese Tage gegeben. Doch dieser hier gehörte ohne Frage zu den allermiesesten.

Er brauchte unbedingt Kohle. Die Miete war er seit zwei Monaten schon schuldig. Die Haare schnitt er sich selbst, und sein Speisezettel bot die Abwechslung eines Zuchthausfraßes.

Stede schüttelte sich. An den Knast wollte er lieber nicht denken. Die achtzehn Monate gehörten zu seinen unerfreulichsten Erinnerungen.

Damals hatte er auch unbedingt Knete gebraucht. Eine Situation wie jetzt. Es war ganz einfach gefährlich, unter finanziellem Druck arbeiten zu müssen.

Der Ganove blieb unter einer Straßenlaterne stehen und zündete sich ungeschickt eine Zigarette an.

Der flackernde Lichtschein des Zündholzes fiel auf das magere Gesicht mit den etwas hervorstehenden Augen und der leicht gekrümmten Nase.

Sein Blick blieb an einem Ford Mustang hängen, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt war. Ganz verlassen und traurig stand der Wagen da.

War es nicht Stede Rumseys Pflicht, sich dieses bedauernswerten, einsamen Fahrzeugs anzunehmen?

Stede Rumsey warf einen Blick über seine Schulter. Nein, es kam niemand. Das hier war eine recht ausgestorbene Gegend.

Er setzte sich in Bewegung und überquerte die Fahrbahn.

Als er nur noch fünf Schritte von dem Ford entfernt war, öffnete sich die Tür des Hauses, vor dem der Wagen stand. Ein Pärchen trat scherzend heraus und hielt auf den Ford zu.

Verflucht! Es war wirklich ein mieser Tag. Heute ging alles schief. Das war nun schon der sechste Versuch, der missglückt war. Vielleicht sollte er doch besser umsatteln und in Zukunft gebrechlichen Rentnerinnen die Handtaschen klauen. Dazu war er wohl hoffentlich noch in der Lage.

Stede Rumsey schwenkte geschickt ab und bog um die Ecke, während hinter ihm der Motor des Ford Mustang angelassen wurde und der Wagen sich entfernte.

Die Augen des Autoknackers schienen plötzlich noch etwas weiter hervorzutreten, als er die schwarze Limousine in der Hauseinfahrt entdeckte. Ein Cadillac Seville. Ein Traumwagen mit allen Schikanen. So einen Schlitten wurde er reißend los.

Schon von Weitem sah er, dass die Tür auf der Fahrerseite nicht ganz geschlossen war. Der Besitzer würde gleich zurückkommen. Wahrscheinlich hatte er nur etwas im Haus vergessen.

Stede Rumsey überlegte nicht lange. Vielleicht war dieser Tag doch nicht ganz so schlecht.

Er sprintete los, umrundete den Wagen und warf sich auf die atemberaubend weichen Polster.

Er wollte schon den Draht aus der Tasche nehmen, den er zum Kurzschließen von Zündungen stets bei sich trug, als er den Schlüssel entdeckte.

Das war ja zu schön, um wahr zu sein. Ein Geschenk des Himmels. Leichter ging es wirklich nicht mehr.

Der Motor war beim Anlassen kaum zu hören. Lautlos glitt der Caddy auf die Straße und gehorchte dem Autodieb, der ihn in weitem Bogen nach links zwang.

Einen solchen Wagen zu fahren war ein Genuss. Stede Rumsey hätte ihn liebend gerne für sich behalten. Wenigstens ein paar Wochen.

Doch das ging nicht. Erstens würde ein Kerl wie er in einer solchen Luxuskarosse schon nach einer Stunde auffallen und das Misstrauen der Bullen auf sich ziehen. Und zweitens brauchte er das Geld nötiger als eine Karre, die dazu noch einen unverschämten Durst entwickelte.

Dass sich die Außenspiegel mühelos von innen einstellen ließen, verstand sich von selbst. Stede Rumsey erledigte diese Handgriffe und zuckte im gleichen Moment zusammen.

Eine dunkelblaue Limousine schoss hinter ihm aus einer Seitenstraße heraus und nahm mit quietschenden Reifen Kurs auf ihn.

Die Bullen! Das hätte er sich ja denken können. An einem solchen Tag fasste man am besten erst gar nichts an. Nicht einmal einen Cadillac Seville.

Aber noch gab sich Stede Rumsey nicht geschlagen. Seine Verfolger waren ihm unterlegen, was ihren fahrbaren Untersatz anging.

Er gab Gas, und der Caddy ging wie eine Rakete los. Nur wesentlich leiser.

Seine Verfolger blieben dran. Jetzt waren die letzten Zweifel beseitigt. Sie meinten ihn.

Stede Rumsey presste die Lippen zusammen.

Also gut, Freunde! Wollen doch mal sehen, ob ihr’s mit einem Caddy und mir aufnehmen könnt. Hoffentlich habt ihr bei den Schleuderkursen in euren Schulungen ordentlich aufgepasst. Sonst klebt ihr nämlich gleich am nächsten Baum.

Es war eine Freude, wie der Schlitten auf jeden noch so behutsamen Pedaldruck reagierte.

Stede Rumsey hatte den Stadtplan der Riesenstadt New York im Kopf. Das war seine Stärke. Er kannte sich in den stillen Außenbezirken genauso gut aus wie im dichtesten Gewühl von Manhattan.

Er hielt es für besser, jetzt in der Menge unterzutauchen. Um diese Zeit endeten die Theatervorstellungen am Broadway. Auf den Parkplätzen und in den Parkhäusern fiel in dieser Gegend ein Caddy weniger auf als in der biederen Wohngegend von Queens.

Der Ganove riss das Lenkrad herum und stieg gleichzeitig auf die Bremse.

Der Cadillac brach hinten aus, ließ sich aber willig in die neue Richtung zwingen. Fast ohne Tempoverlust jagte er weiter.

Hinter ihm kreischte es. Die Bullen hatten wesentlich mehr Mühe, ihm dieses Manöver nachzumachen. Sie schafften es zwar auch, aber sie verloren fast hundert Meter dabei.

Jetzt hatte er Zeit genug, um zwei Straßenecken zu biegen und damit seine Verfolger an der Nase herumzuführen. Sie rechneten bestimmt nicht damit, dass er wieder zurückfuhr. Ein alter Trick.

Mist! Den hatten sie anscheinend doch gekannt. Der dunkelblaue Chevy tauchte jetzt seitlich von ihm auf. Mit diesem Manöver hatte sich Stede Rumsey selbst in den Hintern getreten.

Unweit von ihm blitzte es auf. Etwas knallte hinten gegen den Kofferraum.

Jetzt wurde es ernst. Die Halunken machten von der Schusswaffe Gebrauch.

Der Gauner biss die Zähne zusammen. Es war ungewöhnlich, auf einen kleinen Autodieb gleich zu schießen. Wahrscheinlich glaubten sie, einer organisierten Autoknackerbande auf der Spur zu sein. Die Konkurrenz betrieb dieses Geschäft ja im großen Stil.

Sie stellten das Feuer nicht ein, aber inzwischen hatte Rumsey den Abstand wieder vergrößert, sodass ihn sämtliche Kugeln verfehlten.

Er ärgerte sich. Der Einschuss machte ihm zusätzliche Arbeit.

Aber vielleicht übernahm Brady den Schlitten so, wie er war, und führte die Reparatur und die neue Lackierung selbst aus. Allerdings würde das den Preis erheblich drücken.

Doch darüber konnte er sich später Gedanken machen. Vorläufig war noch gar nicht sicher, dass er die Beute auch behalten durfte. Seine Anhängsel waren mächtig hartnäckig.

Er peitschte den Cadillac kreuz und quer durch Long Island City. Erst als er den Chevrolet nicht mehr sah, schoss er auf die Zufahrt zur Queensboro Bridge zu und setzte nach Manhattan über.

Auch hier war er sich noch nicht sicher, dass er es geschafft hatte. Er raste nach Norden, durchquerte den Central Park und sauste an der West Side wieder zurück.

Die ganze Zeit war von der Polizei nichts zu sehen, und auch andere Streifenwagen kümmerten sich nicht um ihn.

Da endlich wurde Stede Rumsey ruhiger, und er begann sich über den gelungenen Coup zu freuen.

Er brauchte jetzt unbedingt einen Drink. Nur einen ganz kleinen, denn er wollte die Übersicht nicht verlieren.

Er stellte den Caddy in ein Parkhaus in der 58sten Straße und schloss ihn gewissenhaft ab.

Beim Vorbeigehen stellte er erleichtert fest, dass die Kugel nicht den Lack beschädigt, sondern lediglich eine Zierleiste ein wenig platt gedrückt hatte. Das war nicht der Rede wert.

Gut gelaunt fuhr er mit dem Lift hinunter und trat ins Freie.

Auf den ersten Blick entdeckte er den „Bird of Paradise“ mit seiner grellen Lichtreklame.

In solche nicht gerade billigen Schuppen hatte er seine Nase schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesteckt. Heute konnte er sich das leisten. Der Caddy würde ihm mindestens fünf Riesen bringen.

Stede Rumsey überprüfte seine Barschaft, bevor er das Nachtlokal betrat. Sechzehn Dollar und dreißig Cent. Das reichte für einen Drink oder auch zwei.

Er gab sich einen Ruck und öffnete die Tür.

Als er den Mann am Ecktisch erkannte, der genau in seine Richtung blickte, erschrak er heftig. Ausgerechnet!

Am liebsten wäre er rückwärts wieder auf die Straße gerannt, doch damit wäre er erst recht aufgefallen.

Also gab er sich Mühe, ein möglichst unbefangenes Grinsen zu zeigen. Er wusste aber schon im Voraus, dass er damit bei diesem gerissenen Fuchs nicht durchkommen würde.



2

Bount Reiniger war nicht blind. Auch wenn er im Verlauf dieses Abends bereits vier Whisky genossen hatte, trübte das seinen Blick nicht. Und seine Menschenkenntnis litt erst recht nicht darunter.

„Entschuldige mich einen Moment“, sagte er zu dem Mann an seinem Tisch. „Ich möchte einen alten Bekannten begrüßen. Er könnte mich sonst für unhöflich halten.“

Er erhob sich und ging auf den Burschen zu, der unschlüssig an der Tür stehen geblieben war.

„Suchen Sie noch einen Platz, Stede? Um diese Zeit ist es im 'Paradiesvogel' meistens gesteckt voll. Wenn Sie wollen, setzen Sie sich doch zu uns. Mr. Sharp werden Sie wahrscheinlich nicht mehr kennen. Er war schon im Ruhestand, bevor wir beide uns kennenlernten. Früher arbeitete er für das Raubdezernat. Wir haben uns zufällig getroffen.“

Bount machte eine einladende Handbewegung, aber Stede Rumsey lehnte mit allen Zeichen deutlichen Entsetzens ab.

„Ich möchte wirklich nicht stören, Bount“, versicherte er eifrig. „Außerdem, wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich in der Gesellschaft eines Polizisten noch immer nicht sonderlich wohl.“

„Eines ehemaligen Polizisten“, korrigierte der Privatdetektiv schmunzelnd. „Der tut Ihnen nichts mehr. Da brauchen Sie keine Angst zu haben.“

„Ich habe keine Angst“, brauste der Ganove auf. „Sehen Sie das Tischtuch hier, Bount? So sauber ist mein Gewissen.“

Bount lachte und schob den Aschenbecher beiseite. Darunter kam ein bräunlicher Fleck von der Größe einer Dollarnote zum Vorschein.

„Hoffentlich haben Sie das nicht wörtlich gemeint, Stede“, sagte er belustigt. „Womit verdecken Sie Ihren Fleck auf der weißen Weste?“

„Na hören Sie mal! Ich bin kuriert. Die Sache damals hat mir gelangt. Wissen Sie, wie viel ich bekommen habe? Achtzehn Monate. Und die hatte ich Ihnen zu verdanken.“

„Irrtum! Die hatten Sie einzig und allein sich selbst zu verdanken. Man fährt eben nicht mit Autos davon, die einem nicht gehören. Früher oder später geht das ins Auge und von da aus auf direktem Weg ins Gefängnis. Das können Sie unmöglich mir zum Vorwurf machen.“

„Sie haben ja recht, Bount“, lenkte Stede Rumsey ein. „Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Jetzt kann mir niemand mehr etwas nachsagen. Sie nicht und Ihr Mr. Sharp auch nicht.“

„Aber zu einem Drink darf ich Sie trotzdem einladen“, lockte Bount. Er wurde das Gefühl nicht los, als hätte Stede Rumsey etwas auf dem Herzen und suchte nur einen Zuhörer, dem er sich anvertrauen konnte. „Der Whisky ist hier ausgezeichnet. Mich interessiert, wie Sie den Sprung in das ehrliche Leben geschafft haben. Es tut gut zu hören, dass jemand trotz aller Schwierigkeiten den richtigen Weg gefunden hat.“

Stede Rumsey schwankte. Einen kostenlosen Whisky durfte er nicht einfach ausschlagen. Erstens schonte das seine Finanzen - schließlich hatte er die fünf Riesen ja noch nicht. Zweitens würde sich Bount Reiniger wundern, und wenn sich der zu wundern begann, wurde es gefährlich. Dann folgte die Neugier, und die führte ihn in neunundneunzig von hundert Fällen auf genau die Spur, die man eigentlich vor ihm geheim halten wollte. Ein hartnäckiger Bursche, dem man einfach nichts vormachen konnte.

„Da sage ich nicht nein, Bount“, erklärte er mit erzwungener Freude. „Ich kann mich aber nicht revanchieren. So rosig geht es mir nun auch wieder nicht. Der Nachteil ehrlicher Arbeit ist der, dass man immer einen Dollar zu wenig hat.“

Bount führte seinen Gast zum Tisch und stellte ihn dem ehemaligen Fahnder Sharp vor, ohne freilich etwas von seiner Vergangenheit zu erwähnen.

Sharp blickte auf die Uhr und seufzte.

„Schon so spät? Nehmt’s mir nicht übel, aber ich muss Feierabend machen. In meinem Alter kann man leider nicht mehr so, wie man gerne möchte. Ruf mich doch gelegentlich mal an, Bount. Meine Nummer hast du ja.“

„Du meine auch, Jeff“, erinnerte Bount und schüttelte dem knochigen Mann mit den Tränensäcken unter den Augen herzlich die Hand.

Jetzt wird er dich nach allen Regeln der Kunst ausquetschen, dachte Stede Rumsey. Und draußen steht der Caddy und wird möglicherweise von der Polizei entdeckt. Ich hätte doch besser auf den Drink verzichten sollen.

Bount bestellte zwei Doppelstöckige und wartete, bis der andere getrunken hatte. Dann wiederholte er die Bestellung.

„Ich nehme an, Sie reden nicht mehr gerne über die alten Zeiten“, begann er schließlich. „Ich gebe zu, dass auch ich lieber mit Ihnen den Whisky genieße, als dass ich Ihnen eine Verfolgungsjagd liefere. Junge, Junge, fahren konnten Sie. Das musste man Ihnen lassen.“

„Leider waren Sie noch etwas besser, Bount“, bekannte der Ganove. „Deshalb haben Sie mich auch erwischt. Eigentlich müsste ich heute noch sauer auf Sie sein. Eineinhalb Jahre. Die sitzt so ein kleiner Fisch wie ich nicht auf einer Backe ab.“

„Reden wir von Erfreulicherem“, schlug Bount vor. „Was treiben Sie jetzt?“

„Gelegenheitsjobs. Mal dies, mal das. Aber alles sauber. Vor Kurzem habe ich es mit ’nem Hamburger-Stand versucht. Doch ich kann nicht stundenlang auf einem Fleck rumstehen. Das macht mich ganz krank. Ich habe jetzt die Chance, einen Vertreterposten zu bekommen. Dann bin ich ständig auf Achse und kann meine alten Fähigkeiten wenigstens nutzbringend verwerten.“

Diese Story war vom ersten bis zum letzten Buchstaben frei erfunden. Aber Bount Reiniger sollte ihm erst einmal das Gegenteil beweisen.

Bount nickte wohlwollend.

„Ich wünsche Ihnen, dass es klappt, Stede. Wenn sich irgendwelche Probleme einstellen sollten, rufen Sie mich einfach an. Ich werde dann versuchen, etwas für Sie zu tun. In gewisser Weise fühle ich mich für Sie verantwortlich.“

„Das ist riesig nett, Bount. Aber es ist wirklich nicht nötig. Bei mir ist alles in Ordnung.“

„Sind Sie ganz sicher, Stede?“

Den Autoknacker traf ein forschender Blick, den er noch allzu gut in Erinnerung hatte. Damit brachte Bount Burschen zum Reden, wenn sie nicht ganz und gar hartgesotten waren.

Stede Rumsey hielt dem fragenden Blick stand, obwohl er innerlich ins Schwitzen geriet. Es war, als ob der Detektiv ihm die Sache mit dem Cadillac auf der Nasenspitze ablas.

„Absolut sicher“, behauptete er und griff hastig nach dem Glas. „Danke für den Whisky. War nett, Sie wieder mal getroffen zu haben.“

Er erhob sich abrupt, und der Detektiv hielt ihn nicht zurück.

Irgendwie hatte Bount das Gefühl, dass Stede ihm einen riesigen Bären aufgebunden hatte. Die Nervosität des Mannes ließ sich fast greifen.

Hamburger-Stand? Handelsvertreter? Da konnte er doch nur lachen.

Aber ihm sollte es egal sein. Falls Stede wirklich zu den Unbelehrbaren, gehörte, sollte sich die Polizei mit ihm auseinandersetzen. Er hatte keinen Auftrag, sich um den Burschen zu kümmern, der noch vor drei Jahren seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Erlös aus Autodiebstählen bestritt.

Bount fand, dass es auch für ihn an der Zeit war, dem „Paradiesvogel“ den Rücken zu kehren.

Er lächelte, als er merkte, dass Stede Rumsey seine Begleitung gar nicht angenehm war.

Aber er schwieg und verabschiedete sich nach kurzer Zeit.

Stede Rumsey überquerte an der Kreuzung die Straße und hastete anschließend die Achte Avenue hinauf.

Auch Bount war zu Fuß. Bis zu seinem Büro-Apartment hatte er es nicht allzu weit, und abends machte er ganz gerne einen Verdauungsspaziergang. Dass der durch das Zusammentreffen mit Jeff Sharp bis weit nach Mitternacht dauern würde, hatte er ja nicht ahnen können.

Bevor er ins Bett ging, stellte er sich noch unter die Dusche und hörte dabei das Tonband des Anrufbeantworters ab.

Er machte sich anschließend ein paar Notizen für den kommenden Tag und hatte vor dem Einschlafen Stede Rumsey längst vergessen.

Das war zu dem Zeitpunkt, als der Autoknacker fast aus den Schuhen kippte.



3

Stede Rumsey ging um den ganzen Häuserblock herum und kehrte zu dem Parkhaus zurück. Er hoffte, Bount Reiniger dadurch abgeschüttelt zu haben. Zumindest hatte er von dem Detektiv nichts mehr gesehen, sooft er sich auch blitzschnell umgedreht hatte.

Als er den Cadillac Seville genauso in der Parkbucht stehen sah, wie er ihn abgestellt hatte, atmete er erneut auf. Der dritte und letzte Stein fiel ihm vom Herzen, als ihn niemand daran hinderte, in das gestohlene Fahrzeug einzusteigen und damit das Parkhaus zu verlassen. Der Wagen war von den Bullen also nicht entdeckt worden.

Der Ganove beeilte sich nun, die heiße Kiste zu verstecken. Für diesen Zweck hatte er vor einiger Zeit eine geräumige Garage in Brooklyn gemietet. Dort konnte er den Wagen stehen lassen, bis er mit Brady handelseinig war.

Die Garage befand sich in der Hafengegend. Hier achtete niemand darauf, wenn Rumsey mit immer wieder anderen Autos daherkam.

Stede Rumsey fuhr trotzdem einmal eine Runde, um sicherzustellen, dass die Luft rein war. Erst dann hielt er vor der Garage, öffnete das Tor, ließ den Caddy hindurchgleiten und verschloss es wieder.

Geschafft! Er rieb sich begeistert die Hände und ließ sie über das weiche Leder der Sitze gleiten.

Nein, für fünf Scheine gab er den nicht her. Brady kassierte bestimmt nicht unter zwölf dafür. Also waren achttausend wohl angemessen.

Der Ganove schaltete die Innenbeleuchtung ein und nahm sich vor, am nächsten Tag den Wagen gründlich zu reinigen. Ausräumen konnte er ihn jetzt schon. Wenn das Glück schon so richtig in Fahrt war, bescherte es ihm im Handschuhfach vielleicht noch die Brieftasche des Besitzers, die standesgemäß mit grünen Scheinen gefüllt sein müsste.

Dieser Wunsch erfüllte sich zwar nicht, trotzdem nahm Stede Rumsey alles an sich, was das Fach enthielt, und stopfte es in eine bereitgehaltene Plastiktüte.

Es handelte sich um ein paar Straßenkarten, Zigaretten und allen möglichen anderen Kram.

Am wertvollsten erschien ihm ein goldenes Gasfeuerzeug. Das ließ sich zu Geld machen. Schade, dass ein Monogramm eingraviert war. Wer kaufte schon ein Feuerzeug mit fremden Initialen?

Stede Rumsey zog den Zündschlüssel ab und stieg aus. Er freute sich über das gediegene „Plopp“, als er die Tür zuwarf.

Er umrundete den Wagen und öffnete den Kofferraum in der Hoffnung, dort auf ein paar Gepäckstücke zu stoßen.

Nur mit Mühe unterdrückte er den Entsetzensschrei.

Im Kofferraum lag eine Leiche.

Stede Rumsey schloss sekundenlang die Augen. Als er sie zögernd wieder öffnete, hoffte er, dass sich der Tote als Trugbild erwies und verschwunden war.

Aber den Gefallen tat ihm der Bursche nicht. Mit weit aufgerissenen, blicklosen Augen starrte er nach oben. Er hatte dunkle, an den Schläfen leicht angegraute Haare. Sein nachtblauer Anzug verriet guten Geschmack und einen noch besseren Schneider. Der einzige Schönheitsfehler waren die Einschüsse, die nicht nur das weiße Oberhemd, sondern auch den damit bekleideten Brustkorb durchlöchert hatten.

Ein glasklarer Mord. Stede Rumsey durchrieselte es eiskalt.

Noch nie hatte er etwas mit einem Blutverbrechen zu tun gehabt. Von solchen Dingen hatte er sich immer wohlweislich ferngehalten. Autodiebstahl war das eine, Mord etwas ganz anderes.

Stede Rumsey war aber nicht so naiv, sich einzubilden, dass ihn der fremde Tote nichts anging, nur weil er ihn nicht erschossen hatte.

Die Polizei dachte darüber ganz anders.

Er erinnerte sich an einen Fall, den man ihm im Bau erzählt hatte. Da wäre einer um ein Haar auf dem Stuhl gelandet, weil man seinen Boss mit Gift im Bauch und Leichenflecken am Rücken aufgefunden hatte.

Die Tatsache, dass der Bursche ein Verhältnis mit der Frau des Toten unterhielt und diese sein Alibi partout nicht bestätigen wollte, hätte ihn fast mit ein paar tausend Volt in innige Berührung gebracht. Es bedurfte eines ausgezeichneten Anwalts, der einen zweiten Liebhaber der Frau aufspürte und damit den wirklichen Täter entlarvte.

So konnte es einem ergehen. Besonders, wenn man vorbestraft war.

Stede Rumsey atmete tief durch. Der Whisky benebelte noch etwas sein Gehirn. Das konnte er sich nicht leisten. Es war lebensnotwendig, jetzt einen klaren Kopf zu behalten.

Die Leiche musste verschwinden. Schließlich konnte er den Cadillac nicht verkaufen, solange sich ein Toter in seinem Kofferraum befand. Sogar Brady würde das nicht akzeptieren.

In der Garage konnte er auch nicht bleiben. Früher oder später musste er auf alle Fälle weg. Dann also besser gleich. Sobald morgen die Sonne auf das Garagendach knallte, würde der Leichnam noch schneller verwesen. Dann ließ sich seine Existenz nicht länger verheimlichen.

Aber wohin mit ihm?

Stede Rumsey zwang sich, den Fremden genauer zu betrachten, obwohl ihn die Übelkeit zu übermannen drohte.

Er schätzte ihn auf fünfzig. Vielleicht auch etwas darüber. Wie ein Gangster sah er eigentlich nicht aus. Trotzdem gab es sicherlich tausend Gründe, warum er hatte sterben müssen.

Mit dieser Frage brauchte Rumsey sich zum Glück nicht zu befassen. Vielleicht las er morgen etwas darüber in den Zeitungen.

Sein eigenes Problem drückte ihn wesentlich stärker.

Zum Glück war es noch mindestens drei Stunden lang finster. Diese Zeitspanne musste genügen, sich des lästigen Fahrgastes zu entledigen.

Welche Möglichkeiten besaß er?

Er konnte den Toten irgendwo vergraben, im East River versenken oder einfach während der Fahrt aus dem Wagen stoßen.

Die eine Lösung erschien ihm so schlecht und gefährlich wie die andere. Je länger er darüber nachdachte, umso mehr geriet er ins Schwitzen.

Es verstand sich von selbst, dass er nicht stundenlang mit seiner grausigen Fracht durch die Stadt fahren wollte. Je schneller er den unerwünschten Gast los wurde, desto besser war es.

Andererseits durfte er ihn nicht zu nahe bei der Garage zurücklassen. Es wäre für die Polizei dann zu einfach, die Spur zurückzuverfolgen.

Nach dem eleganten Aussehen des Toten zu urteilen, hatte er den Besitzer des Caddys vor sich.

Himmel! Er durfte nicht vergessen, die Nummernschilder auszutauschen. Die Bullen, die ihn verfolgt hatten, kannten natürlich das richtige Kennzeichen. Es stand längst in sämtlichen Fahndungslisten. Sobald er sich mit dem Wagen aus der Garage wagte, würden sie wieder hinter ihm her sein. Dann hatte er keine Möglichkeit, sich von dem Leichnam zu trennen.

Gefälschte Schilder hatte er in der Garage vorrätig. Die meisten stammten von Wagen, die er früher gestohlen hatte. Er kratzte jedes Mal das Datum hinten ein. Nach einem halben Jahr verwendete er sie dann wieder. Diese Methode hatte sich bis jetzt bestens bewährt.

Er verzichtete auf das Werkzeug aus dem Cadillac. Darauf lag der Tote, und den wurde er noch früh genug anfassen müssen.

Er holte seine eigene Werkzeugtasche und löste geschickt die beiden Blechtafeln.

Als er den Ersatz montiert hatte, war er ein wenig ruhiger. Er brachte es sogar fertig, die Leiche anzusehen, ohne zu frösteln.

Unschlüssig näherte er sich mit der Hand dem Sakko. Zwar war er überzeugt, dass der Mörder sein Opfer längst ausgeraubt hatte, doch wollte er nichts unversucht lassen.

Er griff unter angehaltenem Atem in die Innentasche und stieß auf eine dünne Ledermappe. Seine Finger spürten knisternde Scheine.

Als er die Mappe herausholte und aufklappte, traute er seinen Augen kaum. Der Bedauernswerte konnte sich von den vielen Hundertern nun nichts mehr kaufen. Überschlägig kam der Autodieb auf zweitausend Dollar.

Stede Rumsey wollte die ganze Brieftasche einstecken, dann überlegte er es sich anders. Er nahm alles bis auf zwei Scheine. So sah es nicht nach Raubmord aus, und er geriet nicht so leicht in Verdacht, der Täter zu sein.

Er schob die Tasche wieder zurück und betrachtete seine Hand, die sich klebrig anfühlte.

Er erschrak erneut. Blut. Er war mit dem Hemd in Berührung gekommen. Der Mann konnte erst vor ganz kurzer Zeit umgebracht worden sein.

An einem alten, etwas öligen Lappen wischte er sich die Finger sauber und hielt nach einer alten Decke Ausschau, in die er den Toten wickeln wollte.

Er fand nur eine alte Plastikplane, die er unlängst von einem Rohbau hatte mitgehen lassen. Die Plane war blau und undurchsichtig. Das mochte gehen.

Hastig breitete er die Plane hinter dem Wagen aus und hob nun den Toten aus dem Kofferraum. Er legte ihn auf die Plane und wickelte ihn sorgfältig ein. Mit zwei Schnüren band er das Paket wie eine Riesenwurst an beiden Enden zu. Nun hatte er weniger Scheu, den Mann wieder im Kofferraum zu verfrachten.

Er legte einen zusammengeklappten Spaten daneben und nickte zufrieden.

Schwer atmend schlug er den Deckel zu und prüfte, ob er nicht irgendwo einen Blutspritzer hinterlassen hatte.

Als er alles in Ordnung fand, öffnete er das Garagentor und fuhr den Cadillac wieder heraus.

Sein Plan stand fest. Er wusste, auf welche Weise er sich des Unbekannten entledigen würde.



4

Bis zur Gravesend Bay waren es nur zwei Meilen.

Stede Rumsey wählte eine Stelle, die dicht mit Büschen bewachsen war. Hier fuhr er den Wagen fast bis zum Wasser und stoppte ihn.

Er schaltete die Scheinwerfer aus und blieb noch einige Minuten sitzen. Er wollte erst ganz sicher sein, dass niemand auf ihn aufmerksam geworden war.

In einiger Entfernung hinter ihm rauschte der Verkehr über den Shore Parkway. Von den Autofahrern kümmerte sich niemand um ihn.

Endlich stieg er aus und öffnete den Kofferraum. Er nahm den Spaten heraus und legte ihn neben das rechte Hinterrad. Anschließend wuchtete er das schwere Bündel aus dem Wagen und klappte den Deckel wieder zu.

Der Tote war kein Leichtgewicht. Stede Rumsey schleifte ihn bis zum Ufer und verschnaufte.

Dann holte er den Spaten, klappte ihn auseinander und verschraubte ihn.

Der Boden war hier locker. Rumsey brauchte sich beim Graben nicht besonders anzustrengen. Allerdings schaffte er nur ein paar Spatenstiche.

Das Rascheln von Zweigen schreckte ihn auf. Der grelle Strahl einer Taschenlampe traf voll sein Gesicht.

„Ein Schatz ist es wohl nicht, nach dem du hier buddelst, Partner. Sieht mir eher nach ’ner toten Leiche aus. Habe ich recht?“

Stede konnte den Kerl nicht erkennen, weil er durch den Lichtkegel geblendet wurde. Er war aber sicher, dass der Schuft ihn schon seit seinem Eintreffen beobachtet hatte.

Dass ihm das trotz seiner Vorsicht passieren musste! Jetzt durfte er nicht die Nerven verlieren.

„Manchmal trügt der Schein, mein Freund. Ich hatte Pech. Der Hund meines Nachbarn lief mir genau vor die Räder. Du kennst meinen Nachbarn nicht. Der macht mir die Hölle heiß, wenn er die Wahrheit erfährt. Bei dem zählt ein Tier mehr als ein Mensch. Deshalb hielt ich es für das Beste, den Hund verschwinden zu lassen.“

Der Lichtfinger strich über sein Gesicht. Der andere konnte sich sein Aussehen haargenau einprägen.

„Das kann man nun glauben oder auch nicht“, näselte er. „Ich habe mich entschlossen, es nicht zu glauben. Damit liege ich bestimmt nicht verkehrt. Aber keine Panik, Partner. Meine Devise lautet immer: leben und leben lassen. Schieß drei Riesen rüber, und ich habe nichts gesehen.“

„Dreitausend Dollar?“, krächzte Stede Rumsey. „Wofür?“

„Es gibt ziemlich wertvolle Hunde. Besonders die mit nur zwei Beinen. Wenn man der Polizei einen Tipp gibt, ist die außer sich vor Freude. Dafür, dass ich dich vergesse, sind drei Lappen herzlich wenig. Du musst berücksichtigen, was dir dadurch erspart bleibt.“

Der Autodieb zitterte vor Wut. Das hatte er kommen sehen. Es war eben doch ein mieser Tag heute.

„Was du dir da zusammenreimst, ist deine Sache“, sagte er gepresst. „Jedenfalls siehst du von mir nicht einen Dollar. Ratten wie dich soll man nicht auch noch füttern, sonst wird man sie überhaupt nicht mehr los.“

„Du machst einen Fehler, Partner. Es geht nicht um mich, sondern um die Bullen. Die wirst du bestimmt nicht mehr los, wenn ich denen mein Wissen verkaufe.“

„Lass dich nicht aufhalten“ meinte Stede Rumsey abfällig. Er packte den Spatenstiel fester. Im nächsten Moment schleuderte er eine Fuhre Sand dorthin, wo der lästige Halunke mit seiner Taschenlampe stand.

Der Unbekannte schrie wütend auf und ließ die Lampe fallen. Er rieb sich verzweifelt den Sand aus den Augen.

Stede Rumsey ließ nicht locker. Mit hocherhobenem Spaten schnellte er auf den anderen zu. Dabei hatte er das Pech, zu stolpern und der Länge nach hinzustürzen.

Er ließ den Spaten los, um seinen Sturz abzufangen.

Der Stiel traf seinen Gegner genau an der Stirn und warf ihn zurück.

Nun lagen beide Männer am Boden. Es kam jetzt darauf an, wer schneller wieder auf den Beinen stand.

Es war Stede Rumsey. Doch diesmal war er im Nachteil, denn sein Widersacher war in den Besitz des Spatens gelangt. Damit verteidigte er sich verbissen.

Dem Autodieb lag nichts daran, sich zu prügeln. Er wollte dem anderen lediglich klarmachen, dass er mit dem Toten in der Plastikplane nichts zu tun hatte. Er war dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Das musste doch in dessen sturen Schädel reinzubringen sein.

Dummerweise interessierte sich der Fremde überhaupt nicht dafür, wie es zu dem Mord gekommen war. Er wollte Geld, und er fand, dass es kaum eine bessere Gelegenheit dafür gab, als wenn man einen Gangster unter Druck setzte.

Nachdem klar war, dass es zu keiner gütlichen Verständigung kommen würde, brach die alte Feindschaft wieder auf.

Stede Rumsey wich ein paarmal geschickt den Spatenhieben aus. Dabei prägte er sich gleichzeitig das Gesicht des anderen ein. Er nahm sich vor, ihm in Zukunft nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.

Es entstand ein heftiges Gerangel um den Spaten, bei dem Stede Rumsey letztendlich Sieger blieb.

Da bei beiden allmählich die Kräfte nachließen, zog Rumseys Gegner es vor, sich aus dem Staub zu machen.

Dies tat er nicht, ohne eine eindeutige Drohung auszustoßen: „Das kommt dich teuer zu stehen, du Killer. Du hast es so gewollt. Jetzt hole ich die Polizei.“

Damit hetzte er davon, und Stede Rumsey hielt es ebenfalls für angeraten, schleunigst abzuhauen. Er nahm sich nicht mehr die Zeit, die geplante Grube fertigzustellen und den Leichnam darin zu versenken.

Er warf sich in den Cadillac und raste davon.

Erst als er den Wagen bereits zur Garage zurückgebracht hatte, fiel ihm der Spaten ein. Den hatte er vergessen. Und daran war nur der Fremde mit seinem knolligen Gesicht schuld. Er hatte ihn ganz verrückt gemacht.

Der Spaten trug seine Fingerabdrücke. Mit ihrer Hilfe war er mühelos zu identifizieren. Die Bullen hatten seine Prints nämlich in der Kartei.

Er überlegte, ob es noch einen Sinn hatte, den Spaten zu holen.

Er entschied sich dagegen. Wenn der Schuft seine Drohung wahr gemacht und die Polizei informiert hatte, wimmelte es an der Gravesend Bay längst von Uniformierten.

Was sollte er nur tun?

Er traute sich kaum aus der Garage heraus.

Schließlich gab er sich einen Ruck und schlich in den dämmernden Morgen hinaus.

In der Ferne hörte er das Jaulen einer Sirene. Schleunigst drückte er sich in den Schatten einer Lagerhalle.

Der Wagen raste vorbei. Die Insassen kümmerten sich nicht um ihn.

Stede Rumsey hastete weiter und erreichte nach fast einer Stunde auf Umwegen seine Zweizimmerwohnung, deren Tür er von innen zuschloss und verriegelte.

Im Spiegel betrachtete er sein Gesicht, das bei der tätlichen Auseinandersetzung einige Schrammen davongetragen hatte.

Er wusch sich mit kaltem Wasser, um klarer denken zu können.

Viel nützte es nicht.

In voller Bekleidung warf er sich auf sein Bett und starrte zur Zimmerdecke, als stünde dort die Lösung seines Problems.

Er bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen. Doch je intensiver er nachdachte, umso verworrener wirbelte alles durch seinen gepeinigten Schädel. Zu viele gegensätzliche Empfindungen waren in den vergangenen Stunden auf ihn eingestürmt.

Da war zuerst die Weltuntergangsstimmung gewesen, weil in seiner Kasse wieder mal Ebbe war und sich kein Hoffnungsschimmer zeigen wollte.

Dann hatte plötzlich der funkelnde Cadillac wie ein Wink des Schicksals mitten im Weg gestanden. Er, Stede Rumsey, hatte nur noch einzusteigen und damit wegzufahren brauchen.

Den nächsten Tiefschlag hatte er erhalten, als er den Toten entdeckt hatte.

Die zweitausend Bucks in dessen Tasche hatten allerdings einen gewissen Ausgleich für diese nervliche Belastung geschaffen.

Schließlich war dann noch der ekelhafte Fiesling aufgetaucht, der ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hatte.

Wäre es klüger gewesen, auf seine Forderungen einzugehen und wenigstens die zweitausend Dollar herauszurücken?

Kaum. Damit hätte er die Gier des anderen nur vergrößert. Außerdem war es jetzt müßig, darüber nachzugrübeln. Die Scheine knisterten zwar in seiner eigenen Tasche, aber er schaffte es nicht, sich darüber zu freuen.

Normalerweise hätte er jetzt Brady angerufen und ihm freudestrahlend den Caddy angeboten. Nun wartete er noch damit. Der Wagen war einfach zu heiß. Der sollte wenigstens noch ein paar Tage in der Garage bleiben. Auch Brady sollte nichts von dem Toten erfahren.

Alles hing davon ab, wie sich der Fremde verhielt. Der Halunke würde ihn jederzeit identifizieren können. Lange genug hatte er ihn ja angestarrt.

Stede Rumsey lauschte auf jedes Geräusch. Er wartete darauf, dass unten Polizeiwagen vorfuhren, dass harte Schritte die Treppe heraufeilten und vor seiner Wohnungstür stehen blieben.

Dass nichts dergleichen geschah, beruhigte ihn keineswegs. Selbst wenn der Kerl das Maul hielt, weil er selber bestimmt genug Dreck am Stecken hatte, würde man spätestens in einigen Stunde die Plane mit dem Ermordeten finden. Das setzte die gewaltige Polizeiapparatur in Gang. Nichts konnte dann die Ermittlungen mehr stoppen.

Dem war er nicht gewachsen. Er brauchte Hilfe.

Einen Anwalt?

Stede Rumsey kannte nur Ellis Springteen, und mit dem hatte er damals keine guten Erfahrungen gemacht.

Er überlegte bis zum frühen Morgen, ehe er sich zu einer Antwort auf die Frage durchgerungen hatte, wem er sich anvertrauen sollte.

Zögernd nahm er den Telefonapparat auf die Knie und drückte ein paar Tasten.

Als sich der Mann wegen der frühen Stunde ungnädig meldete, bereute er seinen Entschluss schon wieder. Nur weil er sich die Folgen vor Augen hielt, die auf ihn warteten, wenn er sich vom Mordverdacht nicht reinwaschen konnte, entschuldigte er sich und nannte seinen Namen.

„Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Sie müssen mir unbedingt helfen, Bount.“

„Sie, Stede?“

Bount richtete sich im Bett auf und schaute auf den Radiowecker. Kurz vor halb sechs. Sofort fiel ihm der Mann wieder ein, den er vor einigen Stunden im „Bird of Paradise“ getroffen hatte.

Sein Gefühl hatte ihn also nicht getrogen. Stede Rumsey schleppte eine Last mit sich herum.

„Sie sind meine letzte Rettung, Bount“, kam es überstürzt. „Wenn Sie mich im Stich lassen, ist alles aus.“

„Es kann keine Rede davon sein, dass ich Sie im Stich lasse. Das habe ich Ihnen doch gesagt. Was haben Sie denn ausgefressen?“

„Es geht darum, was ich nicht ausgefressen habe, Bount. Jemand will mir einen Mord anhängen.“

Bount pfiff leise durch die Zähne. Bei Mord hörte der Spaß auf. Egal, wie spät es war.

„Wir sollten uns treffen“, schlug er vor. „Können Sie gleich zu mir kommen?“

„Mir wäre es andersherum lieber. Ich gehe momentan nicht so gerne aus dem Haus.“

„Auch gut. Sagen Sie mir Ihre Adresse.“

Bount notierte die Anschrift in Flatbush und versprach, in spätestens einer Stunde dort zu sein.

Stede Rumsey erwartete ihn schon. Ihm war anzusehen, dass er die ganze Nacht kein Auge zugemacht hatte.

Bount blickte sich in dem Zimmer um, in das der Ganove ihn geführt hatte. Es war spartanisch eingerichtet. Den einzigen Luxus stellte ein Video-Gerät dar, das allerdings reparaturbedürftig war.

Bount suchte sich eine Sitzgelegenheit und wartete, dass Rumsey mit seinem Problem herausrückte.

„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, Bount. Alles ist so verrückt, dass Sie es mir bestimmt nicht glauben. Niemand wird mir glauben. Schon gar nicht die Polizei.“

„Demnach weiß die Polizei noch nichts von diesem Mord, den Sie am Telefon erwähnten?“

Stede Rumsey hob die Schultern. „Keine Ahnung. Ich hänge völlig in der Luft. Dabei fing alles so gut an.“

„Sie hätten sich getrost schon heute Nacht an mich wenden können“, meinte Bount. „Ich habe Ihnen Ihre Schwierigkeiten angesehen, aber Sie haben sie ja geleugnet.“

„Im 'Paradiesvogel' war die Welt noch in Ordnung, Bount“, beteuerte Stede Rumsey. „Es fing erst an, als ich die Leiche fand.“

„Auf der Straße?“

„Nein, im Kofferraum.“

„Sie besitzen einen Wagen?“

„Nun ja ...“ Stede Rumsey druckste herum.

Bount seufzte. „Verstehe. Ihr Job als Handelsvertreter bezieht sich wieder einmal auf gestohlene Autos. Und ich hatte so sehr gehofft, dass Sie Ihre Lektion gelernt hätten. Waren achtzehn Monate nicht genug?“

„Mehr als genug. Aber was soll ich denn machen? Die Stadt ist voll von Arbeitslosen. Bilden Sie sich wirklich ein, ausgerechnet mir würde jemand ’nen Job anbieten? Ich muss schließlich leben.“

„Und da stehlen Sie also weiterhin die Autos fremder Leute. Wann haben Sie wieder damit angefangen?“

„Ich hatte überhaupt nicht aufgehört“ gestand der Gauner. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass mir einer ein solches Ei ins Nest legen würde.“

„Okay. Erzählen Sie am besten der Reihe nach“, schlug Bount vor.

Stede Rumsey begann mit seinem Bericht. Erst stockend, dann flüssiger. Schließlich sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus.

„Der Kerl wollte erst dreitausend Mäuse von mir“, schloss er, „und dann hat er mir mit der Polizei gedroht. Ich habe den Spaten in der Aufregung vergessen. Da drauf sind meine Fingerabdrücke. Was soll ich nur tun, Bount? Ich habe den Typ doch nicht erschossen. Ich besitze ja nicht einmal eine Waffe.“

„Diese Behauptung wird nicht ausreichen, um die Polizei von Ihrer Unschuld zu überzeugen“, befürchtete Bount. „Eine Pistole kann man schließlich wegwerfen. Nahe genug am Wasser sind Sie ja gewesen. Sie wollen also, dass ich Ihnen helfe?“

„Sie müssen beweisen, dass ich mit dem Mord nichts zu tun habe. Finden Sie einfach den wirklichen Täter. Ich kann Sie bezahlen. Ich besitze zweitausendvierhundert Dollar.“

„Geld, das Sie bestimmt gestohlen haben“, vermutete Bount. „Wem gehört es? Dem Toten?“

Stede Rumsey nickte bekümmert. „Er kann es ja sowieso nicht mehr ausgeben.“

„Er nicht, aber seine Erben. Wenn Sie wirklich wollen, dass ich Sie da heraushaue, verlange ich dreierlei von Ihnen.“

„Ich soll das Geld zurückgeben?“

„Klarer Fall, Stede. Ich würde mich mitschuldig machen, wenn ich davon auch nur einen Cent annähme. Außerdem erwarte ich, dass Sie mir die volle Wahrheit sagen.“

„Das habe ich getan, Bount. Ich schwöre es.“

„Mag sein, aber ich werde noch eine Menge Fragen stellen, auf die ich korrekte Antworten verlange.“

„Das verspreche ich. Was ist das dritte?“

„Falls es mir gelingt, Sie vom Mordverdacht zu befreien, werden Sie sich der Polizei wegen der Autodiebstähle stellen.“

„Ich soll mich selbst anzeigen?“, fragte der Ganove ungläubig. „Dann muss ich ja wieder in den Bau.“

„Aber Sie kommen auch wieder raus. Bei Mord hingegen ist das nicht zu erwarten. Seien Sie nicht töricht. Sie können nicht von mir verlangen, dass ich Ihre krummen Touren decke. Eine Selbstanzeige bringt Ihnen auf alle Fälle Strafminderung. Im Übrigen sind die Gefängnisse überfüllt. Es ist also gar nicht sicher, ob Sie die Strafe überhaupt in absehbarer Zeit antreten müssen. Wenn Sie mit meinen Bedingungen nicht einverstanden sind, dann tut es mir leid. Ich frage mich, warum Sie sich ausgerechnet an mich gewandt haben. Sie mussten doch wissen, dass ich nur wenig Verständnis für Autodiebstahl aufbringe.“

„Aber Sie bringen ’ne Menge Verständnis für Leute auf, die sich in ausweglosen Schwierigkeiten befinden“, antwortete Stede Rumsey leise. „Ihnen ist es egal, ob einer ein angesehener Botschafter oder ein süchtiger Puertoricaner ist.“

„Nicht ganz“, schränkte Bount ein. „Im Allgemeinen hat der Süchtige mein Verständnis nötiger. Aber im Prinzip haben Sie völlig recht. Und ich mache auch bei Ihnen keine Ausnahme. Wie stehen Sie also zu Punkt drei?“ Er erhob sich und wandte sich der Tür zu.

Stede Rumsey vertrat ihm hastig den Weg.

„Ich bin einverstanden, Bount. Ich gehe zur Polizei. Aber natürlich erst, wenn ich wegen des Mordes nichts mehr zu befürchten habe.“

Bount kehrte wieder zu seinem Stuhl zurück und lächelte. „Dann können wir ja zur Sache kommen. Wer ist der Tote?“

„Woher soll ich das wissen? Ich habe ihn vorher noch nie gesehen.“

„Aber Sie haben doch seine Brieftasche ausgeräumt. Haben Sie keinen Blick auf seine Papiere geworfen?“

Der Ganove zögerte, bevor er sagte: „Mir sind gar keine aufgefallen. Da war nur das Geld. In den anderen Taschen habe ich nicht nachgesehen. Ich bin doch kein Leichenfledderer.“

„Aber Sie wissen noch, wo Sie den Cadillac mitgenommen haben?“ Stede Rumsey machte ein betretenes Gesicht. „Nicht genau. Es ging alles so schnell. Ich bin in der Nacht kreuz und quer durch die Straßen gegangen und habe mal hier, mal dort mein Glück versucht. Ich glaube, es war die 215te Straße oben in Bayside. Die Nummer weiß ich nicht. Die Häuser dort sehen auch alle ziemlich gleich aus. Ich bin nicht sicher, ob ich es wiedererkennen würde.“

„Dabei wird uns die Autonummer helfen. Die haben Sie doch hoffentlich noch?“

„Die Schilder liegen in der Garage.“

„Die holen wir gleich. Ebenso die Sachen aus dem Handschuhfach. Kommen wir nun zu dem Wagen, der Sie verfolgt hat. Sind Sie sicher, dass es sich dabei um die Polizei gehandelt hat?“

Stede Rumsey sah ihn groß an. „Um wen denn sonst? Sie haben ja sogar auf mich geschossen.“

„Der Mann im Kofferraum des Cadillacs wurde ebenfalls erschossen, aber wohl kaum von der Polizei. Es hat sich doch um keinen normalen Streifenwagen gehandelt?“

„Das nicht. Aber die Burschen machen sich leider nicht immer schon von Weitem mit Rotlicht und Sirene bemerkbar.“

„Aber sie verfügen über Funk und hätten bei einer Jagd quer durch Queens bestimmt noch ein paar Kollegen angefordert.“

„Sie meinen doch nicht etwa, dass es sich um die Mörder gehandelt hat?“, fragte Stede Rumsey erschrocken und wurde blass.

„Sie sagten doch selbst, dass der Mann noch nicht lange tot gewesen sein konnte. Also wird sich sein Mörder, vielleicht handelt es sich auch um mehrere, noch in der Nähe aufgehalten haben, als Sie sich den Cadillac unter den Nagel rissen. Vielleicht gehört der Wagen sogar dem Gangster.“

„Dann hätte er mir doch nicht in einem anderen Fahrzeug folgen können.“

„Doch. Nämlich dann, wenn sie zu zweit waren. Aber das ist jetzt auch nicht so wichtig. Vor allem müssen wir die Leiche sicherstellen, falls sich die Polizei nicht schon darum kümmert. Sie zeigen mir, wo sie liegt. Alles andere erledige ich dann.“

„Ich soll mit Ihnen hinausfahren, Bount?“, fragte der Gauner erschrocken. „Das können Sie nicht von mir verlangen.“

„Und Sie können nicht verlangen, dass ich auf Grund Ihrer vagen Beschreibung die ganze Gravesend Bay absuche. Wir sehen doch schon von Weitem, ob sich Polizeibeamte dort eingefunden haben. Außerdem müssen wir die Schilder und das andere Zeug holen.“

Stede Rumsey machte kein glückliches Gesicht, aber er fügte sich. Das Bewusstsein, möglicherweise von einem Killer verfolgt worden zu sein, ließ ihn noch nachträglich schaudern.

Auf der einen Seite die Bullen, auf der anderen mindestens ein Typ, der mit der Schusswaffe schnell zur Hand war. Nur gut, dass er Bount hatte!



5

Aus der Garage holten sie die Nummernschilder und den Plastikbeutel.

Bount nahm den Cadillac gewissenhaft in Augenschein. Er ließ sich auch die Stelle zeigen, an der die Zierleiste etwas abbekommen hatte.

Auf Grund der Vertiefung ließen sich aber keine Schlüsse auf die verwendete Waffe ziehen.

Weder im Kofferraum noch im übrigen Wagen oder in der Garage entdeckte Bount auch nur einen Blutstropfen. Eine Ausnahme bildete der Öllappen, den Stede Rumsey noch nicht weggeworfen hatte. Bount stellte ihn sicher.

Dann fuhren sie zur Gravesend Bay.

Der Gauner schrumpfte auf dem Beifahrersitz immer mehr zusammen, je näher sie ihrem Ziel kamen.

„Da drüben ist es“, wisperte er schließlich und deutete mit dem Finger auf eine Bucht. „Unter den Büschen liegt er.“

Als Bount den silbergrauen Mercedes 450 SEL zum Ufer lenkte, ging Rumsey vorsichtshalber auf Tauchstation. Es waren von Weitem zwar keine Polizisten zu sehen, aber man konnte ja nie wissen.

„Bleiben Sie vorläufig, wo Sie sind“, riet Bount. „Ich sehe mir den Mann erst mal an.“

Er stieg aus, nachdem er den Zündschlüssel abgezogen hatte. Er wollte den Autodieb lieber nicht in Versuchung führen.

Die Reifenspuren waren in dem weichen Boden noch deutlich zu sehen. Allerdings merkte Bount sofort, dass es sich um unterschiedliche Profile handelte. Es musste also noch ein zweiter Wagen hier gewesen sein.

Es wunderte ihn daher kaum, dass das angekündigte blaue Paket mit dem makabren Inhalt nirgends zu entdecken war. Auch den Spaten und die Taschenlampe, von der Rumsey gesprochen hatte, fand er nicht.

Es gab zwei Erklärungen: Entweder befanden sie sich nicht an der richtigen Stelle, oder andere waren schneller gewesen als sie.

Stede Rumsey schwor Stein und Bein, sich nicht zu irren.

„Sehen Sie da hinten, Bount? Da ist ja noch die angefangene Grube. Jemand hat sie nur flüchtig zugeschüttet.“

Das stimmte. Bount hatte es auch schon gesehen. Also war der Leichnam weggeschafft worden.

Von der Polizei? Dann hätten sich mindestens die breiteren Spuren eines Leichenwagens finden müssen. Es war auch nicht sehr wahrscheinlich, dass die Beamten schon mit ihrer Spurensicherung fertig waren.

Trotzdem wollte Bount sichergehen. Er rief deshalb seinen Freund Toby Rogers an, der die Mordkommission Manhattan C/II leitete.

„Ich weiß, dass es nicht dein Zuständigkeitsbereich ist, Toby. Trotzdem wird es für dich wohl nicht schwer sein, in Erfahrung zu bringen, ob heute in den Morgenstunden an der Gravesend Bay ein Toter gefunden wurde. Ungefähr fünfzig Jahre alt. Bekleidet war er mit einem dunkelblauen Maßanzug und eingewickelt in eine Plastikplane.“

„Ein Mord? Willst du den hiermit offiziell zur Anzeige bringen?“

„Dazu müsste ich erst ein bisschen mehr wissen. Vielleicht ist ja alles nur ein Ulk. Ohne Leiche gibt es keinen Mord.“

„Wenn du der Meinung wärst, dass es sich um einen Ulk handelt, würdest du nicht die Mordkommission rebellisch machen. Bleib mal dran. Ich frage nach.“

Bount ließ den Hörer des Autotelefons sinken und sah Stede Rumsey prüfend an. Der magere Mann zitterte wie Espenlaub.

„Bestimmt vergleichen sie schon längst die Fingerabdrücke“, wimmerte er. „Ich hätte abhauen sollen. Weg von New York. Irgendwohin.“

„Mit zweitausendvierhundert Dollar und einem gestohlenen Caddy?“, konterte Bount. „Damit wären Sie nicht weit gekommen. Warten wir ab, was Captain Rogers herausfindet. Wir sind eng befreundet, wenn wir auch nicht immer dieselben Ansichten vertreten.“

Stede Rumsey wurde etwas selbstbewusster. Da keine Polizei auftauchte, wagte er es, den Kopf wieder in die Höhe zu nehmen.

„Bist du noch dran?“, meldete sich der Captain nach einer Weile.

„Lass schon das Schiff vom Stapel, Dicker.“

„Also, da haben die Kollegen tatsächlich eine Leiche aufgespürt, Bount. Allerdings war das am Ufer der Jamaica Bay. Ein Jogger stolperte über die Ermordete, als er den Spring Creek Park unsicher machte. Dürfte sich um ’ne Prostituierte handeln.“

„Ich sprach von einem fünfzigjährigen Mann, Toby“, erinnerte Bount.

„Mit nichts bist du zufrieden“, maulte Toby Rogers. „Damit kann ich nicht dienen. Aber vielleicht wird dein Freund ja noch gefunden. Der Tag hat gerade erst angefangen.“

„Und wie. Danke für die Hilfe. Übrigens, falls ihr im Laufe des Tages doch noch einen Toten findet, auf den meine Beschreibung passt, wäre ich dir sehr verbunden, wenn du mich informieren würdest.“

„Hör mal, du weißt doch mehr, als du ausspuckst. Darf ich dich daran erinnern, dass du ...“

„Geschenkt, Toby. Ich kenne meine Pflichten. Aber wie gesagt, ich will dir nicht mit Gerüchten kommen. Sobald ich etwas Handfestes habe, erfährst du es. Dafür kannst du dich auch gleich revanchieren. Ich suche den Besitzer eines Wagens mit folgendem Kennzeichen.“ Er gab die Ziffern durch. „Es könnte sich um einen schwarzen Cadillac handeln. Soll ich wieder warten?“

„Sag mal, träumst du?“, brauste Toby auf. „Ich bin doch nicht deine Auskunftei. Was ist das für ein Wagen?“

„Das erzähle ich dir später. Versprochen. Sei so gut und beeile dich ein bisschen. Das Gespräch kostet mich sonst ein Vermögen.“

Toby Rogers knurrte etwas und wiederholte die Nummer.

Bount hörte, wie der Freund sich über einen anderen Apparat die gewünschte Auskunft besorgte. Es ging ziemlich schnell.

„Also ein Cadillac ist unter dieser Nummer nicht zugelassen, sondern ein Buick, Baujahr 83. Er gehört einer gewissen Sandy Witch, die ihn vor acht Monaten als gestohlen gemeldet hat.“

„Irrtum ausgeschlossen?“

„Unser Computer irrt sich nie“, behauptete Toby Rogers und verschluckte sich fast dabei. „Was kann ich als nächstes für dich tun? Ich habe gerade zwölf Monate Zeit und würde mich glücklich schätzen, dir deine Arbeit abzunehmen.“

„Ich komme bestimmt irgendwann auf dein selbstloses Angebot zurück“, kündigte Bount an. Er ärgerte sich, dass er sich nicht gleich die Fahrgestellnummer des Cadillacs notiert hatte. Er hätte sich eigentlich denken können, dass die Zulassungsnummern falsch waren.

Immerhin stand damit fest, dass Stede Rumsey nicht der Erste war, der den Caddy gestohlen hatte. Entweder der Tote oder dessen Mörder war ihm bereits mit schlechtem Beispiel vorangegangen.

Bount versprach, Toby zu informieren, sobald er selbst mehr erfahren hatte, und schob den Hörer in die Halterung zurück.

Rumsey sah ihn fragend an. „Verstehen Sie das, Bount?“

„Ich setze mal voraus, dass diese Leiche tatsächlich existiert. Warum hätten Sie sie erfinden sollen? Weiter lege ich zugrunde, dass der Tote nicht von der Polizei mitgenommen wurde und dass sie von ihm noch nicht einmal etwas wusste. Dann habe ich für sein Verschwinden nur eine Erklärung: Der Mörder hat ihn beiseite geschafft, um die Tat zu vertuschen.“ Der Gauner schüttelte zweifelnd den Kopf. „Wie hätte er ihn finden sollen?“

„Weiß ich nicht“, gab Bount zu. „Entweder zufällig. Vielleicht aber, und das ist wahrscheinlicher, hat der Bursche im dunkelblauen Chevy Sie später wiederentdeckt und ist Ihnen heimlich gefolgt oder hat festgestellt, wo Sie mit dem Leichnam hingefahren sind.“

„Und warum hat er dann nicht wieder auf mich geschossen oder sich den Caddy zurückgeholt?“

Bount bot dem Ganoven eine Pall Mall an und klopfte sich selbst eine aus der Packung.

Nach den ersten Zügen meinte er: „Dafür, dass ich heute noch nicht gefrühstückt habe, stellen Sie ganz schön knifflige Fragen. Vorläufig haben wir nichts in der Hand als einen Wagen, dessen Besitzer wir nicht kennen, und einen Berg vager Vermutungen. Es könnte sein, dass dem Killer gar nichts an dem Cadillac liegt. Er wollte lediglich die Entdeckung des Mordes verhindern. Da ihm das nicht gelungen ist, ließ er wenigstens sein Opfer verschwinden. Ohne den Toten wird es schwer sein, seinen Mörder zu fassen.“

„Mit anderen Worten, meine Bedenken waren völlig umsonst. Ich hätte Sie also gar nicht zu belästigen brauchen.“

Bount grinste. „Das könnte Ihnen so passen, Stede. Mit einem Schulterzucken winden Sie sich nicht aus Ihrem Versprechen. Haben Sie den Burschen vergessen, mit dem Sie sich geprügelt haben? Vielleicht hat er den Toten eingesackt und setzt Sie damit weiter unter Druck.“

„Das traue ich dem Strolch zu.“

„Bevor der Fall nicht restlos geklärt ist, stecken Sie bis zu den Haarwurzeln mit drin. Deshalb schauen wir jetzt noch einmal gründlich nach, ob wir nicht doch einen Anhaltspunkt finden.“

„Sie wollen, dass ich aussteige?“

„Warum nicht? Vier Augen sehen mehr als zwei.“

„Ich sehe nur, was so groß wie ein Auto ist“, behauptete der Ganove listig. „Im Übrigen würde ich allenfalls vorhandene Spuren zertrampeln. In dieser Beziehung bin ich viel zu ungeschickt.“

„Dafür stellen Sie sich umso geschickter an, wenn es darum geht, sich vor etwas Unangenehmem zu drücken“, konterte Bount. „Also gut. Ich kann verstehen, dass Ihnen diese Gegend nicht ganz geheuer ist. Warten Sie. Wenn der Leichendieb etwas verloren hat, dann werde ich es auch finden.“

Er stieg erneut aus und wandte seine Aufmerksamkeit dem Boden zu. Besonders gründlich sah er sich die Umgebung der zugeschütteten Grube an. Außer einer angerauchten Zigarette fand er aber nichts. Er steckte sie in eine Zellophantüte. Solche Dinge lieferten manchmal den entscheidenden Beweis.

Auf ein Blatt Papier zeichnete er die Muster der fremden Reifenprofile, von denen eins zu dem Cadillac gehören musste.

Das war seine ganze Ausbeute.

Er kehrte zum Mercedes zurück und bückte sich, um auch unter dem Wagen nachzusehen.

Da merkte er, wie sich auf der anderen Seite die Büsche bewegten.

Es konnte sich um ein Tier handeln. Vielleicht waren die Zweige auch nur vom Wind bewegt worden.

Er zog es aber vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Er richtete sich auf und rief Stede Rumsey zu: „Kleinen Moment noch. Ich muss mal.“

Bount ging zu den Büschen hinüber, aber nicht genau dorthin, wo er die Bewegung gesehen hatte.

Er wandte sich halb um und nestelte an seiner Hose. Doch das diente nur zur Täuschung. Mit zwei schnellen Sprüngen warf er sich ins Gebüsch, und als er den Körper hochschnellen sah, packte er zu.

Eine Faust traf ihn. Der Kerl riss sich los. Er hatte ein knolliges Gesicht.

Bount setzte nach. Er war entschlossen, die Flucht des Burschen zu verhindern, der bestimmt nicht grundlos schon wieder hier herumlungerte.

Als er nachfassen wollte, stolperte der andere, und Bount fiel über ihn hinweg.

Das erwies sich schnell als übler Trick, denn blitzschnell stand der Fremde schon wieder auf den Beinen und schwang den Spaten, den Rumsey erwähnt hatte.

Das stählerne Blatt sauste auf Bount nieder.

Bount warf sich zur Seite und zog gleichzeitig die Beine an. Als sein Gegner erneut ausholte, ließ Bount die Beine vorschnellen und brachte den Halunken damit aus dem Gleichgewicht.

Der Bursche fluchte fürchterlich, doch das half ihm wenig. Bount entwand ihm den Spaten und hatte ihn jetzt sicher im Griff.

Routiniert tastete er ihn nach Waffen ab, stieß aber nicht einmal auf ein Messer oder einen Schlagring, geschweige denn auf eine Schusswaffe.

„Was fällt Ihnen ein?“, beschwerte sich der Knollige. „Ich zeige Sie an.“

„Tun Sie das. Sie wollten ja sowieso zur Polizei rennen. Da sparen Sie sich gleich einen Weg.“

„Zur Polizei? Ich? Wie kommen Sie denn darauf?“

Bount wurde ungeduldig.

„Können wir uns diese Spielchen nicht sparen? Sie kosten doch nur Zeit und verschlechtern die Laune auf beiden Seiten. Sie haben den Mann in meinem Wagen längst erkannt. Sie können sich also denken, warum wir hier sind. Wie heißen Sie?“

„Ich frage Sie ja auch nicht nach Ihrem Namen“, kam es schnippisch.

„Ich sag’s Ihnen trotzdem. Mein Name ist Reiniger. Ich bin Privatdetektiv und im Moment auf der Suche nach einem verlorengegangenen blauen Paket. Ich bin sicher, dass Sie mir da helfen können.“

„Detektiv?“ Der Mann wurde ein paar Spuren blasser. Dann fing er sich aber wieder und motzte auf: „Na und? Sie können mir überhaupt nichts anhaben. Als Detektiv werden Sie wohl wissen, dass es nicht verboten ist, in Gottes freier Natur ein Schläfchen zu halten.“

„Werden Sie bloß nicht lyrisch. Das passt nicht zu Ihrer geldgierigen Art. Ich lasse meinen Gesprächspartnern normalerweise die Wahl zwischen der umgänglichen und der harten Methode. Welche ziehen Sie vor?“

„Das ist eine Bedrohung. Das lasse ich mir nicht gefallen.“

„Sollen Sie ja auch gar nicht. Nur auf den Spaten müssen Sie diesmal verzichten. Und auf die Illusion, mich ins Bockshorn jagen zu können. Ich bin eine Seele von Mensch, aber wenn mich einer für dumm verkaufen will, schnappe ich ein. Probieren Sie’s also erst gar nicht, dann werden wir uns gut verständigen. Haben Sie inzwischen einen Namen bekommen?“

„Smith“, antwortete der andere missmutig.

Bount nickte zufrieden. „Warum nicht Smith? Kann ja sein, dass Sie tatsächlich so heißen. Falls es wichtig wird, werde ich ohnehin selbst in Ihren Taschen nachsehen. Was haben Sie hier also zu suchen, Smith?“

„Das sagte ich schon. Ich habe geschlafen. Ich bin erst aufgeschreckt, als Sie mir mitten ins Gesicht pinkeln wollten.“

Bount behielt die Ruhe. Wenn er wirklich etwas erfahren wollte, durfte er sich nicht alle Türen verbauen.

„Versuchen wir es von der anderen Seite. Ich erzähle Ihnen, was ich weiß, und Sie erzählen mir den Rest, den ich wissen will.“

„Ich glaube, Sie haben Sand in den Ohren, Reiniger. Ich weiß nichts, und ich kann nichts erzählen.“

Bount überging den Einwand und fasste zusammen: „Heute Nacht fuhr genau an dieser Stelle ein schwarzer Cadillac Seville vor. Ein Mann stieg aus und wollte ein großes blaues Paket vergraben. Sie hielten es aus irgendeinem Grund für eine Leiche und boten dem Mann Ihr Schweigen für dreitausend Dollar an. Der Mann sah keinen Grund, sich von Ihnen erpressen zu lassen. Daraufhin kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Sie liefen davon, kehrten aber offensichtlich wieder zurück, nachdem der Caddy fortgefahren war. Ich habe nur eine einzige Frage. Wo ist das Paket?“

„Sie wollten doch sowieso bei mir in den Taschen nachsehen“, erinnerte Smith frech. „Vielleicht finden Sie es da.“

„Unheimlich witzig. Sie scheinen überhaupt ein sehr humorvoller Mensch zu sein. Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut. Ich bin nämlich auch für jeden Spaß zu haben, und das werde ich Ihnen jetzt beweisen. Wir rufen gemeinsam Captain Rogers von der Mordkommission an. Dem können Sie Ihr Leid über mich klagen, und ich erzähle ihm, dass ich Sie verdächtige, eine Leiche beseitigt zu haben. Alles klar?“

„Ich glaube Ihnen jedes Wort, Reiniger. Sehen Sie, wie ich vor Angst zittere?“

„Ich liebe Ihre Sprüche, Smith. Vorwärts! Ich habe Telefon im Wagen.“

Er packte den angeblichen Smith am Arm und schob ihn vor sich her.

Am Mercedes angekommen, fragte er: „Kennen Sie den Mann, Stede?“ Stede Rumsey nickte krampfhaft. „Das ist der Schuft, der drei Riesen von mir wollte. Was hat der denn noch hier zu suchen?“

„Er machte ein Nickerchen. Was denn sonst?“

Bount nahm den Hörer und hielt ihn so, dass Smith alles verstehen konnte, was gesprochen wurde. Dann rief er das Police Headquarter an.

„Bount Reiniger hier. Geben Sie mir doch bitte noch mal Captain Rogers.“

Smith wurde unsicher. Als sich Toby mit seinem bärbeißigen Bass meldete, fiel sein Gesicht ein.

„Pass auf, Toby. Ich habe da einen Herrn getroffen, der möchte sich unbedingt bei dir beschweren. Es betrifft den bewussten Mann von der Gravesend Bay. Du erinnerst dich?“

„Jetzt wird es mir aber zu dumm“, fauchte Toby Rogers. „Bring den Kerl her.“

„Moment, Toby. Ich will nur noch sichergehen, ob er sich lieber mit dir oder mit mir unterhalten möchte.“ Bount sah Smith aufmunternd an.

„Sie haben gewonnen, Reiniger“, presste er hervor. „Ich sage Ihnen, was ich weiß. Sie werden aber nichts damit anfangen können.“

Bount schmunzelte. „Pech für dich, Toby. Du hast wieder einmal das Nachsehen. Halte dich trotzdem zur Verfügung. Es könnte ja sein, dass ich nicht alles glaube, was man mir auftischen will.“

„Zum Teufel! Darf ich jetzt endlich erfahren, was überhaupt los ist?“, brüllte Toby unbeherrscht. „Ich verlange, dass du ...“

Sicherheitshalber legte Bount den Hörer zurück. Er konnte seinem Freund so schlecht etwas abschlagen.

„Nun?“, forderte er Smith auf. „Spannen Sie uns nicht länger auf die Folter. Was haben Sie mit dem Paket zu tun?“

„Gar nichts. Ich schwöre es. Ich halte mich öfter in dieser Gegend auf.“

„Mitten in der Nacht?“, fragte Bount argwöhnisch.

„Da kriegt man allerhand zu sehen.“ Smith grinste lüstern. „Das ist oft interessanter als das Fernsehen.“

„Aha! Also ein Spanner.“

„Nicht so, wie Sie vielleicht denken. Ich lasse die Leute in Ruhe. Aber wenn plötzlich ein Superschlitten auftaucht und kein Pärchen, sondern ein einzelner Mann aussteigt, werde ich natürlich neugierig. Als ich das Paket gesehen habe und der Typ dann auch noch anfing, ein Loch zu graben, kam mir plötzlich die Idee, dass die andere Hälfte des Pärchens in der blauen Plane stecken müsse. Ich wäre natürlich nie zur Polizei gerannt, aber ganz ungeschoren sollte der Bursche auch nicht wegkommen.“

„Okay! Bis hierher scheint alles klar zu sein. Sie hatten Pech und bekamen nicht drei große Scheine, sondern Prügel. Was veranlasste Sie, trotzdem wieder zurückzukommen, zumal Ihr Gegner gar nicht mehr da war? Sie konnten schon von Weitem sehen, dass der Wagen weggefahren war.“

„Das Paket ließ mir keine Ruhe. Es hätte ja auch etwas anderes sein können. Etwas, das man brauchen kann. Ich sah also nach und band einen Strick auf. Verdammt! Da war tatsächlich ein Toter drin. Ich habe mich beeilt, dass ich wieder wegkam.“

„Und dann trieb Sie Ihre Neugier erneut zurück.“

„Ob es Neugier war, weiß ich nicht. Ich habe mir überlegt, dass der Mörder sein Opfer bestimmt nicht dort liegen lassen würde. Er war nur überstürzt abgehauen. Da lag schließlich auch noch der Spaten mit seinen Fingerabdrücken. Ich bin also umgekehrt. Aber bevor ich zur Stelle war, hörte ich einen Wagen. Das ist er, dachte ich mir. Aber es war ein blauer Chevy. Und drei Kerle saßen drin. Die haben den Toten in den Wagen geladen und sind wieder davongebraust. Das Ganze dauerte kaum zwei Minuten.“

Bount wurde hellhörig. Ein blauer Chevy. Ein solcher Wagen war Stede Rumsey gefolgt. Dass es sich um die Killer handelte, konnte wohl nicht mehr bezweifelt werden.

„Sie werden lachen, Smith, ich glaube Ihnen. Jetzt brauchen Sie mir die drei Männer nur noch zu beschreiben und ihre Autonummer zu verraten.“

Smith atmete merklich auf. Er spürte, dass sich das Interesse des Detektivs den drei Burschen im Chevy zuwandte.

„Die Nummer konnte ich von meinem Versteck aus nicht sehen. Ich hätte sie mir wahrscheinlich auch gar nicht gemerkt. Die Männer haben gar keinen üblen Eindruck gemacht. Zumindest die beiden Größeren wirkten seriös. Der dritte war ein Typ mit fettigen schwarzen Haaren. Einer nannte ihn Johnny. Die Namen der anderen weiß ich nicht. Johnny trug ’ne dunkle Lederjacke und Jeans. Die anderen sahen wie Geschäftsleute aus. Graue Anzüge. In der Wall Street würden sie bestimmt nicht auffallen. Ich halte sie aber eher für Strumpffabrikanten.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Einer erwähnte den Namen 'Soft Butterfly'. Das ist ’ne bekannte Marke für Damen-Strumpfhosen.“

„Damit kennen Sie sich offenbar aus. Haben Sie nicht herausgehört, wohin die drei fahren wollten oder was sie mit dem Toten vorhatten?“

„Der eine Börsentyp sagte: 'Er muss es noch bei sich haben'. Mehr wurde nicht gesprochen. Ich erwähnte ja schon, dass sie es mächtig eilig hatten, wieder wegzukommen.“

„Im Gegensatz zu Ihnen. Sie konnten sich überhaupt nicht von hier trennen, obwohl Sie um diese Zeit bestimmt keine Liebespärchen mehr beobachten können.“

Smith hob die Hände. „Was soll ich sagen, Reiniger? Irgendwie fand ich das alles mächtig spannend. Ich habe versucht, mir zusammenzureimen, wie die drei im Chevy und der Typ im Caddy zusammengehören. Darüber bin ich dann, ob Sie’s mir glauben oder nicht, tatsächlich eingeschlafen. Ich hatte ja die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ihr Mercedes hat mich erst geweckt. Ich dachte, mich tritt ein Regenwurm, denn ich habe schnell kapiert, dass auch Sie sich für den Toten interessieren. Es wurde immer toller. So, und jetzt können Sie mich auspressen oder zu diesem Captain schleppen, weder Sie noch er wird mehr aus mir rausbekommen.“

„Wurde nicht auch der Name des Toten genannt?“

„Mit keiner Silbe.“

Das war nicht sehr viel. Ein Chevrolet, von dem ein paar zigtausend in New York herumfuhren. Drei Männer ohne nennenswerte Merkmale.

Ein namenloser Toter. Dazu ein offensichtlich gestohlener Cadillac.

„Würden Sie einen der drei gegebenenfalls wiedererkennen?“

Smith legte die Stirn in Falten. „Vielleicht, wenn sie sich nicht Bärte wachsen lassen oder auf andere Weise ihr Aussehen verändern. Ganz sicher bin ich da nicht. Es war noch fast dunkel.“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie nehmen meine Karte. Darauf steht meine Telefonnummer. Rufen Sie mich an, falls Ihnen doch noch irgendetwas einfällt oder die drei gar noch einmal herkommen sollten. Winken Sie nicht gleich ab. Ich bin nicht nur besonders lästig, sondern hin und wieder auch überraschend großzügig, wenn es um freiwillige Informationen geht.“

Smith nahm die Karte und steckte sie ein. „Ich kann Ihnen nichts versprechen, Reiniger.“

„Das erwarte ich auch nicht. Sie sollen nur die Augen offen halten.“



6

Bount nahm Stede Rumsey das Versprechen ab, den Cadillac vorläufig nicht anzurühren oder gar zu verkaufen. Er notierte sich die Fahrgestellnummer, die er später an Toby Rogers weiterleitete.

„Sag mal, Bount, was war das vorhin für ein seltsamer Anruf? Wer war der Mann, auf den du mich hetzen wolltest?“

„Er nannte sich Smith und war hinterher recht umgänglich.“ Dann erzählte Bount seinem Freund die ganze Geschichte, ohne allerdings den Namen Stede Rumseys preiszugeben. „Nimm mir das nicht übel, Toby. Vertrauen gegen Vertrauen. Er hat sich an mich um Hilfe gewandt, und er wird den gestohlenen Wagen zurückgeben, sobald du seinen rechtmäßigen Besitzer herausgefunden hast. Ich glaube ihm, dass er mit dem rätselhaften Mord nichts zu tun hat. Sobald ich meine Meinung ändere, gehört er dir beziehungsweise deinen Kollegen in Queens oder Brooklyn.“

„Du hast keinen Mörder und kein Opfer“, erinnerte Toby brummig. „Demzufolge ist dir das Motiv erst recht schleierhaft. Wo willst du ansetzen?“

„Die drei haben etwas bei dem Toten gesucht, Toby. 'Er muss es noch bei sich haben', hat einer angeblich gesagt. Die lächerlichen zweieinhalbtausend Dollar hat er wohl kaum gemeint. Es muss sich um etwas Wertvolleres handeln. Rauschgift vielleicht, der Schlüssel zu einem Schließfach oder auch belastendes Material. Ich werde wohl einmal den Strumpfwirkern von 'Soft Butterfly' auf die Bude rücken. Wer weiß? Vielleicht kommt mir ein Gesicht bekannt vor.“

June March, die gerade mit der Unterschriftenmappe kam, stutzte und sah Bount fragend an.

„Ist was, Teuerste?“, wollte Bount wissen.

„Die Briefe, die du noch unterschreiben musst. Grass habe ich eine Frist von zwei Wochen gesetzt. Wenn er dann noch immer nicht gezahlt hat, solltest du dir ernstere Schritte überlegen.“

„Und deshalb guckst du mich wie einen lahmen Schimmel an?“

„Deswegen nicht, sondern wegen 'Soft Butterfly'.“

Bount schmunzelte. „Wunderst du dich, dass ich mich neuerdings intensiv für Damen-Strumpfhosen interessiere?“

„Keineswegs. Wenn du dich ernsthaft dafür interessieren würdest, müsstest du wissen, dass es die Firma schon seit mindestens einem Jahr nicht mehr gibt. Sie hat pleite gemacht.“

„'Soft Butterfly'? Woher weißt du das?“

„Ich habe die Marke selbst ein paarmal gekauft. Sie hat aber nicht viel getaugt. Meine jetzige ist besser. Sag selbst!“

Sie reckte ihr wohl geformtes Bein vor und hob den Rock ein wenig in die Höhe.

„Toby, komm sofort rüber“, stöhnte Bount ins Telefon. „Ein Angriff auf meine Unschuld wird gestartet.“ Und zu June gewandt, beteuerte er: „Genügt es dir, wenn ich dir sage, dass du eines der aufregendsten linken Beine besitzt, die je mein Büro betreten haben?“

June lächelte atemberaubend. „'Soft Butterfly' ist trotzdem pleite.“

Bount knirschte mit den Zähnen. Er war enttäuscht. Er hatte sich von dieser Spur einiges versprochen.

Er beendete das Gespräch mit Toby und nahm Zuflucht zu einer Pall Mall. Er befand sich offensichtlich in einer Sackgasse und wusste noch nicht, wie er da wieder herausfinden sollte.

Die Ermittlungen einfach aufzugeben, nachdem die Unschuld seines Klienten an dem Mord als sicher gelten konnte, zog er vorläufig nicht in Erwägung. Stede steckt mit drin. Spätestens, wenn er den Cadillac zurückgab, musste er auch den Toten zu Protokoll geben.

Konnte „Soft Butterfly“ ein Codewort sein?

Vielleicht existierte von der Strumpffirma noch eine Verkaufsstelle, die die Restbestände unter die Leute brachte.

Bount beauftragte June, die aktuellen und ehemaligen Anschriften sämtlicher „Soft Butterfly“-Produktionsstätten, Verkaufsstellen oder Verwaltungsgebäude in Erfahrung zu bringen. Viel versprach er sich davon allerdings nicht.

Umso mehr geriet er aus dem Häuschen, als June ihm zwei Stunden später die Liste vorlegte.

„Das sind nur die Adressen der Staaten New Jersey, New York und Pennsylvania“, betonte sie. „Wenn du sie auch noch von den übrigen Staaten brauchst, musst du mir noch etwas Zeit lassen.“

„Das ist es“, rief er aufgeregt und tippte mit dem Zeigefinger auf das Blatt Papier. „Das müssen die Halunken gemeint haben.“

June schaute ihm über die Schulter.

„Die Fabrik in der Bronx? Aber da rührt sich seit einem Jahr nichts mehr. Außer Ratten und möglicherweise ein paar Fixern findest du dort nichts, was noch an das Leben erinnert. Die Maschinen wurden verkauft, die Büros geräumt. Von der Sorte findest du da draußen einen ganzen Haufen leerer Fabrikgebäude.“

„Aber nur eins der 'Soft Butterfly'. Ich fahre mal hinaus und schaue mir den Laden an.“

„Soll ich mitkommen?“, bot sich June an.

„Bist du versessen auf Ratten und Fixer?“

„Nicht unbedingt.“

„Dann bleibst du also hier und hütest das Telefon. Toby wird dir hoffentlich bald den Besitzer des Cadillacs durchgeben. Ich brauche seine Adresse und nähere Lebensumstände. Du weißt schon.“

„Wann bist du wieder zurück?“

„In zwei Stunden kannst du mit mir rechnen. Ich rufe vorher an. Vielleicht besuche ich dann gleich noch den Caddy-Besitzer. Halte ein bisschen Kontakt zu Stede Rumsey, damit er auf keine dummen Gedanken kommt.“

Bount verließ das Büro und fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage.

Draußen in Schuylerville standen die verlassenen Fabriken wie auf einer Perlenschnur aufgezogen. Öde, geschwärzte Fassaden mit toten Fenstern und beklemmenden Gerüchen. Eine Gegend zum Davonlaufen.

Bount lief nicht davon. Langsam fuhr er an den Fabrikhöfen vorbei und suchte die Adresse von Junes Liste.

Er fand sie mühelos, obwohl die Straßenschilder zum größten Teil abmontiert worden waren. Neben dem brüchigen Werkstor war ein Schild angebracht, das mit blassen Farben ein schlankes Frauenbein zeigte, über dem ein Schmetterling gaukelte. Das Firmenzeichen von „Soft Butterfly“.

Er befand sich am Ziel. Bount stieg aus und versuchte, ob sich das Tor öffnen ließ. Er wollte den Mercedes nur ungern auf der Straße stehen lassen. Er war sicher, bei seiner Rückkehr nur noch das Chassis vorzufinden.

Das Tor war verschlossen.

Bount umrundete das Werksgelände und hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, wie er in das Werk eindringen konnte.

Es existierte ein Hintereingang, der für die Durchfahrt eines Wagens allerdings zu schmal war. Außerdem ließ auch er sich nicht öffnen.

Ein paar Fenster im ersten Stockwerk luden zum Einstieg ein. Ihre Glasscheiben waren zertrümmert. Mit ein wenig Geschick ließ sich das eine oder andere erreichen.

Doch da war der Wagen. Was passierte mit ihm, solange Bount sich im Inneren des Gebäudes aufhielt? Überall lungerten fragwürdige Gestalten herum, die nur darauf warteten, dass er seinen Silbergrauen für ein paar Minuten aus den Augen ließ. Das Mindeste war, dass sie ihm die Reifen aufschlitzten. Aber dabei würde es kaum bleiben.

Bount kehrte zum Haupttor zurück und musterte aus der Ferne das Schloss. Es wirkte stabil, aber keineswegs übermäßig kompliziert. Mit den Hilfsmitteln, die er für gewöhnlich bei sich trug, müsste er es eigentlich knacken können. Dann konnte er den Mercedes in den schützenden Hof fahren und das Tor wieder schließen.

Als er erneut ausstieg, brach hinter ihm eine Glasscheibe.

Bount zuckte herum, während seine Hand unters Sakko glitt und auf den Griff der Automatic stieß.

Er ließ die Waffe jedoch stecken, denn er sah lediglich eine Katze, die gerade auf das Dach seines Wagens sprang und ihren Rücken zum nächsten Satz krümmte. Misstrauische Augen funkelten ihn an.

„Du kannst einem aber einen Schrecken einjagen!“, tadelte er lächelnd und wandte sich dem Schloss zu. Er zog einen Stahlhaken, dessen Größe ihm angemessen erschien, aus der Tasche.

Wieder verdächtige Geräusche. Diesmal kamen sie von der Ecke des Fabrikgebäudes. Jemand tuschelte dort.

Bount war wachsam. Er hielt nach beiden Seiten Ausschau, doch niemand ließ sich blicken.

Er machte sich ans Werk und schob den Haken ins Schloss.

Da peitschte ein Schuss auf. Die Kugel schrammte dicht über seinem Kopf hinweg und verursachte auf dem Eisentor einen kreischenden Laut. Ein paar Funken blitzten auf.

Bount ließ den Haken los und lag schon auf dem Boden. Er konnte zwar keinen Schützen sehen, rechnete sich jedoch aus, dass er dort stehen musste, wo er das Tuscheln gehört hatte.

Vorsichtshalber nahm er die Automatic aus dem Schulterholster und wartete ab.

Nichts geschah. Der Halunke mit dem Schießeisen gab sich keine Blöße.

Bount gab sich nicht der Illusion hin, dass durch den Schuss ein Streifenwagen angelockt werden würde. In dieser Gegend knallte es öfter einmal. Die Polizei hatte es längst aufgegeben, jedes Mal nach der Ursache zu forschen. Sie kam ohnehin in der Regel zu spät.

In den übelsten Ecken der Bronx existierte kein Gesetz. Brutale Jugendlichen-Gangs zogen sich hierher zurück. Süchtige träumten zwischen Kot und stinkenden Abfällen den Traum eines gemeisterten Schicksals. Farbige Schulmädchen gingen für ihre Väter auf den Drei-Dollar-Strich. Gelegenheitskiller versteckten sich in den Ruinen vor der Polizei und konnten sicher sein, hier nie aufgespürt zu werden.

Für einen Mann in guter Kleidung und mit einem Wagen drohte überall vielfache Gefahr.

Bount behielt die Ecke im Auge und richtete sich wieder auf, um seine Arbeit am Schloss fortzusetzen.

Da ließ ihn ein metallenes Geräusch auf der anderen Seite herumfahren.

Er sah gerade noch, wie ein Halunke, der sich einen schmutzigen Fetzen vors Gesicht gebunden hatte, auf ihn feuerte.

Schon erklangen auch von der Fabrikecke wieder Schüsse. Bount befand sich genau dazwischen.

Als auch noch eilige Schritte näher kamen, zog Bount es vor, sein Vorhaben schleunigst abzubrechen. Aus diesem Kesseltreiben würde er kaum mit heiler Haut herauskommen.

Er gab einen einzigen Schuss ab, um den frechsten seiner Gegner in die Deckung zurückzutreiben. Dann warf er sich in den Mercedes, dessen Schlag er zum Glück offen gelassen hatte.

Blitzschnell startete er den Motor und gab Gas.

Der Silbergraue schoss vor.

Bount fuhr an der Fassade der Fabrik entlang. Als er die Ecke erreichte, sah er einen Kerl davonlaufen und weiter hinten über die Mauer klettern, die den Fabrikhof umfasste. Der Bursche trug Jeans und eine schwarze Lederjacke.

Bount fiel der Typ ein, dessen Namen Smith mit Johnny bezeichnet hatte. Er war einer der drei Männer aus dem dunkelblauen Chevrolet, die die Leiche weggeschafft hatten.

Wenn Jeans und eine Lederjacke auch nicht unbedingt als ein untrügliches Erkennungsmerkmal gelten konnten, so erhärteten sie doch Bounts Vermutung, dass er sich bei der alten Fabrik der Strumpffirma an einer interessanten Adresse befand.

Er war fest entschlossen, hierher zurückzukehren. Dann aber sollte ihn niemand vertreiben.



7

Die Fahrgestellnummer des Cadillacs brachte Bount nicht weiter. Toby Rogers hatte herausgefunden, dass der Wagen dem Popstar Jude Buggy während eines Auftritts in Las Vegas vor drei Monaten gestohlen worden war. Zu dieser Zeit hatte ihn allerdings noch eine weiße Lackierung geziert. Zu dem Diebstahl hatte es bisher nicht die leiseste Spur gegeben.

Momentan befand sich Jude Buggy auf einer Tournee durch Japan und verschiedene Ostblockländer. Es sprach nichts dagegen, den Wagen bis zu ihrer Rückkehr in New York zu lassen.

Bount berichtete Toby von seinem Erlebnis in der Bronx.

„Sei froh, dass du mit heiler Haut herausgekommen bist“, sagte der Captain. „Dort geht man auch nicht alleine hin. Das ist glatter Selbstmord.“

„Überredet, Toby. Wann und wo treffen wir uns?“

„Ich verstehe nicht ganz, Bount. Sind wir verabredet?“

„Du hast doch gerade angeboten, mich zur Bronx zu begleiten. Heute Nacht. Diesmal fangen wir es geschickter ah. Ich wette, dass wir in der alten Fabrik eine Überraschung erleben.“

„Die hast du ja schon hinter dir. Hast du immer noch nicht die Nase voll? Was erwartest du, bei 'Soft Butterfly' zu finden?“

„Weiß ich nicht. Vielleicht die Leiche.“

„Stimmt. Wahrscheinlich deine eigene. Sei vernünftig. Wenn du einen konkreten Verdacht vorbringen kannst, veranlasse ich eine Durchsuchung. Dass irgendein Typ beiläufig diesen Firmennamen erwähnt hat, ist kein konkreter Verdacht.“

„Mit anderen Worten, du hast Angst“, bemerkte Bount lauernd.

„Erwartest du darauf etwa eine Antwort? Selbst wenn ich wollte, könnte ich dich nicht begleiten, um einen Toten zu suchen, den es möglicherweise gar nicht gibt. Vorläufig existiert er doch nur in der Behauptung eines Mannes, dessen Identität du starrköpfig vor mir geheim hältst. Ich bin zu Kellys Dienstjubiläum eingeladen. Du kennst doch Kelly. Wenn ich den vor den Kopf stoße, wirft er mir die nächsten zwei Jahre so viele Knüppel vor die Beine, dass ich aus dem Stolpern nicht mehr herauskomme.“

„Ihr werdet kaum die ganze Nacht feiern“, beharrte Bount.

„Aber die halbe, und die andere Hälfte bin ich dann bestimmt nicht mehr zu gebrauchen. Du solltest mal Kellys Sortiment an Whisky und Brandy sehen. Privat ist er erstaunlich umgänglich, aber dienstlich kehrt er das Ekel heraus, wenn man ihn gekränkt hat.“

„Ist schon gut. Dass ich mich jetzt gekränkt fühle, interessiert dich ja nicht. Ich hätte dich sowieso nicht gerne mitgenommen. Das Werkstor ist nämlich nicht breiter als vier Meter. Wie hättest du dich da durchzwängen wollen?“

Bount legte den Hörer auf und traf seine Vorbereitungen für den nächtlichen Ausflug.

Vor allem steckte er seine Ersatzpistole ein. Außerdem ein paar Dinge, auf die er glaubte nicht verzichten zu können.

Das Besondere war seine Kleidung. Um dort draußen nicht unnötig aufzufallen, musste er sein Äußeres anpassen. June half ihm bei dieser Maskerade.

„Ich sehe nur eine Schwierigkeit“, sagte die Blondine, als sie ihr gemeinsames Werk betrachtete. „Es wird für dich nicht einfach sein, aus Manhattan herauszukommen, ohne von der nächsten Polizeistreife aufgegriffen zu werden. Nimmst du ein Taxi?“

„So weit, wie ich damit komme. Für die letzte Strecke versuche ich es mit Roller Skates. Damit kommt man schnell voran und fällt dort auch nicht auf.“

„Du hast vielleicht Ideen!“

Nachdem June das Büro verlassen hatte, rief Bount bei Stede Rumsey an, um sich über etwaige besondere Vorkommnisse zu erkundigen.

„Danke der Nachfrage, Bount. Wie soll’s mir schon gehen? Da hat man ’nen Caddy im Stall und darf ihn nicht anrühren. Ein Leben ist das!“

„Ein Leben ist besser als ein Tod“, fand Bount. „Ich melde mich morgen wieder.“

Nach dem Telefonat studierte Bount den Stadtplan. Er musste in der Gegend, in der die verlassene Fabrik stand, genauso gut Bescheid wissen wie die Typen, die dort zu Hause waren. Möglicherweise war er wieder zu einem schnellen Rückzug gezwungen. Da ihm sein Wagen nicht zur Verfügung stand, musste er jede Sackgasse und jede Abkürzung kennen.

Nach Mitternacht zog er los.

Der Taxifahrer schüttelte den Kopf, als Bount sein Ziel nannte.

„Kannst du überhaupt zahlen?“

Bount zeigte ihm eine Fünfzigdollarnote, die die schlimmsten Bedenken des Taxifahrers beseitigte.

„In diese Ecke fahre ich nicht. Ich bin doch nicht lebensmüde.“

„Dann fährst du eben so weit, wie du dich traust“, schlug Bount vor.

Damit war der Mann einverstanden.

Eine halbe Stunde später war Bount auf sich alleine gestellt. Die Roller Skates hatte er sich an den Gürtel gebunden. Jetzt löste er sie und schnallte sie unter die Schuhe.

Er kam sich ein bisschen albern vor. Doch wenn er an seinen Plan dachte, erschien ihm jedes Mittel recht.

Also kurvte er auf gut geschmierten Walzen los.

Er musste ungefähr eine Meile zurücklegen. Dann erreichte er die tote Fabrikgegend.

Er schnallte die Skates wieder ab und zog es nun vor, sich auf leisen Gummisohlen durch den Schatten zu schleichen.

Eine Straßenbeleuchtung gab es hier so gut wie nicht. Das war Bount durchaus recht.

Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um auf verdächtige Geräusche zu horchen.

Trotz aller Vorsicht stolperte er fast über einen Körper, der mitten im Weg lag. Glückliche Augen starrten ihn an. Der Bursche, der höchstens sechzehn war, hatte den Hemdärmel hochgestreift. Die Armbeuge war violett verfärbt.

Vielleicht blieben ihm noch ein paar Wochen. Dann würde er erlöst sein.

Bount würde sich nie an dieses Bild gewöhnen, das ihm deutlicher als jedes andere seine Ohnmacht vor Augen führte.

Was konnte er schon tun?

Er war wohl in der Lage, einen Mörder zur Strecke zu bringen, eine Geisel zu befreien oder Diebesbeute wieder heranzuschaffen. Doch um ihn her rollte unterdessen die Lawine von Verbrechen, Not und Hoffnungslosigkeit weiter. Trotzdem wollte er seinen Kampf weiterführen.

Der Süchtige reagierte nicht, als Bount über ihn hinwegstieg. Er befand sich in einer anderen Welt. In einer Welt voller Farbe und Verständnis.

Am Morgen würde er zu sich kommen und die hässliche Wirklichkeit um sich erkennen. Die Arbeitslosigkeit, die Ghettos, den Dreck und den Kampf ums Überleben. Er würde sich nach seiner schöneren Welt zurücksehnen und sich eine Fahrkarte zu ihr verschaffen, indem er vielleicht einem ahnungslosen Freund sein Messer in den Bauch stieß und sich für die magere Beute wieder einen Schuss besorgte.

Bount hastete weiter. Wut kochte in ihm. Wut auf jene Männer, die aus dieser Ausweglosigkeit ein florierendes Geschäft machten.

Er wusste, dass der Diebstahl eines Wagens und die Verteilung von Rauschgift gleichermaßen unter Strafe gesetzt wurden. Es fiel ihm aber schwer, an den Knacker einer Luxuslimousine mit dem gleichen Abscheu zu denken wie an den Lump, der für fünf Dollar Stoff dealte und damit den qualvollen Tod eines Vierzehnjährigen verschuldete.

Endlich sah er die Silhouette der Strumpffabrik vor sich. Bis jetzt war ihm niemand in die Quere gekommen.

Vielleicht lag es daran, dass sich des Nachts kaum jemand hierher verirrte, den man ausrauben konnte. Deshalb lagen die Mugger nicht auf der Lauer.

Bount versuchte sein Glück diesmal an der Hintertür. Mit dem Schloss hatte er nur wenig Mühe.

Er schlüpfte durch den Spalt und zog die Tür hinter sich zu. Er verschloss sie nicht. Möglicherweise war er noch für einen Fluchtweg dankbar.

Er hatte zwei Taschenlampen mitgenommen. Bei der einen handelte es sich um einen kräftigen Strahler. Die andere besaß die Form eines Kugelschreibers und lieferte lediglich einen dünnen Lichtfaden, dessen Schein nicht nach draußen drang.

Diese Lampe benutzte er nun.

Er befand sich in einem Treppenhaus mit Steinstufen. Vor sich sah er eine offen stehende Eisentür.

Bount warf einen Blick in den dahinterliegenden Raum und stellte fest, dass es sich um eine riesige Maschinenhalle handelte, die jedoch leer war. Lediglich ein paar zerbrochene Regale lagen noch auf dem Boden. Außerdem waren überall Scherben zu sehen.

Bount drehte sich um und schlich die Treppe hinauf.

Im ersten Stockwerk hatten sich früher die Verpackungsräume befunden. Man sah es noch an den vielen Kartons.

Die oberste Etage war den Büros vorbehalten gewesen.

Bount öffnete eine Tür nach der anderen. Keine war zugeschlossen. Wozu auch? Hier gab es nichts mehr zum Stehlen.

Bei der vorletzten Tür hielt er den Atem an. Im ganzen Fabrikgebäude war die Luft nicht gerade angenehm. Hier aber stank es ungewöhnlich penetrant.

Bount versuchte, den Geruch zu analysieren, und mutmaßte, dass es sich um verbrannte Haare handeln müsse.

Die Automatik hielt er schon längst in der Rechten, während in der linken Hand die Taschenlampe dafür sorgte, dass er seine nächste Umgebung erkannte.

Bount betrat den Raum und war auf der Hut. Er sah gegenüber zerbrochene Fensterscheiben. Dass der Gestank trotzdem so intensiv war, deutete darauf hin, dass er noch nicht genügend Zeit gehabt hatte, sich zu verflüchtigen.

Bounts Vorsicht schien sich zu erübrigen. Niemand griff ihn an. Wer auch immer sich erst kürzlich in dem Raum aufgehalten hatte, war inzwischen verschwunden.

Vor einem der beiden geborstenen Fenster stand ein ausgedienter Schreibtisch. Dahinter schaute ein blauer Fetzen hervor. Ein Stück Plastik.

Bounts Herz tat ein paar raschere Schläge. Hatte er gefunden, wonach er suchte?

Vorsichtig schob er sich an den Schreibtisch heran. Dabei achtete er darauf, dass ihm niemand in den Rücken fiel.

Als er endlich neben dem Möbelstück stand, sah er den Leichnam, von dem der grässliche Gestank ausging. Die nackten Füße schauten unter der Plane hervor.

Bount bückte sich und zog die Plastikhaut beiseite.

Er fuhr zusammen.

Bount schluckte und entfernte die Plane vollständig.

Vor ihm lag eine männliche Leiche. Sie war völlig nackt. Damit wollten die Gangster vermutlich ihre Identifizierung erschweren.

Wie sollte jemals ermittelt werden, um wen es sich bei dem Toten handelte?

Aber irgendeinen Fehler beging jeder Gangster. Selbst der gerissenste übersah früher oder später eine Kleinigkeit. Auf diese Kleinigkeit baute Bount. Er musste sie nur noch entdecken.

Ohne die Unterstützung der Polizei kam er allerdings nicht mehr aus. Dies war jetzt ohnehin ein Fall für die Mordkommission. Die Leiche war endlich aufgetaucht.

Es war wichtig zu erfahren, wer in den vergangenen Stunden als vermisst gemeldet worden war. Es kamen nur Männer in Betracht, die ungefähr fünfzig Jahre alt waren. Die Zahl konnte nicht unüberschaubar sein.

Bount wusste aber sehr wohl, dass ein Mann im Maßanzug durchaus zu einer Berufsgruppe gehören konnte, deren Angehörige erst nach einiger Zeit vermisst wurden. Geschäftsreisende zum Beispiel. Man wähnte sie in Europa, dabei schwamm ihre Leiche längst den Hudson hinunter.

Manche Vermisste wurden bei der Polizei auch gar nicht gemeldet. Wenn der Tote aus Zuhälterkreisen stammte, würde seine Identität möglicherweise nie ermittelt werden.

Auf jeden Fall musste Bount die Polizei verständigen. Am besten Toby. Ein kopfloser Toter musste eigentlich als Grund ausreichen, um eine Jubiläumsparty vorzeitig verlassen zu können.

Natürlich gab es in der ganzen Fabrik kein Telefon mehr. Die öffentlichen Fernsprecher im Umkreis waren längst das Opfer zerstörungswütiger Rowdies geworden.

Also musste Bount dorthin zurückkehren, wo ihn das Taxi abgesetzt hatte.

Argwöhnisch betrachtete er den Leichnam. Schon einmal war er verschwunden. Er fürchtete, dass sich das wiederholen könnte.

Aus diesem Grund suchte er wenigstens den Fußboden nach Spuren oder Hinweisen ab.

Er tat das sehr gründlich und lag mehr als einmal auf dem Bauch, um in die kleinste Ritze zu spähen.

Etwas geronnenes Blut, ein Büschel angegrauter Haare und ein Knopf, der wohl von einem Sakko stammte, das war seine ganze Ausbeute.

Getrennt schob er die Fundgegenstände in kleine Tüten und steckte es zu sich. Dann verließ er den Raum und trat den Rückweg an.

Nach dem Verlassen der Fabrik bediente er sich erneut der Roller Skates. Damit rauschte er bis zum ersten funktionierenden Telefon und rief bei Captain Kelly an.

Er musste lange warten, bis endlich der Hörer abgehoben wurde und sich eine säuselnde Frauenstimme meldete: „Bist du’s, Bobby? Ich habe dir doch gesagt, dass er diese Nacht zu Hause ist. Wir können uns unmöglich treffen.“

„Geben Sie mir bitte Captain Rogers, Miss.“

Die Frau schnappte hörbar nach Luft. Sie überlegte wohl, welchen Reim sich der Anrufer, bei dem es sich offensichtlich nicht um ihren Bobby handelte, auf ihre Worte machen konnte.

„Moment!“, stieß sie hervor und entfernte sich.

Am Anschwellen von Lärm, Lachen und Musik erkannte Bount, dass die Frau eine Tür geöffnet hatte.

„Toby! Für Sie“, hörte er sie rufen. Durch das Stimmengewirr drang Toby Rogers's Bass. „Wer ist es denn, Gloria?“

„Keine Ahnung. Er hat seinen Namen nicht genannt.“

„Verdammt! Kann man denn nirgends ungestört feiern? Das kann nur die Zentrale sein.“

„Lassen Sie sich ja nicht abkommandieren, Toby. Sam würde Ihnen das nie verzeihen. Und ich auch nicht.“ Sie ließ ein schelmisches Kichern hören.

Bount überlegte, ob Captain Kelly wohl deswegen so unleidlich sein konnte, weil er genau wusste, dass ihm seine Gloria bei jeder sich bietenden Gelegenheit Hörner aufsetzte.

„Rogers!“ Tobys verärgerte Stimme unterbrach seine Mutmaßungen. „Was, zum Teufel, ist denn schon wieder los? Bist du’s, Ron? Dann soll dich der Henker holen.“

„Wird nicht gut möglich sein, Dicker“, antwortete Bount. „Der Henker ist gerade damit beschäftigt, wehrlose Leichen herumliegen zu lassen.“

„Du, Bount? Bist du noch zu retten, mich hier anzurufen? Ich habe dir doch klipp und klar erklärt, dass Kelly zum Berserker wird, wenn ich ihm die Stimmung verderbe.“

„Dann komme ich kurz vorbei und lege ihm einen nackten Toten aufs kalte Büfett. Bin gespannt, wie sich der auf seine Stimmung niederschlägt.“

Toby Rogers's Stimme wurde versöhnlicher. „Du hast ihn gefunden?“

„Bei 'Soft Butterfly'. Ich bin sicher, dass er es ist. Ich möchte, dass du herkommst und ihn dir ansiehst.“

„Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Bount. Das sollen gefälligst die zuständigen Kollegen von der Bronx machen.“

„Können sie ja auch. Ich fürchte nur, dass die eine nicht identifizierbare Leiche in einer verlassenen Fabrik nicht sonderlich aus dem Häuschen bringt. Das gehört für die Jungs doch schon fast zum täglichen Brot.“

„Ist ’ne üble Gegend, aber schließlich nicht meine Schuld.“

„Ich will wissen, wer es ist“, erklärte Bount. „Unbedingt. Eure Medizinmänner müssen ihn auf schneiden.“

„Obduktion? Was versprichst du dir davon? Wir erfahren allenfalls, was er zuletzt gegessen hat.“ „Vielleicht hatte er einmal einen komplizierten Bruch oder eine seltene Krankheit. Irgendetwas muss sich doch finden lassen. Oder willst du vor ein paar Gangstern kapitulieren? Ich bringe hiermit ganz offiziell einen Mord zur Anzeige. Genauso, wie du es gewünscht hast. Kümmere dich gefälligst darum.“

„Ich sage den Kollegen Bescheid“, lenkte Toby ein. „Sie werden mit ihrer kompletten Mannschaft antanzen. Von wo aus rufst du an?“

Bount sagte es ihm, legte aber gleichzeitig Protest ein: „Die Jungs aus der Bronx sollen getrost kommen, aber dich will ich mit dabei sehen, verstanden? Will das nicht in deinen verdammten Schädel? Sei froh, dass er noch auf deinen Schultern sitzt. Hier geht es nicht um einen simplen Mord. Dahinter steckt mehr. Der Aufwand, den die Burschen im Chevy treiben, ist viel zu groß. Wer einen Caddy fährt, und wenn er auch nur geklaut ist, gibt sich nicht mit kleinen Fischen ab. Einem normalen Killer wäre es egal gewesen, ob sein Opfer gefunden wird. Aber nein, die drei setzen sich mehrfach der Gefahr aus, erwischt zu werden. Und warum? Sie haben etwas gesucht und wahrscheinlich auch gefunden, weil sie die komplette Kleidung ihres Opfers mitgenommen haben. Vielleicht war das erst der Anfang einer verbrecherischen Kette. Deshalb müssen wir den Toten kennen. Nur so werden uns die Fragen nach Motiv und Täter beantwortet.“

„Weißt du, was ich in den letzten Stunden konsumiert habe, Bount? Wenn ich mich hinters Steuer meines Wagens klemme, muss ich mich selbst verhaften.“

„Soll ich dir die Telefonnummer deiner Dienststelle geben?“, fragte Bount ungehalten. „Dort forderst du einen Wagen mit Fahrer an und holst mich hier ab. Ende der Durchsage.“

Bount hängte den Hörer schleunigst ein. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Toby ihn sitzen ließ.



8

Toby ließ seinen Freund nicht sitzen, und ihm war auch nicht anzumerken, dass er übermäßig getrunken hatte.

Das Polizeiaufgebot aus der Bronx war ebenfalls zur Stelle. Bount lieferte brav seine Tütchen mit Haaren und Knochensplittern ab und war zufrieden, als die Spurensicherer auch nicht mehr entdeckten als er. Das hätte ihn gewurmt.

Toby versprach, die Obduktion durchzusetzen. Außerdem wollte er Bount am nächsten Morgen eine komplette Liste aller an den letzten beiden Tagen als vermisst Gemeldeter aushändigen.

Bounts Versuch, einen vor der Fabrik Herumlungernden, den er vom Bürofenster aus eine Weile beobachtet hatte, zu stellen und ihn über die drei Burschen im Chevrolet auszuquetschen, schlug fehl. Kaum tauchte er vor dem Tor auf, da verschwand der Halunke auch schon.

„Von dem hätten Sie ohnehin nichts herausbekommen“ tröstete einer der Polizisten Bount. „Dieses Pack schlachtet sich gegenseitig ab, ohne mit der Wimper zu zucken, doch gegen unsereins hält es zusammen wie Pech und Schwefel. Die lassen sich eher die Zunge herausschneiden, als dass sie ihresgleichen ans Messer liefern.“

Der Tote wurde abtransportiert. Bount ließ sich von Toby zu Hause abliefern und schmiedete unterwegs bereits seine Pläne für den nächsten Tag.



9

„Habt ihr sie?“, fragte der Mann mit den silbergrauen Haaren, als die drei Gangster bei ihm eintrafen. „Gebt her! Es hat lange genug gedauert.“

„Tut uns leid, Boss“, gestand Dave Delmer. „Wir haben uns nicht die Zeit genommen, alles an Ort und Stelle zu durchsuchen. Da hat ein Kerl rumgeschnüffelt.“

„Was heißt das? Was für ein Kerl? Was wollte er?“

„Er hat versucht, in die Fabrik einzudringen. Aber wir konnten ihn verjagen.“

„Polizei?“, fragte Arthur Conrad, der Mann mit den silbergrauen Haaren, stirnrunzelnd.

„Kaum. Ein einzelner Bulle würde das nicht versuchen. Deshalb haben wir ihn ja zu der Fabrik gebracht. Da wird er nicht so schnell entdeckt.“

„Soll das heißen, dass ihr ihn dort liegen gelassen habt?“, brauste der Gangsterboss auf. „Wenn sie ihn identifizieren, wissen sie gleich, was die Glocke geschlagen hat.“

Delmer winkte großspurig ab.

„Wir sind doch nicht blöd. An dem beißen sie sich die Zähne aus. Wir haben sämtliche Klamotten mitgenommen. Sie können ganz unbesorgt sein. Den erkennt keiner.“

„Ich bin nicht besorgt. Delmer. Ich will endlich das Geschäft zum Abschluss bringen. Übermorgen ist der letzte Termin für die Übergabe.“

„Das wissen wir. Wir brauchen ja nur noch in sämtlichen Taschen nachzusehen. Die Sachen sind hier im Koffer. Mach mal auf, Leo.“

Leo Brooks trug einen braunen Handkoffer, den er nun auf den Tisch legte und öffnete. Ein blauer Anzug kam zum Vorschein, Unterwäsche, Schuhe, ein durchlöchertes Oberhemd, eine gestreifte Krawatte und Strümpfe. Die komplette Garderobe des Ermordeten.

„Fangt schon an!“, befahl der Boss ungeduldig.

Die drei Gangster fielen über die Sachen her und untersuchten sie gründlich. Ihre Gesichter wurden immer länger.

Sie entdeckten eine Brieftasche mit zweihundert Dollar, eine zerknüllte Zigarettenpackung, einen Kamm, ein Heftpflaster und eine zerbrochene Lesebrille. Das, was sie suchten, fanden sie jedoch nicht.

„Verdammt! Sie müssen doch irgendwo sein“, fluchte Delmer. „Er versprach am Telefon, sie mitzubringen.“

„Und ihr Narren musstet ihn abknallen, bevor ihr sie hattet.“

„Er wollte uns für dumm verkaufen, Boss“, verteidigte sich Leo Brooks hastig. Er war der Mann, der die Schüsse abgefeuert hatte. „Er verlangte plötzlich die dreifache Summe. Andernfalls weigerte er sich zu liefern. Hätten wir uns erpressen lassen sollen? Ihre Partner sind bestimmt nicht bereit, ihr Angebot zu erhöhen.“

„Natürlich nicht. Der Preis steht fest. Aber wenn ich die Ware nicht habe, sehen wir keinen Cent. Ihr auch nicht. Das scheint ihr vergessen zu haben.“

Das hatten die Gangster keineswegs vergessen. Sie blickten sich ratlos an und schüttelten die Köpfe.

Sie hatten alles abgesucht. Das Futter aus dem Anzug war herausgerissen. Die Schuhe hatten keine Sohlen und Absätze mehr. Jeden Saum hatten sie abgegriffen, obwohl der als Versteck kaum in Betracht kam.

Nichts. Der Halunke hatte sie geblitzt.

„Er hat uns angelogen“, erkannte Delmer. „Er hat das Zeug gar nicht bei sich gehabt.“

„Also muss es sich noch in seiner Wohnung befinden“, folgerte Brooks.

„Worauf wartet ihr dann noch?“, brüllte der Boss ungeduldig. „Seht nach. Nehmt die Bude auseinander. Und kommt mir ja nicht mit leeren Händen zurück.“

Die drei Gangster ließen die Köpfe hängen. Sie begriffen, dass sie einen Fehler begangen hatten.

Aber sie waren entschlossen, ihn wieder auszubügeln. Sie waren auf das Geld scharf. Eine hübsche Summe hatten sie in Aussicht. Dafür konnte man schon ein paar Schränke zerlegen.

Sie wandten sich der Tür zu und gingen.



10

Bount wartete nicht, bis das Obduktionsergebnis vorlag. Das konnte bis zum Abend dauern. Auch Tobys versprochene Liste der Vermissten konnte Bount nicht hindern, schon vorher die Initiative zu ergreifen.

Bereits am frühen Morgen rief er Stede Rumsey an.

„Ich komme gleich bei Ihnen vorbei, Stede. Wir machen eine kleine Spritztour nach Queens. Sie sollen mir zeigen, wo Sie den Cadillac abgestaubt haben.“

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich mich nicht mehr genau erinnere, Bount“, antwortete der Ganove kläglich.

„Es ist ja auch nur ein Versuch. Ich habe übrigens heiße Neuigkeiten. Ihre Leiche ist wieder da.“

„Machen Sie nicht solche Scherze, Bount“, wehrte Stede Rumsey verbittert ab. „Es ist nicht meine Leiche. Wo haben Sie sie entdeckt?“

Bount erzählte es ihm, als er ihn mit dem Wagen abholte.

Stede schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie haben eine selbstmörderische Ader, Bount. Das hätte Sie Kopf und Kragen kosten können.“

„Jetzt werden Sie aber makaber, Stede. Kopf und Kragen hat es unseren Freund gekostet, vom dem ich zu gerne wissen möchte, um wen es sich handelt. Ich sehe eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wohnte er in dem Haus, vor dem der Cadillac stand, oder sein Mörder wohnte darin. Das eine wie das andere würde uns einen tüchtigen Schritt weiterbringen.“

Sie fuhren in die Gegend der 215ten Straße.

Stede Rumsey machte ein verdrossenes Gesicht.

„Bei Tag sieht alles ganz anders aus als in der Nacht“, stellte er fest. „Ich kann mich gar nicht erinnern, jemals in dieser Ecke gewesen zu sein.“

„Reißen Sie sich zusammen, Stede“, forderte Bount. „Sie wissen sehr wohl, dass Sie noch längst nicht aus dem Schneider sind. Die Leiche ist da, und wenn wir keinen anderen Mörder finden, bleibt womöglich doch noch alles an Ihnen hängen.“

Das sagte er allerdings nur, um Rumsey auf Vordermann zu bringen. Nach wie vor hielt er ihn nicht für einen Gewaltverbrecher.

Der Gauner rieb sich verzweifelt die Nase und meinte unschlüssig: „Da drüben das Haus könnte es gewesen sein. Die Einfahrt mit dem Kiesweg sieht jedenfalls so ähnlich aus.“

Bount lenkte den Mercedes an das Haus heran und stoppte.

„Da müssen Sie weg!“, brüllte jemand aus dem Fenster. „Sehen Sie nicht, dass Sie genau vor der Ausfahrt stehen?“

Bount ließ den Wagen noch ein Stück vorrollen und stieg aus.

„Ich komme wegen des Inserats“, behauptete er.

„Was für ’n Inserat?“, wollte der Mann wissen, der ihn angemeckert hatte.

„Sie haben einen Cadillac Seville angeboten. Zwanzigtausend Verhandlungsbasis. Ich wollte mir den Wagen einmal ansehen. Oder ist er etwa schon verkauft?“

Der Mann beugte sich so weit aus dem Fenster, dass er fast ins Blumenbeet kippte.

„Ein Cadillac? Sehe ich wie ein Millionär aus? Ich fahre einen Dodge. Der tut seine Dienste.“

Bount machte ein unglückliches Gesicht. „Dann muss ich wohl die Hausnummer verwechselt haben. Sie wissen nicht zufällig, wer hier in der Nähe ’nen schwarzen Caddy fährt?“

Der Mann dachte nach, bevor er entschieden den Kopf schüttelte. „So ein Wagen wäre mir aufgefallen. Ich sehe oft aus dem Fenster. Da hat Ihnen einer einen Bären aufgebunden, Mister. Pech für Sie. Aber schließlich fahren Sie ja auch nicht gerade einen müden Eimer.“

Bount fand trotz des Misserfolges seine Idee gar nicht schlecht, und er wiederholte den Trick mit dem Inserat noch an verschiedenen anderen Stellen in der Umgebung. Immer mit dem gleichen negativen Ergebnis.

Erst an der sechsten Station, als er schon aufgeben wollte, trat etwas ein, womit er nicht mehr gerechnet hatte.

„Tut mir leid, Mister“, bedauerte ein dürrer Mann und wollte die Haustür zuschlagen. „Ich kenne keinen in der näheren Umgebung, der einen Cadillac fährt.“

Hinter dem Mann tauchte ein blasser Bursche auf und tönte: „Der gehört nach Nummer 62, Dad. Ein toller Schlitten. So einen kaufe ich mir später auch mal.“

Der Mann drehte sich um und schüttelte verärgert den Kopf. „Was erzählst du da für einen Unfug, Harry? Mach lieber deine Hausaufgaben.“

„Aber wenn ich ihn doch gesehen habe“, beharrte der Junge. „Ein schwarzer Cadillac Seville. Dort drüben stand er.“ Er streckte den Arm aus und zeigte auf eine Einfahrt.

Bount sah Stede Rumsey fragend an. Der nickte zögernd.

„Dort könnte es gewesen sein“, räumte er ein.

Der Vater des Jungen widersprach: „Der Bengel fantasiert. Das Haus ist überhaupt nicht bewohnt. Es steht schon seit einem Vierteljahr leer. Der Besitzer verlangt anscheinend eine zu hohe Miete. Er selbst wohnt in Vermont.“

Bount wandte sich an den Jungen. „Wann hast du den Wagen dort stehen sehen?“

„Vorletzte Nacht. Ich konnte nicht einschlafen und habe mir aus der Küche ein Glas Milch geholt. Da fuhr der Caddy hier vorbei und hielt vor dem Haus. Drei Männer stiegen aus. Mehr habe ich nicht gesehen. Ich bin dann wieder ins Bett gegangen.“

„Glauben Sie ihm kein Wort, Mister. George hat eine blühende Fantasie. Nur mit der Mathematik hapert es. Marsch! Du hast noch zu tun.“

„Eine Frage noch, George. Stand noch ein anderer Wagen vor dem Haus oder in der Nähe?“

Der Junge nickte eifrig. „Neben der Laterne. Ein dunkler Chevrolet. Blau war er. Normale Kutsche. Nichts Weltbewegendes.“

Bount schenkte dem Jungen fünf Dollar und mahnte: „Reiß dich am Riemen mit der Mathematik, George. Du bist ein heller Kopf. Du schaffst das schon.“

Er ging mit Stede Rumsey zum Haus Nummer 62 hinüber und stellte schnell fest, dass die Tür nicht geschlossen war. Kein Wunder! Als die Gangster den Cadillac hatten davonfahren hören, waren sie schleunigst losgerannt und hatten im Chevrolet die Verfolgung aufgenommen.

„Wir sehen einmal nach“, entschied Bount und stieß die Tür mit dem Fuß vollends auf.

Stede Rumsey zögerte. Sein Gesicht war grau. Ihm war anzusehen, dass er am liebsten auf und davon gelaufen wäre.

In einem der hinteren Räume brannte Licht. Die Vorhänge waren geschlossen, die Möbel mit weißen Tüchern abgedeckt. Lediglich von den Stühlen waren die Tücher entfernt worden. Sie lagen zusammengeknüllt auf dem abgetretenen Teppich. Ein Stuhl war umgekippt.

„Hier war es“, versicherte Bount gepresst. „Hier haben sie ihn erschossen. Sie haben sich in dem Haus getroffen, weil sie wussten, dass es unbewohnt ist. Ein idealer Übergabetreffpunkt.“

„Übergabe für was?“, wollte Stede Rumsey erregt wissen. „Glauben Sie, dass er noch mehr Geld bei sich getragen hat?“

„Nein. Er hoffte wohl eher, einen dicken Packen davon zu bekommen. Stattdessen spickten sie ihn mit Blei und steckten ihn in den Kofferraum ihres Wagens. Da sie fürchten mussten, dass die Schüsse in der Nachbarschaft gehört worden waren, wollten sie ihn wegschaffen und erst später durchsuchen. Er trug etwas bei sich, was sie unbedingt haben wollten. Sie hätten ihn dafür wahrscheinlich bezahlen sollen, aber sie zogen es vor, das Geld zu sparen.“

„Langsam fange ich an zu kapieren“, stieß Stede Rumsey hervor. „Der Mann trug etwas bei sich, und ich fuhr nichtsahnend mit ihm davon. Ganz klar, dass die Strolche scharf darauf waren, den Leichnam wiederzubekommen.“

„Richtig. Und das haben sie ja nun leider auch geschafft. Wenn es der Polizei nicht gelingt, den Toten zu identifizieren, werden wir wohl nie erfahren, warum er sterben musste.



11

Dave Delmer, Leo Brooks und Johnny Strode verloren keine Zeit. Sie fuhren nach Staten Island zu der Adresse, die sie genau kannten.

Vor dem Haus stellte Brooks den Motor ab und sah Delmer auffordernd an.

„Was ist los? Willst du nicht aussteigen?“

„Flippen war verheiratet.“

„Na und?“, fragte Brooks kalt. „Die Sorge ist er jetzt los.“

„Er schon, aber wir nicht. Vielleicht ist seine Alte zu Hause und hat schon die Bullen rebellisch gemacht?“

„Siehst du hier irgendwo ’nen Bullen?“

„Es ist unser Geld genauso wie seins“, mischte sich Strode missmutig ein. „Ich bin dafür, dass wir reingehen. Egal, ob die Tante da ist oder nicht.“ Er zog seine Pistole aus der Tasche und schraubte genussvoll einen Schalldämpfer vor den Lauf.

„Du hast eben kein Hirn“, tadelte Delmer, der sich als Anführer fühlte. „Ich kundschafte erst mal die Lage aus. Wenn die Luft rein ist, gebe ich euch ein Zeichen.“

Bevor er ausstieg, setzte auch er auf seine Pistole einen Schalldämpfer. Er prüfte das Magazin und schob es zufrieden zurück. Die Waffe ließ er in der Innentasche seines Sakkos verschwinden.

Als er die Straße überquerte, wirkte er wie ein seriöser Geschäftsmann. Niemand hätte ihn auf den ersten Blick für einen skrupellosen Killer gehalten.

Er läutete an der Haustür und drehte sich grinsend zu seinen Komplizen um, die aus einiger Entfernung sein Tun beobachteten.

Er hörte Schritte. Seine Gestalt straffte sich. Er hatte also richtig vermutet.

Eine Frau mit breiten Hüften, massigen Schultern und schwammigem Gesicht öffnete die Tür und musterte den Fremden argwöhnisch.

„Ich kaufe nichts“, erklärte sie unwirsch und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht „Ich hätte auch nichts, was ich Ihnen verkaufen könnte, Mrs. Flippen. Mein Name ist Miller. Ich bin mit Ihrem Mann verabredet.“

„Davon hat er mir nichts gesagt. Er ist nicht da.“

„Das macht nichts“, meinte der Gangster unbeeindruckt. „Er kommt sicher gleich zurück. Ich warte solange.“

„Er ist nach Paris geflogen. Ich erwarte ihn erst am Wochenende zurück.“

„Nach Paris?“ Der angebliche Miller sah enttäuscht aus. „Dann muss er unsere Verabredung vergessen haben, sonst hätte er mich informiert. Ich sollte ein Schriftstück abholen. Hoffentlich wissen Sie Bescheid.“ Dave Delmer triumphierte. Flippen hatte also einen Flug nach Europa geplant. Wahrscheinlich hatte er sich mit dem Geld absetzen wollen. Die fette Schlampe wusste bestimmt nichts davon. Das bedeutete, dass sie vorläufig ihren Mann auch nicht als vermisst melden würde. Ausgezeichnet!

Mary Flippen schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Ahnung, wovon dieser Miller redete. Sie interessierte sich nicht für die beruflichen Belange ihres Mannes. Davon verstand sie nichts. Ihr genügte es, wenn immer genug Geld auf dem Konto war.

Er betrog sie. Das wusste sie seit Langem. Vielleicht hatte ihn gar nicht die Firma nach Paris geschickt. Vielleicht war er mit einem von seinen Flittchen geflogen. Na, wenn schon. Sollte sie ihn haben. Hauptsache, er lieferte das Geld ab. Es war Mary Flippen viel zu anstrengend, mit den Jüngeren, Hübscheren in Konkurrenzkampf zu treten.

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Er hat mir nichts gesagt. Sie müssen ein andermal wiederkommen.“

„Ausgeschlossen! Ich habe schon mein Ticket in der Tasche. Ich kann den Flug unmöglich verschieben. Vielleicht sind Sie so freundlich und sehen in seinem Schreibtisch nach.“

„Er mag es nicht, wenn ich in seinen Sachen herumschnüffle.“

„Das ist doch kein Schnüffeln“, beruhigte der Gangster die Frau. „Sicher liegt die Mappe griffbereit obenauf.“

Mit sanftem Druck schob er Mary Flippen tiefer in den Gang und folgte ihr. Mit dem Fuß warf er die Haustür ins Schloss.

Die Frau seufzte und ging voraus. Sie ahnte nicht, wer in ihr Haus eingedrungen war.

Sie führte den Besucher in das Arbeitszimmer, in dem tatsächlich ein Schreibtisch stand. Er war aufgeräumt. Auf der Platte lagen nur eine Schreibunterlage, ein Aschenbecher und eine Schale mit Kugelschreibern. Außerdem stand ein Telefonapparat darauf.

„Sehen Sie, es ist nichts da“, stellte die Hausherrin fest.

„Dann werden wir eben suchen“, erklärte Delmer wütend und zog die Pistole aus der Tasche. „Vorwärts! Es geht nicht um ein Schriftstück, sondern um Filme. Ich lege dich um, wenn du sie nicht rausrückst.“

Mary Flippens Kinnlade sackte nach unten. Sie war nicht gerade ein helles Köpfchen, aber selbst sie begriff, dass es dem Eindringling mit seiner Drohung ernst war.

Ihre Finger zitterten, als sie an den Schreibtisch herantrat und die Schublade herauszog. Sie riss sämtliche Papiere heraus, stieß aber auf keinen Film.

„Weiter!“, verlangte der Gangster. „Versuche nicht, mich hinzuhalten.“ Sie durchsuchte den ganzen Schreibtisch. Ohne Erfolg. Weinerlich richtete sie sich auf. „Bestimmt hat er die Filme bei sich, wenn sie so wichtig sind“, vermutete sie und starrte die Pistole an.

„Hat er nicht, verdammt noch mal.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Wir hätten sie gefunden.“

Mary Flippen taumelte. Sie begriff die Bedeutung dieser Worte. Der Gangster musste mit Clark zusammengetroffen sein, bevor er zu ihr kam. Sie hatten sich getroffen.

„Sie ... Sie haben ihn ...“ Sie öffnete den Mund zu einem entsetzten Schrei.

Dave Delmer kam ihr zuvor und drückte ab.

Der Schuss löste sich mit einem kaum hörbaren „Plopp“.

Mary Flippen hob die Hände in hilfloser Abwehr, als könnte sie die Kugel aufhalten.

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