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Großband Raumschiff Rubikon 5 - Vier Romane der Weltraumserie

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Inhaltsverzeichnis

  • Großband Raumschiff Rubikon 5 - Vier Romane der Weltraumserie
  • Copyright
  • Raumschiff Rubikon 17 Die verpuppte Kolonie
  • Prolog
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • 11.
  • 12.
  • 13.
  • 14.
  • 15.
  • 16.
  • Epilog
  • Raumschiff Rubikon 18 Die gestohlene Residenz
  • Prolog
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 7.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • Epilog
  • Raumschiff Rubikon 19 Die ozeanische Sonne
  • Copyright
  • Raumschiff Rubikon 19 Die ozeanische Sonne
  • Prolog
  • 1.
  • 2.
  • Zwischenspiel
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • 11.
  • 12.
  • 13.
  • 14.
  • 15.
  • 16.
  • Epilog I
  • Epilog II
  • Raumschiff Rubikon 20 Tovah‘Zara
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 8.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • 10.
  • 11.
  • 12.
  • 13.
  • 14.
  • 15.
  • Epilog

Großband Raumschiff Rubikon 5 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland, Marc Tannous

Dieser Band enthält folgende Romane:


Manfred Weinland: Die verpuppte Kolonie

Marc Tannous: Die gestohlene Residenz

Manfred Weinland: Die ozeanische Sonne

Manfred Weinland: Tovah'Zara





A M MORGEN EINER NEUEN ZEIT.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

Raumschiff Rubikon 17 Die verpuppte Kolonie

von Manfred Weinland

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …









Prolog


Im Dorf der Angks verging kein Tag ohne Überraschungen. Jelto liebte diese kleine, fast autarke Welt innerhalb der RUBIKON, seit Aylea ihn zum ersten Mal mit zu ihren Freunden genommen hatte. Der grünäugige Mann mit der natürlichen Affinität für alles Pflanzliche war normalerweise kein sehr geselliger Charakter; nicht jedenfalls, wenn es um die Gesellschaft mit anderen Menschen ging. In seinem Garten, umgeben von den schillerndsten Gewächsen, erfreute er sich sehr wohl an deren faszinierenden und stimulierenden »Stimmen«. Sie, die einzelnen Gattungen der Flora, die er an Bord zum Leben und viele zu voller Blüte erweckt hatte, waren sein Ersatz für eigene biologische Kinder. Mit ihnen stand er in permanenter Zwiesprache, in unablässigem geistigen Austausch … den kein Außenstehender auch nur ansatzweise zu verstehen vermochte.

Obwohl – einer vielleicht, aber der besuchte Jelto nicht sehr oft: Algorian, der Telepath. Jelto war sich nicht sicher, ob sein aoriischer Freund der Versuchung, in seinen Gedanken zu espern, immer zu hundert Prozent widerstehen konnte. Bei manchen Zusammenkünften hatte der Pflanzenhüter durchaus das Gefühl gehabt, dass der Freund, während er sich mit ihm unterhielt, auch in die tiefer gelegenen Schichten seines Bewusstseins getastet hatte – aus keinem verwerflichen Motiv heraus, sondern vermutlich aus der natürlichsten Charaktereigenschaft intelligenter Geschöpfe überhaupt heraus: einer unstillbaren, brennenden Neugier auf alles, was fremd und in gewisser Weise unverständlich blieb.

Wie Jelto eben.

Er war ein Mensch, natürlich, aber darüber hinaus besaß er auch ein sehr exotisches Flair, denn sein »grüner Daumen«, seine spezielle Begabung, sich in jedwede Vegetation hineinversetzen zu können, war nicht natürlichen Ursprungs. Dafür war er gezüchtet worden, als psionisch begabter Klon auf der Erde … lange bevor diese sich in eine gespenstische »Hohlwelt« verwandelt hatte.

Jelto seufzte. Die Erinnerung an ihren zurückliegenden Besuch im irdischen Sonnensystem barg viel Schmerz für ihn. Alles dort hatte sich verändert. Es gab kaum noch einen Wiedererkennungsfaktor für einstige Bewohner dieses Planeten. Für Jelto eine psychische Zerreißprobe, wobei er sich gleichzeitig bewusst war, dass es für John, Scobee und Jarvis noch um einiges niederschmetternder gewesen sein musste. Denn für diese drei hatte sich das Bild der Erde seit ihrem Aufbruch ins Weltall bereits zum zweiten Mal radikal gewandelt.

Im Jahr 2041 hatte eine Zeitmanipulation sie um zweihundert Jahre in die Zukunft verschlagen. Die Keelon-Master hatten zu diesem Zeitpunkt – als Jelto vermeintlich friedlich in seinen Wäldern um das Getto lebte – bereits eine Erde ganz nach ihrem Gusto geformt, nur mehr bewohnt von rund 150 Millionen Menschen, die zugleich die Creme de la creme darstellten, was ihre genetische Qualität betraf. Eine dieser 150 Millionen war Aylea, die jedoch ausgestoßen und ins Getto deportiert worden war, wo sie später denselben Mann traf, der auch Jelto aus seinem Scheuklappendasein herausgerissen hatte: John Cloud, ihr Freund und Commander.

Seither waren sie fast unablässig zusammen. Nicht immer auf engstem Raum, aber meistens an Bord desselben Fabelschiffs, der RUBIKON.

Und dieses Schiff hatte unlängst einen Quantensprung vollzogen – nicht etwa, weil es mit neuer Technik ausgestattet worden war, sondern … mit einer neuen, abenteuerlichen Besatzung beschenkt wurde. Von den Bractonen.

Mehrere tausend Menschen irdischen Ursprungs, aber im Angksystem der ERBAUER groß geworden, waren als neue Crewmitglieder willkommen geheißen worden. Und nach einem Verwirrspiel, das die Bractonen, jene Schmetterlingswesen aus einem anderen Kontinuum, bewusst initiiert hatten, war die Neucrew nun auch voll in den Schiffsalltag integriert, ungeachtet ihrer fast magischen Fähigkeit, bei Bedarf buchstäblich mit der RUBIKON zu verschmelzen und sie mit ihren Paragaben zu unterstützen.

Aylea hatte also Freundschaft mit den Angks geschlossen, mit allen, aber mit einem ungefähr gleichaltrigen Mädchen namens Winoa im besonderen. Das Spaßige daran war, dass Jelto Winoa schon vor Aylea gekannt hatte, weil sie ihn öfter in seinem hydroponischen Garten besuchte. Dass die beiden zusammengefunden hatte, freute ihn sehr. Vorher hatte Aylea keinen Gleichaltrigen gehabt, mit dem sie ganz normale Teenagerprobleme hätte besprechen können. Scobee bemühte sich zwar nach Kräften, die Rolle der mütterlichen Freundin auszufüllen, aber selbst zwischen ihnen lag fast eine ganze Generation – von dem kulturellen Unterschied einmal ganz abgesehen.

Eigentlich waren fast alle »Altmitglieder« der Besatzung Vertreter einer ganz eigenen Mentalität, oft sogar Angehörige völlig unterschiedlicher Spezies: Cy, der Aurige, Jiim und Yael, die beiden Nargen, Algorian, der Aorii (der den Verlust seines Hassbruders Rofasch immer noch nicht völlig verschmerzt hatte) und die sehr – sehr! – gegensätzlichen Menschen John Cloud, Scobee, Jarvis, Aylea und …

ich. Jelto seufzte. »Und ihr seid euch sicher?«, fragte er, um seine Gedanken wieder auf das Wesentliche zu fokussieren, den Grund, weshalb er ins Dorf der Angks gekommen war.

Es war eine denkwürdige Zusammenkunft auf dem »Marktplatz« des holografisch aufgepeppten Mannschaftsquartiers. Viele waren persönlich gekommen, aber Jelto wusste, dass auch etliche seinen Besuch in ihren Häusern verfolgten, via Liveschaltung, die Sesha ermöglichte.

Er hatte das Rampenlicht immer gescheut, und auch jetzt fühlte er sich unter den Blicken Hunderter eher unbehaglich.

Rotak, der ehemalige Lebenspartner von Johns neuer Freundin Assur, trat vor; er hatte sich in den letzten Tagen zum Sprecher der Angks gemausert und war allgemein anerkannt. Jelto mochte die zurückhaltende Art des hageren Mannes, der ungefähr in seinem Alter war, rechnete man den Angkkalender auf irdischen Standard um. Rotak und Assur waren die Eltern von Winoa … und so schloss sich der Kreis bekannter Gesichter wieder. Jelto lächelte, und Rotak erwiderte dieses Lächeln freundlich. Aber es war unwahrscheinlich, dass er die richtigen Schlüsse zog, warum ihr Besucher schmunzelte.

»Völlig sicher, teurer Freund. Es ist unser inniger Wunsch, Schein gegen Wirklichkeit einzutauschen, Schritt für Schritt und wo immer es machbar ist. Der Commander ist informiert, er hat seine Einwilligung gegeben. Nichts spräche dagegen, hat er gesagt. Und auch wir wüssten keinen logischen Grund, ein Verbot auszusprechen. Es schadet niemandem, im Gegenteil. Und wenn Ihr, verehrter Jelto euch darum kümmert, kann es auch zu keinen ungewollten Auswüchsen kommen. Es wäre eine anspruchsvolle Aufgabe – meint Ihr nicht auch?«

Anfangs hatte der Florenhüter geglaubt, die Angks, allen voran Rotak, wollten ihn mit ihrem »teurer Freund«, »verehrter Jelto«, »Vertrauter des Grüns« und dergleichen Anreden mehr verspotten, gutmütig zwar, aber nichtsdestotrotz auf den Arm nehmen – inzwischen wusste er, dass es absolut ernst gemeint war und den Respekt ausdrückte, den die Angks dem Aurenträger entgegenbrachten.

Damit umgehen konnte er nach wie vor nur schwer, aber es war auch nicht so, dass es tiefes Missfallen bei ihm auslöste, im Gegenteil. Ein wenig Ehrerbietung konnte nicht schaden und schmeichelte dem Ego jedes Geschöpfs. Jelto bildete da keine Ausnahme.

»Doch. Doch … sicher. Dessen bin ich mir sicher. Ich weiß nur nicht, ob ich … nun, ob ich euren Vorstellungen gerecht werden kann. Das, was ich hier bei meinen verschiedenen Besuchen hier fand, wirkt alles, wenngleich unecht, so doch sehr harmonisch . Ihr habt, auf eure Art, ein Händchen für stimmige Accessoires. Ich weiß, dass ihr eng mit der KI zusammengearbeitet habt, um diese Harmonie in eurem Dorf zu erzielen. Wenn ich mit der Aussaat und dem Neuarrangement von echten Gewächsen beginne, wird es einige Zeit brauchen, bis sich das Bild, das ich in meinem Geiste vom Endergebnis habe, auch für euch sichtbar sein wird.«

»Wir verlangen und erwarten keine Wunder«, versicherte Rotak ernst und bittend zugleich. »Wir kommen von Welten, auf denen echte Pflanzen unsere Sinne erfreuten, und es wäre eine Bereicherung, die uns in alle Lebensbereiche inspirieren würde, wenn wir dieses Privileg auch hier an Bord erlangen könnten. Häuser sind Häuser, ein Sonne ist eine Sonne, ob nun künstlich oder nicht. Es macht keinen Unterschied für uns, nach oben zu blicken und ein echtes Gestirn zu sehen oder die holografische Nachbildung, die Sesha uns schenkte. Bei Pflanzen – Bäumen, Sträuchern, Gräsern, Blumen – ist das anders. Wenn wir uns umschauen sehen wir, was bislang möglich war: die fast perfekte Illusion. Aber dieses ’fast’ kommt von Woche zu Woche, die wir damit konfrontiert werden, stärker zum Tragen. Wir können Euren Garten besuchen, Ehrwürdiger, ihr seid so freundlich, es uns zu gestatten, und dort finden sich Gelegenheiten, Bäume zu berühren, Blumen zu beschnuppern. Aber genau das möchten wir in unserer unmittelbaren Umgebung, dort, wo wir ein- und ausgehen. Ein Bewuchs, ähnlich wie in Eurem Garten, nur integriert in unser Dorf … das wäre die Krönung dessen, was uns das Leben auf der RUBIKON angenehm und leicht machen würde. Wir wissen, dass wir das nicht fordern können. Aber wir bitten darum, und wir wünschen es uns. Ihr seid nicht gezwungen, es uns zu gewähren. Vielleicht gibt es gute Gründe, es uns zu versagen. Möglich, dass manche Pflanzen es nicht vertragen, wenn –«

»Nein, nein!« Jelto wiegelte ab. Er konnte nicht umhin, insgeheim über die Begeisterungsfähigkeit für und Freude der Angks an Gewächsen zu lächeln. Ihr Enthusiasmus euphorisierte auch ihn. Und längst hatte er alle Bedenken abgestreift. Er hatte nur noch einmal aus ihrem Mund hören wollen, dass sie verstanden , worauf sie sich einließen.

»Geduld in dieser Angelegenheit ist das A und O«, sagte er. »Wenn ihr dazu bereit seid, will ich es gerne in Angriff nehmen: Ich habe bereits damit begonnen, erste Entwürfe auszuarbeiten. Ich kann sie mit euch absprechen und –«

Jetzt war es an Rotak, ihn zu unterbrechen. »Nein, bitte . Wir vertrauen Euch blind, Teuerster. Und wir sind uns einig: Überrascht uns. Komponiert Euer Werk und lasst uns über das Ergebnis staunen … und sei es erst in Monaten … Jahren …«

Jelto blinzelte berührt. »Jahre wird es nicht dauern. Monate vielleicht schon. Aber ich gehe eher von … Wochen aus. Ihr könnt euch da ganz auf meine Gabe verlassen. In freier Natur, außerhalb meiner Sinnessphäre, würde es gerade bei manchem Baum sicherlich auch Jahre dauern, bis er das Gesicht präsentieren könnte, das nötig ist, um die Harmonie des Ganzen herzustellen. Doch wir bekommen das schneller hin, mit demselben Ergebnis. Wenn ihr wirklich volles Vertrauen in meine Fähigkeiten und Kreativität habt, nun … dann sollten wir jetzt aufhören, darüber zu theoretisieren und … die praktische Umsetzung angehen.«

»Habt Dank im Namen aller!«

Jelto nickte Rotak verlegen zu. In der umstehenden Menge entdeckte er Ayleas Gesicht, die ihm mit funkelnden Augen zulächelte. Er nickte kurz in ihre Richtung, wurde noch unsicherer und bahnte sich dann den Weg durch die Menge, die ihm bereitwillig Platz machte. Von allen Seiten drangen freundliche, ermunternde Rufe auf ihn ein und folgten ihm, bis er durch das Schott trat, das ihn in einen Korridor der RUBIKON brachte, in dem sichtbar wurde, dass er sich eben nicht auf einer Planetenoberfläche nahe eines dort erbauten Dorfes befand, sondern in einem gewaltigen Raumschiff, in dem es nun schon zwei Nischen mit vorgetäuschten Umwelten gab: Neben dem Angkdorf war da ja auch noch Jiims und Yaels Pseudokalser.

Mit einem Gefühl tiefer Befriedigung, das er aus der Tatsache zog, endlich wieder eine anspruchsvolle und alle Facetten seines Könnens fordernde Aufgabe zu haben, kehrte Jelto in seinen Garten zurück, wo er damit beginnen wollte, seine Grobkonzeption zu verfeinern.

Erst als er sich in sein Gewächshaus begab, in dem auch alle Voraussetzungen technischer Natur existierten, um die Planung voranzutreiben, merkte er, dass ihm jemand gefolgt war.

So plötzlich, dass er unweigerlich zusammenfuhr und erschrak, stand plötzlich einer der Angks neben ihm.

»Wer –«

»Es … es tut mir leid! Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich … nun, ich beobachte dich schon länger, wenn du durch das Dorf gehst. Und …«

Jelto hatte sich wieder gefasst. »… und du warst auch schon einige Male hier, hast um Pflanzen für dein Quartier gebeten, die ich dir gab – ich erinnere mich. Ich erinnere mich gut an dich. Du hättest dich nicht anschleichen müssen. Ich gebe dir gern noch mehr. Wie dir nicht entgangen sein dürfte, freue ich mich über jeden, der Blumen und andere Gewächse zu schätzen weiß. Wie war noch gleich dein Name?«

»Sooks.«

»Nun gut, Sooks, ich bin beschäftigt, aber sag, was du willst, was du noch brauchst, und wir werden es für dich besorgen.«

Der Angk, der zu Jelto getreten war, hatte das, was man ein Allerweltsgesicht nannte: Man sah ihn, fand ihn auf Anhieb sympathisch, es gab nichts, wo der Blick »aneckte« … und sobald er außer Sichtweite geraten war, hörte man auf, über ihn nachzudenken, vergaß man ihn. Er war von unauffälliger Statur und Kleidung, seine Wesensart war weder angriffslustig noch in anderer Weise anstrengend, aber er hinterließ auch nichts, was einen danach verlangen ließ, ihn wiederzutreffen, nichts, was einen seine Nähe oder gar Freundschaft suchen ließ. Jedenfalls verspürte Jelto nichts dergleichen. Er hatte keine Aversion gegen den Angk, aber augenblicklich wollte er ihn einfach nur schnellstmöglich wieder los werden.

Sooks starrte verlegen zu Boden und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Was ist?«, fragte Jelto merklich ungehaltener, obwohl ihm die Art und Weise, wie Sooks mit ihm sprach, grundsätzlich besser gefiel als der fast unterwürfige Ton, den Rotak verwendete. Aber vielleicht geziemte sich das als Wortführer der Angks, wer mochte es wissen?

»Ich …«

»Ja?«

»… habe dich belogen.«

Jelto zog die Stirn kraus. »Und das heißt?«

»Ich brauche die Pflanzen nicht, um meine Wohnung zu verschönern.«

»Sondern? Brauchst du überhaupt Pflanzen? Oder hast du gar nichts für sie übrig?« Ohne es selbst zu merken, wurde Jeltos Tonfall schlagartig kühler, fast bedrohlich.

Sooks duckte sich leicht. Jelto versuchte sein Alter zu schätzen, aber es fiel ihm schwer. Die Züge waren ausgereift, und doch beherrschte immer wieder ein Ausdruck das Mienenspiel des Mannes, das eher zu einem verschüchterten, introvertierten Kind gepasst hätte.

»Was hast du mit den Gewächsen getan, die ich dir gab?« Jelto setzte eine Pause und fuhr dann fort: » Weggeschmissen

»Nein!« Sooks’ Augen weiteten sich, als er aufblickte und Jelto mit geradezu schmerzlicher Aufrichtigkeit anstarrte.

»Schon gut, beruhige dich. Ich glaube dir. Aber warum kommst du? Nur um mir zu sagen, dass du mich … angeschwindelt hast? Warum bist du all die Male davor gekommen, wenn es nicht um die Pflanzen ging?«

»Es … es ging ja um sie. Nur …«

»Nur?«

»Nur brauchte ich sie nicht für den Zweck, den ich vorgab. Es ging nicht Dekoration.«

»Sondern?«

»Ich … ich experimentiere.«

In Jelto zog sich etwas zusammen. Das Wort Experiment verhieß erfahrungsgemäß selten etwas Gutes. Und im ersten Moment klang es aus Sooks Mund automatisch wie die Beichte: Ich habe sie gequält!

Jelto machte einen Schritt auf Sooks zu. Aus seiner Haut brach plötzlich Licht. Seine Aura entflammte; ein sichereres Zeichen seiner Erregung konnte es kaum geben.

»Bitte! Nicht! Ich habe ihnen nichts getan – zumindest glaube ich es nicht!«

»Glauben«, grollte Jelto, einmal in Fahrt gekommen, »heißt nicht wissen!«

»Zugegeben …« Sooks wich vor ihm zurück, bis er in der offenen Tür des Gewächshauses stand. Dort hielt er inne. »Du hast allen Grund, sauer zu sein, Jelto, allen Grund. Aber vielleicht …«

Jelto stemmte die Fäuste in die Hüften. »Red schon. Was ist ’vielleicht’?«

Sooks sammelte offenbar allen Mut. »Vielleicht willst du ja wissen, was für Experimente ich betreibe? Offen gestanden, hatte ich das gehofft.«

»Warum?«

»Weil ich …« Sooks gab sich einen erkennbaren Ruck. »Weil ich nicht weiterkomme. Es ist zu wenig. Die Kapazität reicht nicht aus. Ich stecke in einer Sackgasse, aus der ich ohne Hilfe … deine Hilfe … nicht mehr herauskomme.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst.«

Es war Sooks’ Ernst. Unübersehbar.

»Es ist von großer Bedeutung. Für mich zumindest.«

»Und ich habe was damit zu tun? Warum wendest du dich nicht an die Schiffsführung?«

»Dazu ist es zu früh. Ich kann noch keine Erfolge vorweisen, nur …«

»Nur?«

»Meine Überzeugung.«

»Aha.« Jelto räusperte sich. »Hört sich wirklich überzeugend an. Aber noch mal: Wende dich –«

»Es geht um Pflanzen . Ich brauche Pflanzen , um mein Experiment zu führen. An wen also sollte ich mich wenden, wenn nicht an dich? Du bist der Herr über alle Gewächse an Bord.«

»So würde ich es nicht bezeichnen.«

»Ist aber de facto so, oder?« Ein kleiner rebellischer Zug blitzte kurz in Sooks’ Mimik auf. »Bitte. Es kostet dich nicht viel Zeit, es dir wenigstens einmal anzusehen. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob du mich unterstützt oder nicht. Das hier …« Er meinte die Planungsarbeiten für die Dorfbegrünung. »… läuft dir nicht weg. Und wir werden es verschmerzen, wenn du einen tag später beginnst oder fertig wirst.«

»Sagt wer?«

»Sagt Sooks.«

Jelto musterte ihn nachdenklich. Dann entschied er kategorisch: »Ein für alle Mal: Nein.«



1.


Ich muss verrückt sein, mich darauf einzulassen … Vollkommen übergeschnappt! Normalerweise bedeutete für Jelto ein Nein auch ein solches. Aber irgendwie, er wusste selbst nicht, wie, hatte er sich schließlich doch von Sooks umstimmen lassen. Ob er PSI-Fähigkeiten besitzt und eingesetzt hat, um mich weich zu klopfen?

Möglich war bei den Angks alles. Andererseits tippte Jelto eher auf seine natürliche Gutmütigkeit, die ihn schon oft in die Bredouille gebracht hatte. Nein, nein sagen zu können, gehörte nicht gerade zu seinen hervorstechendsten Merkmalen.

Über Türtransmitter erreichten sie das Dorf schnell. Obwohl dies nur auf Einbildung beruhen konnte, erschien Jelto die Luft hier frischer als in anderen Sektoren des Schiffes – von seinem Garten einmal abgesehen. Wahrscheinlich lag es an dem Idyll, das die Holoprojektoren vorgaukelten. Eingeschossige Häuser inmitten einer sonnengefluteten Landschaft. Wind. Wärme. Es gab alles, was das Herz eines Menschen begehrte – bis auf die echte Flora, die Jelto auf Bitten der Neucrew in die Holokulisse integrieren sollte.

Wann immer Jelto mit holografischen Täuschungen konfrontiert wurde, fragte er sich, wie gesichert es eigentlich war, dass seine eigene Wahrnehmung »stimmte«. Wer garantierte ihm, dass er nicht auch nur der überbordenden Fantasie und der unbegreiflichen Technik einer übergeordneten Instanz entsprang? Alles, dieses ganze vermeintliche Universum, das auf Bractonen-Mist gewachsen sein sollte, mochte letztlich das Produkt einer allumfassenden Täuschung seiner, Jeltos, Sinne sein.

Aber wer sollte so viel Aufwand betreiben für einen wie mich?

Mit diesem Gedanken tröstete sich Jelto in aller Regel. Und enthob sich der Notwendigkeit, seinen Verdacht weiterzuverfolgen und möglicherweise Indizien zu finden, die ihn noch erhärteten. Denn das wollte er ja gar nicht. Er wollte kein Täuschungsopfer sein, und der Kosmos, der ihn umgab, durfte gerne die Wirklichkeit sein – wie immer man Wirklichkeit auch definieren wollte.

Er seufzte.

»Was ist?«, fragte Sooks. »Wir sind gleich da. Bereust du es schon?«

»Ich habe es bereits in dem Moment bereut, als ich mich von dir mitschleifen ließ«, erwiderte Jelto schroffer als beabsichtigt.

Sooks schwieg eingeschüchtert.

»Tut mir leid.« Jelto konnte nicht anders.

»Schon gut. Ich versteh dich. Wenn alle kämen und dich mit ihren Problemen belagerten …«

Kurz darauf erreichten sie das Haus, in dem Sooks Quartier bezogen hatte. Von außen betrachtet war es ein wenig enttäuschend. Während die umliegenden Gebäude liebevoll dekoriert und mit allerlei architektonischen Schnörkeln versehen worden waren, strotzte Sooks’ Heim geradezu vor Pragmatismus. Wände, die vorgaben, aus grauem Stein zu sein, ein Dach aus Schieferplatten, mehrere Fenster und eine Tür – das war schon alles.

»Nett«, sagte Jelto.

Sooks schien es gar nicht zu hören. Wie aufgeregt er war, zeigte sich, als er mit zitternder Hand auf den Sensor drückte, der die Tür aufgleiten ließ. Sein Gesicht war jetzt leicht gerötet, und sein Atem ging so schnell, als wären sie das letzte Stück gerannt. »Erschrick nicht … Nein, ich will damit nicht sagen, dass dich etwas Erschreckendes erwartet – aber es … nun, es dürfte ein ungewohnter Anblick für dich sein …«

Jelto überlegte kurz, ob er kurz davor stand, sich in ernsthafte Gefahr für Leib und Leben zu begeben. Das Dorf der Angks war nicht ohne, es hielt manches Mysterium bereit, immer noch. Und er wusste nicht, ob es Untersuchungen gab, wie es um den Geisteszustand jedes einzelnen Neucrewmitglieds bestellt war. Was, wenn Sooks nicht nur ein wenig kauzig war, sondern tatsächlich … verrückt? Paranoid, schizoid … die Palette der Möglichkeiten war riesig.

»Ich erschrecke nicht so leicht.«

»Dann ist es ja gut.« Sooks lud ihn mit einer Handbewegung ein, das Haus als Erster zu betreten.

Jelto schüttelte den Kopf. »Nach dir.« Gleichzeitig tat er etwas, das Sooks bemerken musste – aber es war ihm egal. Ein klein wenig auf Nummer Sicher gehen wollte er doch. Er aktivierte seine Aura und tastete mit seinen speziellen Sinnen, die auf die mentalen Impulse von Pflanzen geeicht waren, ins Innere des Gebäudes.

Sooks zuckte derweil die Achseln und trat über die Schwelle.

Jelto schloss kurz die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Und erhielt Kontakt.

Aber es waren die normalen Schwingungen einiger weniger Gewächse, die sich offenbar im Inneren des Gebäudes befanden und denen es nicht besser oder schlechter ging als es in einem abgeschlossenen Raum zu erwarten gewesen wäre.

Jelto öffnete die Augen, seufzte noch einmal und folgte dann Sooks in dessen Quartier – das völlig vereinnahmt wurde von den Ingredienzien seines Experiments .



»Ist das Staunen oder Entsetzen?«

Die Stimme des Tüftlers riss Jelto aus seinem faszinierten Starren. »Ich weiß es nicht – vielleicht erklärst du mir, was ich sehe – danach entscheide ich.« Er lächelte zaghaft, den Blick hin- und herschwenkend, über lebendiges wie totes Inventar, von dem nichts den Eindruck erweckte, als gehörte es in eine normale Unterkunft.

Vor Jelto breitete sich die bizarre Welt eines Labors aus. Jeder Quadratmeter freien Raumes wurde genutzt, um Teile jenes Konstrukts unterzubringen, in das Sooks die drei, vier Gewächse integriert hatte, die er von Jelto erhalten hatte und die als Zimmerpflanzen gelten konnten. Es waren immergrüne Sträucher, einige mit bunten, beerenartigen Früchten versehen, bei denen es nicht angeraten war, sie zu essen. Reine Ziergewächse, von Planeten, die die RUBIKON irgendwann auf ihren Reisen besucht und von denen Jelto sich Samen oder Jungpflanzen hatte mitbringen lassen.

»Wenn die Frage gestattet ist: Wo wohnst du? Ich sehe nirgends auch nur einen Sessel oder ein Bett.«

Sooks lächelte verlegen. »Ich bin nicht anspruchsvoll, es findet sich immer ein Plätzchen. Notfalls unter freiem Himmel, na ja, es ist kein echter Himmel, du weißt ja. Außerdem ist das hier nur vorübergehend. Es uferte immer mehr aus, ohne jedoch, dass ich die Leistung ausreichend steigern konnte. Ich bin an einem Punkt angelangt, wo es ohne fremde Hilfe – deine Hilfe, Jelto – nicht mehr weitergeht.«

»Das wäre ein Segen – für dich. Erklär mir dieses Brimborium. Was sind das für Gerätschaften – Rechner? –, die du mit den Pflanzen verbunden hast?«

Sooks hatte Sensoren an die Blätter der Gewächse geklebt, wie sie früher, wenn Jelto sich nicht stark irrte, Verwendung gefunden hatten, um EEGs oder EKGs bei Menschen zu schreiben. Was für einen Zweck ihnen Sooks in diesem Fall beimaß, war nach wie vor unerfindlich.

»Überwachst du die Schwingungen der Pflanzen? Ihre … ’Gedanken’?«

»Nicht direkt.« Schon vor langer Zeit hatte es auf der Erde und einer Zeit, die Jelto selbst nicht erlebt hatte, aber aus Erzählungen von John, Scobee und Jarvis kannte, Versuche mit Pflanzen gegeben, bei denen deren elektrische Aura fototechnisch sichtbar gemacht worden war. Darüber hinaus war versucht worden, eine Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze auf Basis dieser elektrischen Felder aufzubauen. Nichts davon war von messbarem Erfolg gekrönt worden. Aber prinzipiell hatten diese Bemühungen durchaus Ähnlichkeit mit dem, was Jelto intuitiv beherrschte: Er konnte sich in die Schwingungen der Gewächse einklinken, sie entschlüsseln und seine eigenen Gedanken in für sie verständliche Impulse umwandeln.

»Was dann?«

»Ich … Lach mich nicht aus, bitte .« In diesem Moment sah Sooks aus wie ein von seiner Umwelt verkanntes Genie, das verzweifelt um Akzeptanz und Anerkennung kämpfte, aber keinen Hoffnungsschimmer am Horizont sah.

»Ich lache niemanden aus. Versuch, es mir begreiflich zu machen. Vielleicht bin ich ja begeistert. Und danach sagst du mir endlich, woraus genau meine Hilfe bei diesem … Projekt bestehen soll!«

»Ich arbeite …« Sooks schluckte. Er war anders als jeder andere Angkgeborene, dem Jelto bis dato begegnet war. Die anderen strotzten vor Selbstbewusstsein, Sooks hingegen war voller Unsicherheit. »Ich arbeite an einer neuartigen … Ortungsmethode.«

Jelto sah ihn an. »Bei der du … Pflanzen brauchst?«

Sooks druckste weiter herum. »Vielleicht ist Ortungsmethode der falsche Ausdruck. Ich horche … nun, ich horche ins All hinaus.«

»Wozu?«, fragte Jelto geduldig. »Was willst du da draußen hören? Es gibt bereits verlässliche Systeme zur Nah- und Fernortung. Außerdem haben wir etwas, das sich Funk nennt. Wir können damit über lichtjahrweite Abgründe kommunizieren.«

»Ja, ja, ich weiß.« Sooks atmete hörbar durch. Offenbar gewann die Begeisterung für seine Idee allmählich die Oberhand über seine Selbstzweifel. »Aber damit empfangen wir doch nur Signale von Leben, wie wir es bereits zuhauf kennen. Mit meiner Methode könnte man das finden, was uns sonst permanent entgeht: Signale von anderem Leben.«

»Du meinst … Pflanzenzivilisationen?«

»Grob ausgedrückt: ja.« Sooks nickte. »Die es definitiv gibt. Cy ist das beste Beispiel für intelligente Pflanzen.«

»Cy«, widersprach Jelto, »ist eine ganz eigene Geschichte. Er und seine Mitaurigen wurden vor langer Zeit von den Jay’nac gezüchtet, weil diese einen Weg suchten, organisches Leben besser verstehen zu lernen. Und sie entwickelten keine eigene Technologie. Sie hatten das, was die Jay’nac ihnen gaben.«

»Es ist nur ein Beispiel . Da draußen in den Weiten der Milchstraße müssen Spezies beheimatet sein, die anders sind als wir Menschen und anders als die Anorganischen, ich meine damit: Sie haben keine Körper aus Fleisch und Blut, sondern aus pflanzlichem Material. Daran glaube ich, davon kann mich niemand abbringen!«

»Was sagten denn die Tavner, eure Lehrer auf den Angkwelten, zu dieser Theorie? Immerhin jonglieren sie mit bractonischem Wissen.«

Sooks Miene verfinsterte sich. Er kniff die Lippen zusammen. Seine Kiefer mahlten, seine Wangenmuskulatur trat sichtbar unter den Wangen hervor.

»Sie waren offenbar wenig … aufgeschlossen?«

Sooks nickte. »Aber ich war damals auch noch nicht so weit, sie mit einem klaren Theorem überzeugen zu können.«

»Heute könntest du das?«

Sooks nickte, und das Feuer, das dabei in seine Augen trat, ließ Jelto erneut einlenken. »Dann lass mal hören. Und vergiss nicht, mir zu sagen, was du nun genau von mir willst. Keine Ausflüchte! Die volle Wahrheit, sonst war’s das!«

»Danke.«

»Danke mir erst, wenn du weißt, was ich über dich und dein Vorhaben denke. Und ich warne dich gleich: Meine Meinung darüber könnte sehr ernüchternd für dich sein, denn ich weigere mich strikt, meine Kinder für unsinnige und sinnlose Experimente herzugeben. Jedes einzelne Gewächs steht mir näher als du übergeschnappter Kerl – hast du das verstanden?«

Sooks nickte eifrig und offenbar weit davon entfernt, beleidigt zu sein.

Jelto legte sich schon einmal die Worte zurecht, mit denen er den Angk in die Schranken weisen wollte. Aber zu seiner Verblüffung …



»Du hast was getan?«

»Ich habe ihm meinen Garten zur Verfügung gestellt.«

»Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.«

»Absolut.«

»Aber das klingt völlig verrückt!«

»Im ersten Moment dachte ich das auch.«

»Und im zweiten? Bist du da auch total übergeschnappt?« Jarvis konnte sich gar nicht beruhigen.

Jelto überlegte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, den Freund in sein gemeinsames Projekt mit Sooks einzuweihen.

»Er es geschafft, mich mit seiner Idee anzustecken, ja. Sie ist faszinierend. Ich war anfangs so skeptisch wie du, vielleicht noch mehr. Aber die Vorstellung, dass er recht haben könnte … und du musst die Technologie sehen, die er von der Angkwelt, auf der er aufwuchs, mit an Bord brachte, in die Foronentechnik integrierte …«

»Wenn John davon erfährt, wird er diesen Sooks und diesen Jelto von Bord schmeißen!«

»Der Commander weiß davon. Ich habe mit ihm gesprochen – aber auch Sooks tat das schon. Vor mir. Das Projekt ist autorisiert von höchster Stelle – auch wenn ich glaube, dass John vielleicht nur Mitleid mit Sooks hatte. Du musst ihn kennenlernen. Er hat so eine Art, den Beschützerinstinkt zu wecken, wie es sonst nur kleine Kinder können.«

»Für mich klingt das alles so hanebüchen, als wäre er ein kleines Kind.«

»Er ist nur ungeheuer fantasievoll. Und darüber hinaus ein genialer Geist, der es spielerisch versteht, das Potenzial von Pflanzen mit dem bractonischer Technik zu verbinden. Herausgekommen ist dabei eine einzigartige Symbiose. Du würdest staunen, wenn du siehst, was er vollbracht hat, seit er aus seinem Häuschen im Dorf umgezogen ist in –«

»– deinen hydroponischen Garten.«

Jelto nickte.

»Er wird ihn ruinieren. So, wie du es mir beschreibst, hat es bereits alles ruiniert. Ich hätte nie geglaubt, dass du dich zu so etwas hergeben würdest, auf einen solchen Scharlatan hereinfällst!«

»Du tust ihm unrecht, wirklich.«

Aber Jarvis hatte ihm bereits den Rücken gekehrt und sich den Gang hinunter, wo sie sich zufällig begegnet waren, in Bewegung gesetzt.

Jelto sah ihm eine Zeitlang unentschlossen nach. Dann zuckte er die Schultern und schlug die Richtung ein, die ihn zu seinem grünen Reich an Bord der RUBIKON führte.

Sooks erwartete ihn schon mit den Worten: »Fertig. Die Vernetzung ist abgeschlossen. Von meiner Seite her können wir sofort starten. – Ich wollte damit bis zu deiner Rückkehr warten, Jelto, weil ich es nur dir zu verdanken habe, dass ich überhaupt so weit kommen konnte. Bist du bereit für den ersten ernsthaften Feldversuch?«

Jelto war immer noch wie erschlagen von dem Bild, das sein Garten abgab, seit Sooks tätig geworden war.

»Ob ich bereit bin? Natürlich! Ich brenne ebenso wie du darauf, mein Ohr an den Puls all der verborgenen Zivilisationen zu legen, die herkömmliche Instrumente ignorieren, weil sie nicht dazu geschaffen sind, ihr Echo aufzufangen. Wohin müssen wir? Von wo aus startest du die … Anlage?«

»Da bin ich flexibel. Gern von hier aus, wenn du willst.«

Jelto schürzte die Lippen. Dann nickte er.

Sooks justierte an einem Armbandgerät, das er trug, und augenblicklich bildete sich vor ihm eine virtuelle Konsole, über deren Sensorik er auf das Geschaffene zugreifen konnte.

»Wir befinden uns im Unterlichtflug?«, vergewisserte sich Jelto.

»Ich habe es mir gerade noch einmal von der Zentrale bestätigen lassen«, antwortete Sooks. »Anders würde die Antenne nicht funktionieren.«

Die Antenne, das war die gesamte Außenfläche des Schiffes. Sesha hatte den Komplex hydroponischer Garten damit verknüpft. Auch dies mit ausdrücklicher Billigung des Commanders.

»Dann – los …«

Sooks legte einen immateriellen Hebel um.

Der vernetzte Garten ging auf Empfang.



2.


»Eine weise Entscheidung«, sagte Jarvis.

»Was? Mir die Sache mal vor Ort anschauen zu wollen?«

»Auch. Aber ich meinte, mich mitzunehmen.« Jarvis zwinkerte John Cloud zu. Kein Fremder, der Zeuge des Zwiegesprächs geworden wäre, hätte bezweifelt, zwei Menschen ohne Handicap vor sich zu haben. Denn Jarvis’ Handikap wurde seit geraumer Zeit von einem Blender – Jarvis nannte es so – aus dem Fundus der ERBAUER kaschiert. Das kristallschuppenartige Element, ein Geschenk Kargors, ermöglichte es dem ehemaligen GenTec, den das Schicksal in die Nanorüstung eines früheres Foronen-Oberhaupts gebannt hatte, sich seiner Umgebung wieder in der Maske eines lebendigen Wesens zu präsentieren, vorzugsweise täuschte sie dabei jenes Aussehen vor, das Jarvis zu Lebzeiten tatsächlich gehabt hatte. Aber mittlerweile war es ihm auch möglich, beliebige andere Geschöpfe zu imitieren – mitunter keine unpraktische Sache, insbesondere, wenn Einsätze es verlangten, sich unauffällig unter Extraterrestrier zu mischen.

Momentan trug Jarvis allerdings wieder seine ureigene, »originale« Optik zur Schau.

»Was wäre ich ohne dich?«, seufzte Cloud.

»Aufgeschmissen?«

»Total.«

»So weit muss es nicht kommen. Ich helfe stets gern, das weißt du doch.«

Cloud nickte. Vor ihnen tauchte der Zugang auf, zu dem sie wollten. Aber der Versuch, das Schott zu öffnen, scheiterte im ersten Versuch.

»Sesha?«

»Ja, Commander?«, kam es aus dem Off.

»Was geht hier vor? Warum verweigerst du mir den Zutritt zum hydroponischen Garten?«

»Das tue ich nicht. Jelto hat eine Sicherung aktiviert, die es zufälligen Besuchern versagen soll, in nächster Zeit zu stören.«

»Zu stören«, echote Cloud.

»Das gilt natürlich nicht für den Commander.«

»Wie schön. Wärst du dann bitte so freundlich …?«

Summend fuhr das Schott in die Wand. Cloud blickte in die parkähnliche Anlage, die sich dahinter auftat, und über seine Lippen kam ein Stöhnen. »Das … das gibt es doch nicht!«

»Ich habe gewarnt. Etwas in dieser Art war zu befürchten …« Jarvis schlüpfte hinter Cloud, den es wie an einem unsichtbaren Seil über die Schwelle zog, in den riesigen Raum, dessen Bewuchs jede planetare Umgebung in seiner Vielfalt in den Schatten stellte. Nur dass es beim Bewuchs allein nicht geblieben war.

»Das … ist das Werk von diesem … Sooks?«, fragte Cloud.

»Ich wüsste nicht, wer sonst auf die Idee gekommen sein sollte – Jelto bestimmt nicht.«

Fassungslos starrte Cloud auf die metallisch schimmernden Spinnweben, die sich von Baum zu Baum, Strauch zu Strauch und Blume zu Blume spannten.

Es sah aus, als hätte eine robotische Spinne in akribischer Besessenheit jede einzelne Pflanze innerhalb des Gartens mit ihren Fäden überzogen. Aber so, dass es tatsächlich noch möglich war, sich zwischen einzelnen Bereichen hindurchzubewegen.

»Wäre es nicht so bizarr, könnte es als Kunstwerk durchgehen«, murmelte Cloud. »Aber so hat es eher Ähnlichkeit mit einer heimtückischen Krankheit, die sämtliche Pflanzen befallen hat … Jelto ?!«

Die Stimme des Florenhüters kam von irgendwo halblinks. »Hier, Commander – wir sind hier. Moment – ich komme!«

Cloud und Jarvis übten sich in Geduld. Nach einer Weile tauchte Jelto winkend auf. Entweder ignorierte er den Unmut der beiden Besucher, oder er bemerkte ihn tatsächlich nicht. »Sie kommen gerade recht, Sir. Wir haben einen ersten Erfolg zu verbuchen.«

»Erfolg?«, echote Cloud.

»Das System empfängt ein Signal – genau das wollten wir doch: Spuren außerirdischer pflanzlicher Zivilisationen finden, die mit herkömmlichen Methoden niemals bemerkt würden …«

»Sie haben damit …« Cloud machte eine ausholende Geste. »… die Sendung einer pflanzlichen Intelligenz aufgefangen?«

»Wir sind erst in Stufe eins der Entdeckung, eine Bestätigung steht noch aus. Aber Sesha ist bereits involviert. Sie wird uns in Kürze sagen können, ob wir einem natürlichen Phänomen auf den Leim gegangen sind, oder ob tatsächlich –«

»Jelto?« Die Stimme aus der Ferne war, obwohl gedämpft, schrill.

»Wer ist das? Dieser …?«

»Sooks«, half Jarvis aus. »Ist er das, Jelto?«

Der Florenhüter nickte. »Seien Sie rücksichtsvoll. Er ist sehr sensibel. Bitte

»Ich dachte, ich wäre sensibel«, knurrte Jarvis.

Darüber konnte nicht einmal Cloud lachen. »Wir werden ihm schon nicht den Kopf abreißen.« Er blickte auf das Gespinst von Metallfäden, die in einer Weise funkelten, wie er es noch nicht gesehen hatte. »Was ist das? Von wem stammt es?«

»Sooks hat es aus dem Angksystem mit an Bord gebracht. Unter anderem«, sagte Jelto. »Bractonische Technologie. Sie ermöglicht es uns, die Kraftfelder jeder einzelnen Pflanze, die damit in Berührung kommt, zu bündeln und wirkt als Gesamtreservoir wie ein gigantischer Empfänger, der über die Antenne – das Schiff – die Umgebung abtastet.«

»Wie groß ist die Reichweite?«

»Das haben wir noch nicht erforscht. Wir stehen erst ganz am Anfang.«

»Und es schadet Ihren Pflänzchen nicht?«

Jelto verneinte im Brustton der Überzeugung. »Das würde ich niemals zulassen, das wissen Sie.«

Cloud nickte. Dann ließ er sich von Jelto zu Sooks führen, der völlig in seiner Aufgabe aufzugehen schien und die Neuankömmlinge erst bemerkte, als Cloud ihm eine Hand auf die Schulter legte.

»Ihr Bericht, Mister Sooks?«

Sooks erbleichte.

Sesha erbarmte sich. »Analyse des Eingangssignals abgeschlossen. Definitiv künstlicher Natur. Unbekannte Frequenz außerhalb sämtlicher Bänder, die unsere bordeigenen Radioempfänger abdecken. Aufgrund der reibungslos verlaufenen Übermittlung über das bractonische Geflecht war jedoch eine eindeutige Identifizierung möglich. An der Übersetzung wird noch gearbeitet. Die Berechnung wird noch ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Sicher bestimmt werden konnte bereits die Quelle des Signals.«

»Ach«, machte Cloud. »Und wo liegt sie?«

»Rund dreihundertzweiundfünfzig Lichtjahre von unserer gegenwärtigen Position entfernt.«

»Na, das ist ja ein Katzensprung«, spottete Jarvis.

»Ein Sternensystem?«, fragte Cloud.

»Sonne der M-Klasse«, bestätigte Sesha.

»Wie Sol«, kommentierte Jarvis.

»Na, dann warten wir mal die sogenannte ’Übersetzung’ ab«, sagte Cloud. »Vielleicht entpuppt sich alles doch noch als großer Irrtum …«

Aber dem war nicht so.

Seshas allgemein verständlich gemachte Version des empfangenen Signals schlug ein wie eine Bombe.

»Es ist nur noch bruchstückhaft erhalten, entweder wurde der Sender beschädigt, oder es durchläuft auf seinem Weg hierher Störfelder, die es korrumpierten. Dennoch, die sinngemäße Übersetzung lautet: Rettet uns. Wer immer uns hört in den Weiten des All, habt ein Einsehen, habt Erbarmen, gedenkt der Schwachen, die dem Bösen anheimfallen, ohne Schuld auf sich geladen zu haben und nun bar jeder Hoffnung sind. Rettet uns. Rettet unsere Heimat, unsere Seelen vor dem schrecklichen Verheerer, der da ist gefallen vom Himmel. Rettet uns. Wir sind ohne Falsch und ohne Arg. Wir sterben, bevor wir dem Himmel zurückgeben konnten, was er uns schenkte. Es ist furchtbar. Unsere Sporen treiben mutlos im Wind. Gebt uns unsere Zukunft zurück. Erstickt uns nicht in den Fäden des Terrors. Sie sind überall. Wir siechen dahin. Rettet uns. Habt Erbarmen mit den Wiederkeimern. Habt Erbarmen mit dem Leben, das seine Heimat verliert. Wir wehren uns, aber es ist vergebens. Sie sind überall. Sie benutzen uns als – – – Hier endet die Sendung und beginnt von Neuem. In einer Endlosschleife.«

»Ich frage es ungern«, sagte Cloud, tief berührt von dem Gehörten, dem selbst in Seshas ’Lesung’ eine schreckliche Tragik anhaftete. »Aber entspricht das soeben Gehörte tatsächlich dem Sinn und Inhalt dessen, was dieses seltsame Netzwerk …« Er zeigte um sich. »… aufgefangen hat?«

»Dafür verbürge ich mich. Soll ich sämtliche Erfahrungswerte, Algorithmen und Parameter auflisten, die zu einer Dechiffrierung herangezogen wurden?«

»Bewahre!«, stöhnte Jarvis.

»Nein, danke«, reagierte Cloud beherrschter. »Ich glaube dir. Aber um was für eine Art von Signal handelt es sich? Ist es überlichtschnell?«

Die KI verneinte.

»Nein?«

»Seine Ausbreitungsgeschwindigkeit liegt sogar knapp unter der eines Lichtstrahls.«

Das überraschte Cloud. »Dann … war das Signal also mehr als dreihundertfünfzig Jahre unterwegs, bis wir es aufschnappten. Angesichts der Dringlichkeit, die aus ihm spricht, dürfte sich demnach zwischenzeitlich jede Hilfsmaßnahme erledigt haben. Entweder wurden die … wie nannten sie sich? Wiederkeimer? … inzwischen vernichtet, oder sie schafften es aus eigener Kraft, sich ihrer Angreifer zu erwehren.«

»Dazu kommt«, ergänzte Jarvis, »dass aus der Sendung keinerlei verwertbarer Hinweis über die Natur der Aggressoren hervorgeht.«

Cloud nickte. »Traurig, aber letztlich nicht zu ändern. Der Kosmos ist grausam zu seinen Bewohnern – nicht unablässig, aber immer mal wieder. Auch die Menschen und andere uns bekannte Spezies können davon ein Lied singen.«

»Kein Lied, bitte«, frotzelte Jarvis.

Cloud ignorierte ihn, registrierte aber Sooks’ Stirnrunzeln, der die Marotten des Freundes noch nicht kannte. »Wenn ihr wollt«, wandte er sich an den Angk und Jelto, »könnt ihr euer ’Projekt’ fortsetzen. Es hat keinen störenden Einfluss auf den Schiffsbetrieb, wie mir Sesha mehrfach versicherte … Daran hat sich doch nichts geändert, Sesha?«

»Nichts, Commander.«

»Nun, dann bleibt es dabei. Lauscht weiter in die Tiefen des Alls. Vielleicht empfangt ihr ja noch andere Signale, die sich an den RUBIKON-Sensoren vorbeimogeln. Ich bin gespannt.«

»Wirklich?«, fragte Jarvis, als sie den hydroponischen Garten bereits wieder verlassen hatten und Richtung Zentrale unterwegs waren.

»Was ’wirklich’?«

»Bist du wirklich gespannt?«

»Natürlich«, bekräftigte Cloud im Brustton der Überzeugung. »Aber jetzt entschuldige mich, geh ruhig ohne mich weiter. Ich komme später nach. Jetzt habe ich noch eine andere Verabredung.«

»Assur?«, fragte Jarvis.

»Assur«, lächelte John und wechselte in einen Gang, der jenen kreuzte, den sie gerade entlangkamen.

Jarvis ging geradeaus weiter und zwang sich dazu, dem Neid, der in ihm rumorte, nicht zu viel Raum zu lassen. Eines Tages würde auch er wieder lieben können – daran musste er einfach glauben. Sonst konnte er ja gleich in die nächstbeste Sonne transitieren.



3.


Scobee »hatte die Brücke«.

Man konnte auch sagen: Sie hielt die Stellung in der Bordzentrale. Auf dem üblichen von sieben kreisförmig auf dem Kommandopodest angeordneten Sarkophagsitzen, die allesamt zur Mitte hin ausgerichtet waren, wo sich eine zwei Meter durchmessende Holosäule bis zur Decke hinauf spannte. Darin abgebildet beziehungsweise wiedergegeben wurde nicht nur das die RUBIKON umgebende All, sondern auch alle relevanten Daten zum Bordbetrieb, angefangen bei der Auslastung der von Dunkler Materie gespeisten Energieerzeuger, bis hin zur aktuellen Position und Geschwindigkeit. Die Umweltbedingungen an Bord entsprachen dabei ebenso der Norm wie alles, was die maschinelle Funktion der einzelnen Aggregate anging.

Das Rochenraumschiff foronischer Bauart, vor langer, langer Zeit aus der Ewigen Stätte des Aquakubus geborgen und dann peu à peu tatsächlich in den Besitz der heutigen Besatzung übergegangen, durchstreifte die Weiten des Orionarms der Milchstraße. Weitab vom Angksystem und in respektvoller Distanz zum galaktischen Zentrum, wo nicht nur das Schwerkraftmonstrum lauerte, das seit Äonen Sonnenmasse um Sonnenmasse verschlang, sondern wo auch der Ankerplatz der neuen CHARDHIN-Perle lag, die dafür sorgen sollte, dass es künftig zu keinem weiteren Schwund von kosmischen Bereichen kommen würde, wie er in der Großen Magellanschen Wolke passiert war. Die dortige Region sollte außerdem »repariert« werden, damit das Neue Reich der Foronen nicht schon im Keim erstickt wurde. Siroona regierte es jetzt, da Sobek nur noch ein klingender Name in der wechselreichen Geschichte dieses Volkes war, ohne das …

wir heute nicht mehr wären , dachte Scobee.

So grausam und lebensverachtend die Hohen Sieben des foronischen Septemvirats, ausnahmslos Tyrannen, auch agiert haben mochten, als sie noch mit Machtfülle ausgestattet, aber heimatlos gewesen waren, so sicher war sich Scobee doch, dass sie und die anderen Gefährten jene hochbrisante Zeit, als sie bloße Gejagte auf der für sie fremden galaktischen Bühne waren, nicht hätten überstehen können, wenn da nicht jenes uralte foronische Artefakt gewesen wäre, in dem sie heute noch durchs All reisten.

Die RUBIKON.

Nach wie vor verkörperte sie den Traum eines Schiffes. Auch wenn es eindeutig größere und stärkere Konstruktionen gab – sie brauchte nur an die goldenen Schiffe denken. Oder gar eine mobil gemachte Tridentische Kugel … Aber die RUBIKON war bei aller Macht, die sie in sich vereinte, immer »bodenständig« geblieben; zumindest nach dem Gefühl der Kernbesatzung, die mit ihr durch manche auf den ersten Blick ausweglose Situation gegangen war. Und selbst heute, nach dem Ritterschlag durch die ERBAUER, die sie mit Modifizierungen aus ihrer Hightech-Schmiede geadelt hatten, war diese Empfindung geblieben.

Die RUBIKON wird immer »unser« Schiff sein. Wenn es sie nicht mehr gibt, gibt es uns auch nicht mehr , dachte Scobee. Und sie tat dies fern allen Pathos’. Es war ihr heiliger Ernst. Dieses Wunderwerk einer Hochtechnik barg noch Geheimnisse, die auf Foronen oder Bractonen zurückgehen mochten; letztlich war der Initiator zweitrangig, was zählte war die Qualität eines Rätsels. Und last but noch least gab es da ja auch noch die Artefakte, die höchstwahrscheinlich seinerzeit Boreguir während seines kurzen Aufenthalts auf dem Schiff versteckt hatte. »Was ist eigentlich aus ihnen geworden?«, murmelte Scobee, mehr zu sich selbst. Dann, entschieden lauter und energischer: »Sesha?«

»Ich höre.«

»Was ist aus den Artefakten geworden, die Jelto vor längerer Zeit in seinem Garten fand? Du weißt schon: Wir nahmen an, dass sie auf Boreguir zurückgehen. Dass er sie damals aus der Marsstation mitbrachte. Du hattest den Auftrag, dich um sie zu kümmern, weil wir sie letztlich als Gefahr für das Schiff einstuften. Hast du sie … entsorgt?«

»Das habe ich.«

Scobee spürte ein leises Bedauern. »Schade. Ich hätte gern mehr über sie erfahren. Sicher bargen sie spannende Details.«

»Ich habe sie seither nicht wieder angerührt. Es gab Dringlicheres zu tun. Aber wenn es gewünscht wird …«

»Ich dachte, du hättest sie beseitigt?«, fiel Scobee der KI ins Wort. »Entsorgt.«

»Entsorgt im Sinne von: so behandelt, dass sich niemand mehr Sorgen um sie machen muss«, stellte Sesha richtig. »Von Beseitigen war nicht die Rede.«

»Haarspalterin!«

»Ich fürchte, ich –«

»Ich weiß, du fürchtest, du ’verstehst’ nicht. Diese deine Taktik ist altbekannt.«

»Gegen die Unterstellung einer vorsätzlichen Verschleierung verwahre ich mich auf das Entschiedenste! Meine Loyalität dürfte außer Frage –«

»Vergiss es! Deine Loyalität stand mehr als einmal auf dem Prüfstand. Zumindest deine Loyalität uns gegenüber. Ich erinnere nur an deinen jüngsten Fahnenwechsel, als du dich wieder komplett Sobeks Autorität unterworfen hattest.«

»Das geschah nicht freiwillig. Eine überlegene Technologie zwang mich zum Gehorsam.«

»Ich will es mal glauben.« Scobee lächelte entspannt. »Die technischen Mätzchen, die Sobek aus der Anomalie mitbrachte … Hm. Sie existieren nicht mehr, seit sie von den Kräften gestreift wurden, die Teile der Großen Magellanschen Wolke negierten. Als gäbe es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden … Gewalten.«

»Darüber wurde bereits lange und ausgiebig debattiert und spekuliert«, erinnerte Sesha.

»Ohne befriedigendes Ergebnis«, nickte Scobee. »Aber zurück zu den Artefakten. Wo hältst du sie unter Verschluss?«

Die KI nannte das entsprechende Depot.

»Gut zu wissen. Danke. Vielleicht kümmere ich mich demnächst mal darum. In einer ruhigen Stunde.«

»Ist diese Stunde unruhig ?«, fragte Sesha betont arglos.

»Nein. Es fiel mir nur gerade ein. Lust, mich jetzt darum zu kümmern, habe ich nicht.«

»Lust«, echote die KI. »Ein Begriff, der in letzter Zeit häufiger an Bord fällt.«

»So?« Scobee furchte Stirn. Ihre Tattoos, die die Augenbrauen ersetzten, rückten enger zusammen. »In welchem …« Sie räusperte sich. »… Zusammenhang denn?«

»Das«, blockte die KI souverän ab, »fällt, glaube ich, unter Intimsphäre.«

»Biest!«, zischte Scobee. »Wo ist eigentlich John?« Sie sah sich in der Zentrale um. Aber momentan befanden sich hier nur wenige Crewmitglieder, überwiegend Angks, die das Angebot der Schiffsführung wahrnahmen, sich mit den technischen Einrichtungen vertraut zu machen. Betreut wurden sie dabei jeweils von einem Angehörigen der Stammbesatzung, in diesem Fall Algorian. »Er wollte mit Jarvis bei Jelto nach dem Rechten schauen. Ist er immer noch dort?«

»Das«, erwiderte Sesha prompt, »fällt in die gleiche Kategorie. Gegenwärtig jedenfalls.«

»Intimsphäre?«

»Korrekt.«

Die Falte über Scobees Nasenwurzel wurde noch steiler. Für die ominöse Aussage der KI gab es nur eine denkbare Erklärung.

Ihr Verdacht bestätigte sich wenig später, als Jarvis in die Zentrale trat.

»Wo hast du John gelassen?«

»Der hat noch ein Rendezvous.«

»O kay … Wird es lange dauern?«

»Warum fragst du? Gibt es Probleme?«

»Im weitesten Sinne … ja.«

»Und welche?«

»Die Disziplin«, erklärte Scobee in einem Tonfall, der bewusst offen ließ, ob sie es ernst meinte oder scherzte. »Seit diese Frau in Johns Leben herumspukt, vernachlässigt er meines Erachtens seine Pflichten.«

»Du meinst, er sieht nicht mehr alles ganz so verknöchert – für mich ein eindeutiger Fortschritt.«

»Ja, weil du selbst Disziplin hasst wie die Pest!«

Jarvis’ Maske grinste. Und dann tat er etwas, was Scobee ihm ernsthaft übel nahm. Nicht nur, dass er seine Stimmfarbe veränderte, sie hörbar ins Feminine abdriften ließ, nein, er modellierte auch sekundenlang seine Physiognomie komplett um. Heraus kamen die klaren Züge einer attraktiven Frau.

Assur.

»Damit kannst du mich nicht ärgern.«

»Das«, behauptete Jarvis, »weiß ich besser.« Er verwandelte sich wieder zurück und streckte ihr die Hand entgegen. »Friede?«

Sie zuckte die Achseln. »Sag mir lieber, was bei Jelto herausgekommen ist. Ging es nicht um diesen Angk, der ein besonderes Experiment gestartet hat?«

»Ich dachte schon, du fragst überhaupt nicht mehr. Junge, Junge, das ist ein Ding …« Und dann begann er zu berichten.



Gegenwärtig hatten sie – Assur und er – mehr Zeit füreinander als in der hektischen Phase, die davon geprägt gewesen war, dem Problem Negaperle die Stirn zu bieten. Glücklicherweise hatten sie es letztlich geschafft, den schwarzen Zwilling einer CHARDHIN-Perle im Milchstraßenzentrum zu neutralisieren und durch eine der letzten Tridentischen Kugeln zu ersetzen, die die Bractonen derzeit noch auf Lager hatten.

Cloud versuchte es zu vermeiden, sich auszumalen, was geschehen wäre, wenn sie mit ihrer Rettungsmission gescheitert wären. Und es hatte auf Messers Schneide gestanden. Insbesondere als sich auch noch die Treymor ins Spiel gebracht hatten und eine ganze Flotte um das Super Black Hole massiert hatten, offenkundig mit dem alleinigen Zweck, die sich etablierende Negaperle zu schützen. Eine neue Waffe der RUBIKON hatte es letztlich geschafft, diesen Gegner vom Schwarzen Loch wegzulocken und den Weg für die eintreffende Armada aus Tridentischen kugeln frei zu machen: die Ghost-Projektoren.

Ein Prinzip, das jenem ähnelte, mit dem die Satoga ihre Kriegsschiffe auszurüsten vermochten. Bei den Satoga und ihren Magnetschiffen hatte es sogar funktioniert, dass die generierten »Geisterschiffe« ihrerseits über Kampf- und Feuerkraft verfügten. Die RUBIKON hatte da durchaus kleinere Brötchen gebacken – auch wenn sie riesig gewesen waren. Ihre neuen Generatoren hatten vorgetäuscht, dass sich das Rochenschiff inmitten der Armada aus Tridentischen Kugeln bewegte – die aber nur Projektionen waren. Beim Versuch, die CHARDHIN-Perlen zu vernichten, hatten sich die X-Schiffe vom Black Hole weglocken lassen. Gerade lange genug, um die echten Tridentischen Kugeln durchbrechen und hinter den Ereignishorizont gelangen zu lassen.

Warum die X-Schiffe ihnen dorthin nicht gefolgt waren, war bis dato nicht eindeutig beantwortet worden. Es wurde spekuliert, dass ihnen die dafür nötige Technik fehlte – aber daran wollte Cloud irgendwie nicht glauben. Die Treymor hatten sie inzwischen mehr als einmal überrascht. Damals im Butterfly-System, als sie Darnoks Versteck erstaunlich nahe gekommen waren, trotz dessen Manipulation des milchstraßeninternen Zeitflusses. Später im Leerraum bei der RUDIMENT-Station, wo Scobee die Gloridenbesatzung eines goldenen Schiffes hatte zurücklassen müssen. Und nun quasi vor der Haustür eines der größten technischen Wunder dieses Universums, einer von unzähligen CHARDHIN-Perlen, mit denen die Bractonen vor Milliarden Jahren den Kosmos – diesen Kosmos – generiert und »gezündet« hatten.

»Hast du es schon bereut?«, fragte die Angkgeborene, in die Cloud sich kurzerhand und ehe er wusste, wie ihm geschah, verliebt hatte.

»Das mit uns beiden?«

»Das mit uns beiden.« Sie nickte und schmiegte die Wange an seinen Hals. Der Ort ihres Treffens lag im Dorf. In jenem Haus, das sich Assur nach wie vor mit Rotak teilte. Obwohl Rotak nicht mehr ihr Lebenspartner war. Dafür aber immer noch der Vater ihrer gemeinsamen Tochter Winoa.

Kompliziert?

Bewahre!, dachte Cloud. Gegen das, was hinter uns liegt, nehme ich so etwas als wohltuende Bereicherung meiner viel zu reich bemessenen Freizeit.

Er lächelte über seine Selbstironie.

»Was gibt’s da zu grinsen? Belächelst du mich etwa? Ich verlange, dass man mich ernst nimmt!« Sie hob ihren Kopf von ihm weg. Feuer sprühte in ihren Augen.

Wie er das liebte.

Ihr Temperament.

Sie war immer noch schwer durchschaubar. Und auch dafür galt: Er liebte dieses Prickeln des Rätselhaften. Wenn es nach ihm ging, brauchte es nie aufzuhören. Sie war etwas ganz Besonderes. Eine Angk. Nachkomme von Menschen, die vor noch nicht allzu langer Zeit auf diesem Schiff gelebt hatten: Sarah Cuthbert, Prosper Mérimée und seine Bande … wobei Bande liebevoll gemeint war.

Cloud trauerte den verlorenen Freunden immer noch nach. In gewisser Weise hatte Kargor sie, als er sie entführte und ins Angksystem verschleppte, getötet – zumindest aus Sicht der »Hinterbliebenen«. Denn der Bractone hatte sie weit in der Vergangenheit im Ersten Reich der ERBAUER ausgesetzt. So weit in der Vergangenheit, dass sie sich, als die RUBIKON das Angksystem erstmals besuchte, zu Millionen über die sechs bewohnbaren Planeten des Siebenweltensystems ausgebreitet hatten.

Hervorgegangen aus ein paar Menschen, hatten sie sich auf ungeheuerliche Weise vermehrt .

Es musste ein Inzestproblem gegeben haben – aber die ERBAUER hatten offenbar auch dafür eine Lösung gefunden. Und eigentlich war die Urzelle dieser neuen Menschheit bereits genetisch beschädigt gewesen, denn mit Ausnahme von Sarah hatten sämtliche Personen um Prosper, er eingeschlossen, im kritischen Gebiet des ehemaligen Peking gelebt. Und das hatte bleibende Folgen für sie gehabt. Im Grunde waren sie alle Freaks gewesen, Abnormitäten, die in einem Kuriositätenkabinett aufgetreten waren. Dass aus ihnen die heutigen Angks hervorgegangen waren, glich einem Wunder.

Insbesondere, was Assur anging.

Cloud war überzeugt, nie eine Frau getroffen zu haben, die ihn mehr angezogen hatte. Für Assur schien der Begriff feminin erst erfunden worden zu sein.

Sei froh, dass niemand mitkriegt, was für überschwängliche Gedanken du wälzt!

»Dich ernst nehmen? Nichts leichter als das!« Er richtete sich auf und küsste sie. Sie ging sofort darauf ein. Ihre Zärtlichkeiten waren so innig und unendlich vertraut, als würden sie sich schon Jahre kennen.

»Commander!«, mimte sie Empörung, als sie sich von ihm löste. »Sie vergessen sich.«

»Was gäbe es Schöneres?« Er lachte.

Der Türsummer schlug an.

Clouds gute Laune verflog schneller als er es eben noch für möglich gehalten hätte. Und mit ihr verpuffte die erotische Stimmung.

»Wenn das Rotak ist …«

»Das würde er nie tun.«

»Heißt das, er weiß, dass ich hier bin?«

Sie zuckte die Achseln. »Wäre das schlimm?«

»Es wäre … komisch.«

Sie glitt aus dem Bett, fischte sich das Kleid, das sie vorhin abgelegt hatte, vom Boden auf und streifte es mit einer zugleich anmutigen und ungemein routinierten Bewegung wieder über, sodass sie zwar mit leicht verwuscheltem Haar, aber ansonsten höchst seriös vor das Tableau neben der Tür trat und es aktivierte. Auf dem Display erschien ein Männergesicht – aber es gehörte nicht Rotak.

»Ja?«, hörte Cloud Assur sagen.

»Entschuldige die Störung, aber man sagte mir, ich könnte hier … den Commander finden.«

Obwohl Cloud ihm erst einmal begegnet war, erkannte er die Stimme sofort wieder. Das Konterfei hingegen war auf die Entfernung nicht wirklich aussagekräftig. »Sooks?«, schnappte er ungläubig.

Assur drehte sich halb zu ihm um. »Du kennst den Mann?«

Cloud nickte. Schüttelte den Kopf. Nickte dann wieder. »Kennen ist zu viel gesagt, oder , Mister Sooks?«

»Ich weiß, ich ziehe mir Ihren Zorn zu, Commander. Aber –«

»Sie wissen es, aha. Dann muss ich also von Vorsatz ausgehen. Mildernde Umstände bringt das nicht gerade …«

»Kann ich Sie sprechen?«

»Jetzt?«

Assur entfernte sich von der Tür, ließ das Display aber aktiviert. Sie legte sich im Kleid zurück zu Cloud aufs Bett. »Er sieht verzweifelt aus«, sagte sie leise. »Geh schon. Er hat ein Problem. Das spürt man. Es wäre nicht deine Art, ihn hängen zu lassen.«

»So gut kennst du meine Art?«

»Frauen sagen so etwas, damit Männer sich so benehmen, wie sie möchten , dass sie sind

Er starrte sie an. Beinahe sprachlos. »Das hättest du mir jetzt vielleicht nicht verraten sollen.«

»Dir kann ich es ruhig offenbaren. Weil du ohnehin schon genauso bist, wie ich mir einen Mann erträume.«

Darauf hätte er einiges erwidern können. Aber er wollte nicht. Stattdessen nickte er und dachte: Gut beobachtet. Mit dir könnte ich alt werden.



»Ich hoffe für Sie, es ist wichtig , Mister Sooks.«

Der Angk nickte. Sie hatten sich ins Dorfzentrum begeben. Am Brunnen hatten sie sich hingesetzt; es war der bevorzugte Treffpunkt. Sie waren nicht die Einzigen, die hierher kamen, um zu reden oder einfach nur den fast echten, fast perfekten Tag zu genießen, den die Holoprojektoren erschufen.

»Mehr als das.«

»Und worum geht es? Wieder Ihr … Projekt? Dieses … Pflanzenradioteleskop – oder wie man es nennen mag?«

»Eher um den Fund.«

»Das Signal, das Sesha dechiffrierte?«

Sooks nickte angespannt. Er knetete seine Hände, und Cloud nahm an, dass sie schweißnass waren. Die offenkundige Aufgeregtheit des Mannes hatte beinahe etwas Rührendes.

»Ich bitte Sie, ihm nachzugehen, Sir.«

Cloud atmete überrasch aus. »Ich dachte, das wäre geklärt. Es ist über dreihundertfünfzig Jahre alt. Dort, wo es herkommt, ist entweder alles in Butter – oder das uralte Gesetz hat ein weiteres Opfer gefordert.«

»Uraltes Gesetz?«

»Fressen und gefressen werden.«

Sooks schüttelte den Kopf. »Mit Verlaub, das kaufe ich Ihnen nicht ab, Commander. So kalt berechnend sind Sie nicht.«

»Sagt wer?«

»Sagt jeder, der Sie kennt.«

»Und wen von denen, die mich kennen, kennen Sie, Mister Sooks?«

»Das tut jetzt nichts zur Sache.«

»Vielleicht doch. Also? Meinen Sie Jelto?«

»Beispielsweise.«

»Sind Sie mit ihm befreundet?«

»Das wäre zu viel gesagt. Ich glaube, anfangs habe ich ihn ebenso genervt, wie ich Sie jetzt nerve.«

»Und mittlerweile?«

»Kommen wir miteinander aus.«

»Na, das ist doch schön. Und noch schöner wäre es, wenn wir beide auch miteinander auskämen, oder?«

»Durchaus, Sir. Das liegt an Ihnen, Sir.«

»Soll heißen?«

»Lassen Sie Kurs setzen auf den Zielstern. Ich bitte Sie . Vielleicht kämpfen diese Wesen seit über dreihundertfünfzig Jahren gegen den Untergang. Kämpfen ohne Unterlass gegen einen furchtbaren Feind, der ihre Heimat überfallen hat! Ich kenne mittlerweile die Geschichte der Erde – Ihre Geschichte, Sir. Auch sie wurde überfallen. Nur hatten die Menschen nach der Keelon-Master-Invasion keinen Außenstehenden, der ihnen zuhilfe eilte. Sie wären dankbar dafür gewesen, oder?«

Cloud schloss kurz die Augen, weil die Erinnerungen ihn zu übermannen drohten. »Wahrscheinlich«, räumte er ein. Und nach einer Pause: »Okay, Mister Sooks, Sie haben Glück, dass wir uns gegenwärtig ohnehin eher unterfordert durchs All bewegen. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder etwas Farbe und Abwechslung in unseren Alltag zu bringen.«

»Heißt das …?«

Cloud nickte. »Das heißt es. – Sesha?«

»Commander?« Es war, als würden sich die Luftmoleküle direkt neben Clouds Ohren in winzige, aber kristallklar klingende Lautsprecher verwandeln.

»Du hast die Koordinaten des Sterns, aus dessen Richtung wie die … Pflanzenbotschaft auffingen?«

»Bestätigung.«

»Wir nehmen Kurs darauf.«

»Wann?«

»Sofort. Informiere bitte Scobee, Jarvis und alle anderen über meine Entscheidung. Alle außer Assur. Das übernehme ich selbst.«

»In dieser Reihenfolge?«

Cloud überlegte, ob das einer von Seshas Versuchen war, trockenen Humor zu entwickeln. »Ich schlage gleichzeitig vor – dazu bist du doch in der Lage?«

Sooks verfolgte den Dialog mit einigem Befremden, kommentierte ihn aber nicht.

Als sie sich voneinander verabschiedeten, fragte der Angk: »Wie lange werden wir bis zum Ziel brauchen?«

»Nicht lange«, sagte Cloud. »Wir transitieren. Sie sind übrigens herzlich eingeladen, die Ankunft in der Zentrale mitzuverfolgen. Immerhin ist es Ihr Ding, Mister Sooks. Ihre … Rettungsmission.«

»Ist das Ihr Ernst, Commander?« Sooks’ Augen leuchteten wie bei einem Kind bei der Weihnachtsbescherung.

»Bringen Sie Jelto mit, falls er will. Wir treffen uns in einer halben Stunde auf dem Kommandostand.«

Sooks nickte geistesabwesend. Er saß noch auf dem Brunnenrand und schien sein Glück nicht fassen zu können, als Cloud längst den Weg zu Assurs Haus eingeschlagen hatte, um sie persönlich zu informieren.



4.


»Der zweite Planet. Seine Entfernung zur Sonne entspricht ungefähr der unserer Erde zu Sol«, sagte Scobee, die mit keinem Wort auf Clouds privaten Abstecher eingegangen war.

»In der Lebenszone also«, sagte Jarvis. Er hatte Sooks freundlich begrüßt und ausnahmsweise auf jede Flapsigkeit verzichtet – was Cloud beinahe wieder misstrauisch machte. Er hoffte, dass der Freund nichts ausheckte, um den Angk auf den Arm zu nehmen oder bloß zu stellen. Irgendwie hatte er Sympathien für den jungen Mann entwickelt. In Jeltos Garten war er ihm selbst noch skeptisch gegenübergetreten. Aber das Gespräch im Dorf hatte sie einander näher gebracht. Mochte das Projekt des Mannes noch so skurril sein, hatte es andererseits doch auch durchaus genialische Züge. Außerdem durfte man nicht vergessen, welchen Background Sooks vorzuweisen hatte: Er war ein Angkstämmiger. Er war durch die Schule der Tavner, der von den Bractonen beauftragten Lehrer, gegangen. Wahrscheinlich besaß er immenses Wissen. Wissen, das teilweise Clouds eigenes oder das der meisten Altcrewmitglieder weit übertraf – auch wenn es in anderer Weise wiederum eingeschränkt war. Denn die Angks lebten in gewisser Weise isoliert vom übrigen Kosmos. Sie waren nicht in das politische oder gesellschaftliche Geschehen innerhalb der Milchstraße integriert. Von den machtpolitischen Vorgängen jenseits der Nonzone, die das Angksystem unsichtbar und unmessbar umgab, hatten sie wenig bis gar keine Ahnung.

Gehabt.

Für die an Bord gekommenen Angks hatte sich das zwischenzeitlich grundlegend geändert. Sie waren wissbegierig ohne Ende, was die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Völkern der Milchstraße oder darüber hinaus – Andromeda, die Magellanschen Wolken … – anging.

Cloud streifte Sooks mit einem Blick. Er hatte ihn aufgefordert, in einem der Kommandositze Platz zu nehmen, was sonst nur dem engsten Kreis gestattet war. Aber Jelto war nicht erschienen, weil er sich permanent um die ’Versuchsanordnung’ kümmern wollte, und so hatte Sooks dessen Sitz eingenommen. Kein anderer wäre frei gewesen, denn auch für Cy, Algorian und Jiim schien es neben Scobee, Jarvis und Cloud selbst eine willkommene Abwechslung vom momentan eher drögen Bordalltag zu sein, in ein fremdes Sonnensystem vorzustoßen, von dem vor langer Zeit ein Notruf abgestrahlt wurde.

»Wie ich sehe, hat das System insgesamt achtzehn Umläufer.« Sooks zeigte auf die Holosäule. »Das ist gewaltig, oder?«

»Respektabel auf jeden Fall«, erwiderte Jiim, der auf Cloud den Eindruck machte, als trage er schon wieder eine Sorgenlast mit sich herum. Seit Yaels Geburt kam das öfter vor. Jiims Spross bereitete deshalb so viel Kopfzerbrechen, weil er definitiv kein normaler Jungnarge war. Das Nabiss, das mit Jiims Gefieder unlösbar verwachsen schien, mochte dazu beigetragen haben, dass Yael mit einem goldenen Federflaum zur Welt gekommen war. Und es mochte auch mit daran schuld sein, dass Yael über außerordentliche, bislang kaum erforschte Kräfte verfügte. Zu den wahrscheinlich noch harmlosesten gehörte dabei, dass er in der Lage war, einen »imaginären Freund« zu erschaffen, der aus seiner Vorstellung erwuchs, aber – zumindest wenn Yael das wollte – durchaus greifbar war. Eine materielle Projektion sozusagen – besser erklären und erforschen hatte es bislang noch niemand. Aber Yael konnte Charly nach fast überallhin schicken, kraft seiner Gedanken, und sich durch die Sinne der Projektion vor Ort umsehen und -hören, als wäre er selbst dort.

Jüngst hatte das nicht ganz so funktioniert, wie Yael und auch Cloud es sich erhofften. Sie hatten ihn der RUBIKON voraus ins Angksystem geschickt, um den Bractonen ihre Ankunft anzukündigen. Dabei war er in die Nonzone verschlagen worden – eine Schutzvorrichtung der Bractonen, die das Erste Reich vor »metaphysischen«, wie sie es ausdrückten, und anderen »übergeordneten« Attacken schützte.

Angeblich war alles, was von der Nonzone aufgesogen wurde, dazu verdammt, für immer in ihr zu bleiben. Nicht einmal die ERBAUER selbst hatten Zugriff dorthin. Und doch … Cloud stockte kurz in seiner Rekapitulation, die ihn bei Jiims Betrachtung überkam. Und doch war es Charly offenbar gelungen, wieder zu Yael zurückzukehren.

Zumindest war das der letzte Kenntnisstand, den Cloud hatte.

»Wir werden sehen«, sagte er. »Sooks hat zusammen mit Jelto den Empfang ihres außerordentlichen Systems noch einmal neu kalibriert. Demnach kommt nur der zweite Planet als Quelle der Signale infrage, die im Übrigen nach wie vor gesendet werden. Und das …« Sein Blick suchte und fand den des Angks. »… ist sicher kein beruhigendes Zeichen. Ich fürchte, wir finden genau das Szenario vor, was uns ursprünglich davon abhielt, überhaupt hierher kommen zu wollen.«

»Eine vernichtete Zivilisation?«, fragte Sooks.

Cloud nickte. »Es tut mir leid.«

»Mir tut es um all diese armen Wesen leid!« Unerwartet schrill kam die Stimme Cys zwischen dem Geäst seines Körpers hervor. »Wenn sie wirklich pflanzlich waren, sind wir im weitesten Sinne miteinander verwandt. Ich hätte sie gerne … kennengelernt.«

»Noch ist nicht aller Tage Abend«, versuchte Jarvis ihn zu beruhigen.

Ob Cy mit der Redensart etwas anfangen konnte, war fraglich. Aber das aufgeklungene Rascheln seiner Blätter beruhigte sich wieder.

»Entfernung?«, fragte Cloud.

Sesha blendete die Daten ein.

»Drei Millionen Kilometer. Wir fliegen mit nur noch einem Zehntel Lichtgeschwindigkeit, fallend. In zwei, drei Minuten wissen wir mehr. Orbit um den Planeten einschlagen.«

»Haben wir schon einen Namen für die Zielwelt?«, fragte Algorian. Der spindeldürre Aorii zwinkerte, als müsste er Tränen wegblinzeln. Sein Gesicht war grüner als sonst. »Wenn nicht, schlage ich Rof vor.«

»Rof?«, hakte Jarvis nach.

»Sei nicht so pietätlos«, zischte Scobee. Es war klar, dass Algorian sich den Namen als Reminiszenz an seinen verlorenen Hassbruder erbat.

»Ich wüsste nicht, was dagegen sprechen sollte«, entschied Cloud, bevor zwischen Scobee und Jarvis noch ein Streit entflammen konnte, der die Situation weiter belastet hätte.

Wir sind schon ein klasse Haufen , dachte Cloud.

Drei Minuten später schwenkte die RUBIKON mit noch deutlich gefallener Geschwindigkeit in den Orbit um Rof ein.

Der Planet, um den sie zu kreisen begann, sah von oben aus wie eine gespenstisch tote und verlassene Welt, obwohl er alle Bedingungen erfüllte, die ein Paradies hätte erschaffen müssen. Es gab ausgedehnte Meere und riesige Landflächen. Die Pole waren vereist, aber ansonsten herrschte überwiegend ein gemäßigtes Klima, in manchen Breiten sogar tropisches und subtropisches.

»Sonden ausschwärmen lassen«, entschied Cloud. »Damit beschleunigen wir die Erstellung eines aussagekräftigen Gesamtüberblicks. Sesha?«

»Bereits veranlasst. Sonden sind unterwegs. Bilder fließen in die Holografie …«

In atemberaubender Abfolge blitzten in den nächsten Minuten Bilder aus allen Bereichen des Planeten vor den staunenden Betrachtern auf.

Deren Staunen rasch in Entsetzen und Betroffenheit überging, denn …

»Der ganze Planet ist tot. Energetisch und zivilisatorisch«, meldete Scobee mit Blick auf die Anzeigen. »Dafür haben wir jede Menge böse Strahlung. Die Menge reicht überall aus, um Lebewesen, die uns ähneln, binnen kürzester Zeit so stark zu kontaminieren, dass selbst ausgeklügelte Therapien sie nicht mehr heilen und vor einem qualvollen Tod bewahren könnten.«

»Ein Atomkrieg«, tippte Jarvis. »Hier muss eine nukleare Auseinandersetzung von globalem Ausmaß stattgefunden haben.«

Und schon tauchten die ersten Ruinen auf, die ihm recht zu geben schienen – aber nur auf den ersten Blick …



Jarvis materialisierte. Sein Kunstkörper aus unzähligen Nanopartikeln (jedes einzelne eine mikroskopisch kleine Maschine für sich) trat aus dem übergeordneten Raum und war da . Es sah aus wie eine Teleportation, aber vom Prinzip her war diese Art des Transports mehr der Transition eines Raumschiffs verwandt. Im Gegensatz zu einem solchen benötigte Jarvis für seinen Übertritt in ein anderes Kontinuum keine bestimmte Geschwindigkeit. Er transitierte quasi aus dem Stand. Enorme Energien waren dafür vonnöten. Woher er sie genau bezog, war ihm auch nach x-maligem Verwenden dieser Fortbewegungsmethode nicht klarer geworden. Auf der RUBIKON wurde dafür keiner der Meiler »angezapft«, so viel zumindest schien sicher, denn Jarvis vermochte auch fernab des Raumschiffs auf diese Weise zu »springen«. Möglicherweise gab es dennoch Zapfvorrichtungen in seinem Nanokörper, die dem Kosmos jenen Stoff entzogen, den auch die RUBIKON als nie versiegenden Kraftquell benutzte: Dunkle Materie oder Energie.

Wobei das mit dem »nie versiegen« so eine Sache war. Jarvis erinnerte sich noch gut, dass sie auf einem ihrer vielen Wege auch schon einmal eine Spezies begegnet waren, der es gelungen war, die Umgebung ihres Hoheitsgebiet von Dunkler Materie leer zu fischen . Damals war die RUBIKON zeitweilig gestrandet – weil sie den für sie unabdingbaren Stoff nicht mehr aus dem umgebenden All hatte herausfiltern können.

Hier und jetzt auf Rof stand dies nicht zu befürchten.

Ein bleigrauer Himmel wölbte sich über der seltsamen Stadt, die zu untersuchen der Commander ihm aufgetragen hatte. Sie hätten es über die Sonden tun können, doch Jarvis war flexibler einsetzbar – und überdies das einzige Mannschaftsmitglied, dem die hohe Radioaktivität in der Atmosphäre und auf der Oberfläche nichts anzuhaben vermochte.

Ich bin Iron Man , dachte er flapsig. Die Strahlung war zudem unsichtbar, nur ihre Folgen waren allenthalben zu erkennen.

Die Stadt, in die er gekommen war, gehörte zu den größten Gebäudeansammlungen, die die RUBIKON aus dem Orbit hatte ermitteln können. Pilzartige Bauten, so weit das Auge reichte. Hunderte von Meter reichten manche hoch in die Lüfte. Der »Schirm« dieser Pilze war dabei ungefähr dreimal so groß im Durchmesser wie der Stiel, der wiederum dreimal so lang war wie die aufgepfropften Segmente dick.

Um was für ein Baumaterial es sich handelte, hatte man aus dem Orbit nicht feststellen können. Nicht jedenfalls, ohne eine Sonde damit zu beauftragen, eine Probe zu nehmen und damit an Bord zurückzukehren.

Jarvis war auch in dieser Hinsicht flexibler. Und er hatte Augen … nicht im Kopf, sondern über die gesamte Oberfläche seines künstlichen Körpers verteilt. Diese Augen ließen sich nicht täuschen.

Organisch , dachte der ehemalige GenTec. Die Pilzwolkenkratzer sind aus organischem Material, vielleicht sogar natürlich gewachsen und nur für die Zwecke der Bewohner hergerichtet …

Die Bewohner waren nirgends zu sehen, auch keine Spur von ihnen, kein Bildnis nach Art eines Denkmals oder dergleichen, wie es auf der Erde zu allen Zeiten beliebt gewesen war.

»Jarvis?«

»Ich höre, John. Der Empfang ist gut. Die Interferenzen, die wir von der RUBIKON aus feststellen, fallen kaum ins Gewicht.«

»Wie ist die Lage da unten?«

»Ruhig«, erwiderte Jarvis. »Wenig Verkehr. Genau genommen … gar keiner.«

»Das wussten wir schon, oder? Gibt es auch Neues zu berichten?«

Jarvis erzählte von seiner Beobachtung, und dass er spekulierte, es mit organisch gewachsenen Bauten zu tun zu haben.

»Also wahrscheinlich abgestorben nach all der Zeit«, sagte John.

»Der Zustand der meisten lässt das befürchten. Zusammenstürze, wohin ich blicke. Die wenigen immer noch aufragenden Pilze scheinen hingegen … na ja, ich muss näher ran, das klingt selbst für mich etwas zu aberwitzig.«

»Was meinst du?«

»Sie sehen aus, als wären sie immer noch am Leben. Als gäbe es noch intakte Strukturen … die wiederum alles andere als intakt sind

»Das nächste Mal schicke ich ein paar Spinnenbots runter. Die funken wahrscheinlich halb so viel in Rätseln wie du, mein Freund.«

»Ist einfach schwer auszudrücken. Warte … ich schicke euch Bilder …«

Jarvis zoomte einen der nicht eingefallenen Pilzbauten optisch heran und übermittelte die Aufnahme an die RUBIKON. »Seht ihr das?«

»Was sind das für Verdickungen? Sieht aus wie …«

»Geschwulste«, stimmte Jarvis zu. »Krebsgeschwulste. Sie bedecken den Pilz komplett, von oben bis unten. Bei seinen eingestürzten ’Kollegen’ ist davon nichts zu sehen. Deren Wandung ist, obwohl teilweise zerstört, völlig glatt. Zuerst dachte ich, es wäre eine Art Putz, aber hätten ihn dann nicht alle?«

»Wie viele scheinbar intakte, aber von den Tumoren befallene Bauten siehst du in deiner Nähe?«

»In meiner unmittelbaren … nur einen.«

»Dann sieh ihn dir doch mal von ganz nah an – möglichst sogar von innen, falls du das Risiko als beherrschbar erachtest. Vielleicht erhalten wir auf diese Weise doch noch ein paar Informationen auf die einstigen Bewohner. Die Außenansicht der Stadt lässt darauf keinen Rückschluss zu.«

»Okay. Die Idee ist gut. Ich melde mich wieder, sobald ich drinnen bin und Neuigkeiten habe.«

»Schweig nicht zu lange. Wenn ich zehn Minuten lang am Stück nichts von dir höre, beginne ich mir Sorgen zu machen. Im äußersten Fall müsste ich dann doch noch ein paar Spinnen runterschicken. Oder gleich persönlich nach dem rechten sehen.«

»Du bist mir immer willkommen, Chef. Andererseits möchte ich dich nicht verlieren.«

»Wir dich auch nicht, Jarvis. Also nicht zu übermütig werden. Vorsicht ist die Mutter der –«

»Stopp!«, bremste ihn Jarvis. »Das war eine andere Zeit. Wer weiß heute noch, was eine Porzellankiste ist?«

»Wichtiger ist ohnehin, dass du dich mit Pilzen auskennst. Denk dran: Es gibt genieß- und ungenießbare und …«

»… absolut tödliche?«

»Ich will sie ja nicht essen . Und jetzt genug. Die Arbeit ruft. Ich melde mich, wie versprochen. Wäre doch gelacht, wenn ich für Mister Sooks nicht herausbekäme, wie die Typen, die sich diesen salbungsvollen Hilferuf ausdachten, ausgesehen haben. Vielleicht hatten sie Ähnlichkeit mit ihren Häusern … Konnte inzwischen eigentlich herausgefunden werden, wo sich die Sendestation befindet, die den Ruf ausstrahlt?«

»Das ist irritierend.«

»Was ist irritierend?«

»Nun, es hat den Anschein, als würde das Signal von sämtlichen über den Planeten verteilten Städten, die wir fanden, gemeinschaftlich erzeugt und abgestrahlt.«



Der Pilz hatte keine erkennbare Tür. Jarvis erwog eine neuerliche Transition, um ins Innere zu gelangen. Aber ein Gefühl ließ ihn zögern. Er war ein Draufgänger, immer gewesen und erst recht in diesem schier unzerstörbaren Körper geworden. Dennoch …

»John?«

»Probleme?«

»Ich finde keinen Zugang.«

»Du könntest einen Zugang schaffen.«

»Mit Waffengewalt?«

»Spricht etwas dagegen?«

»Nur dass es organisch wirkt – und immer noch lebendig. Ich könnte mich auch zuerst bei den eindeutig abgestorbenen, zusammengestürzten Komplexen umsehen.«

»Wenn du das für ratsam hältst – du entscheidest. Du bist vor Ort.«

»Danke, Chef.«

Jarvis entfernte sich von dem weitgehend unversehrt wirkenden Pilz und wandte sich den Trümmern eines in der Nähe kollabierten zu. Seine Teile lagen über weite Bereiche verstreut oder hatten sich mit denen anderer zerstörter Bauten vermengt. Genau ließ es sich nicht mehr rekonstruieren.

Jarvis erkannte Hohlräume, aber nichts darin. Entweder waren die Ruinen geplündert worden, oder es hatte sich beim Inventar um ein Material gehandelt, das sich im laufe der Jahrhunderte rückstandslos zersetzt hatte. Merkwürdig war, dass die Räume oft den gesamten Durchmesser eines Stielfragments einnahmen und weder nach oben noch nach unten Begrenzungen – Böden, Decken – aufwiesen.

Ich muss in einen der erhaltenen Pilze , dachte Jarvis. Sonst komme ich nicht weiter.

Aber immer noch sträubte sich alles in ihm, das eigentlich logische Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Er erstattete John neuerlich Bericht. Und der fragte: »Du willst es riskieren?«

»Wenn ich zurückkehre, ohne wenigstens den Versuch unternommen zu haben, werde ich mir das ewig vorhalten.«

»Es gibt eine Alternative. Ich schicke dir eine Sonde. Du brennst ein Loch in die Außenschale, und wir schicken sie als Erstes hinein. Anhand der Bilder entscheiden wir dann, ob du nachrückst oder es besser nicht riskierst.«

»Wenn ich es beschieße, wird es verletzt«, erwiderte Jarvis, der sich durchaus bewusst war, dass er in der Vergangenheit selten Skrupel dieser Art an den Tag gelegt hatte. Aber hier war alles anders … »Es scheint lebendig, vergiss das nicht. Wenn ich hinein transitiere, ist die Gefahr, ihm ungewollt zu schaden, am geringsten.«

»Diese Rücksichtnahme bezahlst du mit einem erhöhten Risiko, ich hoffe, das ist dir klar.«

»Ist es. Aber ich bin jetzt hier, und ich will Antworten. Ich will wissen, wie die verschwundenen Bewohner von Rof aussahen. Was für eine Kultur sie hatten. Und wer ihnen das angetan hat, was wir heute an Strahlenwerten vorgefunden haben.«

»Ob du auf all das die Antworten in dem Pilz findest, ist fraglich.«

»Aber den Versuch ist es wert.«

»Deine Entscheidung.«

»Die ist gefallen. Bis nachher.«

Jarvis zögerte nicht länger.

Er sprang .



»Ortung!«, meldete Sesha.

»Welcher Art?« Cloud war sofort alarmiert. »Bezieht es sich auf Jarvis’ gegenwärtige Position? Die Stadt?«

»Negativ. Eine der Spähersonden hat in der südpolaren Region von Rof eine Entdeckung gemacht.«

»Präzisiere das. Gibt es Bilder?«

»Werden soeben eingespielt …«

In der Holosäule bildete sich ein zusätzliches Fenstersegment. Die Aufnahme zeigte eine froststarrende Landschaft. Eis und Schnee, soweit das Auge blickte … bis zu dem Moment, als die Sonde und ihr Kameraauge einen Schwenk vollzogen. Und plötzlich war es da.

Ein Raunen ging durch die Sitzenden auf ihren Kommandoplätzen. Sooks stöhnte am lautesten. »Das … das ist …«

»Wir werden sehen, was es ist«, wiegelte Cloud ab, obwohl das Objekt auch ihn ins Staunen brachte. Was war das, das da wie ein Keil ins Eis gerammt steil zum Himmel aufragte. Blauviolett schimmerte es, wenn die Sonden Echtfarben übermittelte. Und ein Keil war es nicht wirklich, allenfalls war es als solcher benutzt und zweckentfremdet worden. Seine wahre Form war –

»Eis Diskus«, murmelte Scobee, aber klar vernehmlich. »Ein innen offener Diskus …«

»Gibt es Daten?«, fragte Cloud. Die Entdeckung ließ ihn, wie die anderen auch, Jarvis kurzzeitig vergessen. »Abmessungen?«

Als sie eingeblendet wurden, ging ein erneutes »Ah« und »oh« durch die Runde.

»Vierzehn Kilometer Durchmesser bei einer maximalen Dicke von drei Komma neun Kilometern?«, fragte Cloud noch einmal an die KI adressiert nach. »Kein Messfehler?«

»Darauf deutet nichts hin, Commander.«

»Dann … dann ist das ein echter Gigant«, stammelte Sooks. »Ist das ein Raumschiff? Ein abgestürztes? Oder einfach nur ein gewaltiges Bauwerk oder Denkmal?«

»Ist das Objekt in den Verbund integriert, der das Sammelsignal erzeugt, das wir auffangen?«, fragte Cloud. »Sesha?«

»Negativ. Dieser Gigant … schweigt.«

»Die Machart unterscheidet sich auch völlig von den Pilzbauten«, wies Algorian hin. »Ich erkenne keinerlei Übereinstimmung.«

»Nun, es ist nicht organisch, aber –«

Cloud wurde von einem Schrei unterbrochen, der aus der immer noch offenen Funkverbindung zu Jarvis drang.

»John? Hört ihr mich? Es ist … schrecklich. Was habe ich nur getan? Hört ihr mich? Sagt mir, was ich getan habe! Alles vibriert. Ich … Es ist nicht das, was es schien. Es war ein schrecklicher Irrtum. Ich hätte nie …«

Die Verbindung wurde unterbrochen. Ob von Jarvis selbst oder einer Störquelle, ließ sich nicht sagen.

»Sesha!«

»Commander?«

»Den Pilz, in dem Jarvis verschwunden ist. Großaufnahme!«

Der Befehl wurde sofort umgesetzt. In der Holosäule bildeten sich neue Strukturen. Das Sondenbild wies Interferenzen auf. Wahrscheinlich störten die Strahlungsbedingungen auf der Oberfläche den Bildtransfer. Dennoch war klar ersichtlich, dass der wolkenkratzerhohe Bau zu wanken begonnen hatte, aus sich heraus erzitterte.

»Wie eine sich krümmende Kreatur«, äußerte Jiim. Sein Nabiss veränderte sich beim Anblick des Geschehens, wie keiner der Gefährten – erst recht nicht Sooks – es jemals gesehen hatte: Die mit dem Körper des Nargen verschmolzene Rüstung schien sich seit einer kleinen Ewigkeit erstmals wieder vom Gefieder zu lösen – aber nur ansatzweise. Das Gold des Materials, aus dem sie bestand, nahm eine fast flüssige Konsistenz an, aus der heraus … plötzlich pilzartige Formen hervorquollen.

»Jiim!« Scobee sprang auf, als müsste sie dem Nargen zuhilfe eilen. Der wiegelte mit Gesten ab, die zugleich aufforderten: »Bleib, wo du bist. Es ist in Ordnung, keine Gefahr. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich glaube nicht, dass es irgendjemanden schadet …« Doch, genau das drückte seine Körpersprache aus. Aber Scobee ließ sich davon kaum zurückhalten.

Cloud sah sich genötigt, einzuschreiten. »Setz dich«, forderte er Scobee auf.

»Aber –«

»Es ahmt die Pilzbauten nach – mehr nicht.«

»Woher willst du das wissen?«

Er wusste es nicht. Er hoffte , dass dem so war. »Das Nabiss reagiert auf die Bilder, weil Jiim darauf reagiert. Emotional. Ist es so, Jiim?«

Der Narge verzog das Gesicht. »Ich weiß es nicht. Könnte aber sein. Kümmert euch nicht darum. Wenn ihr euch bedroht fühlt, verlasse ich die Zentrale. Sesha kann Sicherheitsmaßnahmen einleiten, um –«

»Das kann sie auch hier. Sesha? Empfehlung?«

»Individuelle Abschirmung. Erwünscht?«

»Erwünscht«, schnappte Cloud. Ein kaum wahrnehmbares Energiefeld legte sich um Jiim und seinen Sitz. Die Aktivitäten der Rüstung blieben davon unbeeinflusst. Unablässig formte das Gold des Nabiss neue Pilzauswüchse, die nach ein paar Sekunden wieder in sich zusammensanken und sich an anderer Stelle wieder neu ausbildeten.

Cloud lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Holosäule zurück. Auf den Pilz, den sie in Großaufnahme eingefangen hatte. Und in dem Jarvis steckte – seit geraumer Zeit.

Cloud konsultierte die Chronometereinblendung. Erst eine Minute? Erst eine Minute war vergangen seit Jarvis letzter Meldung, die abrupt abbrach?

»Scan!«, befahl er. »Die Sonde, die diese Bilder liefert, soll das Gebäude scannen. Warum haben wir das nicht schon früher getan?«

»Weil die Sonde dazu leider nicht in der Lage ist«, antwortete die KI.

»Wie bitte? Es sind Sonden . Sie muss doch mit Instrumenten ausgerüstet sein, die –«

»Sie ist mit den erforderlichen Instrumenten ausgerüstet. Aber sie versagten – und sie versagen immer noch, wenn es darum geht, die Bauten regelrecht zu röntgen.«

»Hatte ich das überhört?«

»Niemand hat mich danach gefragt.«

»Dann tue ich es jetzt: Warum versagen sie?«

»Unbekannt. Die Schichten des Objekts sind undurchdringlich.«

»Und Jarvis? Er scheint doch drinnen zu sein. Konnte sie also durchdringen … Oder steckt er etwa deshalb im Schlamassel, weil er nicht so hineinkam, wie er es wollte?«

»Unbekannt.«

»Noch ein einziges ’Unbekannt’, und ich verfrachte dich eigenhändig in eine Sonde und schieße sie Jarvis hinterher. Dann kannst du ihm erklären, warum du ihn nicht rechtzeitig vor möglichen Problemen bei einer Transition gewarnt hast.«

»Technisch nicht machbar. Ich bin viel zu komplex für die Datenspeicher einer Sonde …«

»Hört auf!« Scobee riss der Geduldsfaden.« Jarvis klang nicht besorgt um sich, sondern um den Pilz – so habe ich ihn jedenfalls verstanden.«

Jetzt, wo sie es sagte, musste Cloud zugeben, dass auch er diesen Eindruck gewonnen hatte – ursprünglich. Aber dann war Jiim dazwischengekommen, sein Nabiss, und nun …

»Das Gebäude gebärdet sich immer wahnsinniger. Gleich …« Algorians Stimme überschlug sich fast. »… stürzt es ein.«

Jeder, der die Bilder sah, musste dies glauben. Auch Cloud.

»Jarvis? Jarvis, hörst du mich? Wie können wir dir helfen? Steckst du fest?«

Zu seiner Überraschung meldete sich Jarvis in einer Weise, die keiner mehr erwartet hatte.

Während unten auf dem Planeten der gigantische Pilz, in den Jarvis vorgedrungen war, in diesem Moment auseinander brach und seine Trümmer über eine riesige Fläche verstreute, materialisierte am Fuß des Kommandopodests eine Gestalt, die erkennbar um ihre Form rang.

»Jarvis!«

Alle sprangen auf und eilten ihm entgegen.

Cloud erreichte ihn hinter Scobee und legte dem Freund die Hände auf die Schultern. Die Maske aus bractonischer Hightech-Schminke flackerte. Einmal war der roboterartige Nanokörper zu sehen, dann wieder Jarvis, wie er zu Lebzeiten ausgesehen hatte.

»Alles in Ordnung?«

Jarvis – der Roboter – Jarvis … schüttelte den Kopf. »Nichts ist in Ordnung. Ich hab’s vermasselt. Total vermasselt.« Mit hängenden Schultern stand er vor den Freunden.

»Was vermasselt?«, verlangte Scobee zu wissen.

»Habt ihr’s immer noch nicht begriffen?« Er schien in jedes einzelne Gesicht zu blicken, das ihn umgab. Dann seufzte er: »Nein, habt ihr nicht. Wie auch. Aber ich … ich hab’s erlebt . Was glaubt ihr, wie ich mich fühle, nachdem ich gerade einen der Bewohner umgebracht habe, einen dieser … Wiederkeimer?«

»Du hast sie getroffen?« Cloud sah ihn verblüfft an. »Es gibt Überlebende?«

»In gewisser Weise.« Jarvis schüttelte die Hand des Freundes ab. »Kapiert es endlich: Die Pilzbauten sind keine … Bauten . Es sind diejenigen, die uns den Notruf schickten. Die Pilze sind – oder waren – die intelligenten Bewohner des Planeten. Die meisten sind offenbar ausgerottet worden oder an den Folgen der Strahlung gestorben. Aber manche siechen noch dahin. Als ich in den Körper des von mir ausgesuchten Pilzes sprang, muss ich ein lebenswichtiges Organ … oder was auch immer … verletzt haben. Das gab ihm den Rest …!«

»Oder«, warf Cy mit raschelnder Anteilnahme ein, »erlöste ihn endlich von seinen ungeheuerlichen Qualen.«



5.


Rof war mehr denn je zu einer Welt der ungelösten Fragen geworden.

Fragen, die der RUBIKON-Besatzung auf der Seele brannten, denn irgendetwas an dem Planeten machte Angst, weckte Befürchtungen, dass es sich anderswo wiederholen könnte – zumindest solange nicht bekannt war, was die globale Katastrophe letztlich ausgelöst hatte.

»Der Schlüssel liegt in dem Wrack, das wir gefunden haben. Am Südpol«, prophezeite Scobee bei der Lagebesprechung, die Jarvis’ Rückkehr folgte.

»Du hältst es also für ein Raumschiff, das irgendwann, vielleicht im Zuge der Ereignisse vor rund dreihundertfünfzig Jahren, abstürzte?« Cloud sah sie forschend an.

»Du nicht?«

»Angesichts der sonst absolut technologiefreien Welt, so weit wir sie bisher überblicken, jedenfalls, spricht vieles dafür – doch. Doch, ich denke auch, dass es ein Raumschiff ist. Aber die Bauart ist unbekannt. Und wie es im Inneren beschaffen ist … nun, das gilt es erst noch herauszufinden.«

»Also nehmen wir es unter die Lupe?«

»Natürlich. Es wäre fahrlässig, es zu ignorieren. Zumal …«

»Zumal?«

»… wir nicht garantieren können, dass es tatsächlich ist, was es scheint.«

»Ein Wrack?«

Er nickte. »Ich werde zwei Außenteams zusammenstellen. Jarvis, fühlst du dich schon wieder imstande, rauszugehen?« Er blickte den Freund an, der sich in menschlicher Manier in den Kommandositz gesetzt hatte. »Ich weiß nicht, wie stark dich dein Erlebnis traumatisiert oder zumindest mitgenommen hat …«

Jarvis schüttelte den Kopf. Sein Erscheinungsbild hatte sich wieder stabilisiert. Er wirkte wie ein angeschlagener Boxer. Gleichzeitig strahlte er aber auch die Entschlossenheit aus, die einen wahren Kämpfer auszeichnete: nicht aufstecken zu wollen, sondern sich am besten gleich in die nächste Ringrunde zu stürzen. »Ich bin okay. Was soll ich tun?«

In diesem Moment betrat Jelto die Zentrale. Cloud winkte ihm zu. Der Pflanzenhüter kam näher.

»Mister Sooks, wären Sie so freundlich …?« Clouds Geste war unmissverständlich. »Ich habe Jelto gerufen, weil er ein wichtiger Bestandteil meines Vorhabens ist. Jelto … bist du über den Stand der Dinge informiert?«

Jelto verneinte. Sooks stand auf und machte bereitwillig Platz auf dem von ihm belegten Kommandositz, auf den Jelto das ältere Anrecht hatte. Jelto nickte ihm zu, und Sooks nahm Position hinter ihm ein. Seine Wangen waren gerötet. Und spätestens seine Augen verrieten, wie sehr er es genoss, an dieser Besprechung teilnehmen zu dürfen.

»Scob – wärst du so nett?«

Scobee nickte und fasste für Jelto kurz zusammen, was sie auf dem Planeten entdeckt hatten. Sie schloss mit den Worten: »Jarvis ist überzeugt, dass diese riesigen Pilze, die wir zunächst für Gebäude aus einem organischen Baustoff hielten, in Wahrheit die Bewohner von intelligenten Rof sind. Oder ihre gebeutelten Nachfahren, die seit Jahrhunderten an den Folgen eines furchtbaren Nuklearschlags zu knabbern haben.«

Jelto, der sich offenbar die ganze Zeit in seinem Garten befunden und dem von Sooks initiierten Projekt gewidmet hatte, wirkte betroffen. Sein Blick suchte Bilder in der Holosäule, die Scobees Zusammenfassung stützten. Er fand sie schnell.

»Gab es Bemühungen, mit ihnen in Kontakt zu treten?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Noch nicht. Aber ich habe es vor«, ergriff Cloud das Wort. »Von hier oben aus mit Sooks’ Hilfe … Sie helfen uns doch, Mister Sooks?«

Der Angk zeigte seine Verblüffung, nickte dann aber eifrig, und jetzt begannen seine Wangen regelrecht zu glühen.

»Und dann noch parallel von der Planetenoberfläche aus. Dazu brauche ich dich, Jelto. Du müsstest mit einem Shuttle und einem kleinen Team runter und es auf deine Weise versuchen.«

»Kontakt mit ihnen herzustellen?«

Cloud nickte.

Jelto zögerte nicht eine Sekunde. »Wann geht es los? Wer begleitet mich?«

»Nach Beendigung dieser Besprechung«, sagte Cloud. »Und es werden dich sechs bewaffnete Mannschaftsangehörige zur Absicherung begleiten, schwer bewaffnet. Niemand aus dem inneren Kreis. Du hast das Kommando.«

»So gefährlich schätzt du einen Besuch dort unten ein?«

»Ich will nichts riskieren. Jarvis’ erster Erkundungsversuch könnte einigen Staub aufgewirbelt haben …«

»Du meinst, sie sind uns spätestens jetzt feindselig gesinnt?«

»Ich hoffe es nicht, denn das sind wir nicht.«

Dabei beließ es Jelto vorerst.

»Das zweite Außenteam wird von dir angeführt, Scob.«

Sie nickte erfreut. »Südpol?«

»Südpol. Jarvis begleitet dich. Jarvis?«

»Stets bereit …« Etwas unglaubwürdiger als sonst kam der Spruch über seine Pseudolippen. »Wer noch?«

»Algorian. Ein Dreierteam.«

»Und wir nehmen auch ein Shuttle?« Die Vorfreude, endlich mal wieder in den Einsatz gehen zu dürfen, war Scobee anzumerken.

»Nein. Ihr springt beide mit Jarvis. Falls seine Batterien das hergeben …«

»Ich strotze vor Energie!«

Das war wohl gelogen. Zumindest, was seine Psyche anging, aber Cloud hatte nicht vor, ihn zu demotivieren.

»Außerdem sind das beide nur halbe Portionen.« Er grinste.

»Sprücheklopfer.« Cloud löste die Versammlung auf, und die eingeteilten Personen begannen mit den Vorbereitungen auf ihre Missionen. »Nun zu uns, Mister Sooks. Trauen Sie sich zu, Ihre Gerätschaft im hydroponischen Garten mit Seshas Hilfe so zu modifizieren, dass sie nicht länger nur empfängt, sondern auch …«

»… sendet?« Sooks sprühte vor Einsatzfreude. »Aber ja! Geben Sie mir eine Stunde, Commander.«

»Ich gebe Ihnen so viel Zeit, wie Sie brauchen – eine Stunde wäre natürlich perfekt. Wichtiger als das Feilschen um ein paar Minuten ist mir aber, dass es funktioniert …«



Jiim war enttäuscht. Aber er sagte es nicht. Sein Nabiss hatte sich wieder beruhigt, aber er selbst betrachtete das Verhalten der Ganfrüstung als Zeichen dafür, dass er ebenfalls am Rof-Einsatz hätte teilnehmen sollen.

Zum ersten Mal seit Langem kehrte er regelrecht niedergeschlagen nach Pseudokalser zurück.

Mit Betreten des Stücks Heimat, das Sesha ihnen ermöglichte, umschwirrten ihn augenblicklich weitere Nargen – aber von ihnen war keiner echt. Auch Chex nicht, der alte Freund, den Jiim in einer solchen Gemütsverfassung wie jetzt noch tausendmal mehr vermisste als ohnehin schon. Aber der wahre Chex war vor Jahrzehntausenden gestorben. Er war dem mutierten Zeitfluss innerhalb der Milchstraße zum Opfer gefallen. Sein Leben hatte er gelebt, aber für jemanden, der sich außerhalb der Milchstraße befunden hatte, war es verpufft wie eine Streichholzflamme. Nein, den realen Chex würde ihm nichts und niemand mehr zurückgeben, wenngleich auch der falsche ihm eine oft bessere Gesellschaft war als mancher Lebendige sonst an Bord.

»Lust auf eine Partie Federn raten?«, überfiel Chex ihn, kaum dass er die Baumsiedlung am Schrund betrat. Chex war etwas kleiner und fülliger als Jiim, aber das hatte Jiim nie gestört – ebenso wenig wie Chex selbst, der jetzt ein ganzes Büschel alter Federn hochhielt, deren Kielenden markiert waren. Ein beliebtes Spiel auf Kalser – die Menge wurde geteilt, und nacheinander mussten beide Spieler so viele Federn wie möglich den Mitnargen zuordnen, aus deren Gefieder sie stammten; wer am Ende die meisten Treffer hatte, war der Gewinner –, aber momentan verspürte Jiim nicht den Hauch von Lust, sich damit die Zeit zu vertreiben.

Obwohl es ihn abgelenkt und auf andere Gedanken gebracht hätte.

Aber wollte er das?

Nein. Ich will mich ärgern! Warum soll ich so tun, als wäre alles in Ordnung?

Flügelrauschend schwang sich aus der über ihm liegenden Baumkrone jemand zu ihm herab. Es war Yael, der übermütig neben ihm landete und es sogar schaffte, das von Sesha erstellte Programm zu veranlassen, Chex die Federn aus der Hand zu wehen.

Chex fluchte und rannte seinem Spiel hinterher.

Yael lachte. »Wahrscheinlich sollte ich ihm helfen. Ich war mal wieder ein ganz Böser.« Er blinzelte herausfordernd. Dann aber bemerkte er, dass sein Orham gar nicht aufgelegt war, ihn zu maßregeln. »Was ist? Du siehst aus, als wäre dir eine leibhaftige Fangassel über den Weg gelaufen.«

Jiim zögerte. »Ich glaube nicht, dass es dich interessiert …«

»Das kannst du erst wissen, wenn du damit herausgerückt bist.« Yael sah sich um. »Ich hab gerade nicht so viel vor. Wenn du also eine starke Schulter brauchst, um –«

»Das meinte ich. Du nimmst mich jetzt schon auf den Flügel. Es macht wenig Sinn …«

Yael trat vor und legte eine Schwinge halb um ihn. Es war eine vertraute Geste, so hatte Jiim, als Yael noch kleiner war, seinen Spross oft umschlungen, um ihm das Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. »Red schon. Ich merke doch, dass dich etwas quält. Wir reden viel zu wenig miteinander. Komm. Lass uns eine Runde drehen.« Er zeigte nach oben. »Und dann setzen wir uns irgendwo hin und quatschen.«

»Ernsthaft?« Jiim betrachtete seinen Sprössling mit vorsichtiger Dankbarkeit.

»Ernsthaft.«

»Dann komm …«

Jiim entfaltete seine Flügel und schwang sich in die Lüfte. Yael gab ihm einen kleinen Vorsprung, dann startete auch er. Mit wenigen Flügelschlägen hatte er seinen Orham eingeholt, und gemeinsam entfernten sie sich vom Dorf am Schrund. Die Dimensatoren der RUBIKON verhinderten, dass er Himmel irgendwo eine Grenze hatte, gegen die sie stoßen und sich möglicherweise verletzen konnten.

Der Flug ließ Zentnerlasten von Jiim abfallen, und er merkte, wie sein Ärger schon der bloßen Gesellschaft Yaels wegen mehr und mehr verpuffte.



Die Transition in Teleportermanier brachte sie in nächste Nähe des diskusförmigen Monuments, das seit unbestimmter Zeit aus dem ewigen Eis von Rof ragte. Anders als über das Hologramm kam im Angesicht des realen Objekts von der ersten Sekunde an so etwas wie Ehrfurcht auf – zumindest in Scobee. Bei Jarvis und Algorian, ihre beiden Begleiter, war sie sich nicht so sicher. Am wenigsten bei Jarvis, der das Wort Ehrfurcht normalerweise nicht in seinem Wortschatz führte. Und Algorian … nun, Algorian gab selten preis, was ihn bewegte. Von seiner Wesensart her war er jemand, dem die Devotheit quasi in die Wiege gelegt worden war. Aorii verbrachten im Normalfall ihr Leben in einer sonderbaren Symbiose mit ihren Brüdern und Schwestern. Der Erstgeborene hatte dabei das Sagen, und der Zweitling ordnete sich dem unter. So war es auch bei Algorian gewesen, bis das Schicksal ihn von seinem Hassbruder – auch das ein traditioneller Titel aus der Begriffswelt der Aorii – trennte. Rofasch war nicht nur von seiner körperlichen Statur her, sondern auch, was die parapsychische Potenz anging, seinem im Vergleich dazu fast mickrigen Zweitling haushoch überlegen gewesen.

Und dennoch war Rofasch gestorben, und Algorian lebte noch immer. Aber sowohl die gemeinsamen mit als auch die getrennten Jahre von seinem Hassbruder hatten ihn geprägt. Glücklicherweise entwickelte er sich in der Gemeinschaft der RUBIKON-Crew dauerhaft zu seinem Besten und war nicht in ein tiefes Loch aus Depression gefallen, was Scobee anfangs befürchtet hatte.

Nein, wenn jemand ab und zu zur Schwermut neigte, dann schon eher der Typ mit der großen Klappe neben ihr: Jarvis.

Allerdings war dies mehr als nachvollziehbar. Sie hätte nicht mit ihm tauschen mögen. Im Grunde war er ein chronischer Patient, der nur noch mittels Maschinen am Leben erhalten werden konnte – Maschinen, die zu seinem Glück seine Mobilität nicht einschränkten oder gar verhinderten, sondern im Gegenteil noch steigerten. Dennoch blieb er von ihnen abhängig, und schlimmer noch als jeder Patient existierte bei ihm vom originalen Jarvis nurmehr das Bewusstsein. Kein Tropfen originales Blut, kein noch so winziger Fetzen Haut, nicht einmal ein Fingernagel oder Haar entsprach mehr demjenigen, mit dem Scobee und John einst von der Mondbasis aus zum Mars aufgebrochen waren. Wenn sie nur daran dachte und sich vorzustellen versuchte, wie Jarvis sich in seinem Kerker aus Nanomaterie fühlen musste, wurde ihr ganz anders.

Und deshalb – nur deshalb! – tolerierte sie seine manchmal auch dumpfen Parolen oder seinen oft grenzwertigen Humor, mit dem er letztlich nur zu kompensieren versuchte, was ihn unentwegt in den Wahnsinn treiben wollte.

So schätzte Scobee es jedenfalls ein. Aber reden, nein, reden wollte Jarvis mit ihr darüber nicht. John vertraute er sich manchmal an, aber ihr … Bewahre!

Alter Chauvi!, konnte sie da nur denken.

Aber nicht jetzt. Nicht hier. Umweht von einer Kälte, die selbst im Schutz ihrer Anzüge, die für Weltraumeinsätze ausgelegt waren, fühlbar war.

Minus 66 Grad Celsius, wenn die Anzeige des Armbandthermometers nicht trog.

Jarvis trotzte den Unbilden der Natur als Einziger scheinbar unbeeindruckt. Sein Erscheinungsbild entsprach ganz und gar dem, wie er meistens auf der RUBIKON herumlief. Freizeitkluft, T-Shirt mit Halbärmel. Fehlte nur noch die kurze Hose und ein paar Strandlatschen, befand Scobee, der es mitunter schwer fiel, den Irrwitz des Hightech-Make-ups, das Jarvis zur Schau trug, für sich selbst zu verarbeiten.

Über Helmfunk verständigten sie sich – zwei von ihnen zumindest. Auch hier nahm Jarvis eine Sonderrolle ein. Er hatte körpereigene Empfangs- und Sendemöglichkeiten.

»Wie ist der Empfang?«, fragte Scobee hinauf zur RUBIKON.

»Tadellos«, befand Cy, der die Stellung hielt, während John sich mit Sooks in Jeltos Garten begeben hatte, um sich dort um eine Kontaktaufnahme mit den Rof-Bewohnern via Pflanzennetzwerk zu bemühen.

»Gut. Jarvis macht jetzt, wie besprochen, einen Probesprung ins Innere des Diskus. Wenn er unbeschadet und unbehelligt hineingelangt, kehrt er zurück und holt uns ab. Zu dritt werden wir versuchen, dem Objekt wenigstens ein paar seiner Geheimnisse zu entlocken.«

»Verstanden. Bis später.« Cy beendete das Gespräch.

»Jarvis?«

»Bin bereit.«

»Dann los.«

Die Konturen des leger gekleideten Mannes mit den pfiffig nach oben gestellten, streichholzkurzen Haaren verblassten. Sekunden, nachdem sie ganz verschwunden waren, kehrte er jedoch fast an derselben Stelle wieder zurück, füllte die Fußstapfen im Schnee aus und verkündete großspurig: »Das wird leicht. Nicht das kleinste Anzeichen von Leben oder Aktivität an Bord. Wir können uns wahrscheinlich völlig unbehelligt umsehen.«

Scobee hielt nicht viel von solchen Prognosen. Aber es war Jarvis. Sinnlos, ihn bekehren zu wollen.

Sie griff nach der stahlharten Hand des Freundes, und auf der anderen Seite tat es ihr Algorian gleich.

Ein leichter Entzerrungsschmerz begleitete den Wechsel der Umgebung. Stahlblaue Dunkelheit empfing sie.



Das Shuttle landete in einer anderen vermeintlichen Stadt, und als es sich geöffnet hatte, entstiegen ihm ein halbes Dutzend schwerbewaffnete Angks, denen wenig später Jelto folgte. Jelto war unbewaffnet, trug aber wie das zu seiner Sicherheit abgestellte Team einen Raumanzug, der ihn vor den Gefahren einer nuklear verseuchten Umwelt schützen sollte.

In Absprache mit seiner Eskorte näherte er sich jenem Pilzriesen, den die Vorauswahl schon von der RUBIKON aus als vielversprechendes Exemplar ausgesucht hatte.

Die Vorstellung, in Wahrheit vor einem lebenden Organismus, einer gigantischen Pflanze zu stehen, versetzte Jelto in einen Zustand fast euphorischer Faszination. Das letzte Mal, dass ihn ein Gewächs vergleichbar beeindruckt hatte, war bei den Vakuumpflanzen der Hohlwelt gewesen, die Erde und Mond umschloss und an der Innenseite der Oortschale gediehen.

Hier auf Rof waren es völlig andere Grundvoraussetzungen, aber die Erregung, die Jelto gepackt hatte, war vergleichbar.

Er hatte keine spezielle Taktik. Er ging vor, wie er es bei jeder anderen pflanzlichen Gattung getan hätte, ob sie nun handspannen- oder wolkenkratzergroß war. Nach einem kurzen Fußmarsch und Schwerkraftbedingungen, die in etwa dem Erdwert entsprachen, erreichte er den Stiel des Pilzes. Die Angks, die ihm Rückendeckung gegen was auch immer gaben, blieben ein paar Schritte hinter ihm zurück. Drei von sechs hatten ihre Strahlgewehre in Anschlag gebracht und suchten die Umgebung durch ihre Visiere auf Anzeichen von Gefahr ab. Die anderen drei sondierten mithilfe von Geräten, die sie mitgebracht hatten; ihre Gewehre hingen an Riemen über den Schultern.

Jelto trat vor, bis er nur noch die Hände hätte ausstrecken müssen, um die Außenwand des Stiels zu berühren. Statt aber dies zu tun, schloss er die Augen und … ließ seine Aura aufflammen. Das Licht durchdrang den Anzugstoff mühelos, und ebenso mühelos auch die von Geschwüren überwucherte Oberfläche des Pilzes.

Das Licht, das Jeltos PSI-Gabe entfachte, war der Katalysator. Der Rest geschah fast wie von selbst.

Der Wiederkeimer gab die Rolle des stummen Beobachters auf. Genau vor Jelto bildete sich ein lamellenartiger Vorhang, aus dem etwas wie Atem hervorströmte, über den Pflanzenhüter hinwegstrich.

Die Eskorte erstarrte. Dann verfiel sie in Hektik. »Aufpassen! Jelto, auf–«

Jelto ignorierte die Rufe. Narren , dachte er. Stört mich jetzt nicht.

Seine Augen waren immer noch geschlossen. Er »sah« und »hörte« mit anderen Sinnen. Immer tiefer sank das Licht in den Pilz ein.

Die Bewaffneten wurden von Sekunde zu Sekunde nervöser.

Falls die erste Aktion tatsächlich ein Ausatmen des Riesengewächses gewesen war, so folgte wenig später das Atemholen .

Jelto wurde auf den Pilz zugesogen …

und verschwand mit einem unterdrückten Aufschrei im Innern des Giganten.

Hinter ihm schlossen sich die Lamellen, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Nach einer Schrecksekunde brachten auch die letzten Angks ihre Blastergewehre in Anschlag. Allein der Besonnenheit des Teamleiters war es zu verdanken, dass kein sonnenheißer Plasmastrahl die Abstrahlpole verließ.

»Waffen runter! Wenn wir schießen, gefährden wir den Hüter!«

Widerwillig senkten sich die Läufe.

»RUBIKON? Bitte kommen! RUBIKON …«

»Wir hören.«

»Wir haben ein Problem …«



Die für die frühe kalserianische Bauweise typische Pyramide wirkte von außen riesig, aber als sich Jiim von Yael hineinführen ließ, war sie drinnen genauso eingerichtet und ausgeschmückt wie ihr Baumhaus am Schrund und sah aus, als bestünde sie nur aus diesem einzigen Raum.

»Wann hast du das gemacht?«, fragte Jiim, als er sich in seinem Lieblingsgeschirr niederließ, dessen Halterung von der Decke baumelte.

»Erst kürzlich. Ich wollte einen Ort, an den ich gehen kann, wenn wir uns mal wieder …« Er räusperte sich.

»Streiten?«, war Jiim ihm behilflich. Sein Ton war warm und herzlich.

»Ja«, bestätigte Yael, »streiten, Orham. Das kommt ja hin und wieder vor …«

»Viel zu oft, wenn du mich fragst.«

Yael sah ihn merkwürdig an. Dann ließ er sich in dem anderen Geschirr nieder und sagte: »Der Flug hat gut getan. Dir auch?«

»Sehr. Wir sollten das viel öfter tun. Ich meine, wenn wir mal nicht streiten …« Jiim keckerte.

»Du bist ganz anders, wenn du nicht meinst, mich ständig wegen irgendetwas belehren zu müssen.«

»Gut ‚anders’ oder schlecht ‚anders’?«

»Gut natürlich.«

»Ich werd versuchen, es mir zu merken.«

»Schaffst du ja doch nicht.«

»Du hast recht.«

»Im Großen und Ganzen bist du ja schon in Ordnung.«

»Oh. Danke. Du auch.«

Yael grinste. Doch dann wurde er ernst. Als ihm dies bewusst zu werden schien, lenkte er sich ab, indem er noch einmal auf sein »Rückzugsgebiet« hier zu sprechen kam. »Es war einfach«, sagte er. »Wie immer half mir Sesha dabei – wie hätte ich es auch sonst so perfekt hinbekommen sollen? Die KI erfüllte mir meinen Wunsch, unser zuhause am Schrund als Mastervorlage zu betrachten und davon hier eine Kopie einzurichten. Außen Pyramide, innen …«

Jiim unterbrach ihn. »Verstehe. War jedenfalls eine gute Idee. Hätte ich eigentlich auch drauf kommen können, denn …«

»Ja?«

»Mir fehlt auch manchmal so ein Nest, in das ich abhauen kann, wenn mir alles zu stressig wird. Mit dir – oder auch sonst.«

»Du meinst wie heute. Was ist denn genau passiert?«

Jiim erzählte ihm von seiner enttäuschten Hoffnung, endlich einmal wieder einem Außenteam zugewiesen zu werden. Trotz seiner jungen Jahre verstand Yael seinen Elter auf Anhieb. »Sprich mit John«, riet er.

»Nein, das kann ich nicht.«

»Warum? Er ist doch unser Freund. Mit ihm kann man reden. Das wissen du und ich.«

»Du hattest wegen Charly mit ihm zu tun – ja, ich erinnere mich. Erst kürzlich. Als er verschwand. Aber ist wieder da – niemand weiß, wie du das geschafft hast …« Jiim verstummte. »Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?«

Yael druckste herum. »Nein, nein.«

»Ich merke doch, dass etwas nicht stimmt. In dem Moment, als ich Charly erwähnte … Ist er etwa wieder verschwunden?«

Yael zuckte zusammen, und sein Gesicht schien alle Farbe zu verlieren. Erst nach Sekunden begriff Jiim, dass sein Spross nicht wegen seiner Frage erschrocken war, sondern an ihm vorbeistarrte auf etwas … jemanden …

Er drehte den Kopf und sah Charly, der mittlerweile wie ein waschechter Narge aussah. Nach und nach hatte er sich vom Menschen zu einem solchen umverwandelt. Die Erklärung dafür mochte sein, dass Yael von klein auf fast nur von flügellosen Menschen umgeben gewesen war und deshalb seine Fantasie nach deren Vorbild ausgestattet hatte.

Aber das war weder für Jiim noch für Yael eine Neuigkeit und erklärte keinesfalls den Schrecken, der sich jetzt bei Charlys Anblick auf Yaels Zügen widerspiegelte.

Jiim löste sich aus seinem Geschirr und trat neben Yael, der weiter in seiner Vorrichtung schaukelte.

»Charly.«

»Jiim.«

Täuschte er sich, oder klang die Stimme des »imaginären Freundes« seines Sprösslings rauer, hohler, als er sie in Erinnerung hatte?

»Lange nicht gesehen … Aber ich glaube, du störst gerade. Wir hatten …« Er lächelte Yael zu. »… ein Elter-Junges-Gespräch. Das möchten wir gern fortsetzen. Ihr seht euch sicher später …«

Charly schwieg. Er stand nur da und starrte, machte aber keinerlei Anstalten, der Aufforderung zu folgen, wieder zu verschwinden.

»Ich sagte –«

»Schon gut, Orham. Lass ihn. Ich … ich wollte ohnehin bald mit dir darüber sprechen.«

»Worüber?«

»Über ihn.«

»Was ist mit ihm?«

»Viel. Zu viel.«

»Was heißt das?«

»Ich glaube, dass er nicht mehr der ist, der er war, bevor die Nonzone ihn verschluckte. Er kam zurück, ja, das dachte ich zuerst auch und freute mich unglaublich. Doch dann … verriet er mir etwas über die Natur der Nonzone, das offenbar nicht einmal die Bractonen wissen. Und nicht nur das: Er verhält sich auch ganz anders als früher. Er war immer lustig und brachte mich zum Lachen. Jetzt …«

»Ja?«

»… lehrt er mich oft das Fürchten.«

Jiim wusste nicht genau, was er darauf erwidern sollte. Aber als das Schweigen zu belastend wurde, schlug er vor: »Ich werde mit John sprechen … ja, auch über meine Sache, aber in erster Linie deinet- und … seinetwegen.« Er nickte zu Charly hin. »Wenn du Angst vor ihm hast, findet sich ein Weg, ihn …«

»Ich will ihn nicht los werden!«

»Nein?«

Yael verneinte glaubhaft.

»Was dann? Du fürchtest ihn, hast du gesagt. Er habe sich verändert, hast du gesagt. Und du kennst durch ihn ein Geheimnis der Nonzone, das dir offenbar auch einen Schrecken einjagt … jedenfalls hast du eben gezittert, als du davon sprachst.«

»Trotzdem darf er nicht weggeschickt werden.«

»Wer sagt das?«

» Er sagt das.« Yaels Blick flackerte, haftete aber unverändert an Charly.

Zum ersten Mal schauderte auch Jiim.

»Und dieses Geheimnis der Nonzone … darf ich es auch erfahren?«, fragte er. »Vielleicht kann ich dann besser beurteilen –«

»Die Ganf«, stieß Yael so leidenschaftlich hervor, als könne er es nicht länger ertragen, sein Wissen zurückhalten zu müssen. »Charly sagt: Dort leben die Ganf, die Kalser vor langer, langer Zeit verließen. Und nicht ich habe es geschafft, ihn zurück zu mir zu holen, Sie … haben ihn geschickt.«

»Geschickt«, echote Jiim wie betäubt.

»Ja. Er soll hier irgendetwas für sie tun … oder vorbereiten … Ich habe solche Angst, dass es etwas ist, das uns allen schaden könnte – aber Charly sagt, wenn wir es dem Commander verraten, wird genau das eintreten. Dann müsse er uns bestrafen.«

»Damit«, keuchte Jiim, »kommt er nicht durch. Er hat eines vergessen: Wir werden hier wie überall an Bord gehört: Sesha hat alles mitgehört, und sie wird John unverzüglich darüber in Kenntnis setzen, denn dies ist eine Bedrohung der Schiffssicherheit, und sie wird nicht zulassen, dass –«

Yael schüttelte bitter den Kopf. »Sesha hört uns nicht. Charly verhindert es – frag mich nicht, wie.«

Jiim trat dem vermeintlichen Nargen einen Schritt entgegen, ohne dass Charly die geringste Reaktion zeigte.

»Sesha? Sesha!«

Aber die KI schwieg.

»Sie hört dich nicht, warum glaubst du deinem Filius nicht?« Charlys Stimme dröhnte so laut und bedrohlich in Jiims Gehörgängen, dass er meinte, sie müsse überall auf der RUBIKON zu hören sein.

Aber offenbar hatte er Charly unterschätzt.

Er hörte auf zu rufen und machte stattdessen einen Schritt auf Charly zu. »Wer bist du? Sag es mir. Sag mir, wer du bist und ob du wirklich den Ganf begegnet bist … Ob du einen Beweis für deine Behauptung hast.«

Zu seiner völligen Verblüffung – und Bestürzung – ging Charly darauf ein … und erbrachte ihn.

Den Beweis.

Der Jiim und Yael fast um den Verstand brachte, so ungeheuer … groß war er.



Sie hingen in der Luft und wären gestürzt. Aber Jarvis hatte sein A-Grav-Feld aktiviert und brachte sie sicher zu Boden.

»Wir haben Glück, dass an Bord offenbar eines immer noch funktioniert: Die schiffseigene Schwerkraft«, sagte er. »Ihr Ausfall würde uns die Durchsuchung erschweren. So aber …«

Sie standen auf einem Boden, umgeben von Dunkelheit, die nicht einmal Scobees Infrarotsichtweise, auf die sie umschaltete, aufzulösen vermochte. Erst als Jarvis Scheinwerfer an seinem Körper aktivierte, hellten die Bahnen die Umgebung weitflächig auf.

»Sehe ich das richtig«, fragte Algorian, »wir stehen im Neunzig-Grad-Winkel auf dem senkrechten Boden des Diskus, aber dessen eigene Schwerkraft liegt bei etwa einem Gravo und suggeriert uns, senkrecht zu stehen?«

»Ich weiß nicht, ob das die perfekte Beschreibung ist, aber ich habe immerhin verstanden, was du sagen willst«, lästerte Jarvis. »Du auch, Scobee?«

Sie nickte. »Ich komme mir vor wie in einer stählernen Kathedrale. Wie weit ist es von Decke zu Boden? Wie groß ist dieser Raum insgesamt?«

»Die Länge und Breite betragen jeweils zweihundert Meter, die Höhe liegt bei gut fünfzig«, antwortete Jarvis prompt, der auf seine Technosinne zurückgriff. Aber das hier ist nur ein Raum, ein Segment des Ganzen. Bei einer maximalen Dicke von fast vier Kilometern, kannst du dir die Anzahl möglicher Decks leicht ausrechnen. Und wie viele Fußballfelder gehen wohl noch in einen Diskus, selbst wenn innen ein bedeutendes Stück offen ist, von vierzehn Kilometern Durchmesser auf nur eine Ebene?«

»Das hier ist nie und nimmer auf dem Mist der ’Pilze’ gewachsen! Es entspricht einer Leistung, zu der diese Wesen niemals imstande gewesen wären«, sagte Scobee. »Wie auch? Mit welchen Extremitäten hätten sie das überhaupt bauen sollen? Nein, sie sind nicht die Urheber. Sonst hätten wir über den Planeten verteilt noch andere Spuren entdeckt, die aus vergleichbaren Relikten bestünden. Es gibt nur eine logische Erklärung: Das hier gehört oder gehörte den Aggressoren, mit denen die intelligenten Pflanzen dieser Welt es vor geschätzten dreihundertfünfzig Jahren zu tun bekamen!«

»Aber wo sind sie geblieben? Die Aggressoren, meine ich«, sagte Jarvis. »Und warum ist es so verdammt leer hier?« Seine Scheinwerferbahnen schwenkten mal hierhin, mal dorthin, ohne auf mehr zu treffen als nackte Wände, nackte Decke oder nackten Boden.

»Wo sie geblieben sind? Wer weiß«, überlegte Scobee laut. »Aber wenn es so viele Räume gibt, wie du gerade überschlägig aufgezählt hast, kann es von ihnen noch mächtig viele geben. Und genau darauf sollten wir uns einstellen. – Algorian?«

»Ja?« Der Aorii wirkte keine Spur ängstlich, im Gegenteil. Der Einsatz schien ihm gut zu tun. Vielleicht brauchte er die Verantwortung und den Nervenkitzel, um sich gegen die Gedanken behaupten zu können, die sich bei ihm allzu oft um die Vergangenheit drehten.

»Kannst du etwas espern? Von Jarvis und mir abgesehen.«

Der Aorii konzentrierte sich sichtbar, obwohl Scobee davon ausging, dass er sich sofort nach ihrer Wiederverstofflichung mit seinen Parasinnen orientiert hatte. Algorian war kein Anfänger, er wusste, worauf es ankam.

Ein seltsamer Laut entrang sich seiner Brust.

»Zuerst«, sagte er, »wollte ich sagen: ‚Nein, hier ist nichts. Überhaupt nichts, was sich mit meiner Gabe feststellen lässt.’ Aber das wäre nicht richtig. Nicht ganz.«

»Was heißt das?«, fragte Scobee angespannt. Dank der Scheinwerfer, die Jarvis aktiviert hatte, fiel es ihren Augen inzwischen leicht, selbst in abseits gelegene Winkel, die sich dem direkten Anleuchten entzogen, blicken zu können. Und hätte sie dies nicht aus eigenem Vermögen geschafft, wäre ihr das Visier ihres Schutzhelm zuhilfe gekommen. Erstaunlich war und blieb jedoch, dass vor dem Scheinwerfereinsatz nicht das geringste verwertbare Restlicht vorhanden gewesen war. Blind wie ein Maulwurf hatte sie in die sonderbare Finsternis gestarrt.

»Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich könnte es ausdrücken. Da … ist etwas. Aber es schwebt über allem, scheint von überallher zugleich zu kommen, ohne jedoch genug Kraft zu besitzen, sich mir verständlich zu machen.«

»Gedanken? Gedanken fremder Wesen?«

»Nicht einmal das vermag ich zu sagen. Gedanken setzen Denken voraus. Das hier ist viel unausgegorener. Geist. Aber schwach. Fast wie bei einem Ungeborenen. Einem Ungeborenen, das sich im allerersten Stadium seiner Entwicklung befindet …« Er seufzte schwer, machte eine verzweifelte Bewegung mit dem Kopf. »Aber ich rede Unsinn. Vielleicht bin ich nur hypersensibilisiert und höre das Hintergrundrauschen meiner eigenen Bewusstseinswelt …«

»Gibt es das?« Jarvis wirkte verblüfft.

Algorian schwieg.

»Wie verfahren wir weiter?«, fragte Jarvis daraufhin.

Er hielt sie immer noch an den Händen. Oder sie ihn. Eine Frage der Betrachtungsweise.

Scobee löste ihre Finger demonstrativ aus seiner Hand. »Planlos durch dieses Objekt springen, birgt zu viele Gefahren. Wir könnten sonst wo landen, wo uns auch ein sofortiger Notsprung nicht mehr retten würde, weil er zu spät käme. Es gibt aktive Energieerzeuger, darauf deutet die künstliche Schwerkraft hin. Und in einem solchen zu rematerialisieren empfiehlt sich selbst bei eisiger Umgebungskälte nicht … Apropos: Meine Anzeige geht von einer Temperatur von knapp drei Grad Celsius hier drinnen aus. Die Luftzusammensetzung entspricht dabei nicht …«

»… der Atmosphärenzusammensetzung des Planeten«, vollendet Jarvis für sie. »Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.«

Scobee nickte ihm zu. »Das nächste Mal, wenn dir etwas ’auffällt’, darfst du es ruhig sagen, bevor es von mir oder Algorian bestätigt wird.«

»Wird gemacht, Captain!« Jarvis salutierte grinsend.

Algorian rollte mit den Augen.

Sie setzten den Weg fort auf einen Bereich der gegenüberliegenden Wand zu, der wie ein Türschott aussah.

Sogar den dazugehörigen manuellen Öffnungsmechanismus fanden sie.

Scobee nickte Jarvis zu – und der legte den Hebel um.

Mit einem kaum hörbaren Geräusch rollte das Schott zur Seite. Dahinter wartete Taghelle mit einem Stich ins Bläuliche.

Und das Erste, was Jarvis meldete, als es ihm auffiel , war: »Achtung, Temperaturunterschied! Minus zweiundfünfzig Grad herrschen hier … das ist fast Außenwert. Außerdem entspricht die Luftzusammensetzung hier absolut der des Planeten …«

»Kein Wunder«, sagte Algorian und zeigte in die Richtung, in die er blickte … und in die ein Teil von Jarvis ebenfalls längst geschaut hatte. Aber vielleicht hatte er dem Aorii ein kleines Erfolgserlebnis gönnen wollen.

In mehr als hundert Metern Entfernung klaffte ein gewaltiges Leck in der Wand. Es maß mindestens dreißig mal dreißig Meter und war definitiv die Ursache für die hohe Umgebungskälte und die Luft, die anders zusammengemixt war als noch im Nebenraum, der sich jetzt aber ebenfalls in seinen Werten veränderte.

»Was hier zu viel gelüftet wurde, hat man nebenan offenbar die letzten Jahrhunderte vergessen«, seufzte Jarvis. »Aber leer ist es hier genauso. Na ja, bis auf die Eis- und Schneeverwehungen jedenfalls, die dem Ganzen einen etwas interessanteren Anstrich verleihen.«



Das Aurenlicht schenkte Vertrauen.

Das Licht linderte Qual.

Heilen konnte es nicht.

Wer bist du?’

Wer seid ihr ?’

Ihre beider Sprache war universal.

Und so offenbarten sie sich ihm.

Dem entsetzt Staunenden …



»Ich wäre dann soweit.«

Cloud musterte Sooks mit unverhohlenem Respekt. »Sicher?«

»Fragen Sie die KI, Sir.«

»Ich heiße John.«

»Fragen Sie die KI, John . Sir.«

Cloud lächelte. »Sesha?«

»Ich verwende dieselben Algorithmen wie bei der Dechiffrierung, um diesmal zu chiffrieren . Für die Funktionstüchtigkeit der Sendeeinheit kann ich mich nicht verbürgen. Die dabei zum Einsatz kommende Technik beziehungsweise der Verbund aus bractonischer Hightech und den pflanzeneigenen Energiefeldern hat ihre Feuertaufe hinsichtlich ihrer Empfangsfähigkeit bewiesen. Wie es mit dem Absetzen von Nachrichten aussieht, muss die Praxis zeigen. Fakt ist, dass Sooks eine Wechselschaltung eingebaut und aktiviert hat, die fortan nach Belieben senden und empfangen soll …«

»Sie hören es, Mister Sooks, Sesha behält sich ein gesundes Maß an Skepsis vor, ist Ihrer Arbeit aber grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber eingestellt.«

»Nur Sooks, bitte, John, Sir. Es ist weder Vor- noch Nachname, sondern alles, was ich habe.« Er lächelte scheu.

»Einverstanden … Sooks. Dann erkläre ich jetzt, was die Anlage …« Er schaute in den Garten, der von einem Gespinst aus Drähten überspannt war. »… an den Planeten Rof übertragen soll. – Sesha, du übersetzt.«

Die KI bestätigte.

Und Cloud begann: »An die letzten noch lebenden Wiederkeimer …«

Sesha unterbrach ihn. »Ich bekomme gerade Meldung, dass es zu einem Zwischenfall auf Rof gekommen ist.«

Cloud schaltete innerlich sofort auf die neuen Gegebenheiten um. »Genauer!«, verlangte er, während Sooks neben ihm zusammengezuckt war und mit offenem Mund auf nähere Informationen wartete.

»Die Gruppe Jelto«, sagte die KI. »Sie meldet einen Verlust.«

»Wen?«

»Jelto.«



Es brach aus Charly hervor – anders war es nicht zu beschreiben.

Und Jiim … erstarrte vor Ehrfurcht.

Ein Ganf , geisterte es durch sein Hirn. Aber …

Er packte Yael am Arm, grober als beabsichtigt, und schüttelte ihn. »Das … machst du, oder? Gib es zu – du willst mich –«

Er verstummte, weil er das Entsetzen auf Yaels Zügen sah. Nein, das war nichts, was ein Junges seinem Elter antat, um ihn zu foppen. Und es war offenbar viel mehr als alles, womit Yael gerechnet hatte.

»Entschuldige …« Jiim ließ Yael los.

Aber sofort hielt nun der sich an ihm fest. Mehr und mehr Masse füllte das »Baumhaus« innerhalb der Pyramide. Das riesige, an ein Schneckenhaus erinnernde Gehäuse auf dem Rücken des eigentlichen Ganf hatte nicht genug Platz. Es würde zersplittern und möglicherweise seinen Träger töten …

Auch diese Vorstellung erschütterte Jiim. Gemeinsam mit Yael wich er zum Ausgang zurück.

Eine dröhnende und dennoch sanfte Stimme hielt ihn auf.

»Bleibt!«

Sie hielten inne, ohne es eigentlich zu wollen. Aber der Ruf war keine Bitte gewesen, sondern ein Befehl. Einer, dem zu widerstehen sie nicht in der Lage waren.

Jiim hatte das Gefühl, von seinem Nabiss zerquetscht zu werden. Es zog sich zusammen, legte sich wie ein stählernes, viel zu enges Band um seinen Körper.

»Dies ist der erste Kontakt – weitere werden folgen. Unsere Ruhe wurde für immer gestört. Nun können wir nicht länger schweigen. Ein neues Zeitalter bricht an. Seid ihr bereit?«

Jiims Kehle war knochentrocken. Er wusste nicht, was er erwidern sollte. Er wusste nicht einmal, ob die Frage an ihn gerichtet oder ernst gemeint war.

Seine letzte Begegnung mit einem Ganf – seine einzige überhaupt jemals zuvor – hatte unter völlig anderen Vorzeichen stattgefunden. Jener übrig gebliebene Bewohner der Toten Stadt auf Kalser hatte ihm zum Abschied sogar ein Geschenk gemacht – die goldene Rüstung, die Jiim seither trug.

Und die ich nicht mehr ablegen kann – tolles Geschenk!

Er verfluchte seine Gedanken, denn er fürchtete, dass sie dem Ganf nicht verborgen blieben.

»Ich … wir …«, stammelte er.

Das Wesen schien noch weiter aus Charly herauszutreten, von dem kaum noch etwas zu sehen war, doch ebenso plötzlich, wie der Prozess begonnen hatte, kehrte er sich auch wieder um. Der Ganf zog sich in den Körper des Pseudonargen zurück, und schließlich stand nur noch er da.

Charly.

Aber jener wortkarge, Düsternis um sich verbreitende Charly, den Yael in dieser Form kaum noch Freund nennen würde.

»Sprecht mit niemandem darüber. Mit niemandem«, sagte das Ding, das weder Narge noch sonst ein Geschöpf aus Fleisch und Blut war. »Es sei denn, ihr wollt alle dafür büßen lassen. Die Zeit ist noch nicht reif. Aber sie wird kommen. SIE werden kommen …«

Damit verschwand Charly.



Cloud hatte die Experimentalanordnung in Sooks alleinige Obhut übergeben. Sesha wusste, welche Botschaft sie permanent zum Planeten hin abstrahlen sollte. Dazu wurde seine Anwesenheit nicht benötigt. Den Spruch via »Pflanzenradio« hatte er modifiziert, nachdem ihm Jeltos Verschwinden bekannt geworden war. Unverhohlen schwang nun bei allem Verständnis für Siechtum und Schicksal der Planetenbewohner auch eine Drohung darin mit: »Gebt unseren Artgenossen frei, sonst vollenden wir, was die Anderen nicht schafften.«

Die Wiederkeimer würden wissen, wen er meinte. Aber noch auf dem Weg zurück in die Zentrale fragte er sich, ob er ihnen nicht auf den Leim gegangen war. Ob sie mit Jeltos Entführung (oder Ermordung) nicht genau diese Reaktion hatten provozieren wollen: Wahrscheinlich war das, was sie führten, längst kein Leben mehr. Und möglicherweise schafften sie es aus eigenem Antrieb nur nicht, ihr Siechtum durch kollektiven Selbstmord zu beenden.

Aber der Gedanke, dass sie ihre Vernichtung provozieren wollten, war auch nichts weiter als neuerliche Spekulation. Dafür gab es keinen stichhaltigen Beweis.

Die Sorge um Jelto war fast unerträglich geworden, als Cloud die Zentrale stürmte … und sich in eben diesem Moment Scobee aus der Südpolregion von Rof meldete.

...

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