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Großband Raumschiff Rubikon 7 - Vier Romane der Weltraumserie

Großband Raumschiff Rubikon 7 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland and Oliver Fröhlich

Published by BEKKERpublishing, 2020.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Großband Raumschiff Rubikon 7 - Vier Romane der Weltraumserie

Copyright

Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde

Copyright

Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde | Manfred Weinland

von Manfred Weinland

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Raumschiff Rubikon 26 Die Getilgten

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Raumschiff Rubikon 26 Die Getilgten | Manfred Weinland

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Epilog

E N D E

Raumschiff Rubikon 27 Welt der Welten

Raumschiff Rubikon 27 Welt der Welten | Oliver Fröhlich

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Prolog | Nahe Vergangenheit

1. | Gegenwart

2. | Nahe Vergangenheit

3. | Gegenwart

4. | Ferne Vergangenheit

5. | Gegenwart

6. | Sehr nahe Vergangenheit

7. | Gegenwart

8. | Ferne Vergangenheit

9. | Gegenwart

10. | Ferne Vergangenheit

11. | Gegenwart

12. | Gegenwart

13. | Gegenwart

14. | Ferne Vergangenheit

15. | Gegenwart

Epilog

​Raumschiff Rubikon 28 Die Oort-Erde

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​Raumschiff Rubikon 28 Die Oort-Erde | Manfred Weinland

Prolog

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

About the Publisher

Großband Raumschiff Rubikon 7 - Vier Romane der Weltraumserie

Über diesen Band:

Dieses Buch enthält folgende SF-Romane:

Manfred Weinland: In absoluter Fremde

Manfred Weinland: Die Getilgten

Oliver Fröhlich: Welt der Welten

Manfred Weinland: Die Oort-Erde

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

COVER:DIETER ROTTERMUND

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

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Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde

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MANFRED WEINLAND

Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde

UUID: 32b43b8a-fb4a-11e8-87dd-17532927e555

Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://write.streetlib.com) erstellt.

Table of Contents

UPDATE ME

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Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde

Manfred Weinland

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Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

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von Manfred Weinland

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1.

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––––––––

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EINE Geburt dauerte viele Jahre.

Und wenn der Moment der Verknüpfung kam, war es, als würde ein dicht gewebter Schleier fallen, der die Wunder der Welt – bis dahin hinter Grau und Stille verborgen – plötzlich sicht- und fühlbar machte.

Namenlos atmete ein.

Und atmete aus.

Schon das allein entfachte Euphorie in ihm.

Eine Zeitlang zappelte er hilflos, gewöhnte sich an die ihm zur Verfügung stehenden Sinne. Den erhaltenen Körper zu erkunden, war erste Pflicht. Alles andere musste warten. Nur wenn er lernte, sich optimal zurechtzufinden, würde er sich des Geschenks, ein Bewusst sein erlangt zu haben, würdig erweisen können.

»Aaaahhhh...«

Seufzend richtete er sich auf.

Der felsige Boden unter seinen scharfkralligen Füßen war eben und bot ihm guten Halt. Namenlos widmete sich erst seiner Umgebung, bevor er an sich selbst herabblickte.

Er stand auf einem kleinen Plateau mit kargem Bewuchs. Offenbar hatte das geistlose Wesen, in dem er erwacht war, sich an den Früchten des einzigen Baumes weit und breit gelabt, als es passiert war.

Namenlos blickte sich nach Gefährten des Übernommenen um, fand aber keinen Artgenossen dieser Spezies. Offenbar handelte es sich um einen Einzelgänger.

Umso besser, dachte Namenlos. Er wollte keine Komplikationen. Und so wie ihm der Name der Spezies, in der er geboren worden war, »zuflog« – Pieroos –, wusste er auch, dass er es schlechter hätte treffen können. Die Echsenart, in die eine Laune der Natur ihn gepflanzt hatte, bot Möglichkeiten, auf die manch anderer Vaschgane Zeit seines Lebens verzichten musste. Es gab groteske Auswüchse – aber natürlich hätte Namenlos es auch besser treffen können.

Trotzdem, er war zufrieden.

Fürs Erste.

Mit schnellen Sprüngen erreichte er den Rand des Plateaus, wo das Gelände steil abfiel. Etwa zwanzig Pieroo-Längen unter ihm schimmerte das dunkle Wasser eines Meeres, in dem sich zwei der drei Venlog-Monde spiegelten, die gerade am Himmel standen.

Es war Nacht. Aber der Körper, über den Namenlos fortan verfügen konnte, war mit hochempfindlichen visuellen Rezeptoren ausgestattet, die den kleinsten Lichtschimmer verwerteten.

Oh ja, ich hätte es sehr viel schlechter treffen können!

Eine Bewegung in der Ferne auf dem Wasser zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

Ein Floß.

Die Größe konnte Namenlos auf diese Distanz nicht genau abschätzen, aber es schien sich um eine kleine Stadt zu handeln, nicht nur um ein schwimmendes Dorf.

Kaum geboren, sehnte Namenlos sich auch schon nach Gemeinschaft. Geschickt kletterte er den Steilhang hinunter. Nah über dem Wasser ließ er sich einfach fallen. Er tauchte ein und begann sofort, sich mit kraftvollen Schwimmstößen auf das Floß zuzubewegen. Pieroos fühlten sich in Gewässern so heimisch wie an Land.

Die Entfernung schmolz rasch dahin. Namenlos war begeistert, wie leicht es ihm fiel, sich in dem erhaltenen Körper zurechtzufinden und seine natürlichen Ressourcen auszuschöpfen.

Größer und größer wuchs die schwimmende Stadt vor ihm auf.

Aber je näher er kam, desto deutlicher wurde, dass die Bewohner des Floßes um ihre Existenz kämpften.

Der Himmel über der gewaltigen Konstruktion war schwarz.

Wirklich schwarz.

Kein Sternenschimmer fand von dort den Weg nach unten.

Namenlos erkannte die Angreifer so treffsicher, wie ihm alles Wissen der Vaschganen zufloss.

Kargoys!

Unbeseelt, ein Albtraum der Meere.

Der eigentliche Körper eines Kargoys war nur wenig größer als der eines Pieroos. Wahrhaft gewaltig wirkten sie allein durch die beiden Federflügel, die ihnen aus den Schulterblättern sprossen. Und in einem Schwarm wie dem, der die schwimmende Stadt heimsuchte, waren sie der Schrecken schlechthin.

Der Schock fraß sich so tief in Geist und Körper von Namenlos, dass er wie in einem selbstmörderischen Reflex alle Bemühungen einstellte, sich nicht nur voran zu bewegen, sondern überhaupt über Wasser zu halten.

Sofort ging er unter.

Seine Augen waren von hauchdünnen durchsichtigen Häuten gegen das Salzwasser geschützt. Und unter der Oberfläche sah Namenlos nur unwesentlich schlechter als an der Luft. Der unterseeischen Welt hatte er bis zu diesem Moment noch keinerlei Beachtung geschenkt. Nun aber sah er weit voraus etwas, das ihm das wahre Ausmaß der Bedrohung ins Bewusstsein brannte, mit dem die Bewohner des Floßes zu kämpfen hatten.

Schlagartig fiel ihm ein, dass Kargoys häufig im Bündnis mit einer zweiten Venlog-Spezies auftraten – was sie fast unbesiegbar machte. Die Legenden waren voll von Flößen, die entvölkert über die Meere trieben, nachdem sie Attacken dieser Ungeheuer ausgesetzt gewesen waren...

Namenlos erwachte aus seiner Starre und kämpfte sich an die Oberfläche zurück. So gut er auch unter Wasser zu sehen vermochte, atmen konnte er dort nicht, und so holte er erst einmal prustend Luft.

An verschiedenen Punkten der Stadt loderten Flammen auf, offenbar waren Brände ausgebrochen.

Namenlos wurde ganz klamm zumute.

Kehr um!

Alles in ihm drängte darauf, zur Küste zurückzukehren und sich aus der Auseinandersetzung herauszuhalten. Er war nicht gerade erst geboren, um sein gewonnenes Dasein schon wieder wegzuwerfen...

Doch zu seiner eigenen Überraschung setzte sich ein anderer Trieb durch.

Der Wunsch zu helfen.

Namenlos fluchte den ganzen restlichen Weg zur Stadt. Verfluchte sich selbst ob seiner Torheit.

Wann immer der kurz untertauchte, konnte er den zweiten Schrecken sehen, der sich wie eine gewaltige Schlange dem Floß entgegen schraubte.

Tatsächlich setzte sich dieses Ungetüm aus einer Unzahl einzelner Körper zusammen – den gefürchteten Yulwürmern!

Die Bewohner der schwimmenden Stadt hatten schon kaum eines Chance, sich gegen einen so riesigen Schwarm von Kargoys durchzusetzen; die Würmer besiegelten ihren Untergang.

Und dennoch tauchte Namenlos mit den ersten Yuls aus den Fluten. Er hatte sich die äußere Kante des Floßes zum Anlanden ausgesucht, während die Würmer in der Mitte herauskamen.

Ganz in der Nähe versuchten Vaschganen, einen Brandherd unter Kontrolle zu bekommen. Das Feuer musste im entstandenen Chaos ausgebrochen sein. An Löschwasser mangelte es nicht, wohl aber an entschlossenem Handeln. Zumal die Kräfte auch anderweitig gebunden waren. Die Pieroos begnügten sich nicht damit, am Himmel zu kreisen. Ständig lösten sich Exemplare aus dem Schwarm und stießen auf die Floßstadt hinab. Namenlos hörte Schreie, die noch entsetzlicher waren als das schrille Kreischen der Geflügelten – Vaschganen, die bei lebendigem Leibe von Fängen zerfetzt und von Schnabelhieben zerhackt wurden.

Und dann gab es noch die ersten Opfer der Yuls, die von den Würmern angespien und von deren Verdauungssäften verätzt und zersetzt wurden...

Namenlos warf sich im letzten Moment zur Seite, als er aus den Augenwinkeln einen Schemen auf sich zujagen sah. Es war ein Yul, der sich mit seinem segmentierten Körper von den Planken wegschnellte und wie ein Katapultgeschoss auf den neugeborenen Vaschganen zu beförderte.

Es war ein einziger Herzschlag, der über Tod oder Leben entschied. Namenlos spürte, wie der Yul ihn im Vorbeifliegen streifte. Gleichzeitig regnete es Säure.

Wie durch ein Wunder verfehlte ihn sowohl der Wurm selbst, als auch dessen Ausscheidungen.

Der Yul landete mit einem dumpfen Geräusch und bog sein Kopfende sofort in die Richtung seines potenziellen Opfers. Es sah aus, als pendele er ein Visier nach Namenlos auf, um sich erneut, diesmal aber noch zielgenauer, auf ihn zu stürzen.

Doch noch während der Yul seine Segmentmuskeln spannte, erwischte ihn eine Tauren-Lanze mit der scharfen Klingenseite. Sie ritzte den Wurm nur an – aber durch die Spannung, die der Yul selbst aufgebaut hatte und die seine Haut zum Zerreißen spannte, bildete sich an dieser Stelle innerhalb eines Atemzugs ein von Kopf bis Körperende reichender Schlitz, aus dem die Gedärme des Yul dampfend hervorbrachen. Säure fraß Löcher in die Beplankung des Floßes, während sich ein mörderischer Gestank ausbreitete, der Namenlos fast die Besinnung raubte.

Zum Glück wehte eine steife Brise, die den Gestank stadtauswärts trieb, über das Meer, wo er keinen Schaden mehr anrichten konnte.

Namenlos wandte sich dem Vaschganen zu, der ihm zweifellos das Leben gerettet hatte.

»Du bist ein Troy , stimmt’s?«, dröhnte die Stimme des Insekts, das einen seiner natürlichen Stachel geopfert hatte, um den Yul zu töten.

Troy wurden die neugeborenen Vaschganen genannt.

Ein Vaschgane erkannte einen anderen, wo immer er ihm begegnete. Und genauso fehlerlos ließ sich ein Frischling bestimmen, der gerade erst begonnen hatte, sich seiner Individualität und seiner erwachten Persönlichkeit zu erfreuen.

»Ja, aber...«, gab Namenlos zurück.

»Hast du schon einen Namen?«

»Nein, ich...«

»Für mich schon! Ein Bekannter, den ein Yul fraß, hieß Parv. Gefällt dir der Name?«

»Ich weiß nicht...«

»Ich habe dich gerettet. Du stehst in meiner Schuld.«

»Ich glaube nicht, dass Namen momentan das Wichtigste sind...«

» Akzeptierst du Parv?« Der Taure baute sich grimmig vor Namenlos auf. Er verfügte noch über mehr als ein Dutzend Lanzenstacheln. Dennoch war es ein Opfer, das er für den Pieroo gebracht hatte, daran gab es keinen Zweifel, denn die Stachel wuchsen nicht nach. Und das Schlimmste, was einem Tauren passieren konnte, war, irgendwann einmal nackt durch die Welt stiefeln zu müssen.

»J-ja...«

»Dann komm, Parv, mein Freund. Lass uns weitere Yuls aufschlitzen – und ebenso jeden Kargoy, der so dumm ist, zu uns herunter zu kommen!«

Parv überlegte, ob der Taure tatsächlich so tapfer war, wie er es vorgab zu sein, oder ob ihn vielmehr Größenwahn und Selbstüberschätzung leiteten.

»Stopp!«, keuchte Parv. »Und du? Wie lautet dein Name?«

»Das überlasse ich dir. Ich bin bisher gut ohne ausgekommen. Aber wenn dir Namen so wichtig sind, such mir einen aus. Womit wir quitt wären, oder, Parv?«

Das war der Augenblick, da dem neugeborenen Vaschganen dämmerte, dass er möglicherweise wahrhaftig einen Freund gefunden hatte – nicht bloß einen übergeschnappten Artgenossen.

Seite an Seite drangen Parv und Slig, wie der neugeborene Vaschgane seinen Gefährten getauft hatte – wobei er daran zweifelte, dass der Taure bis zu ihrer Begegnung tatsächlich namenlos durch die Welt gezogen war –, tiefer in die schwimmende Stadt vor.

Überall waren Kämpfe entbrannt, regierten Gewalt, Zerstörung und Tod. Als zwei Blockhütten weiter der Kadaver eines Kargoys in Sicht kam, bemerkte Parv, dass das tote Biest bereits ganz und gar von Pflanzen-Vaschganen überwuchert war. Erlegt worden war er offenbar von Dalaikämpfern, einer insektoiden, ursprünglich tief im Süden von Venlog beheimateten Spezies. Drei dieser Gattung standen abseits des mit Blutklingen bezwungenen Großflüglers und schienen sich zu beraten. Als Parv und Slig hinzutraten, nahmen sie sofort eine abweisende Haltung ein. Dalais galten allgemein als verschworener Haufen. Niemand konnte sagen, warum das so war, denn eigentlich hätte Vaschgane Vaschgane sein müssen, schließlich beeinflusste der Körper nicht den Geist, der ihm innewohnte. Doch das war graue Theorie. Dalai galten von allen Vaschganen als die schwierigsten. Sie waren mit Vorsicht zu genießen und schreckten auch nicht davor zurück, Artgenossen zu töten, wenn für sie dadurch ein Vorteil entstand.

Parv wusste dies so selbstverständlich wie vieles andere, aus dem er schöpfen konnte.

»Konzentriert euch«, wandte sich Slig respektvoll, aber furchtlos an das Trio, »nicht nur auf die geflügelten Scheusale. Es sind auch Wurmbestien unterwegs. Mein Freund hier...« Er zeigte auf Parv, dem das gar nicht recht war. »... sah eine riesige Meute auf Garabol zujagen – sie scheinen mit den Kargoys gemeinsame Sache zu machen!«

»Und warum erzählst du uns das, Taure ?«, fragte einer Chitingepanzerten herablassend. Obwohl Slig im weitesten Sinne einer ähnlichen Spezies angehörte wie sie, schienen sie ihn nicht annähernd für ebenbürtig zu erachten.

»Um euch zu warnen natürlich.«

Ein schrilles Zirpen schlug ihnen aus allen drei Mandibelmäulern gleichzeitig entgegen. Höhnisches Gelächter und dalaitypisch.

Im nächsten Moment landete etwas zwischen den Dalais – und überschüttete sie mit einem Regen, dem auch ihre eigentlich widerstandsfähigen Hautpanzer nichts entgegenzusetzen hatten.

Während sich die Dalais in Qualen am Boden wanden, stieg Rauch aus ihren Körpern, und dann entzündete sich auch schon der Erste. Dalaiblut und Yulsekret galten als hochexplosive Mischung.

Parv fühlte sich von Slig gepackt und hinter eine Hauswand gezerrt.

Keinen Moment zu früh. Die Dalais explodierten wie überreife Früchte. Danach war nur noch ekelerregendes Schmatzen zu hören, das darauf hindeutete, dass der Yul sich über seine vorverdaute Beute hermachte.

Als Parv einen Blick aus der Deckung riskierte, entdeckte er, dass der Leib des erlegten Kargoys wieder verwaist war; sein Gefieder hatte gelitten, war aber wieder zu sehen. Sämtliche Pflanzen-Vaschganen hatten offenbar panisch das Weite gesucht. Yuls galten nicht als Kostverächter. Ihnen war es egal, ob sie sich von Flora oder Fauna ernährten.

Parv hustete. Er zog den Kopf wieder zurück und wandte sich an Slig. »Der Rauch wird stärker. Ich fürchte –«

»Ja, du könntest recht haben. Es geht zu Ende mit Garabol. Ich hätte meinem Taureninstinkt vertrauen sollen. Er riet mir ab, die Stadt zu betreten, als sie im Hafen von Finral ablegte.« Auch aus seiner Brust drangen Geräusche, die vermuten ließen, dass ihm der Qualm zusetzte, der durch die Straßen der Floßstadt trieb.

»Was sollen wir tun?«, fragte Parv. Er vertraute auf die größere Lebenserfahrung des Freundes.

»Am besten wäre es zu fliehen«, seufzte Slig. Er strich sich über zwei, drei seiner Lanzenstacheln. »Aber Tauren gelten nicht gerade als begnadete Schwimmer. Und unglücklicherweise werden vermutlich bereits alle Versorgungsflöße, die eine Stadt dieser Größe mit sich führt, voll belegt sein mit Flüchtlingen. Hast du welche gesehen, als du kamst?«

»Nein.«

»Hm.«

»Wir könnten es versuchen, aber Feigheit gehört normalerweise nicht zu meinen hervorstechenden Wesenszügen.«

»Über die meinen konnte ich mir leider noch nicht klar werden«, erwiderte Parv, was beinahe wie Galgenhumor klang. »Dazu bin ich zu kurz auf der Welt.«

»Verstehe.«

Slig spähte nervös um die Ecke. »Der Yul ist so vollgefressen«, raunte er Parv zu, »dass wir ihn mühelos unschädlich machen könnten. Aber das hilft weder uns noch Garabol groß weiter. Schau nach oben.«

Parv folgte dem ausgestreckten Arm. »Sterne«, murmelte er. »Man kann wieder die Sterne sehen.«

»Du weißt, was das bedeutet?«

»Dass inzwischen vermutlich der komplette Schwarm auf der Stadt niedergegangen ist...«

Mit jedem Moment wurde deutlicher, dass der Untergang der Floßstadt unabwendbar war.

Parv hätte es nicht schlechter treffen können; das Schicksal durchkreuzte seine hochfliegenden Träume von einem langen und ausgefüllten Leben in der Vaschganen-Gemeinschaft auf grausamste Weise!

Aber zum Hadern war keine Zeit. Überall lauerte neue Gefahr, neue Not. Slig und er standen den Bewohnern Garabols bei, wo immer sie konnten. Aber neben den beiden animalisch kämpfenden Gegnern, den Kargoys und Yuls, wuchs sich die dritte Bedrohung – die immer ärger ausbrechenden Brände – zum eigentlichen Verhängnis aus.

Schwimmende Städte bestanden fast ausschließlich aus brennbarem Material, und die Feuer in den Öfen der Häuser gerieten mehr und mehr außer Kontrolle, sobald Kargoys damit begannen, die Bauten mit ihren mächtigen Schwingen zu zertrümmern. So viele Vaschganen hatten bereits ihr Leben verloren, und ein Ende des Sterbens war nicht abzusehen.

Slig, der die größere Erfahrung, die Floßstadt betreffend, hatte, bemerkte es als Erster.

»Wir kentern!«, rief er, und erstmals schwang etwas wie Furcht in seiner Stimme mit. Als Taure war er des Schwimmens nicht mächtig – erstaunlich genug, dass er sich überhaupt nach Garabol gewagt hatte.

Parv wollte etwas erwidern, als ihm plötzlich Gegenstände entgegen rollten. Kurz vor hatte es das abfallende Geläuf, das sie ihm entgegen schlitterten, noch nicht gegeben, war alles waagrecht ausgelotet gewesen. Doch offenbar hatte das Fundament der Stadt tatsächlich Schlagseite bekommen. Die Schreie in der Umgebung wurden panischer. Mit Mühe wichen Parv und Slig den auf sie zu jagenden Gegenständen und Gestalten aus.

Qualm dräute wie giftiger Nebel durch die Straßen. Mancherorts sanken Vaschganen einfach zu Boden, ohne dass es einen Zusammenstoß mit Kargoys oder Yuls gegeben hatte. Der Rauch raubte ihnen die Besinnung oder tötete sie auf der Stelle, je nachdem, wie anfällig ihre Körper gegen diesen heimtückischen Feind waren.

Plötzlich erschütterte eine gewaltige Explosion das Gebilde der Stadt. Das Wehklagen schwoll noch lauter an, und nur wenige Momente später stand die Straße, in der sich Parv und Slig befanden, unter Wasser. Garabol war geflutet, hatte sich schlagartig so weit abgesenkt, dass Parv bis zu den Oberschenkeln in dem salzigen Nass stand.

Slig keuchte entsetzt.

»Keine Sorge«, versuchte Parv, ihn zu beruhigen. »Wenn es noch schlimmer wird – und das wird es –, klammerst du dich an mich. Ich bringe uns an Land. Gib nur auf deine Stachel acht. Ich habe keine Lust –«

»Das war eine Explosion«, unterbrach ihn der Taure. »Sie kam vom Zentrum. Dort lagert in einem der Türme des Stadtoberen Schießpulver. Entweder es war eine Verzweiflungstat von Ibren, dem das alles hier gehört und der dafür tüchtig Steuern eintreibt, oder die Geflügelten stecken dahinter. Ich hörte von einer anderen Floßstadt, die sie so zum Kentern brachten.«

Parv machte keinen Hehl daraus, dass er das für Seemanngarn hielt. »Du redest von diesen Teufeln, als seien sie intelligent. Aber es sind Tiere – zumindest, bis sie zu uns gehören. Vorher jedoch...«

»Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen«, beharrte Slig. »Und nun, da ich sterben werde...«

»Du stirbst nicht! Mag die Stadt untergehen, ich lasse dich gewiss nicht im Stich. Ohne dich würde ich längst nicht mehr leben, hast du das vergessen? Wie könnte ich dich da einem so grausamen Schicksal überlassen wie dem Ertrinken?«

»Die Küste ist weit. Allein magst du es bis nach Garabol geschafft haben. Aber mit einem wie mir als zusätzlichem Ballast, wird es unser beider Leben kosten!«

»Du unterschätzt mich.«

Für einen Moment wirkte Slig beeindruckt von dem Eifer, mit dem Parv ihm seine Hilfe versicherte.

»Wir werden sehen«, sagte er schließlich. »Aber wenn wir es versuchen wollen, sollten wir jetzt, sofort, zur Stadtgrenze eilen. Vielleicht finden wir dort doch noch ein Fahrzeug – oder etwas, woraus sich ein Provisorium bauen lässt. Und wenn nicht... nun, was bleibt mir dann noch anderes übrig, als mich deines Angebots zu erinnern? Wir sollten aber bereits ein Stück weit zwischen uns und Garabol gebracht haben, wenn die Floßstadt endgültig versinkt. Dem dann entstehenden Sog hätten wir nichts entgegenzusetzen.«

Parv war beeindruckt von Sligs analytischem Verstand.

»Worauf warten wir dann noch? Schnell!«

Sie ignorierten, was zu ignorieren war, und wateten so rasch sie konnten zum nächstgelegenen äußersten Rand des Floßes, der in der salzigen Brühe, die ihnen mittlerweile bis zur Brust reichte, nicht mehr sichtbar war und ertastet werden musste.

Allenthalben herrschten Chaos und Verzweiflung. Wer den Kargoys und Yuls entkommen war, sah sich nun vor dieselbe Entscheidung gestellt wie Parv und Slig: entweder mit der sterbenden Stadt unterzugehen – oder sich schwimmend zur Küste zu retten, was aber für die meisten ein kaum zu bewältigendes Unterfangen sein würde. Ihre Körper mochten kurze Strecken bewältigen können, doch Garabol hatte sich seit Parvs Betreten immer weiter von der Landmasse entfernt. So weit, dass auch Parv die Augen nicht länger vor der bitteren Wahrheit verschließen konnte: Ohne Slig hätte er vielleicht noch den Hauch einer Chance gehabt, aber mit dem Tauren...

Er verweigerte sich der letzten Konsequenz seines Denkens.

»Los, komm! Nirgends sind mehr Flöße, und die Zeit, uns etwas zurechtzuzimmern, haben wir nicht. Klammer dich an mich! Wir brechen unverzüglich auf. Garabol kann jeden Moment vollständig absacken, sobald sich die Häuser und Türme gefüllt und vollgesogen haben, wird es ganz schnell gehen. Und du weißt, was dann kommt. Der Sog wird alle ins Vergessen reißen!«

»Du gibst nicht auf, was, Freund Ohne-Namen?«

»Der war ich mal. Schon vergessen? Jetzt heiße ich Parv!«

»Und ich Slig ... In Ordnung, was haben wir denn schon mehr zu verlieren als das, was ohnehin verloren scheint, wenn wir hier blieben?«

Er bestieg den Rücken des Pieroos so vorsichtig, wie es ihm nur möglich war. Die Taurenlanzen waren tückische Waffen, die auch einen Freund verletzen konnten, wenn man sie ungeschickt führte.

Parv stieß sich ab und machte kräftige Schwimmzüge, die beide Vaschganen von der untergehenden Floßstadt wegbrachten.

Nach einiger Zeit hörten sie hinter sich ein Gurgeln, und als Slig den Kopf wandte, presste er hervor: »Sie ist weg. Die ganze Stadt ist verschwunden. O Parv, mein Freund, ich kannte dort so viele...«

Auch Parv wurde eng ums Herz. Schon bald darauf spürte er, wie sich Slig auf ihm verkrampfte.

»Halt dich fest!«, ermahnte er den Tauren. »Wenn du abrutscht, kann ich dich nur schlecht wieder...«

»Irgendetwas stimmt nicht«, ächzte Slig. »Schau selbst. Hinter uns!«

Parv warf einen Blick über die Schulter, an Slig vorbei in die Richtung, aus der sie geflohen waren. Das Wasser dort hatte heftiger zu brodeln begonnen als in dem Moment, als die Stadt endgültig in die Tiefe gerissen worden war.

»Das sieht komisch aus...«

»Bedrohlich trifft es wohl eher. Als würde sie...«

»Ja?« Obwohl das »Schwimmen mit Gepäck« beinahe Parvs ganze Konzentration beanspruchte, konnte er das Geschehen hinter sich auch nicht ignorieren.

»Als würde die Stadt wieder... wieder zurückkehren

»Unsinn!«

»Ich weiß.«

Ohne in seiner Anstrengung nachzulassen, Slig und sich zur Küste zu befördern, blickte Parv nun immer öfter zu der Stelle, wo Garabol ihr nasses Grab gefunden hatte.

Die See dort kochte nun regelrecht. Und waren anfänglich noch die Schreie anderer Unglücklicher zu hören gewesen, die wie der Pieroo- und der Tauren-Vaschgane ums nackte Überleben kämpften, so waren diese inzwischen verstummt oder wurden zumindest übertönt vom unheimlichen Rauschen des aufgewühlten Meeres.

»Es nimmt immer weitere Bereiche ein. Es wird uns gleich einholen!«, warnte Slig.

Die Aussichtslosigkeit, einem »Gegner« wie diesem die Stirn zu bieten, ließ ihn erschaudern.

»Was mag das nur sein?« Obwohl er bereits ermattete, versuchte Parv, sie mit aller Kraft aus der gefährdeten Zone zu bringen.

Allerdings war es genauso, wie Slig es prophezeit hatte – das Brodeln holte rasch auf, und dann...

Die beiden flüchtenden Vaschganen wurden von unwiderstehlichen Kräften gepackt, geschüttelt und unter Wasser gezogen.

Slig schaffte es nicht länger, sich an Parv festzuklammern. Sein Stachelkörper rutschte von dem Taurenrücken und verschwand fast augenblicklich in dem für Blicke undurchdringlichen Mahlstrom.

Verzweifelt versuchte Parv, die Luft anzuhalten, aber irgendwann schienen ihm die Lungen zu bersten, und er holte Atem, ohne dass etwas anderes als aufgewirbeltes Wasser um ihn herum gewesen wäre.

Er hatte das Gefühl zu zerreißen.

Der brennende Schmerz erreichte sein Gehirn und legte sich wie ein zermalmendes Gewicht auf alle seine Sinne.

Seine Wahrnehmung erlosch wie eine Kerze im Wind.

Alle Hoffnung, die Parv in dieses viel zu kurze Leben gesetzt hatte, zerstob.

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2.

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ES WAR, ALS LIEFE EIN elektrischer Schlag durch das Rochenschiff – ein Energiestoß, der alles Leben für eine Sekunde – oder tausend Jahre? – an Bord betäubte, wie in Stase einfror.

Dann, ebenso schnell, wie es gekommen war, wich dieses Gefühl vollkommener Taubheit und Ohnmacht wieder.

»Uns gibt es noch – oder?«, quäkte die in diesem Moment schlecht modulierte Kunststimme von Jarvis.

Ja , dachte John Cloud, uns gibt es noch. Wir sind nicht gegen die Wand gefahren, am Zeitsiegel zerschellt. Anderenfalls wären wir kaum noch in der Lage, uns Gedanken über unsere Befindlichkeit zu machen. Nein, ganz offenbar sind wir durch das Siegel durch – und dort gelandet, wo das Böse zuhause ist. Der Schrecken, der die Ganf seit unvorstellbar langer Zeit verfolgt und jetzt auch das Angksystem überrollt hat.

»Heilige Galaxis – Sesha, Status!«, verlangte Scobee links von Cloud und an die KI der RUBIKON gerichtet.

Sesha antwortete so schnell, dass Cloud schon das allein als gutes Omen wertete.

»Status: Dimensionswälle beanspruchen neunzig Prozent der von den DE-Konvertern erzeugten Energie. Die verbleibenden zehn Prozent verteilen sich auf Bordsysteme und Antrieb...«

»Mit Status«, fiel ihr Scobee ins Wort, »meinte ich natürlich auch und vornehmlich die Schiffsumgebung. Wie sieht es dort aus?«

Cloud schaltete sich ein. Manchmal kam es ihm vor, als verhalte sich die KI anderen autorisierten Besatzungsmitgliedern gegenüber bewusst begriffsstutzig. Aber es hatte auch schon schwierigere Zeiten gegeben – Zeiten, in denen Sesha nur ihn als akzeptierte Person betrachtet und ihm sogar das Verlassen der RUBIKON untersagt hatte.

»Du beleidigst deine Intelligenz, Sesha«, sagte er. »Ich bin sicher, du hast sehr genau verstanden, was Scob von dir wissen will – und ich im Übrigen auch. Jeder an Bord... Sind wir durch das Siegel? Und wenn ja, wo befinden wir uns gegenwärtig? Immer noch auf Portas – was ich bezweifle –, oder dort, wohin die Ganf uns unbedingt befördern wollten?«

»Letzteres. Vermutlich«, erwiderte die KI. »Was ich bestätigen kann, ist: Wir befinden uns nicht mehr über der Oberfläche von Angk III. Die aktuelle Umgebung findet ihr in die Holosäule eingeblendet. Wir bewegen uns innerhalb einer auffälligen Konstellation aus Monden, die einen Riesenplaneten von Jupitergröße umlaufen.«

Beides war in der Holosäule zu sehen – als Simulation, die auch gleich die Position der RUBIKON einarbeitete.

»Dann sind wir jetzt... in Eleyson?«, fragte Assur, die sich ebenso wieder gefasst hatte wie alle anderen in der Schiffszentrale befindlichen Personen. »Unglaublich weit von der Milchstraße entfernt?«

Cloud bemerkte, wie ihre Stimme bei der Formulierung der Frage ins Schwanken geriet.

Sie war nicht die Einzige, der diese Vorstellung Kraft und Beherrschung abverlangte.

Cloud sagte: »Jedenfalls hat ein Transfer stattgefunden, und die Wahrscheinlichkeit, dass er uns zur Herkunftsgalaxie der Ganf und Auruunen versetzt hat, ist groß. Gehen wir einstweilen davon aus. Ich glaube jedoch nicht, dass Sesha in der Lage ist, mit ihren Ortungssystemen verlässliche Daten zu ermitteln, die dies bestätigen oder widerlegen könnten. Habe ich recht, Sesha?«

»Auf dieses Thema wollte ich gerade zu sprechen kommen. Ein Intern-Check hat ergeben, dass hard- und softwaremäßig alle Ortungsgeräte voll einsatzfähig sind. Dennoch beträgt ihre momentane Reichweite nur ein paar Dutzend Lichtjahre.«

Cloud tauschte verblüffte Blicke mit seinen Freunden auf dem Kommandopodest. »Woran liegt das?«, wandte er sich schließlich wieder an die KI.

»Offenbar an unserer Umgebung.«

»Die Monde... der Planet, den wir sehen?«

»Ich spreche von einem sehr viel größeren Rahmen.«

»Du laberst vor allen Dingen in Rätseln «, knurrte Jarvis. »Spuck’s schon aus! Was für ein ‚Rahmen‘?«

»Der Rahmen geht vermutlich über besagte Ortungsreichweite hinaus«, sagte Sesha. »Der uns umgebende Weltraum selbst scheint die Schiffssensoren einzuschränken. Ich habe Abweichungen in einigen normalerweise universalgültigen Parametern entdeckt. Um es einfach und auch für die anwesenden Spezies verständlich auszudrücken: Die Physik des Raumes, in dem wir momentan kreuzen, unterscheidet sich offenbar in einigen Details von dem Raum, den wir kennen und aus dem wir kommen.«

»Der Weltraum hier ist anders ?«, fragte Jarvis fast beleidigt. »Wie sollte das gehen? Sind wir am Ende doch nicht dort gelandet, was uns die Ganf prognostizierten? Kann es sein, dass sie uns schon wieder getäuscht und betrogen haben und wir doch in ein völlig anderes Kontinuum geschleudert wurden?«

Cloud wusste, worauf er hinaus wollte.

Die Bractonen hatten von sich behauptet, Schöpfer des Universum zu sein, dabei selbst aus einem Raum jenseits ihrer Schöpfung zu stammen.

Die Ganf wiederum hatten beteuert, den Bractonen diese Überzeugung nur eingeflößt und über Äonen hinweg als ihre Marionetten benutzt zu haben. Das Universum ging demnach weder auf die Bractonen noch auf die Ganf zurück. Und die Ganf waren letztlich nichts anderes als Flüchtlinge, die irgendwann in der Milchstraße auf die Bractonen getroffen waren und sie seither nach Belieben, wie Marionetten eben, lenkten.

Aber was, wenn auch das nur ein weiteres Lügenkonstrukt der Ganf war? Wenn das versiegelte Portal auf Portas doch nicht nur in einen fernen Winkel dieses Universums, sondern in ein völlig anderes Kontinuum führte?

Die von Sesha festgestellten Abweichungen der universalen Kontanten schienen dies in den Bereich des Möglichen zu rücken.

»In unserer Lage tun wir gut daran, uns nicht auf Glauben zu verlassen, sondern uns an handfesten Fakten zu orientieren«, sagte Cloud. »Und die wären zunächst einmal: Wir befinden uns in einem fremden Sonnensystem, in der Nähe eines Riesenplaneten und dessen Monden.«

»Gibt es Hinweise auf eine Vorrichtung, die danach aussieht, als könnte es die ‚Gegenstation‘ der Torpassage sein, durch die wir gekommen sind?«, fragte Assur.

Clouds Lebensgefährtin lächelte ihm zu, als ihre Blicke sich begegneten. Er überlegte, wann sie beide zuletzt Gelegenheit gefunden hatten, sich irgendwohin zurückzuziehen und ihre Erfüllung einfach nur aus der Nähe und Berührung des anderen zu schöpfen.

Es musste eine Ewigkeit her sein.

»Inwieweit wirken sich diese Unterschiede auf uns aus, Sesha?«, fragte Cloud. »Können sie negative Auswirkungen auf die Besatzung haben?«

»Das kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus Mangel an Fakten nicht beurteilen.«

»Aber auf das Schiff haben sie Auswirkungen?«

»Bislang ist das nachweislich für die Reichweite und Genauigkeit der Ortungssysteme zu konstatieren.«

»Es kann also noch weitere Fallstricke geben, die uns nur noch nicht aufgefallen sind.«

»Mit einiger Wahrscheinlichkeit.«

»Unsere Sesha, präzise wie immer«, lästerte Jarvis.

Kopfschüttelnd sandte Cloud dem ehemaligen GenTec eine Rüge, die keiner Worte, nur eines Blickes, bedurfte.

»Kannst du bestätigen, dass die RUBIKON für die Außenwelt so sehr verkleinert ist, dass fremde Ortungssysteme wahrscheinlich nicht im Stande sind, uns anzumessen?«

»Das ist so, ja«, sagte die KI ohne Zögern.

» Wie klein genau sind wir für Externe?«, fragte Cloud. »Tatsächlich im mikroskopisch kleinen Bereich, wie Tecum es uns ankündigte?«

Sesha bejahte.

»Wir könnten uns theoretisch in den Blutkreislauf eines Menschen einschleusen, ohne irgendwelchen Schaden am Körper anzurichten«, murmelte Scobee. Ihr Lächeln, während sie dies sagte, verriet Cloud, dass sie dabei wohl an denselben Filmklassiker denken musste, wie er selbst gerade: Die phantastische Reise . Der Film war in den Sechzigern des 20. Jahrhunderts entstanden.

»Wenn ich kurz unterbrechen dürfte«, sagte Jarvis. »Aber ist euch schon aufgefallen, dass die Monde, zwischen denen wir herausgekommen sind, sich höchst exotisch zu ihrem Mutterplaneten verhalten?«

Cloud studierte die Ergebnisse der Ortung, die auf diese Distanz noch relativ verlässlich zu arbeiten schien. Noch bevor er sie kommentieren konnte, entfuhr es Assur: »Er hat recht! Das ist wirklich außergewöhnlich!«

Die Monde, sechzehn an der Zahl, unterschieden sich in ihrer Form und Größe nicht von zahllosen anderen Trabanten, die Cloud im Laufe der Zeit zu Gesicht bekommen hatte. Trotzdem besaßen sie eine Auffälligkeit, die sie zweifelsfrei in die Liga der Exoten einreihte: Alle sechzehn Monde umliefen den Riesenplaneten so, dass sie die immer gleiche Formation bildeten – eine Art kugelförmiger »Käfig«, dessen Maschen zwar enorm groß waren, der aber beim Umlaufen der jupitergroßen Welt nie die ihn auszeichnende Struktur und den Zusammenhalt derselben verlor.

Es gab viele Planeten mit einer großen Anzahl von Trabanten – aber diese umliefen ihren Fixpunkt normalerweise nicht mit so fein aufeinander abgestimmten Geschwindigkeiten und Bahnen, dass ein Konstrukt wie dieses herausgekommen wäre.

»Wir befinden uns offenbar innerhalb einer künstlich herbeigeführten Anordnung von Himmelskörpern«, sagte Cloud. »Oder hält jemand diese auffällige Konstellation für allein den Naturkräften geschuldet?«

Alle Anwesenden verneinten, selbst die KI.

»Aber wenn diese Konstellation bewusst und gezielt erschaffen wurde, müssen wir davon ausgehen, dass sie auch einen Sinn erfüllt«, fuhr Cloud fort. »Wir befinden uns aller Voraussicht nach in Feindesland – deshalb wage ich die Prognose, dass dieser Sinn und Zweck uns nicht sonderlich gut bekommen würde, wenn man unsere Anwesenheit bemerkt.«

»Vielleicht befinden sich auf den Monden einfach nur die technischen Voraussetzungen, um einen Transfer von A, dem Angksystem, nach B, dieser kosmischen Region, durchführen zu können«, warf Assur ein.

»Möglich. Aber sprach Tecum nicht davon, dass permanent von dieser Seite aus versucht werde, ins Angksystem einzubrechen?«, hielt Cloud dagegen. »Das spräche eher dafür, dass es hier kriegstechnische Objekte gibt, mit denen wir lieber keine Bekanntschaft machen sollten, solange wir uns noch innerhalb des ‚Käfigs‘ befinden.«

»Was hast du vor?«, fragte Scobee. »Wie willst du deine These überprüfen?«

»Zuerst sollten wir schleunigst den Raum, den die Monde umgrenzen, verlassen«, sagte er. »Sesha? Kannst du die RUBIKON trotz ihrer Schrumpfung so beschleunigen, dass wir die Mondanordnung hinter uns lassen? In akzeptabler Zeit, meine ich.«

»Versuch macht kluch«, spottete Jarvis, bevor die KI sagte: »Die nach außen repräsentierte Größe spielt bei unserem Antrieb eine untergeordnete Rolle. Ich beschleunige unter der Vorgabe einer Minimalemission, die von außerhalb angemessen werden könnte.«

»Genau darum wollte ich bitten.«

»Schiff nimmt bereits Fahrt auf, Commander. Durchstoßen die imaginäre Mondschale in drei Minuten.«

Die Zeit verging quälend langsam, weil Cloud bis zuletzt befürchtete, dass, wenn schon die RUBIKON als solche für fremde Ortungsgeräte unsichtbar blieb, doch vielleicht ihre Antriebsenergien messbar sein könnten.

Falls sie es waren, dann blieb es zumindest folgenlos.

Nach fünf Minuten erteilte er Befehl, die Triebwerke zu drosseln, sodass die RUBIKON nur noch aufgrund des vorherigen Schubs weiter durch den fremden Weltenraum glitt.

»Entfernung zum Rand des Gebildes aus Monden?«, fragte Cloud, an die KI gewandt.

»Rund zwei Millionen Kilometer.

»Das sollte reichen.«

»Reichen wofür?«, fragte Jarvis.

»Wir sind uns doch einig in der Annahme, dass die Konstellation der Monde etwas zu bedeuten hat?«

»Soweit gehe ich mit dir d’accord.« Jarvis nickte. »Und weiter?«

»Und weiter will ich jetzt mit einem Trick die Monde veranlassen, uns ihr wahres Gesicht zu zeigen.«

»Was für ein Trick?«

»Lasst euch überraschen. Ich ziehe mich für die Dauer des Tests zurück.« Mit diesen Worten aktivierte Cloud ohne weitere Erklärung den Deckel seines Sarkophagsitzes, der sich daraufhin blitzschnell schloss.

Sofort verschmolz er geistig mit der RUBIKON. Sesha war jetzt wie ein anderes Bewusstsein, mit dem er sich einen Körper – das Schiff – teilte.

Es bedurfte nur seiner Gedankenbilder, um die KI darüber zu unterrichten, was er vorhatte.

Und nur wenige Sekunden, nachdem sich der Sitz des Commanders geschlossen hatte, zeigte die Holosäule eine Veränderung innerhalb des »Mondkäfigs«.

Ein Objekt materialisierte sich dort.

Ein Objekt, das im ersten Moment wie ein weiterer, nur etwas kleinerer Mond aussah.

Bei genauer Betrachtung stellte es sich jedoch als goldene Kugel heraus, die von jedem Betrachter innerhalb der RUBIKON-Zentrale auf Anhieb erkannt wurde.

»Eine Tridentische Kugel!«, keuchte Scobee. »Ob das Kargor ist...?«

Die Wahrheit kristallisierte sich nur allmählich heraus – weil Cloud beschlossen hatte, selbst seine treuesten Gefährten zu überraschen.

Sekundenlang »hing« die CHARDHIN-Perle unbehelligt im Zentrum des Konstrukts aus sechzehn Monden. Dann...

»Größer, Sesha! Wir brauchen die Bilder größer – mit Schwerpunkt auf die Tridentische Kugel!«

Die KI – oder war es der Commander selbst innerhalb seines Sarkophags? – kam der Aufforderung sofort nach.

Die vermeintliche CHARDHIN-Perle rückte optisch näher heran, füllte beinahe den Durchmesser der Holosäule aus.

»Ich glaube, ich verstehe...«, seufzte Jarvis. »Das ist nicht Kargor – es käme auch etwas plötzlich. Das ist ein verdammter... Ghost

Er hatte die wahre Natur des Objekts im Mondkäfig kaum beim Namen genannt, da verschwand die gefakte CHARDHIN-Perle auch schon hinter einer ebenfalls kugelförmigen, aber bleigrau schimmernden Hülle, die zweifelsfrei von technischen Vorrichtungen projiziert wurde, die sich über die einzelnen Monde verteilten.

Von dort aus ergoss sich die bleifarbene Energie über den TK-Ghost, der von der RUBIKON generiert und in den Käfig gepflanzt worden war und kerkerte ihn ein.

Auf ähnliche Weise, wie Cloud gerade vorging, hatte die Crew auch schon die Treymor im Milchstraßenzentrum genarrt. Als es darum ging, die Negaperle – eine entartete CHARDHIN-Perle hinter dem Ereignishorizont des dortigen Super Black Holes – durch eine neue, intakte Station zu ersetzen.

Hier lief alles in einem etwas kleineren Maßstab ab, aber das Prinzip war identisch.

Die RUBIKON konnte wie einst die Satogaschiffe Raumschiff attrappen generieren, die von Uneingeweihten als materiell eingestuft wurden und jeden bislang bekannten Gegner zu täuschen vermochten.

Und bei dem, was dort soeben innerhalb der schalenförmig gruppierten Monde materialisiert war, handelte es sich um ein Geisterschiff aus dem Repertoire des Rochenraumers.

Cloud hatte sich aus gutem Grund für die Fälschung einer Tridentischen Kugel entschieden.

Auruunen verbanden damit höchstwahrscheinlich das seit Urzeiten gejagte Wild, ihren Erzfeind, die Ganf.

Dennoch ging Cloud davon aus, dass die Waffeneinrichtungen auf den Monden auf jedes eindringende Schiff reagiert hätten, ganz gleich, wie es ausgesehen hätte.

Dies hier war offenbar das Gebiet, wo die Verbindungsstrecke Angksystem-Eleyson endete.

Und hier hatten die Auruunen alles vorbereitet, um Ankömmlinge von der anderen Seite der Strecke gebührend in Empfang zu nehmen.

Die Kerkerkugel übertraf die vermeintliche CHARDHIN-Perle um das Doppelte an Größe.

Aber Jarvis hatte kaum die Frage ausgesprochen: »Woraus besteht das Ding? Energie? Metall?« – da löste sich das Gebilde auch schon wieder auf, beziehungsweise begann zu flackern .

»Was bedeutet das jetzt schon wieder?«, seufzte Assur.

»Ich glaube, ich weiß es«, sagte Scobee. »Offenbar erlischt die von uns generierte Fälschung in dem Moment, wenn sich die von den Mondanlagen projizierte Kugel vollständig um die falsche Perle geschlossen hat. Die Schale schirmt wahrscheinlich die Ghost-Emission komplett ab. Daraufhin ergeht mutmaßlich ein Signal an die Projektoren, dass sie keinen Grund mehr haben, die Kerkerzelle aufrecht zu erhalten. Aber in dem Moment, in dem sie erlischt, erscheint wieder der Ghost... und das ganze Spiel geht wieder von vorne los. Nur eine Theorie, zugegeben, aber...«

»Aber eine, die logisch klingt und sich mit unseren Ortungen in Einklang bringen lässt«, zollte Jarvis ihr Anerkennung. »Ganz schön clever, Scob, ganz schön clever.«

»Ich wünschte, dieses Kompliment könnte ich auch hin und wieder mal zurückgeben.«

»Hey, jetzt nicht gleich übermütig werden!«

Der Sarkophagdeckel über Clouds Sitz bildete sich zurück. Der Commander richtete sich aus der halb liegenden in die aufrecht sitzende Position auf. »Das war vorauszusehen«, sagte er in tatendurstigem Ton. »Vielleicht nicht genau im Detail, aber dass etwas passieren würde, war klar. Oder?«

»Du warst schon immer ein Hellseher«, spöttelte Assur.

Innerhalb der Holosäule hörte das Flackern auf. Offenbar hatte die RUBIKON aufgehört, eine geghostete Tridentische Kugel zu den Monden zu schicken.

»Ein feiner Trick und genau zur Situation passend«, sagte Scobee. »Hast du vielleicht zufällig während deiner Verschmelzung mit dem Schiff etwas herausgefunden, was uns hier entgangen ist?«

Cloud schüttelte den Kopf. »Ich bin schon froh, dass die Attacke offenbar nicht die Vernichtung des materialisierten Objekts zum Ziel hatte.«

»Sondern seine Gefangensetzung?«, fragte Assur.

Er nickte. »Anders lässt sich das Geschehen kaum interpretieren.« Er blickte nach oben. »Sesha? Hast du die Standort der Projektoranlagen auf jedem einzelnen Mond ermittelt und in die provisorischen Karten eingepasst?«

Die KI bejahte.

»Du willst die Anlagen aufs Korn nehmen?«, fragte Jarvis und grinste. Eine solche Aktion wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen.

»Das wäre eine Option, über die wir nachdenken sollten.«

»Vergesst nicht, mit was für einem Gegner wir es vermutlich zu tun haben«, gab Assur zu bedenken. »Die technischen Möglichkeiten der Auruunen dürften unserer Bewaffnung ohne große Anstrengung Paroli bieten können – zumindest erweckt alles, was sie bisher aufgeboten haben, diesen Eindruck.«

»Du vergisst«, erwiderte Cloud, »dass die RUBIKON nicht mehr das Schiff ist, das uns die Foronen vor langer Zeit freundlicherweise überließen...«

»Nette Formulierung«, warf Jarvis noch breiter grinsend ein. »‚Überließen‘...«

Cloud ging nicht weiter darauf ein. Er fuhr fort: »Es wurde zuerst von den Bractonen und später von den Ganf verändert und den Erfordernissen angepasst. Erfordernissen, die die Ganf sehr viel besser überschauen können als wir.«

»Okay. Die RUBIKON ist ein Prachtschiff, definitiv – aber darüber sollten wir vielleicht später reden«, sagte Scobee mit ernster Miene. »Mir wäre es lieber, wir würden erst einmal viel Abstand zwischen uns und die gerade beobachtete Falle bringen. Ich glaube nicht, dass das Ghost-Manöver unbeachtet bleibt. Irgendwer wird irgendwem Meldung machen, selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Anlage vollautomatisch arbeitet. Ein solcher Zwischenfall wird über kurz oder lang höchstwahrscheinlich diese ominösen Auruunen auf den Plan rufen. Etwas anderes zu glauben, wäre mehr als naiv.«

Cloud presste kurz die Lippen zusammen, dann sagte er: »Du hast recht. Ich sehe es genauso. Aber was ist die logische Konsequenz daraus? Ein sofortiges Absetzmanöver?« Er blickte von einem Freund zum anderen, dann schüttelte er den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist gerade eine Gelegenheit, die wir nicht ungenutzt verstreichen lassen dürfen.«

»Was meinst du?«, fragte Scobee.

»Die Falle«, sagte er. »Vielleicht haben wir eine Möglichkeit, vor unserem Abzug noch etwas mehr über die Falle in Erfahrung zu bringen – oder sie sogar unschädlich zu machen.«

Scobee schlug die Hände über dem Kopf zusammen – symbolisch. Ihre Miene sprach Bände, aber sie kleidete ihre Skepsis auch in Worte. »Das halte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für keine so gute Idee. Lass uns lieber erst einmal im Verborgenen operieren. Noch besteht die Chance, dass wir nicht als die erkannt wurden, die wir sind. Das Täuschungsmanöver mit dem Ghost dürfte auch Auruunen in Erklärungsnöte bringen – hoffe ich zumindest. Wenn wir offen gegen die Mondbasen vorgehen, verspielen wir diesen Vorteil.«

»Von ‚offen‘ war nie die Rede«, erwiderte Cloud.

Jarvis strahlte. »Kommandounternehmen?«, fragte er.

» Verdecktes Kommandounternehmen«, bestätigte der Commander der RUBIKON. »Du allein, in perfekter Maske. Unsichtbar oder...« Er ließ den Satz unvollendet. Stattdessen fragte er: »Was hältst du davon?«

Der Sitz, in dem Jarvis gesessen hatte, war plötzlich leer.

»Wo ist er hin?«, fragte Assur überrumpelt.

»Er ist immer noch da – schätze ich«, sagte Cloud mit einem feinen Lächeln. »Habe ich recht, Jarvis?«

Die Luft im Bereich des scheinbar verwaisten Sitzes fing an zu flirren wie an einem Sommertag über kochend heißem Asphalt. Konturen schälten sich heraus.

»Chamäleon-Modus«, erklärte Jarvis, als er wieder klar zu erkennen war. »Der Kristall der Bractonen, der mir die Möglichkeit gibt, beliebige Lebewesen optisch zu imitieren, funktioniert auch, um mich bis zur völligen Unsichtbarkeit meiner jeweiligen Umgebung anzupassen.«

»Ortungssensoren dürftest du damit nicht narren können«, warf Scobee ein.

Jarvis nickte. »Ich werde es auch nur als zusätzliche Maßnahme betrachten, um mich ungestört bei den Mond-Heinis umzusehen.«

Mond-Heinis.

Cloud legte die Stirn in Falten. »Halt‘ den Ball flach«, ermahnte er den Gefährten. »Dort, wohin ich dich schicke, ist Fingerspitzengefühl gefragt, und ich frage mich gerade, ob meine Wahl –«

»Fingerspitzengefühl ist meine Spezialität«, behauptete Jarvis im Brustton der Überzeugung. »Von mir aus kann‘s sofort losgehen. Ich bin allzeit bereit.«

Scobee schüttelte nur noch den Kopf. »Er macht mir Angst, John. Wenn er so drauf ist, macht er mir mehr Angst als jeder Auruune...«

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3.

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––––––––

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PARV SCHOB DIE ZWEITLIDER seines Pierookörpers zurück.

Er war verblüfft.

Weil er nicht erwartet hatte, weiterleben zu dürfen. Nicht nach dem Furchtbaren, das vorgefallen war. Der Mahlstrom... der Strudel... Etwas hatte ihn unter Wasser gezogen und von Slig getrennt...

Slig!

Wo bin ich?

Es war die wichtigste Frage – zunächst zumindest.

Er sah sich um. Nirgends war Wasser. Ein seltsamer Ort. Der Boden hart und glatt. Licht ohne Sonne. Woher es genau kam, war nicht zu erkennen. Es war überall. So wie ihn endlose Weite, ohne jede Begrenzung, zu umgeben schien.

War er vielleicht doch gestorben? Oder lag zumindest noch im Sterben? Halluzinierte er?

Ich bin ein Vaschgane.

Er hatte noch nie gehört, dass seine Art anfällig für Trugbilder gewesen wäre.

Vaschganen waren stolz. Und klug. Sie hatten sich Venlog untertan gemacht. Sie regierten über ihre Welt, die von einzigartiger Schönheit, einzigartiger Vielfalt und einzigartigen Möglichkeiten war.

Aber irgendetwas stimmte nicht.

So wie es schon nicht mehr gestimmt hatte, als das Brodeln über dem Meeresgrab, in dem Garabol versunken war, immer stärker wurde, statt abzuschwächen. Und dann hatte eine unwiderstehliche Kraft Parv und Slig erfasst und ertränkt...

Narr! Du lebst!

Aber stimmte das wirklich?

Er schüttelte sich. Sein Körper schmerzte, als wäre ihm Gewalt angetan worden.

Die größte Diskrepanz zu seiner letzten Erinnerung aber war das völlig Fehlen von Wasser. Luft umgab ihn. Er konnte problemlos atmen.

Wer hatte ihn gerettet und hierher gebracht? Und wo... war hier ?

»Slig?« Krächzend kam der Ruf über seine Mundränder. Der Ton verlor sich in der Weite, als würde er fortgezerrt.

Parv räusperte sich und rief wieder und wieder nach dem Tauren. Die Hoffnung, damit etwas zu erreichen, war gering. Dennoch konnte er lange Zeit nicht damit aufhören.

Schließlich aber setzte sich die Erkenntnis in ihm durch, dass es vergebens war.

Slig lebte nicht mehr. Ihn zumindest hatte der Mahlstrom verschlungen.

Parv wurde ganz weh ums Herz.

Er merkte, wie sehr ihn noch alles mitnahm, was mit Tod oder Leben zu tun hatte.

Im nächsten Moment wirbelte er herum.

Er hatte brennende Blicke in seinem Rücken gefühlt ...

... und tatsächlich war er von einem Moment zum anderen nicht mehr allein.

Ungläubig starrte auf die beiden Gestalten, die sich ihm stumm, aber mit hart auf dem Boden dröhnenden Schritten näherten. Sie hatten Flügel wie ein Kargoy – aber darin erschöpfte sich jegliche Ähnlichkeit auch schon.

Parv hatte das Gefühl, in dem Boden, der die Figuren ausgespien hatte, versinken zu müssen. Er empfand größere Panik als in der Floßstadt, wo es immerhin gegen schreckliche Ungeheuer gegangen war.

Das hier aber...

Er kramte unbewusst in dem Speicher, der ihm als Geborener zur Verfügung stand.

... das hier war so gespenstisch, dass es ihm den Atem raubte.

Jorrims?

Der Begriff geisterte durch sein Hirn. Verschwommen nur, aber das reichte aus, um ihn vor Angst erstarren zu lassen.

Er wünschte, Slig wäre bei ihm gewesen.

Jorrims waren sagenhafte Bewohner Venlogs.

Ebenso geheimnisumwoben wie gefürchtet.

Gefürchtet genug jedenfalls, dass sie Einlass hatten finden können im Kollektivwissen der Vaschganen.

Parv spürte, wie sich seine Pierooschuppen sträubten, als er rechts und links von jeweils einem Jorrim gepackt und hochgehoben wurde, als wöge er nichts.

So zerbrechlich sie auch aussahen, ihnen wohnten unfassbare Kräfte inne.

Parv schloss reflexartig die Augen. Er hatte das Gefühl, dass sich aus dem stählernen Griff der Jorrims eine Substanz in seinen Körper stahl, die sein Innerstes nach außen kehrte.

Fortan musste er die Augen offen halten.

Ob die Substanz tatsächlich existierte oder seiner Einbildung entsprang, fand er nie heraus. Und ebenso wenig fand Mut zur Gegenwehr.

Beschämt über die Art und Weise, wie er sich in ein Schicksal von ungewissem Ausgang ergab, ließ er sich von den Jorrims an einen Ort bringen, der völlig anders aussah als der, an dem er erwacht war.

Und wo ihn die erste hoffnungsvolle Überraschung erwartete.

»Slig!«

»Parv...« Der Taure erhob sich von einem Lager aus sonderbarem Gestrüpp. »Ich hätte niemals geglaubt, dass du –«

»Dass ich noch am Leben bin?« Ein befreites Lachen löste sich aus Parvs Kehle. »Mir ging es ebenso. Ich bin so froh, dich wohlbehalten wiederzusehen!« Der Vaschgane lenkte den Pierookörper näher an den Tauren heran, der sich zu voller Größe aufrichtete.

Sie umarmten einander.

Für eine Weile begnügten sie sich mit Schweigen.

Dann löste sich Slig von Parv und fragte: »Hast du mich vor dem Ertrinken gerettet?«

Parv verneinte. »So wenig wie du mich.«

»Wer dann?«

Parv blickte hinter sich zu der Tür, durch die er gekommen war. Die beiden Ehernen waren offenbar draußen geblieben. »Du hast sie nicht gesehen?«

»Wen?«

Parv beschrieb die Auswüchse vaschganischer Legenden.

Slig rückte ein wenig von ihm ab. Für einen Moment fürchtete Parv, der Freund hielte ihn für verrückt. Doch dann erzitterte der Taure und wedelte mit seinen Lanzen. Parv hatte fast das Gefühl, dass Slig in Ehrfurcht erstarrte. »Du hast sie wirklich gesehen

Die Überlieferungen waren voll von Ehernen. Sie waren hauptsächlich Seefahrern erschienen, aber auch schon an Land und sogar in den Lüften gesichtet worden. Es gab sogar Überlieferungen, wonach sie in der Frühzeit der Vaschganen in Bruderkriege eingegriffen und sie beendet hatten.

Dennoch schien es bis heute keinen handfesten Beweis für ihre Existenz gegeben zu haben.

Parv begann zu begreifen, warum Slig so ergriffen reagierte. Ihm selbst dämmerte jetzt erst die Tragweite dessen, was er erlebt hatte.

»Sie sind draußen?«, vergewisserte sich der Taure und sah sich in der kleinen Kammer um, zu der Parv gebracht worden war.

»Sie waren es zumindest, bis sie mich hier herein beförderten«, sagte er.

»Was haben sie gesprochen?«

»Sie haben nicht gesprochen.«

»Gar nichts?«

»Gar nichts.«

»Wie kannst du dir sicher sein, dass es Jorrims waren?«

Parv beschrieb sie ihm.

Slig keuchte.

»Überzeugt?«

»Warum haben sie sich mir nicht gezeigt?«

»Wann kamst du zu dir?«

»Kurz bevor du durch die Tür getreten bist.«

»Ich kam auf einer weiten Ebene zu mir. Ich weiß nicht, wo genau sie liegt. Durch eine felsige Treppe im Boden schleppten sie mich hierher. Es war ein weiter Weg. Aber ich hatte keine Möglichkeit, mich zu wehren oder selbst zu laufen. Ich wurde die ganze Zeit getragen.«

Slig schien zu überlegen. Schließlich sagte er: »Wir müssen ihnen dankbar sein. Ohne sie trieben wir längst im Vergessen.«

Parv zögerte merklich.

»Was ist?«, fragte Slig. »Bist du ihnen nicht dankbar?«

»Das könnte ich dir beantworten, wenn ich wüsste, was sie mit uns vorhaben.«

»Du bist sicher, dass es keine Vaschganen sind?«

»Wie erkennt ein Vaschgane den anderen, ganz gleich, in welcher Gestalt er geboren wurde?«

»An seiner Aura

»Eben. Aber die, die mich zu dir brachten, haben keine. Es können nur Jorrims sein.«

»Woher willst du wissen, dass Jorrims keine Aura haben?«

Parv seufzte. Sligs Einwand machte ihm klar, dass er so gut wie gar nichts über die Wesen wussten, in deren Dunstkreis sie zu sich gekommen waren.

»Ich habe Durst«, sagte er, ohne auf die Frage des Tauren einzugehen. »Du nicht?«

»Nach all dem Wasser?« Slig schüttelte sich theatralisch. Dann wurde er ernst. »Doch, natürlich. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal getrunken habe. Oder gegessen. Wie lange waren wir ohne Besinnung?«

Das hätte Parv auch gern gewusst.

Er ließ den Tauren stehen und ging zu der Stelle an der Wand, wo sich die Tür befunden hatte, durch die er in die Kammer gelangt war.

»Sie ist verschwunden!«

»Wer?«

»Die Tür!«

»Eine Tür kann nicht verschwinden«, sagte Slig im Brustton der Überzeugung. »Warte...« Er folgte dem Pieroo-Vaschganen und stellte sich neben ihn. Nachdem er mit seinen feingliedrigen Insektenfingern über die Wandoberfläche getastet hatte, wandte er sich verwirrt dem Freund zu. »Da ist wirklich nichts – nichts, was auf einen Durchlass hindeuten würde. Nicht die kleinste Ritze oder Fuge...«

»Aber du hast selbst gesehen, wie ich hier hereinkam!«

»Das stimmt.« Slig zögerte. »Zumindest glaube ich das.«

»Was meinst du damit?«

»Nur dass ich mir über gar nichts mehr sicher bin. Ich traue meinen eigenen Augen nicht mehr. Vergiss nicht, was uns passiert ist. Nach vaschganischem Ermessen dürften wir nicht mehr leben.«

»Mag sein. Trotzdem – eine Tür bleibt eine Tür!«

»Offenbar nicht...«

Parv grunzte beleidigt. Aber lange konnte er Slig nicht böse sein. Der Taure tat nicht mehr als das Offenkundige in Worte zu fassen.

Dass sie noch lebten war ein Wunder.

Und dieser Ort, an dem sie wieder zu sich gekommen waren, noch viel mehr!

»Wir waren dicht beisammen, als die brodelnden Wasser uns verschlangen«, sinnierte Parv laut. »Trotzdem erwachten wir an unterschiedlichen Plätzen. Ich wurde zu dir gebracht. Das bedeutet, die Ehernen, die mich in ihre Mitte nahmen, wissen, dass wir zusammengehören.«

»Auch das ist nicht gesagt. Wahrscheinlich sammeln sie jeden ein, der ihnen in die Falle geht.«

»Falle?«

»Das Brodeln, nachdem die Floßstadt bereits versunken war, wurde wahrscheinlich von ihnen erzeugt«, behauptete Slig, als würde er sich in diesen Dingen auskennen.

»Du redest wirr.«

»Ach? Und das hier? Warst du jemals in einem Raum mit so glatten Wänden und aus solchem Material?«

»N-nein«, gab er zu.

»Eben. Entweder befinden wir uns in einem Leben nach dem Tod, oder...«

»Oder was?«

»Oder in der Gewalt von Geschöpfen, die mächtig wie Götter sind.«

»Den Jorrims... oder Ehernen... wird dies nachgesagt. Die Legenden berichten...«

»Ja, ja, die Legenden! Du redest von dem, was ins kollektive Gedächtnis der Vaschganen Einlass gefunden hat. Obwohl du offenbar frisch geboren bist, redest du, als würdest du seit einer Ewigkeit über die Welt wandeln.«

»Warum wirfst du mir das vor?«

»Weil ich neunmalkluge Leute hasse.«

»Ich dachte, du magst mich. Sind wir nicht Freunde?«

»Freundschaft hält es aus, wenn man dem anderen die Wahrheit sagt.«

»Also... dann sind wir weiter Freunde?«

»Wenn es dich beruhigt.«

Parv fühlte sich von Sligs Verhalten verunsichert. Irgendwie kam der Taure ihm verändert vor.

»Willst du es mal versuchen?«, fragte er ihn.

»Was?«

»Die Tür zu finden.«

»Warum sollte mir gelingen, was du nicht vermagst?«

»Du bist viel weiser als ich.«

»Weil ich schon länger lebe?«

»Natürlich.«

Mürrisch schob Slig den Pieroo beiseite. »Ich kann es mir ansehen. Aber versprich dir nichts davon.« Slig über die glatte Wand. »Nichts. Da ist keine...«

Parv blickte verwirrt zu der Stelle, an der Parv eben noch gestanden hatte.

»Slig!«

Keine Antwort.

Der Taure war wie vom Erdboden verschluckt.

Parv blieb keine Zeit, sich mit Sligs Verschwinden in angemessener Weise auseinanderzusetzen.

Ein Geräusch ließ ihn zusammenschrecken. Von oben, vom höchsten Punkt der Decke, hatte etwas begonnen, sich herabzusenken. Es war kreisrund und erinnerte an einen Helm, der an einer langen Stange abwärts glitt. Das haubenartige Teil schien aus ähnlichem, wenn nicht dem gleichen Material, gefertigt wie der Raum selbst.

Parv überlegte, warum das Gebilde erst jetzt sichtbar geworden war, nicht schon, als Slig sich noch mit hier aufgehalten hatte. Es schien keine Gefahr darzustellen, weil Parv mehrere Schritte von der Raummitte entfernt stand.

Doch dann bemerkte er mit Grausen, dass seine Beine zu zucken begannen und sich wenig später gegen seinen erklärten Willen mit ihm zur Mitte bewegten.

Die Haube hatte in einer Höhe gestoppt, die es Parv erlaubte, genau darunter zu treten. Und das tat er auch, egal, wie sehr sich alles in ihm dagegen sträubte. Kaum hatte er sich in Position gebracht, senkte sich die Haube weiter abwärts und presste sich gegen seine Kopfhaut. Die Angst in Parv drohte sich zur Panik auszuweiten.

Doch bevor dies geschehen konnte, ertrank sein Geist in einem Licht, heller als jede Sonne.

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4.

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––––––––

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SIE HATTEN SICH IM Dorf der Nargen versammelt, um Kriegsrat zu halten.

Yael, Aylea, Winoa und... Varx. Um den Sternling ging es; er schien im Großen und Ganzen »wiederhergestellt« zu sein, und inzwischen war allgemein bekannt geworden, wie er einst das Licht der Welt erblickt hatte. Demnach war Varx von einem Ganf namens Varol emittiert worden – vor sehr langer Zeit. Seine »Geburt« lag noch vor dem Auftauchen der ersten Menschen im Angksystem, die Kargor dorthin verschleppt und ausgesetzt hatte: Prosper Mérimée und seine Truppe. Sie waren die Gründungsväter der Angkmenschheit. Und Varx hatte so manchen von ihnen durch die Jahre begleitet – bis er eines Tages zu denen gehört hatte, die an Bord der RUBIKON gegangen waren, um die bis dahin verschwindend kleine Crew zu verstärken. Einige andere Sternlinge hatten es ihm gleich getan; sie waren mittlerweile in der Nabiss-Substanz aufgegangen, mit der die Ganf das Raumschiff verstärkt, seine Hülle optimiert hatten.

Seither war Varx der letzte Sternling an Bord, der seine Gestalt hatte behalten dürfen – wobei er selbst maßgeblichen Anteil daran hatte, weil er seiner eigentlichen Bestimmung durch Flucht entgangen war. Dann hatte er plötzlich begonnen, instabil zu werden. Und im Zuge dessen waren seine Freunde – Yael, Aylea und Winoa – zusammen mit dem Aorii Algorian nach Voosteyn versetzt worden, wo sie sich in der Kartei wiederfanden, deren Geheimnis inzwischen von den Ganf gelüftet worden war. In den vorgefundenen Säulen, von denen Yael mit seinen ihm selbst oft unerklärlichen Kräften eine durchsichtig gemacht hatte, ruhten wie in der biblischen Arche Noah bestimmte Lebewesen in einer konservierenden Stasis. Die Ganf hatten sie vor Äonen bei ihrer Flucht aus Eleyson mitgebracht. Genmaterial aus der Heimat, das eines Tages wieder zu Leben erweckt werden mochte, um Welten mit idealen Lebensbedingungen zu bereichern.

Aber bevor es soweit hatte kommen können, waren die Auruunen gekommen.

Offenbar der Erzfeind der Ganf.

Sie hatten das Angksystem durch eine Hinterlist und Heimtücke erobert, die erst in den letzten Momenten des Aufenthalts dort für die RUBIKON-Crew offenkundig geworden war.

Und letztlich war die Sabotage, die das Angksystem für den Feind geöffnet hatte, der Anlass für die vier Freunde gewesen, sich im Nargendorf von Pseudokalser zu treffen.

Kein Ort war geeigneter, um unter sich zu sein – zumal Jiim sich seit dem Durchgang durch das Mérimée-Tor , wie er es nannte – überwiegend außerhalb der holografischen Welt aufhielt.

Auch da draußen, jenseits der Grenzen der Kalser-Nachbildung, wurde verstärkt Kriegsrat gehalten. Über Dinge allerdings, die sich mehr mit dem, was vor ihnen lag, beschäftigten, als mit dem, was sie hinter sich zurückgelassen hatten.

Das war die Art der Erwachsenen, Prioritäten zu setzen. Die Jugendlichen, die Varx trotz seiner Andersartigkeit als gleichberechtigt neben sich betrachteten, waren noch nicht ganz soweit. Für sie war das, was hinter ihnen lag, ein Problem.

Ein verflucht großes sogar.

»Es ist schrecklich, oder?«, jammerte Aylea und stocherte in der Illusion eines Lagerfeuers herum, um das sie Platz genommen hatten. »Wir sind schuld. Wir sind schuld daran, dass unendlich viele sterben mussten...«

»Quatsch!« Winoa war ehrlich erbost, wie Aylea das interpretierte und auf die Spitze trieb, was sie alle belastete. »Geht’s auch eine Nummer kleiner? Hey! Erstens gibt es keinen letztgültigen Beweis, dass der Fall des Schutzwalls mit unserem Aufenthalt auf Voosteyn zu tun hat, und zweitens –«

Es war Yael, der sie zum Schweigen brachte, indem er mit energischem Flügelschlag auf sich aufmerksam machte. »Lass sie. Es ist kein Quatsch. Im Kern hat Aylea völlig recht. Es kann kein Zufall sein, dass die Sabotage, die zum Zusammenbruch des Schutzwalls führte, auf Voosteyn erfolgte, nachdem wir die dortige Kartei unsicher gemacht hatten – unsicher im wahrsten Sinne des Wortes. Alles, was Tecum uns wissen ließ, deutet darauf hin, dass ich – ich betone ich ! – dort etwas erweckt haben, was letztlich die Generatoren sabotierte und das Angksystem für die Auruunen öffnete. Ihr wisst ganz genau, wovon ich rede.« Sein Blick strich über jeden Einzelnen der Freunde. »Es waren meine Kräfte, die die Säule manipulierten – und offenbar auch das, was in ihr schlummerte. Es erwachte und brach aus, darauf programmiert... von den Auruunen programmiert..., alles zu unternehmen, um die Ganf zu schwächen. Dramatischer und erfolgreicher hätte man diesen Befehl nicht umsetzen können...«

»Weder du noch irgendein anderer konnten das voraussehen. Die Ganf selbst wurden davon völlig überrascht!« Winoa kämpfte mit Leidenschaft darum, dass Yael aufhörte, sich als den Hauptschuldigen an der Misere zu betrachten.

Er nahm es zur Kenntnis – aber es schien von ihm abzuprallen.

»Wenn jemand die Schuld dafür auf sich zu nehmen hat«, mischte sich erstmals Varx ein, »dann bin ich das. Ohne jeden Zweifel. Denn ohne mich wärt ihr doch nie nach Voosteyn transportiert worden!«

Er erzitterte, um wenig später wie zu einem Monument aus schwarzem Stein zu erstarren. Ein Monument, in dem ein ganzer Kosmos eingesperrt zu sein schien. Der Sternling war und blieb ein Phänomen. Und obwohl er in den letzten Tagen und Wochen mehrfach in den Mittelpunkt gerückt war, wussten selbst seine besten Freunde wenig über sein wahres Wesen.

»Hören wir mit den Schuldzuweisungen auf. Sie bringen doch nichts«, sagte Aylea. »Ich wollte auch nur zum Ausdruck bringen, wie schrecklich ich es finde, was denen widerfahren ist, die den Auruunen offenbar wehrlos ausgeliefert waren. Wir alle können nur hoffen, dass die Eroberung des Systems nicht gleichbedeutend mit seinem Untergang, mit seiner völligen Zerstörung war. Aber bis wir darüber Gewissheit erhalten, kann viel Zeit vergehen – vielleicht erfahren wir es nie. Alles hängt davon ab, ob wir noch einmal in der Lage sind, eine so gewaltige Entfernung zu überbrücken wie bei unserer überstürzten –«

Das Mädchen aus dem Ghetto der Erde verstummte, ohne den Satz zu Ende gesprochen zu haben. Stattdessen schaute sie besorgt zu Varx und fragte: »Alles okay bei dir? Varx! Hey, antworte!«

Die Blicke der anderen richteten sich ebenfalls auf den Sternling.

»Nicht schon wieder«, stöhnte Yael.

Varx löste sich aus der Starre, in die er verfallen war und wandte sich an seine Freunde. »Nur die Ruhe, ich... ich wünschte, ich könnte sagen, es ist alles in Ordnung mit mir, aber...«

»Aber?« Aylea blieb in Alarmstimmung.

Varx erhob sich von seinem Platz; die holografischen Bewohner des Baumdorfes schenkten weder ihm noch den anderen realen Gestalten erkennbare Beachtung.

»Irgendetwas geht in mir vor. Ich versuche, es im Zaum zu halten, aber es... sucht einen Weg, aus mir herauszukommen.«

»Du redest wirr«, sagte Yael. »Merkst du das wenigstens?«

»Ja.« Es klang zerknirscht.

»Ja! Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Die Flügel des Jungnargen flatterten unbeherrscht.

»Alles andere habe ich doch gerade gesagt.«

»Das war keine Erklärung.«

»Ich weiß.«

»Du musst doch –«

»Lass ihn in Ruhe«, ergriff Winoa Partei für den völlig verschüchtert wirkenden Sternling. »Siehst du nicht, dass du das genaue Gegenteil von dem erreichst, was ihm hilft?«

»Ich will ihm helfen. Aber dafür brauche ich Fakten. Dieses Gerede um den heißen Brei...«

»Glaubst du, dass du in Gefahr bist?«, wandte sich Aylea an den Sternling. »Dass du wieder zum Spielball von Kräften wirst, denen du nicht gewachsen bist? Ich hatte gehofft, die Entfernung zu Portas, wo dein... dein Erzeuger in diesem ominösen Obelisken zur letzten Ruhe gebettet liegt, würde alles wieder gut machen und beheben, was dich ‚drüben‘ beeinträchtigte. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein...«

»Ich kann dir die Frage nicht beantworten«, sagte Varx verzagt. »Es hat erst vor wenigen Momenten begonnen – und es fühlt sich anders an als auf Portas. Es hat nichts mit meinem verstorbenen Erzeuger zu tun, zumindest glaube ich das. Trotzdem fühle ich mich bedroht. Da ist etwas in mir, und es will heraus. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich es nicht heraus lassen darf , sonst...«

»Sonst was?«

»Käme es zur Katastrophe!«

»Wie willst du das wissen, wenn du nicht einmal sagen kannst, was genau dir solche Bauchschmerzen bereitet?«, fragte Yael.

Varx schwieg.

»Wir sollten John informieren. Rechtzeitig «, drängte Winoa.

Varx schien von der Idee wenig begeistert zu sein. Aber er versuchte auch nicht zu verhindern, dass Winoa die anderen von ihrer Idee überzeugte.

»Okay!«

Die Entscheidung fiel einhellig.

»Gehen wir zu ihm – oder lassen wir ihn kommen?«, fragte Aylea.

»Das soll er selbst entscheiden. Er ist schließlich der Chef.«

Jarvis war gesprungen , wie nur er es konnte. Transitiert wie ein Kleinstraumschiff, und das sogar aus dem Stand heraus. Schon einen Wimpernschlag später weilte er nicht mehr auf der RUBIKON, sondern...

Willkommen im Feindesland!

Einmann-Missionen waren seine Spezialität. Bei Himmelfahrtskommandos fühlte er sich ganz in seinem Element. Obwohl der Körper, in dem er agierte, zwar aus lebloser Materie bestand, ihn aber im Extremfall auch nicht davor bewahren würde, wie jeder andere Mensch oder Außerirdische zu sterben .

Allerdings war er den meisten Lebenden physisch weit überlegen. Wer verfügte schon über einen Amorphkörper, der sich aus Myriaden winziger Nanomodule zusammensetzte? Jarvis konnte damit nach Belieben Aktionselemente, Werkzeuge und sogar Waffen formen. Ein Gedanke – und aus einem Arm wurde eine Laserwumme von gewaltiger Durchschlagskraft. Wenn er wollte, konnte er sogar schweben oder fliegen; eingebaute Antigravitationssysteme ermöglichten dies ohne große Anstrengung. Rennend erreichte er Geschwindigkeiten, mit denen er altmodische Autos locker hätte abhängen können. Und zum Sehen hatte er nicht nur zwei Augen, sondern unzählige. Er vermochte mit jedem einzelnen, außenliegenden Nanopartikel zu schauen und dabei auch noch nach Belieben die Frequenzen wechseln. Gleiches galt für sein Gehör.

Wenn er wollte und irgendwo in freier Natur stand, konnte er buchstäblich »das Gras wachsen hören«.

Er grinste.

Innerlich.

Obwohl alles um ihn herum verändert und fremd geworden war, von einer Sekunde zur anderen.

Danke, John, für die Gelegenheit! Ich brauche das ab und zu...

Jarvis blickte nach allen Seiten und zur Decke gleichzeitig. Die mit seinem Geist verknüpften Hightech-Synapsen ermöglichten ihm die mühelose Rundumsicht und Verarbeitung der eingehenden Bilder.

Manchmal fühlte sich Jarvis wie ein Roboter und damit Sesha näherstehend als den Freunden aus Fleisch und Blut. Aber das waren vergängliche Momente. Er hatte gelernt, sie zu verdrängen.

Für John, Scobee und all die anderen war er Jarvis und nach wie vor Mensch . Das machte er sich nicht nur vor, sondern davon hatten sie ihn in einem schwierigen Prozess wahrhaftig überzeugt.

Lippenbekenntnisse sahen anders aus. Die Gefährten bewiesen ihm in jeder beliebigen Situation, dass sie es ernst meinten mit ihrer Freundschaft.

Bei Einsätzen wie diesem reagierte Jarvis seinen Frust ab, der sich trotz alledem in ihm aufstaute und aufschaukelte – dagegen war kein anderes Kraut gewachsen.

Und dann war da ja auch noch Kargors Abschiedsgeschenk. Ein winziger Kristall, den Jarvis, mit Nanomaterie wie von einem Schatzkästlein umkapselt, auf all seinen Wegen mit sich führte. Der Kristall entsprang feinster Hochtechnologie. Sie ermöglichte es Jarvis, täuschend echte Erscheinungsbilder zu generieren, die seinen Freunden in der Regel einen Jarvis vorspiegelten, wie er existiert hatte, bevor Sobek ihn vor langer Zeit umbrachte. Aber das war nur eine Variante von vielen, die Jarvis inzwischen traumwandlerisch sicher beherrschte. Im Grunde vermochte er jedes Wesen nachzuahmen – er musste nur genug über dessen Physis wissen.

Und jetzt agierte er im angekündigten Chamäleonmodus – als quasi Unsichtbarer.

Es war faktisch ein Blindsprung gewesen, der ihn ins Innere der georteten Station gebracht hatte. Doch so war es meist. Ein Ziel konnte anvisiert werden, die Gegebenheiten vor Ort stellten eine Überraschung dar.

Ich hätte es schlimmer treffen können , dachte Jarvis.

Ein Gang. Verlassen. Dunkel.

Nur die körpereigenen Systeme ermöglichten Jarvis eine Orientierung.

Die Finsternis des Korridors deutete darauf hin, dass er selten benutzt wurde. Oder die Station war automatisch, alle Prozesse darin liefen automatisch.

Unter anderem, um sich darüber Gewissheit zu verschaffen, war Jarvis gekommen.

Eine Weile stand er nur still und reglos da. Er behielt den Modus, der ihn bis zur Unsichtbarkeit mit seiner Umgebung verschmelzen ließ, bei, obwohl dafür momentan keine Notwendigkeit zu bestehen schien.

Sicher war sicher.

Der Gang endete in beiden Richtungen vor einem Schott. Eines von ihnen lag wesentlich näher. Jarvis setzte sich in Bewegung und ging darauf zu. Unmittelbar davor blieb er wieder stehen.

Nichts. Keine Reaktion auf seinen Vorstoß. Falls es einen Sensor gab, der bei Annäherung in Kraft trat, schien auch er sich von Jarvis‘ Tarnung täuschen zu lassen.

Aber ich muss da durch , dachte der ehemalige GenTec. Er überlegte, ob er Verbindung zur RUBIKON herstellen sollte, verzichtete dann aber darauf. Die Absprache lautete: autarke Operation. Solange wie möglich jedenfalls.

So wie die Transition angemessen worden sein konnte, erhöhten auch Funkimpulse, mochten sie noch so kurz und gerafft gesendet werden, die Gefahr einer Entdeckung.

Und Vernichtung , dachte Jarvis, ohne sich davon in seinem Tatendrang bremsen zu lassen.

Er scannte den Türbereich und entdeckte den Mechanismus, über den sie geöffnet werden konnte. Offenbar gab es ein Bedienfeld an der Wand, das auf Berührung reagierte.

Von Fabeltechnik keine Spur. Alles sehr »handfest«. Und das sollen die gottgleichen Auruunen verzapft haben?

Sein nächster Gedanke dazu lautete: Die kochen also auch nur mit Wasser. Prima. Gute Nachrichten. Weiter!

Er riskierte es, die rechte Handfläche auf die entdeckte Wandstelle zu pressen. Ganz kurz nur.

Aber das genügte. Das Schott glitt geräuschlos zur Seite.

Vor Jarvis öffnete sich ein weiterer Raum, ebenfalls in völliger Dunkelheit liegend, aber anders als der Gang voller... ja was ? Leben?

Seltsame Schemen geisterten zwischen Objekten, die an halbierte Säulen, Obelisken oder Konsolen erinnerten, herum. Die Einrichtungsgegenstände waren aus einem Metall gefertigt, dessen Zusammensetzung Jarvis mit seinen Analysemöglichkeiten nicht ermitteln konnte. Bei den Schemen verhielt es sich noch einmal anders: Er vermochte sie optisch verschwommen wahrzunehmen, aber sie erzeugten nichts, was sie mit anderen Systemen als real identifizieren ließ. Wie Gespenster glitten sie durch den verwinkelten Raum, versanken mal halb in stalagmitenartig aus dem Boden wachsendem Inventar, lösten sich wieder daraus und wechselten zu einem der anderen Gebilde. Dabei vermieden sie den Kontakt miteinander. Solange Jarvis sie beobachtete, bemerkte er nie, dass sich zwei dieser Schemen jemals so nahe kamen, dass sie einander berührten oder gar zusammenstießen. Ihre »Gestalt«, so man diesen Begriff überhaupt für sie gebrauchen konnte, erinnerte an Kondensstreifen von Flugzeugen an einem sonst klaren blauen Himmel. Nur dass sie unruhig in sich selbst waren, nie lange an einer Stelle verweilten und sofort wieder zum nächsten Haltepunkt strebten.

Jarvis zögerte, sich vom Türschott weg zu bewegen. Tiefer im Raum wuchs die Gefahr, mit einem der Schemen zu kollidieren. Die Folgen konnte Jarvis nicht einmal ahnen. Vielleicht gab es keine, erwiesen sich die Schemen als wahrhaftige Geister. Doch ebenso gut konnte es sein, dass –

Da war es schon passiert.

Schneller als er zu einem Ausweichmanöver ansetzen konnte, glitt von schräg links eines der Gespenster heran und... prallte mit unfassbarer Wucht gegen Jarvis.

Keine Spur von immateriell!

Jarvis hatte das Gefühl. Mit einem Schnellzug zusammenzustoßen, und dieser Aufprall erschütterte ihn bis in die letzte Nanozelle hinein!

Anders der »Geist«: Er wurde zwar ebenfalls abgeschmettert, aber eher wie ein Wattebausch, der im Flug kurz auf ein Hindernis traf, davon abglitt und einfach eine neue Richtung einschlug.

Bei dem Schemen wirkte das Manöver spielerisch, geradezu tänzerisch. Jarvis hingegen war eine Zeitlang zu keiner Aktion mehr fähig. Sein künstlicher Körper reagierte auf keinerlei Befehl. Verwunderlich war nur, dass Jarvis während der ganzen Zeit bei Bewusstsein blieb und sich darum sorgte, als eben dieses Bewusstsein vielleicht nicht länger von seiner Hülle gehalten werden zu können. Völlig taub und energielos kam sie ihm vor. Die Anker, die seinen Geist darin hielten, waren nicht mehr spürbar.

Und schon rauschte der nächste Schemen heran.

Jarvis sah das Unheil kommen, konnte aber nicht reagieren.

Im letzten Moment wechselte der Geist den Kurs und versank in einer unbekannten Gerätschaft neben Jarvis.

Wo bin ich hier nur gelandet?

Die Idee, einfach ins Blaue zu springen, entpuppte sich als Narretei. Zunehmend panischer versuchte Jarvis, seine Systeme zu »reanimieren« oder wenigstens eine Schadensanalyse durchzuführen.

Aber immer noch antwortete keines der Module. Er steckte in ihnen, konnte weiter »sehen« – aber das war es dann auch schon.

Eine rettende Transition, die ihn aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich hätte bringen können, war völlig illusorisch.

Er fragte sich, ob er der unbekannten Stationsbesatzung auf den Leim gegangen war.

War seine Ankunft bemerkt worden und das hier eine Falle, nur für ihn aktiviert?

Irgendetwas ließ ihn daran zweifeln. Vielmehr kam das Geschehen in dem Raum ihm vor, als wäre es der »Normalbetrieb«.

Nur dass der sich eben so gar nicht mit einem Fremdkörper vertrug, wie Jarvis ihn darstellte.

Er hatte erwartet, auf Lebewesen zu treffen, auf Auruunen oder deren Helfer. Stattdessen fand er sich in einer Situation, für die er keine Erfahrungswerte hatte.

Ich hirnverbrannter Idiot!

Niemand wiedersprach ihm.

Wohin er blickte Geister – aber keiner schien ihn zu beachten. Dabei konnte die nächste Kollision mit einem von ihnen schon das sichere und unwiderrufliche Ende bedeuten.

Jarvis verzweifelte an seiner Ohnmacht...

... und ahnte nicht, dass zur gleichen Zeit auch die RUBIKON von einer Bedrohung erfasst wurde, die niemand so auf der Rechnung gehabt hatte.

John Cloud hätte nicht zu sagen vermocht, ob es etwas mehr hasste, als zur Untätigkeit verdammt zu sein, während ein Mitglied seiner Crew – und noch dazu ein enger Freund – außerhalb der RUBIKON Kopf und Kragen riskierte.

»Wird schon schiefgehen«, versuchte Assur ihn aufzumuntern.

Er hatte nur ein Achselzucken dafür übrig.

Wie so oft überwogen die Zweifel die Selbstsicherheit, alles richtig entschieden zu haben.

War es überhaupt zu rechtfertigen, Jarvis zu einer Basis zu entsenden, von der sie annehmen mussten, dass die Auruunen sie errichtet hatten?

War in eine solche Station einfach so einzubrechen? Musste sie nicht gegen jedwede Form des unberechtigten Zutritts abgesichert sein, und wenn ja, was geschah dann mit demjenigen, der es dennoch versuchte?

Kaum war Jarvis aus der RUBIKON verschwunden, kribbelte es Cloud schon in den Fingern, eine Verbindung zu ihm herzustellen – und sei es auch nur, um sich Gewissheit zu verschaffen, dass der Freund noch am leben war.

»Er hat schon andere Herausforderungen gemeistert«, stieß Scobee ins selbe Horn wie Assur. »Glücklicherweise handelt er im Einsatz meist sehr überlegt und nicht so schnodderig impulsiv, wie er sich hier an Bord gerne gibt.«

»So ist er nun mal«, fühlte sich Cloud gedrängt, ihn zu verteidigen.

»Ich weiß«, sagte Scobee. »Ich würde etwas vermissen, wenn er plötzlich anders wäre. Ich will damit auch nur sagen: Vertrau ihm.«

»Hätte ich ihn sonst losgeschickt?«

»Die Sorge steht dir ins Gesicht geschrieben.«

»So muss es doch sein, oder? Sonst wäre doch wirklich etwas falsch.«

Über ihr Gesicht huschte ein Lächeln. Als er sie ansah, fiel ihm auf, wie stark sie sich in den letzten Monaten und Jahren verändert hatte, nicht nur rein äußerlich. Sie ruhte in sich selbst. Und dass sie zu echten Augenbrauen zurückgekehrt war, stand ihr gut zu Gesicht. Sie war nicht mehr das »Püppchen«, mit dem er sich manches Wortgefecht geliefert hatte. Und sie war auch nicht mehr die Frau, mit der er eine Zeitlang geglaubt hatte, eine Beziehung eingehen zu können.

Sein Blick schweifte zu Assur, mit der er nun schon seit Monaten liiert war. Als Angkgeborene waren sie auf verschiedenen Welten geboren und aufgewachsen. Aber gerade das war ein Garant dafür, dass ihnen so schnell der Gesprächsstoff nicht ausgehen würde. Wann immer sie Zeit und Muße fanden, erzählten sie sich gegenseitig Anekdoten aus ihrer Heimat. Dabei legte Cloud den Schwerpunkt auf die Zeit, bevor er Astronaut geworden war. Seine Kindheit und Jugend, sein Elternhaus, seine Mutter, vor allem aber Nathan Cloud, sein damals schon berühmter Vater, der die erste Marsexpedition angeführt hatte, die so tragisch endete...

Im Bruchteil einer Sekunde rauschten ein paar Erinnerungen an seinem geistigen Auge vorbei, von denen er wünschte er hätte sie einfach anvisieren und dorthin zurückspringen können, wie es Jarvis gerade bei seinem »Sprung« getan hatte.

»Nein«, hörte er Scobee sagen. »Das machst du schon ganz richtig, Commander.«

Commander.

Es klang immer noch merkwürdig fremd und seltsam, wenn ihn Gefährten der ersten Stunde so nannten.

Er seufzte, wollte etwas erwidern, aber plötzlich wurde es laut in der Zentrale, und als er den Kopf drehte, sah er, wie drei Jugendliche und ein Sternling heftig debattierend auf das Kommandopodest zustrebten.

Assur sprang auf und lief den Ankömmlingen entgegen. »Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?«, setzte sie an, wurde aber von ihrer Tochter daran gehindert, mit der Schelte fortzufahren.

»Es ist wichtig! Wir müssen zu John!«

»Worum geht es?«, fragte er. »Es ist wirklich ungünstig. Aber wenn ihr schnell macht...«

»Es geht um Varx«, drängte sich Aylea nach vorn.

Sofort konzentrierte sich Cloud auf den einen von zwei Nichtmenschen der Gruppe, dessen Erscheinung selbst Yael an Exotik übertraf.

»Schon wieder? Ich hoffe nicht, dass –«

»Ich fürchte doch«, unterbrach ihn diesmal der Sternling selbst. »Da ist etwas, und es könnte zum Problem werden. Ich weiß nicht, wie lange ich die RUBIKON noch davor schützen kann...«

»Und worum genau geht es? Wo liegt das Problem?« Cloud hatte seinen Sitz verlassen und war zu der kleinen Gruppe getreten. »Du musst schon etwas deutlicher werden, Varx.«

»Ich glaube«, mischte sich Winoa ein, »er weiß selbst nicht so genau, was mit ihm los ist.« Sie blickte den Sternling an. »Oder?«

Er schien sich vor einer klaren Antwort drücken zu wollen.

Cloud trat noch einen Schritt näher zu Varx. »Wovor hast du Angst?«

»Das sagte ich bereits. Ich bin schon wieder zu einer Gefahr geworden. Wie ich das...« Er seufzte fast wie ein Mensch. »... hasse!«

»Wie sieht diese Gefahr aus?«

Varx schien Cloud aus seinen Sternenabgründen heraus anzusehen. »Etwas versucht, mir zu entschlüpfen.«

»Wie vor kurzem?«, fragte Cloud, der sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für eine neue »Baustelle« hätte vorstellen können. »Als dir von deiner Substanz entwich? Zumindest sah es so aus...«

»Nein«, begrab der Sternling diese Hoffnung mit einem einzigen Wort. Als es schon schien, als wolle er sich darauf beschränken, fuhr er doch noch fort. »Es fühlt sich ähnlich an, wie wenn mich einer von euch – Aylea beispielsweise – als Tor benutzt.«

Cloud spürte, wie sich ihm die Nackenhärchen aufrichteten. »Du meinst...«

»Er meint, etwas versucht von irgendwoher durch ihn zu uns zu gelangen«, warf Winoa vorlaut ein.

»Ein Besatzungsmitglied?«, fragte Assur wider besseres Wissen.

»Es kann keiner von der Crew sein«, wandte sich Cloud an sie, »und das weißt du auch, nicht wahr.«

Sie nickte. Blass. »Dafür bräuchte es einen zweiten Sternling, und die gibt es an Bord nicht mehr, seit sie in der Nabisshülle aufgingen.«

»Und wenn ihn niemand von unseren Leuten als Portal nutzen will«, sagte Yael düster, »muss er von außerhalb kommen. Aus dem Angksystem beispielsweise. Dort gibt es unzählige Sternlinge.«

»Gab«, sagte Varx.

Was er damit meinte und befürchtete, war jedem klar, nachdem das Angksystem in die Hände des Feindes gefallen war.

Cloud nahm Yaels Einwand ernst. »Spielt Entfernung für diese Fähigkeit eine Rolle?«, fragte er Varx direkt.

»Du meinst, ob Milliarden Lichtjahre mit dieser Methode ebenso selbstverständlich zu überbrücken wären wie nur ein paar?«

Cloud nickte angespannt.

»Das weiß ich ehrlich gesagt nicht.«

»Die Einzigen, die es wahrscheinlich beantworten könnten – zumindest di Einzigen, die auf unserer Seite stehen –, sind die Ganf«, mutmaßte Assur.

»Vielleicht sollten wir sicherheitshalber davon ausgehen«, erwiderte Cloud. »Zumindest theoretisch denkbar ist, dass die Auruunen Sternlinge in ihre Gewalt gebracht haben und mit deren Hilfe zu uns zu gelangen versuchen.«

Seine Worte malten auch dem Letzten, der sie hörte, Entsetzen ins Gesicht.

»Glaubst du wirklich, sie wären in der Lage...«, setzte Scobee an, verstummte aber, ohne ihre Sorge zu Ende zu formulieren.

»Noch einmal: Gehen wir lieber davon aus. Vorsichtshalber.« Er blickte an den Freunden vorbei. »Sesha?«

»Commander?«

»Was können wir tun, um der heraufbeschworenen Gefahr Herr zu werden und symbolisch ausgedrückt ‚den Deckel‘ auf Varx zu halten?«

»Die Antwort wird uns nicht gefallen«, flüsterte Assur neben ihm.

I ch weiß , dachte er. Aber wenn ich vor die Wahl gestellt würde, Schiff oder Varx... Er stutzte. Ja , dachte er weiter, was dann? Wie entscheide ich? Habe ich mir nicht geschworen, niemals vorsätzlich auch nur ein Crewmitglied zu opfern, unter keinen Umständen? Und ist Varx nicht längst genau das bis in die letzte Konsequenz hinein geworden: ein Besatzungsmitglied?

»Die völlige Isolation ist unabdingbar. Alles andere birgt Restrisiken«, sagte die KI.

»Und wie sähe eine solche Isolation aus?

»Varx muss unverzüglich das Schiff verlassen.«

» Das siehst du als einzige Alternative ohne Restrisiken?«, fragte Aylea aufgebracht. »Wir können ihn doch nicht kaltblütig –«

»Beruhige dich«, bremste Cloud die leidenschaftliche Parteinahme des Mädchens. »Sesha – was ist mit einer energetischen Schildglocke, die wir um Varx legen könnten?«

»Unzureichend, solange unklar ist, was aus ihm zu schlüpfen versucht.«

»Aber der Weltraum...«

»Sternlinge sind vakuum- und kälteresistent«, warf Scobee ein. »Das wissen wir inzwischen. Erinnere dich: Varx wurde bei der Katastrophe auf Portas, bei der sein... sein Erzeuger ums Leben kam, schon einmal für lange Zeit ohne Luft, Nahrung und Wärme ins eisige Alt katapultiert.«

»Willst du damit sagen, dass du Seshas Vorschlag unterstützt?«, fuhr Aylea sie an.

»Ganz ruhig, Kleine«, sagte Scobee. »Wir reden hier über eine ernstzunehmende mögliche Gefährdung des gesamten Schiffes – da muss die Lösungssuche erlaubt sein. In dem Moment, da ich davon ausgehen kann, dass es Varx nicht existentiell bedroht... ja, in dem Moment plädiere ich für ein – wobei ich betone vorübergehendes – Aussetzen.«

Während ihrer Debatte krümmte sich Varx mehrfach. Jetzt presste er hervor, bevor Aylea oder ein anderer sich erneut für ihn stark machen konnte: »Ich bin einverstanden! Ich kann es nicht mehr lange zurückhalten. Es... wird immer stärker.«

»Okay, Kompromiss«, reagierte Cloud ohne Zögern. »Wir schleusen Varx aus, umgeben die RUBIKON mit ihren stärksten Schilden... und schauen, was draußen bei Varx passiert. Entschlüpft ihm etwas Harmloses...« Noch während er sprach, wurde ihm bewusst, worauf ihr Plan auch hinaus laufen konnte. Er fing sich jedoch rasch und modifizierte das Vorhaben. »Sesha?«

»Commander?«

»Wir schleusen Varx mit einem eigenen Schildgenerator aus, der eine ‚Lebensblase‘ von ungefähr fünf Meter Durchmesser erzeugt und sie mit Atemluft und Wärme füllt. Wie lange brauchst du für diese Maßnahme und die Aussetzung als solche?«

»Varx muss sich unverzüglich zur nächsten Schleuse begeben. Dort wartet das Aggregat auf ihn, wenn er ankommt. Die Bots sind bereits unterwegs.«

»Varx?«

»Ich versuche... es. Doch... ja, das schaffe ich!«

Damit war die Entscheidung gefallen, auch wenn sie keinem der Crewmitglieder wirklich gefiel.

Sie beobachteten, wie Varx aus der Schleuse glitt und von einem Gravostrahl von der RUBIKON weg getragen wurde. Ab einer Entfernung von etwa einem Kilometer baute sich das Generatorfeld auf, das blickdurchlässig war. Die Gefährten konnten von der Bordzentrale aus jedes Detail einer Veränderung an dem Sternling oder in seiner unmittelbaren Umgebung beobachten. Die Bildqualität war so gut, dass es den Anschein hatte, Varx klebe in der Holosäule – wie ein Insekt, das sich in einem Spinnennetz verfangen hatte.

»Er wirkt unverändert«, sagte Assur.

»Noch«, erwiderte Cloud, der so gebannt wie jeder andere im Raum auf die Holodarstellung blickte. »Aber er weiß, dass er jetzt ‚loslassen‘, seinen Widerstand gegen das, was aus ihm heraus drängt, aufgeben kann. Demzufolge wird gleich etwas passieren – was auch immer.«

»Wenn es harmlos ist... vielleicht ein Flüchtling aus dem Angksystem... müssen wir sofort reagieren und ihn herein holen!«, appellierte Aylea an die Erwachsenen, allen voran Cloud.

»Egal, was passiert, wir werden mit Bedacht reagieren«, sagte er. »Weil wir nicht ausschließen können, dass es sich bei einem vermeintlichen Flüchtling auch um eine Finte der Auruunen handeln könnte. Bis das geklärt ist, werden wir uns Dauerlösungen sowohl für einen solchen Ankömmling, als auch für Varx ausdenken müssen. Das hier...« Er zeigte auf das 3-D-Bild des Sternlings mit der ihn umgebenden Blase. »... ist nur ein Provisorium.«

Aylea kniff die Lippen zusammen. Winoa, die ebenso bei ihr stand wie Yael, legte den Arm um sie und drückte sie aufmunternd.

»Da!«, rief Yael plötzlich und flatterte zwei-, dreimal so aufgeregt mit den Flügeln, dass sich winzige Federn aus dem Gefieder lösten. »Bei Maron...!«

Auch Cloud und den anderen stockte kurz der Atem.

Sie hatten mit einer Bedrohung gerechnet – aber nicht mit einer so martialisch in Form einer aus Varx heraus drängenden kleinen Armee.

Sechs... neun...zwanzig und mehr bis an die Zähne bewaffnete Humanoide in gepanzerter Schutzkleidung, die offenbar auch Weltraumbedingungen standgehalten hätte, füllten die 5-Meter-Blase innerhalb eines Atemzugs komplett aus. Varx wurde mit fremden Körpern zugedeckt und war nicht mehr zu sehen.

Außer dass sie humanoid – Kopf, Rumpf, zwei Beine und zwei Arme – waren, ließ sich wenig über die Erschienen sagen. Es waren zweifellos Soldaten. Und sie waren zu allem entschlossen. Das eigene Leben spielte dabei eine ungeordnete Rolle, falls überhaupt. Erkennbar wurde das, als mehrere der Eingeschlossenen gleichzeitig ihre Waffen auslösten, obwohl sie damit sich selbst und ihresgleichen in höchste Gefahr brachten. Ein Lasergewitter irrlichterte über die Außenwand der Energieblase. Ob der Kollaps der Kugel von den Schüssen herbeigeführt wurde, oder ob Varx den Generator geistesgegenwärtig abgeschaltet hatte, blieb zunächst unklar.

Sichtbar wurden nur die Auswirkungen.

Die Kugel erlosch – und die darin befindlichen Körper wurden vom einströmenden Vakuum nach allen Seiten davon gewirbelt.

»Wo ist er?«, keuchte Aylea.

Sie sorgte sich um Varx, der nicht mehr den Mittelpunkt der Holo-Einblendung bildete.

»Sesha?«

Die KI bemühte sich offenbar längst, den Sternling zu lokalisieren. Kurz darauf präsentierte sie ihn, umringt von mehreren Soldaten, die das vorhergegangene Geschehen offenbar unbeschadet überstanden hatten. Aus ihren Anzügen waberten unbekannte Energieströme, die Varx wie elektrische Ladungen umzüngelten.

»Sie sichern ihn – wie Truppen zu allen Zeiten Orte oder Objekte von eklatanter strategischer Bedeutung gesichert haben«, murmelte Scobee.

Und nichts anderes sehen sie in ihm , pflichtete Cloud ihr innerlich bei. Für sie ist er ein Brückenkopf, nicht mehr und nicht weniger. Sie wussten offenbar genau, auf was sie sich einließen, als sie von ihrem Ausgangspunkt aufbrachen.

Er überlegte, ob dieser Punkt wirklich Milliarden Lichtjahre entfernt liegen konnte. Aber sie selbst hatten diese Entfernung gerade erst in kaum messbarer Zeitspanne zurückgelegt – warum sollte es also nicht gehen. Die Alternative war, dass die Armee, die unweit der getarnten RUBIKON und der Fallenmonde durchs All trieb, aus dieser Galaxie kam. Vielleicht sogar von einem der Monde, wo auch Jarvis gerade in spezieller Mission unterwegs war.

Jarvis...

Bei alldem durften sie ihn nicht vergessen. Er war auf ihr Ausharren vor Ort angewiesen.

Im Nachhinein ärgerte sich Cloud, den Erkundungsgang befohlen zu haben. Mit Jarvis an Bord hätten sie flexibler handeln können. So mussten sie nicht nur auf Varx Rücksicht nehmen, sondern auch auf den Freund in der Mondstation.

»Könnten... rein theoretisch, meine ich...«, fragte Yael, »... auch Raumschiffe Varx passieren, oder sind Grenzen in Sachen Ausmaße gegeben?«

»Nach unseren bisherigen Erfahrungen wurden immer nur Personen durch Sternlinge befördert«, sagte Cloud. »Inklusive Kleidung und anderer Ausrüstung allerdings, wie wir es jetzt auch bei den unbekannten Kriegern da draußen sehen.«

»Ich hoffe, die Auruunen halten sich an diese Regel«, sagte Assur und seufzte. »Gibt es Anzeichen, dass sie uns – die RUBIKON – entdeckt haben?«

Cloud leitete die Frage an die KI weiter.

»Negativ. Bislang scheinen sie einstudiertes Verhalten umzusetzen, um sich zu sammeln und zu orientieren. Es hat den Anschein, als hätten sie keine Anhaltspunkte dafür gehabt, wo sie herauskommen würden.«

In der Holosäule waren nun sämtliche Soldaten zu sehen; sie wirkten wie Figuren auf einem dreidimensionalen Spielfeld. Jeder, der sie betrachtete, fragte sich, wie sie wohl ohne ihre Kampfrüstung ausgesehen hätten.

»Erstaunlich«, sagte Scobee, »dass sie offenbar damit rechneten, auch im All ausgespuckt zu werden – oder glaubt ihr, diese Anzüge decken diesen Aspekt eher beiläufig mit ab?«

»Du meinst, reine Kampfanzüge, mit denen auf Planeten mit atembarer Atmosphäre agiert wird, ließen mehr Bewegungsfreiheit?«, fragte Cloud. Er schüttelte den Kopf. »Das traf vielleicht auf Zeiten zu, die wir selbst noch miterlebt haben, damals, als es zum Mars ging. Du erinnerst dich?«

Sie warf ihm einen undefinierbaren Blick zu, sonst blieb ihre Miene unbewegt. »In der guten alten Zeit?«

»In der auch nicht besseren alten Zeit.«

Sie nickte, wechselte das Thema. »Wie lange wird Jarvis noch unterwegs sein? Du hattest ihm ein Limit vorgegeben.«

»Er hat mehrere Zeitfenster zur Rückkehr erhalten – das erste wurde von ihm nicht genutzt, unmittelbar nach seinem Sprung, das nächste öffnet sich...« Er konsultierte den Bordchronometer, den Sesha permanent ins Holo einblendete. »... in ziemlich genau zwanzig Minuten.«

»Dann senkt die RUBIKON für einen Sekundenbruchteil die Schilde?«

Er nickte. »Anders kann er nicht zurückspringen.«

»Ich weiß... Das wird ein heikler Moment.«

»Das Fenster ist so kurz geschaltet, dass nur der es nutzen kann, der auf die Millisekunde über den Rahmen Bescheid weiß.«

»Ich traue den Brüdern nicht.«

Er presste die Kiefer aufeinander, teilte Scobees Skepsis.

Aylea, Winoa und Yael drängten sich in den Vordergrund. Offenbar hatten sie zuvor miteinander beratschlagt, und Aylea übernahm einmal mehr die Rolle der Sprecherin.

»Ihr müsst ihm helfen! Seht ihr nicht, dass er leidet?« Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm zur Holosäule. Dass sie Varx meinte, stand außer Frage.

»Wir können ihm momentan nicht helfen«, sagte Cloud. »Sobald wir offen eingreifen, werden sie unsere Position ermitteln. Das hätte unabsehbare Folgen.«

»Sie wissen doch längst, dass wir hier sind«, behauptete Aylea. »Ein Sternling fällt nicht einfach so vom Himmel.«

»Sie haben Varx – aber woher genau er kam, können sie unmöglich bestimmen. Sonst hätten sie es schon längst getan und erkennbare Reaktionen gezeigt, die sich gegen uns richten«, sprang Scobee in die Bresche – und zog sich damit ebenfalls den Unmut der Jugendlichen zu.

»Aktivität«, meldete in diesem Moment Sesha.

Sofort verstummten alle Gespräche.

»Welcher Art? Bei den im All Treibenden?«, fragte Cloud.

Die KI bestätigte. In der Holosäule zoomte eine Gruppe von etwa zehn gepanzerten Humanoiden heran, die begonnen hatten, aus offenbar mitgebrachtem Material eine Konstruktion zusammenzufügen.

»Was tun die da?« Assur beugte sich näher zur Holosäule. »Sollten wir das nicht lieber unterbinden? Was immer dabei herauskommen mag?«

Cloud überlegte fieberhaft. Im Grunde gab es auf die Vorgehensweise der feindlichen Soldaten nur eine Antwort: Sie mussten sofort und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln daran gehindert werden, sich vor Ort zu etablieren.

Aber um das zu tun – auch um Varx beizustehen –, mussten sie einen Teil ihrer Tarnung aufgeben.

Und bis zum nächsten Rendezvous-Zeitpunkt mit Jarvis, der völlig autark unterwegs war, war es noch immer eine gute Viertelstunde – wobei nicht einmal gesagt war, dass er dieses Zeitfenster nutzen würde. Im ungünstigsten Fall würde er erst das letzte Ticket ziehen, und das wäre in fast zwei Stunden...

»Sesha! Analyse der Konstruktion möglich, die sie zusammenbauen?«

»Es wäre reine Spekulation...«

»Dann spekuliere!«

»Die Anlage weist gewisse Parallelen zu einer Antennenanlage auf, wie wir sie kennen. Aber das heißt nicht, dass –«

»Verdammt!« Cloud hieb mit der Faust auf die Sitzlehne.

»Was ist?«, fragte Assur.

»Ich fürchte, ich ahne, was sie da zusammenbasteln.«

»Und was?«

»Wahrscheinlich eine Art Funkboje, mit der sie ein Leuchtfeuer erzeugen, um ihre Position anzuzeigen.«

»Wenn das stimmt...«, setzte Assur an.

»Wenn das stimmt«, unterbrach Scobee sie düster, »können wir a) davon ausgehen, dass sie nicht von einem der Monde hier kommen, sondern von sehr viel weiter weg, und b) sollten wir es ganz schnell unterbinden, bevor sie damit fertig sind! John?«

Er haderte immer noch mit sich. Andererseits...

»Okay. Sesha, wir nehmen die feindlichen Krieger aufs Korn. Aber nicht nur die, die den mutmaßlichen Sender bauen, sondern alle, ohne Ausnahme. Sie müssen absolut gleichzeitig ausgeschaltet werden.«

»Wie definiere ich ausschalten?«

Cloud wusste, dass die Blicke sämtlicher Freunde auf ihm lasteten.

»Wie definierst du die Geschehnisse der letzten Stunden?«

»Krieg«, sagte die KI wie aus der Pistole geschossen.

»Dann sind wir uns einig. Ich sage es ungern, aber wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir uns auf den Versuch einlassen, Gefangene machen zu wollen. Im Moment steht die Schiffssicherheit an erster Stelle.«

»Du willst sie töten?«, fragte Assur spröde.

»Von Wollen kann keine Rede sein.«

Sie nickte.

»Niemand von denen, die hier sind, darf entkommen, Sesha. Die Waffen dementsprechend wählen. Auf mein Kommando feuern. Im selben Moment eine Schildlücke schalten und Verbindung zu Jarvis aufnehmen. Wir senken die Deckung – für vertretbare Zeit. Jarvis auffordern, sofort an Bord zurückzukehren und nicht erst ein Zeitfenster abzupassen!«

Damit warf er selbst alle Absprachen mit dem Freund über den Haufen.

Aber was da draußen mit und um Varx herum geschah, beunruhigte ihn immer stärker. Er war sicher, dass jederzeit ein weiteres Kontingent von Kriegern durch den Sternling kommen konnte und wunderte sich eher, dass das noch nicht passiert war.

Oder wartete man auf der andere Seite auf Rückmeldung?

Überhaupt – ließ der Sternling sich von den fremden Soldaten in beide Richtungen missbrauchen oder war er das Ende einer Einbahnstraße?

Ohne noch einmal Blickkontakt zu den Gefährten zu suchen, sagte er: »Jetzt!«

Die RUBIKON feuerte Dutzende Kampfstrahlen gleichzeitig ab, von denen kein einziger fehl ging.

Gleichzeitig senkte Sesha die Schilde und gab den befohlenen Spruch an Jarvis ab.

Draußen zerplatzten Körper in einem grausigen Feuerwerk, das keinen der anwesenden Jugendlichen unbeeindruckt ließ. Cloud hörte sie entsetzt die Luft einziehen und anhalten.

Vielleicht hassten sie ihn insgeheim für seinen Befehl.

Vielleicht dachten sie in dem Moment aber auch vorrangig an Varx... oder Jarvis...

Es war und blieb ein Unterschied, ob Raumschiff gegen Raumschiff kämpfte und einer der Kontrahenten in einem solchen Kampf vernichtet wurde – mit einer unbekannten Zahl von Opfern , die sich an Bord befunden hatten –, oder ob ein Raumschiff quasi Scheibenschießen auf Ziele machte, denen dabei nicht der Hauch einer Überlebenschance gelassen wurde. Aus purer strategischer Notwendigkeit heraus.

Cloud spürte, wie sich sein Magen zu einem kalten Klumpen zusammenzog.

Er hasste sich selbst für diesen Befehl – und dafür, dass ihm nichts eingefallen war, was dieses Sterben hätte verhindern können.

»Antwort?«, schnarrte er, um sich aus dem Teufelskreis der Selbstvorwürfe zu lösen. »Sesha? Antwort von Jarvis?«

»Noch nicht...«

»Warum nicht? Warum zum Teufel antwortet er nicht? Er muss dich doch empfangen... es sei denn...«

»Und Varx?«, krähte Aylea ungeduldig. »Wann holen wir ihn endlich wieder an Bord?«

Der Sternling trieb jetzt mutterseelenallein in der Samtschwärze des Alls. Die Elmsfeuer waren erloschen. Er bewegte sich schwach.

Von den Gestalten, die ihm entschlüpft waren, gab es nur noch verwehende Partikelfahnen.

Sesha hatte ganze Arbeit geleistet.

Als Vollstreckerin , dachte Cloud. Der Richter war ich.

»Weiter versuchen!«, instruierte er die KI. »Gleichzeitig Kurs nehmen auf den Mond, zu dem wir Jarvis geschickt haben!«

»Und Varx?« Ganz schrill kam die Frage – von Winoa diesmal, die sie laut schrie.

Cloud war bereit, ihr die bittere Wahrheit zu sagen. Doch vorher spitzte sich die Lage abermals zu.

Während Jarvis ein Lebenszeichen immer noch schuldig blieb, meldete Sesha: »Die Außenhaut der RUBIKON zeigt Veränderungen.«

Selbst Winoa erstarrte. Vorübergehend geriet Varx aus dem Fokus.

»Konkret!«, forderte Cloud die KI auf.

»Sie destabilisiert sich.«

»In welchem Bereich?«

»Über die gesamte Ausfläche hinweg.«

»Was soll der Unsinn?«, fauchte Scobee. »Wir sind hüllenmäßig besser aufgestellt denn je. Zusammen mit der Nabissschicht und den integrierten Sternlingen...« Sie stockte. Ihre Augen wurden groß. »O mein Gott!«

Auch Cloud zählte blitzschnell eins und eins zusammen.

Er verstand die Ursache nicht, aber er sah sich mit den Auswirkungen konfrontiert.

»Sesha! Gibt es eine Möglichkeit, die Sternlinge aus dem Nabiss zu lösen?«

»Negativ.«

»Unmöglich, oder weißt du nur nicht, wie?«

»Ich wüsste nicht, wie ich es bewerkstelligen sollte.«

»Ehrliche Antwort, okay. Nächste Frage: Besteht für dich...« Er zögerte, aber so unmerklich, dass es den meisten entging. ».. die Option, den Nabissmantel komplett abzusprengen?«

»Notfallschaltung Tecum«, sagte die KI, als würde sie eine Nummer aus einem Telefonbuch vorlesen.

»Notfallschaltung... was ?«, ächzte Scobee.

Cloud winkte ab. Schon gut, sollte das heißen. Laut verlangte er: »Außenansichten verschiedener Hüllenabschnitte – alle in die Säule! Und mit bloßem Auge sichtbare Veränderungen in Großaufnahme!«

Die KI lieferte das Gewünschte.

Cloud war überrascht vom Ausmaß der Phänomen, die über die Außenhülle geisterten. Immer wieder und an völlig verschiedenen Punkten versuchten sich die Silhouetten von Gestalten zu verstofflichen. Die geisterhaften Umrisse gehörten zweifelsfrei zur gleichen Spezies, wie die Exemplare, die Varx entschlüpft waren.

Offenbar wurde die Essenz der im Nabiss aufgegangenen Sternlinge von irgendwoher aufgespürt, ohne dass dort verstanden wurde, dass die Sternlinge nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form existierten und dass sich dadurch auch ihr Nutzen reduziert hatte. Die entsendeten Soldaten vermochten sich nicht zu materialisieren. Es schien, als sei die einstige Torfunktion so entartet, dass die Passage verstopft war. Ob die hierher geschickten Kämpfer wieder zurückgeworfen wurden oder in unbekannten Dimensionen verwehten, konnte niemand an Bord der RUBIKON, der Zeuge der Vorgänge wurde, verlässlich sagen.

»Es scheint gar nicht notwendig, sich des Nabissmantels zu entledigen«, sagte Yael. »Wenn ich das richtig sehe, schafft der Feind nicht, diese vermeintliche Schwachstelle zu nutzen.«

Cloud wünschte, er hätte Yaels Optimismus teilen können. Aber Sesha dementierte die Einschätzung, kaum dass der Narge schwieg.

»Der Versuch, von außen auf die Sternlinge im Nabiss zuzugreifen, hinterlässt schwere Schäden, die über kurz oder lang auch auf die Ursprungshülle der RUBIKON übergreifen werden. Ich empfehle sofortiges Handeln.«

»Was beinhaltet die von dir genannte Notfallschaltung Tecum? Haben die Ganf sie in dein Programm eingefügt?«

Sesha bejahte.

Cloud fluchte. »Gibt es noch mehr solcher ‚Notfallprogramme‘?«

Die KI schwieg. Offenbar war sie nicht in der Lage, die Frage zu beantworten.

Cloud war fast sicher, dass Sesha bis vor ein paar Minuten selbst noch nichts von der Tecum-Schaltung gewusst hatte. Wahrscheinlich entpackten sich entsprechende Informationen erst, wenn ein Bedarfsfall eintrat.

Typisch ganfsche Geheimniskrämerei.

»Wie lautet die Antwort?«, fragte die KI.

»Was ist mit Jarvis? Gibt es endlich eine Reaktion?«

»Nega... Halt! Gerade erreicht mich ein schwacher Impuls. Der Absender ist Jarvis. Er steckt in Schwierigkeiten. Ersucht um Hilfe.«

»Nicht auch das noch!«, stöhnte Scobee.

»Okay«, sagte Cloud. »Der Reihe nach. Tecum-Schaltung aktivieren! Sobald das Nabiss abgesprengt ist... ich gehe einfach mal davon aus, dass das die Folge der Schaltung sein wird... Richtung Zielmond beschleunigen! Neue Verbindung zu Jarvis aufbauen. Art der Misere, in der er steckt, herausfinden und sofortige Gegenmaßnahmen initiieren!«

»Und was ist, wenn die Nabissabsprengung uns erst wirklich in die Scheiße reitet?« Scobee grinste wild. »Ich weiß, so rede ich normalerweise nicht. Aber jemand muss Jarvis schließlich adäquat ersetzen, bis er zurück ist!«

Cloud versuchte, ebenso wild zurückzulächeln. »Verziehen! Sesha?«

»Schaltung aktiviert. Auslöser des Problems mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert . Achtung: Nabiss verliert Haftung... zerspringt... driftet nach allen Seiten davon...«

»Und die Sternlinge?«

Cloud hatte diese Frage befürchtet, und natürlich kam sie von Aylea.

Er fand keine Antwort, die auch nur den Hauch einer Rechtfertigung in sich gehabt hätte.

Als die äußerste Hülle komplett abgestoßen war, beschleunigte Sesha die RUBIKON, wodurch nicht nur die Nabissfragmente zurückblieben, sondern auch... Varx.

»Wir können im Moment nichts für ihn tun. Er stellt nach wie vor eine kaum abschätzbare Gefahr dar...«

»Vor der er uns selbst warnte!«

»Ja, das hat er getan, und dafür gebührt ihm aller Respekt – ebenso dafür, dass er den Transfer solange unterdrückte, bis es seine Kräfte überstieg. Das gab uns die nötige Frist zu handeln.«

»Wofür er jetzt büßt!«

»Entscheidungen, wenn es um die Schiffssicherheit insgesamt geht«, antwortete Cloud, »sind nicht immer populär. Damit muss ich leben. Mehr gibt es dazu von meiner Seite im Augenblick nicht zu sagen. Entschuldigt mich jetzt, bitte.« Er nickte den jüngsten Mitgliedern der Crew zu. »Ich möchte mich jetzt dafür einsetzen, dass ein anderes Mitglied der Besatzung, das ebenfalls in Bedrängnis zu sein scheint, jede Hilfe erhält, die wir ihm leisten können.«

Varx war aus dem Hologramm verschwunden. Stattdessen hatte Sesha jenen Mond eingeblendet, auf den die RUBIKON, immer noch winzig klein, zu jagte.

Cloud hörte, wie das Trio aus Yael, Aylea und Winoa frustriert das Feld räumte und die Zentrale verließ.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich ihnen nachgehe«, sagte Assur. »In Ordnung?«

Er nickte. »Danke. In ihrem Alter hätte ich mich für das, was ich gerade tue, auch gehasst.«

»Sie verstehen es, wenn sie die reine Logik bemühen. Aber Varx ist ihr Freund. Dagegen hat pure Vernunft keine Chance.«

Sie eilte ihrer Tochter und deren Begleitern hinterher.

»Ich wünschte, ich hätte eine Idee, wie wir Varx zu uns holen könnten, ohne die RUBIKON der Gefahr einer sofortigen Invasion auszusetzen«, sagte Cloud und seufzte. »Ich mag das Kerlchen.«

»Gehen wir davon aus, dass es momentan einfach nicht machbar ist. Die Auruunen werden keine Ruhe geben und erneut einen Trupp durch Varx hindurch schicken. Dann ginge das Ganze von vorne los. Bis dahin – also bis die Neuen ihren Sender zusammengebaut haben, den sie sicher ebenfalls bei sich haben – sollten wir von hier verschwunden sein.«

Cloud zeigte auf die kuppelförmige Anlage, die Sesha auf dem Zielmond heranzoomte.

»Mich wundert, dass von dort noch niemand auf die Idee gekommen ist, zu Varx‘ Position zu fliegen und nach dem Rechten zu sehen. Die Schüsse, mit denen wir gegen die Soldaten vorgingen, können einer Besatzung nicht entgangen sein.«

»Vielleicht gibt es keine – vielleicht handelt es sich tatsächlich um vollautomatische Systeme. Wir werden es erfahren, sobald Jarvis wieder bei uns ist. Also hoffentlich bald...«

Sie näherten sich der Station bis auf wenige hundert Kilometer und ohne das Risiko einzugehen, sich in den Innenraum der Hohlkugel zu begeben, den die Monde in ihrer Gesamtheit formten.

»Kontakt«, meldete Sesha. »Aber noch schwächer als beim ersten Mal. Ich leite Maßnahmen zur Stärkung ein.«

Cloud verzichtete darauf, sich diese Maßnahmen näher spezifizieren zu lassen.

Ein Bauchgefühl ließ ihn den Kopf wenden.

Offenbar funktionierte sein Instinkt oder was immer es war noch vortrefflich.

Unweit des Podests wankte eine anthrazitfarbene Gestalt, bei der es sich nur um Jarvis in seiner ungeschminkten Version handeln konnte.

»Jarv!«

Auch Scobee hatte ihn entdeckt, sprang auf und eilte zu ihm.

»Vorsicht!«, riet Cloud. Doch sie beachtete ihn nicht.

»Sesha?«

Bevor die KI reagieren konnte, entschlüpfte Jarvis ein: »Uff! Das war in allerletzter Sekunde! Der nächste Treffer hätte mich k.o. gehen lassen!«

Sprach’s, neigte sich weit nach vorn... und fiel polternd zu Boden.

Während Scobee sich um Jarvis kümmerte, der von Sesha über drahtlosen Energietransfer weiter aufgemöbelt wurde, navigierte Cloud die RUBIKON eigenhändig aus dem Fallensystem.

Noch bevor sie eine beruhigende Distanz hergestellt hatten, meldete die KI: »Funkimpuls! Nicht an uns adressiert, nicht dechiffrierbar. Ausgangspunkt: letzte bekannte Koordinaten von Varx.«

»Dann waren sie diesmal aber schnell. Sehr schnell«, murmelte Cloud. »Es kommt Bewegung in die Sache. Würde mich nicht wundern, wenn bald erste Schiffe der Auruunen auftauchen... Konntest du erkennen, wohin die Nachricht ging? Ins Innere Eleysons oder... weit darüber hinaus?«

»Zieladresse mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb der Galaxie. Aber die Reichweite unserer Sensoren ist...«

»... zu sehr eingeschränkt, um es mit Gewissheit sagen zu können.«

»Korrekt, Commander.«

»Okay – du übernimmst, Sesha. Wir verharren für eine Weile in Ortungsreichweite des Fallensystems. Ich will wissen, was der Funkimpuls für Folgen hat. Derweil päppelst du Jarvis weiter auf. Ich will alles erfahren, was er herausgefunden hat...«

»Ist aber nicht viel«, meldete sich der Freund aus dem Hintergrund. Er klang zerknirscht. »Bin froh, noch mal davongekommen zu sein. Danke dafür, Sesha! Hast was gut bei mir. In nächster Zeit bist du vor meinen Spötteleien sicher.«

» Wie hat sie dir denn geholfen?«, fragte Scobee, nachdem die KI das Angebot unkommentiert gelassen hatte.

Ihr war die Erleichterung über Jarvis‘ Rückkehr ebenso anzusehen wie Cloud selbst.

»Sie schickte mir Kraft.«

»Kraft?«

»Ja...« Jarvis stand schon wieder auf seinen Beinen. Jetzt kam er auf das Podest, setzte sich neben Cloud in den für ihn reservierten Kommandositz, der einst dem Hohen Mont gehört hatte. »Es war, als würde ich von irgendwoher betankt. Geschwächt, wie ich war, hätte ich anders nicht mehr zu euch zurücktransitieren können.«

»Betankt?« Cloud legte die Stirn in Falten. »Gab’s so etwas schon früher mal?«

»Nicht dass ich mich erinnern könnte.«

»Eben.« Cloud nickte gedankenversunken. »Möglicherweise ein Gimmick, das uns die Ganf ins Nest gelegt haben. Falls es zur angekündigten, aber nicht mehr komplett abgeschlossenen Aufrüstung der RUBIKON gehört, möchte ich darüber nähere Informationen, Sesha!«

»Die dazugehörigen Daten liegen abrufbereit in den Speicherbänken. Mir war nicht bewusst, dass...«

»... dass der Kommandant des Schiffes nichts davon weiß?« Cloud stieß einen verärgerten Laut aus. »Wenn ich dir das abkaufe, dann nur, weil ich es den Ganf ankreide, dass du unter partieller Amnesie leidest... Schon gut, ich verzichte auf eine geschraubte Stellungnahme oder ein ebensolches Dementi deinerseits. Ich werde mir das Kleingedruckte bei anderer Gelegenheit zu Gemüte führen. Zunächst mal: Willkommen zurück, Jarvis! Nicht alle hatten so viel Glück wie du...«

Jarvis, eben noch »nackt«, aktivierte seinen Kristall. Danach wirkte er wie der längst verstorbene originale Jarvis – aus Fleisch und Blut. Fragend und täuschend echt blickte er Cloud an.

»Scobee soll es dir erzählen. Aber nachdem du uns berichtet hast, was auf dem Mond passierte. Hast du Auruunen getroffen?«

»Weder Auruunen noch eine andere Spezies«, sagte Jarvis. »Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob die Station unbemannt ist oder ob ich nur viel zu schnell in die Zwickmühle geriet...« Er schilderte seinen Vorstoß in den Raum voller Geister, die zwischen Aggregaten hin und her irrten, als würden sie Aufträge überbringen oder abholen.

»Und überall, wo du warst, herrschte Dunkel?«, fragte Scobee.

»Überall. Bis auf die Geister. Die leuchteten aus sich selbst heraus.«

»Und jede Kollision mit einem von ihnen schwächte dich extrem?«

Jarvis nickte. »Auf seine Art war es noch schlimmer als die Zeit, in der ich die Leiche mit mir herumschleppte, ihr erinnert euch.«

»Die Ganf-Leiche, klar.« Scobee nahm ebenfalls wieder Platz.

»Das heißt also, dein Ausflug hat uns so gut wie keinen Schritt weiter gebracht«, fasste Cloud zusammen. »Wir wissen weder, wie die Station in ihrer Gesamtheit strukturiert ist, noch, ob sich nicht doch vielleicht irgendwo darin Auruunen oder Verbündete derselben aufhalten. Richtig?«

»Richtig«, bestätigte Jarvis. »Aber nicht meine Schuld... na ja, ich hätte besser aufpassen können. Aber grundsätzlich bin ich da rein gerasselt. Hätte jedem anderen auch passieren können!«

»Sonst legst du doch immer Wert auf die Feststellung, besser als ‚jeder andere‘ zu sein«, stichelte Scobee.

»Vom Prinzip her hat sich daran auch nichts geändert«, ließ Jarvis sie sogleich wissen.

»Dann bin ich beruhigt.«

»Beruhigt?«

»Dass zumindest dein übersteigertes Ego keinen erkennbaren Schaden davongetragen hat. Das immerhin scheint von deinen ‚Geistern‘ nicht erschüttert worden zu sein.«

»Ekelpaket.«

»Immer gern zu Diensten. Und jetzt zu dem, was du verpasst hast...«

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5.

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––––––––

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KNURRENDE LAUTE WECKTEN Parv. Er schlug die Augen auf.

Er lag friedlich unter einem Zefrebaum, dessen Zapfen als äußerst schmackhaft galten – wenn man etwas für Gemüse übrig hatte. Als Pieroo-Vaschgane bevorzugte Parv allerdings Fleisch. Ob roh oder gebraten, war dabei einerlei.

Das Aroma, das ihm in die Nase stieg, hatte offenbar seine Magensäfte so angeregt, dass es laut in seinem Bauch rumorte – und davon, nicht von einem wirklichen Knurren, war er geweckt worden.

Parv sah sich verwirrt um und kam auf die Beine.

Landschaft, so weit das Auge blickte.

Unbekannte Landschaft zwar, aber Parv befand sich ohne Zweifel wieder im Freien und irgendwo an Land.

Hatte er das erste Erwachen nach dem Ertrinken (dem vermeintlichen Ertrinken, korrigierte er sich) etwa nur geträumt, im Todeskampf eingebildet?

Aber wenn dieser Todeskampf stattgefunden hatte, wie kam er dann hierher ? Wer hatte ihn gerettet?

Mit geblähten Nüstern nahm er Witterung auf und bestimmte wenig später die Richtung, aus der die verführerischen Düfte zu ihm wehten.

Gleichzeitig hörte er ein Zirpen, halb Musik, halb Gesang, das für eine ganz besondere Gattung typisch war, wie ihn das Große Gedächtnis, zu dem jeder Vaschgane Zugang hatte, wissen ließ.

Sofort lenkte er seine Schritte um einen Felsen, der die Sicht versperrte.

»Slig!«

Der Freund wirkte erfreut, als er sich aufrichtete und zu ihm umwandte. »Gut, dass du wach bist. Aber ich hätte dich jetzt ohnehin geweckt – irgendwie.« Er winkte Parv mit einer seiner Taurenlanzen, mit der er zuvor in der Glut des Feuers herumgestochert hatte, vor dem er kniete. Über der Glut hing an einer abenteuerlich wirkenden Konstruktion ein knusprig gebratenes Fleischstück, aus dem immer wieder Fett ins Feuer tropfte.

Parv trat vorsichtig an das Feuer heran. »Woher hast du das?«

»Das Fleisch?«

Parv nickte.

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.«

»Du machst Witze.«

Der Vaschgane in Taurengestalt verneinte in einer Weise, die Parv veranlasste, ihm Glauben zu schenken.

»Wie kommen wir hierher?«

»Auch das ist mir ein Rätsel. Diesmal kam offenbar ich etwas früher zu mir als du. Da war alles schon, wie du es hier siehst.«

Parv spürte, wie sich ein Schaudern unter seiner Schuppenhaut ausbreitete. »Auch das Feuer und der Braten?«

»Ich schwöre.«

»Aber –« Parv verstummte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was Slig noch gesagt hatte. »Du... du erinnerst dich an unser erstes Erwachen? Wenn das so wäre...« Wieder geriet seine Stimme ins Stocken. »Ich hatte schon geglaubt, es nur geträumt zu haben. Wie ich zu dir in diese Kammer gebracht wurde. Wie du durch die feste Wand verschwunden bist. Und wie...« Was noch? Er erinnerte sich nicht mehr, was danach gekommen war.

»Es war kein Traum. Daran kann ich mich ebenfalls erinnern. Wie die Wand mich plötzlich in sich hinein riss und wie ich glaubte, darin eingeschlossen zu werden. Dann... dann war ich hier.«

»Hier?«

Slig bejahte.

»Und wo ist ‚hier‘?« Parv sah sich um. Als Neugeborener mangelte es ihm jedoch an Vergleichswerten. Er war hier ebenso wenig schon einmal gewesen wie an einer Million anderer Orte auf Venlog. Das Große Gedächtnis übertrug nicht jedes Detail. Und wenn, bedurfte es auffälliger, unverwechselbarer Landmarken, um es zu aktivieren.

Die Landschaft, in der sie waren, wirkte eher eintönig. Aber am Himmel stand die Sonne. Das war mehr als bei Parvs erstem Erwachen nach dem Beinahe-Tod durch Ertrinken.

»Ich habe keine Ahnung. Aber freu dich, wir sind am Leben – und scheinbar wieder frei. Sogar Nahrung wurde uns geschenkt. Für dich das da...« Er zeigte auf den Braten. »Und für mich schmackhafte Früchte...« Er wies zu einer Mulde, in der sich die unterschiedlichsten Köstlichkeiten aus Venlogs Vegetation häuften.

»Das ist... verrückt, oder?«, fragte Parv. »Wer tut das alles für uns? Und warum zeigt sich unser Wohltäter nicht?« Die Jorrims fielen ihm ein. »Meinst du... meinst du, sie stecken dahinter? Die Ehernen?«

»Früher hätte ich dich ausgelacht«, sagte Slig. »Aber ich weiß selbst nicht, wie sich das alles erklären lässt. Fest steht: Wir wurden gerettet – und schließlich hier ausgesetzt. Offenbar wurde uns das Leben geschenkt, das schon so gut wie verloren war, eine zweite Chance. Nutzen wir sie.«

»Wie?«

»Indem wir leben ...?«

»Darin hast du mehr Erfahrung als ich. Aber: ja. Ich bin dabei. Stärken wir uns, und dann...«

»Und dann suchen wir nach einer Stadt oder wenigstens einem Dorf mit anderen Vaschganen. Sobald ich weiß, wo wir sind, werden wir gemeinsam beratschlagen, ob wir weiter zusammenbleiben, oder ob sich unsere Wege trennen.«

»Trennen?«, fragte Parv erschrocken.

»Wir werden sehen, was das Beste für uns ist. Der Reihe nach. Greif zu. Ich bevorzuge Früchte, aber ein Pieroo wird sich alle Klauen nach dieser Mahlzeit da lecken... richtig

»Richtig!« Parv versuchte die Vorstellung von sich zu wischen, dass Sligs und seine Wege sich schon bald trennen könnten.

War dem Tauren seine Gegenwart so lästig und die Freundschaft mit ihm so wenig wert?

Slig hob den Braten für ihn vom Feuer. »Du musst es ein wenig abkühlen lassen, sonst verbrennst du dich.«

Parv machte eine verhaltene Geste der Zustimmung. Lange konnte er sich aber nicht zurückhalten. Während Slig sich an roten, blauen und gelben Früchten labte, grub Parv seine Zähne in das saftige Fleisch. Er hatte nicht gewusst, wie beglückend ein schmackhaft zubereitetes Mahl sein konnte. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er überhaupt etwas mit den Zähnen zermahlte, die vor der Geburt noch einem anderen gehört hatten...

Diese Stadt schwamm nicht auf den Stämmen eines gigantischen Floßes, diese Stadt war wie die Nester einer ausgestorbenen Vogelart an die steilen Hänge eines weit in den Himmel reichenden Berges gebaut.

Ein unüberschaubares Gewirr von Zickzackstraßen schlängelte sich vom Fuß des Massivs bis in Höhen, die nebelgekrönt waren und sich den Blicken Sterblicher entzogen.

Parv und Slig hatten die Stadt nach mehreren Tagesmärschen erreicht. Unterwegs hatten sie Wasser aus Quellen geschöpft, Früchte von Bäumen gepflückt oder kleinere Tiere, die unschwer als eben das, Tiere, zu erkennen waren, gejagt und erlegt.

Sie hatten nicht Hunger noch Durst leiden müssen.

Aber nun raubte ihnen die monumentale Stadt, vor der sie angekommen waren, die Fassung.

So verzweifelt wie vergebens suchten sie in sich nach dem Namen dieses Molochs, in dem hektisches Leben pulsierte und erstaunliche Gerätschaften zu sehen waren.

Vaschganen, die die Natur niemals zum Fliegen auserkoren hatte, versuchten sich genau daran – sie glitten in exotisch anmutenden Vorrichtungen in Stadtnähe durch die Lüfte. Geschirre hielten sie in ihren tuchbespannten Apparaten, die offenbar Aufwinde nutzten, wie Vögel es taten, um sich mal höher, mal tiefer zu schrauben und schließlich irgendwo am Fuß der Bergstadt zu landen.

»Vaschganen... kein Zweifel!«, keuchte Slig. »Und doch...«

»Und doch«, nahm Parv den Faden auf, als die Stimme des Tauren versagte, »entzieht sich dieser Ort meiner Kenntnis!«

»Du sprichst mir aus der Seele. Wie ist das möglich? Eine Stadt wie diese... müsste in uns Wissen wecken. Eine Stadt wie diese, bewohnt von Vaschganen, kann nicht existieren, ohne dass sie Niederschlag im Großen Gedächtnis findet! Das wäre... das wäre...«

»Wahnsinn«, ächzte Slig.

Parv hätte es nicht besser ausdrücken können.

»Was tun wir?«

»Weitergehen. Früher liebte ich Rätsel. Mysterien. Warum sollte das anders geworden sein. Obwohl...«

»Obwohl was?«

»Obwohl ich mich schon verändert fühle, seit wir in diesem Raum waren. Du nicht?«

»Ich bin immer noch verwirrt, auch eingeschüchtert, doch – ja. Aber ich glaube, ich lasse mich einfach zu stark beeindrucken. Von allem. Alles, was neu ist. Und das ist das Meiste...«

Slig seufzte. Seine Taurenlanzen schienen zu zappeln; Ausdruck seiner Nervosität.

»Sollen wir wirklich...?«, fragte Parv.

Slig bejahte. »Wir wissen nichts über dieses Monument, das weiter in die Höhe reicht, als wir schauen können. So viele Vaschganen... Dieser Ort übt eine gewaltige Anziehungskraft aus, spürst du das auch?«

»Ich spüre es. Aber es ängstigt mich.«

»Wir gehen gemeinsam.«

»Keine Trennung? Du sprachst davon...«

»Du darfst nicht alles, was ich von mir gebe, auf die Vengawaage legen.«

Venga war das wertvollste Metall, das auf Venlog vorkam. Es wurde aus tiefen Schächten unter höchsten Gefahren gefördert.

Parv spürte die Erleichterung wie eine milde Strömung durch seine Seele ziehen. »Dann ist es gut.«

Er setzte sich in Bewegung.

Slig klackerte hinter ihm mit seinen Lanzen, was einem Lachen gleichkam. Dann folgte er seinem Gefährten.

Die Stadt glich einem Hexenkessel. Und sie stellte samt ihrer Bewohner ein Rätsel dar.

Das Große Gedächtnis schwieg sich immer noch über sie aus. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, unerklärlich für zwei Vaschganen wie Parv und Slig, die es gewohnt waren, dass jedes Ding von Belang in ihrer Welt eine vertraute Konstante im Meer des Wissens war, wie das Große Gedächtnis noch genannt wurde.

Parv und Slig erregten kein Aufsehen, als sie die steinernen Stufen aufwärts stiegen. Rechts und links der treppenartigen Wege klebten die Behausungen oder Läden, in denen Ware feilgeboten wurde. Alle Handwerke waren vertreten. Kunstfertig wurde vor den Augen der Passanten demonstriert, wie Körbe, Schnitzereien, Werkstücke aus Metall und dergleichen mehr in mühevoller Handarbeit entstanden. Manche Gegenstände wurden nach der Fertigstellung noch geölt, angestrichen oder mit Beschlägen versehen, die sie weiter veredelten. Die Wege waren voller schwatzender Vaschganen, die sich über Neuigkeiten austauschten. Wer von der Natur nicht mit Sprechwerkzeugen ausgestatten war, beteiligte sich mit allgemein verständlichen Gesten und Gebärden.

Parv war froh, in einem Pieroo geboren worden zu sein. Der Echsenkörper war vielfältig einsetzbar, und seine Stimmbänder vermochten angenehme Laute zu produzieren; wohlklingender als die von Slig, der im Großen und Ganzen aber auch Glück gehabt hatte. Es gab schlechtere Lose, als sein Leben in Taurengestalt fristen zu müssen.

Immer wieder verharrten sie auf den Stufen des Pfades, der terrassenartig durch die Stadt führte. Jede »Stufe« war so lang, dass mehrere Behausungen auf dem Niveau nebeneinander Platz fanden. Dazu entsprach die Breite in etwa der Länge, sodass überall genügend Platz zum Verweilen und... Staunen war.

Alles, was der Pieroo und der Taure sahen, war neu für sie. Aber spätestens jetzt würde es Einlass finden ins Große Gedächtnis – durch sie. Durch ihn und Slig.

Bei dem Gedanken wurde Parv erst warm ums Herz – dann klirrend kalt.

Unruhig sah er sich um.

»Was ist?«, fragte Slig. »Hast du eine Lorrschlange gesehen? Sie scheint dir schon in den Hintern gebissen zu haben, so wie du gaffst.«

»Mach dich nur lustig über mich.«

»Sag schon, was los ist.«

»Die Leute...« Parv machte eine Geste, die die ganze Stadt umschloss.

»Was ist mit ihnen?«

»Es sind Vaschganen.«

Slig musterte ihn, als zweifele er an seinem Verstand. »Geht es dir nicht gut? Zu lange marschiert? Zu viel Sonne abbekommen? Natürlich sind es Vaschganen. Sie haben die Aura

»Ich weiß.« Parv konnte sich gar nicht beruhigen. »Ich weiß. Genau das ist es ja. Vaschganen!«

»Rede Klartext, oder halt die Klappe! Du regst mich auf!«

»Ich will dich nicht erzürnen. Aber denk nach, Warte! Ich helf dir auf die Sprünge.«

Der Taure sah aus, als wollte er sich jeden Moment seiner Lanzen besinnen und sich damit auf Parv stürzen. »Du...«, setzte er drohend an.

»Das Große Gedächtnis!«, keuchte der Pieroo. »Wie funktioniert es?«

»Was soll das? Willst du mich prüfen?«

»Ich will dir nur erklären, was mich so... durcheinander macht.«

»Das Große Gedächtnis... Hm.« Der Taure kratzte sich mit einer seiner Lanzenspitzen. »Alles, was sich über längere Zeit intensiv ins Gedächtnis einzelner Vaschganen brennt, findet auch irgendwann Zugang ins Wissen des Kollektivs. Und das wiederum wird mitgenommen in jede Geburt

»Sobald wir erwachen, ist in uns genug Wissen angereichert, um uns in der Welt zurechtzufinden... und jeden anderen Vaschganen, gleich welcher Gestalt, zu erkennen. Richtig?«

»Richtig«, grollte Slig. »Komm auf den Punkt.«

»Der Punkt ist: Diese Stadt scheint schon sehr lange zu existieren. Sie ist gigantisch und von unzähligen Vaschganen bevölkert.«

»Ja und?«

»Und müsste sie uns deshalb nicht bekannt sein? Müsste sie nicht Bestandteil unseres Wissens geworden sein – über die Zeiten, da sie sich hier in den Himmel von Venlog erhebt? Und selbst wenn du ein alter, alter Vaschgane wärst, der davon noch nicht profitierte – ich bin neugeboren. Ich bin so ‚frisch‘, dass ich von diesem Ort Kenntnis haben müsste. – Stimmt das etwa nicht?«

»Doch«, brummte Slig, offenbar in erster Linie froh, nun endlich verstanden zu haben, worauf Parv die ganze Zeit hinaus wollte.

»Wir wissen nicht einmal, wie diese Stadt heißt . Wir sollten den Nächstbesten nach dem Namen fragen. Was meinst du?«

»Ich bin einverstanden«, erwiderte Slig geistesabwesend. Offenbar suchte er auch fieberhaft nach einer Erklärung für das Fehlen von Information über die Stadt ...

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